"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Donnerstag, 19. Juli 2012

Dr. Dr. Weinreich und die Politik des "Herr der Ringe" (III)

VII

Nachdem wir nun einen ungefähren Eindruck von der Gesellschaft Gondors bekommen haben, dürfte es nicht mehr schwerfallen, die Rolle des Königs zu bestimmen. Er steht nicht nur an ihrer Spitze, in seiner Person finden auch ihre Wertvorstellungen und Ideale die vollkommenste Verkörperung. Und so ist es kaum verwunderlich, dass die Schilderung von Aragorns Herrschaft voller Reminiszenzen an das Herrscherbild des Mittelalters steckt.

Wie bei einem mittelalterlichen König gehen seiner Krönung ‘Wahl’ und Akklamation durch ‘das Volk’ voraus: "Da stand Faramir auf und sprach mit heller Stimme: ‘Menschen von Gondor, hört jetzt den Truchseß dieses Reiches! Sehet! Hier ist Aragorn, Arathorns Sohn, Stammeshaupt der Dúnedain von Arnor, Heerführer des Westens, Träger des Sterns des Nordens und des neu geschmiedeten Schwerts, siegreich in der Schlacht, dessen Hände Heilung bringen, der Elbenstein, Elessar aus dem Hause Valandils, Isildurs Sohn, Elendils Sohn von Númenor. Soll er König sein und die Stadt betreten und hier wohnen?’ Und das ganze Heer und alles Volk rief einstimmig Ja." (1)
Dass diese ‘Wahl’ reine Formsache ist, wird aus der Schilderung deutlich. Und wenn Gandalf, der als Sendbote der Valar ja in gewisser Weise eine geistliche Figur ist, dem niedergeknieten Aragorn die Krone aufs Haupt setzt, fühlt man sich unwillkürlich an die Krönung des Kaisers durch den Papst erinnert.

Als Herrscher entspricht Elessar völlig dem mittelalterlichen Ideal des rex iustus et pacificus – des gerechten und friedenstiftenden Königs.

Seine erste Amtshandlung ist es, öffentlich Recht zu sprechen. In diesem Zusammenhang ist interessant, was Tolkien in einem seiner Briefe über das Königsamt schreibt: "Ein númenórischer König war ein Monarch, mit der Macht der unangefochtenen Entscheidung in einer Debatte; doch regierte er das Reich im Rahmen des alten Rechtes, dessen Wahrer (und Interpret), aber nicht Schöpfer er war. Zu allen strittigen Fragen jedoch, ob inneren oder äußeren, berief sogar Denethor eine Ratsversammlung ein und hörte sich zumindest an, was die Lehnsfürsten und die Kommandanten der Streitkräfte zu sagen hatten. Aragorn stellte den Großen Rat von Gondor wieder her [...]". (2)

Die Vorstellung vom Recht als quasi ewigem und durch das Herkommen geheiligtem Prinzip, das vom Herrscher nur ausgelegt oder ‘wiederhergestellt’, aber nicht verändert oder neu geschaffenen werden darf, entspricht ganz der mittelalterlichen Weltsicht: "Das Recht kann keine Neuschöpfung sein – es existiert von jeher, ebenso wie es die ewige Gerechtigkeit gibt. [...] [Es] wird nicht neu erarbeitet, es wird ‘gesucht’ und ‘gefunden’. Doch das Alter des Rechts ist weniger ein Hinweis auf die Zeit seiner Entstehung, sondern ein Kennzeichen seiner Unanfechtbarkeit und Güte. Altes Recht bedeutet gutes, gerechtes Recht." (3)

Die erneute Einberufung des Großen Rates wiederum verweist einmal mehr auf die feudale Struktur des Reiches. In wichtigen Fragen hat sich der Herrscher zuerst einmal mit seinen mächtigsten Vasallen zu beraten, bevor er eine endgültige Entscheidung fällt. Im Herr der Ringe finden wir dies lediglich angedeutet in der Beratung Aragorns mit Éomer, Imrahil und den übrigen Heerführern vor dem Marsch auf das Schwarze Tor. Einen klareren Beleg dafür sehen wir ex negativo in Denethors Verhalten. Zwar versammelt auch dieser die wichtigsten Vasallen des Reiches um sich, aber er "beherrschte seinen Rat" (‘was master of his council’) (4), d.h. er zwingt ihm seinen Willen auf. Gemäß der feudalen Moral ist dies das Verhalten eines schlechten Herrschers. Was das für Frank Weinreichs Argumentation bedeutet, die ja ganz auf einer Definition des Königtums als Herrschaft "von in ihrer Macht uneingeschränkten Einzelmenschen" basiert, ist wohl offensichtlich. Mit seiner Behauptung, das Reich der Dúnedain sei eine ‘absolute Monarchie’, hat er zwar juristisch gesehen völlig recht, doch in einer Feudalgesellschaft spielen Sitte und Tradition eine kaum zu unterschätzende Rolle, und diese schränken die faktische Macht des Monarchen nicht unbeträchtlich ein. Allerdings kommt dem consilium in Tolkiens Welt zugegebenermaßen kein so hoher Stellenwert zu wie in vielen Werken der mittelalterlichen Literatur.

Soviel zum rex iustus. Und was das pacificus angeht, so darf man diese Tugend nicht so verstehen, als würde der ideale Herrscher keine Kriege führen. Vielmehr geht es dabei um die ‘Befriedung’ und das ‘Ordnen’ der Welt – und das macht man in Mittelerde ebenso wie im mittelalterlichen Europa mit dem Schwert in der Hand. Das glückliche Zeitalter des Königs Elessar, in dem alles "heil und gut gemacht" (5) wird, ist zumindest anfangs eine Ära des Krieges: "Denn obwohl Sauron dahingegangen war, waren der Haß und das Unheil, die er erzeugt hatte, nicht ausgelöscht, und der König des Westens mußte viele Feinde unterwerfen, ehe der Weiße Baum in Frieden wachsen konnte. Und wo immer König Elessar in den Krieg zog, ging König Éomer mit ihm; und jenseits des Meeres von Rhûn und auf den fernen Feldern des Südens war das Donnern der Reiterei der Mark zu hören". (6) Allerdings bemüht sich Tolkien, seinen Entwurf eines idealen Königtums von der mittelalterlichen Weltherrschaftsidee zu distanzieren, und dass, obwohl er in einem seiner Briefe schreibt, der "wiederbelebte númenórische Staat Gondor" werde schon bald nach Aragorns Thronbesteigung "imperiale Macht und Ansehen erlangen". (7) Wie so oft ist auch in dieser Frage Faramir das Sprachohr des Autors: "[I]ch möchte den Weißen Baum wieder in Blüte sehen in den Höfen der Könige, und daß die Silberne Krone zurückkehre und Minas Tirith Frieden habe: daß es wieder das Minas Anor von einst sei, voll von Licht, erhaben und lieblich, schön wie eine Königin unter anderen Königinnen: nicht eine Gebieterin über viele Hörige, nein, nicht einmal eine gütige Herrin williger Höriger. [...] [I]ch möchte, daß sie geliebt werde wegen ihrer Erinnerungskraft, ihre Alters, ihrer Schönheit und jetzigen Weisheit. Nicht gefürchtet soll sie werden, es sei denn so, wie Menschen die Würde eines alten und weisen Mannes fürchten." (8) Tatsächlich bemüht sich Aragorn, nach dem Sturz Saurons Frieden mit dessen ehemaligen Verbündeten zu schließen, hat dabei aber scheinbar keinen bleibenden Erfolg.

VIII

Inzwischen sollte klar geworden sein, wie weit Frank Weinreichs Gedankengänge von denen Tolkiens entfernt sind. So wenig das Auenland eine ‘elementare Republik’ jeffersonscher Prägung ist, so wenig ist Gondor ein ‘monolithisches Staatsgebilde’. Trotz der offensichtlichen Unterschiede zwischen der beschaulichen Heimat der Hobbits und dem stolzen Königreich der Dúnedain, weisen die beiden doch in entscheidenden Punkten deutliche Parallelen auf. Beide sind gekennzeichnet durch die Abwesenheit bürokratischer (also im modernen Sinne staatlicher) Institutionen und durch die vorherrschende Rolle persönlicher Bande. Im Auenland sind dies in erster Linie Familien- und Herr-Diener-Verhältnisse (beide exemplarisch vertreten in der Ring-Gemeinschaft), in Gondor die Feudalbande zwischen Lehnsherrn und Vasall. Sie garantieren den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sind Ausdruck einer patriarchalen oder ständischen Hierarchie und mit starken Emotionen verbunden.
Wenn das Auenland dabei in sozioökonomischer Hinsicht dem ‘distributistischen Staat’ Bellocs und Chestertons ähnelt, so lässt sich gleiches nicht ohne weiteres auch über Gondor sagen, denn über die Verteilung des Eigentums im Reich erfahren wir leider wenig, und seine ökonomischen Kernlande südlich des Weißen Gebirges und an der Bucht von Belfalas lernen wir überhaupt nicht kennen. Doch sowohl die Schilderung des Umlands von Minas Tirith mit seinen ‘townlands’ – "reich an ausgedehnten Äckern und vielen Obstgärten" (9) –, als auch die der zur Verteidigung der Stadt herbeigeeilten Truppen lassen uns die Existenz eines starken, mehr oder weniger selbstständigen Bauerntums zumindest erahnen. Ganz sicher jedenfalls gibt es hier nichts, was Mordors Plantagenwirtschaft am Núrnen-Meer ähneln würde.

Der Herr der Ringe ist bekanntlich kein Thesenroman, aber wenn wir aus der Darstellung des Auenlandes und Gondors eine politische Philosophie ableiten wollen, so hat diese sicher nichts mit "Wertschätzung politischer Freiheit und des Pluralismus" zu tun. In seinem sehr lesenswerten dreiteiligen Aufsatz über den Herr der Ringe vertritt Matthew David Surridge die Ansicht, "the book is better read as an anarchist parable than as a call for monarchy". Die Ironie besteht darin, dass es beides zugleich ist.

Rufen wir uns noch einmal den Anfang jenes Briefes in Erinnerung, in dem Tolkien seine Ansichten über den Staat darlegt: "Meine politischen Meinungen neigen mehr und mehr zur Anarchie hin (philosophisch verstanden, als Ab-schaffung von Herrschaft – (nicht Männer mit Bomben und Vollbärten)oder aber zur ‘nichtkonstitutionellen’ Monarchie." Die beiden genannten Alternativen decken sich ziemlich genau mit den im Roman beschriebenen ‘Staatsmodellen’ – der quasi-‘anarchischen’ Ordnung der Hobbits und der absoluten Königsherrschaft der Dúnedain. Und da dem ‘Professor’ die Grundbegriffe der Logik durchaus geläufig waren, lässt sich daraus nur ein Schluss ziehen: Für ihn bildeten die beiden Modelle keinen Gegensatz, sondern trafen sich in einem entscheidenden Punkt – der Ablehnung des modernen Staates, der "anonymen ‘They-ocracie’". Einen irgendwie gearteten Antiautoritarismus darf man aus diesem Satz auf gar keinen Fall ableiten. Tolkiens Begriff von ‘Anarchie’ hatte schließlich nichts mit dem eines Bakunin, Malatesta oder Erich Mühsam zu tun. Das waren ja die "Männer mit Bomben und Vollbärten". Die ideale Ordnung, die ihm vorschwebte, verlangte sogar nach einer klaren Hierarchie. Denn in Abwesenheit aller bürokratischen Institutionen kann allein die personengebundene Autorität die Gesellschaft zusammenhalten. So zumindest sah es Tolkien. Der Unterschied zwischen Auenland und Gondor ist dabei nur gradueller, nicht grundsätzlicher Natur. Fürsten im Stile eines Imrahil von Dol Amroth braucht die überschaubare Heimat der Hobbits freilich nicht, aber doch Sippenoberhäupter wie den Herrn von Bockland oder den Thain der Tuks von Groß-Smials.
Frank Weinreich zitiert folgenden Satz aus einem Essay von Patrick Harrington: "Tolkien emphasises again and again that he believes that politicial authority should be strictly limited." (10) Dieser Aussage lässt sich nur zustimmen, wenn man sie ausreichend konkretisiert. Auf keinen Fall darf man darunter gesetzliche Einschränkungen der Macht der angestammten Autoritäten verstehen. Die Tradition und die persönliche Tugend der Herrschenden schienen Tolkien der einzige wirkliche Schutz gegen den Despotismus zu sein. Und so dienten ihm nicht republikanische Gepflogenheiten, sondern die Sitten des Mittelalters als nachahmenswertes Vorbild: "Im Mittelalter hatte man allzu sehr recht, wenn man das nolo episcopari [ich will nicht zum Bischof gemacht werden] eines Mannes für den besten Grund ansah, warum andere ihn zum Bischof machen sollten. Gib mir einen König, dessen größtes Interesse im Leben den Briefmarken, Eisenbahnen oder Pferderennen gilt, und der die Macht hat, seinen Wesir (oder wie immer Du den nennen willst) zu feuern, wenn ihm der Schnitt seiner Hose mißfällt! Und so weiter im ganzen Volk!"
Beispiele für den Typus des absoluten Herrschers, der eigentlich gar nicht herrschen will, sondern lieber seinen Hobbies nachgeht, finden sich übrigens auch in den Annalen der Könige von Númenor. So befassen sich die frühesten und damit vorbildlichsten Herrscher des Inselreiches scheinbar nur wenig mit Regierungsgeschäften: Vardamir Nólimons "größte Liebe galt dem überlieferten Wissen, das er von Elben und Menschen erwarb"; Tar-Elendil "verfasste mit eigener Hand zahlreiche Bücher und Sammelwerke"; und Tar-Meneldur "erhielt seinen Titel [...] wegen seiner Liebe zur Sternkunde". (11)
Tolkien hätte Weinreich zugestimmt, dass in einer solchen Ordnung, die "politische Qualität [...] direkt von der moralischen Qualität [der] Königinnen und Könige" abhängt, bloß wäre ihm ein demokratischer Staat, in dem der Willkür der Oberen durch Gesetze und gewählte Machtorgane Grenzen gesteckt sind, nicht als Alternative erschienen. Ganz im Gegenteil. Bradley Birzer hat vollkommen recht, wenn er schreibt: "Tolkien once described himself as a philosophical anarchist. But he believed that true anarchy would ultimately result in a natural monarchy."

IX

Ist der Herr der Ringe also doch das durch und durch autoritäre Machwerk, das linke Kritiker wie Michael Moorcock oder China Miéville in ihm sehen wollen?

Ganz so einfach ist es denn nicht. Weinreich hat ja vollkommen recht, wenn er immer wieder betont, Tolkien misstraue jeder Konzentration von Macht. Sein Fehler liegt meiner Meinung nach bloß darin, aus diesem Umstand liberal-demokratische Schlussfolgerungen zu ziehen.

Eine derart simple und unreflektierte Verherrlichung feudaler Herrschaftsstrukturen, wie sie Moorcock und Miéville Tolkien unterstellen, wäre mit dessen tiefempfundenem Abscheu vor Gewalt und Tyrannei in der Tat unvereinbar gewesen. In diesem Zusammenhang sei besonders die Lektüre seiner amüsanten kleinen Erzählung Farmer Giles of Ham empfohlen.
Wenn Tolkien in seinen Werken an das Erbe der mittelalterlichen Literatur anknüpft, so geschieht dies für gewöhnlich – anders als z.B. bei T.H. White, Evangeline Walton oder Naomi Mitchison – ohne jeden ironischen Bruch. Der Farmer Giles bildet die einzige Ausnahme. Und so ist die Geschichte vom Bauer Aegidius, seinem Hund Garm, dem Drachen Chrysophylax und der Gründung des Kleinen Königreiches vielleicht nicht sein bedeutendstes, aber ganz sicher sein sympathischstes Werk. Hier parodiert Tolkien nämlich nicht nur den Stil mittelalterlicher Chroniken, sondern erzählt auch, wie ein einfacher Bauer über einen geldgierigen König und seine hochmütigen Ritter triumphiert und sein eigenes Bauernreich gründet.

Was den Herr der Ringe angeht, so mag die Rückkehr des Wahren Königs zwar eine wichtige Rolle für die Geschichte Mittelerdes spielen, doch die größte und allesentscheidene Heldentat wird von den in jeder Hinsicht 'kleinen' und machtlosen Hobbits Frodo und Sam vollbracht. Wie es Elrond auf dem Rat in Bruchtal gesagt hatte: "So ist es oft mit Taten, die die Räder der Welt in Bewegung setzen: kleine Hände vollbringen sie, weil sie müssen, während die Augen der Großen anderswo sind." (12)
Bei all seiner Liebe zur Heldenepik, die im Herr der Ringe ihren (keineswegs unkritischen) Ausdruck in den Handlungssträngen um Aragorn, Théoden und Éowyn gefunden hat, gehörte Tolkiens eigentliche Sympathie doch nicht den Großen und Mächtigen, sondern den ‘kleinen Leuten’. Von zentraler Bedeutung in diesem Zusammenhang ist die Figur des Sam, der mit einigem Recht von manchen als der echte Held des Romans angesehen wird.  Über ihn hat Tolkien einmal gesagt: "Mein ‘Sam Gamdschie’ ist in der Tat ein Bild des englischen Soldaten, der Gemeinen und Burschen, wie ich sie im Krieg von 1914 kennengelernt und als mir selbst so hoch überlegen erkannt habe." Seine Weltkriegserfahrung hatte ihm nicht nur eine gesunde Abneigung gegen die "stumpfsinnige Kunst des Tötens", sondern auch gegen das britische Offizierskorps eingeflößt. In einem Brief an seine zukünftige Frau Edith schrieb er damals: "Gentlemen gibt es keine unter den Vorgesetzten und sogar menschliche Wesen sind ganz selten." (13) Die altgedienten Offiziere des Empire, die stundenlang über ihre ‘Heldentaten’ in Indien schwadronierten, stießen ihn bloß ab. Für die einfachen Soldaten hingegen entwickelte er schon bald Hochachtung und Sympathie, auch wenn es ihm als Offizier aufgrund der militärischen Hierarchie unmöglich war, mit den Gemeinen Freundschaft zu schließen. 1941 schrieb er in einem Brief an seinen Sohn Michael, der Fähnrich am Royal Military College von Sandhurst geworden war, von seinem "tiefen Verständnis für den ‘Tommy’, besonders den einfachen Soldaten aus den landwirtschaftlichen Gegenden". (14) Und Zeit seines Lebens brachte er in Briefen und Unterhaltungen immer wieder seine Bewunderung für die Leistungen einfacher Menschen in gesellschaftlichen Krisensituationen wie dem Krieg zum Ausdruck: "Es hat mich immer beeindruckt, daß wir noch da und am Leben sind, dank des unbezähmbaren Muts ganz kleiner Leute, gegen alle Aussichten." In Sam Gamdschie – und in gewisser Weise in allen Hobbits – findet sich dieser Heroismus der einfachen Leute verkörpert, der oft genug den Lauf der Geschichte viel stärker beeinflusst als die Taten der großen ‘Führer’. In einem Interview erklärte Tolkien denn auch: "Die Hobbits sind einfach ländliche Engländer – klein im Wuchs, weil das die im allgemeinen kleine Reichweite ihrer Vorstellungen spiegelt, nicht jedoch klein an Mut oder an latenten Kräften." (15)
Was diese Aussagen allerdings auch deutlich machen ist, dass der ‘kleine Mann’ für Tolkien stets der Kleinbürger war. Auch hierin ähnelte er Chesterton, von dem George Orwell schreibt: "To [him] ‘the poor’ means small shopkeepers and servants. Sam Weller [aus Dickens’ Pickwick Papers], he says, ‘is the great symbol in English literature of the populace peculiar to England’; and Sam Weller is a valet!"(16) Was für Chesterton der Kammerdiener, war für Tolkien der unabhängige Freisasse, der ‘Yeoman’. In ihm sah er die wahre Verkörperung des englischen Volkes und ihm setzte er mit Giles und den Hobbits ein Denkmal. Insbesondere bodenständigere Halblinge wie Bauer Maggot oder Bauer Hüttinger sind kleinwüchsige Ausgaben des guten alten John Bull. Dabei gab es diese soziale Klasse schon seit gut hundert Jahren in England überhaupt nicht mehr. Die britische Landwirtschaft war längst auf kapitalistischer Grundlage reorganisiert worden, und an die Stelle der freien Bauern waren spätestens seit 1830 endgültig Pächter und Landarbeiter getreten. Wieder einmal musste Tolkien sich also eine Vergangenheit zusammenkonstruieren, um sein Ideal finden zu können. Die wirklichen ‘kleinen Leute’, d.h. die Angehörigen der städtischen Arbeiterklasse, tauchen bei ihm höchstens in der verzerrten Form der monströsen Sklaven des Dunklen Herrschers auf. Sie, die "Knechte der Maschinen", von denen er am Ende des 2. Weltkriegs offenbar glaubte, sie seien auf dem Weg, "zur privilegierten Klasse"(17) zu werden, betrachtete er mit einer Mischung aus Angst und Abscheu.

Tolkiens 'Demokratismus', wenn wir ihn einmal so nennen wollen, ist also keine so eindeutige Angelegenheit. Und mit liberalen Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit hat er ganz sicher nichts zu tun. Es reicht deshalb auch nicht, die Sympathie des 'Professors' für die 'kleinen Leute' anzuführen, um den Vorwurf zu entkräften, der Herr der Ringe "feiere aristokratische und feudalistische Ideale und stütze autoritäre Handlungsweisen" – auch wenn Tolkienisten wie Weinreich dies gerne glauben würden.
Sam Gamdschie verkörpert zwar in der Tat den Heroismus des einfachen Mannes, doch was genau verleiht ihm die Kraft zu seinen Heldentaten? – Die unbedingte Treue zu seinem Herrn! Aus gutem Grund vergleicht Tolkien ihn mit einem Offiziersburschen. Zwar lässt sich die Beziehung zwischen ihm und Frodo nicht auf ein gewöhnliches Dienstverhältnis reduzieren, doch Grundlage bleibt bis zum Ende die feudale Bindung zwischen Herr und Diener. – Frodo bleibt für Sam stets ‘Mister Frodo’, und als dieser schließlich zu den Grauen Anfurten aufbricht, würde der anhängliche Sam ihn am liebsten sofort begleiten und muss erst von seinem Herrn daran erinnert werden, dass er jetzt ja eine Ehefrau und eine Tochter hat!
Im Grunde erinnert die Beziehung zwischen den beiden an die Lehnseide, die Merry und Pippin ablegen: Ausgangspunkt ist in beiden Fällen ein feudales – und das heisst persönliches und emotionales – Band, doch wird dieses menschlich vertieft und damit zwar nicht aufgehoben, doch um eine zusätzliche Dimension erweitert.
‘Feudalistisch’ – wenn auch nicht ‘aristokratisch’ – ist Tolkiens Ideal also sehr wohl.


Ebenso falsch liegt Weinreich, wenn er glaubt, es sei die Botschaft des Herr der Ringe, "daß alles ineinander greift und niemand sich das Recht anmaßen kann, für andere zu entscheiden, was gut und richtig ist". Das mag seinen eigenen harmonistischen Sehnsüchten entsprechen, klingt für Tolkien aber viel zu egalitär.
Zuerst einmal gibt es in Tolkiens Welt sehr wohl Autoritäten, die 'für andere entscheiden, was gut und richtig ist'. Nirgends wird in Zweifel gestellt, dass Leute wie Gandalf oder Aragorn sehr viel besser wissen, was gut für Mittelerde ist, als die einfachen Bewohner des Auenlandes, Gondors oder gar der Länder ‘unter dem Schatten’ im fernen Osten und Süden. Und ihre Autorität – die eines Zauberers und die eines Königs – leitet sich direkt von den Valar her und ist damit unantastbar. Tolkien hält es lediglich für falsch, wenn sie diese mit Gewalt durchsetzen.

Die Harmonie, die Weinreich als Ideal des tolkienschen Denkens auszumachen glaubt, entpuppt sich denn auch bei genauerem Hinsehen als eine stabile Ordnung, in der ein jeder seinen ‘Stand’ und seine ‘Funktion’ besitzt. Dass die einzelnen Teile dabei ‘ineinandergreifen’, also voneinander abhängig sind, ändert nichts an dem hierarchischen Aufbau des Ganzen. Diese ‘Eintracht in der Verschiedenheit’ ist vielmehr schon für das Drei-Stände-Modell des Mittelalters kennzeichnend gewesen. In der klassischen Formulierung des Bischofs Adalbero von Laon aus dem 11. Jahrhundert: "Dreifach also ist das Haus Gottes, das man eines wähnt: hier auf Erden beten die einen, andere kämpfen, und noch andere arbeiten; diese drei gehören zusammen und ertragen nicht, entzweit zu sein; derart, daß auf der Funktion des einen die Werke der beiden anderen beruhen, indem alle jeweils allen ihre Hilfe zuteil werden lassen." (18) Natürlich wünschte sich Tolkien seine ständische Ordnung von allen Übeln gereinigt – von Hochmut und Machtgier bei den Herrschenden, von Missgunst und Rebellion bei den Dienenden –, doch dasselbe ließe sich auch vom mittelalterlichen Ordo-Gedanken sagen. Im bescheidenen Maßstab des Auenlandes gibt Bilbo Baggins, ‘Esquire’ (19), ein gutes Beispiel für dieses Ideal ab: Freundlich, höflich und freigebig gegenüber ‘einfachen’ Leuten wie dem alten Ohm Gamdschie – was ihm unter den "armen und weniger bedeutenden Familien viele anhängliche Bewunderer" (20) verschafft –, bleibt er bei aller Kauzigkeit doch ganz ohne Frage ein ‘Gentlehobbit’. (21)

Übrigens war Tolkien auch in seinem persönlichen Umgang bemüht, diesem Ideal einer humanisierten Ständeordnung gerecht zu werden. Einerseits verfügte er über ein sehr ausgeprägtes ‘Klassenbewusstsein’, andererseits war er weitgehend frei von dem snobistischen Standesdünkel, für den die englische Mittelklasse im allgemeinen so berüchtigt war. "Er fing gern Gespräche an, mit einem Flüchtling aus Mitteleuropa im Zug, mit einem Kellner in einem seiner Lieblingsrestaurants oder mit dem Pförtner eines Hotels. In solcher Gesellschaft war er immer ganz glücklich. [...] In seinen späteren Jahren freundete er sich mit den Taxi-Fahrern an, deren Wagen er zu nehmen pflegte, mit dem Polizisten, der auf den Straßen um seinen Bungalow in Bournemouth Streife ging, und mit dem College-Diener und seiner Frau, die sich in der letzten Zeit seines Lebens um ihn kümmerten." (22)
Es war nichts Herablassendes in diesen Beziehungen, doch waren sie ebensowenig Ausdruck eines egalitären Demokratismus. Die einzige ‘Gleichheit’, die Tolkien anerkannte, war jene "vor dem großen Autor, qui deposuit potentes de sede et exaltavit humiles [der die Mächtigen vom Thron stößt und die Niedrigen erhöht.]" (23)

Fortsetzung folgt ...

ß à
 
(1) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. III. S. 276.
(2) Brief an einen Leser (Entwurf) [ca. 1963]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 244. S. 423.
(3) Aaron J. Gurjewitsch: Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen. S. 199f.
(4) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. III. S. 97.
(5) Ebd. Bd. III. S. 278.
(6) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Anhänge. S. 57.
(7) Brief an einen Leser (Entwurf) [ca. 1963]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 244. S. 423.
(8) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. II. S. 321.
(9) Ebd. Bd. III. S. 19.
(10) Patrick Harrington: Tolkien and Distributism. In: Third Way Publications (Hg.): Tolkien and Politics. S 13ff. Einmal mehr frage ich mich, ob Weinreich überhaupt weiß, wen er da zitiert. Zwei der drei Autoren des Büchleins – David Kerr & Patrick Harrington – gehören zur Führungsriege der britischen National Liberal Party, die 1989/90 aus dem Zusammenbruch der faschistischen National Front hervorgegangen ist. Harrington ist zudem Generalsekretär der Gewerkschaft Solidarity, die enge Beziehungen zur British National Party unterhält. Während ihrer Zeit in der National Front gehörten beide dem sog. ‘Political Soldier’ - Flügel an, der sich auf die Ideen des Fascho-Esoterikers Julius Evola berief.
(11) J.R.R. Tolkien: Die Linie von Elros: Könige von Númenor. In: Ders.: Nachrichten aus Mittelerde. S. 293f.
(12) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. I. S. 328.
(13) Zit. nach: Humphrey Carpenter: J.R.R. Tolkien. Eine Biographie. S. 99; 96.
(14) Brief an Michael Tolkien [9. Juni 1941]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 45. S. 75.
(15) Zit. nach: Humphrey Carpenter: J.R.R. Tolkien. Eine Biographie. S. 202.
(16) George Orwell: Charles Dickens.
(17) Brief an Christopher Tolkien [30. Januar 1945]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 96. S. 150.
(18) Zit. nach: Georges Duby: Die drei Ordnungen. Das Weltbild des Feudalismus. S. 16.
(19) So wird Bilbo in Tolkiens Zeichnung ‘The Hall at Bag-End’ tituliert, die in der Erstausgabe des Hobbit von 1937 veröffentlicht wurde. Vgl.: Christopher Tolkien (Hg.): Pictures by J.R.R. Tolkien. Nr. 20.
(20) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. I. S. 35.
(21) Wir erfahren zwar nie, wovon Bilbo und Frodo eigentlich leben, doch offenbar gehören sie zur Gentry. Dass es bei den Auseinandersetzungen mit den Sackheim-Beutlins nie um Grundbesitz geht, würde dem zwar widersprechen, aber anders lässt sich das komfortable, müßiggängerische Leben von Tolkiens Helden nicht erklären.
(22) Humphrey Carpenter: J.R.R. Tolkien. Eine Biographie. S. 149f.
(23) Brief an W. H. Auden [7. Juni 1955]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 163. S. 284.

Kommentare:

  1. Interessant, das mit Kerr und Harrington. Versuche von faschistischer Seite, sich Tolkiens Werk anzueignen, gibt es ja immer mal wieder. So soll Tolkien ein langjähriger Abonnent von Candour gewesen sein, ein vom Chefpropagandisten der British Union of Fascists und späterem Mitbegründer der National Front A.K. Chesterton* herausgegebenes Magazin. Zitate, die Tolkien in Candour unterstrichen haben soll, werden dann als seine eigenen Ansichten ausgegeben, und so wird Tolkien plötzlich zum Empire-Loyalisten und zum Zins- und Bankenkritiker – und zum Verfasser einer Allegorie, in der die Ringe der Macht für den allumfassenden Einfluss des Finanzjudentums stehen.

    Die Geschichte geht allem Anschein nach auf einen südafrikanischen Rechtsradikalen zurück, Stephen Goodson, der behauptet, Tolkiens Candour-Ausgaben befänden sich in seinem Besitz. Wiedergekäut wird die Geschichte auch in dem besagten Buch Tolkien and Politics (S. 15).

    Dabei wüsste ich schon gern, ob an der Sache mit dem Candour-Abo etwas dran ist. Bislang habe ich allerdings keinen unabhängigen Beleg dafür gefunden. Im Internet wird die Geschichte ausschließlich von rechtsradikalen und verschwörungstheoretischen Seiten kolportiert.

    * Nicht zu verwechseln mit G.K. Chesterton.

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    1. Ja, die Geschichte mit AK Chesterton, 'Candour' und der League of Empire Loyalists ist mir auch schon über den Weg gelaufen. Ob da was dran ist, weiß ich allerdings ebensowenig wie Du. Persönlich halte ich es für ziemlich unwahrscheinlich. Mein Eindruck ist vielmehr der, dass Tolkien nicht grade viel vom Empire gehalten hat:

      „[I]ch liebe England (aber nicht Großbritannien, geschweige denn das britische Commonwealth (grr!)"
      (Brief an Christopher Tolkien vom 9. Dezember 1943)

      „Obendrein bringe ich in diesem Fall, in diesem restlichen Krieg, keine Spur von Patriotismus auf, denn über den britischen oder amerikanischen Imperialismus im Fernen Osten weiß ich nichts, das mich nicht mit Bedauern und Ekel erfüllte. Keinen Penny würde ich dafür hergeben, geschweige denn einen Sohn, wenn ich ein freier Mann wäre."
      (Brief an Christopher Tolkien vom 29. Mai 1945)

      Allerdings möchte ich doch anmerken, dass in Goodsons Artikel
      (http://barnesreview.org/pdf/TBR2004-no5-4-7.pdf)
      nirgends vom Finanzjudentum die Rede ist, sondern ausschließlich von der Macht des Bankkapitals. Und ich halte es für durchaus wahrscheinlich, dass Tolkien tatsächlich nur sehr wenig für Bankiers übrig hatte (vgl. den Herrn von Seestadt im "Hobbit"), ohne dass er deshalb ein Anhänger von AK Chesterton gewesen sein muss.

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  2. Tolkien zum Empire-Loyalisten zu ernennen, ist definitiv das absurdeste Detail dieser Geschichte ...

    Die Verbindung zum »Finanzjudentum« wird in der Tat nicht von Goodson hergestellt, sondern in der weiteren Rezeption seines Artikels (und anderer Spekulationen über JRRT) in faschistischen Internetforen.

    Für äußerst unwahrscheinlich halte ich die Geschichte in ihrer Gesamtheit auch. Dennoch könnte es immerhin sein, dass Tolkien ein solches Abo hatte, ohne dadurch gleich zum Jingoisten und Antisemiten zu werden.

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    1. Klar, möglich wäre das schon, und es würde mich sehr interessieren, wie es sich tatsächlich damit verhält. Doch leider steht da wohl Aussage gegen Aussage (so weit ich weiß, leugnet das Estate den angeblichen Verkauf von 1973), und so werden wir wohl auch weiterhin auf Spekulationen angewiesen bleiben.

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