"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 5. Februar 2020

"It's a very queer place" – Ein Besuch in Sesqua Valley

Unlike Lovecraft's cosmic fiction, my own
yarns are decidedely subterranean. (1) 

I've always loved and identified with monsters. (2)
Wilum Hopfrog Pugmire

Am 26. März des letzten Jahres verstarb mit W.H. Pugmire ein Schriftsteller und Poet, der für mich einer der ganz Großen der zeitgenössischen Weird Fiction war. Nun bin ich zwar bei weitem nicht so gut  mit seinem Oeuvre vertraut, wie ich es gerne wäre, doch da er selbst Sesqua Valley & Other Haunts einmal als den besten Einstieg in seinen großen Zyklus um das geheimnisvolle Tal im pazifischen Nordwesten und seine nicht weniger eigentümlichen Bewohner bezeichnet hat, dachte ich mir, ich könnte hier zumindest einmal diesen kleinen Sammelband von Short Stories und Gedichten vorstellen. Zumal Wilum hierzulande wohl eher weniger bekannt ist. (3)
– 1 –
W.H. Pugmires Eltern hatten sich kennengelernt, als sein Vater, ein Mormone aus Utah, mit der Navy in Seattle stationiert war. Seine Mutter war jüdischer Herkunft und trat nie zur Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage über. Das junge Paar zog zuerst nach Utah, doch sie kehrten in den Nordwesten zurück, als sie die Nachricht erreichte, dass "my mother’s father was murdered for being a 'red' during the communist witch hunt in the late 1940’s". Und da Pugmires Mutter ihre Kinder nicht als "Utah farmers" großziehen wollte, blieben sie schließlich in Seattle, wo der Vater einen Job bei Boeing annahm. Hier kam Pugmire am 3. Mai 1951 unter dem Namen "William Harry" zur Welt. Er wuchs ganz in den Traditionen und dem sozialen Milieu der mormonischen Gemeinde auf. Allerdings machte er dabei schon früh die schmerzliche Erfahrung des "Andersseins". Wie er in einem Interview mit Jeffrey Thomas erzählt hat:
I was a weird kid.  Believed I was a Witch when very young, as did my older sister.  She and I used to practice what we thought was magick.  Grew up knowing I was a sissy (loved playing house with the neighborhood girls, but always dressed LIKE them, wearing play dresses &c) and being tormented for it by grown-ups, kids at school, and thus I became an introvert and created my own realms of reality where I could be safe.
Schon bald entwickelte er eine leidenschaftliche Liebe für Horrorfilme, vor allem die alten Universal - Klassiker und die Hammer - Streifen. Christopher Lee blieb Zeit Lebens sein bevorzugter Dracula. Und natürlich konnte er auch dem Charme des wundervollen Vincent Price nicht widerstehen, der zu dieser Zeit seinen großen Run als Protagonist von Roger Cormans Poe-Filmen hatte.
Als Pugmire zum ersten Mal eine Ausgabe von Forrest J. Ackermans legendärem Magazin Famous Monsters of Filmland in die Finger bekam, war dies so etwas wie eine befreiende Offenbarung. Mit "Uncle Forry" gab es erstmals einen Erwachsenen, der seine eigene Begeisterung für Monster und Grusel teilte, die ihm bislang nichts als Spott und Häme eingebracht hatte.

Als Teenager fand er eine Anstellung in "Jones' Fantastic Show" (später "Jones' Fantastic Museum"), einer Art Kuriositätenkabinett mit klassischem "Carnival"-Einschlag, wo er umgeben von solch wunderlichen Ausstellungsstücken wie der "Man From Mars Machine" und dem mumifizierten "Olaf the Giant Viking" seine nach dem Vorbild Lon Chaneys. in London after Midnight gestaltete Vampir-Persönlichkeit "Count Pugsly"  entwickelte, die schon bald zu einer kleineren lokalen Berühmtheit wurde. Mehr noch – Forry Ackerman widmete ihm und dem Count schließlich sogar die Septemberausgabe 1969 von Famous Monsters of Filmland!
Pugmires großer Traum in diesen Jahren war es, einmal ein berühmter Horrordarsteller, der "nächste Boris Karloff", zu werden. Kein Wunder, dass auch seine ersten literarischen Gehversuche sich im dramatischen Bereich abspielten, von kurzen Theaterstücken für seine Kirchengemeinde bis zu Musical-Komödien, die er zusammen mit einem High School - Freund schrieb. Daneben versuchte er sich auch als Herausgeber eines Horrorfilm-Fanzines mit dem Titel Fantasia, was ihn in Verbindung mit Robert Bloch brachte. Er bat den Schriftsteller um einen kurzen Beitrag zu Forrest J. Ackerman, woraus sich eine längere Korrespondenz entwickelte.

Doch bevor Pugmire auch nur ernsthaft daran denken konnte, auf die Realisierung seiner Schauspielerträume zuzuarbeiten, erwartete ihn erst einmal die zweijährige Missionstätigkeit, die die Pflicht eines jeden jungen männlichen Mormonen ist. Auf Geheiß seiner Kirche begab er sich im September 1971 nach Omagh in Nordirland. Zu einem Zeitpunkt also, als dort mehr oder weniger offener Bürgerkrieg tobte. Ich habe keine Informationen darüber finden können, wie unmittelbar seine Erfahrungen mit der allgegenwärtigen Gewalt der "Troubles" tatsächlich waren. Psychisch belastend war die Zeit in der Fremde aber auf jedenfall. Doch zugleich stellte sie einen wichtigen Wendepunkt in seinem Leben dar.
Da ihm seine Kirchenoberen verboten hatten, weiter dem sündigen Vergnügen des Horrorkinos zu frönen, begann er stattdessen Horrorliteratur zu lesen. Er startete mit den Werken Blochs, mit dem er immer noch in Briefkontakt stand, und stürzte sich auf jede Anthologie, die Stories von ihm enthielt. Schon bald konnte er einen Koffer voller Horrortaschenbücher sein Eigen nennen. Dabei begegnete er auch den Erzählungen von H.P. Lovecraft. (4) Der Beginn einer lebenslangen Liebesbeziehung.
Von Bloch angefeuert versuchte er sich bald auch selbst im Schreiben unheimlicher Geschichten. Und tatsächlich gelang es ihm, eine erste Story (Whispering Wires) bei Space & Time unterzubringen.
Doch mittlerweile war die Situation in Irland für Pugmire so unerträglich geworden, dass er eine Lungenerkrankung vortäuschte, um eine vorzeitige Heimkehr zu "erzwingen". Stattdessen schickten ihn seine kirchlichen Vorgesetzten nach Las Vegas, wo er den Rest seiner Missionszeit verbrachte.

Wann genau der junge Pugmire mit sich selbst über seine Sexualität ins Reine kam, entzieht sich meiner Kenntnis. Doch die Zeit in Las Vegas scheint eine wichtige Etappe auf dem Weg zu seinem schließlichen Coming-out gewesen zu sein. Sein einzelgängerisches und exzentrisches Verhalten {so wiederbelebte er z.B. in seiner Freizeit die "Count Pugsyl" - Persönlichkeit} nährte den Verdacht der Kirchenoberen, dieser merkwürdige "Missionar" könnte vielleicht homosexuell sein:
Finally my mission president put a stop to it, as well as asking me if I was homosexual.  I confess'd that I had those feelings but that I had never "done anything." [...]  Being a closeted gay missionary was no fun.  Being in the closet is a soul-crusher; but when you are surrounded by a group of other guys your own age, all of whom seem "normal," it makes a young queer feel mighty lonely and malformed.
Nach seiner Rückkehr nach Seattle im Jahr 1973 begann er eine relativ kurze Affäre mit Jessica Amanda Salmonson, die zu dieser Zeit Mitherausgeberin des Literary Magazine of Fantasy and Terror war und gerade ihr eigenes Coming-out als Transfrau hatte. Dies führte schließlich zur offenen Konfrontation mit der mormonischen Gemeinde und Pugmires Ausschluss aus der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, wie er später in einem Interview erzählt hat:
Upon returning home I had a love affair with a male-to-female lesbian fantasy novelist, who caused a huge scandal when I brought her to the Young Adult Sunday School class I was teaching, which led to questions of my sexuality.  My Bishop asked me if I was sleeping with her, and I said, “Yes, but we’re both gay so it’s cool.”  After a shocked pause my Bishop asked if I was queer, which led to a few months of LDS [Latter-Day Saints] psych treatment, during which I decided to be all-the-way-gay and requested excommunication.  I attended my excommunication court in semi-drag.
Pugmire und Salmonson blieben lebenslange Freunde und arbeiteten später auch immer mal wieder literarisch zusammen. 
Irgendwo in diese Zeit müssen auch jene drei Monate fallen, während derer Pugmire in seinen eigenen Worten "worked ye streets as male whore".

Obwohl Theater und Film ihren Reiz für ihn nicht gänzlich verloren hatten, gab Pugmire sich doch schon bald vor allem seiner neuen Leidenschaft hin, die alle anderen Interessen schließlich in den Hintergrund drängen sollte: Dem Schreiben von Weird Fiction in der Tradition von H.P. Lovecraft. Sein neuer Traum und Ehrgeiz war es, einmal ein berühmter Cthulhu Mythos - Autor zu werden.

In den 70er Jahren begann sich die amerikanische Lovecraft-Szene merklich zu wandeln. Wie in einem Artikel von Bobby Derie beschrieben wird.
Following the death of August Derleth in 1971, the Mythos slowly opened up to a new and more diverse set of writers. During the 1970s and ’80s, the largest development of the Mythos and Lovecraftian fiction outside of Arkham House occurred in small-press magazines cheaply printed paper pamphlets, mostly written by and for amateur fandom. Amateur press associations such as the Esoteric Order of Dagon (EOD) would compile magazines for mass-mailings, allowing wider dissemination of new poems, short fiction, and articles about Lovecraft and the Mythos to be disseminated outside of the editorial control of any one publisher.
Pugmire war Teil dieser im Wandel begriffenen Szene. Ab 1974 gab er ein eigenes Fanzine mit dem Titel Midnight Fantasies heraus (5). Es folgten Old Bones (1975-1976), Visions from Khroyd’hon (1976) und Queer Madness (1980-1981). Seine ersten lovecraftianischen Kurzgeschichten wie Never Steal From a Whateley; O, Christmas Tree; Crimson and Clown White und The Thing in the Glen erschienen in Fanzines wie The Diversifier und Astral Dimensions oder aber erneut in Space & Time. Sein Kumpel Dave Billman, der die Cover-Illustrationen für Midnight Fantasies zeichnete, gab ihm den Namen "Wilum", "telling me he thought it sounded like the name of some backwoods Dunwich denizen". Wann er sich selbst den zweiten Namen "Hopfrog" zulegte – im Gedenken an Edgar Allan Poes zwergenhaften Hofnarren – weiß ich nicht.

Auch wenn sich mit dem Hinscheiden Derleths der Weg für innovative Entwicklungen in der Szene geöffnet hatte, blieb der Einfluss des Arkham House - Chefs und selbsterklärten Sachwalters des lovecraftschen Erbes doch noch lange sehr deutlich spürbar. Auch Pugmire war in dieser frühen Phase seines schriftstellerischen Schaffens stark geprägt von Derleths Tales of the Cthulhu Mythos und Lin Carters A Look Behind the Cthulhu Mythos. Und was er dort gelernt hatte, war vor allem, dass ein "Mythos"-Autor seine eigenen Großen Alten, Grimoires und Monster erfinden müsse – "all of the stupid cliches", wie er später selbst kommentierte. Zu seinen frühen Vorbildern gehörte allerdings auch Ramsey Campbell, was man als ein erstes Anzeichen für die sehr eigene Richtung interpretieren könnte, die er später einschlagen sollte. Auch begann er sich intensiv mit Leben und Werk von Oscar Wilde und Henry James zu beschäftigen, von denen vor allem letzterer zu einem seiner wichtigsten literarischen Einflüsse werden würde.
Pugmire kam in diesen Jahren in Kontakt mit mehreren Mitgliedern des alten "Lovecraft-Zirkels" der 30er Jahre, vor allem H. Warner Munn und J. Vernon Shea. Munn lebte in Tacoma (Washington) und eine Zeit lang verbrachte er jedes Wochende bei dem alten Schriftsteller, der zu einer Art Vaterfigur für ihn wurde. Vielleicht noch enger war seine Freundschaft mit Shea, obwohl sich die beiden nie "in persona" trafen, dafür aber eine extrem umfangreiche Korrespondenz unterhielten:   
Vernon wrote one or two articles on homosexual themes found in Lovecraft's fiction, and over time I came to suspect that Vernon was himself gay – but he never told me if that was so, and I never insisted on knowing. He was one of the first to whom I came out when I embraced my queerness, […] Initially, our letters to each other were pages and pages in length, because I was such an obsess'd HPL fan-boy and it was thrilling to correspond with someone who had actually known Lovecraft. He was extremely encouraging when reading my first attempts at writing weird fiction, but I don't think he ever imagined I'd amount to anything as a writer.
Der Tod der beiden Männer im Januar 1981 bestärkte ihn in der Entscheidung, das Schreiben von Weird Fiction vorerst an den Nagel zu hängen. Zumal er nicht wirklich zufrieden mit dem war, was er bislang zu Papier gebracht hatte.

Stattdessen stürzte er sich Hals über Kopf in Seattles Punk-Szene. Im Schwulen - Milieu hatte er sich nie so recht heimisch gefühlt: "I never felt welcomed in the gay scene of the 1980s cos I'm so weird and most of the gay men one meets in bars are just boring and conventional." Er brauchte ein Umfeld, in dem das völlige "Anderssein" nicht länger ein Stigma war. Der Punk schien ihm dies zu bieten. Wann genau er begonnen hatte, seinen Punk - Drag Queen - Look zu pflegen, entzieht sich zwar meiner Kenntnis, doch zumindest anfangs fühlte er sich auch in dieser Szene nicht 100%ig willkommen. Die Punks fanden seine Erscheinung zwar schon cool, aber "had a bit of a problem with how absolutely queer I was. So I felt like an outsider in both worlds". Doch nachdem er im April 1981 begonnen hatte, sein leidenschaftliches Fanzine Punk Lust herauszugeben, wurde er schon bald zu einem "Helden" der Szene. Er hatte seine Heimat gefunden.
I was the high school sissy nerd that was always being shoved into lockers and mocked. The idea that I could be "cool" was so alien. I loved live punk, and began to go to more shows and smaller clubs. I knew I had found my scene [...]  Punk rock not only changed my life, it saved my life.
Nie wieder würde er davor zurückschrecken, seine eigene Individualität offen und stolz zur Schau zu stellen. Nie wieder würde er darauf verzichten, kompromisslos der zu sein, der er war.   
It was great fun being a queer punk exhibitionist when I was riding public transport and walking downtown looking fabulous-ridiculous. Part of it was being punk-rock confrontational, using my look and lifestyle to flip ye finger at societal decorum. But here was the weird thing. Outrageous as I looked, my personality was that of a very shy introvert.
Mitte der 80er Jahre begann Pugmire dann erneut zu schreiben. Sein Leben in der Punk-Szene war dafür ein wichtiger Katalysator, wie er ein Jahrzehnt später in der vierten Ausgabe von Tales of Lovecraftian Horror erklären würde:
It is a strange and curious fact that I found myself as an author and Lovecraftian only after I began to live the punk rock lifestyle. Before then I had a sense of being different, but it wasn’t until I stuck that pin in my ear and shaved off some of my hair that I began to truly feel like The Outsider. […] I mentioned Lovecraft in the early issues of Punk Lust, and was delighted when I’d go to local gigs and people would come up to me and shout with drunken fervor, “Ia! The Crawling Chaos!” 
Sein Traum war es nicht länger, ein "berühmter" Mythos-Autor zu werden. Sein neuer Ehrgeiz bestand vielmehr darin, die Weird Fiction als eine wirkliche literarische Kunst zu pflegen. Wie er es viele Jahre später ausdrückte:
I became interested in the idea of writing weird fiction that was not only eerie but poetic, beautifully expressed.  I felt a yen to become "the Oscar Wilde of Lovecraftian horror".  I am still extremely interested in writing weird fiction that is as near to art as I can make it.  I feel that this requires writing fiction that is not only excellent but deeply personal, an expression of one's soul and passion, of that which haunts one's mind.  If we can make our weird fiction perversely our own, we have gone far, I feel, in doing work that is original and vital.  But just as important is that we strive for excellence, we learn in any way we can how to write, even poor uneducated sods such as myself.
Seine Geschichten erschienen hauptsächlich in Small Press - Magazinen wie Death Realm, Grue, Arcanum, Al-Azif und Jessica Salmonsons Fantasy Macabre. Doch als er für das Magazin seiner Freundin 1986 Pale, Trembling Youth schrieb, überarbeitete diese mit seiner Erlaubnis die Story noch einmal und schickte sie an Dennis Etchison, der sie in seine Anthologie Cutting Edge aufnahm, wo Pugmires Name erstmals neben denen von Clive Barker, Robert Bloch, Ramsey Campbell und Karl Edward Wagner erschien.
1987 begann Pugmire mit der Unterstützung von Robert M. Price das Magazin Tales of Lovecraftian Horror herauszugeben. Die Auswahl der Geschichten spiegelte seine gewandelte Einstellung zur lovecraftianischen Weird Fiction wieder. Er schrieb in seinem ersten Editorial:
I knew that I did not want trendy Cthulhu Mythos fiction. I am not anti-Mythos; but I hate the way it has usurped other forms of Lovecraftian horror. [...] The Mythos has been overused, and most of the newer tales bore me, be they by fans or pros. I find very few of them truly “Lovecraftian,” seeming more like the kind of thing Derleth was wont to write. I have no intention of publishing Cthulhu Mythos stories in TOLH. The small press has the delicious ability to act as an alternative to what is trendy, popular, and commercial. It is this alternative side of Lovecraftian horror that I hope to present. [...]  Instead of writing formula stories, we can use Lovecraftian themes as a foundation on which to try to build our own unique fiction. […] A good Lovecraftian tale should, I feel, express things that move us to profound emotions. [...] Writing horror fiction  is not an attempt to escape from reality, rather, as it was with Lovecraft, it is an expression of those aspects of reality that move us creatively, as artists. And as humans.  
Pugmire war damit einer der ersten, der neue und alternative Stimmen in der lovecraftianischen Literatur förderte. Zugleich umriss er damit das Programm seines eigenen künftigen Schaffens: Keine Pastiches, keine Cthulhu-Tentakel-Geschichten, sondern sehr persönliche, emotionale und zugleich sprachlich-stilistisch fein gearbeitete Erzählungen.
Sein erster Sammelband Tales of Sesqua Valley erschien 1997, es folgten u.a. Tales of Love and Death (2001), Sesqua Valley & Other Haunts (2003), The Fungal Stain and Other Dreams (2006), Some Unknown Gulf of Night (2011), The Strange Dark One (2012), Bohemians of Sesqua Valley (2013) und {zusammen mit Jeffrey Thomas} Encounters with Enoch Coffin (2013).

Nach einer Art religiösem Offenbarungserlebnis im Frühling 2002 bemühte sich Pugmire um die Wiederaufnahme in die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Allerdings war er nicht bereit, dafür irgendeinen Teil seiner Persönlichkeit zu verraten: "I insisted that if they let me back in I will be a totally queer Mormon, but celibate." Da er seit 1985 ohnehin gänzlich "zölibatär" lebte – "my romances have all been non-sexual love relationships with punk rock boys" – bedeutete der Verzicht auf Sex für ihn kein Opfer. Dennoch dauerte es zwei Jahre, bis man ihm erlaubte, in die mormonische Gemeinde zurückzukehren.
 
In den letzten Jahren seines Lebens litt W. H. Pugmire unter zunehmenden Herzproblemen, denen er am 26. März 2019 schließlich erlag.
– 2 –
Als Wilum Pugmire in den 70er Jahren in bester Fanboy - Manier begann, seine eigenen lovecraftianischen Stories zu schreiben, gab es dabei zumindest eine positive Lektion, die er von August Derleth gelernt hatte. Aus Lin Carters A Look Behind The Cthulhu Mythos war ihm bekannt, dass Derleth dem jungen Ramsey Campbell geraten hatte, seine Geschichten nicht im klassischen neuenglischen "Lovecraft Country" (Arkham, Dunwich, Innsmouth, Kingsport) anzusiedeln, sondern ein eigenes, britisches Setting für sie zu schaffen, als dessen Vorbild ihm vertraute Landschaften dienen sollten. Sich diesen Ratschlag zueigen machend kreierte Pugmire seine eigene Provinz des lovecraftianischen Universums – Sesqua Valley. 
Als Inspiration diente ihm die Ortschaft North Bend (Washington), wo er in seiner Kindheit jeden Sommer zwei Monate bei seiner Tante und ihren Kindern verbracht hatte. Snoqualmie Valley wurde dabei zu Sesqua Valley, Mount Si zu Mount Selta. Die gesamte Landschaft seiner Geschichten erhielt das Ambiente der Wälder des pazifischen Nordwestens. Lustigerweise würde North Bend später als Drehort von Twin Peaks Berühmtheit erlangen.
    
Sesqua Valley & Other Haunts beginnt zwar mit O, Christmas Tree, jener zusammen mit Jessica Amanda Salmonson geschriebenen Story, in der das Tal erstmals Erwähnung fand, doch ist Vorsicht angebracht  Pugmire war berühmt dafür, seine Geschichten bei jeder Neuveröffentlichung intensivst zu überarbeiten. Mitunter blieb da vom ursprünglichen Text nicht viel erhalten. Die Geschichte, die wir in dem Sammelband zu lesen bekommen, ist also nicht die, die 1975 erstmals erschien. Dasselbe gilt für alle Stories, die nicht extra für den Band geschrieben wurden. Dennoch lässt dieser immer noch ein wenig die Entwicklung erkennen, die Sesqua Valley {und Pugmires Oeuvre} über die Jahrzehnte durchgemacht haben.
Zu Beginn diente das Tal einfach als cooles Setting, in dem der Autor seine selbsterfundenen Götter, Monster und Grimoires ansiedeln konnte. Doch mit der Zeit nahm Sesqua Valley einen ganz eigenen, phantastischen Charakter an, der es immer weiter von den klassischen Lovecraft-Landschaften abrückte. Pugmire selbst beschrieb es einmal als "my combination of [...] Dunwich and Dreamlands", und fügte hinzu: "I read in Lovecaft that the forest of the Dreamlands touches the world of men at two places –  and I decided that one of those two places would be Sesqua Valley."
Ein schönes Beispiel dafür, wie sich der Zyklus  entwickelt hat, ist die Kurzgeschichte The Ones Who Bow Before Me {ursprünglich Candlewax}. Ein Möchtgernokkultist entwendet ein finsteres Grimoire aus Dunwich und findet ein ziemlich grausiges Ende, als er eine der darin beschriebenen Zeremonien durchzuführen versucht. So weit, so unspektakulär. Doch als Pugmire die erste Version der Geschichte noch einmal überarbeitete, kam ihm plötzlich die Idee, einen abschließenden Paragraphen hinzuzufügen, in dem der Verfasser des Grimoires einen Auftritt hat und auf groteske Weise mit seinem verlorengegangenen Buch wiedervereinigt wird. Und so wurde der wohl berühmteste Bewohner von Sesqua Valley geboren: Simon Gregory Williams. Das Grimoire geriet schon bald in Vergessenheit, doch der Hexenmeister selbst sollte noch viele Auftritte haben und zu einer der zentralen Figuren des Zyklus werden.

Liest man sich durch die Geschichten in Sesqua Valley & Other Haunts kann man miterleben, wie sich die phantastische und dekadente Welt des geheimnisvollen Tals und seiner Bewohner mehr und mehr vor einem entfaltet.
Seine dichten, dunklen Wälder, in denen hier und da bizarre Kunstwerke oder uralte Steinsäulen herumstehen, während schattenhafte Gestalten oder zottige, satyrhafte Kreaturen zwischen den Bäumen herumhuschen. Die Zwillingsgipfel von Mount Selta, der wie ein düsterer Gott über dem Tal thront und von dessen Anhöhe des Nachts mitunter das klagende Heulen andersweltlicher Wesen herüberschallt. Die malvenfarbenen Nebel, deren Heraufziehen möglicherweise andeutet, dass die Mauer zwischen den Welten gerade besonders durchlässig geworden ist. Der ekstatische Klang einer Flöte. Der Geschmack von Mandelmilch. Der dumpf pulsierende Herzschlag von Sesqua Valley.
Und dann natürlich die Kinder des Tales mit ihren silbern funkelnden Augen. Der sardonische, selbstverliebte und charismatische Simon Gregory Williams, "Erstgeborener des Tales", "The Beast of Sesqua Valley". Die ziegengesichtige Bildhauerin Edith. Der junge Nelson. Adam Webster. Die Whateley-Schwestern Virginia ("Ginnie") und Vanessa.
Freilich ist das alles nur ein erster Einblick in dieses faszinierende Universum. So hören wir zum Beispiel nur am Rande von William Davis Manly, dem Dichter von Sesqua Valley. Und Marceline begegnet uns in diesen Geschichten leider noch überhaupt nicht. Pugmire schuf Simon Gregory Williams' dunkelhäutiges, weibliches Pendant als bewusste Antwort auf Lovecrafts Rassismus und seine (vermeintliche?) Misogynie, und gab ihr sicher nicht zufällig den Namen der dämonischen "Mulattin" aus Medusa's Coil. (6)
Auch gehören nicht alle Geschichten in dem Sammelband zum Sesqua Valley - Zyklus. The Hands That Reek and Smoke ist eine von Pugmires Nyarlathotep-Stories. The Zanies of Sorrow seine große Huldigung an Oscar Wilde. Außerdem enthält der Band noch den Sonett-Zyklus The Songs of Sesqua Valley

Wie bei vielen jugendlichen Lesern war auch bei Pugmire die Liebe zu Lovecraft ursprünglich dem Gefühl des eigenen Außenseitertums entsprungen. Eine Erfahrung, die er im Werk des alten Gentleman wiedergespiegelt fand. Doch wie er in seinen eigenen Geschichten mit diesem Thema umgeht, unterscheidet sich letztenendes sehr stark von der Herangehensweise seines großen Vorbilds. Er schrieb zwar sein Leben lang dezidiert lovecraftianische Weird Fiction, schuf dabei aber ein ganz persönliches Werk, dessen Geist in vielem das genaue Gegenteil Lovecrafts ist.

So ist die kosmische Verlorenheit nicht Pugmires Thema. Nicht zufällig knüpft er in seinem eigenen Oeuvre nur selten an Lovecrafts spätere {und vermeintlich "reifere"} Werke wie The Call of Cthulhu, At the Mountains of Madness oder The Shadow out of Time an, sondern sehr viel häufiger an die "Gothic" - Phase des alten Gentleman. Bei Pugmire geht es vielmehr sehr häufig um die Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Verbundenheit, nach Liebe und Gemeinschaft. Wie er im Nachwort zu The Million-Shadowed One erklärt, einer Geschichte, die er für den autistischen Sohn seiner Freunde Rose und Jeffrey Thomas geschrieben hatte:
As with many of my Sesqua Valley stories, this one is preoccupied with the theme of Love. As a child I was such a freak that I never felt love from family or society.  I was always being critiqued and made fun of for being so stupid, lame and weird. Perhaps part of the reason I created Sesqua Valley was so that I could have a place where all the weirdness that is within could find a home of acceptance and love. (7)
Eine besonders traurige und berührende Geschichte aus dem Sammelband, The Woven Offspring, entsprang dem Andenken an die große Liebe von Pugmires Leben, den Punk-Musiker Todd Nelson, der 1995 an einer Überdosis Heroin gestorben war.
 
Wie man sich wahrscheinlich denken kann, findet sich bei ihm ebensowenig das lovecraftsche Thema der Angst vor dem "Unbekannten", dem "Anderen". Jedenfalls nicht in seiner traditionellen Form. Im Gegenteil, wie Pugmire selbst es einmal formuliert hat: "Most of his [Lovecrafts] characters flee from the horrors; mine ARE the horrors, or long to be so". Und: "I think part of what affects my work is boredom with normal people, and thus my characters are usually freakish in some way."
Wenn man seine Welt mit der Lovecrafts verbinden wollte, böte sich am ehesten das Ende von The Shadow over Innsmouth an, wenn der Erzähler sein monströses Erbe annimmt und begeistert dem Leben unter den Wogen in Gesellschaft der Deep Ones entgegenschaut:
We shall swim out to that brooding reef in the sea and dive down through black abysses to Cyclopean and many-columned Y’ha-nthlei, and in that lair of the Deep Ones we shall dwell amidst wonder and glory for ever.
Doch was bei Lovecraft vermutlich als das ultimative Grauen gedacht war – der arische Gentleman, der es nicht länger als abstoßend empfindet, ein groteskes Hybridwesen zu sein – wird bei Pugmire zu einer verführerischen Perspektive, die allerdings immer noch ambivalent – mal anziehend, mal verstörend, oft beides zugleich – dargestellt wird. Das Motiv der Transmutation spielt jedenfalls eine große Rolle in seinen Geschichten.
 
Auch ist Pugmires Oeuvre völlig frei von Lovecrafts Sinnenfeindlichkeit. Seine Geschichten atmen vielmehr eine Art chtonische Sinnlichkeit. Diese kann zwar mitunter verstörend und beunruhigend wirken, aber sie macht zugleich einen Gutteil des Zaubers aus, der Sesqua Valley umgibt. Und natürlich besitzt sie recht oft eine erotische Komponente, auch wenn es kaum je zu expliziten Sexszenen kommt. Dabei sticht die fließende sexuelle Identität der Talbewohner ins Auge. Die meisten von ihnen würde man wohl als "pansexuell" bezeichnen, wenn einem solche Kategorien wichtig sein sollten.

Pugmires Geschichten leben von ihrer Atmosphäre, nicht von ihren Plots. Dabei spielt die poetische Schönheit seiner Sprache eine zentrale Rolle. Manch einer mag seinen kunstvoll gearbeiteten, dekadenten Stil irritierend finden oder als eine prätentiöse Pose abtun, für mich trägt gerade er viel zu dem besonderen Reiz dieser Erzählungen bei. Wie der Autor einmal in einem Interview erklärt hat: "I want my tales to be works of beauty, in language and imagery. Although they must entertain, they must also be serious works of literature, as far as I am able to create such a thing." Ich denke, das ist ihm in hohem Maße gelungen.

Es wird kaum jemanden verwundern, dass Wilum H. Pugmire nie ein "kommerzieller" Autor war. Zu keinem Zeitpunkt konnte er mit dem Schreiben seinen Lebensunterhalt verdienen. Und er strebte das auch gar nicht an:
It was always to be “my art,” and writing for the small press made it possible for me to write what I wanted to write in the manner I wished to write it. I never go out looking for pro markets to write for, I just wait for editors to ask me for submissions. I want to be unique and do my own thang, I want to be Lovecraftian up ye arse. I don’t want to have to conform as a writer so as to write for some commercial market, to have to consider what sells and what doesn’t. Boring!
Auf keinem anderen Weg hätte ein Werk wie das seine entstehen können. Und ohne diese aus purer Leidenschaft geborenen Erzählungen wäre die Weird Fiction wahrlich um vieles ärmer.



(1) W.H. Pugmire: Sesqua Valley & Other Haunts. S. 44.
(2) A Storybook World: Interview with Author W. H. Pugmire
(3) Der Blitz-Verlag hat einen Sammelband unter dem Titel Der Dunkle Fremde herausgegeben, und einige seiner Stories sind wohl in verschiedenen Horror-Anthologien erschienen, doch das war's dann glaub ich auch schon.
(4) Dies war seine erste Begegnung mit HPL in gedruckter Form. Schon Jahre zuvor hatte er Roddy McDowalls Lesungen von The Hound und The Outsider kennengelernt, die ihm vom Besitzer eines benachbarten Plattenladens zugesteckt worden waren.
(5) Einige Ausgaben von Midnight Fantasies kann man sich über die Website der Lovecraft eZine anschauen.
(6) Wenn es darum ging, seinem Abscheu über Lovecrafts Bigotterie Ausdruck zu verleihen, nahm Pugmire kein Blatt vor den Mund und konnte seine "literarische Muse" schon auch mal "H.P. Dumbfuck" nennen.
(7) W.H. Pugmire: Sesqua Valley & Other Haunts. S. 106.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen