"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 14. Oktober 2013

Cthulhu Goes (Third)Space

The Old Ones were, the Old Ones are, and the Old Ones shall be. Not in the spaces we know, but between them, They walk serene and primal, undimensioned and to us unseen.
So hat es Abdul Alhazred niedergeschrieben in jenem grauenvollsten aller Grimoires – dem fürchterlichen Necronomicon. An anderer Stelle heißt es dort: 
They sleep beneath the unturned stone; they rise from the tree with its root; they move beneath the sea and in subterranean places; they dwell in the inmost adyta; they emerge betimes from the shutten sepulchre of haughty bronze and the low grave that is sealed with clay.*
Von einem weiteren Ort, an dem die Großen Alten sich dereinst manifestieren würden, konnte der verrückte Araber freilich noch nichts ahnen: Kinoleinwand & Fernsehschirm.

Neben all den Flicks, die von sich behaupten, Adaptionen lovecraftscher Erzählungen zu sein {wobei man oft viel Fantasie aufwenden muss, um die Vorlage in dem, was sich einem da darbietet, wiederzuerkennen}, hat das cthulhuide Grauen seinen Weg außerdem in eine Reihe von Filmen gefunden, die nicht nur nichts mit dem Werk des Gentlemans von Providence zu tun haben, sondern auch gar nicht vorgeben, dass dem so sei.
Das offensichtlichste Beispiel, das mir einfällt, ist Guillermo del Toros Hellboy. "Ogdru Jahad" ist nicht wirklich das originellste Pseudonym für Yog-Sothoth und seine Bande. Etwas überraschender mag es da schon wirken, dass die Großen Alten ihre Tentakel auch in das Universum von J. Michael Straczynskis Babylon 5 ausgestreckt haben. Das heißt, vielleicht auch nicht. Klingt das, was G'Kar in Mind War (S01E06) über Sigma 957 zu sagen hat, nicht beinah ein bisschen "lovecraftianisch"?

 
Bekanntlich steckt Babylon 5 voller Anspielungen auf bekannte SciFi - und Fantasywerke. Vom Namen des Psi Corps - Agenten Alfred Bester bis zu einem Zitat aus Lord of the Rings in der Episode The Geometry of Shadows (S02E03). Ein direkter Wink in Richtung Lovecraft ist der Name des Serienkillers Charles Dexter in der Folge Passing Through Gethsemane (S03E04).
Charles P. Mitchell schreibt in The Complete H.P. Lovecraft Filmography in Bezug auf die übergreifende Mythologie der Serie: "The Lovecraftian basis of this cosmology, at least as conceived by Derleth, is rather clear to any Cthulhu Mythos aficionado." Dem würde ich mich nicht vorbehaltlos anschließen, scheint mir der kosmische Konflikt zwischen Vorlonen und Schatten doch mindestens ebenso sehr von Michael Moorcocks ewigem Kampf zwischen Ordnung und Chaos inspiriert zu sein. Doch wenn ich jetzt versuchen wollte, meine Ansichten darüber etwas genauer darzulegen, würde sich das unaufhaltsam zu einer allgemeinen Diskussion über Babylon 5 auswachsen. Und es gäbe so viel über diese außergewöhnliche Serie zu sagen. Ein Detail, auf das Mitchell hinweist, ist allerdings wirklich interessant: Die reale Erscheinungsform der Vorlonen (zu sehen in Falling Toward Apotheosis [S04 E04]) besitzt etwas auffällig Tintenfischartiges, was einen in der Tat an den Großen Cuthulhu und Seinesgleichen denken lässt. Doch der lovecraftianischste Beitrag zum Universum von Babylon 5 ist ohne Zweifel der Film Thirdspace {welchen man sich momentan auf Youtube anschauen kann}.

Allgemein gesprochen konnte keiner der Fernsehfilme oder Spin-Offs an die Qualität der ursprünglichen Serie heranreichen. Und je weiter sie sich von ihr entfernten, desto schlechter wurden sie im Durchschnitt auch. So ist In the Beginning (1998), der die Vorgeschichte um den Krieg zwischen Menschen und Minbari erzählt, ohne Zweifel der gelungenste von ihnen, während die späteren Einträge in das Franchise wie A Call to Arms (1999) und die Serie Crusade (1999) sowie der einsame Pilotfilm The Legend of the Rangers: To Live and Die in Starlight (2002) traurigerweise bloß zu belegen scheinen, das J. Michael Straczynski abseits der Originalstory nichts interessantes in dem von ihm geschaffenen Universum zu erzählen wusste.
In thematischer Hinsicht stehen Thirdspace und The River of Souls irgendwo zwischen diesen beiden Polen, da die von ihnen erzählten Geschichten weder zum "alten" Handlungsbogens gehören, noch als Teile eines neuen konzipiert waren. Im Grunde handelt es sich bei ihnen um zwei auf je anderthalb Stunden ausgedehnte Einzelepisoden. Beide wurden 1998 produziert und ausgestrahlt, derweil die fünfte Staffel gerade lief.
Während River of Souls, an den ich nur noch sehr verschwommene Erinnerungen habe, ein Jahr nach den Ereignissen der Serie angesiedelt ist, spielt Thirdspace in der Zeit zwischen dem Ende des Schattenkriegs und dem Beginn des Bürgerkriegs gegen das totalitäre Regime von Erdpräsident Clark. Doch auch wenn aufmerksame Fans den Film chronologisch zwischen den Episoden S04E08 und S04E09 verorten können, hat er inhaltlich so gut wie nichts mit den großen Themen der vierten Staffel zu tun.

Auf dem Rückflug von einem Einsatz gegen die marodierenden "Raiders" entdecken Commander Ivanova  und ihre Staffel im Hyperraum ein mysteriöses Artefakt von gigantischen Ausmaßen. Captain Sheridan lässt es durch das Sprungtor vor die Station ziehen. Trotz der Bedenken der Liga der Blockfreien Welten will er es auf eigene Faust untersuchen, was sich jedoch bald schon als sehr viel schwieriger herausstellt als angenommen. Als wenig später ein Raumschiff von Interplanetary Expedition, einem Großkonzern für kommerziell betriebene Xenoarchäologie, vor Babylon 5 aufkreuzt, ist Sheridan deshalb bereit, Dr. Elizabeth Trent (Shari Belafonte) und ihrem Team die Leitung der Untersuchung zu übergeben, vorausgesetzt, dass er und sein Stab bei allen wichtigen Entscheidungen das letzte Wort behalten.
Derweil beginnen sich merkwürdige Dinge auf der Station abzuspielen. Schon vor der Ankunft des Artefaktes wurde die Telepathin Lyta Alexander von beunruhigenden Visionen gequält, nun verfällt sie in eine Art Trancezustand und versucht die Arbeit der Archäologen zu sabotieren. Andere Personen verfallen scheinbar grundlos in Panik oder werden gewalttätig. Wieder andere fühlen sich auf unerklärliche Weise zu dem Artefakt hingezogen. Schließlich hat Susan Ivanova einen merkwürdigen Traum, in dem sie zusammen mit Vir Cotto am Rande einer "schwarzen Stadt" steht, in deren Zentrum sich ein gewaltiger, bizarr geformter Turm erhebt. Aus der Ferne hallt unirdisches Kreischen herüber, und kurz bevor sie erwacht, greifen irgendwelche Tentakel nach ihr. Als sich herausstellt, dass Vir denselben Traum hatte, ist endgültig klar, dass irgendetwas hier ganz und gar nicht stimmt.
Die Ereignisse nehmen bald schon eine katastrophale Wendung, als Dr. Trent das Artefakt reaktiviert und damit ein Portal in den "Dritten Raum" öffnet. Sofort machen sich die monströsen Bewohner dieser fremden Dimension daran, in unser Universum einzudringen, und sie kennen nur ein Ziel: Die Vernichtung allen Lebens. All jene, die unter ihrem telepathischen Einfluss stehen, beginnen augenblicklich jeden zu attackieren, der sich in ihrer Nähe befindet. In kürzester Zeit herrscht das Chaos auf Babylon 5. Und wieder einmal muss Captain Sheridan zu einer Beinah-Selbstmordmission aufbrechen, um die Welt vor dem Untergang zu bewahren ... 

Man darf nicht mit zu großen Erwartungen an Thirdspace herangehen. Es ist halt ein Babylon 5 - Film, und zudem einer, in dem die drei charismatischsten Charaktere der Serie – Michael Garibaldi (Jerry Doyle), Londo Molari (Peter Jurasik) und G'Kar (Andreas Katsulas) – keinen Auftritt haben. Bruce Boxleitner als John Sheridan war stets eher ein Schwachpunkt der Serie, und Mira Furlans Delenn hat in diesem Film so gut wie nichts zu tun. Wenigstens dürfen wir noch einmal Claudia Christians Susan Ivanova erleben, und müssen uns nicht mit ihrer Nachfolgerin Elizabeth Lochley (Tracy Scoggins) herumärgern, die ungefähr soviel Persönlichkeit besaß wie ein Kleiderständer. Stephen Furst als Vir ist liebenswert wie immer. Shari Belafonte gibt eine ordentliche Leistung als toughe und ehrgeizige Geschäftsfrau im Archäologen-Business ab. Und Patricia Tallman hat mir als Lyta Alexander eigentlich immer recht gut gefallen.

Doch die Stärke des Films {eine sehr moderate Stärke, zugegeben ...} besteht ohnehin nicht in seinen Charakteren oder ihren Interaktionen,** sondern in den lovecraftianischen Motiven. Dass J. Michael Straczynski sich bei Abfassung des Drehbuchs sehr stark von The Call of Cthulhu inspirieren ließ, steht außer Frage {und ist meines Wissens nach auch nicht von ihm geleugnet worden}. Die Thirdspace-Aliens sind eindeutig die Großen Alten. Dafür sprechen nicht nur ihre schleimigen Tentakel. Sie sind gottgleiche Kreaturen aus einer anderen Dimension, die nichts als Tod und Vernichtung im Sinn haben: "They are a power beyond comprehension. A hunger beyond understanding. They are anti-life itself." Und ganz wie der erwachende Cthulhu senden auch sie einen telepathischen "Ruf" aus, der seine Empfänger zu irrationalem, selbstzerstörerischem und gewalttätigem Verhalten antreibt. Wenn der unter ihrem Bann geratene Deuce (William Sanderson) erklärt: "We belong to them", so erinnert dies an eine berühmte Passage aus Charles Forts Book of the Damned, das ganz sicher zu Lovecrafts Inspirationsquellen gehörte: "I think we're property. I should say we belong to something: That once upon a time, this earth was No-man's Land, that other worlds explored and colonized here, and fought among themselves for possession, but that now it's owned by something". Auch wird wohl jeder Cthulhu-Fan augenblicklich an R'lyeh denken müssen, wenn die Vorlonen durch Lytas Mund verkunden: "They watch us from within their dark cities." Zwar gleicht das Erscheinungsbild der schwarzen Stadt in Ivanovas und Virs Traum eher dem einer Barackensiedlung als R'lyehs "falscher Geometrie", dennoch besitzt auch diese von Wayne Barlowe geschaffene Szenerie in ihrer finsteren Pracht einen eindeutig cthulhuiden Unterton.

Freilich geschieht dieses Anzitieren lovecraftianischer Motive auf eher oberflächliche Weise. Nirgends evoziert Thirdspace jenes für die Erzählungen des alten Gentleman so typische, beunruhigende Gefühl, dass sich hinter der scheinbar so geordneten Oberfläche der Wirklichkeit unmenschliche und finstere Mächte verbergen, denen wir letztlich hilflos ausgeliefert sind. Auch wenn die Aliens viel mit den Großen Alten gemein haben, sind sie andererseits eben doch bloß die Bewohner einer fremden Dimension und erinnern in dieser Hinsicht eher an Species 8472 aus Star Trek: Voyager. Trotz der oben zitierten Charakterisierung durch Lyta fehlt ihnen letztlich die mythische Aura, die  Lovecrafts monströse "Götter" umgibt. 
Stattdessen verbindet Thirdspace die cthulhuide Ikonographie mit zwei ganz anderen Motiven.

Das erste entstammt der Mythologie von Babylon 5 selbst. Verantwortlich für das ursprüngliche Öffnen des Tores zwischen den Dimensionen war die Hybris der Vorlonen. In ihrem Bemühen, die "jüngeren Rassen" anzuleiten, waren sie diesen als quasigöttliche "Geschöpfe des Lichtes" erschienen. Doch mit der Zeit hatten sie begonnen, sich selbst ebenso zu sehen. Der "dritte Raum" war in ihren Augen eine Art "göttliche Sphäre" gewesen, und ihr Versuch, sich Zugang zu ihm zu verschaffen, hatte dem Ziel gedient, selbst zu Göttern zu werden. Und auch für das erneute Aktivieren des Tores ist letztendlich die Hybris verantwortlich. Zuerst einmal jene Sheridans selbst, der das geheimnisvolle Artefakt als seinen persönlichen Fund betrachtet, den er ohne die Mithilfe anderer zu untersuchen gedenkt. Und dann natürlich jene von Dr. Trent, die von einem ultimativen Karrieresprung und der Verleihung des Nobelpreises träumt. 
Das Problem, das ich mit diesem Motiv habe, ist vor allem, dass am Ende trotzdem Sheridan wieder einmal als der "auserwählte" Retter auftritt. Ist das nicht irgendwie ein Widerspruch?

Das zweite Motiv besteht überraschenderweise in einigen Anspielungen auf Star Trek: The Motion Picture (1979). So erinnert das Traumbild der "schwarzen Stadt" mit dem gewaltigen Turm in ihrem Zentrum ein wenig an die finale Szene des ersten Star Trek - Films, wenn Kirk und Kumpanei das Herz von V'Ger betreten. Sehr viel deutlicher wird es, wenn Sheridan sich mit Hilfe eines Raketenrucksacks in das Innere des Artefakts begibt, um es zu zerstören. Hier wird ganz ohne Zweifel die Szene anzitiert, in der Spock auf die gleiche Weise in die inneren Bereiche von V'Ger vorstößt.
Welche Überlegungen könnten diesen Anspielungen zugrundegelegen haben? 
Der meiner Meinung nach zu Unrecht oft mit Verachtung gestrafte erste Star Trek - Film war als eine Art humanistischer Antwort auf Stanley Kubricks 2001 gedacht gewesen. Ist Thirdspace demnach also als eine Antwort auf diese Antwort zu verstehen? Und wenn dem so ist, wie lautet sie? Star Trek: The Motion Picture hatte der Misanthropie von Kubricks Klassiker die Vision einer zu immer größerer Selbstvervollkommnung fähigen Menschheit entgegengehalten, bei der sich Intellekt und Emotion auf harmonische Weise zu einer höheren Einheit vereinten. Setzt J.Michael Straczynski diesem Optimismus nun erneut das Bild eines von Natur aus zu Gewalt und Egoismus tendierenden Menschengeschlechts entgegen, wie es uns von Kubrick vorgeführt wurde? Nicht wirklich! Babylon 5 als Ganzes kann als Gegenentwurf zu Roddenberrys ziemlich naivem und simplistischem Utopismus verstanden werden.*** Antihumanistisch oder misanthrop war die Serie jedoch sicher nicht. Ganz im Gegenteil! Und dasselbe gilt auch für Thirdspace. Einerseits kann man das Motiv der Hybris durchaus als Kritik an dem arg unkomplizierten Optimismus der alten Star Trek - Serien verstehen. Andererseits sind es auch bei Straczynski die Menschen, die letztlich die von den Mächten des Chaos ausgehende Bedrohung überwinden. So gesehen ist auch Thirdspace durchaus optimistisch. Bloß vollziehen Film wie Serie nicht auf vergleichbar simplifizierte Weise wie Star Trek den Sprung von Optimismus zu Utopismus. Und das ist letztlich ganz gut so ...


* H.P. Lovecraft: The Dunwich Horror & Clark Ashton Smith: The Nameless Offspring.
**  IMDB zufolge wurde die Szene im Aufzug, in der Zack Allan (Jeff Conaway) auf peinlich anzuschauende Weise Lyta Alexander seine Liebe gesteht, nachträglich hinzugefügt, da der Film ansonsten nicht die geplante Länge erreicht hätte. Das mag als Entschuldigung genügen ...
*** Wobei das Ergebnis sehr viel intelligenter ausgefallen ist als Deep Space 9, das sich auf einer ähnlichen Grundlage entwickelte. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden ...

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