"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Dienstag, 6. August 2013

Vier mal festlicher Grusel

Between the moonlight and the fire
In winter twilights long ago,
What ghosts we raised for your desire
To make your merry blood run slow!


                          Andrew Lang, Ballade of Christmas Ghosts


Oft bekommt man zu hören, die Ursprünge von A Ghost Story for Christmas, der legendären BBC-Serie aus den 70er Jahren, seien keineswegs in der festlichen Julzeit, sondern vielmehr im Wonnemonat Mai des stürmischen Jahres 1968  zu suchen. Denn während jenseits des Kanals Generalstreik und Studentenrevolte Frankreich an den Rand einer Revolution zu bringen schienen, konnte das britische Fernsehpublikum eine der besten Filmadaptionen genießen, die jemals von einer der klassischen Spukgeschichten des großen M.R. James angefertigt worden sind: Joanathan Millers Whistle and I'll Come to You. Auf den ersten Blick wirkt diese Nebeneinanderstellung sicher etwas eigenartig, angesichts der gewaltigen historischen Bedeutung der französischen Ereignisse vielleicht sogar leicht frivol. Doch wie ich vor längerem hier bereits einmal zu schildern versucht habe, zeichneten sich viele der televisionären Geistergeschichten, die das britische Fernsehen in jenen Jahren produzierte, nicht nur durch ihre außergewöhnliche Qualität, sondern ebenso durch einen klaren und häufig kritischen Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge aus. So gesehen ist es vielleicht gar nicht so falsch, wenn man sich vergegenwärtigt, welch unruhige Zeiten es waren, in denen diese Filme entstanden.
Wie dem auch sei, jedenfalls heißt es, der große Erfolg von Millers Whistle and I'll Come to You sei dafür verantwortlich gewesen, dass sich die BBC zwei Jahre später dazu entschied, die alte englische Tradition, zur Weihnachtszeit Geistergeschichten zu erzählen, in aktualisierter Form wieder aufleben zu lassen. Am 24. Dezember 1971 wurde der Reigen der Ghost Stories for Christmas, der sich bis 1978 fortsetzen sollte, mit einer weiteren M.R. James - Verfilmung eröffnet. Was nur angemessen war, hatte der gute Monty viele seiner Geschichten doch eigens verfasst, um sie seinen Freunden im Chit-Chat Club zur Julzeit vorzutragen. Die Wahl fiel dabei auf The Stalls of Barchester Cathedral, und die Regie übernahm der großartige Lawrence Gordon Clark, der diesen Posten, außer bei der letzten, bei allen Ghost Stories for Christmas  innehaben würde.

Wie ich vor ein paar Tagen bereits erzählt habe, ist es mir bisher leider nur gelungen, vier der insgesamt acht Fernmsehfilme aufzutreiben. Wem es nach einem vollständigeren Bericht verlangt, der schaue entweder auf Jim Moons Website Hypnogoria vorbei oder lausche der sanften Stimme des Bibliothekars der Träume in  Episode 60 von Hypnobobs.

A Warning to the Curious (1972)
In den ersten fünf Jahren präsentierte sich A Ghost Story for Christmas im Grunde als eine M.R. James - Serie, bei der nur eine einzige Folge pro Jahr ausgestrahlt wurde. Was nicht als Kritik gemeint ist. Schließlich ist Monty unbestritten der Großmeister der klassischen britischen Spukgeschichte.
Den Stalls of Barchester folgte 1972 eine Adaption von A Warning to the Curious, wobei Clark einmal mehr nicht nur als Regisseur, sondern auch als Drehbuchschreiber fungierte. Seine Version der Geschichte, wie Paxton die legendäre Krone von Anglia entdeckt und daraufhin von deren übernatürlichem Wächter verfolgt wird, weicht in vielen Punkten von ihrer literarischen Vorlage ab.* Und es gibt sicher so manche Jamesianer, die sich mit diesen Änderungen nicht anfreunden können. So z.B. schreibt Stephen Gray, der selbst drei sehr beachtenswerte Monty-Verfilmungen gedreht hat, auf seiner Website A Thin Ghost: "Perhaps the least impressive of Clarke's adaptations. The decision to transpose Paxton to an out of work treasure seeker is awkwardly done. Ager too, is more Monty Python than is ..."
Nun steht es natürlich jedem frei, in dieser Frage eine eigene Meinung zu haben, ich jedoch sehe in Clarks A Warning to the Curious zwar keine wirklich gelungene Umsetzung der Vorlage, aber dennoch ein für sich genommen sehr sehenswertes Filmchen.
Eine der Besonderheiten von A Ghost Story for Christmas war, dass "vor Ort" gefilmt wurde, was im Falle von A Warning to the Curious die Küste von Nord-Norfolk bedeutete. Und Clark verstand es in der Tat meisterlich, eine Landschaft atmosphärisch in Szene zu setzen.und auf diese Weise eine angenehm gruselige Stimmung heraufzubeschwören. Dass der Wächter der Krone statt der Gestalt eines verrotteten Leichnams die eines hinterwäldlerischen Bauern (John Kearney) annimmt, mag die Geschichte zwar weniger grauenerregend machen, fügt ihr jedoch "a sense of a clash between the rural and the urban" hinzu, wie Mr. Moon sehr treffend bemerkt. Wenn der untote Ager mit seinen bäuerlichen Werkzeugen Archäologen und Schatzsucher niederstreckt, wirkt er wie der unbarmherzige Rächer einer von den Stadtmenschen ausgenutzten und verachteten Landbevölkerung. Ein Motiv, dass noch durch den Auftritt einer jungen Frau (Gilly Fraser) verstärkt wird, die vor zwei Jahren aus London hierhergezogen ist und wenig Gutes über das Landleben zu sagen hat. Andererseits verdeutlicht ihre Figur aber auch, dass wir es nicht mit einem simplen Konflikt zwischen "böser" Stadt und "gutem" Dorf zu tun haben. Denn im Grunde kann man gut verstehen, warum es ihr nicht gefällt, in diesem gottverlassenen Fleckchen zu leben,  in das zu ziehen sie gezwungen war, da ihr Mann versucht, in der Umgebung eine Arbeit zu finden. Ebenso ist der von Peter Vaughan ganz wunderbar gespielte Paxton nicht einfach der klassische Typ des arroganten Städters. Vielmehr handelt es sich bei ihm um einen simplen Angestellten, der nach seiner Entlassung beschlossen hat, seinem Hobby, der Archäologie, nachzugehen, und verzweifelt hofft, dabei den "ganz großen Fund" zu machen, der nicht nur sein angeschlagenes Selbstbewusstsein wieder aufbauen, sondern ihn auch aus seiner prekären finanziellen Situation befreien soll.
Alles in allem ist A Warning to the Curious ein stimmungsvoller und ziemlich intelligenter kleiner Film. 

The Ash Tree (1975)
Nachdem 1973 Lost Hearts und 1974 The Treasure of Abbot Thomas für weihnachtlichen Grusel gesorgt hatten, folgte 1975 mit der Adaption von The Ash Tree ein Film, den man aus heutiger Sicht zu den echten Klassikern des phantastischen Fernsehens zählen muss. Verantwortlich hierfür war weniger Regisseur Clark, der inzwischen zur Genüge bewiesen hatte, dass er ein Händchen für M.R. James - Verfimungen besaß, sondern Drehbuchautor David Rudkin. In die Annalen der Phantastik hatte sich das Multitalent zuvor u.a. bereits mit der Mitarbeit an François Truffauts Fahrenheit 451 (1966) und mit dem faszinierenden Fernsehfilm Penda's Fen (1974) eingetragen, über den ich hier schon einmal etwas ausführlicher berichtet habe. Es fällt schwer, zu beschreiben, was die besondere Qualität von The Ash Tree ausmacht. Darum will ich auch gar nicht viel Worte über diesen Film verlieren, sondern allen meinen Lesern & Leserinnen nur dringend nahelegen, ihn sich einmal anzuschauen. Wie in Penda's Fen spielt auch hier der Konflikt zwischen puritanischem Christentum und heidnischer Sinnlichkeit eine zentrale Rolle. Auch fesselt Rudkin uns einmal mehr mit seiner ganz eigenen, symbolistischen Handschrift, und beweist nebenbei außerdem ein tiefes Einfühlungsvermögen in den Klassencharakter der Gesellschaft. Und als wäre das nicht schon genug, dürften seine Ungeheuer zu den verstörendsten und furchteinflößendsten Kreaturen der Filmgeschichte gehören – wirkliche Ausgeburten eines Alptraums. Mit einem Wort: Ein Geniestreich!

The Signalman (1976)
Mit The Ash Tree war zugleich der Höhepunkt und das Ende der M.R. James - Adaptionen im Rahmen der Ghost Stories for Christmas erreicht. Im folgenden Jahr wandten sich Clark und sein Team stattdessen Charles Dickens zu. Auch dies eine naheliegende Wahl, hatte der gute Mann mit A Christmas Carol doch zweifelsohne die berühmteste Weihnachtsgespenstergeschichte aller Zeiten verfasst. Freilich hatte man nicht vor, einmal mehr Ebenezer Scrooge filmisches Leben einzuhauchen. Vielmehr nahm man sich Dickens' Kurzgeschichte The Signalman vor, die von einem einsamen Bahnwärter und seinen gespenstischen Vorahnungen erzählt. Heraus kam ein weiteres Juwel des phantastischen Fernsehens.
Die Ghost Stories for Christmas konnten ganz allgemein mit einer recht beeindruckenden Phalanx an Schauspielern und Schauspielerinnen aufwarten. Doch Denholm Elliots Spiel in The Signalman darf als eine ganz besondere Glanzleistung gelten. Wie Clark später einmal gesagt hat: "Denholm was so wonderful in that role, like a tightly coiled spring. There was such tension in the character: he was always only a step away from insanity." Und da der Film in enger Anlehnung an seine literarische Vorlage fast nur aus Gesprächen zwischen dem Bahnwärter und seinem namenlosen Besucher (Bernard Lloyd) besteht, macht allein dies ihn bereits zu einem äußerst anregenden Erlebnis. Im Kern ist The Signalman die Geschichte eines Menschen, der an seinem eigenen Verantwortungsbewusstsein zugrunde geht. Das Leben des Bahnwärters besteht so gut wie ausschließlich aus seiner Arbeit, die ihn von anderen isoliert und jeden seiner Tage vollständig in Beschlag nimmt. Im Grunde will er es gar nicht anders, und er erfüllt seine Aufgabe mit größter Gewissenhaftigkeit, im vollen Bewusstsein, dass er für die Sicherheit und das Leben anderer verantwortlich ist. Um so grauenhafter muss es für ihn sein, durch die geisterhafte Erscheinung vor kommenden Katstrophen gewarnt zu werden, ohne diese verhindern zu können. Elliot vermittelt uns die Qual dieses Mannes, den sein Gewissen in den Wahnsinn treibt, mit unheimlicher Intensität.
Doch auch wenn das Spiel des Hauptdarstellers die Seele dieses Filmes ausmacht, sollte man seine übrigen Qualitäten nicht unerwähnt lassen. So beweist Clark einmal mehr sein Talent, mit Hilfe der Landschaft eine unheimliche Stimmung heraufzubeschwören. Außerdem verwendet er auf sehr geschickte Weise das rote Warnlicht am Tunneleingang, die schrillen Glocken im Bahnwärterhäuschen, sowie Stephen Deutschs brillante elektronische Musik, um ein sich immer weiter steigerndes Gefühl von Bedrohung und Paranoia zu kreieren. Und so ruhig der Film auf den ersten Blick auch daherzukommen scheint, enthält er doch einige äußerst gelungene Schockeffekte. Den Geist im Eisenbahntunnel wird man nicht so schnell vergessen.

Stigma (1977)
Im darauffolgenden Jahr entschied man sich bei der BBC für einen deutlichen Bruch mit dem bisherigen Format der Ghost Stories for Christmas. Statt einer weiteren Literaturverfilmung im viktorianischen oder edwardianischen Ambiente, präsentierte man eine in der Gegenwart angesiedelte und eigens für die Serie verfasste Story.
Clive Extons Stigma genießt keinen besonders guten Ruf. David Kerekes schreibt: "[I]t just doesn't fit in with the feel of what a Christmas ghost story should be." Und auch Jim Moon hält die letzten beiden Episoden für einen Fehltritt: "Although not without merit, somehow they fail to engage the imagination in the same way and lean too closely into the winds of psychodrama. Whereas previous episodes had delivered solid spooky chills, this brace of tales more often invoke general weirdness than any legitimate ghostliness."
Dass es sich bei Stigma um einen klaren Stilbruch handelt, und der Film atmosphärisch nicht recht zu seinen Vorgängern passen will, ist ohne Zweifel richtig. Allerdings ist mir nicht ganz klar, warum man ihn aus diesem Blickwinkel beurteilen sollte. Sieht man vom Kontext der Serie ab, so handelt es sich meiner Meinung nach um ein ziemlich faszinierendes Stückchen TV-Phantastik.
"General weirdness" beschreibt den Ton von Stigma allerdings wirklich ziemlich gut: Eine Mittelklassefamilie – Vater Peter (Peter Bowles), Mutter Katherine (Kate Binchy) und Tochter Verity (Maxine Gordon) – kommt am Wochenende in ihrem Haus auf dem Land zusammen. Zwei Arbeiter sind gerade dabei, einen Menhir zu entfernen, der sich im Garten befindet, und als es ihnen gelingt, ihn kurz anzuheben, wird "irgendetwas" freigesetzt, was unter ihm begraben lag. Kurz darauf beginnt Katherine unerklärlicherweise aus einer Art "Wunde" in ihrer Seite zu bluten, was sie jedoch vor den anderen zu verbergen sucht. Sie legt einen Verband an, der den Blutfluss erst einmal zu stoppen scheint. Doch in der Nacht bricht die "Wunde" erneut  auf, und Peter findet seine Frau am nächsten Morgen so gut wie verblutet neben sich im Bett liegend. Zur selben Zeit entdecken die Arbeiter das Grab einer "Hexe" unter dem Menhir, die hier offenbar rituell geopfert und begraben wurde. Katherine stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus.
So weit der "Inhalt" von Stigma. Doch wird einem beim Anschauen des Filmes sehr schnell bewusst, dass es hier in Wirklichkeit nicht um unter Megalithdenkmälern vergrabene vorzeitliche Schrecken, sondern um die Spannungen innerhalb einer kleinbürgerlichen Familie geht. Aus beruflichen Gründen kann Peter nur selten Zeit mit seiner Frau und seiner Tochter verbringen. Verity ihrerseits befindet sich mitten in der Pubertät. Ihren Geburtstag möchte sie lieber mit ihren Freunden auf einem Rockkonzert als mit ihren Eltern verbringen. Auch flirtet sie recht ungeniert mit dem jüngeren {und wunderbar muskulösen} Arbeiter. Katherine versucht als "gute Ehefrau und Mutter" die auseinander driftende Familie zusammenzuhalten, was ihr natürlich den Umut der Tochter einbringt, die sich {verständlicherweise} "kontrolliert" und "unterdrückt" fühlt. Wenn aus Veritys Zimmer Mother's Little Helper von den Stones herüberklingt, während Katherine sich verzweifelt bemüht, ihre "Wunde" zu verbinden {und zu verstecken} sollte eigentlich klar sein, welche Art von Drama sich hier in phantasmagorischen Bildern vor unseren Augen entfaltet. Es geht Katherine darum, den schönen Schein der Familienidylle aufrechtzuerhalten, und daran zerbricht sie. Noch gruseliger vielleicht ist die Schlussszene, in der angedeutet wird, dass Verity für den Tod ihrer Mutter verantwortlich ist.

Für Lawrence Gordon Clark war Stigma die letzte Ghost Story for Christmas. Bei The Ice House würde 1978 John Bowen die Regie führen. Und wenn man Jim Moons Urteil trauen darf, so war er kein adäquater Ersatz. Dafür jedoch sollten sich Clark und Clive Exton ein Jahr später erneut zusammentun, um für ITV eine in die Gegenwart verlegte Adaption von M.R. James' Casting the Runes zu drehen. Ein gediegenes, durchaus sehenswertes Filmchen, das einige sehr stimmungsvolle, aber leider auch einige eher lächerliche Szenen enthält. Iain Cuthbertson – der u.a. 1977 als Rafael Hendrick in Children of the Stones brilliert hatte – gibt freilich einen wunderbar diabolischen, stark an das Vorbild Aleister Crowley angelehnten Julian Karswell ab.
Und da wir zum Abschluss nun wieder bei Monty angelangt sind, noch ein Tip: Die 2005 erstmals ausgestrahlte Verfilmung von A View from a Hill ist gleichfalls einen Besuch wert.


* Wer eine werkgetreuere filmische Bearbeitung sehen will, schaue sich den entsprechenden Teil der im Jahr 2000 ausgestrahlten BBC-Serie M.R. James' Ghost Stories for Christmas mit Christopher Lee an. Exzellent!

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