"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 11. Oktober 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S02/E03: "Weapon"

Schon während der Dreharbeiten an Orac hatte Stephen Greif in einigen Szenen durch ein Double ersetzt werden müssen, nachdem er sich beim Squashspielen eine schwere Verletzung der Achillessehne zugezogen hatte. Es war bald klar, dass die Rolle von Commander Travis in der zweiten Staffel nicht länger von ihm gespielt werden könnte. Doch man wollte nicht auf Blakes einäugigen Erzwidersacher verzichten, und so war man gezwungen, sich nach einem Ersatz für Greif umzuschauen. Die Wahl fiel auf Brian Croucher, aber wie sich sehr rasch zeigen solte, war dieser nicht in der Lage, Travis dieselbe Tiefe zu verleihen, die ihn bislang zu einer so interessanten Figur gemacht hatte. Greif war es stets gelungen, einem das Gefühl zu vermitteln, der Commander sei eine sehr viel komplexere und widersprüchlichere Persönlichkeit, als man bei oberflächlicher Betrachtung annehmen würde. Im Vergleich dazu wirkt Crouchers Travis leider sehr viel eindimensionaler. Das führt auch dazu, dass die Dynamik, die zwischen ihm und Jacqueline Pearce' Supreme Commander Servalan besteht, weit weniger intensiv rüberkommt, als dies bisher der Fall gewesen war. Dabei hat sich das Verhältnis zwischen den beiden noch einmal deutlich verschärft, ist sich Travis inzwischen doch bewusst geworden, dass er in den Augen seiner Vorgesetzten nichts mehr als ein nützliches Werkzeug darstellt, das sie ohne Bedenken entsorgen wird, sobald es seinen Zweck erfüllt hat: Was hätte Stephen Greif nicht aus einem kurzen Wortwechsel wie diesem gemacht:
Servalan: I'm capable of taking the one thing you have left if you persist with your impertinence, Travis.
Travis: My visits to the retraining therapist have left me ... I don't know. Is there anything of value that remains to me?
Servalan: Blake's death.
Jacqueline Pearce ist weiterhin großartig in ihrer Rolle, aber mit dem Ausscheiden Greifs fehlt ihr ein ebenbürtiger Sparring-Partner. In Weapon erhält sie mit dem selbstverliebten Psychostrategen (aka "Puppeteer") Carnell (Scott Fredericks) zwar noch einmal einen interessanten Partner, den sie anders als Travis wegen seiner egoistischen Schläue selbst dann noch respektiert, als er ihre Erwartungen enttäuscht, doch der gute Mann wird soweit ich mich erinnern kann nicht noch einmal in der Serie auftauchen.

Das Hervorstechende an Weapon ist denn auch nicht die Rückkehr von Servalan und Travis. Ebensowenig ist es der Plot, insoweit es dabei um geheime Superwaffen und Blake-Klone geht. {Auch wenn die Szenen mit Clonemaster Fen [Kathleen Byron] mir mit ihrem absurden Pathos und ihrer Stilisiertheit manch Lächeln entlockt haben}. Es ist vielmehr die Beziehung zwischen zwei Charakteren – Coser (John Bennett) und Rashel (Candace Glendenning).

Coser ist ein "Beta class" - Waffeningenieur der Föderation. Als er mit "Imipac" eine neues geniales Mordinstrument entwickelt hat, muss er erleben, wie seine Vorgesetzten sich die Früchte seiner Arbeit anzueignen versuchen, ohne dass ihm selbst auch nur die geringste Anerkennung entgegengebracht werden würde. Zutiefst verletzt in seinem Stolz, beschließt er, zu desertieren. Natürlich nicht, ohne den Prototyp von "Imipac" bei seiner Flucht aus der zentralem Waffenentwicklungs-Basis mitzunehmen. Obwohl er sich hauptsächlich in wüsten Visionen seiner kommenden Rache ergeht – "Just wait till senior echelon hears about this. They'll remember my name then." –, versteht er seine Handlung doch zugleich als einen Akt echter Rebellion. Seine Wut über die ungerechte Behandlung, die ihm widerfahren ist, hat ihm scheinbar die Augen geöffnet für die Ungerechtigkeit des gesamten Systems. Deshalb auch wohl hat er seine ehemalige Sklavin Rashel mitgenommen, der gegenüber er immer wieder betont, sie sei nun frei.
Was die Beziehung zwischen den beiden so faszinierend macht – und einmal mehr zeigt, welch brillante Dialoge Chris Boucher zu schreiben verstand –, ist, dass Cosers Verhalten gegenüber Rashel trotzdem immer noch ganz von einem Gefühl der Überlegenheit durchtränkt ist. Dass sich darin sicher auch Spuren eines männlichen Chauvinismus entdecken lassen, sei unbestritten, doch scheint mir Klassenarroganz die deutlich größere Rolle zu spielen. Wenn sie ihn gewohnheitsmäßig "Sir" nennt, reagiert er wütend "Don't call me, sir. You're not a slave anymore." –, doch ist er zugleich unfähig, sie als wirklich Gleichgestellte zu behandeln. Mitunter entschlüpfen ihm sogar Bemerkungen wie: "I should have known better. A labor-grade slave. You're pathetic." Er ereifert sich darüber, wie "bevormundend" ("patronizing") seine Vorgesetzten ihn und Leute seines Ranges behandeln würden, doch ganz genauso verhält er sich gegenüber Rashel, behandelt sie wie ein unvernünftiges kleines Kind. Zugleich gefällt er sich offenbar in seiner Rolle als "Befreier": "You're with me now. I set you free."

Wenn Coser sich trotz seiner Revolte nicht von den Verhaltensweisen und Vorurteilen seiner sozialen Klasse zu befreien vermag, gilt selbiges zumindest anfangs auch für Rashel. Sie kann einfach nicht anders, als sich gegenüber ihrem ehemaligen "Herrn" unterwürfig zu gebärden und nach seinem Wohlwollen zu streben. Doch anders als im Falle des selbsterklärten "Rebellen" erleben wir bei ihr im Verlaufe der Episode eine echte Emanzipation. Ein erstes Anzeichen dafür zeigt sich bereits, wenn die beiden ganz zu Beginn ein verlassenes Fabrikgelände betreten und sich folgender Wortwechsel zwischen ihnen entspinnt:
Coser: What do you suppose happened?
Rashel: People must have left.
Coser: I can see that, but why did they leave? This isn't a Federation colony planet, so who were they anyway?
Rashel: Perhaps they were free.
Coser: They probably were. So?
Rashel: That's why they left.
Die Worte der Ex-Sklavin wirken auf den ersten Blick fürchterlich naiv, doch bei näherer Betrachtung scheint sich mir in ihnen ein erwachendes Verständnis dafür auszudrücken, was Freiheit wirklich bedeutet. Coser hat sie für "frei" erklärt, erwartet aber ganz selbstverständlich, dass sie bei ihm bleibt und weiterhin auf ihn hört. Doch wenn sie wirklich frei ist, bedeutet das, dass sie tun und lassen kann, was sie will. Sie könnte ihn ebenso gut verlassen und ihrer eigenen Wege gehen.
Nicht, dass sie das tut. Trotz allem besteht zwischen den beiden offenbar ein Band gegenseitiger Zuneigung. Doch im Laufe der Handlung zeigt sie Schritt für Schritt ein immer selbstbewussteres Verhalten, bis sie nicht nur fähig ist, sich gegen Coser zu behaupten – "Stop treating me like a bond slave!" –, sondern sich am Ende sogar als diejenige erweist, die Servalans Pläne durchkreuzt und unseren Helden das Leben rettet. Verglichen mit ihr hinterlassen Blake & Co in dieser Episode keinen besonders kompetenten Eindruck!

Zum Abschluss kurz erwähnt sei außerem, dass uns Weapon einmal mehr eine ziemlich uneinige Liberator - Crew zeigt. Sehr schön ist dabei Avons Kommentar, als bekannt wird, dass Cally Blake dazu inspiriert hat, hinter dem Rücken seiner Kameradinnen & Kameraden einen Angriff auf die extrem gut beschützte Waffenentwicklungs-Basis der Föderation zu planen: "Auron may be different, Cally, but on Earth it is considered ill-mannered to kill your friends while committing suicide."

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