"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 3. Februar 2014

Tolkien als Trashspaß?

Nein, ich habe mir "Schmaugs Trostlosigkeit", Peter Jacksons zweiten Hobbit-Streich, nicht im Kino angeschaut. Und nach dem, was ich im Laufe der letzten anderthalb Monate so über den Streifen gehört und gelesen habe, denke ich, dass das eine weise Entscheidung gewesen ist. Vor einigen Tagen allerdings bin ich in der Molochronik auf eine Besprechung gestoßen, die zuerst einmal vielleicht etwas exzentrisch wirkt, mich aber auch ins Grübeln gebracht hat. Ich zitiere die ersten zwei Absätze:
Bisher mein liebster Mittelerde-Rambazamba & endgültiger Beweis, dass Verfilmungen mitunter wohl besser als die Originalwerke sein können. 
Hier wird endlich das deftige Maß naiver Ausgelassenheit erreicht, mit der dieser Stoff eigentlich inszeniert gehört (die zweite ästhetisch redliche Weise, Tolkien zu verfilmen, bestünde in der Beschwörung hölzerner Bibel-Dramatisierungen des alten Hollywood a la »Die Zehn Gebote«). Die Äktschn-Sequenz entlang des Waldflusses veranschaulicht deutlich, wie man drögen europäischen Heldenpathosplunder mit einer pepigen Portion Wuxia-Akkrobatik veredelt.
Wie nicht selten bei Molo ist man auch hier versucht, dem Autor zu unterstellen, er wolle um jeden Preis eine möglichst eigenwillige Meinung vertreten, da er sich selbst als mutigen Rebellen gegen den Mainstream sieht. Doch auch wenn der gute Mann in seiner Rolle als Gonzo-ArnoSchmidt der deutschen Phantastikgemeinde ohne Zweifel sehr oft eine irritierend prätentiöse Attitüde an den Tag legt, wäre es vermutlich etwas ungerecht, behaupten zu wollen, was er schreibt, entspräche nicht seinen wirklichen Ansichten.
Um seinen Lobgesang auf "Donkey Kong Country - The Dwarf Edition" – wie Black Dogs Lee Medcalf den zweiten Teil des Hobbit getauft hat – richtig einzuschätzen, muss man, denke ich, zweierlei wissen. Zuersteinmal: Molosovsky hält nur sehr sehr wenig von Tolkien. Er gehört zu jenen "Progressiven", die glauben, dass mit Michael Moorcocks Epic Pooh bereits alles nötige über das Werk des "Professors" gesagt worden sei. Jacksons Film spricht ihn offenbar vor allem an, weil er in ihm eine {ungewollte} Parodie auf dessen literarische Vorlage zu erkennen glaubt. Was uns sofort zum zweiten Punkt führt: Wie ein kurzer Blick auf seine filmische "Geschmackslandkarte" offenbart, zählt Molo u.a. auch Attack of the Clones zu den "überwiegend exzellenten" Filmen. Daraus schließe ich, dass er derartige Strerifen vor allem als absurden Trash goutiert.
Auch wenn ich selbst die Moorcock-Miéville-Schule der "linken" Tolkienbasherei für reichlich oberflächlich halte, kann ich Molosovsky natürlich nicht vorschreiben, was er von Hobbit und Herr der Ringe zu halten hat. Darum kann ich zum ersten Punkt im Grunde auch nichts sagen. Der zweite jedoch hat mich nachdenklich gestimmt, gehöre ich selbst doch zu denen, die ein unterhaltsames Schlockfest in vollen Zügen zu genießen verstehen. Auch befürworte ich ganz ausdrücklich die Rückkehr des abenteuerlichen Unsinns in die Gefilde des phantastischen Films, kränkelt dieser doch schon seit etlichen Jahren an einer viel zu großen "Ernsthaftigkeit", hinter der sich meist bloß der modisch-misanthrope Zynismus unserer Zeit verbirgt. Sollte ich mir The Desolation of Smaug also doch einmal anschauen? Würde ich dort das wiederfinden, was ich an alten Harryhausen-Flicks oder dem "McClure - Quartet" so sehr liebe und in der heutigen Kinolandschaft so sehr vermisse?
Ich denke nicht! Zuersteinmal würde es mir meine tiefe Liebe zu Tolkiens Werk vermutlich unmöglich machen,  das Ganze einfach als "Rambazamba" zu genießen. Anders als Molo würde ich darin ganz sicher keine "Aufwertung" des Stoffes, sondern dessen Erniedrigung sehen. Sehr viel wichtiger jedoch: Attack of the Clones war für mich kein neckischer Trashspaß, sondern eine der ödesten und frustrierendsten Blockbustermonstrositäten, die ich je das Unglück hatte, über mich ergehen lassen zu müssen. Und ich fürchte, bei Jacksons Hobbit-Verwurstung würde es nicht viel anders aussehen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dieses Megaprojekt jene fröhliche Naivität atmen soll, die ich an altmodischen Abenteuerstreifen und gelungenen B-Movies so sehr schätze.
Dass dies auch bei einem ausgewachsenen Blockbuster nicht per se unmöglich ist, haben Andrew Stanton mit John Carter of Mars (2012) und vor allem Guillermo del Toro mit Pacific Rim (2013) zwar bewiesen, aber dem ollen Jackson würde ich ein solches Kunststück einfach nicht zutrauen.* Dazu nimmt sich der neuseeländische Regisseur einfach viel zu ernst. Vor allem aber ist er in meinen Augen ein bestenfalls mittelmäßiger Filmemacher, dessen spezifische Schwächen durch seinen ungeheuren Erfolg von Mal zu Mal immer unerträglichere Dimensionen angenommen haben. 
Die größten davon sind meiner Meinung nach
a) Fehlende Selbstdisziplin und ein Hang zur Maßlosigkeit;
b) Ein mangelndes Gefühl für den Rythmus einer Geschichte;
c) Die Tendenz, Action mit Dynamik zu verwechseln, was sich u.a. in einem ständigen Hin- und Herspringen zwischen verschiedenen Handlungssträngen äußert.
Der gigantische kommerzielle Erfolg seiner Lord of the Rings - Filme hat unglücklicherweise dazu geführt, dass Peter Jackson von Studioseite her offenbar keinerlei Beschränkungen mehr auferlegt werden. Und so mussten wir in King Kong (2005) z.B. nicht enden wollende Kämpfe zwischen unser aller liebstem Riesenaffen und etlichem Urzeitgetier durchstehen. Das einzig sinnvolle, was man angesichts solch unerträglich langweiliger "Action"-Sequenzen tun kann, ist, sie als Pinkelpausen zu nutzen. Bei der gargantuanen Überlänge von Jacksons Filmen eine vernünftige Strategie.
Im Falle des Hobbit traf sich Jacksons ganz persönlicher Hang zur Maßlosigkeit mit dem Interesse seiner Geldgeber, für die drei LotR - Prequel-Filme natürlich dreimal soviel Profit bedeuten. Und so durfte sich der Regisseur diesmal erst recht austoben. Und selbst wenn The Desolation of Smaug besser als An Unexpected Journey sein sollte, fürchte ich, dass sich dies für mich nicht in dreimal soviel Spaß, sondern in dreimal soviel Langeweile {und einen schmerzenden Arsch} umsetzen würde.

* Auch ist Tolkiens  Kinderbuch anders als die Pulpromane von Edgar Rice Burroughs oder ein Mix aus alten Kaiju-Filmen und Stuart Gordons Robot Jox (1990)  nicht die geeignete Grundlage für einen echten Schlockspaß.

R.I.P. John Cacavas & Arthur Rankin Jr.

Schnitter Tod hat im letzten Monat wahrlich reiche Ernte gehalten. Neben den von mir bereits erwähnten Riz Ortolani und Maximilian Schell fielen seiner Sense u.a. der Komponist John Cacavas (28. Januar) und Animations-Legende Arthur Rankin Jr. (30. Januar) zum Opfer. 
Ersterem verdanken wir unter anderem die großartig atmosphärische Musik zu Horror Express (1972) von Eugenio Martín und Bernard Gordon::



Letzterer braucht wohl kaum eine Einführung. Ich denke, viele Freunde & Freundinnen des Phantastischen werden wie ich intensive Kindheitserinnerungen mit The Last Unicorn verbinden.



Arthur Rankin Jr. begann seine Karriere als Art Director bei ABC. Im September 1960 gründeten er und Jules Bass dann eine gemeinsame Produktionsfirma mit dem Namen Videocraft International, besser bekannt als Bass/Rankin Productions, die für die nächsten gut zweieinhalb Jahrzehnte eine wichtige Rolle in der Geschichte des phantastischen Animationsfilms in den USA spielen sollte.
Beginnend mit Rudolph the Red-Nosed Reindeer (1964) schufen sie eine lange Reihe von Weihnachts- {später auch Oster} - Specials fürs Fernsehen, wobei sie sich einer "Animagic" genannten Form der Stop-Motion-Technik bedienten. Als Sprecher & Sänger wirkten dabei über die Jahre so bedeutende Künstler wie z.B. Fred Astaire, James Cagney, Burl Ives, Vincent Price und Mickey Rooney mit. Aus eigener Anschauung kenne ich leider nur den allerletzten Eintrag der beiden in diese Abteilung ihres Oeuvres: Den großartigen, 1985 unter Rankins Regie produzierten Film The Life and Adventures of Santa Claus, basierend auf dem gleichnamigen Buch von L. Frank Baum. Dieselbe "Animagic"-Technik kam auch bei Mad Monster Party von 1967 zum Einsatz, einer neckischen Hommage an die ikonischen Monster des Universal-Horrors:



In den 70ern versuchten sich Rankin & Bass auch als Produzenten im Live-Action-Bereich, was mit The Last Dinosaur (1976) und The Bermuda Depths (1978) immerhin zu zwei recht unterhaltsamen B-Movies führte. Ihr bedeutendster Beitrag zum Genrefilm war in diesem Jahrzehnt jedoch zweifelsohne die charmante Zeichentrickadaption von J.R.R. Tolkiens The Hobbit aus dem Jahre 1977, bei der sie gemeinsam Regie führten. Mit Peter Jacksons Blockbustern droht dieser Streifen nun endgültig in Vergessenheit zu geraten, was wirklich eine Schande wäre.



Das nächste Jahrzehnt eröffneten Rankin & Bass dann bedauerlicherweise mit ihrem wahrscheinlich größten cineastischen Verbrechen: The Return of the King (1980), einem Film, für den es vermutlich am besten ist, wenn man den barmherzigen Mantel des Schweigens über ihn ausbreitet. Zwei Jahre später freilich rehabilierten sie sich auf grandiose Weise mit ihrer Adaption von Peter S. Beagles The Last Unicorn. Über die Jahre ist meine Meinung über diesen Film einigen heftigen Wandlungen unterworfen gewesen, doch sehe ich in ihm inzwischen wieder einen der unbestreitbaren Klassiker des Fantasyfilms der 80er Jahre.
The Last Unicorn dürfte der Höhepunkt in Arthur Rankins künstlerischer Karriere gewesen sein. Mit Produktionen wie ThunderCats (1985) begann dann der allmähliche Niedergang. Doch auch wenn es ihm und Jules Bass in späteren Jahren nie wieder gelingen sollte, an die großen poetischen und fantasievollen Leistungen ihrer Blütezeit anzuknüpfen, ihr Beitrag zum Genre des phantastischen Animationsfilms wird unvergessen bleiben.

Samstag, 1. Februar 2014

Ein paar ungeordnete Gedanken zum Tod von Maximilian Schell

In der letzten Nacht verstarb in einem Krankenhaus in Innsbruck im Alter von dreiundachtzig Jahren Maximilian Schell. Wollte ich mich an einer ernsthaften Würdigung des Schauspielers versuchen, so würde dies voraussetzen, dass ich mir zuerst einmal eine ganze Reihe Filme wie Edward Dmytryks The Young Lions (1958), Vittorio de Sicas I sequestrati di Altona (Die Eingeschlossenen von Altona; 1962), Jules Dassins Topkapi (1964), Sidney Lumets The Deadly Affair (1966) oder Sam Peckinpahs Cross of Iron (1977) erneut oder zum ersten Mal anschauen müsste. Da mir dies nicht möglich ist, will ich mich auf einige kurze Bemerkungen zu zwei seiner Filme beschränken, die ich oft genug gesehen habe, um auf einen erneuten Besuch verzichten zu können.

Maximilian Schells Durchbruch in Hollywood, der auch gleich mit einem Oscar gekrönt wurde, kam mit Stanley Kramers Judgment at Nuremberg (1961). Ein Film über die Kriegsverbrecherprozesse gegen führende Nazis, an dem neben ihm so vorzügliche Schauspieler und Schauspielerinnen wie Spencer Tracy, Marlene Dietrich, Burt Lancaster, Montgomery Clift, Judy Garland und Richard Widmark {außerdem Werner Klemperer und William Shatner} mitwirkten. 
Schell spielt den jungen Strafverteidiger Hans Rolfe, der mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, einen Freispruch für die von ihm vertretenen Chefjuristen des Dritten Reiches zu erwirken. Er tut dies nicht, weil er irgendwelche Sympathien für das gefallene faschistische Regime hegen würde, sondern weil er den Hauptangeklagten Ernst Janning für einen Vertreter des "guten" Deutschland hält, der nur durch die widrigen Zeitumstände dazu gezwungen worden sei, eine führende Position im Justizapparat der Nazis zu übernehmen. Ihn zu verurteilen, würde für Rolfe bedeuten, ganz Deutschland zu verurteilen.
Alle an dem Projekt Beteiligten gingen ohne Zweifel mit großer Ernsthaftigkeit und viel Leidenschaft an den Stoff heran. Leider jedoch war Stanley Kramer ein Filmemacher von eher beschränktem Talent. Der große Kritiker Andrew Sarris schrieb 1968 über ihn:   
If Stanley Kramer had not existed, he would have had to have been invented as the most extreme example of thesis or message cinema. Unfortunately, he has been such an easy and willing target for so long that his very ineptness has become encrusted with tradition. He will never be a natural, but time has proved that he is not a fake.*
Die meisten Filme Kramers, die es überhaupt noch wert sind, heute gesehen zu werden, zeichnen sich durch eine steife und trockene Inszenierung, einen liberal-moralisierenden Tonfall und eine häufig eher ungelenk wirkende Cinematographie aus. Bloß schauspielerische Großleistungen wie die von Sidney Portier und Tony Curtis in The Defiant Ones (1958) oder von Spencer Tracy und Fredric March in Inherit the Wind (1960) retten sie vor der Mittelmäßigkeit. Judgement in Nuremberg bildet da leider keine Ausnahme. Wie David Walsh 2001 in seinem Nachruf auf den Regisseur geschrieben hat:
Much of the film is stodgy and predictable. The zooms in the courtroom scenes are disastrous and look almost parodic today. There is a great deal of discussion about collective guilt, but none of the historical issues that gave rise to fascism are even mentioned.**
Was nicht heißt, dass es nicht einige wirklich berührende Sequenzen gäbe. Das gilt insbesondere für die Zeugenaussagen des Eisenbahners Peterson (Montgomery Clift), der einer Zwangssterilisierung unterzogen wurde, und der jungen Irene Wallner (Judy Garland), die in einem Schauprozess der "Rassenschande" angeklagt wurde. 
Maximilian Schells Spiel ist zugegebenermaßen sehr beeindruckend, doch die von ihm verkörperte Figur des Anwalts Rolfe ist aufs engste mit den problematischen Grundideen des Filmes verknüpft. Wie Walsh ganz richtig bemerkt, weicht der Film einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Wurzeln des Faschismus aus. Er konzentriert sich ganz auf Fragen der individuellen Schuld und verbindet diese letztenendes mit der fatalen Theorie der "Kollektivschuld", die im Grunde alle Deutschen für die Verbrechen des Nationalsozialismus verantwortlich machte und damit die Rolle des Nazismus als eines blutigen Retters des Kapitalismus verschleierte.
Trotz all seiner Mängel bleibt Judgment in Nuremberg sehenswert und hätte sicher eine detailliertere Besprechung verdient, als ich sie hier geben kann.

In die Gefilde des Phantastischen hat sich Maximilian Schell im Laufe seiner Karriere nur sehr selten begeben. Am bekanntesten dürfte wohl sein Auftritt als Dr. Hans Reinhardt in Gary Nelsons The Black Hole (1979) sein, jenem merkwürdig hybrid wirkenden SciFi-Film, mit dem Disney sich von seinem alten keimfrei-quietschbunten Image zu lösen und in "ernsthaftere" und düsterere Dimensionen vorzustoßen versuchte. Beileibe kein Klassiker, aber ein Film, der diese surreale Sequenz enthält, verdient es auf jedenfall, nicht ganz in Vergessenheit zu geraten.
Sehr viel beeindruckender freilich ist die von Maximilian Schell und dem bedeutenden Theaterregisseur Rudolf Noelte 1968 kreierte Adaption von Franz Kafkas Das Schloss. Schell war dieses Projekt offenbar eine echte Herzensangelegenheit, und um das nötige Geld für die Produktion aufzubringen, ließ er sich "für Filme engagieren, die er 'gar nicht nennen will'", wie ein zeitgenössischer Spiegel - Artikel berichtete. Das Ergebnis rechtfertigt diese Opfer voll und ganz. 
Der karg und zurückhaltend in Szene gesetzte Film besitzt eine faszinierende Intensität. Die Welt, die der von Schell gespielte Landvermesser K.betritt ist bedrückend, unmenschlich und grotesk. Aber das Groteske nimmt hier nicht die dekadenten, überbordenden Formen an, wie wir sie z.B. aus den Filmen von Terry Gilliam oder Guillermo del Toro kennen. Ebensowenig findet sich hier der stilisierte Symbolismus von Orson Welles Kafka-Adaption The Trial. In ihrer Monstrosität wirken der verschneite Mikrokosmos und seine Bewohner, die uns in Das Schloss präsentiert werden, dennoch auf perverse Weise "natürlich" und "normal". Doch gerade dadurch hinterlassen sie einen extrem verstörenden Eindruck. Selbst das auf groteske Weise witzige wirkt hier vor allem unheimlich und inhuman. Das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Und auch wenn unsere Sympathie natürlich dem armen K. gehört, der sich gegen eine undurchdringliche Bürokratie durchzusetzen versucht, hinter der sich eine grausame und willkürliche Macht zu verbergen scheint, so verleiht Maximilian Schell dem Landvermesser doch nicht nur sympathische Züge.
Das Schloss ist ganz sicher nichts für Leute, die mit Action und bunten Bildern unterhalten werden wollen. Doch wer bereit ist, sich auf diesen eher spröden Film einzulassen, wird dabei einen kleinen Klassiker der Phantastik entdecken dürfen. 


* Andrew Sarris: The American Cinema, Directors and Directions 1929-1968. S. 260.
** David Walsh: Why was Stanley Kramer so unfashionable at the time of his death?

Freitag, 31. Januar 2014

Strandgut der Woche

Mittwoch, 29. Januar 2014

Der Ritt auf der Bombe

Heute vor fünfzig Jahren, am 29. Januar 1964, erlebte Stanley Kubricks Dr. Strangelove or How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb seine Premiere in amerikanischen Kinos. 
Selbst ein halbes Jahrhundert später darf der Streifen immer noch als eine der besten, bösesten und witzigsten Politsatiren gelten, die je gedreht worden sind. Figuren wie der durchgeknallte US-General Jack D. Ripper (Sterling Hayden), der einen atomaren Erstschlag einleitet, weil er glaubt, die Kommunisten seien dabei, die "wertvollen Körperflüssigkeiten" der Amerikaner zu vergiften; der irre Ex-Nazi-Wissenschaftler Dr. Strangelove (Peter Sellers in einer von drei Rollen); und Major T.J. "King" Kong (Slim Pickens) mit seinem Ritt auf der Bombe haben zurecht Unsterblichkeit erlangt. 
Es sagt eine Menge über die kulturelle und politische Entwicklung der letzten fünfzig Jahre aus, dass man sich die Produktion eines vergleichbaren Filmes heutzutage beim besten Willen nicht vorstellen könnte. Dabei gäben die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse wahrlich mehr als genug Material für eine ähnlich giftige Satire ab.

       



Dienstag, 28. Januar 2014

There's one thing I'm certain of: Return I will to old Brazil

Ich glaube, es ist wirklich höchste Zeit, dass ich mir endlich einmal wieder Terry Gilliams Brazil anschaue. Nicht nur das unbestreitbar beste Werk des Ex - Monty Pythons, sondern auch einer der großartigsten phantastischen Filme, die ich überhaupt kenne. {Schade bloß, dass Kate Bushs Gesang letztlich nicht in ihn aufgenommen wurde.}

Samstag, 25. Januar 2014

Strandgut der Woche

Donnerstag, 23. Januar 2014

R.I.P. Riz Ortolani

Heute starb in Rom im Alter von siebenundachtzig Jahren der Komponist Riz Ortolani. Der jüngeren Generation mag er {wenn überhaupt} als Mitschöpfer der Soundtracks von Tarantino-Streifen wie Kill Bill und Django Unchained bekannt sein. Für mich wird sein Name auf ewig verbunden bleiben mit Ruggero Deodatos berüchtigtem Film Cannibal Holocaust (1980). Wer diesen gesehen hat, wird verstehen, warum mir bei dieser wunderschönen Musik jedesmal eisige Schauer über den Rücken laufen:

Happy Birthday, Two-Gun Bob

Mit einem Tag Verspätung möchte ich Robert E. Howards gedenken, der gestern einhundertacht Jahre alt geworden wäre.

Die meisten werden ihn vermutlich ausschließlich als Schöpfer von Conan dem Barbaren und (Mit)Begründer der Sword & Sorcery kennen. Doch Two-Gun Bob war in seinem viel zu kurzen Leben {er beging 1936 Selbstmord} in fast allen Provinzen des klassischen Pulp-Universums schriftschellerisch aktiv. Neben den Fantasystories um Conan, Kull, Solomon Kane und Bran Mak Morn verfasste er u.a. "historische" Abenteuergeschichten, Western, Detektivgeschichten, Boxerstories und Horrorerzählungen. Sehr viel mehr als H.P. Lovecraft und Clark Ashton Smith, die zusammen mit ihm das legendäre Triumvirat der Weird Tales bildeten, war er bereit, den Ansprüchen des Marktes entgegenzukommen und zu schreiben, was sich verkaufte. Was nicht abwertend gemeint ist, sahen sich doch auch so anerkannte literarische Größen wie der deutsche Romantiker Ludwig Tieck immer wieder gezwungen, auf diese Weise ihren nicht eben üppigen Lebensunterhalt zu verdienen. Ja, Howard hatte etwas von einem Pulp Hack, aber wenn, dann war er ein sehr talentierter Pulp Hack, der seine Arbeit außerdem verdammt ernst nahm.

Howards bekannteste Horrorstory dürfte The Black Stone sein, die seinen wohl bedeutendsten Beitrag zum Cthulhu-Mythos darstellt. Lovecraft seinerseits bezog sich in The Thing on the Doorstep direkt auf sie, indem er den unglücklichen Décadent Edward Pickman Derby zu einem großen Verehrer des dem Wahsinn verfallenen Dichters Justin Geoffrey machte.*
Doch so sehr ich The Black Stone auch schätze, finde ich in gewisser Weise Pigeons from Hell noch sehr viel interessanter, trotz des etwas ulkig klingenden Titels. Schon in jungen Jahren hatte Robert E. Howard eine große Faszination für die Tall Tales, Geistergeschichten und Volksüberlieferungen seiner texanischen Heimat entwickelt. Ein Interesse, das sich in seinem späteren Leben noch verstärkte, und stilistisch wie motivisch einen nicht unbeträchtlichen Einfluss auf sein literarisches Werk ausübte. Sein Biograph Mark Finn vertritt in Blood & Thunder mit recht überzeugenden Argumenten die These, dass man Howard am besten versteht, wenn man ihn als einen Erben der mündlichen Erzähltradition von Texas betrachtet. Pigeons from Hell ist dafür ein ziemlich gutes Beispiel. Die Inspiration für die Story stammte aus einem offenbar sehr populären Typus mündlich überlieferter Geschichten, von denen Howard in einem Brief an Lovecraft vom September 1930 berichtete: 
Two or three men – usually negroes – are travelling in a wagon through some isolated district – usually a broad, deserted river-bottom. They come on to the ruins of a once thriving plantation at dusk, and decide to spend the night in the deserted plantation house. This house is always huge, brooding and forbidding, and always, as the men approach the high columned verandah, through the high weeds that surround the house, great numbers of pigeons rise from their roosting places on the railing and fly away. The men sleep in the big front-room with its crumbling fire-place, and in the night they are awakened by a jangling of chains, weird noises and groans from upstairs. Sometimes footsteps descend the stairs with no visible cause. Then a terrible apparition appears to the men who flee in terror. This monster, in all the tales I have heard, is invariably a headless giant, naked or clad in shapeless sort of garment, and is sometimes armed with a broad-axe. This motif appears over and over in negro-lore.**
Howard verlegte die Story in das sumpfige Hinterland von Louisiana und verwandelte die umherziehenden Schwarzen in zwei "Touristen" aus Neuengland, doch im Kern haben wir hier den Plot des ersten Kapitels der 1934 verfassten Pigeons from Hell vor uns. Freilich ist es kein kopfloser Riese, der Griswell und Branner in dem verfallenen Herrenhaus der Blassingvilles erwartet, sondern ein weibliches, zombieartiges Ungeheuer, Produkt der von Sklaverei, aristokratischem Hochmut, Grausamkeit und Hass geprägten Vergangenheit der Plantage. 
Es wäre sinnlos, leugnen zu wollen, dass Robert E. Howards Denken sehr stark von rassistischen Ideen geprägt war. Und auch Pigeons from Hell enthält dafür mehr als genug Belege. Um so faszinierender finde ich es, dass man die Geschichte zugleich als eine Erzählung darüber lesen kann, wie die Misshandlung und Ausbeutung der Farbigen schließlich zu einem Verlangen nach Rache führen muss, das, selbst wenn es solch maßlose Dimensionen annimmt wie hier, nicht völlig unverständlich ist.
Hinzu kommt, dass ich das Gefühl nicht loswerde, Pigeons from Hell stelle eine Art Antwort an H.P. Lovecraft dar, mit dem Howard seit Juni 1930 eine intensive Korrespondenz unterhielt. Der Gentleman von Providence benutzte die Geographie und Geschichte von Neuengland nicht nur immer wieder als Hintergrund für seine Erzählungen, sein persönliches Selbstverständnis war auch aufs engste damit verknüpft, ein Vertreter der "zivilisierten" Ostküste zu sein. Schon früh war es deshalb zu leidenschaftlichen Diskussionen zwischen den beiden gekommen, war Howard doch nicht nur ein Sprössling des "barbarischen" Texas, sondern zog außerdem die "Barbarei" der von Lovecaft verehrten "Zivilisation" vor.
Ich finde es schwer, mir vorzustellen, es sei bloß ein Zufall, dass der Protagonist von Pigeons from Hell – Griswell – aus Neuengland stammt. Ein Umstand, den die Erzählung immer wieder ausdrücklich betont. Indem Howard die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt, vermittelte er seinem Freund Lovecraft zugleich einen Eindruck davon, warum der Süden der USA ein mindestens ebenso gutes Setting für unheimliche Erzählungen abgibt wie Massachusetts oder Rhode Island:   
A scent of decay and moldering vegetation blew on the faint wind, and Griswell grew faint with nausea, that rose from a frantic abhorrence of these black woods, these ancient plantation houses that hid forgotten secrets of slavery and bloody pride and mysterious intrigues. He had thought of the South as a sunny, lazy land washed by soft breezes laden with spice and warm blossoms, where life ran tranquilly to the rhythm of black folk singing in sunbathed cottonfields. But now he had discovered another, unsuspected side – a dark, brooding, fear-haunted side, and the discovery repelled him.
Noch deutlicher hier:
"Voodoo!" he [Griswell] muttered. "I'd forgotten about that – I never could think of black magic in connection with the South. To me witchcraft was always associated with old crooked streets in waterfront towns, overhung by gabled roofs that were old when they were hanging witches in Salem; dark musty alleys where black cats and other things might steal at night. Witchcraft always meant the old towns of New England, to me – but all this is more terrible than any New England legend – these somber pines, old deserted houses, lost plantations, mysterious black people, old tales of madness and horror – God, what frightful, ancient terrors there are on this continent fools call 'young'!"
Und wenn dem eher furchtsamen und sensiblen Neuengländer Griswell dann auch noch der harte, bodenständige und nüchterne Südstaatensheriff Buckner zur Seite gestellt wird, wirkt dies auf mich wie eine freundschaftliche Neckerei auf Kosten Lovecrafts.

Pigeons from Hell wurde 1961 im Rahmen der von Boris Karloff präsentierten TV-Serie Thriller verfilmt:
 
   

Nicht unbedingt ein Juwel des phantastischen Fernsehens, aber im Großen und Ganzen doch eine erstaunlich getreue Adaption von Howards Story. Interessant ist allerdings, dass der Film sich heftig bemüht, das Motiv eines der sklavenhalterischen Vergangenheit entsprungenen Rassenkonfliktes in den Hintergrund zu drängen. Nicht ein einziges Mal fällt das Wort "slave" (wir hören bloß von "plantation workers"), und das rachelüsterne Dienstmädchen ist keine Mulattin wie bei Howard, sondern stellt sich am Ende gar als Halbschwester der Blassingvilles heraus. Möglicherweise erschien den Machern von Thriller die Story in ihrer ursprüglichen Gestalt vor dem Hintergrund der immer stärker anwachsenden Bürgerrechtsbewegung gegen die rassistische Jim Crow - Ordnung in den Südstaaten als zu heikel. 1961 war das Jahr der sog. "Freedom Rides". Ironischerweise allerdings wirkt die Figur des alten Jacob hier sehr viel rassistischer als in der literarischen Vorlage. Howard beschreibt den Voodoo-Priester als eine weitgereiste und in gewisser Hinsicht "gebildete" Persönlichkeit. Ausdrücklich betont er: "[H]is voice was mellow and rich, his speech not the patois of the piny woods darky." In der Thriller - Adaption hingegen bedient sich Jacob des typisch klischeehaften "Negerdialekts". Ich würde zu gerne wissen, was sich Drehbuchautor John Kneubuhl und Regisseur John Newland dabei gedacht haben.
 

* Man kann sich The Black Stone hier von Mr. Jim Moon vortragen lassen. Eine weitere Audioversion findet sich in den Archiven von SFFaudio.
** Zit. nach: Mark Finn: Blood & Thunder. The Life & Art of Robert E. Howard. S. 158.

Sonntag, 19. Januar 2014

Ligeia

Vincent Price war nicht nur der unangefochtene Star der wundervoll atmosphärischen und dekadenten Edgar Allan Poe - Adaptionen, die Roger Corman in den 60er Jahren schuf, wir verdanken ihm auch einige wirklich exzellente Lesungen von Werken des Meisters des Makabren. Und da wir heute Poes zweihundertundvierten Geburtstag feiern können, dachte ich mir, dies sei der richtige Moment, um mit Ligeia ein besonders schönes Beispiel dafür vorzustellen:

Samstag, 18. Januar 2014

Strandgut der Woche

Freitag, 17. Januar 2014

Ein neuer Lieblingssong

Manchmal wird mir wieder so richtig bewusst, wie cool das Internet sein kann. Über den Twitter von Fantasyautor Steven Brust lerne ich den von Gamedesigner Jonas Kyratzes kennen, wo ich wiederum auf Eric Brasure stoße, der zusammen mit seinem Kumpel Richard Goodness den wunderbaren Star Trek - Podcast Trekabout moderiert. Der gute Richard seinerseits war bis Ende letzten Jahres der Sänger und Gitarrist der Punkband Riot Fox, für deren Songs er in den meisten Fällen auch die Texte verfasst hat. Deren Alben Riot Fox und Tentacles kann man sich bei bandcamp anhören und natürlich auch käuflich erwerben. Auf letzterem schließlich habe ich eines meiner neuen Lieblingslieder entdeckt: 

When I caught you in my net
You said you'd give me anything
I cut you free
You swam away
Now I go to the seaside every day

Come back down
I need to feel your fins around
The current never slows me down
See, I don't even miss the ground

Come to me, my sweet undine
I need your tentacles in me

Though I know that it's a sin
I need to feel your scaly skin
Caress you by your dorsal fin
I'll fill your gills with oxygen

Undertow
Take me from the world I know
Embrace me in your ebb and flow
Coral, tell me where to go

So go on and let the water take me

I once was lost
But now I've drowned
I've said goodbye to solid ground
And every day I'll serve my queen
My seafoam darling
My undine
 Und die übrigen Songs von Riot Fox sind ebenfalls verdammt cool.

Montag, 13. Januar 2014

Klarkash-Tons Stimme

Ich muss schamerfüllt eingestehen, dass es mir wieder nicht gelungen ist, anlässlich des Geburtstags von Clark Ashton Smith einen Post zu erstellen, der meiner tiefen Bewunderung für diesen Meister des Phantastisch-Poetischen und Makabren entsprechen würde. Einer meiner guten Vorsätze für 2014 lautet allerdings, mich in diesem Blog in Zukunft etwas eingehender mit Person, Leben und Werk des großen Klarkash-Ton zu beschäftigen. Für den Moment habe ich jedoch nicht mehr zu bieten, als ein paar Links, unter denen man den Barden von Auburn einige seiner Gedichte vortragen hört:
Diese Links führen sämtlichst zu der ausgezeichneten Website The Eldritch Dark, auf der man sich die Gedichte auch noch einmal in aller Ruhe durchlesen kann.

Vielleicht sollte ich darauf hinweisen, dass ich in der Vergangenheit zumindest einen etwas ausführlicheren Blogeintrag über Clark Ashton Smith verfasst habe. 

Mitternacht auf dem Friedhof der Vergessenen Franchises



Hollywoods Gilde der Nekromanten plant ihren nächsten infernalischen Coup. Für gewöhnlich variieren ihre Wiedererweckungspläne zwischen unverschämt (The Wild Bunch; Gremlins) und unverständlich (Logan's Run; WarGames). Ab und an jedoch legen die finsteren Kuttenträger auch einen verqueren Sinn für Humor an den Tag. Ich nehme an, das ständige Aufschaufeln cineastischer Gräber ist auf Dauer halt doch nicht so gut für die geistige Gesundheit. Jedenfalls konnte ich ein leicht hysterisches Kichern nicht unterdrücken, als mich die Nachricht erreichte, man plane eine Rückkehr von He-Man auf die Kinoleinwände dieser Welt.
Ehrlich gesagt scheint dieser Plan schon vor etwas längerer Zeit vom Columbia-Zirkel der Gilde ausgeheckt worden zu sein, und außer den üblichen "Insider"-Gerüchten ist es nach dem Absprung von Jon M. Chu (G.I. Joe 2) im letzten Oktober offenbar eher ruhig um das Projekt geworden. Aber die Idee ist so bizarr, dass ich es mir einfach nicht verkneifen konnte, meinen Kommentar dazu abzugeben.
Masters of the Universe – Das ist nicht nur die verrückte Welt der 80er Jahre, es ist auch die Welt meiner Kindheit. Ich selbst besaß zwar keine einzige der muskelbepackten Gestalten mit den etwas zu kurz geratenen Beinen. {Die 80er waren auch das Jahrzehnt von Arnie, Bodybuilding und Steroiden.} Dafür befand sich ein sehr guter Freund von mir nicht nur im Besitz solch illustrer Bewohner Eternias wie He-Man & Battle Cat, Man-At-Arms, Skeletor und Whiplash, sondern war sogar in der Lage, meinen neiderfüllten Blicken Castle Grayskull in all seiner Pracht zu präsentieren. Ja, im unschuldigen Alter von zehn Jahren fand auch ich die Masters of the Universe richtig cool, vor allem natürlich Skeletor. Was Actionfiguren anging, konzentrierte ich mich dennoch lieber auf Star Wars.
Den wunderbar trashigen Kinofilm von 1987 mit Dolph Lundgren als He-Man und Frank Langella als Skeletor habe ich erst sehr viel später kennengelernt. Und noch länger dauerte es, bis ich auch mit der ursprünglichen Zeichentrickserie (1983-85) Bekanntschaft schloss. {Nicht, dass ich mir je alle Episoden angeschaut hätte. Der Spaßfaktor hält da nicht gar zu lange vor.}
Nun also ein neuer Masters of the Universe - Film, und die erste Frage lautet wie immer: Warum?
Vom geschäftlichen Standpunkt aus {und der dürfte in diesem Zusamenhang der allein entscheidende sein}, könnte ich vielleicht sogar verstehen, warum man bei Columbia Pictures mit dieser Idee spielt. Gespeist von den unvergleichlichen Kräften der Nostalgie existiert offenbar eine recht große, wenn auch in die Jahre gekommene Fangemeinde für He-Man. Und wie das bei Fans dieser Sparte oft der Fall ist, bekommen selbige bei der Vorstellung, ihr Held könne statt in einem ulkigen B-Movie aus den 80ern in einem modernen Blockbuster {mit einem Drehbuch von Terry Rosio und Special Effects im Stile von 300!?} auftreten, feuchte Träume. Ob man damit bereits eine ausreichend große Publikumsbasis bei der Hand hätte, auf der man dann aufbauen könnte, sei dahingestellt. Irgendwelche Hollywood-Marktforscher haben sich da sicher schon ihre Gedanken drüber gemacht. Und dass Masters of the Universe ganz gut in den nach wie vor anhaltenden Trend zu hirnloser Phantastik-Action passt, dürfte auf jedenfall klar sein.
Ich freilich würde mir einen neuen He-Man - Film vermutlich nicht einmal für umme anschaun. Nicht, weil ich einen so tiefen Abscheu vor dieser Gestalt aus meinen Kindertagen hegen würde. Vielmehr denke ich, dass eine so absurde Figur am besten im Bereich billiger B-Movies und bizarrer Zeichentrickserien aufgehoben ist. Das Witzigste, was ich im Zusammenhang mit den Reboot-Plänen gelesen habe, war ein Kommentar bei Den of Geek: "I would like to see Peter Jackson make a serious trilogy of MOTU movies. It deserves special treatment, not a throwaway knock-off 90 minute PG crapfest." Der gute Jackson wäre vielleicht wirklich keine schlechte Wahl, aber ein "ernsthafter" Masters of the Universe - Film? Was soll ich mir darunter vorstellen? Das hier ist He-Man, und nur ein in diesem "Geist" produziertes Reboot könnte Spaß machen. Doch dazu wird es wohl so oder so nicht kommen:

Sonntag, 12. Januar 2014

Holmes, der Ripper und die schmutzige Welt der Politik

Die von  Stephen Knight in seinem 1976 veröffentlichten Buch Jack the Ripper: The Final Solution entwickelte Theorie, die Whitechapel-Morde von 1888 seien das Werk einer Regierungsverschwörung mit dem Ziel gewesen, alle Mitwisserinnen einer Affäre zwischen Königin Victorias Enkel Prinz Albert Victor und der aus einfachen Verhältnissen stammenden Annie Elizabeth Crook zu beseitigen, ist von Historikerseite zwar nie wirklich ernst genommen worden, hat sich in künstlerischer Hinsicht jedoch als erstaunlich fruchtbar erwiesen. Das zu Recht wohl bekannteste Beispiel dafür dürfte Alan Moores & Eddie Campbells Comic From Hell sein. Doch bereits drei Jahre nach Erscheinen von Knights Buch hatte die Idee als Grundlage für Bob Clarks Film Murder by Decree gedient



Nicht zum ersten Mal begegneten sich hier Sherlock Holmes und Jack the Ripper auf der Leinwand. Schon vierzehn Jahre zuvor war es in James Hills A Study in Terror* zu einem derartigen Aufeinandertreffen gekommen. Doch ausgehend von Knights Verschwörungstheorie und dem bereits etwas älteren Buch The Ripper File von Elwyn Jones & John Lloyd verwendeten Bob Clark und Drehbuchautor John Hopkins anders als Hill die Konfrontation zwischen Meisterdetektiv und Serienkiller als Aufhänger für eine Geschichte mit deutlich politischer und sozialkritischer Stoßrichtung. Für einen Holmes-Film Ende der 70er Jahre sicher eine ziemlich originelle Idee. Ihre Umsetzung scheint mir jedoch leider nicht sonderlich geglückt.

Der wichtigste Grund zuerst: Christopher Plummers Sherlock Holmes und James Masons Dr. Watson wirken auf mich wenig überzeugend. Oder vielleicht sollte ich besser sagen, wenig ansprechend. Die beiden sind ohne Zweifel talentierte Schauspieler, aber für diese Rollen scheinen sie mir nicht recht zu passen. Sie umgibt einfach nicht das richtige Flair. Das Drehbuch ist in dieser Hinsicht allerdings auch nicht eben hilfreich. Watson wirkt wie eine unglückliche Mischung aus dem trotteligen Sidekick à la Nigel Bruce und dem kompetenten und respektablen Gentleman und Mediziner aus der Granada-Serie.** Die Dialoge der beiden sollen vermutlich witzig wirken, doch in den meisten Fälle haben sie bei mir eher den Eindruck einer Beziehung hinterlassen, die ich kaum als wirklich freundschaftlich bezeichnen würde.
Ganz gleich, was die Geschichte sonst noch zu bieten hat, ein Holmes-Film ohne überzeugenden Holmes hat ein echtes Problem. Der Meister des deduktiven Denkens ist eine ikonische Figur. Sein Charakter, seine Manierismen, seine physische Erscheinung, sie alle bilden einen wichtigen Bestandteil dessen, was den Reiz einer Holmes-Story ausmacht. Weshalb ich mir z.B. selbst die schlechteren der Flicks mit Basil Rathbone immer mal wieder ganz gerne anschaue, war er doch eine wirklich gelungene {wenn auch nicht die beste} filmische Inkarnation des großen Detektivs.
Die übrige Besetzung von Murder by Decree lässt allerdings kaum etwas zu wünschen übrig: Susan Clark als Mary Kelly, Geneviève Bujold als Annie Crook, Donald Sutherland als Mystiker Robert Lees, Frank Finlay als Inspektor Lestrade, Anthony Quayle als Sir Charles Warren. Sie alle wirken überzeugend in ihren Rollen.

In cinematographischer Hinsicht enthält Murder by Decree manch sehenswertes. Bereits die Eröffnungsszene mit der Skyline des viktorianischen London vor einem wolkenverhangenen, am Horizont noch leicht rötlich verfärbten Abendhimmel wirkt sehr eindrucksvoll, schafft sie doch augenblicklich eine bedrückende, unheilsschwangere Atmosphäre, welche durch die schrille Pfeife eines Polizisten und den melancholischen Glockenschlag von Big Ben noch verstärkt wird.
Im nächsten Moment finden wir uns bereits in die düsteren Gassen des nächtlichen Whitechapel versetzt, wo ein Großteil des Filmes spielen wird. Und auch wenn die dort angesiedelten Szenen mitunter noch ein wenig an das Klischeebild des "nebelverhangenen London" aus dem Brit-Horror der 60er Jahre erinnern, besitzen sie im ganzen doch eine sehr viel "naturalistischere" Düsternis. Von dem "gotischen" Charme der Kulissen alter Hammer-Filme ist wenig übriggeblieben.
Gleichfalls recht beeindruckend sind die meisten der Morde des Rippers in Szene gesetzt. Bob Clark war von Haus aus ein Horror-B-Movie-Regisseur. {Auch wenn er seine größten Erfolge später mit solch peinlichem Müll wie den Porky's - Filmen feiern konnte.} Bevor er mit Murder by Decree versuchte, von Kanada aus in die respektableren Regionen der Filmindustrie vorzustoßen, hatte er sich unter Genrefans einen Namen mit Children Shouldn't Play With Dead Things (1973), Deathdream aka Dead of Night (1974) und Black Christmas (1974) gemacht. Ich habe noch keinen dieser Filme gesehen, könnte mir jedoch vorstellen, dass er bei der Arbeit an ihnen gelernt hatte, wie man als Regisseur eine Mordszene so gestaltet, dass sie beim Publikum ein Höchstmaß an Grauen hervorruft. Womit ich nicht gesagt haben will, dass die entsprechenden Sequenzen in Muder by Decree geeignet wären, Alpträume hervorzurufen. Aber sie sind auf jedenfall geschickt komponiert und effektiv.
Die mit Abstand beeindruckendste Szene ist für mich allerdings die Begegnung zwischen Holmes und der in einem "Asyl" für Geisteskranke eingesperrten Annie Crook. Das Schicksal der jungen Frau – von ihrem aristokratischen Liebhaber fallengelassen und von den ehrenwerten Männern der Establishments dazu verdammt, den Rest ihres Lebens in der Hölle einer viktorianischen "Irrenanstalt" zu verbringen –  illustriert auf eindringlichere Weise als selbst die Ripper-Morde die Grausamkeit einer herrschenden Elite, die ohne zu zögern das Leben von Menschen zerstört, die nicht zu ihren erlauchten Kreisen gehören, wenn es darum geht, die eigene Macht zu verteidigen. Zugleich ist dies die stärkste Holmes-Szene. Wir sind es gewohnt, den Meisterdetektiv als ruhig, überlegen, fast ein bisschen arrogant zu erleben. Um so heftiger ist der Eindruck, der entsteht, wenn sich Holmes plötzlich wutentbrannt auf den Direktor des "Asyls" stürzt und ihn zu würgen beginnt. Er, der es gewohnt ist, dank seines überlegenen Intellektes jede Situation beherrschen zu können, sieht sich auf einmal mit Mächten konfrontiert, gegen die er hilflos ist. Er kann Annie nicht retten, denn die, die ihr das angetan haben, sind die Herren der Gesellschaft. Ihm bleibt nichts anderes als Wut und Verzweifelung.

Damit kommen wir zum eigentlichen Inhalt von Murder by Decree, und damit zum zweiten großen Problem, das ich mit dem Film habe. In seiner Kritik an der herrschenden Elite des viktorianischen Englands scheint er ziemlich kompromisslos zu sein. Die royalistischen Loyalitätsbekundungen Dr. Watsons müssen erbärmlich wirken vor dem Hintergrund der Bluttaten, die im Namen und zur Verteidigung der Monarchie begangen werden. Und die Ripper-Verschwörung ist da nur das offensichtlichste Beispiel. Wenn zum ersten Mal der Name Charles Warren fällt, wird ganz nebenbei erwähnt, dass der Commissioner of Police ein Jahr zuvor für die Ereignisse vom Blutsonntag*** verantwortlich war. Das Abschlachten der Prostituierten in Whitechapel steht damit stellvertretend für all die Brutalitäten der Klassengesellschaft.
Soweit ist das alles ganz wunderbar, doch leider führen Hopkins und Clark daneben auch noch eine Gruppe von Radikalen ein, die sich als ebenso rücksichtslos herausstellen, wie die Vertreter des Establishments. Sie gedenken, die Whitechapel-Morde auszunutzen, um die Monarchie zu stürzen. Und um dieses Ziel zu erreichen, sind sie bereit, den Tod weiterer Frauen in Kauf zu nehmen, da die Wahrheit über die Verbrechen der Herrschenden auf diese Weise noch erschreckender wirken werde, wenn sie ans Licht kommt.
Was mich daran stört, ist in erster Linie nicht die Diffamierung englischer Revolutionäre des späten 19. Jahrhunderts. Das ist ärgerlich genug. Viel schlimmer jedoch erscheint mir, dass der Film durch die Einführung dieses Elementes einen Großteil seiner kritischen Stoßkraft einbüßt. Die ganze Geschichte läuft damit letztlich auf die demoralisierte Aussage hinaus, dass Politik in jedem Fall ein schmutziges Geschäft sei. Ob Royalisten oder Republikaner, Reaktionäre oder Revolutionäre, alle sind sie bloß skrupellose Macchiavellisten, die nur an die Förderung ihrer eigenen Ziele denken. Die Konsequenz, die wir aus dieser Erkenntnis zu ziehen haben, wird uns in Gestalt von Holmes exemplarisch vor Augen geführt. Angewidert wendet sich der Detektiv von beiden Fraktionen ab und zieht sich auf einen scheinbar "überlegenen", "unabhängigen" Standpunkt zurück, von dem aus er alle beteiligten Parteien moralisch verdammen kann. Diese letztlich zynische Haltung scheint mir auch der Grund für die äußerst enttäuschend wirkende Schlussszene des Filmes zu sein. Nachdem er Jack the Ripper zur Strecke gebracht hat, wird Sherlock Holmes zum Premierminister (Lord Salisbury) bestellt. Was als eine Art Verhör des Detektivs geplant war, endet mit einer Anklagerede desselbigen gegen die mächtigsten Männer des Empire. Doch es ist eine moralische, keine politische Rede. Angeklagt wird nicht das System, sondern eine Handvoll skrupelloser Schurken, die sich hinter Titeln, Positionen und einer perversen Moral verstecken.
Natürlich wäre es völlig absurd gewesen, hätten Hopkins und Clark Holmes am Ende in einen Revolutionär verwandelt. Eine solche Position würde einfach nicht zu ihm passen. Doch einen wieviel stärkeren Eindruck hätte das Finale von Murder by Decree hinterlassen, wenn der Film auf jener wütenden und verzweifelten Note ausgeklungen wäre, die er auf so effektvolle Weise in der Szene in der "Irrenanstalt" angeschlagen hatte! Holmes als integre und humane Persönlichkeit, die an der Ungerechtigkeit der herrschenden Verhältnisse verzweifelt, wäre sehr viel beeindruckender gewesen, als Holmes als moralischer Richter über eine Clique von Politikern.


* Kein Film, den man unbedingt gesehen haben müsste, aber er hat seine Momente. Und Robert Morleys kurzer Auftritt als furchtbar eitler Mycroft Holmes ist irgendwie putzig.
** Vgl.: 4. Advent: "The Blue Carbuncle"
*** Am 13. November 1887 sprengten ca. 5000 Polizisten & Soldaten mit brutaler Gewalt eine Massendemonstration auf dem Trafalgar Square. Die in großer Mehrheit aus dem armen East End von London gekommenen Menschen hatten sich unter der Führung von Sozialisten und Radikalen wie John Burns, William Morris und Annie Beasant versammelt, um u.a. gegen die grassierende Arbeitslosigkeit und die fortdauernde Unterdrückung Irlands zu protestieren. Das gewaltsame Eingreifen der Staatsmacht führte zu mehreren Toten und zahlreichen schwer Verletzten.