"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 18. Mai 2015

"Men shall die for this"

Als die Leser & Leserinnen der Weird Tales im August 1928 die neueste Ausgabe des heute legendären Pulp-Magazins aufschlugen, konnten sie Zeugen der Geburt eines neuen Subgenres der phantastischen Literatur werden.
Unter denen, die sich mit der Geschichte der Fantasy beschäftigen, gibt es zwar einige, die das, was Fritz Leiber später Sword & Sorcery taufen sollte, bis auf Lord Dunsanys 1908 veröffentlichte Kurzgeschichte The Fortress Unvanquishable, Save for Sacnoth zurückführen, doch für die allermeisten ist und bleibt Robert E. Howard der eigentliche Schöpfer des Subgenres. Und die Titelgeschichte für Nr. 12/2 der Weird Tales stammte aus seiner Feder. Interessanterweise war der erste Vertreter der Sword & Sorcery, der der Pulp-Gemeinde in Howards Red Shadows entgegentrat, kein schwertschwingender Barbar oder Glücksritter, kein Kull oder Conan, sondern ein grimmiger Puritaner, erfüllt von einem unstillbaren Hass auf alle Formen von "cruelty, outrage, oppression and tyranny". Sein Name: Solomon Kane.

In einem seiner Briefe erwähnt Howard, dass er die Figur bereits 1922 im Alter von sechzehn Jahren, entworfen habe, doch gibt es keinerlei Belge dafür, dass er bereits vor Red Shadows versucht hätte, eine Geschichte über den ruhelosen Abenteurer zu Papier zu bringen. Tatsächlich gebührt Kull in dieser Hinsicht der Vorrang vor Solomon Kane. The Shadow People darf darum auch als das eigentliche Gründungswerk der Sword & Sorcery gelten. Doch obwohl Farnsworth Wright dem jungen Autor die erstaunlich hohe Summe von 100$ für die Story bezahlt hatte, veröffentlichte er sie erst ein Jahr nach Red Shadows. Und so wurde Kane dank der undurchschaubaren Gedangengänge des Weird Tales - Bosses doch noch zum ersten "offiziellen" Sword & Sorcery - Helden.
Mark Finn schreibt in seiner Howard-Biographie Blood & Thunder: "Solomon Kane has been compared to Robert E. Howard, and many of Howard's friends and critics have said that Kane was the most like the author himself."* Eine interessante Beobachtung, zu deren Wahrheitsgehalt ich verständlicherweise nichts definitves sagen kann. Doch ist Solomon Kane für mich auf jedenfall eine der faszinierenderen Schöpfungen des guten "Two Gun" Bob. In stilistischer Hinsicht mögen die meisten Kane - Stories größere Schwächen aufweisen als Howards spätere Werke, doch finde ich den puritanischen Abenteurer als Charakter in vielem interessanter als etwa seinen weitaus berühmteren Nachfolger Conan.

Einerseits ist Kane ein typischer Howard-Held. Ein geborener Kämpfer und "einsamer Wolf", der ruhelos durch die Welt streift, sich keinem fremden Willen beugt und angesichts unüberwindlich erscheinender Gegner keinen anderen Wunsch hat, als aufrecht und im Kampf zu sterben. Zugleich jedoch ist er ein Fanatiker, der sich selbst für das Werkzeug von Gottes Zorn und Vergeltung hält: "Nay, alone I am a weak creature, having no strength or might in me; yet in times past hath God made me a great vessel of wrath and a sword of deliverance. And, I trust, shall do so again."** Wenn er am Anfang von Red Shadows ein sterbendes Mädchen im Wald findet, das von irgendwelchen Räubern vergewaltigt wurde, und bei ihrem Tod beschwörend ausruft "Men shall die for this!", dann ist das nicht bloß reinster Robert E. Howard, sondern auch Solomon Kanes Charakter in einer Szene auf den Punkt gebracht. Er sieht es als seine heilige Mission an, gegen die Mächte des Bösen zu kämpfen, wo immer er ihnen begegnet, und alles Unrecht zu bestrafen, selbst wenn er die Übeltäter bis ans Ende der Welt verfolgen muss. Aber auch wenn Kanes Mitgefühl und sein Gerechtigkeitssinn ohne Zweifel tief empfunden und ehrlich sind, macht Howard doch immer wieder deutlich, dass der grimmige Puritaner seine religiösen Überzeugungen letztlich benutzt, um sein Handeln, das in Wirklichkeit von sehr viel "primitveren", unbewussten Trieben gesteuert wird, vor sich selbst zu rechtfertigen. Wovon Kane in Wahrheit beherrscht wird, ist eine tiefe Rastlosigkeit sowie eine elementare Sehnsucht nach dem Fremden und Gefahrvollen. Zwar ist er nicht der "gesunde" Barbar, den Howard später in der Gestalt Conans verherrlichen sollte, aber in seiner Seele ertönt dennoch immer wieder und letztlich ununterdrückbar der Lockruf des "Barbarischen".

Allerdings möchte ich nicht verschweigen, dass die Solomon Kane - Stories auch ihre problematische Seite besitzen. Viele von ihnen spielen in Afrika, und wie nicht anders zu erwarten, hat man sich da mit Unmengen rassistischer Altlasten herumzuschlagen. Das gilt nicht nur für die Beschreibung der "Eingeborenen", sondern auch für die symbolische Bedeutung, die dem Kontinent als Ganzem innerhalb der Geschichten zukommt. Wenn Kane in Red Shadows zum ersten Mal afrikanischen Boden betritt, lauscht er dem Klang der Buschtrommeln, die durch den nächtlichen Dschungel hallen:
Thrum, thrum, thrum, came the ceaseless monotone of the drums: war and death (they said); blood and lust; human sacrifice and human feast! The soul of Africa (said the drums); the spirit of the jungle; the chant of the gods of outer darkness, the gods that roar and gibber, the gods men knew when dawns were young, beast-eyed, gaping-mouthed, huge-bellied, bloody-handed, the Black Gods (sang the drums). 
All this and more the drums roared and bellowed to Kane as he worked his way through the forest. Somewhere in his soul a responsive chord was smitten and answered. You too are of the night (sang the drums); there is the strength of darkness, the strength of the primitive in you; come back down the ages; let us teach you, let us teach you (chanted the drums).
Afrika, der "Schwarze Kontinent", steht in diesen Stories für das Wilde, Primtitve, Barbarische – was in der Howard'schen Weltsicht freilich nicht notwendig etwas negatives ist. Afrika ist das Reich dunkler Mächte und monströser Ungeheuer, zugleich jedoch verkörpert es jene wilden, urzeitlichen Triebe, die auch in Solomon Kanes Brust schlummern und die in beständigem Konflikt mit seinen puritanischen Überzeugungen liegen. Kein Wunder, dass es ihn immer wieder hierher zurückzieht und dass er schließlich sogar Blutsbrüderschaft mit dem Zauberer N'Longa schließt, auch wenn er dessen magische Künste für teuflische Hexerei hält.
Stories wie The Moon of the Skulls bedienen sich ausgiebigst im Fundus der viktorianischen "Lost World" - Literatur à la H. Rider Haggards She und mischen dem eine ordentliche Portion der durch Helena Blavatskys Theosophie und Bücher wie Ignatius Donnellys Atlantis, the Antediluvian World geschaffenen modernen Atlantismysthologie hinzu.*** Daneben finden sich in den Geschichten auch einige cthulhuide Anklänge.
Ich kann es verstehen, wenn sich Leute durch derlei rassistische Elemente so stark abgestoßen fühlen, dass sie The Adventures of Solomon Kane lieber gar nicht erst zur Hand nehmen. Jeder muss selbst entscheiden, wie er mit diesem Problem umgeht. Ich selbst bemühe mich um eine etwas distanziertere Haltung. Ich registriere den Rassismus und Sexismus in Howards Werk {es wäre schwer, dies nicht zu tun}, versuche, diesen Bestandteil seines Oeuvres kritisch zu reflektieren, lasse mir von ihm aber nicht den Spaß an den Stories verderben.

Die in meinen Augen beste Solomon Kane - Geschichte ist zugleich die letzte, die Howard fertiggestelt hat: Wings in the Night. Es ist die mit Abstand brutalste und pessimistischste Story des Zyklus. Der Puritaner übernimmt in ihr die alte kolonialistische Rolle des "Weißen Erlösers" – an einer Stelle wird er sogar als Vertreter der "arischen Herrenrasse" dargestellt –, doch interessanterweise gelingt es ihm nicht, diese Rolle auch erfolgreich auszufüllen. Hilflos muss er mit ansehen, wie das Volk der Bogondi von den monströsen akaanas abgemetzelt wird. Grauen, Zorn und ein tiefes Schuldgefühl treiben Kane beinah in den Wahnsinn. Doch alles, was er tun kann, ist einmal mehr zum "Werkzeug der Vergeltung" zu werden, und seinerseits die akaanas zu töten. Aber wie Howard es bereits in Red Shadows beschrieben hatte, Kane bezieht aus dem Vollzug der Rache keine wirkliche Befriedigung:
Kane was conscious of a strange feeling of futility. He always felt that, after he had killed a foe. Somehow it always seemed that no real good had been wrought; as if the foe had, after all, escaped his just vengeance. 
Ähnlich verhält es sich in Wings in the Night. Umgeben von Tod und Verwüstung kann Kane am Ende nichts anderes tun, als sich wieder aufzuraffen und weiter zu ziehen:
[I]t may be in some far day the shadows shall fade and the Prince of Darkness be chained forever in his hell. And till then mankind can but stand up stoutly to the monsters in his own heart and without, and with the aid of God he may yet triumph.
Ein in Robert E Howards Geschichten immer wieder kehrendes Motiv ist das Ringen zwischen der starken und selbstbewussten Einzelpersönlichkeit und dem überpersönlichen Schicksal. In gewisser Weise knüpft er damit natürlich an alte mythische und heldenepische Traditionen an, doch wie ich in einem Post über J.R.R. Tolkiens "Eukatastrophe" vor einiger Zeit schon einmal kurz dargelegt habe, glaube ich, dass man darin vor allem einen Ausfluss von Howards Ideal des "rugged individualism" zu sehen hat. Und die Tatsache, dass der Held in diesem Ringen am Ende meistens unterliegt, ist in gewisser Weise ein unbewusstes Eingeständnis, dass dieses Ideal an der Realität scheitern muss. Wie unbeugsam der Einzelne auch immer ist, die gesellschaftliche Wirklichkeit wird von Kräften beherrscht, gegen die er sich auf Dauer nicht durchsetzen kann. Dass Howard dies {unbewusst?} realisiert, seine Helden jedoch nicht daran zerbrechen, sondern mit einer Art stolzem Fatalismus weitermarschieren lässt, verleiht Figuren wie Solomon Kane einen Hauch echter Tragik.

Ich nehme nicht an, dass ich groß erklären muss, warum ich nie besonder erpicht darauf war, mir Michael J. Bassetts 2009 in die Kinos gelangten Solomon Kane - Film anzuschauen. Robert E. Howards Werke sind nicht eben dafür bekannt, mit gelungenen Leinwandadaptionen gesegnet zu sein. Als mir der Flick kürzlich bei YouTube zufällig unter die Finger kam, dachte ich mir dann aber doch, ich sollte ihm vielleicht mal eine Chance geben.

      

Hmm ... Was soll ich sagen? Zuerst einmal vielleicht, dass ich schon eine Menge sehr viel mieserer Sword & Sorcery - Streifen gesehen habe. {Was niemanden wundern wird, der mich auf meinen Expeditionen ins Reich der Eighties - Barbaren begleitet hat}. Anders ausgedrückt: Ich würde ganz sicher keinem Film - oder Fantasyfan empfehlen, sich Bassetts Film schnellstmöglich zu besorgen, aber wenn man mal zwei Stunden Zeit und gerade nichts besseres zur Hand hat, dann spricht nichts dagegen, ihn sich reinzuziehen. Als filmische Umsetzung der Howard'schen Figur freilich scheitert er gleich in mehrfacher Hinsicht.

Viel hängt damit zusammen, dass der Film eine "Origin Story" erzählen will. Ich weiß nicht, warum Hollywood so fixiert auf diese Art von Geschichten ist. Kann sich das Publikum wirklich nicht mit einem Helden oder einer Heldin identifizieren, ohne erfahren zu haben, wie sie zu dem geworden sind, was sie sind? Im Fall von Kane bedeutet dies jedenfalls automatisch, dass man sich sehr weit von der literarischen Quelle entfernen muss, denn Howard hat es nie für nötig empfunden, eine Hintergrundgeschichte für seinen Helden zu entwerfen. Außer einigen kurzen Andeutungen geben seine Stories nichts her, was sich für ein solches Unterfangen verwerten ließe.

In der Eröffnungsszene des Films lernen wir Solomon Kane als einen brutalen Piraten kennen, der gemeinsam mit seiner Mannschaft eine türkische Festung stürmt, die Wachen niedermetzelt und sich mit irgendwelchen dämonischen Kreaturen herumschlägt, nur um in der Thron- und Schatzkammer schließlich einem Abgesandten Satans zu begegnen, der ihn in die Hölle zu entführen gedenkt, da er seine Seele dem Teufel verschrieben habe. Nur um Haaresbreite gelingt es Kane diesem wenig erfreulichen Schicksal zu entkommen.

Okay, aus Howards Geschichten wissen wir, dass Kane zur See gefahren ist, unter Sir Francis Drake gedient hat, zu irgendeinem Zeitpunkt den Titel "Kapitän" getragen hat und mehr als einmal mit den Osmanen aneinandergeraten ist. So gesehen wirkt diese Szene nicht völlig an den Haaren herbeigezogen. Andererseits gibt es bei Howard keinerlei Anzeichen dafür, dass Kane in der Vergangenheit einmal ein hemmungsloser Schlächter und Plünderer gewesen wäre. Im Gegenteil – wie wir aus dem Gedicht The One Black Stain**** erfahren können, war er bereits zu der Zeit, als er Drake auf seinen Kaperfahrten begleitete, derselbe grimmige Puritaner mit demselben unerschütterlichen Sinn für Gerechtigkeit, als dem wir ihm in den Kurzgeschichten begegnen.
Dennoch hätte ich erst einmal nichts gegen eine solche Hintergrundsgeschichte einzuwenden – unter einer Voraussetzung: Die archetypische Biographie eines Puritaners des 17. Jahrhunderts beginnt stets mit einem "Leben in Sünde", worauf dann die persönliche Krise und das befreiende Bekehrungserlebnis folgen, wenn Gott den Verworfenen aus dem Sumpf der Sünde zieht und zu einem seiner "Erwählten" erklärt. Es wäre nur angemessen gewesen, Solomon Kane eine ähnliche Entwicklung durchmachen zu lassen. Doch das geschieht nicht, und der Grund dafür ist sehr einfach: Michael J. Bassett, der auch für das Drehbuch verantwortlich war,  hat offensichtlich keine Ahnung, was Puritanismus bedeutet. Im Grunde ist sein Solomon Kane nicht einmal ein Puritaner. Die nächste Szene zeigt dies in aller wünschenswerten Deutlichkeit.

Um Satans Höllenhunden zu entgehen, hat sich Kane in ein Kloster zurückgezogen und der Gewalt abgeschworen ... Mooooment mal! Bedeutet das, dass Kane zu diesem Zeitpunkt ein Katholik ist?!? Und wie hat er ein englisches Kloster finden können, über ein halbes Jahrhundert nachdem Heinrich VIII. und Thomas Cromwell – "The Hammer of the Monks" – dieselbigen aufgelöst hatten?!?
Man mag einwenden, es sei ein Bisschen absurd, von einem simplen Sword & Sorcery - Film eine historisch akkurate Darstellung der konfessionellen Auseinandersetzungen im England des 16. und 17. Jahrhunderts zu erwarten. Schließlich begegnen wir in diesem Streifen auch Dämonen, Schwarzmagiern und grünstichigen Zombiehorden. Doch sein Puritanertum ist nun einmal eines der definierenden Attribute von Solomon Kane. Es ist aufs engste verbunden mit seinem Fanatismus, seinem alttestamentarischen Begriff von Gerechtigkeit, seinem unbeugsamen Individualismus, seiner Überzeugung, das Werkzeug von "Gottes Rache" zu sein, seinem unerschütterlichen Glauben, dass jede seiner Handlungen "rechtens" ist usw. Robert E. Howards Helden sind zwar keine bloßen Archetypen, aber sie zeichnen sich auch nicht durch große Vielschichtigkeit aus. Jedes ihrer Attribute ist deshalb von immenser Wichtigkeit. Nimmt man Solomon Kane sein Puritanertum, dann nimmt man ihm zugleich einen Gutteil seines Charakters.
Bassett freilich scheint gedacht zu haben: Puritanismus, Katholizismus – ist doch eh alles dasselbe. Reicht völlig, wenn wir unserem Publikum ein paar Kruzifixe & Kirchen vorsetzen und Kane irgendwann in seiner ikonischen schwarzen Puritanerkluft auftreten lassen. Doch nein! Das reicht eben nicht! Und wie konnte der gute Mann bloß glauben, es sei eine gute Idee, eine Szene einzuflechten, in der Kane gekreuzigt wird?!? Die Idee dazu wird ihm vermutlich durch John Milius' Conan the Barbarian gekommen sein. {Die eigentliche Quelle ist natürlich Howards Conan-Story A Witch Shall Be Born}. Doch während die entsprechende Szene bei Milius {und Howard} als ein quasi-nietzscheanisches Fanal gegen die christliche "Sklavenmoral" gedacht war, soll sie bei ihm Kane zu einer Art Christusfigur machen. Es ist einfach bloß peinlich ...

Ich könnte mich noch beliebig lang über die Art ereifern, in der der Film mit der Figur des Solomon Kane umspringt. Doch will ich mich auf eine weitere Facette beschränken: Bassett macht aus ihm den zweiten Sohn eines mächtigen Adeligen. Warum? Howards Sword & Sorcery - Helden sind im allgemeinen, um mit Mark Finn zu sprechen "commoners, outlanders, barbarians, and proletarians [...]. Nothing is handed to them, and they have to battle for all that they own."***** Das trifft zwar nicht auf alle von ihnen zu – man denke an den Piktenkönig Bran Mak Morn –, doch auch wenn man Kane kaum als "Proletarier" bezeichnen kann, spricht doch nichts dafür, dass er adeliger Abstammung ist. Warum ihm einen solchen familiären Hintergrund andichten? Ganz einfach: Damit man die generische Story von der Rückkehr des "verlorenen Prinzen" erzählen kann, inklusive einer tränenreichen Wiedervereinigung mit dem entfremdeten Vater.

Und damit wäre im Grunde bereits das Urteil über Bassetts Solomon Kane gesprochen: Der Flick ist vor allem eins – generisch. Sein Held müsste nicht Solomon Kane heißen, denn mit der von Robert E. Howard geschaffenen Figur hat er nur wenig zu tun. Sein selbstmitleidiges Ringen mit dem eigenen Schicksal, seine ständige Furcht vor der ewigen Verdammnis, sein Hin- und Hergeschwanke zwischen Verzweifelung und furchtloser Aktion machen ihn beinah zum Gegenteil von Howards Helden.

Allerdings wäre es etwas unfair, würde ich nicht auch kurz auf die stärkeren Seiten des Films zu sprechen kommen: Zumindest einige Sequenzen zeichnen sich durch eine recht kunstvolle Cinematographie und damit verbunden durch eine starke und {erstaunlicherweise} angemessene Atmosphäre aus. Die Welt, in der sich Solomon Kane bewegt, ist schmutzig und grau. Nie scheint die Sonne, ständig schneit oder regnet es. Unser Held ist umgeben von Elend, Gewalt, Verwüstung und Tod. Zerstörte Dörfer und niedergebrannte Kirchen. Schlammige Straßen, Galgen, Scheiterhaufen und die makaber anmutenden Schnabelmasken der Pestdoktoren. In dieser Hinsicht hat Bassett den Ton sehr gut getroffen. Das ist der richtige Hintergrund für den grimmigen Puritaner. Doch leider hilft das wenig, wenn man nicht auch die dementsprechende Geschichte zu erzählen versteht.




* Mark Finn: Blood & Thunder. The Life & Art of Robert E. Howard. S. 114ff.
** Robert E. Howard: The Moon of Skulls.
*** Wer an den theosophischen Lehren über die untergegangenen Kontinente Atlantis und Lemuria interessiert ist, sich aber nicht durch Blavatskys übergewichtige Esoterikwälzer fressen will, dem seien W. Scott-Eliotts Schriften TheStory of Atlantis und The Lost Lemuria empfohlen, die u.a. H.P. Lovecraft als Inspirationsquellen dienten – mittels "astralem Hellsehen" verfasste "historische Studien", in denen in relativ knapper und übersichtlicher Form die theosophische Sicht der "wahren Geschichte" unseres Planeten, vor allem das Schicksal der "dritten" und "vierten Wurzelrasse", dargelegt wird. Eine amüsante Lektüre, da Scott-Elliott den extravagantesten Unsinn im trockenen Stil eines wissenschaftlichen Berichtes vorträgt. Robert E. Howard erwähnt in The Moon of Skulls neben Atlantis auch Mu, einen weiteren fiktiven Kontinent, der in der zweiten Hälfte der 20er Jahre vor allem aufgrund der Bücher von James Churchward zu größerer Bekanntheit gelangte.
**** Howard hat insgesamt drei Gedichte über Solomon Kane geschrieben, die man sich allesamt hier vortragen lassen kann.  
***** Mark Finn: Blood & Thunder. The Life & Art of Robert E. Howard. S. 115.
 

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