"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 23. Mai 2020

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E07: "Children of Auron"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Unter den aktuellen Umständen könnte eine Episode über eine tödliche Epidemie, die in Windeseile eine gesamte Planetenbevölkerung dahinrafft, als ein etwas ungünstiger Wiedereinstiegspunkt für unseren Blake's 7 - Rewatch erscheinen, aber daran lässt sich nun einmal nichts ändern.

Roger Parkes hatte seinen Einstand als Blake's 7 - Autor in der zweiten Staffel mit Voice from the Past feiern können, und wir haben dort bereits kurz auf seine langjährige Erfahrung mit SciFi-Stoffen hingewiesen, die er bei der Mitarbeit an The Prisoner (1967), Out of the Unkown (1971), Doomwatch (1971/72) und Survivors (1976/77) hatte sammeln können.  Sein Debüt war eine ziemlich gelungene, wenn auch strukturell etwas unausgewogene Geschichte über die politischen Machtkämpfe innerhalb der Föderation gewesen. Schaun wir mal, ob er in Beitrag Nr. 2 diese Qualität zu halten versteht.

Wie der Titel ja bereits nahelegt, ist Children of Auron eine Cally-Episode. Dabei wird die Hintergrundsgeschichte der Ex-Partisanin einem ziemlich heftigen Retconning unterzogen. Bei ihrem allerersten Auftritt in Time Squad hatte es geheißen, sie sei von den Auronar ausgesandt worden, um den Freiheitskämpfern von Saurian Major gegen die Föderation beizustehen. Und zwei Staffeln lang schien es ganz so, als sei sie mit dem vollen Segen ihrer Heimatwelt auf diese Mission gegangen. In Dawn of the Gods wurde dann erstmals angedeutet, dass sie sich vor ihrer Abreise mit ihrem Volk überworfen habe. Und nun erfahren wir, dass sie eine regelrechte Ausgestoßene ist. Mit etwas gutem Willen kann man das rückblickend zwar schon irgendwie alles unter einen Hut kriegen, aber niemand wird auch nur für einen Moment glauben, dies sei von vornherein so geplant gewesen.

Mit dem durch den Intergalaktischen Krieg geschaffenen Chaos sieht Avon seine Chance gekommen, einen persönlichen Rachefeldzug zu beginnen. Wie wir während der zweiten Staffel in der Episode Countdown erfahren haben, war er während seiner kriminellen Karriere mit einer Frau namens Anna Grant liiert, die ihm offenbar sehr viel bedeutete. Er selbst entging der Verhaftung, doch sie geriet in die Hände der Föderation und starb unter der Folter. Nun endlich scheint der Zeitpunkt gekommen, den dafür verantwortlichen "Verhörspezialisten" Shrinker aufzuspüren und zu "exekutieren", wie Avon sich auszudrücken beliebt. Also nimmt die Liberator zum ersten Mal seit langem wieder Kurs auf die Erde.
Cally ist die einzige unter der Crew, die dieses Vorhaben ablehnt und das auch offen zum Ausdruck bringt. Rache ist in ihren Augen ein sinnloses Verlangen. Was Avon dazu veranlasst, ein paar spöttische Kommentare über die Moral der Auronar und ihre politische Neutralität abzugeben: "Too good to become involved with the rest of humanity. [...] Neutrality or passivism, it all boils down to the same gutless inanity." Cally protestiert. Schließlich gebe es Auronar wie sie selbst, die aktiv am Kampf gegen die Föderation teilgenommen haben.
Cally: We're not all gutless, you see.
Villa: And the Aurons punished you for your defiance, didn't they?
Tarrant: Were you exiled?
Cally: Yes. Why do you imagine I've never gone back? Affection for him?
Die rhetorisch gedachte Frage am Schluss ist eine nette kleine Anspielung auf die enge Beziehung, die von Beginn an zwischen Cally und Avon bestanden hat, obwohl die beiden so grundverschiedene Persönlichkeiten sind.

Doch bevor die Liberator auch nur in die Nähe des Sonnensystem gelangt, erreicht Cally ein telepathischer Hilferuf von ihrer Zwillingsschwester Zelda. Auf der Heimatwelt scheint es zu irgendeiner furchtbaren Katastrophe gekommen zu sein.
Der stets misstrauische Avon wittert zwar eine Falle, doch diesmal wird er von seinen Kameradinnen & Kameraden überstimmt. Und so sehr ihm das auch missfallen mag, noch werden solche Entscheidungen auf der Liberator von allen gemeinsam getroffen.
Tarrant: Zen, reroute to planet Auron.
Avon: Just like that?
Tarrant: A democracy. You're outvoted, Avon. Three to two.
Vila: Four to one. I like to stay with the winners whenever possible.      
Tatsächlich haben sowohl Cally als auch Avon recht. Auf Auron ist es in der Tat zu einer medizinischen Katastrophe ungeheuren Ausmaßes gekommen, die das Überleben der gesamten Bevölkerung bedroht. Und doch handelt es sich um eine Falle.

Die Regierung von Auron verfolgt seit Jahrzehnten eine strikt isalotionistische Politik. Zugleich wurde die natürliche Form der Fortpflanzung durch eine Art des Klonens ersetzt, bei der aus dem Erbgut eines einzelnen Individuums jeweils eine Reihe identischer "Nachkommen" (so wie Cally und Zelda) erzeugt werden. Doch das hat unglücklicherweise auch dazu geführt, dass die junge Generation über praktisch keine Abwehrkräfte gegen außerplanetarische Krankheitserreger mehr verfügt. Eine Schwäche, die sich Servalan auf perfide Weise zunutze gemacht hat, indem sie den Piloten eines Patrouillenschiffs mit fremdartigen Viren infizierte.
Unsere Weltraumdiktatorin ist immer noch dabei, ihr halbzerfallenes Imperium wieder auf die Beine zu bekommen. Warum es zum Erreichen dieses Ziels nötig ist, die gesamte Bevölkerung eines neutralen Planeten auszurotten, will freilich auch dem Captain ihres Kriegsschiffs Deral (Rio Fanning) nicht ganz einleuchten. Sicher, eine solche Demonstration skrupelloser Gewalt könnte geeignet sein, potentielle Rebellen und Abweichler einzuschüchtern. Dennoch bekommt man den Eindruck, dass dieses Unternehmen selbst dem sicher nicht zimperlichen Föderationsoffizier etwas arg brutal vorkommt. Aber Servalan hat für alle Fälle sowieso den jüngeren Ginka (Ric Young) bei der Hand. Der glaubt, bei der letzten Beförderung übergangen worden zu sein, und brennt nur darauf, der Präsidentin seine grenzenlose Loyalität unter Beweis zu stellen. Erst recht, wenn er dabei auch noch Derals Autorität untergraben kann.
Als Servalan ihrem Captain begeistert von den Klontechniken der Auronar berichtet, glaubt dieser, ihre wahren Motive durchschaut zu haben: "So this is your reason. Nothing to do with rebuilding the Federation. You simply want to reproduce." Ein Gedanke, den er vielleicht besser nicht laut ausgesprochen hätte. Denn selbstverständlich will die Präsidentin nicht, dass der Eindruck entsteht, ihr gehe es bei dieser Aktion bloß um die Befriedigung irgendwelcher persönlichen Wünsche. Ihr eigentliches Ziel sei es die Liberator nach Auron zu locken. Habe man erst einmal die Kontrolle über das mächtigste Kriegsschiff der Galaxis, stehe der Konsolidierung der Föderation nichts mehr im Wege. Die Klontechnik sei ein bloßer Bonus. Deral ist zumindest klug genug, von nun an den Mund zu halten. 

Auf Auron ist die Lage inzwischen verzweifelt. Die fremde Epidemie breitet sich rasend schnell aus. Einer der alten Ratsmitglieder (Ronald Leigh-Hunt), der für die verheerende  Isolationspolitik verantwortlich war, befiehlt alles für eine Evakuierung genetischen Materials vorzubereiten. Zugleich weist er die gegen ihn gerichtete Kritik der Wissenschaftlerin Franton (Sarah Atkinson), deren Vater die Klontechnik entwickelte, brüsk zurück. Nicht seine Politik, sondern der Intergalaktische Krieg, sei für diese Katastrophe verantwortlich. Bei den außerirdischen Krankheitserregern müsse es sich um Überreste einer biologischen Waffe handeln.
Als Servalans Schiff den Planeten erreicht und die Präsidentin "großzügig" ihre "Hilfe" anbietet, geht der Alte ohne zu zögern darauf ein, obwohl Franton ihn vor einer möglichen Falle warnt und darauf beharrt, es sei besser, auf die Liberator zu warten.
Ironischerweise ist Franton die erste (und einzige) Erkrankte, die tatsächlich behandelt wird, denn Servalan braucht ihre Dienste im "Bio-Replikations-Zentrum".

In der Tat läuft für die Diktatorin erst einmal alles nach Plan. Nachdem Avon, Cally und Tarrant herunterteleportiert sind, werden sie von Föderationstruppen gefangen genommen. Derweil lässt sich die Präsidentin eine Blutprobe entnehmen, aus der ihre Klone herangezüchtet werden sollen. Wenig später kann sie dann in Siegerpose dem auf der Liberator zurückgebliebenen Vila ihre Forderungen diktieren. Captain Deral wird hinaufgeschickt. Angeblich als Unterhändler, doch in Wahrheit natürlich, um mit der Waffe in der Hand die Kontrolle über das Schiff zu übernehmen.

Zu dumm für Servalan, dass sie vergessen hat, dass es ja auch noch Dayna gibt. Auch hat Cally zur selben Zeit ihrer Schwester eine telepathische Nachricht zukommen lassen und sie über den Ernst der Lage aufgeklärt. Das Blatt wird sich schnell wenden.

Children of Auron hat viel nettes zu bieten.
Auch wenn wir hier zum ersten Mal von der extrem isolationistischen Politik der Auronar hören, ist ihr furchtbares Schicksal doch eine interessanter Kommentar darauf, was passieren kann, wenn sich eine Gesellschaft völlig vom Rest der Welt abschottet.
Endlich einmal darf Dayna wieder eine etwas aktivere Rolle spielen. Sie überwältigt nicht nur gemeinsam mit Vila den Föderationscaptain, sondern ist auch diejenige, die ihre auf dem Planeten befindlichen Kameraden & Kameradinnen schließlich rettet.
Wenn Servalan die Bombardierung der Regierungsgebäude befiehlt, bekommen wir einige sehr hübsche, explodierende Modelle und viel brutalistische Architektur zu sehen.
Das Gekabbel zwischen dem ergrauten Captain Deral und dem jungen und skrupellosen Karrieristen Ginka macht viel Spaß. Und keiner der beiden überlebt die Episode. Die Kaltblütigkeit, mit der die Liberator - Crew Deral am Ende in seinen sicheren Tod schickt, ist bemerkenswert. 
Und dann wäre da natürlich auch noch Servalans Wunsch, Nachkommen in die Welt zu setzen. Natürlich könnte man darin einen Ausdruck der überkommenen Vorstellung sehen, dass es in der "Natur" jeder Frau liege, eine Mutter werden zu wollen. Dass unsere kaltblütige und machtversessene Weltraumdiktatorin das Klonen dem "natürlichen Weg" vorzieht, wäre dann ein Anzeichen für ihre eigene "Unnatürlichkeit". Eine Deutung mit ziemlich unangenehmen Implikationen. Aber ich denke, man kann das auch anders betrachten. Servalan geht es nicht wirklich um "Mutterschaft", sondern um eine Form von Unsterblichkeit. Was sie sich wünscht, sind ja keine Kinder, sondern perfekte Kopien ihrer selbst. Näher kann man einem Fortleben nach dem Tod eigentlich nicht kommen. Und ein solches Verlangen passt sehr gut zu Servalans narzisstischem Charakter, ohne dass man deswegen auf irgendwelche höchst fragwürdigen Ideen über die "weibliche Natur" zurückgreifen müsste.

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