"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 1. Juli 2018

Willkommen an Bord der "Liberator" – S02/E10: "Voice From the Past"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Wie ich in meiner Besprechung von Hostage schon einmal angemerkt habe, wussten die Blake's 7 - Autoren scheinbar nicht so recht, was sie im letzten Drittel der zweiten Staffel mit der  Figur von Space Commander Travis anfangen sollten. Es war eine coole Idee gewesen, ihn in Trial auf Servalans Betreiben hin vor ein Kriegsverbrechertribunal gestellt zu sehen, und seine anschließende Verwandlung in einen flüchtigen Renegaten hätte das Potential für manch interessante Stories gehabt. Stattdessen machte man ihn am Ende von Hostage erneut zu einem Verbündeten der Obersten Befehlshaberin, ohne dass er offiziell rehabilitiert worden wäre. Doch selbst diese eher einfallslose Wendung zog man im Rest der Staffel nicht wirklich konsequent durch. Von Episode zu Episode wandelt sich seine Position und seine Beziehung zu Servalan, ohne dass es dafür andere Gründe gäbe als die Bedürfnisse der jeweiligen Story. Dabei hätte es einer sehr viel folgerichtigeren und geschlosseneren Charakterentwicklung bedurft, um die Rolle zu erklären, die er im Finale der Staffel spielen würde. Doch soweit sind wir noch nicht. Für den Moment reicht es aus, festzuhalten, dass Travis der größte Schwachpunkt des Schlussteils ist. Und das gilt auch für die Episode, mit der wir uns heute beschäftigen wollen. 

Voice From the Past war das erste Drehbuch, das Roger Parkes zu Blake's 7 beisteuerte. Am Anfang von Parkes' Karriere hatte ein Beitrag zu The Prisoner (1967) gestanden, und mit Terry Nation hatte er schon bei Survivors (1976/77) zusammengearbeitet. Auch war er eine Zeit lang Script Editor der Anthologienserie Out of the Unkown (1969-71) gewesen, u.a. für eine Cyril M. Kornbluth (The Little Black Bag) und eine John Brunner (The Last Lonely Man) - Adaption. Kein Neuling im SciFi-Metier also.

In seiner Komposition wirkt Parkes' Script zwar etwas unausgewogen. So nimmt der Eröffnungsteil, der für sich genommen durchaus interessant ist, im Vergleich zur eigentlichen Haupthandlung deutlich zu viel Zeit in Anspruch. Aber davon einmal abgesehen hält die Episode das hohe Niveau ihres Vorgängers Countdown und lässt einen recht zuversichtlich auf den abschließenden Teil der Staffel vorausschauen.

Zum dringend benötigten Abbau von Stress versucht es die Gang unter Callys Anleitung einmal mit Space Yoga. Das Resultat ist nicht unbedingt vielversprechend. 
Blake glaubt plötzlich, einen seltsamen, vibrierenden Ton zu hören, der aus dem Nichts zu kommen scheint. Wenig später begibt er sich auf die Brücke und ändert eigenmächtig den Kurs der Liberator. Als die anderen davon Wind bekommen, dass die Reise nicht länger zu dem paradiesisch anmutenden Planeten Del Ten, sondern zu irgendeinem Asteroiden mit einer seit langem aufgegebenen Bergwerksstation gehen soll, reagieren sie entsprechend ungehalten. Blake kehrt das autoritäre Arschloch heraus: "I command this ship", So recht beeindrucken tut dies allerdings niemanden. Jenna: "You lead. We don't take commands." Die Kurskorrektur wird aufgehoben.
Freilich muss selbst Avon eingestehen, dass dieses Verhalten für Blake denn doch etwas ungewöhnlich ist. Also versucht er zusammen mit Cally herauszufinden, was vor sich geht.
So wie es aussieht, hat es irgendwer geschafft, auf telepathische Weise einen psychischen Trigger auszulösen, der Blake während seiner Verhöre und Folterungen von der Föderation eingepflanzt wurde. Cally weiß zwar zu berichten, dass man auf ihrer Heimat Auron mit Techniken zur Fernübertragung telepathischer Botschaften herumexperimentiert hat, aber wirklich hilfreich ist diese Information nicht. Sicher scheint bloß, dass Blake nicht mehr Herr seiner selbst ist, weshalb man ihn auf einem Stuhl festschnallt.
Doch es dauert nicht lange und der gefesselte Blake hat Vila davon überzeugt, dass die Situation in Wahrheit ganz anders aussähe. Tatsächlich seien Avon und Cally dabei, die Liberator zu kapern und wollten ihn deshalb loswerden. 
Nun mag unser sympathischer Feigling und Langfinger nicht der hellste Kopf in der Milchstraße sein, aber wie schnell Blake ihn herumkriegt, könnte dennoch etwas unglaubwürdig wirken. Tatsächlich jedoch macht sein Verhalten durchaus Sinn. Dass Avon am liebsten das Kommando übernehmen würde, dürfte unter der Crew inzwischen kein Geheimnis mehr sein. Und dass Vila keine sonderlich hohe Meinung von dem arroganten Computergenie hat und ihm eine solche Intrige jederzeit zutrauen würde, ist nur zu verständlich, behandelt ihn dieser doch selten anders als mit Spott und Verachtung. Auch deutet Blake an, Cally und Avon seien ein Paar. Das stimmt zwar nicht, aber zwischen den beiden hat von Anfang an eine Art von Intimität geherrscht, die bisweilen sehr wohl leicht erotisch-romantische Untertöne besitzt. Auch das also nicht so weit hergeholt. Klugerweise stellt Blake Jenna, der sich Vila vermutlich am nächsten fühlt, als ein unschuldiges Opfer der Manipulationen des Schurkenpärchens dar.
Wie dem auch sei. Vila  setzt den Rest der Crew in ihrer Kabine fest und steuert die Liberator erneut zu dem Asteroiden. Dort sollen die "Meuterer" nach Blakes Willen ausgesetzt werden. Zuvor will er sich allerdings vergewissern, dass das Lebenserhaltungssystem in dem alten Minenkomplex noch funktioniert und teleportiert auf die Oberfläche. Als kurz darauf die Funkverbindung abbricht, bekommt Vila sehr schnell kalte Füße und wendet sich hilfesuchend an seine gefangengesetzten Kameraden. Die ganze "Verräter" - Geschichte kommt ihm plötzlich doch nicht mehr so glaubhaft vor.
Und das ist der Punkt, an dem die eigentliche Story beginnt.
Blake wird auf dem Asteroiden von einer kleinen Gruppe von Verschwörern empfangen, zu der nicht nur der totgeglaubte Freiheitskämpfer Shivan gehört, der aufgrund zahlloser Verletzungen eher wie eine wandelnde Mumie aussieht, sondern überraschenderweise auch Ven Glynd (Richard Bebb), ehemaliger General Arbiter (~Oberster Richter) der Föderation. Glynd war einer der Politiker, die in der Pilotfolge The Way Back den Schauprozess gegen Blake organisieren, wurde damals allerdings nicht von Bebb, sondern von Robert James gespielt. Im Geheimen schon immer ein Dissident, ist er nun endgültig in den Untergrund gegangen. Allerdings nicht ohne einen ganzen Stapel von Akten mitgehen zu lassen, die den unwiderlegbaren Beweis für all die verbrecherischen Machenschaften Servalans enthalten. Diese Informationen sollen von Gouverneurin Le Grand (Frieda Knorr) auf einer bevorstehenden Versammlung aller Gouverneure der Föderationskolonien bekannt gemacht werden, was zum Sturz der Obersten Befehlshaberin und zur Wiederherstellung der Demokratie führen werde.  Das zumindest ist die Geschichte, die man Blake erzählt.
Dieser ist sofort Feuer und Flamme. Endlich scheint sich eine realistische Chance eröffnet zu haben, das Regime zu stürzen. Avon und Cally bleiben jedoch misstrauisch. Dass die Verschwörer Blake telepathisch manipuliert haben, um das Treffen zu arrangieren, ist unbestreitbar und wird von diesen auch gar nicht geleugnet. Wer sagt, dass sie ihn nicht auch weiterhin kontrollieren? 
Dennoch befindet sich die Liberator schon bald auf dem Weg nach Atlay, wo Le Grand auf sie wartet und die Versammlung der Gouverneure zusammentreten soll.

Was mir an Voice From the Past so gut gefällt, ist der Abstecher ins Reich politischer Intrigen.  
Blake's 7 hat die Föderation nie als ein monolithisches "Reich des Bösen" dargestellt, sondern immer als ein ursprünglich bürgerlich-demokratisches Regime, das sich Schritt für Schritt in eine faschistische Diktatur verwandelt hat. Selbst in der Armee finden sich noch integre Persönlichkeiten wie Fleet-Warden General Samor aus Trial, und die Revolutionärin Kasabi aus Pressure Point war sogar selbst einmal Ausbilderin an der Militärakademie. Auch wissen wir, dass in der Elite ständige Machtkämpfe zwischen unterschiedlichen Fraktionen und besonders ehrgeizigen Individuen wie Servalan toben. Bislang stand die Liberator - Crew stets außerhalb dieser Kämpfe und Intrigen. Zwar diente die "Blake - Affäre" den Gegnern der Obersten Befehlshaberin stets als ein Mittel, um ihre Position zu untergraben, aber bislang hatte keiner von ihnen versucht, Blake selbst als Waffe gegen Servalan zu verwenden. Nun ist es soweit.
Die Verschwörer um Le Grand und Ven Glynd sehen in dem inzwischen legendären Freiheitskämpfer eine nützliche Symbolfigur, die verhindern soll, dass Servalans geplanter Sturz zum Auslöser für gewaltsame Unruhen wird. Seine Autorität soll zugleich dabei helfen, die Macht der neuen Führung zu konsolidieren. Denn auch wenn viel von einer Rückeroberung der Freiheit die Rede ist, wird doch klar, dass nach dem Fall der Obersten Befehlshaberin ein Triumvirat die Macht übernehmen soll, bestehend aus Blake, Le Grand und Shivan.
Die beiden Führer der Verschwörung sind sehr unterschiedliche Charaktere. 
Frieda Knorr als Le Grand hinterlässt leider einen alles andere als überzeugenden Eindruck. Jede ihrer Zeilen wirkt so, als lese sie sie von einem Teleprompter ab, derweil sie ihr Gesicht zu einem krampfhaft bemühten Lächeln verzieht. Im Nachhinein habe ich mich allerdings gefragt, ob es sich dabei um eine bewusste schauspielerische Entscheidung gehandelt haben könnte? Nicht Knorr ist eine schlechte Schauspielerin, sondern Le Grand? Die Gouverneurin ist im Herzen zu naiv für dieses Intrigenspiel. Ihre "Liebe zur Freiheit" scheint ehrlich, aber mehr ein Gefühl als ein politisches Programm zu sein. Die Konspiration verfolgt handfeste machtpolitische Ziele und bedient sich recht zweifelhafter Methoden, aber in Le Grands Fantasie ist sie ein heroischer Kampf für die "Freiheit". Als der Staatsstreich schließlich scheitert, wirkt sie denn auch weniger wie eine Politikerin, der eine Niederlage beigebracht wurde, sondern eher wie jemand, dem man einen hübschen Traum kaputt gemacht hat. Da ist es vielleicht gar nicht so unpassend, dass sie zuvor den Eindruck einer wenig überzeugenden Phrasendrescherin gemacht hat.
Ganz anders Ven Glynd, das eigentliche Hirn der Verschwörung. Der Mann ist ein Meister des Intrigenspiels, der die naive Le Grand und den zu einer Marionette degradierten Blake benutzen will, um zur grauen Eminenz hinter dem "revolutionären" Triumvirat zu werden. Er weiß ganz genau, dass seine Position innerhalb der Konspiration unangreifbar ist, da der Coup ohne die Dokumente über Servalans Verbrechen, die sich in seinem Besitz befinden, nicht die geringste Erfolgschance hat. Weshalb er seine Ambitionen dem misstrauischen Shivan gegenüber auch gar nicht groß zu verhehlen versucht.

Apropos Shivan: Ich nehme an, meine Leserinnen und Leser können sich denken, wer zum Vorschein kommt, als dessen Mumienmaske schließlicht fällt ...

Am Ende von Voice From the Past hat sich die Hoffnung auf einen friedlichen Umsturz als Illusion erwiesen, und Blake konzentriert sich einmal mehr ganz auf die Suche nach "Star One", mit dessen Zerstörung er die Föderationsgesellschaft ins Chaos zu stürzen und die Revolution einzuleiten hofft.

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