"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 19. Dezember 2020

Phantastisches Geplauder ... mit Alessandra Reß

Schon seit längerer Zeit spielte ich immer mal wieder mit dem Gedanken, ein paar Bekannte aus der phantastischen Gemeinde um Interviews anzugehen. 

Als im Oktober Alessandra Reß' neuer Roman Die Türme von Eden erschien, dünkte mich dies ein ausgezeichneter Anlass, dieses Projekt endlich einmal ernsthaft anzupacken. Und Alessandra erklärte sich freundlicherweise auch sofort bereit, mein erstes Opfer zu werden. 

Wann genau unsere (Online) - Bekanntschaft angefangen hat, weiß ich gar nicht mehr. 2016?  Vor ziemlich genau einem Jahr haben wir uns dann erstmals für einen seit langem geplanten (und immer wieder verschobenen) Reread von Joy Chants Wenn Voiha erwacht und ein anschließendes Gespräch über den Roman zusammengetan (Teil 1 / Teil 2). Und wenn alles klappt, werden wir das in näherer Zukunft mit Patricia A. McKillips High Fantasy - Klassiker Erdzauber wiederholen.

Alessandras Debütroman Vor meiner Ewigkeit erschien 2013 bei Art Skript Phantastik. Es folgten u.a. Spielende Götter (2015), Liminale Personae (2017) und Sommerlande (2019). Daneben unternahm sie mit Melodie der Toten (2015) sowie Die Netze von Nomoto (2018) & Eine Ahnung von Freiheit (2018) Abstecher in die Serienwelten von Larry Brent und D9E. Sie schreibt nicht nur für ihren eigenen Blog FragmentAnsichten, sondern auch regelmäßig für TOR Online, wo sie sich in der Vergangenheit vor allem mit den zahllosen Genres und Subgenres der phantastischen Literatur auseinandergesetzt hat. Inzwischen stellt sie dort vor allem allerlei phantastische Kreaturen vor, von Einhörnern über Zombies bis zu diversen Meeres- und Wasserbewohnern.        

 

Doch bevor wir mit dem Interview beginnen, noch ein kurzer Blick auf den Inhalt von Die Türme von Eden, denn zumindest die erste Hälfte unseres Gespräches drehte sich hauptsächlich um Alessandras neuen Roman:

Im Sternsystem Aditi breitet sich seit einiger Zeit eine neue Religion aus. Der Orden der Liminalen predigt die Lehre, dass Menschen, die im Vollzug einer selbstlosen Tat den Tod finden, auf dem Planeten Eden als "Engel" wiedergeboren werden. Seine Vertreter verabreichen den auserwählten Sterbenden ein mysteriöses Serum und bringen sie anschließend fort. Angeblich zum verheißenen Ort ihrer Transformation. Doch die Organisation der Suchenden, die sich ganz dem Prinzip der Wahrheit verschrieben hat, hegt starke Zweifel an den Behauptungen der Liminalen. Schon allein die Existenz Edens, einer dem Rest des Systems verborgenen Welt, scheint kaum vorstellbar. Von den "Engeln" ganz zu schweigen. Sie schleusen einen der ihren, Dante, als Novizen in den Orden ein, um die wahren Ziele und Beweggründe der "Engelsgläubigen" zu ergründen. Aber was sich ihm dabei zu enthüllen beginnt, ist nicht ganz das, was er erwartet hatte. Und die Bande der Freundschaft, die sich zwischen ihm und einigen der anderen Novizinnen & Novizen bilden, machen seine Mission auch nicht unbedingt einfacher.

 

 

PS: Liebe Alessandra, zuerst einmal eine Frage zur Beziehung zwischen Die Türme von Eden und der Kurzgeschichte Neophyt auf Eden, die man u.a. auf TOR Online lesen kann. Gehe ich recht in der Annahme, dass der Roman bereits in irgendeiner Form existierte, als du die Story geschrieben hast? War das also quasi ein erster kleiner Ausflug in eine in eine im Hintergrund bereits bestehende größere Welt? Ich frage das auch deshalb, weil sich die beiden in einigen Details zu widersprechen scheinen. Als ich angefangen habe, Die Türme zu lesen, dachte ich zuerst, dass mir die Bekanntschaft mit der Kurzgeschichte einige der zentralen Rätsel des Romans vorzeitig enthüllt hätte. Am Ende erwies sich dieser Eindruck allerdings als nicht ganz korrekt. War das so beabsichtigt, Neophyt also in gewisser Hinsicht eine Art Irreführung? Oder spiegelt die Story einfach eine frühere Entwicklungsstufe der Welt wider? 

AR: Kriegst mich gleich mit der ersten Frage dran ;) Nein, tatsächlich habe ich die Kurzgeschichte geschrieben, bevor ich auch nur geplant hatte, in dem Setting einen Roman anzusiedeln. Als ich dann am Roman gearbeitet habe, habe ich die Kurzgeschichte auch erst einmal ausgeblendet und ihn unabhängig davon entwickelt. Alles rund um die Liminalen ist neu hinzugekommen, was Veränderungen in den Beziehungen der verschiedenen Bewohner Edens zueinander bewirkt hat. Wenn man mag, kann man die Kurzgeschichte als Lore lesen oder als Interpretation eines Uneingeweihten, wie die Sache rund um Aria – die ja einige Jahre vor dem Roman stattfand und quasi als moderner Mythos gilt – abgelaufen sein könnte. Grundsätzlich sollten Kurzgeschichte und Roman meiner Theorie nach aber auch so kompatibel sein.

PS: In deinen [Random 7] Rund um „DieTürme von Eden“ erzählst du, dass du vor dem Veröffentlichen eigener Bücher "überzeugte Weltenbauerin" gewesen seist. Und eine Deiner Einstiegsdrogen ins Genre war ja wohl Drachenlanze, eine Buchreihe also, die in ihren Anfängen auf einer Rollenspielkampagne basierte. War dein frühes Weltenbauerinnentum demnach von RPG-Settings wie Krynn inspiriert?

AR: Jein. Ich war als Kind sehr kartenverliebt, habe gerne in Atlanten geblättert und Länderkarten abgezeichnet. Als ich meine ersten Fantasyromane gelesen habe, fand ich dann auch die Karten darin toll und habe angefangen, eigene zu zeichnen. Aus diesen Karten heraus haben sich dann die Welten ergeben, ihre Gesellschaften, Länder, Geschichte usw. Insofern war mein Weltenbau vor allem durch Karten inspiriert – und hier durch Karten aus Romanen, denn Pen&Paper habe ich erst später kennengelernt. Krynn war für mich in erster Linie entsprechend eine Roman-, keine Rollenspielwelt.

PS: Wenn ich mich recht erinnere, sollte die Welt von "Holus" aus Spielende Götter ursprünglich das Setting für eine klassische High Fantasy - Erzählung werden, oder? Ich finde es interessant, dass daraus am Ende ein virtuelles Spieluniversum wurde. Das rollenspielbeeinflusste Worldbuilding zeichnet sich für mich häufig durch eine übergroße Neigung zum Systematisieren aus. Doch im Falle von "Holus" macht das vollkommen Sinn, denn es handelt sich ja tatsächlich um das Setting eines Spiels.

Die Welt von Vor meiner Ewigkeit wiederum zeichnet sich durch eine faszinierende Ambiguität aus, lässt sich nicht eindeutig in Raum und Zeit verorten.

Wie ist deine persönliche Haltung zum Worldbuilding?

AR: Heute schaue ich mir immer noch gerne Karten an, ob nun reale oder phantastische. Allein hier in meiner Wohnküche hängen vier an der Wand, merke ich gerade … Aber für meine eigenen Romane sind sie nicht mehr so wichtig. Für Holus habe ich zwar welche gezeichnet – noch aus der Zeit, als ich das als High-Fantasy-Roman geplant hatte – und auch zu Vor meiner Ewigkeit liegen sicher noch Skizzen in irgendeiner Schublade. Aber mir geht es inzwischen weniger darum, mir zu überlegen, wo nun eine Wüste, wo ein Gebirge und diese oder jene Stadt liegen, mich interessiert mehr die soziale Idee der jeweiligen Welt bzw. des Auszugs, den ich betrachte. Nach welchen Prinzipien funktionieren die Gesellschaften, welche Werte vertreten sie, welche Rituale haben sie, was bedeutet das für die Geschichte? Klar spielen da auch (z. B.) geographische Überlegungen mit rein, da diese Gesellschaften wiederum mitbestimmen. Aber ich lege den Fokus nicht mehr darauf, ein umfassendes Bild (im wörtlichen Sinne) der ganzen Welt zu haben.

Als Leserin muss ich eine Welt auch nicht in allen Details dargelegt bekommen. Mir ist wichtig, dass die schreibende Person ein Gefühl von Tiefe bzw. eines „Dahinters“ vermitteln kann, ohne dass die Welt – ob nun eine geographische / soziale / … – zwangsläufig komplett ausformuliert werden müsste. Natürlich hängt das auch immer ein Stück weit von Genre und Setting ab, aber manche Welten verlieren sogar durch zu viele Details. Ein prominentes Beispiel ist da sicher Harry Potter. Oder, anderes Beispiel: Ich habe mir vor ein paar Tagen John Wick angeschaut und mag es, wie da mit völliger Selbstverständlichkeit durch die Bildsprache und ein paar Handlungselemente eine Assassinengesellschaft eingeführt werden, auch wenn das Publikum nicht genau erfährt, wie diese funktioniert. Manchmal machen gerade solche Lücken den Reiz aus.

PS: Beim Weltenbau von Türme von Eden liegt der Hauptakzent auf den unterschiedlichen Gesellschaftsmodellen, die auf den verschiedenen Planeten existieren. 

Eines davon ist die "Technokratie" von Cyberia. Ein nettes Detail für mich war, dass es sich dabei um einen kolonisierten Mond handelt. Cyberia ist also nicht nur eine Gesellschaft, die von technischem Fortschritt (und von Hedonismus?) dominiert wird, sondern im wahrsten Sinne des Wortes "künstlich", kreiert in einer eigentlich völlig lebensfeindlichen Umwelt. War das Absicht?

AR: Ja, und es freut mich, dass es jemandem auffällt :D Die Idee war, dass dahinter eine Machtdemonstration der Gründer*innen von Cyberia steht.

PS: Oberflächlich betrachtet wirkt Cyberia sehr tolerant und inklusiv. Eine der Hauptfiguren des Romans, Dante, ist eine Art Kriegsflüchtling und hat dort eine neue Heimat und Familie gefunden. Doch eine andere Figur entwirft ein sehr viel negativeres Bild der dortigen Ordnung. Als vollwertiges Gesellschaftsmitglied gelte nämlich nur, wer besondere Talente besitzt. Alle übrigen würden an den Rand gedrängt (oder gar nicht erst aufgenommen). Ist das auch als ein kritischer Kommentar auf gewisse "Tech-Utopien" gedacht, die sich zwar sehr offen und demokratisch geben, sich bei genauerer Betrachtung aber eigentlich bloß als die idealisierte Version des Lebens einer technisch versierten Elite entpuppen?

AR: Während ich am Roman gearbeitet habe, ging gerade die Meldung herum, dass international verschiedene Universitäten mehr oder weniger explizit gedrängt wurden, ihr geisteswissenschaftliches Angebot zu reduzieren bzw. sogar abzuschaffen. Das führte zu einigen Diskussionen und auch in Deutschland längst nicht nur zu Kritik. Ich empfand das als ziemlich gruselig. Wo geht eine Gesellschaft hin, die sich nur mehr Gedanken um den ökonomisch-technischen Fortschritt macht, dabei aber soziokulturelle Forschung ausklammert? Ich will das jetzt nicht konservativ verstanden haben – ich verzweifle selbst oft genug am digitalen Stand in Deutschland bzw. an dem, was hier unter Digitalisierung verstanden wird (und an Elfenbeinturmmechanismen, aber das ist ein anderes Thema). Aber auf der anderen Seite zeigt sich gerade momentan sehr gut, dass es sinnvoll ist, soziale Auswirkungen facettenreich mitzubedenken, wenn neue Technologien eingesetzt werden. Und die Schwierigkeit ist eben immer, technologischen Fortschritt und demokratische Werte in Einklang zu bringen, ohne in Starre zu verfallen – Stichwort Datenschutz beispielsweise.

Cyberia spiegelt dieses Dilemma ein Stück weit. Die Gründer*innen haben sich ihrerzeit von der Demokratie Legbas losgesagt, um ihre Technokratie erschaffen zu können. Die ist, wie du sagst, auf den ersten Blick tolerant und inklusiv. Aber es darf eben nur einwandern und im gut entwickelten Kern leben, wer mit seinen Fähigkeiten auch etwas zum Fortschritt beitragen kann – und wer bereit ist, sich den Regeln von Cyberia zu unterwerfen.

PS: Im Zusammenhang mit Cyberia taucht auch die Idee der Cybermystik auf. Wie stark war der Einfluss dieser oder anderer Theorien, mit denen du dich im Verlauf deines Studiums bzw. deiner Masterarbeit über Cyberanthropology beschäftigt hast, auf den Roman?

AR: Rückblickend kann ich das gar nicht mehr ganz so genau sagen. Aber er ist glaube ich nicht so stark, wie ich es ursprünglich angedacht hatte – auch, weil ich den Roman nicht zu verkopft werden lassen wollte. Letztlich haben sie eher Einfluss auf die grundsätzliche Figurenmotivation und auf (Weltenbau-)Details genommen, etwa die Entwicklung der einzelnen Planeten bzw. deren Gesellschaften, Religionen und Philosophien.


 

PS: Im Buch selbst werden die Glaubenssätze der Cybermystiker so umschrieben: "Sie gehen davon aus, dass wir alle nur Entitäten eines großen Computers sind und eines fernen Tags wieder Teil dessen werden." Das erinnert mich einerseits an klassische mystische Vorstellungen von der Auflösung des Individuums im "Absoluten", "Göttlichen". Und so wird es ja auch von einer der Figuren interpretiert: "Ich möchte die Vielheit überwinden." Andererseits hat das natürlich etwas von virtueller Realität. Ein Thema, mit dem du dich sehr viel stärker in Spielende Götter beschäftigt hast. Was mich an eine Frage erinnert, die ich dir schon länger mal stellen wollte: Dort gibt es eine Figur (Ophelia), die irgendwann die Behauptung aufstellt, die Primärwelt von Spielende Götter sei selbst bloß eine Simulation, geschaffen, um die Funktionstüchtigkeit eines bestimmten Gesellschaftsmodells zu testen. Wir erfahren in dem Roman nicht, ob es sich tatsächlich so verhält. Doch die Szene hat mich sofort an Fassbinders Welt am Draht erinnert. Gibt es da tatsächlich eine Verbindung? Welche Darstellungen von virtueller Realität -- sei es in Büchern oder Filmen -- haben dich am stärksten beeindruckt?

AR: Welt am Draht kenne ich leider nicht, die Nähe dazu ist also vermutlich Zufall.

Geht es gezielt um virtuelle Realität, war vermutlich Band 1 der Otherland-Tetralogie für mich am prägendsten. Ich hatte einige Probleme mit dem Buch, fand aber die Darstellung der Simulationen darin faszinierend. Interessant auch die Simulation aus Karl Olsbergs Boy in a white room, die etwas mehr an unserer heutigen Gaming- und Streaming-Realität dran ist als die „großen“ Simulationen aus Otherland, Ready Player One und Co.

Aber allgemein finde ich es immer sehr spannend, wenn eine Realität mehrere Ebenen hat, ob sie nun virtuell oder anders gelagert ist. Wenn ich früher mit meinen Playmobil-Figuren gespielt habe, hatte ich immer Skrupel, ihnen allzu dramatische Abenteuer zuzumuten, weil ich befürchtet hab, sie könnten irgendwie echt oder ich könnte selbst eine Playmobil-Figur sein … Das zieht sich also durch meine Handlungsentwicklung. (Wobei ich bei meinen Buchfiguren weniger ethische Skrupel habe als bei den Spielfiguren – aber vielleicht neige ich deshalb dazu, Metaebenen einzubringen; das schafft Distanz zu den Figuren.)

PS: Eine der Sachen, die mir an Die Türme von Eden besonders gefallen hat, ist, dass wir keineswegs auf alle Fragen auch eindeutige Antworten bekommen. So wissen wir am Ende des Romans zwar sehr viel mehr über die anfangs so mysteriösen Engel, ihre Herkunft und ihre Natur, dennoch bleibt das Ganze in mancherlei Hinsicht immer noch recht ambivalent. 

Für mich stand das in Beziehung zu einem längeren Gespräch zweier Figuren über die Relativität der Wahrheit. Dass Wahrheit letztlich eine Frage der Perspektive sei, der subjektiven wie der gesellschaftlichen. Liege ich damit falsch oder war das für dich tatsächlich eines der zentralen Motive des Romans?

AR: Nein, das stimmt schon. Die Vorstellung einer relativen Wahrheit hat derzeit ein großes Imageproblem. Aber Realität ist in der Regel so komplex, dass sie Raum für viele Interpretationen liefert, wodurch die Einteilung in Wahr und Falsch in vielen Fällen eben alles andere als eindeutig ist (wenn auch normalerweise eindeutiger als im Buch). Ein weiteres zentrales Motiv ist aber das der Ethik und es ist mir wichtig, diese bei dem Thema mitzubedenken. Kulturrelativismus beispielsweise ist in der Theorie einleuchtend, aber ethisch auch problematisch. Ich mag die Strömung des Kosmopolitismus, wie er beispielsweise von Kwame Anthony Appiah vertreten wird, und der einerseits Relativismus nicht verneint, ihn aber durch bestimmte übergeordnete Werte – Menschenrechte! – in Schranken weist. Etwas relativ zu betrachten, bietet das Potenzial, aufeinander zuzugehen, aber eben auch die Gefahr, sich bei kritischen Themen aus der Verantwortung zu ziehen.

Herrje, das klingt nun doch, als hätten diese ganzen Theorien viel Einfluss auf das Buch genommen, oder? Vielleicht war es doch mehr, als ich dachte. Aber es war sicher nicht meine Intention, damit jemanden zum/zur überzeugten Relativist*in, Kosmopolit*in oder sonstwas zu machen. Ich nutze meine Bücher bloß gerne, um Auseinandersetzungen, die ich mit mir selbst führe, in Worte zu fassen. Und die Diskussion um Relativität bzw. Relativismus einerseits und deren Gefahren andererseits ist eben eine dieser Auseinandersetzungen.

PS: Eine der Hauptfiguren, Keri, leidet unter Panikattacken. Ich kenne die ja aus eigener Erfahrung, und fand vor allem die Schilderung des damit einhergehenden unangenehmen Gefühls, sich sehr bewusst auf jeden einzelnen Atemzug konzentrieren zu müssen, sehr gelungen. Darüber hinaus hat mich aber auch ganz allgemein angesprochen, einmal eine Protagonistin zu haben, die mit solchen Problem zu ringen hat. Folgen wir in Fantasy und Science Fiction immer noch zu oft dem alten Ideal vom "kompetenten Mann" / der "kompetenten Frau" als Held/Heldin?

AR: Inzwischen werden Figuren ja schon häufiger Abweichungen von der physisch wie psychisch ultrakompetenten Held*innennorm zugestanden. Gerade psychische Probleme sind z. B. in der YA-Fantasy nicht mehr so selten, oft aber mit der Aufgabe an die betroffene Figur verbunden, diese zu überwinden. Wenn der Weg dahin überzeugend dargestellt ist, halte ich das auch nicht für grundsätzlich problematisch. Aber Eskapismus hin oder her, ich finde es schräg bis enttäuschend, wenn diese Überwindung nur eine Sache weniger Tage oder gar einer plötzlichen OMG-es-war-nur-fehlender-Wille-Epiphanie ist. Insofern würde ich mir noch mehr Titel wünschen, in denen die Betroffenen oder deren Umfeld lernen, mit „Schwächen“, Einschränkungen oder „Eigenheiten“ zu leben, sie zu akzeptieren oder sie sich zunutze zu machen. Keri z. B. hilft es später, dass sie den Kampf gegen sich selbst bereits gewohnt ist. Zudem ist sie vermutlich die empathischste Figur in dem Haufen …

PS: Du beschäftigst dich ja gerne mit der schier unüberschaubar gewordenen Menge an "Genres", in die die Phantastik inzwischen eingeteilt wird. Für Die Türme von Eden hast du das Label "Space Fantasy" gewählt. Wohl auch um der Kritik durch einige besonders engstirnige SF-Puristen vorzubeugen? 

Mein Eindruck war bislang eigentlich immer, dass die Grenzen zwischen den Genres inzwischen wieder etwas durchlässiger geworden wären. Irre ich mich da? Ist die Fraktion der Verfechter einer "harten" Science Fiction, für die alles, was nicht "naturwissenschaftlich plausibel" ist, keine "echte" SF darstellt, tatsächlich immer noch so stark?

AR: Hängt glaube ich sehr von der Szenebubble ab. Einige sind da offen, andere nehmen es genauer. Wenn ich mir die üblichen Genrepreise anschaue, habe ich den Eindruck, dass vor allem die Ästhetik entscheidend ist – und die Ecke, aus der ein Titel kommt. Eine Dystopie eines bekannten Autors bei Heyne wird es wohl noch eine Zeitlang leichter haben, als „echte“ SF zu gelten als die einer Drachenmond-Autorin, selbst wenn beide ähnliche Kriterien an die naturwissenschaftliche Plausibilität stellen.

Persönlich nehme ich es inzwischen genauer, als es mir eigentlich lieb ist – Berufsrisiko, schätze ich. Bei Die Türme von Eden wollte ich auch nicht in erster Linie Kritik vorbeugen, sondern die Sache einfach als das bezeichnen, was sie ist. Mit den D9E-Bänden Die Netze von Nomoto und Eine Ahnung von Freiheit habe ich zwei Romane veröffentlicht, die zwar nicht mehr Technikbabbel beinhalten als Eden, aber von der ganzen Stimmung, Struktur und Thematik her dennoch klar Science Fiction sind (wenn auch eben nicht Hard Science Fiction). Eden ist da durchlässiger, aber auch z. B. von der Struktur her eher der Fantasy zugewandt. (Dass der Begriff „Space Fantasy“ auch im Untertitel auftaucht, war btw. eine Verlagsentscheidung. Ich hatte ihn lediglich im Exposé als Genrebezeichnung verwendet.)

 


PS: Du hast verschiedentlich die Romantasy gegen ihre vielen Verächter verteidigt. Nicht nur, weil sie eine ebenso große Existenzberechtigung hat wie jedes andere Genre, sondern auch, weil sie vor allem Autorinnen eine Möglichkeit eröffnete, auf dem Markt Fuß zu fassen. In diesem Zusammenhang hast du auch einmal erklärt, dass du bezweifelst, ob es dir gelungen wäre, dein Debüt Vor meiner Ewigkeit zu veröffentlichen, "wenn das Buch nicht noch ein Stück auf dem Vampirhype mitgeschwommen wäre, den 'Twilight' ausgelöst hatte.

Doch in den Büchern, die ich von dir gelesen habe, spielen romantische Beziehungen gar keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle. In Vor meiner Ewigkeit gibt es zwar scheinbar einen "romantischen" Subplot, doch entpuppt sich der bei näherer Betrachtung als wenig romantisch. Vielmehr gleicht "Held" Simon in Denken und Handeln einem creepy Stalker.

Hast du die Erfahrung gemacht, dass von dir als Autorin erwartet wird, dem einen größeren Platz in deinen Geschichten einzuräumen? Gibt es einen gewissen Druck in dieser Richtung?

AR: Auf jeden Fall. Bei Kleinverlagen kam es selten zur Sprache, aber wenn meine Manuskripte Publikumsverlagen vorlagen, wurde es oft zum Thema, vor allem bei Jugendbüchern. Ein Stück weit kann ich es verstehen, weil halt die Leser*innen bei manchen Arten von Romanen einen romantischen Subplot erwarten, erst recht, wenn ein weiblicher Name auf dem Cover steht. Am stärksten ist mir das bei Vor meiner Ewigkeit aufgefallen: Da haben mir dann Leute gesagt, sie wollten das Buch nicht lesen, weil sie genug hätten von „Vampir-Schmonzetten“. Umgekehrt gab es Leser*innen, die sich über zu wenig Romantik beschwert haben. Ja nun, das Buch sollte nie Romantasy sein, aber irgendwie wird oder wurde das bei der Verbindung Vampirthematik + Autorin offenbar erwartet. Das war die unpraktische Seite dessen, auf der Twilight-Vampir-Welle geritten zu sein.

PS: Mit deinem TOR-Beitrag zu "Hopepunk" im Oktober 2011 warst du vermutlich eine der Ersten, die diesen Begriff hierzulande aufgegriffen hat. Eine Zeit lang wurde darüber recht kontrovers diskutiert. Einige taten Hopepunk spöttisch als bloßes Marketinglabel ab, andere schrieben es sich begeistert aufs Banner. Wie siehst du die Situation ein Jahr später? Hat sich tatsächlich eine Strömung oder Bewegung herausgebildet, die man sinnvollerweise mit diesem Namen verknüpfen kann? Oder war das Ganze letztlich doch nicht viel mehr als ein Schlagwort, das inzwischen schon wieder von neuen Schlagwörtern verdrängt wird?

AR: Eine Bewegung ist daraus auf jeden Fall geworden. Zwischendurch dachte ich mal, die Diskussion sei abgeebbt, aber sie hat sich eher ausgefächert. Inzwischen gibt es sozusagen verschiedene Arten von Hopepunk – ein sicheres Zeichen dafür, dass es sich tatsächlich etabliert hat ;) Außerdem heißt es ja, Hopepunk habe mit der Doomer Lit eine Gegenbewegung erfahren und damned, was spricht mehr dafür, dass etwas im Kanon angekommen ist, als dass es eine Gegenbewegung erhalten hat?!

Ich finde es sehr spannend, die Entwicklung zu verfolgen. Früher habe ich mich intensiv mit Jugendszenen beschäftigt, und in Movements wie Hopepunk, Solarpunk usw. erkenne ich viele Strukturen wieder. Ich gebe den Kritiker*innen dahingehend recht, dass sie keine Literaturgenres im klassischen Sinne darstellen. Eher sind sie Medien produzierende Szenen mit eigener Ästhetik und eigenen Werten. Aber zumindest für mich macht sie das nur umso interessanter.

 

PS: Du hast dich mit der Kurzgeschichte Kastanienreise (in Geschichten aus den Herbstlanden) und dem Roman Sommerlande an dem Shared World - Projekt der Herbstlande beteiligt. Ich fand solche Shared Worlds immer recht spannend, vor allem wegen ihres kollaborativen Charakters. Habe aber das Gefühl, dass sie irgendwie ziemlich aus der Mode gekommen zu sein scheinen. Wenn man zum Vergleich etwa die 80er Jahre mit Sachen wie Thieves' World, Bordertown oder Liavek heranzieht. Wie siehst du das? Und wie war deine Erfahrung mit einem solchen Projekt? Ist das kollaborative Element da wirklich stärker als etwa bei Serien, mit denen du ja auch schon zu tun hattest (Larry Brent und D9E - Der Loganische Krieg)? Oder hab' ich da eine etwas romantisierte Vorstellungen?

AR: Ich habe eigentlich den Eindruck, dass sie ein kleines Revival erleben. In Science-Fiction-Szeneverlagen und rund um Rollenspielsysteme gibt es ja noch eine ganze Reihe von Shared-Universe-Serien, und gerade das MCU, aber auch die Rückkehr der Novellen bzw. Kurzromane haben das Thema aus der Mottenkiste geholt. Allerdings verstehen wir vielleicht etwas unterschiedliche Sachen unter „Shared Universe“, denn ich würde jetzt gar keine große Unterscheidung machen zwischen Herbstlande/Sommerlande und Larry Brent. In beiden Fällen hatte ich gewisse Vorgaben, konnte aber weitgehend eigenständige Geschichten erzählen.

Anders bei Der Loganische Krieg, wo das kollaborative Element sicher am stärksten war: Hier haben wir – insgesamt waren wir fünf Autor*innen – keine unabhängigen Episoden erzählt, sondern jeweils auf den Vorgängerbänden aufgebaut. Zwar konnte jede*r ein paar eigene Figuren einbringen und wir haben zumindest in den ersten Bänden auch die Bereiche etwas untereinander aufgeteilt, aber in Weltenbau und Handlungsfaden sollte das alles logischerweise stimmig sein. Deshalb haben wir uns in der Planungs- und Schreibphase quasi täglich via Trello ausgetauscht.

Bei Larry Brent und Herbstlande habe ich vorab Journals mit den wichtigsten Infos durchgearbeitet. Zu Sommerlande und Kastanienreise habe ich mich auch vorab viel mit Fabienne Siegmund besprochen, einer der vier Erfinder*innen des Universums. Das aber eher, weil wir zu dem Zeitpunkt in Nachbarstädten gewohnt haben und ohnehin oft gemeinsame Schreibtreffen hatten; an für sich wäre so viel Absprache nicht mal unbedingt nötig gewesen. Während des Schreibprozesses habe ich dann nur noch hier und da wegen Details nachgefragt, ebenso bei Larry Brent. Zu anderen Autor*innen hatte ich hier aber z. B. fast gar keinen Kontakt.

Grundsätzlich schreibe ich sehr gerne an solchen Projekten mit. Klar ist es toll, ganz eigene Ideen zu entwickeln, aber es hat auch seinen Reiz, mit Vorgaben zu arbeiten und eigene Elemente in ein bestehendes Universum einzuweben bzw. zu sehen, wie sich Ideen im Austausch mit anderen Autor*innen entwickeln.

PS: Mit Holly mit Katze (auf Smart Storys) und Der Betrieb war noch nicht bereit dafür (in Wenn die Welt klein wird und bedrohlich) sind im Oktober zwei nicht-phantastische Kurzgeschichten von dir erschienen. Würdest du dich gerne häufiger außerhalb der Phantastik tummeln?

AR: Eigentlich schon, aber für längere Texte fehlt mir da das Durchhaltevermögen. Ich glaube, eine Rolle spielt dabei, dass ich mir bei einem Phantastik-Roman inzwischen relativ sicher sein kann, einen Verlag und Leser*innen zu finden. Bei Nicht-Phantastik müsste ich aber quasi ganz von vorne anfangen und da meine Zeitressourcen nicht so viele Projekte auf einmal zulassen, wähle ich am Ende dann doch wieder die sichere Nummer mit Phantastikelementen. Zuletzt hatte ich 2019 einen realistischen Jugendroman angeboten, eine Art Almost Famous mit Roadtrip durch den Osten Frankreichs. Das fand aber leider nicht so viel Anklang und es war dann erst mal wieder mein letzter Versuch in dieser Richtung (Kurzgeschichten ausgenommen).

PS: Nehmen wir einmal an, du bräuchtest keinerlei Rücksichten auf Verkäuflichkeit zu nehmen: Gibt es eine Art Traumprojekt, das du gerne einmal schreiben würdest?

AR: Ich hätte richtig Lust auf eine Urban-Fantasy-Soap-Opera mit Einzelbänden in Heftromanlänge, wiederkehrendem Figuren und Motiven, aber jeweils abgeschlossenen Episoden. Meine Ideen dazu sind noch etwas konkreter, aber ich will nicht, dass mir jemand meinen Trash-Traum klaut, weil er Elfenverschwörungen auf Instagram genauso unterhaltsam findet wie ich. Wenn ich irgendwann den Sprung ins Selfpublishing wage, dann sicher damit.

PS: Also, ich würd's lesen. 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Autorinnenfoto: Copyright by Alessandra Reß

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