"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 18. Juli 2012

Der Faschist mit dem Zeichenstift

Ich weiß, es ist eine üble linke Angewohnheit, jeden, den man nicht leiden kann, als faschistisch zu beschimpfen, aber es gibt Leute, die dieses Epitheton tatsächlich verdienen. Frank Miller ist einer davon, und dass der Schöpfer von Werken wie Sin City, 300 und Holy Terror als einer der großen Comic-Künstler unserer Ära gilt, wirft ein beunruhigendes Licht auf den Zustand unserer Gesellschaft und Kultur. Selbst seinen größten Verehrern fällt es mittlerweile ganz schön schwer, Millers paranoiden Rechtsradikalismus zu leugnen.

Wer den amerikanischen Faschisten in all seiner unappetitlichen Pracht bewundern will, braucht sich bloß Millers 'Offenen Brief' an die Mitglieder der 'Occupy-Bewegung' vom letzten November durchzulesen. Ein paar Auszüge gefällig?

"'Occupy' is nothing but a pack of louts, thieves, and rapists, an unruly mob, fed by Woodstock-era nostalgia and putrid false righteousness. These clowns can do nothing but harm America. [...] a bunch of iPhone, iPad wielding spoiled brats who should stop getting in the way of working people and find jobs for themselves. [...] This is no popular uprising. This is garbage. [...] Wake up, pond scum. America is at war against a ruthless enemy. Maybe, between bouts of self-pity and all the other tasty tidbits of narcissism you’ve been served up in your sheltered, comfy little worlds, you’ve heard terms like al-Qaeda and Islamicism. [...] In the name of decency, go home to your parents, you losers. Go back to your mommas’ basements and play with your Lords Of Warcraft. Or better yet, enlist for the real thing. Maybe our military could whip some of you into shape."

Ein Kommentar erübrigt sich da wohl. Stattdessen vielleicht noch der Trailer zu dem im letzten Jahr erschienenen Comic Holy Terror?


Erstaunlich finde ich bloß, dass Millers rechte Pöbeleien und seine antimuslimische Hetz-propaganda einige Leute ernsthaft überrascht zu haben scheinen. Als wäre all dies aus heiterem Himmel gekommen. So schrieb z.B. David Barnett auf dem BooksBlog des Guardian: "At first glance, Miller's rant comes as something of a surprise. Is this really the same Frank Miller speaking who, in his 1987 comic Batman: Year One, had his fledgling superhero visit a gathering of Gotham's wealthy and inform them: 'You've eaten Gotham's wealth. Its spirit. Your feast is nearly over. From this moment on, none of you are safe'?" Alan Moore hat es da etwas klarer gesehen: "Well, Frank Miller is someone whose work I’ve barely looked at for the past twenty years. I thought the Sin City stuff was unreconstructed misogyny, 300 appeared to be wildly ahistoric, homophobic and just completely misguided. I think that there has probably been a rather unpleasant sensibility apparent in Frank Miller’s work for quite a long time."
Was die Comic-Historie des Caped Crusaders angeht, bin ich eingestandermaßen ein völliger Ignorant. Ich kann deshalb kein Urteil über die Weltsicht abgeben, die sich in Batman: Year One ausdrückte, und ob diese tatsächlich so weit von Millers heutiger entfernt war. Bei der Plot-Zusammenfassung auf Wikipedia ist mir allerdings die scheinbare Vorliebe für Erniedrigungen und Demütigungen unangenehm aufgefallen. Und auf jedenfall ist der Hass auf die 'korrupten Eliten' kein zwingender Beleg für eine progressive politische Einstellung. Vielmehr ist er ein ebenso fester Bestandteil der faschistischen 'Persönlichkeit'. Auch in Millers Tiraden gegen die 'Occupyer' findet sich ja noch etwas davon, sieht er in ihnen doch verweichlichte Muttersöhnchen, Kinder der 'liberalen' Eliten, denen bei der Armee mal der Ernst des Lebens beigebracht werden sollte.

Was Leute wie David Barnett vermutlich nicht verstehen können oder wollen ist, dass der Nährboden für Millers heutige Ausfälle in dem zu suchen ist, was sie selber früher einmal an dem Künstler bewundert haben. Als 2005 die Verfilmung von Sin City in die Kinos kam, waren die meisten von ihnen begeistert von dieser abstoßenden Zurschaustellung von Sadismus, Misogynie und Menschenverachtung. Noch heute besitzt der von Miller gemeinsam mit Robert Rodriguez & Quentin Tarentino kreierte Streifen 78% positive Rezensionen bei RottenTomatoes. Nur ganz wenige 'offizielle' Kritiker wie William Arnold vom  Seattle Post-Intelligencer sahen in dem Film das widerliche Spektakel, das er ist. Für die meisten gilt bis heute, was der unnachahmliche David Walsh damals geschrieben hat: "Disorientation, panic and a sense of being overwhelmed by events grip a good many people, not only in fundamentalist circles, but in the pseudo-artistic world as well. American society and culture, in grave crisis, are vomiting up everything retrograde, diseased and long-since discredited. And the critics? Oh, the critics can always be counted upon! 'Brilliant,' writes one prominent figure. 'Savage, sexy and ferociously funny,' says another. A third: 'I loved it, I loved it, I loved it.' In the future, looking back at the cultural landscape of our time, people will simply shake their heads." Man verstehe mich nicht falsch. Ich bin nicht der Ansicht, dass in jedem Vertreter der grim & gritty - Schiene ein kleiner Faschist stecken würde. Doch das zutiefst pessimistische Menschenbild gibt zusammen mit der fetischistischen Faszination für Folter und Gewalt einen äußerst günstigen Nährboden für ultrareaktionäre politische Überzeugungen ab.

Spätestens bei 300 (Comic wie Film) musste eigentlich jedem klar sein, in welche Richtung Frank Miller sich entwickelt. Eugenisch hochgezüchtete, kriegsgeile Herrenmenschen aus Sparta verteidigen den 'Westen' und die 'Freiheit' gegen dekadente asiatische Untermenschen aus Persien! Dass dieses aufgeblasene Spektakel selbstverständlich nichts mit der historischen Schlacht an den Thermopylen oder den realen Verhältnissen im antiken Sparta zu tun hatte, muss wohl nicht eigens betont werden. Statt meine Zeit damit zu verschwenden, ins Detail zu gehen, verweise ich lieber auf drei Artikel, in denen alles nötige gesagt wird:

Phenderson Djélí Clark: 300 Spartans, 1 Million Persians and the Altering of History
FerretBrain's Arthur B.: The "300" Movie Is Fascist Filth

Julian Lynch: 300 - Two minutes hate

Und jetzt muss ich erfahren, dass Miller uns nicht nur einen zweiten Sin City - Film, sondern auch eine Art Prequel zu 300 bescheren wird! Ich glaub, ich geh erstmal kotzen ...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.