"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 2. April 2012

Faulheit oder Feigheit?

Am kommenden Donnerstag wird Iron Sky – Timo Vuorensolas Film über eine Nazi-Invasion vom Mond, der auf der diesjährigen Berlinale am 11. Februar seine Weltpremiere feierte – in die deutschen Kinos kommen.



Da ich zur Zeit (nicht ganz freiwillig) in einer kinofreien Region lebe, werde ich kaum die Möglichkeit haben, ihn mir anzuschauen. Die Zusammenfassung der Handlung auf Wikpedia und die bereits veröffentlichten Kritiken haben bei mir jedoch ohnehin ein zwiespältiges Gefühl hinterlassen.

An sich würde ich diesen Streifen gerne lieben können. Ich war immer schon der Meinung, dass der ganze Nazi-Ufo-Verschwörungsquatsch mit Neuschwabenland und Reichsflugscheiben ganz ausgezeichnetes Material für eine bitterböse Groteske abgeben würde. Ob Vuorensolas Film allerdings diese Groteske ist? Ich bin da eher skeptisch.

Nazis, die auf der dunklen Seite des Mondes die gewaltige hakenkreuzförmige Basis Schwarze Sonne errichtet haben und dort nun ihr Riesenraumschiff Götterdämmerung bauen, mit dem sie die Eroberung der Erde planen? Das klingt erst mal gar nicht so schlecht. Und wenn Udo Kier "Wir sehen uns in Walhalla" in die Kamera haucht, bin ich begeistert. Dass der Streifen dann auch noch mit Musik von Laibach daherkommt, passt wie der Hammer auf den Amboss. Bloß, werden diese abstrusen Fascho-Steampunks ausreichen, um einen ganzen Kinofilm zu tragen?

Für gänzlich verfehlt halte ich es jedenfalls, wenn Robert Musa im Fandom Observer Chaplins The Great Dictator und Lubitschs To Be or Not to Be ins Spiel bringt. Denn Iron Sky ist ganz sicher keine ernstgemeinte, wenn auch humoristische Auseinandersetzung mit dem Faschismus. Ehrlich gesagt, erwarte ich das von so einem Streifen auch nicht. Eher schon passt der Hinweis auf Mel Brooks’ Producers, bei denen es ja auch nicht wirklich um Nazis geht. Und erinnert Julia Dietze als Renate Richter nicht tatsächlich ein bisschen an die SS-Showgirls in Springtime for Hitler?

Ironischerweise sind es jedoch nicht die Mondnazis, sondern der 'irdische' Handlungsteil, der mir vor allem Bedenken bereitet. Wenn das Ganze mehr als durchgeknallter Trash sein will, dann wäre vor allem hier eine intelligente satirische Herangehensweise von Nöten. Doch der ganze Plot um die amerikanische Präsidentin lässt das leider äußerst unwahrscheinlich erscheinen. Richtig angepackt wäre eine Gegenüberstellung von nazistischen Weltherrschaftsträumen und dem aggressiven US-Imperialismus unserer Tage ein würdiges Thema für eine satirische Behandlung. Doch leider haben Vuorensolas und sein Team in dieser Frage den Weg des geringsten Widerstands beschritten. Die Präsidentin ist offensichtlich als Karrikatur auf Sarah Palin gedacht. Aber Palin war nie das Staatsoberhaupt der USA und wird es vermutlich auch nie werden. Bigotte, grenzdebile und machtgeile Republikaner sind ein sehr leichtes Ziel für Satire, aber dummerweise sitzt momentan keine Vertrererin der Tea Party im Weißen Haus, sondern Mister ‘Yes We Can’. Der hat die militaristische Politik seines Vorgängers zwar nahtlos fortgesetzt und z.T. sogar noch verschärft, aber er ist halt kein tumber Redneck wie Brezel-Bush, sondern ein zivilisiert auftretender, sich vernünftig und diplomatisch gebender Demokrat, der zu allem Überfluss auch noch die falsche Hautfarbe hat. An seine Stelle einen Palin-Klon zu setzen, ist entweder Ausdruck von unverzeihlicher künstlerischer Faulheit oder extremer satirischer Feigheit. Statt eine simplistische Parallele zwischen rechten Republikanern und Nazis zu ziehen, hätte man zeigen müssen, wie sich derselbe expansionistische Militarismus sowohl hinter prahlerischem Gerede über die arische Herrenrasse wie hinter heuchlerischen Phrasen über Demokratie & Menschenrechte verbergen kann. Und die Idee, dass ein Politiker einen Krieg aus innenpolitischen Gründen begrüßt (bzw.inszeniert) ist uns in Wag the Dog ohnehin schon sehr viel intelligenter vorgeführt worden (behaupte ich jetzt einfach mal).

Gute Satire setzt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit voraus, und eine solche kann hier leider nicht ausmachen. Es erstaunt mich darum auch nicht, dass Iron Sky letztendlich auf die Aussage hinauszulaufen scheint, dass alle Menschen machtgeil sind und sich deshalb am Ende gegenseitig auslöschen werden. Kann man eigentlich noch unorigineller werden? Es gibt wirklich nichts bequemeres als Misanthropie.

Dennoch werde ich mir den Streifen sicher irgendwann einmal anschauen. Und wenn auch bloß wegen Udo Kier und seinen Steampunk-Nazis von der dunklen Seite des Mondes.

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