"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 12. Februar 2020

Pulp-Collage

Allen, die ein Interesse an lovecraftianischer Weird Fiction, Robert E. Howard oder ganz allgemein der Phantastik der Pulp-Ära haben, kann ich die Essays von Bobby Derie nur allerwärmstens ans Herz legen. Auf seinem Blog On An Underwood No. 5 geht es hauptsächlich um "Two Gun" Bob, während Deep Cuts in a Lovecraftian Vein "[is] dedicated to examining some of the lesser-known works of the [Cthulhu] Mythos. Stories I particularly want to focus on [...] involve writers and protagonists that are female or POC, LGBTQ issues, and related themes of sex, gender, race, and all the other bits and pieces that people don’t normally like to talk about." Daneben hat der gute Mann auch zwei Bücher geschrieben: Sex and the Cthulhu Mythos {von dem es sogar eine deutsche Übersetzung gibt} und Weird Talers. Letzteres liegt momentan auf meinem Nachttisch.

Es war dieser Deep Cuts - Beitrag vom letzten Dezember über Robert Lowndes' Story The Leapers, der mich vor ein paar Tagen auf ein kleines Recherche-Abenteuer geschickt hat. So weit es um die Geschichte selbst geht, stammt das meiste des folgenden Posts aus Bobby Deries Artikel. Doch da mich meine Recherche {wie üblich} sehr rasch auf Abwege geführt hat, ist er doch mehr als bloß ein schamloses Plagiat.

Robert W. Lowndes (1916-98) dürfte in erster Linie als Herausgeber zahlreicher Phantastik-Magazine bekannt sein. So leitete er über die Jahrzehnte u.a. Future Science Fiction (1941-60), Science Fiction Quarterly (1941-43/1951-58), Science Fiction Stories (1953-60), Startling Mystery Stories (1966-71), Dynamic Science Fiction (1952-54), Famous Science Fiction (1966-69) und das Magazine of Horror (1963-71). Doch daneben betätigte er sich auch selbst als Schriftsteller. Und zumindest in seiner Frühzeit war er dabei recht stark von Lovecraft beeinflusst.

Geboren in Bridgewood (Connecticut) arbeitete Lowndes nach seinem High School - Abschluss eine Zeit lang im Civilian Conversation Corps (CCC), einer der im Zuge von Franklin D. Roosevelts New Deal gegründeten staatlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Zwischendurch besuchte er aber auch kurz das Stamford Community College. Die Arbeit als Hilfskraft in einem Krankenhaus brachte ihm später den Spitznamen "Doc" ein.  Mitte der 30er Jahre siedelte er nach New York über und trat in die Reihen des dortigen SF-Fandoms ein. Die Verhältnisse, unter denen er zu dieser Zeit lebte, waren äußerst ärmlich. Ein Beitrag auf Tellers of Weird Tales beschreibt es so: "By the late 1930s, out on his own again, he was living in poverty, staying at the YMCA or sleeping in subways and eating by way of handouts from friends."

Ende 1936 schickte Lowndes einen ersten Brief an Lovecraft, woraufhin eine kurze Korrespondenz zwischen den beiden entstand, die durch HPLs Tod im März 1937 ein jähes Ende fand. Wie es seine Art war, ermunterte der alte Gentleman von Providence seinen jungen Fan dazu, seinen schriftstellerischen Ambitionen nachzugehen. Allerdings scheint der junge Lowndes das Konzept des "Kosmischen Horrors" nicht recht begriffen zu haben. Wie er Jahrzehnte später in Nr. 62 von Crypt of Cthulhu (Candlemas 1989) erzählte:
So I finally wrote him that winter, and in the course of my first letter told him what had bothered me about At the Mountains of Madness, and some of the other stories: the discovery of the unknown always led to madness and destruction. couldn’t some unknown things possibly be beautiful, leading to greater happiness, etc.?
His reply was that such stories must have such an ending, because the universe was really a terrible place and only our relative ignorance and limitations made it endurable to us; to seek to go beyond those limitations, to find the real nature of things, would inevitably be shattering. it is only our illusions of order and relative safety that protect us from madness. (That is, of course, a paraphrase of what he wrote me.) The seence of horror lay in abnormalities, in violations of what we consider to be natural law, dislocations of time and space, etc. […]
Die Meinungsverschiedenheit konzentrierte sich offenbar auf das Motiv der "verbotenen Bücher". Wie Lowndes in seinem Vorwort zur überarbeiteten Fassung von The Leapers schrieb, die er 1968 in der Septemberausgabe des Magazine of Horror veröffentlichte:
While written as a “Lovecraft story”, even the earlier version contained one fundamental departure from HPL – a matter about which your editor and The Master had argued back in 1936, shortly before he died: that reading “Forbidden Books”, etc. had to bring about dreadfl and horrible events, and that such knowledge leads invariably to destruction. While we would not quarrel, even now, with Lovecraft’s statements that reading the Necronomicon would be the beginning of a Frightful End for you, we do assure you that, for a strong mind, the Song Of Yste need not be fatalunless you’re bored to death. 
Song of Yste ist Lowndes' eigenes Grimoire.
 
In der zweiten Hälfte der 30er Jahre tobten heftige Auseinandersetzungen im New Yorker SF-Fandom, die auf einem Gemisch aus politischen und persönlichen Faktoren beruhten. Die selbst erst 1934 auf Initiative Hugo Gernsbacks gegründete Science Fiction League hatte schon bald die Kritik eines von Don Wollheim und John Michel angeführten radikalen Flügels auf sich gezogen. Auf der Third Eastern States Science-Fiction Convention, die im November 1937 in Philadelphia stattfand, trug Wollheim die von Michel verfasste Rede Mutation or Death vor – eine Kampfansage gegen den selbstzufriedenen Eskapismus der gernsback'schen SF und ein Aufruf, das Genre möge sich endlich den Herausforderungen einer von Weltwirtschaftskrise, Faschismus und Kriegsgefahr geprägten Wirklichkeit stellen: 
Today we are face to face, face to face, I repeat, with the choice: civilization or barbarism – reason or ignorance. 
As idealists, as visionaries, we cannot retreat before this challenge. We must accept it and carry the battle into the enemy's camp. Hitherto, this challenge has not even been recognized, much less accepted. [...]
[H]ow sick we are at base of this dull, unsatisfying world, this stupid asininely organized system of ours which demands that a man brutalize and cynicize himself for the possession of a few dollars in a savage, barbarous, and utterly boring struggle to exist.
We say: "Put a stop to this – NOW!" 
We say: "Smash this status quo of ours by smashing the present existing forms of economic and social life!" Boldly, perhaps a bit crudely, we say: "Down with it!" Down with it before the war-lovers clamp on the screws and bind us in submission for who knows how long! [...]
We come out wholly and completely in support of every force seeking the advancement of civilization along strictly scientific and humanitarian lines. 
All help to the democratic forces of the world ! 
All help to the heroic defenders of Madrid and Shanghai, defenders of democracy! 
Death and destruction to all forms of reaction! (1)
Dass das nicht auf ungeteilte Zustimmung im Fandom stieß, wird vermutlich niemand wundern. Das konservative Lager scharte sich um Sam Moskowitz, der seine Gegner mit dem Spottnamen "Bolos" ("Brooklyn Bolsheviks") belegte. Persönliche Animositäten verstärkten noch den politisch-weltanschaulichen Gegensatz.

Ob sich Lowndes schon 1935 den "Michelists" anschloss, als man sich zum ersten Mal in der New Yorker Science Fiction League begegnete, weiß ich nicht genau (2). Auf jedenfall wurde er schon bald in den Freundeskreis um Wollheim, Michel und Frederik Pohl aufgenommen. Und als am 18. September 1938 in einer sonst häufiger von der Young Communist League genutzten Halle in Brooklyn erstmals die Futurians zusammentraten, gehörte er zu den Gründungsmitgliedern.

Da Artikel wie der auf Tellers of Weird Tales  oft den Eindruck erwecken, die Futurians seien ein reiner "Boys' Club" gewesen, möchte ich an dieser Stelle kurz unterstreichen, dass dem keineswegs so war. Neben Isaac Asimov, James Blish, Hannes Bok, Damon Knight, Cyril Kornbluth, Robert Lowndes, John Michel, Frederik Pohl, Arthur W. Saha, Donald Wollheim und Dirk Wylie (Harry Dockweiler) gehörten den Futurians auch Elsie Balter, Mary Byers, Rosalind Cohen, Jessica Gould, Virginia Kidd, Judith Merril und Leslie Perri (Doris Baumgardt) an. Knight zufolge waren fünf der vierzehn "Kernmitglieder" Frauen. Die inoffizielle "Führung", das sogenannte "Quadrumvirat", bestand mit Wollheim, Michel, Lowndes und Pohl freilich ganz aus Männern.

Die Weltsicht der Futurians war stark geprägt von der Erfahrung der Weltwirtschaftskrise. Wie Damon Knight später geschrieben hat: "For people of Lowndes's generation the Great Depression was something that had always existed; it was just the way things were." Und Wollheim erklärte:
The problem was that you had no future. I mean you were eighteen, nineteen, and there were absolutely no jobs, no openings, no anything. It was an endless futility – you knew what you wanted to do, but there wasn't a chance in the world. 
Aber vergessen wir daneben auch nicht, dass die Jahre, in denen diese jungen Leute versuchten, ihren Platz in der Welt zu finden, einige der gewaltigsten Klassenkämpfe der amerikanischen Geschichte erlebt hatten von den Generalstreiks in Minneapolis, Toledo und San Francisco 1934 bis zu den  Sit-Down-Streiks in der Autoindustrie 1936/37. Was die objektiven Faktoren angeht befanden sich die USA tatsächlich in einer vorrevolutionären Lage. Zugleich war der Faschismus nicht bloß ein fernes europäisches Schreckgespenst, sondern zeigte seine Fratze auch in Amerika selbst in Gestalt von William Dudley Pelleys Silver Legion und Father Coughlins Christian Front. Am 20. Februar 1939 fand die große Nazi-Versammlung im Madison Square Garden statt, zu der der German American Bund aufgerufen hatte und bei der mehr als 20.000 Leute anwesend waren.

Nicht alle Futurians bekannten sich zum Sozialismus, aber doch die allermeisten. Auch wenn manche von ihnen, wie Isaac Asimov, dies in späteren Jahren gern verleugneten. (3) Die große Mehrheit sympathisierte mit der stalinistischen KPUSA, aber Judith Merril z.B. engagierte sich nach dem Bekanntwerden des Hitler-Stalin-Paktes eine Zeit lang sehr stark bei den Young Socialists, der Jugendorganisation der trotzkistischen Socialist Workers Party. Ihre radikalen politischen Überzeugungen und ihr Hang zu spektakulären Protestaktionen führten dazu, dass die meisten Futurians von der am 2. Juli 1939 in New York stattfindenden Ersten Worldcon ausgeschlossen wurden. Alles in allem dürfen wir sie in Lebensstil wie Weltanschauung wohl als ziemlich typische linke Bohèmiens bezeichnen.

Die Verbindung zu Lovecraft mag vor diesem Hintergrund merkwürdig erscheinen. Denn auch wenn dieser gegen Ende seines Lebens gleichfalls im Sozialismus die Zukunft der Menschheit erblickte, verstand er darunter doch etwas völlig anderes als die "Bolos". Er charakterisierte sich selbst vielmehr als "a cross betwixt a fascist & an old-time non-bolshevik socialist". (4) Und doch war Lowndes offenbar nicht der einzige Lovecraft-Fan unter den Futurians. So erzählt Frederik Pohl, er habe zusammen mit Lowndes und Harry Dockweiler in den 30er Jahren "four or five mercifully unpublished, more or less Lovecraftian horror tales" geschrieben, und fügt hinzu: "If any of these stories survive and you come across one, I urge you to read something else as rapidly as possible".

Pohl war auch der erste Futurian, dem es 1940 mit Astonishing und Super Science gelang, einen Posten als Herausgeber zu ergattern. Ihm folgte noch im selben Jahr Lowndes mit Future Science Fiction. 1941 übernahm Wollheim dann die Leitung von Cosmic und Stirring Science Stories. 
Wie zu erwarten, veröffentlichten die drei Futurians in ihren Magazinen viele Stories ihrer Freunde. Und mitunter verkauften sie auch Geschichten an sich selbst, die dann für gewöhnlich unter einem Pseudonym abgedruckt wurden. Demtentsprechend erschien Lowndes' erste lovecraftianische Geschichte The Abyss, in der auch der Song of Yste eingeführt wird, im Februar 1941 in der ersten Ausgabe von Wollheims Stirring Science Stories. Ihr folgten im April und Juni die beiden Gedichte The Burrowers Beneath und Forbidden Books. Im März 1942 erschien hier dann auch die Story The Long Wall, die manchmal dieser Gruppe zugerechnet wird, obwohl sie keine explizit lovecraftianischen Elemente enthält.

Drei weitere Gedichte – The People of the Pit, Nyaghoggua und For Howard Phillips Lovecraft wurden erstaunlicherweise 1941 in Famous Fantastic Mysteries veröffentlicht. 

Die Munsey Company, die mit Magazinen wie Argosy zu den Gründern der Pulps gehörte, hatte 1939 beschlossen, ein Magazin herauszugeben, in dem ältere phantastische Geschichten aus ihrem inzwischen riesigen Repertoire neu aufgelegt werden sollten. Als Herausgeberin engagierte man Mary Gnaedinger, der es nicht nur gelang, Virgil Finlay von Weird Tales abzuwerben, sondern die auch ein äußerst geschicktes Händchen bei der Auswahl der Stories bewies, was Famous Fantastic Mysteries schon bald zu einem der erfolgreichsten Phantastik-Pulps der Zeit machte. Dabei spielte Gnaedingers Umgang mit dem Fandom eine wichtige Rolle. Obwohl sie selbst nicht aus der Szene stammte, zeigte sie sich offen und interessiert, was ihr schon bald Respekt und Anerkennung einbrachte. Wie sie immer wieder betonte, sollte das Magazin in erster Linie dazu dienen, den Fans erneut Zugang zu "ihren Klassikern" zu verschaffen. Sein Inhalt werde "dictated by your requests". Darüberhinaus bemühte sich Gnaedinger auch um persönlichen Kontakt zur Szene. Wie Liza Yaszek in Sisters of Tomorrow schreibt: 
Gnaedinger demonstrated her commitment to the SF community by attending meetings of the well-known New York fan group the Futurians and developing relationships with fellow SF editors such as Frederik Pohl. While she came to the genre as an outsider, then, Gnaedinger earned the trust (and subscriptions) of SF fans across the country by demonstrating sensitivity to their interests and needs. (5) 
Es dürften diese Verbindungen der Herausgeberin zum Kreis der Futurians gewesen sein, die zur Aufnahme von Lowndes' Gedichten in Famous Fantastic Mysteries führten. For Howard Phillips Lovecraft erschien zudem als Begleitstück zu einem Neuabdruck von The Colour Out Of Space. (6) 

The Leapers hingegen hatte ursprünglich erneut in Stirring Science Stories erscheinen sollen. Der Ursprung der Geschichte lag in der sog. "Cabal", einer Schreibgruppe, die aus Lowndes, Wollheim, Michel, Kornbluth und Chet Cohen bestand, wie der Autor in seinem Vorwort zu Crypt of Cthulhu #62 berichtet:
One day when Don was visiting John [B. Michel] and me at the Futurian Embassay (103rd Street, Manhatten) he sayeth unto me: “Doc, do you think you could write a Lovecraft story? I’d like one for my next issue.”
I thought I could and behold I did, getting leave of absence from The Cabal not to write anything else until I had finished “The Leapers.” I shall never forget the night when the ms was passed around and read at a Cabal meeting. Cyril was the last to get it; whne he finished he blinked, shook his head slightly as if to wake himself up, and said in an awed tone: “It’s absorbing.” That was the one and only time that Cyril Kornbluth had any kind words for any of my fiction. And since it had been written for Don Wollheim in the first place, there was no quesiton of immediate acceptance.
Doch bevor The Leapers veröffentlicht werden konnte, hatte Stirring auch schon dicht gemacht. Also druckte Lowndes die Geschichte schließlich in seinem eigenen Magazin Future Fantasy and Science Fiction (Dezember 1942) ab. Dass er dies nicht unter seinem wirklichen Namen tat, ist nicht verwunderlich, dass er ein weibliches Pseudonym – "Carol Grey" – verwendete, vielleicht schon eher. Er hatte das schon einmal bei seiner SF-Story Passage to Sharanee (April 1942) getan. Die Gründe dafür sind unbekannt, aber er war nicht der einzige SF-Autor der Zeit, der so verfuhr. So erschienen z.B. in Unknown Worlds Stories aus der Feder von Malcolm Jamerson unter dem Pseudonym "Mary MacGregor". Man kann dies als Beleg dafür werten, dass entgegen der landläufigen Meinung SF-Geschichten von Frauen von der Mehrheit der Pulp-Leserschaft nicht scheel angesehen wurden. Andernfalls hätten die beiden Männer wohl kaum weibliche Pseudonyme gewählt. (7)

Leider war mir diese Originalfassung von The Leapers nicht zugänglich. Ich musste mich mit der überarbeiteten und erweiterten Version begnügen, die Lowndes im September 1968 im Magazine of Horror veröffentlichte. Eine dritte Fassung erschien 1989 in einer ganz Lowndes gewidmeten Ausgabe von Crypt of Cthulhu. In Reaktion auf einige kritische Anmerkungen von Robert Silverberg hatte der Autor dabei erneut einige Veränderungen am Text vorgenommen.

Als lovecraftianische Weird Fiction funktioniert The Leapers für mich nicht wirklich. Zu stark präsent ist das Motiv eines kosmischen Kampfes zwischen bösartigen und wohlwollenden Mächten, was mehr an August Derleths Version des Cthulhu-Mythos erinnert. Aber wir haben ja schon gesehen, dass Lowndes offenbar Probleme damit hatte, das Konzept des "Kosmischen Horrors" zu begreifen. Dennoch besitz The Leapers für mich einen gewissen Charme, der vor allem auf zwei Faktoren beruht.

Zum einen ist die Geschichte als eine Art Collage aus den Memoiren des Erzählers Arnold Grayson, verschiedenen Zeitungsausschnitten und Auszügen aus seinem Briefwechsel mit dem "Okkultismus-Experten" Jeffry Barr aufgebaut. Bobby Derie schreibt wohl nicht zu unrecht, dieses Format "owes much to an older style of horror fiction", aber ich finde es irgendwie sehr ansprechend. Hinzu kommt, dass Barr deutlich erkennbar nach dem Vorbild Lovecrafts gezeichnet wurde. Im Originaltext wurde sein Wohnsitz wohl sogar als "Providence, Rhode Island", und nicht "Charleston, South Carolina" angegeben. Nun ist es zwar nichts so ungewöhnliches, den alten Gentleman in leicht verhüllter Gestalt in "lovecraftianischen" Geschichten auftreten zu lassen. Im Zusammenhang mit Robert Bloch hatten wir's ja schon mal mit The Shambler From the Stars, und mein persönlicher Favorit in dieser Hinsicht ist Fritz Leibers The Terror From the Depths. Aber Lowndes versteht es doch recht geschickt, den Stil von Lovecrafts Briefen nachzuahmen.
           
Zum anderen sind da die zahlreichen Anspielungen auf die Phantastik-Szene der frühen 40er Jahre.
In den Cthulhu-Mythos-Geschichten des "Lovecraft-Zirkels" war es ja üblich, spielerische Verweise auf amdere Mitglieder des Kreises, einzubauen. Doch geschah dies für gewöhnlich , indem man z.B. aus Clark Ashton Smith den atlantischen Hohepriester Klarkash-Ton oder aus August Derleth den Comte d'Erlette, Verfasser des grausigen Grimoires Cultes des Goules, machte. In The Leapers finden wir hingegen ganz direkte Bezüge zu Personen und Ereignissen aus dem Fandom.
Bereits in der {allerdings erst 1968 hinzugefügten} Einleitung heißt es, die folgenden Papiere hätten nach dem Willen von Mr. Grayson eigentlich an Farnswort Wright geschickt werden sollen:
Grayson had listed Farnsworth Wright as his first choice (he had had material published in WEIRD TALES, under a pseudonym that has not yet been uncovered, some years past), apparently unaware that, in 1942, Mr. Wright was no longer acting in an editorial capacity [im Januar 1940 hatte Dorothy McIlwraith die Leitung des Magazins übernommen] – and, in fact, had died in 1940.   
Die eigentliche Handlung beginnt mit einem Bericht über das geheimnisvolle Verschwinden einer Gruppe von Leuten aus New York in der Vollmondnacht vom 27. Juli 1942. Und auch wenn das nicht offen ausgesprohen wird, sollen wir bei den Vermissten vermutlich an den Kreis der Futurians denken:
Outstanding was the fact that a large percentage of those who disappeared [...] were between 22 and 30, in good health, were of more than average intelligence, and were proficient in some form of the arts. With the exception of a newlywed couple, all were single and [...] were engaged in a form of literary or artistic creation which required a highly imaginative cast of mind. One of the missing, for example, was an attractive blonde of 23, widely renowned among the devotees of the more imaginative and speculative of pulp fiction as an illustrator; another, a man of 27, was in the process of becoming a favorite in the field of fantastic, cosmic horror-fiction, the general type of narrative wherein Poe, Machen and Lovecraft specialized. 
Wie Bobby Derie ausführt, ist mit dem Schriftsteller vermutlich Don Wollheim gemeint, während sich hinter der "attraktiven Blondine" Barbara Hall verbergen dürfte. Diese war zwar kein festes Mitglied der Futurians, bewegte sich aber in deren Kreisen. Nachdem sie 1940 in New York eingetroffen war, versuchte sie eine Zeit lang erfolglos, einen Job als Pulp-Illustratorin zu finden. Stattdessen begann sie 1941 für Harvey Comics zu zeichnen. Ein Jahr später kreierte sie ihren wohl berühmtesten Beitrag zur Comicgeschichte, die Girl Commandos,
an international [USA, UK, UdSSR, China] team of anti-Nazi fighters led by Pat Parker, War Nurse. Aside from being one of the first all-female teams in comics, the Girl Commandos were notable for their relative diversity in body type – Pat Parker’s fellow Brit Ellen Billings was depicted as overweight and eminently capable – and ethnicity, with Chinese member Mei-Ling joining the team early on. The team appeared in several issues of Speed Comics until 1946, but Hall passed off art duties to Jill Elgin in 1943.  
Dass sich einige der Stories, wie bei amerikanischer Kriegspropaganda der Zeit üblich, durch einen ziemlich heftigen antijapanischen Rassismus auszeichnen, soll freilich nicht verschwiegen werden. 1946 heiratete Barbara Hall den Stückeschreiber Irving Fiske, mit dem zusammen sie das Quarry Hill Creative Center in Rochester (Vermont) gründete, aus dem später ein wichtiges Zentrum der Counter Culture werden sollte. In den 60er/70er Jahren gehörten Underground-Comix-Künstler wie Art Spiegelman und Trina Robbins zu ihrem Kreis.
Doch zurück zu The Leapers. Im Zuge seiner Nachforschungen stößt Grayson u.a. auf die Gemälde des phantastischen Künstlers Stewart Carradyne, was Anlass für den folgenden Kommentar von Jeffry Barr gibt:
I think at one time he was associated with Hannes Bok [...] I have a letter from Hannes dated 1939, in which he tells me that Ray Bradbury is going to show some samples of his work to Farnsworth Wright at WEIRD TALES. I replied that I did hope that Wright would be impressed, for as delectable as Mrs. Brundage's covers were to the erotic-minded readers, few of them were truly weird. (I assure you that I have never objected to well-exposed depictions of delightful-looking young girls – but maintain stubbornly that a girl cannot be both delightful-looking and weird at the same time.) At any rate, Hannes says here that he has met this fellow Carradyne and his stuff is really terrific [...] He asked Stewart to prepare some tamer samples for Ray to take along to Wright ... That's Hannes for you – always so eager to help someone else with talent, without for a moment thinking that he might be spoiling his own chances in the process! 
In der Tat hatte Ray Bradbury 1939 einige von Boks Gemälden zur Ersten Worldcon mitgenommen und dort Farnsworth Wright gezeigt, der den Künstler daraufhin prompt für Weird Tales engagiert hatte. Ein Jahr später war Bok dann selbst nach New York übergesiedelt und dort sehr schnell in die Reihen der Futurians aufgenommen worden.
Barrs Kommentar zu den erotischen Cover-Illustrationen von Margaret Brundage ähnelt außerdem sehr stark einer Bemerkung, die Lovecraft einmal in einem Brief an Willis Conover gemacht hatte:
I have no objection to the nude in art – in fact, the human figure is as worthy a type of subject matter as any other object of beauty in the visible world. But I don’t see what the hell Mrs. Brundage’s undressed ladies have to do with weird fiction!
Das Erstaunliche daran ist, dass die Selected Letters überhaupt erst 1975 veröffentlicht wurden, also sieben Jahre nachdem Lowndes The Leapers noch einmal überarbeitet und die Passage eingefügt hatte!
Schließlich stellt die Geschichte auch noch eine Verbidnung zur internationalen Phantastik her, wenn sie eine Szene aus Jean Cocteaus berühmten surrealistischen Film Le sang d'un poète / Das Blut eines Dichters von 1930 mit den übernatürlichen Ereignissen verknüpft, die Grayson zu erkunden versucht.

Zugegebenermaßen wirkt das zentrale Mysterium von The Leapers Leute, die unter dem Einfluss des Vollmondes auf Nimmerwiedersehn davonschweben eher kurios als unheimlich. Doch all diese kleinen Details machen die Geschichte für mich trotzdem zu einem großen Spaß.





(1) Die Sache mit Madrid und Shanghai bezieht sich auf den Spanischen Bürgerkrieg und die japanische Invasion von China.

(2) Lowndes' in der Septemberausgabe 1935 von Hugo Gernsbacks Wonder Stories veröffentlichter satirischer Leserbrief Report of the Plutonian Ambassador spricht von "our arch enemy Wollheim". Aber da mir ehrlich gesagt nicht klar ist, wer oder was in diesem Brief parodiert werden soll, weiß ich auch nicht, wie das einzuschätzen ist.

(3) "Asimov would later deny knowing anything about Marx, but in his late teens, he characterized his politics rather differently, as Pohl revealed in [a] letter: 'You call yourself a communist; well, if you'll allow me to handle some of your manuscripts and will contribute any profits therefrom to the [Communist Party], I'll waive commission – and I do need the money ... If you don't need money yourself, they certainly do.' Asimov replied that he might not need the money, but he welcomed it. Finally, he agreed to take on Pohl as his agent for three months." (Alec Nevala-Lee: Astounding. John W. Campbell, Isaac Asimov, Robert A. Heinlein, L. Ron Hubbard and the Golden Age of Science Fiction. S. 105.)

(4) Zit. nach: L. Sprague De Camp: Lovecraft. S. 375.

(5) Lisa Yaszek & Patrick B. Sharp (Hg.): Sisters of Tomorrow. The First Women of Science Fiction. S. 301.

(6) Vgl. Bobby Deries Editor Spotlight: Dorothy McIlwraith, Mary Gnaedinger, & Cele Goldsmith Lalli.

(7) Damit kein gar zu rosiges Bild entsteht, sei aber doch dieser Leserbrief von Earl Andrews zitiert, der in Reaktion auf Passage to Sharanee bei Future eintrudelte: "Ah, Carol Grey! Ah, spring! Ah! Prithee, my Lord Editor: wiltow kindly vouchsafe unto a fellow Lothario certain divers information. Tell me now of yon Carol. Doth she walk in beauty and so on? ((My dear fellow. !!! Ed.))" Einen Kommentar spar ich mir ... 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen