"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 13. Mai 2012

Seine Lordschaft

Ich weiß nicht, welcher Dämon mich da im Moment reitet, aber ich habe plötzlich einen Heißhunger auf die britischen Horrorstreifen der 60er und frühen 70er Jahre entwickelt. Solange dieser anhält, werde ich meine Eindrücke aus der Welt von Hammer und Amicus, von Christopher Lee und Peter Cushing hier wiederzugeben versuchen. Und welcher Song wäre da besser zur Einstimmung geeignet als Screaming Lord Sutchs All Black and Hairy


Die Szenen stammen übrigens aus einem ominösen Streifen von 1962, der unter so bizarren Titeln bekannt ist wie Lycanthropus, Werewolf in a Girls' Dormitory, The Ghoul in School, I Married a Werewolf und Monster Among the Girls. Müsste man auch mal Nachforschungen anstellen ...

Freitag, 11. Mai 2012

"It is inherently more honest – and honesty, I find, is a thing in short supply"


Der in Israel geborene und aufgewachsene Lavie Tidhar, dessen Gorel & The Pot-Bellied God für den diesjährigen British Fantasy Award nominiert wurde, nachdem er im letzten Jahr bereits mit Osama von sich Reden machte, gibt eine sehr interessante Antwort auf die Frage, warum er im phantastischen Genre arbeitet:

Masada Shall Not Fall Again: Faux-Realism, Parallel Histories, and the Fiction of Israel

Donnerstag, 10. Mai 2012

Wann wird Cat Valente endlich übersetzt?

Catherynne M. Valente ist zweifelsohne eine der ganz Großen der zeitgenössischen Fantasy. Um so verwunderlicher, dass bisher kein einziges ihrer Bücher in deutscher Übersetzung vorliegt. Es wäre sicher kein leichtes Unterfangen, den Zauber ihrer äußerst poetischen Sprache in ein fremdes Idiom zu übertragen, aber ähnliches ließe sich auch über China Miéville, Jeff VanderMeer oder Hal Duncan sagen – und von deren Büchern besitzen wir zumindest einige in Übersetzungen.
Es wäre mehr als wünschenswert, wenn auch dem deutschsprachigen Publikum endlich der Zugang zu Valentes Werk eröffnet würde, das sich nicht nur durch große sprachliche Schönheit, sondern auch durch Intelligenz, menschliche Wärme, einen feinen Sinn für Humor, einen schier unerschöpflichen Einfallsreichtum und jene subversive, doch von großem Einfühlungsvermögen geprägte Auseinandersetzung mit Mythen und Märchen auszeichnet, für die die Schriftstellerin einmal halb spaßhaft die Bezeichnung ‘Mythpunk’ geprägt hat.
Für jene, die die Autorin noch nicht kennen und auf keine deutsche Übersetzung angewiesen sind, bietet die aktuelle Ausgabe des Lightspeed Magazine die Gelegenheit, Bekanntschaft mit Cat zu schließen. Neben ihrer Kurzgeschichte A Hole to China enthält sie ein von Erin Stock geführtes Interview.

Dienstag, 8. Mai 2012

Aaarrh ...

Es hilft alles nichts, ich muss schon wieder den Filmsnob spielen.
Nichts böses ahnend schaue ich heute Mittag bei den PhantaNews vorbei, und da springt mir die folgende gruselige Schlagzeile entgegen: Starz macht mit Michael Bay die Piratenserie BLACK SAILS.

Lang lang ist sie her, die Goldene Zeit des Piratenfilms ... Captain Blood, The Sea Hawk, The Crimson Pirate ... Der erste Teil von Pirates of the Caribbean hätte einen beinahe glauben lassen können, es gäbe die Chance für eine würdige und witzige Wiederauferstehung des Genres. Dann kamen die Sequels ... Und jetzt wird sich zu allem Überfluss also auch noch Michael Bay am Jolly Roger vergreifen.

Spätestens mit seinen Transformers - Filmen hat der Regisseur gezeigt, dass er es sich offenbar zur Lebensaufgabe gemacht hat, den Action-CGI-Blockbuster auf ein bisher nicht vorstellbares Niveau herabzuführen. Angesichts der nicht gerade überwältigenden Qualität der meisten Hollywood-Produktionen unserer Zeit eine echte Herausforderung, der sich Bay jedoch leider gewachsen gezeigt hat. Er ist der lebende Beweis dafür, dass man heutzutage ein erfolgreicher Filmemacher sein kann, ohne die elementarsten Regeln des Geschichtenerzählens zu beherrschen. Wenn Starz-Boss Chris Albrecht ihn allen Ernstes als "Visionär" bezeichnet, beweist das, dass er entweder nichts von Filmkunst versteht oder dass die Aussicht auf noch mehr Moneten bei ihm alle übrigen Erwägungen zur Bedeutungslosigkeit verdammt hat.
Aber einmal ganz abgesehen von Michael Bay (der ja nicht als Regisseur, sondern bloß als Produzent vorgesehen ist), zeugt die Grundidee der Serie nicht eben von übersprudelnder Originalität: "Die Show be­leuch­tet die Aben­teuer von Cap­tain Flint und sei­ner Mann­schaft grob 20 Jahre vor den Ge­scheh­nis­sen in Robert Louis Stevensons Klas­si­ker TRE­A­SURE IS­LAND (DIE SCHATZINSEL)."
Manche werden diese Beurteilung inzwischen vielleicht etwas langweilig finden, aber meiner Meinung nach wird hier schon wieder ein großer Name zur Aufpolierung eines mediokren Projekts ausgenutzt. Ich behaupte jetzt einfach mal, dass so gut wie niemand, der Treasure Island genossen hat, sich wünschen würde, näheres über die Erlebnisse von Flint und seiner Crew zu erfahren. Ich z.B. liebe die Figur des Long John Silver, aber wirklich interessant wird er doch nur in seiner Beziehung zu Jim Hawkins. Was er zwanzig Jahre zuvor unter seinesgleichen getrieben hat, interessiert mich nicht die Bohne. Aber Stevensons Roman ist halt die berühmteste Piratengeschichte, also gucken wir mal, ob wir nicht noch ein paar Hunderttausend Dollar aus ihr herauspressen können.
Doch es wird noch besser (oder schlimmer). Für einen waschechten Piratenfilm ist Treasure Island ein denkbar schlechter Ausgangspunkt. Was den Piraten zu einer faszinierenden Gestalt macht, ist sein Rebellentum, sein Kampf gegen die Reichen und Mächtigen dieser Welt. Das gilt nicht nur für seine romantisierten Inkarnationen in Gestalt von Errol Flynn oder Johnny Depp, sondern auch für die Mitglieder der historischen 'Bruderschaft' (wen's interessiert, der schaue hier nach). In Stevensons Roman hingegen sind nicht die Freibeuter die Helden, sondern die Vertreter des rechtschaffenen Engländertums, Squire Trelawney, Doctor Livesey, Captain Smollett und letzlich Jim Hawkins.


PhantaNews Stefan Holzhauer freilich ist der Meinung: "Nach dem was man von SPAR­TA­CUS ge­se­hen hat, dürfte das sehr span­nend wer­den!" Jedem das Seine, aber für mich war Spartacus: Blood and Sand eher ein Beleg dafür, wie heutzutage selbst der legendäre Anführer des größten Sklavenaufstands der römischen Geschichte zum Protagonisten einer TV-Serie um persönliche Rache, Sex und Gewalt gemacht werden kann.  Es mag ja kein cineastisches Meisterwerk sein, aber ich schau ich mir da lieber noch einmal Stanley Kubricks Spartacus an. Drehbuchautor Dalton Trumbo, einer der 'Hollywood Ten', die bereit waren im Widerstand gegen den Antikommunismus der MacCarfhy - Ära ins Gefängnis zu gehen, hatte zumindest eine Ahnung davon, was Rebellion und Revolution wirklich  bedeuten.

Und wer als Filmfreund oder -freundin Spaß an Michael Bay haben will, der schaue sich an, was die Jungs von RedLetterMedia zum dritten Teil von 'Transformers' zu sagen haben.   

Sigurd, Aragorn & die Pfade der Toten

'Wulfila' hat für die Bibliotheka Phantastika eine (wie stets) lesenswerte Rezension zu J.R.R. Tolkiens The Legend of Sigurd and Gudrún verfasst. Selbst hatte ich bisher leider noch nicht die Möglichkeit, des 'Professors' literarische Auseinandersetzung mit dem altnordischen Nibelungenstoff meiner Bibliothek einzuverleiben. Um so spannender fand ich es zu lesen, dass Tolkien der Figur des Drachentöters Sigurd in seinen Stabreimgedichten "eine sehr christlich geprägte Interpretation angedeihen lässt: Sigurd erscheint als prophezeite Erlösergestalt mit deutlichen Anklängen an Christus. So ist er nicht nur von göttlicher Abstammung, sondern wird auch als Überwinder der Schlange bzw. des Drachen apostrophiert (beide können in der christlichen Ikonographie für den Teufel stehen) und schafft durch seinen irdischen Tod die Voraussetzung zur Überwindung des Todes im Jenseits."

Verwunderlich finde ich das allerdings nicht. C. S. Lewis erzählt in einem Brief an seinen Schulfreund Arthur Greeves über jenen legendären Oxforder Nachtspaziergang vom Oktober 1931, der seine Bekehrung zum Christentum auslöste: "Now what Dyson and Tolkien showed me was this: that if I met the idea of sacrifice in a Pagan story I didn't mind it at all: again, that if I met the idea of a god sacrificing himself to himself ... I liked it very much and was mysteriously moved by it: again, that the idea of a dying and reviving god (Balder, Adonis, Bacchus) similarly moved me provided I met it anywhere except in the gospels. The reason was that in Pagan stories I was prepared to feel the myth as profound and suggestive of meanings beyond my grasp even though I could not say in cold prose 'what it meant'. Now the story of Christ is simply a true myth: a myth working on us in the same way as the others, but with this tremendous difference that it really happened" (1) Tolkien war der festen Überzeugung, dass die 'heidnischen' Mythen Brocken der christlichen 'Wahrheit' enthalten, was in seinen Augen ihre besondere Würde ausmachte. Und so finde ich es sehr gut nachvollziehbar, dass er eine Gestalt wie Sigurd in ähnlicher Weise als ‘Vorausdeutung’ auf Christus darstellte wie dies in der typologischen Sicht des Mittelalters etwa mit Orpheus möglich war. (2)

Ich glaube, dass etwas von dieser Sichtweise seinen Niederschlag auch im Herr der Ringe gefunden hat, und zwar in der Episode von den Pfaden der Toten. Sie bildet einen zentralen Bestandteil der 'Saga von Aragorn, Arathorns Sohn' und steckt voller  Anspielungen auf die germanische Mythen- und Sagenwelt.
Das Geschick von Elendils Erbe ist umgeben von uralten Prophezeiungen wie der – natürlich in Stabreime gefassten – des Sehers Malbeth:

Over the land there lies a long shadow,
westward reaching wings of darkness.
The Tower trembles; to the tombs of kings
doom approaches. The Dead awaken;
for the hour is come for the oathbreakers;
at the Stone of Erech they shall stand again
and hear there a horn in the hills ringing.
Whose shall the horn be? Who shall call them
from the prey twilight, the forgotten people?
The heir of him to whom the oath they swore.
From the North shall he come, need shall drive him:
He shall pass the Door to the Paths of the Dead.

Alles, was mit dem schaurigen Weg unter dem Dwimorberg (3) zu tun hat, atmet den archaischen Geist der Zeiten Wotans und Donars.
Baldors "unbesonnenes Gelübde", das er leistete, "als er das Horn leerte bei dem Fest, das [sein Vater] Brego gab, um das neu erbaute Meduseld (4) einzuweihen", ist ein typisches Beispiel ‘heroischer Hybris’, umgeben von der entsprechenden Tragik. Der Königssohn wusste, dass es nicht ihm bestimmt war, das Tor zum Reich der Toten zu durchschreiten, aber hätte es einen besseren Beweis für seinen Heldenmmut geben können, als das unmögliche zu versuchen? – Nie kehrte er aus Dimholt (5) zurück, "und niemals bestieg er den Herrschersitz, dessen Erbe er war."
Über die "Toten Menschen aus den Dunklen Jahren" erzählt Théoden: "[Z]uweilen sieht man sie, wenn sie wie Schatten aus dem Tor heraus und die steinerne Straße herabkommen. Dann versperren die Leute im Hargtal ihre Türe und verhängen die Fenster und fürchten sich. Doch die Toten kommen selten heraus und nur zu Zeiten, da große Unruhen und Tod bevorstehen." Ihre äußere Erscheinung wird beschrieben als "Gestalten von Männern und Pferden, und bleiche Banner wie Wolkenfetzen und Speere wie Winterdickichte in einer nebligen Nacht." Was anderes ist dies als das Wilde Heer, von dem man sich überall im germanischen Kulturraum erzählte? Einst hatte es Wode-Wotan persönlich angeführt, und noch in Heinrich Heines Atta Troll jagt es durch die nächtlichen Pyrenäen. In der Überlieferung tritt es oft als Vorbote von Krieg und Unglück auf. (6) Und auch die Vorstellung, die Toten hausten in einem Berg, aus dem sie von Zeit zu Zeit als Wütendes Heer hervorkommen, durch das Land streifen und anschließend in ihr unterirdisches Heim zurückkehren, ist uralter Bestandteil germanischen Volksglaubens, der sich z.T. bis weit ins Mittelalter erhielt. Der Dwimorberg besitzt seine Gegenstücke nicht nur im Island der Njálsaga und Landnáma, sondern selbst in der Umgebung von Worms, wo nach dem Bericht eines zeitgenössischen Chronisten im Jahr des Herrn 1223 die Geister gefallener Ritter aus einem Berg hervorgekommen sein sollen. (7)
In dieses archaische Umfeld gehört nun auch die Prophezeiung, die davon spricht, dass zur vorherbestimmten Stunde einer kommen und das Tor im Dimholt durchschreiten wird: Einst nämlich betraten Brego und Baldor das Tal und kamen zu dem Tor. "Auf der Schwelle saß ein Greis, so alt, daß man seine Jahre nicht schätzen konnte; hochgewachsen und königlich war er gewesen, doch nun verwittert wie ein alter Stein. Tatsächlich hielten sie ihn für einen Stein, denn er bewegte sich nicht und sprach kein Wort, bis sie versuchten, an ihm vorbei hineinzugehen. Und dann sprach er mit einer Stimme, die klang, als ob sie aus der Erde komme, und zu ihrer Verwunderung sagte er in der westlichen Sprache: Der Weg ist versperrt. Dann blieben sie stehen und schauten ihn an und sahen, daß er noch lebte; er aber blickte sie nicht an. Der Weg ist versperrt, wiederholte er. Er wurde angelegt von jenen, die tot sind, und die Toten halten ihn, bis die Zeit gekommen ist."
In Aragorn finden diese Prophezeiungen ihre Erfüllung. Der Bericht über das, was sich ereignet, nachdem er und seine Gefährten das Tor durchschritten haben, nimmt gerademal eine Handvoll Seiten in Anspruch, bildet jedoch den vielleicht wichtigsten Abschnitt in der Erzählung von der Rückkehr des Königs. Dies ist die eigentliche Prüfung, die Streicher bestehen muss, wenn er Anspruch auf die Krone erheben will. Nicht, weil Volk oder Adel Gondors ihn andernfalls nicht akzeptieren würden, sondern weil sich hier zeigt, ob er tatsächlich der von der Vorsehung auserwählte König ist. Eben darum drängen ihn sowohl Elrond als auch Galadriel, diesen Weg zu beschreiten, denn damit beweist er seine "hohe Bestimmung".

Die Stollen unter dem Dwimorberg lassen sich problemlos als eine Manifestation des Totenreiches interpretieren. So erklärt Halbarad, in Dimholt angekommen: "Das ist ein übles Tor [...,] und mein Tod liegt jenseits von ihm". Man könnte das für eine simple Fehleinschätzung halten, der düsteren Atmosphäre des Ortes geschuldet, stößt dem Dúnadan im Folgenden doch kein körperliches Leid zu. Vielleicht aber beweist er mit seiner Vorahnung auch besondere Einsicht. Zwar wird er nicht sterben, aber er und seine Gefährten werden auf dem Weg, der vor ihnen liegt, dem Tod auf eine Weise nahekommen, wie es lebenden Wesen eigentlich nicht geschehen sollte. Kein Wunder, dass Gimli bei diesem Marsch wahre Höllenqualen durchleidet, "bis er wie ein Tier auf dem Boden kroch und spürte, daß er es nicht mehr ertragen konnte: entweder mußte er ein Ende finden oder entfliehen oder in Wahnsinn verfallen". Legolas hingegen scheint von dem Grauen des Pfades unberührt, was auch verständlich ist. Als Unsterblicher ist dem Elben die elementare Furcht vor dem Tod unbekannt. Welche Schrecken sollte Hades oder Hel für ihn bergen?


Den Abstieg in das Reich der Toten kennen wir von einer ganzen Reihe klassischer Helden wie Gilgamesch, Odysseus oder Aeneas. Irgendwelche jungschen Archetypen sollten wir dennoch besser in der Schublade liegen lassen und uns stattdessen lieber weiter auf die germanische Mythologie konzentrieren, auch wenn sich Sigurd im Unterschied zu seinen mesopotamischen und mediterranen Kollegen keinen Abstecher in die Unterwelt gegönnt hat. Wohl nicht ganz zufällig trägt Bregos Sohn den Namen Baldor – die angelsächsische Entsprechung zum altnordischen Baldr. (8) In der Gylfaginning erzählt Snorri Sturluson, wie nach dem tragischen Tod des Gottes Baldr sein Bruder Hermodr zur Hel hinabreitet, um ihn zurückzuholen. Doch Hermodrs Bemühungen sind erfolglos. Erst nach dem ragnarök, wenn die Welt wiedergeboren wird und ein neues Goldenes Zeitalter anbricht, wird auch Baldr zurückkehren, wie es in der Völuspa prophezeit wird. Bei ihrer Wanderung auf den Pfaden der Toten stoßen die Gefährten auf Baldors unbegrabenen Leichnam, aber wie Aragorn deutlich erklärt: "[D]as ist nicht mein Auftrag." Allerdings lässt er wie nebenbei einen kurzen Hinweis auf den Jüngsten Tag fallen, mit dessen germanischer Variante das Schicksal Baldrs ja aufs engste verknüpft ist: "Hierher werden die Blüten der simbelmyne niemals kommen bis zum Ende der Welt [‘unto world’s end’]".

Man darf solche Anspielungen freilich nicht missverstehen. Aragorn ist weder ein neuer Baldr noch ein neuer Hermodr. Ebenso wie die christlichen formen die germanischen Motive im Herr der Ringe nicht die Handlung, sondern schwingen wie eine zweite Melodie im Hintergrund mit. Bei ihrer Interpretation ist man deshalb auf Spekulationen angewiesen.
Ausgehend von dem Totenreich- und Baldrmotiv ließe sich aus der Geschichte von Aragorns Reise auf den Pfaden der Toten ein leichter Anklang an Christi Descensus ad infer(n)um heraushören. (9)
Dem Menschen von heute – auch dem Christen oder der Christin – dürfte die Vorstellung von der Höllenfahrt Christi nicht mehr so geläufig sein, aber für das Mittelalter stellte sie einen integralen Bestandteil der Passions- und Ostergeschichte dar. Ausgehend vom Bericht des apokryphen Nikodemus-Evangeliums war der Descensus ad infer(n)um – im Englischen ‘Harrowing of Hell’ genannt – ein beliebtes Thema der christlichen Kunst und besaß z.B. einen festen Platz in den englischen Mysterienspielen des Spätmittelalters, den sogenannten Cycle-Plays (Chester, York, Towneley, N-Town). Demzufolge hat Jesus nach seinem Tod am Kreuz die Unterwelt aufgesucht, ihre Tore zerbochen, den Satan niedergerungen und in Ketten gelegt und die endlich erlösten Seelen der Gerechten hinauf ins Paradies geführt.
Auch Streicher trotzt den Mächten der Unterwelt und bringt verdammten Seelen Erlösung. Wenn man hierzu nun Tolkiens Mythosverständnis hinzunimmt, ergibt sich eine interessante Möglichkeit der Interpretation.
Die Pfade der Toten sind von einer unverkennbar heidnisch-archaischen Atmosphäre umgeben, und die Bestimmung des kommenden Königs ist es, diesen Schatten, der aus den Dunklen Jahren auf die Gegenwart fällt, zu vertreiben. In der Gründungszeit Gondors hatten die Bewohner des Gebirges Isildur Lehnstreue geschworen, aber als der Krieg des Letzten Bundes ausgebrochen war, hatten sie sich in ihren Tälern verkrochen und waren seinem Ruf zu den Waffen nicht gefolgt, "denn in den Dunklen Jahren hatten sie Sauron gehuldigt." Deswegen waren sie dazu verflucht worden, keinen Frieden finden zu können bis sie ihren Eid erfüllten, denn sie würden "noch einmal [...] gerufen werden, ehe das Ende kommt." Was Carroux hier mit ‘huldigen’ übersetzt, heisst bei Tolkien ‘worship’ – ein Wort mit sehr viel stärker religiöser Konnotation. Die Eidbrüchigen waren Heiden, Götzenanbeter gewesen. Die Finsternis, die über Dimholt liegt, ist also sowohl in motivischer Hinsicht wie in der Realität der Sekundärwelt die Finsternis des Heidentums. Diesen Spuk zu vertreiben, ist Aragorns Aufgabe. Das tut er aber nicht, indem er die Geister in die Hölle verbannt, wie dies die christlichen Helden aus den Legenden der Missionszeit gemacht hätten, sondern indem er ihnen die Möglichkeit eröffnet, ihren einstigen Fehler wiedergutzumachen und ihm im Kampf gegen ihren ehemaligen Abgott beizustehen. Aragorn führt das Wilde Heer der Heidenzeit gegen Mordors Truppen. Oder auf einer metaphorischen Ebene: Der Mythos wird in den Dienst Gottes gestellt. Was nur möglich ist, weil er schon immer etwas Wertvolles, ein Körnchen Wahrheit enthielt. Nachdem sie dies bewiesen haben, gelangen die Geister der Vergangenheit zur Ruhe, und die letzten Überbleibsel der Dunklen Jahre verschwinden aus dem Weißen Gebirge. Nie wieder wird die Wilde Jagd aus dem Dimholt hervorkommen, und der Dwimorberg wird seinen Namen nur noch in Erinnerung an die Schrecken einer überwundenen Zeit tragen.
Ich bin mir bewusst, auf wie unsicheren Boden ich mich damit begebe, aber es scheint mir nicht ganz unvorstellbar zu sein, dass diese Episode einen versteckten Kommentar zum  Verhältnis von Mythos und christlicher ‘Wahrheit’ enthält.
Aragorn jedenfalls erhält durch sie deutlich messianische Züge – er erscheint als eine Art Erlöser und auserwählter Herrscher über die Lebenden und die Toten. Mit seiner Durchquerung der Unterwelt hat er bewiesen, dass er würdig ist, die Krone zu beanspruchen. Am Schwarzen Stein von Erech lässt er zum ersten Mal das Königsbanner, das Arwen für ihn angefertigt hat, entfalten. Der Eindruck, den er auf seine Gefährten macht, hat sich stark gewandelt. Erstaunt stellt Legolas fest: "Selbst die Schatten der Menschen gehorchen seinem Willen. [...] In jener Stunde sah ich Aragorn an und dachte, ein wie großer und entsetzlicher Gebieter er mit seiner Willensstärke hätte werden können, wenn er den Ring für sich genommen hätte."



(1) Zit. nach: Walter Hooper: C. S. Lewis: A Companion and Guide. S. 582f.
(2) "Bei der Typologie kehrt ein Geschehen der Alten Zeit in einem Geschehen der Neuen Zeit wieder, und zwar in gesteigerter Spiegelung. Im neuen Gegenbild des alten Vorbilds müssen Gemeinsames und Unterscheidendes sich verbinden." (Friedrich Ohly: Halbbiblische und außerbiblische Typologie. In: Ders.: Schriften zur mittelalterlichen Bedeutungsforschung. S. 364.)
(3) ags. ‘dwimor’ [Geist] + ‘beorg’ [Berg]
(4) ags. ‘medu’ [Met] + ‘séld’ [Halle]; Tolkiens Vorbild war hier sicher König Hrothgars berühmtes ‘Methaus’ (‘medoærn’; V. 69) Heorot aus dem Beowulf; ‘meduseld’ taucht als allgemeine Bezeichnung für eine Methalle im zweiten Teil des Heldenliedes (V. 3065) auf.
(5) ags. ‘dimm’ [düster] + ‘hol(c)’ [Höhle, Öffnung]
(6) Während ich das schreibe, befinde ich mich gut sechzehn Kilometer (‘wie die Krähe fliegt’) von dem kleinen Odenwälder Dörfchen Fränkisch-Crumbach und der Burg Rodenstein entfernt, wo man noch am Vorabend des Ersten Weltkriegs den Junker Hans mit der Wilden Jagd durch die nächtlichen Lüfte hat brausen hören wollen.
(7) Vgl.: Wolfgang Golther: Handbuch der germanischen Mythologie. S. 87ff; 283ff.
(8) Genaugenommen kennen die altenglischen Quellen ‘bealdor’ wohl nicht als Eigennamen, sondern nur als Hauptwort mit der Bedeutung ‘Herr’ oder ‘Fürst’. Die sprachgeschichtlichen Wurzeln sind aber dieselben.
(9) Dasselbe gilt nebenbei bemerkt auch für Gandalfs Sturz in den Abgrund von Khazad-dûm.

Sonntag, 6. Mai 2012

Postkolonialer Schlock?

Ich habe mir gestern Nacht nach langer Zeit einmal wieder Dr.Terror's House of Horrors (hierzu-lande unter dem dem noch ulkigeren Titel Die Todeskarten des Dr.Schreck bekannt) aus dem Jahre 1965 reingezogen, den ersten jener Episodenfilme, mit denen Amicus in den 60ern & 70ern seinem Konkurrenten Hammer den britischen Horrormarkt streitig zu machen versuchte. Beide Seiten stützten sich dabei auf eine Riege bekannter Schauspieler, von denen in diesem Fall Peter Cushing, Christopher Lee und Donald Sutherland mit von der Partie sind. Das Drehbuch hatte Amicus - Co-Gründer Milton Subotsky geschrieben, wobei ihm der Klassiker Dead of Night aus dem Jahre 1945 als Vorbild gedient hatte. Auf dem Regiestuhl nahm einmal mehr Veteran Freddie Francis Platz, der sowohl für Hammer als auch für Amicus arbeitete.


Nun habe ich im Allgemeinen eine große Schwäche für den farbenfrohen Trash, den der Brit-Horror jener Jahre hervorbrachte, aber in diesem Fall muss ich leider sagen, dass die Wiederbegegnung den eher negativen Eindruck, der in meinem Gedächtnis herumspukte, weitgehend bestätigt hat. Der Trailer ist um einiges amüsanter als der Film.
Es macht zweifelsohne Spaß, Peter Cushing als ominösen Dr. Schreck (so heißt er auch im Original) zu erleben, der seinen fünf Mitreisenden mit Hilfe von Tarot-Karten ihre unerfreuliche Zukunft vorhersagt. Auch liefert Christopher Lee eine gewohnt gute Leistung ab in der Rolle des versnobten Kunstkritikers Franklyn Marsh, der von der abgetrennten, jedoch höchst lebendigen Hand des Malers Eric Landor terrorisiert wird. Aber alles in allem mangelt es dem Streifen eindeutig an Originalität. Mal ganz abgesehen davon, dass die Rahmenerzählung mit ihrem finalen Dreh absolut keinen Sinn macht. Und auch von der Gender-Front gibt es wenig gutes zu berichten. Zwei der fünf Geschichten (Werewolf  & Vampire) identifizieren das Weibliche ganz klar mit dem Bedrohlichen, und Ann Bells Aufgabe in Creeping Vine beschränkt sich auf effektvolles Kreischen. Einzig in Disembodied Hand begegnen wir (am Rande) einer einigermaßen ansprechenden Frauenfigur.  Natürlich waren die Horrorflicks jener Jahre keine Produkte der feministischen Avantgarde, aber dennoch ist mir dieser Charakterzug von Dr. Terror besonders ins Auge gestochen. Der Grund hierfür mag allerdings darin liegen, dass ich vor kurzem in Roger Cormans ein Jahr zuvor entstandenem The Tomb of Ligeia Elizabeth Shepherd als willensstarke und selbstbewusste Lady Rowena erleben durfte.

Dennoch gibt es da eine Episode, die den Film in gewisser Weise sehenswert macht.
Es war in den Episoden-Horrorstreifen jener Zeit gängige Praxis, eine Story von eher humorvollem Charakter einzubauen. In gegebenem Fall ist das Voodoo. Das allerdings ist es nicht, was diese Geschichte über den Rest heraushebt.
Der Inhalt ist rasch erzählt: Jazz-Musiker Biff Bailey (Roy Castle) erhält zusammen mit seiner Band ein Engagement auf den Westindischen Inseln und belauscht dort eine nächtliche Voodoo-Zeremonie. Alle Warnungen in den Wind schlagend macht er bei seiner Rückkehr nach London aus der rituellen Musik zu Ehren Damballas* einen Jazz-Hit. Die Folgen dieses Sakrilegs sind wie nicht anders zu erwarten wenig erfreulich.
Man kann über Castles schauspielerisches Talent ganz sicher geteilter Meinung sein, aber für mich verkörpert er sehr glaubhaft den keineswegs bösartigen, sondern bloß schrecklich oberflächlichen weißen Musiker, der sich das kulturelle Erbe eines anderen Volkes zu eigen macht, um damit Geld zu verdienen. Vielleicht traue ich dem Film damit etwas zu viel zu, aber ich denke, man kann Voodoo sehr wohl als eine Parabel auf die kulturelle Ausbeutung der sog. Dritten Welt verstehen. Und mithin als eine ziemlich intelligente Parabel, denn Bailey selbst nimmt diese Ausbeutung ja keineswegs als eine solche wahr. Was er tut, tut er aus mangelnder Sensibilität. Dass er sich mit seiner selbstgefälligen Herablassung gegenüber den 'primitiven Negern' wie ein kolonialistischer Herrenmensch aufführt, ist ihm überhaupt nicht bewusst.
Neben dieser intelligenten Story besticht die Episode außerdem durch die echt coole Musik des Tubby Hayes Quintet. Die Ironie besteht natürlich darin, dass die 'Voodoo-Zeremonie' mit ziemlicher Sicherheit keinerlei Ähnlichkeit mit den realen Ritualen dieser Religion aufweist, sondern ganz den westlichen Klischeevorstellungen entspricht. Aber hey, man kann halt nicht alles haben.

* Im wirklichen Vodou gilt Damballa als Schöpfer und Himmelsgott und ist einer der bedeutendsten Loa.  

Wenn Satire Wirklichkeit wird

Vor über hundert Jahren schrieb Jules Verne seinen Roman L'Île à hélice (Die Propeller-Insel), in dem er eine künstliche Insel beschreibt, die zum Vergnügen der auf ihr lebenden Milliardäre kreuz und quer über die Weltmeere schippert. Was bei dem französischen Schriftsteller als Satire auf Plutokratie und Korruption gedacht war, soll nun offenbar Wirklichkeit werden. Das Projekt Freedom Ship ist ein bizarrer Ausdruck für die Dimensionen, die die Klassengegensätze in unserer Zeit angenommen haben. Man muss sich nur anschauen, wie sich seine Schöpfer das Leben in diesem schwimmenden Utopia des Kapitalismus vorstellen:

Envision an ideal place to live or run a business, a friendly, safe and secure community with large areas of open space and extensive entertainment and recreational facilities. Finally, picture this community continually moving around the world. You are beginning to understand the Freedom Ship concept of a massive ocean-going vessel. With a design length of 4,500 feet, a width of 750 feet, and a height of 350 feet, Freedom Ship would be more than 4 times longer than the Queen Mary. The design concepts include a mobile modern city featuring luxurious living, an extensive duty-free international shopping mall, and a full 1.7 million square foot floor set aside for various companies to showcase their products.
Freedom Ship would not be a cruise ship, it is proposed to be a unique place to live, work, retire, vacation, or visit. The proposed voyage would continuously circle the globe, covering most of the world's coastal regions. Its large fleet of commuter aircraft and hydrofoils would ferry residents and visitors to and from shore. The airport on the ship's top deck would serve private and small commercial aircraft (up to about 40 passengers each). The proposed vessel's superstructure, rising twenty-five stories above its broad main deck, would house residential space, a library, schools, and a first-class hospital in addition to retail and wholesale shops, banks, hotels, restaurants, entertainment facilities, casinos, offices, warehouses, and light manufacturing and assembly enterprises. Finally, this concept would include a wide array of recreational and athletic facilities, worthy of a world-class resort, making Freedom Ship a veritable ‘Community on the Sea.’
As it circumnavigates the world, Freedom Ship would make a series of offshore stops, including exotic tropical islands accessible only by sea. These stops would provide the ship's residents and entrepreneurs with extensive and varied touring and business opportunities, and bring a continual stream of visitors to the ship to patronize its shops, restaurants, and entertainment facilities. The ship would provide as many as 40,000 tourists to ports around the world. These cities and countries would eagerly anticipate this influx, as well as the major market the ship represents for local farmers, fishermen, and merchants. Stopover schedules would be based on business volume and touring popularity. Customers, merchants, businessmen, and residents would be able to utilize the ship's fleet of aircraft and hydrofoils, as well as commercial commuter airlines, to come and go from the ship even between stopovers.
The ship's design would accept up to 40,000 full time residents, 30,000 daily visitors, 10,000 nightly hotel guests, and 20,000 full time crew. This population of 100,000 people provides a wealth of talent and diversity for the private businesses aboard the ship and to those they visit daily on their adventures ashore.

Ich könnte es nicht besser ausdrücken als es FerretBrain’s Alasdair Czyrnyj getan hat:
"I've never seen a parasite think so highly of itself before."


Freitag, 4. Mai 2012

Der Fall R. Scott Bakker

‘Anubis’ hat gestern auf Lake Hermanstadt einen interessanten Beitrag zu der offenbar immer noch munter weiter köchelnden Debatte um den Verfasser des Prince of Nothing gepostet. In meinen Augen nimmt diese Diskussion allmählich tragikomische Züge an. Bakker sieht sich selbst als einen missverstandenen Progressiven, und tatsächlich enthält sein Aufsatz The Skeptical Fantasist, auf den ‘Anubis’ dankenswerter Weise verlinkt, einige diskussionswürdige Gedanken. Doch leider ist er zugleich der Gefangene einer äußerst reaktionären Ideologie, deren innere Logik ihn in der Auseinandersetzung mit seinen Kritikerinnen dazu treibt, immer unmöglichere Positionen zu beziehen.

Bakkers Weltbild ist durch und durch biologistisch und orientiert sich an den Ideen der sog. Evolutionären Psychologie. Dabei wirft er permanent soziale und biologische Kategorien durcheinander. So auch bei dem von ‘Anubis’ angesprochenen Thema der sexualisierten Gewalt. Ich entnehme meine Beispiele den Zitaten in Foz Meadows’ Post.
Einerseits erklärt er: "I have a very grim, very pessimistic view of male sexuality. For instance, in NP [his new book, Neuropath] one of the ‘future facts’ referenced is the discovery of a ‘rape module’ in male brains… As dismaying as this possibility is, it seems to make a whole helluva lot of evolutionary sense". Männer werden demnach von ihrer Natur zur Vergewaltigung getrieben.

Andererseits versucht er die Darstellung von Frauen in seinen Büchern so zu verteidigen: "So, yes, women get the short end of the stick in all my books.Why? Because they find themselves caught in predatory systems designed to exploit them. Depicting strong women, ‘magic exemptions’, simply fuels the boot-strapping illusion that is strangling contemporary feminism: the assumption that the individual can overcome their social circumstances". Hier sind es also plötzlich ‘soziale Umstände’, die zur Unterdrückung der Frau führen, welche sich in seinen Büchern oft in der Form sexueller Gewalt manifestiert. Oder soll ich das so verstehen, dass diese ‘sozialen Umstände’ bloß das Produkt der ‘Biologie des Mannes’ sind?
Bakker hat nicht so ganz unrecht, wenn er schreibt, dass eine gesellschaftliche Ordnung letztlich nicht von einigen starken Individuen überwunden werden kann. Aber ‘soziale Umstände’, die auf unveränderlichen biologischen Eigenschaften basieren, lassen sich nicht nur nicht von Individuen, sondern von überhaupt niemandem überwinden. Wer soziale Phänomene wie Sexismus oder Rassismus aus ausschließlich biologischen Wurzeln erklärt, legitimiert sie in letzter Konsequenz, ob er das nun will oder nicht. Bakkers feministische Kontrahentinnen mit ihrem meist individualistisch verstandenen Konzept des ‘female empowerment’ stehen nicht über aller Kritik. Dennoch sind sie es, die in dieser Auseinandersetzung die fortschrittlichen Prinzipien vertreten. Foz Meadow schreibt:
"Feminism believes that the world can and will get better for women: in fact, it exists to make this happen! Feminism has a higher opinion of men than you do, because it doesn’t countenance the biological inevitability of male violence; rather, it acknowledges that, as some cultures and individuals believe this (falsely) to be so, it ends up being promoted, excused and deferred to beyond all reason."
Sie verteidigt hier den Kernbestand des aufklärerischen Humanismus, den Glauben an die Veränderbarkeit der Welt und des Menschen, gegen eine biologistische Ideologie, die – unabhängig von Bakkers Intentionen – stets der Legitimation des Status Quo dient.

Lange Zeit hielt ich R. Scott Bakker dank seiner philosophischen Prätentionen bloß für einen nicht ganz ernst zu nehmenden Möchtegern-Nietzsche. Nach der Lektüre von The Skeptical Fantasist denke ich jedoch, dass ich ihm da vielleicht ein bisschen Unrecht getan habe. Der Autor ist zwar Kanadier, doch zum Hintergrund, vor dem man sein Weltbild sehen muss, gehört offenbar der Aufstieg des christlichen Fundamentalismus in den USA zu einer einflussreichen politischen Kraft. Sein Biologismus ließe sich mithin als Versuch interpretieren, dem Ansturm des Obskurantismus eine ‘wissenschaftliche’ Weltanschauung entgegenzustellen. Warum er dabei bei einer Ideologie gelandet ist, die bloß eine andere, ‘aufgeklärtere’ Spielart rechten Denkens darstellt, erklärt sich aus seiner Überzeugung, dass die Naturwissenschaften die einzige Form rationaler Erkenntnis darstellen.
Es würde zu weit führen, wollte ich versuchen, meine Ansicht darüber darzulegen, warum scheinbar die Mehrheit der heutigen Intellektuellen nicht mehr an die Möglichkeit objektiver Erkenntnis in den Gesellschaftswissenschaften glaubt. Eine der Folgen davon ist jedenfalls das Anwachsen eines ‘naturwissenschaftlichen’ Vulgärmaterialismus. Doch wie der Fall R. Scott Bakker zeigt, ist das eine Sackgasse. Dieser Ideologie wohnt nichts notwendig Progressives inne. Ein besonders krasses Beispiel dafür bietet der Ende letzten Jahres verstorbene Journalist Christopher Hitchens – ein prinzipienloser Opportunist der übelsten Sorte. Der amerikanische Trotzkist David Walsh schreibt über dessen aggressiv zur Schau getragenen Atheismus: "Indeed, Hitchens’ anti-religion became largely yet another means of expressing his contempt for the general population and asserting his own supposed superiority."
Und wer diesen Vulgärmaterialismus so weit treibt wie Bakker muss ganz automatisch bei extrem elitären Ansichten landen. Einer der zentralen Glaubenssätze seiner Weltanschauung besagt, dass Menschen die gentische Veranlagung dazu besitzen, sich stets in mehr oder weniger überschaubaren Gruppen zu definieren und Ideologien zu entwickeln, die es ihnen erlauben, die eigene Gruppe als überlegen wahrzunehmen. Auf dieses ‘biologische Faktum’ führt er alle möglichen gesellschaftlichen und kulturellen Phänomene zurück – vom Rassenhass bis zum Snobismus der Literaturkritiker. Es stellt sich dann allerdings die Frage, warum gerade Mr. R. Scott Bakker in der Lage sein sollte, sich über dieses biologisch verankerte Gruppenbewusstsein zu erheben. Sollte er am Ende ein genetisch überlegener Mensch sein? So weit würde er natürlich nicht gehen, er reißt sogar Witze über die Vorstellung seiner möglichen biologischen Superiorität. Doch im Rahmen seines eigenen Weltbildes wäre dies die einzig vernünftige Erklärung. Und wer mal in seinen Blog hineingelesen hat, der weiß um Bakkers unerträgliche Arroganz. Der Mann will zur selben Zeit ein subversiver Avantgardist sein und von der Öffentlichkeit als großer Autor anerkannt werden. Darum reagiert er so empfindlich auf jedwede Kritik. Da kann man ihm bloß zurufen: Ach Scott, es ist halt nicht leicht, ein Übermensch zu sein.

Mittwoch, 2. Mai 2012

Cthulhu fhtagn!

Es mag eine Fehleinschätzung meinerseits sein, aber ich hatte immer das Gefühl, dass die Übertragung des lovecraftschen Horrors auf die Leinwand selten besonders gut geglückt ist. So habe ich mir z.B. vor kurzem Stuart Gordons Dagon zu Gemüte geführt (der nebenbei bemerkt weniger auf der gleichnamigen Kurzgeschichte als vielmehr auf Shadows over Innsmouth basiert) und weiß immer noch nicht, ob ich diesen Film als Parodie auf oder als Hommage an Éch-Pi-El auffassen soll. Ich mag Roger Cormans The Haunted Palace (der auf The Case of Charles Dexter Ward basiert)*, aber das hat weniger mit Lovecraft als vielmehr mit dem typisch dekadenten Stil des Regisseurs und mit Vincent Price zu tun.**  Natürlich hätte ich gerne gesehen, was Guilleromo del Toro aus At the Mountains of Madness gemacht hätte, wenn die Bosse von Universal nicht gewesen wären. Doch alles in allem ist mein Eindruck, dass die Beziehung zwischen Hollywood und dem Gentleman von Providence nicht eben die glücklichste ist.

Von allen Geschichten Lovecrafts würde mir The Call of Cthulhu als diejenige erscheinen, die am schwersten filmisch umzusetzen wäre. Wirkt der erwachende Monstergott von R'lyeh nicht schon im Original fast wie eine Vorwegnahme von Gummi-Godzilla? Und doch ist gerade für diese Story die vielleicht genialste filmische Adaption geschaffen worden. Im Sommer 2004 begannen Andrew Leman & Sean Branney von der H.P. Lovecraft Historical Society gemeinsam mit einer Gruppe Gleichgesinnter eine Filmversion von  Éch-Pi-Els Meisterwerk zu drehen. Das Außergewöhnliche an diesem Projekt war, dass das Ziel darin bestand, einen Film zu schaffen, der in Stil und Technik jener Zeit entsprechen sollte, in der die Story entstanden war. Und was soll ich sagen – dem Team der HPLHS ist das auf nahezu perfekte Weise gelungen.


Das Faszinierende an diesem Streifen besteht nicht allein in der Liebe, die ganz offensichtlich in jedes seiner Details eingeflossen ist, sondern auch in der Erkenntnis, dass der Stil eines 20er - Jahre - Stummfilms vielleicht am Besten geeignet ist, den Geist von Lovecrafts Horrorstories wiederzugeben. Grund hierfür dürfte sein, dass man damals noch nicht den Fetisch 'Realismus' anbetete. Prägend für den phantastischen Film jener Zeit war der deutsche Expressionismus mit Werken wie Das Cabinet des Dr.Caligari, Dr. Mabuse – Der Spieler und Nosferatu. Dessen Einfluss war noch bei den Universal - Monsterstreifen der 30er Jahre mal mehr, mal weniger deutlich zu spüren. Statt einem vermeintlichen computergenerierten Naturalismus nachzujagen, war den damaligen Filmemachern die Verwandtschaft zwischen Phantastik und Symbolismus/ Surrealismus ganz selbstverständlich. Und so mögen die unirdische Architektur von R'lyeh und der Stop - Motion - Cthulhu in diesem Film zwar nicht 'realistisch' wirken, aber wer braucht schon diese Form von 'Realismus'?


* Obwohl das nicht zum Thema gehört: Das musikalische Hauptmotiv dieses Films von 1963 erinnert verdächtig an jenes von David Lynchs grandios misslungener Adaption von Dune aus dem Jahre 1984.
** Nebenbei bemerkt: Gordons Dagon spielt ganz bewusst auf The Haunted Palace an.

Die Goblin Girls sind wieder da!

Seit einigen Tagen öffnet die Frühlingsausgabe von Goblin Fruit allen Freundinnen und Freunden phantastischer Lyrik wieder einmal das Tor zu einer Welt von Poesie und Magie.

Ich muss zugeben, dass ich selbst noch nicht die nötige Ruhe gefunden habe, um die Gedichte auf angemessene Weise zu goutieren. Auch ist selten alles, was Amal El-Mohtar und Jessica P. Wick in ihrem Magazin präsentieren, nach meinem Geschmack. Dennoch kann ich jedem, der sowohl Phantastik als auch Lyrik liebt, einen Besuch bei den Goblin Girls nur wärmstens empfehlen. Als kleiner Appetitanreger zwei (freilich nicht mehr ganz taufrische) Videos:



Dienstag, 1. Mai 2012

Felines Grauen

Nachdem ich mich letzten Freitag darüber aufgeregt habe, wie der gerade gestartete Film The Raven mit der Person und dem Werk von Edgar Allan Poe umzuspringen scheint, dachte ich mir, es wäre nur angebracht, darauf hinzuweisen, dass es auch ein äußerst gelungenes Beispiel dafür gibt, wie man das Leben und den Horror des Meisters des Makabren miteinander verknüpfen kann. Ich spreche von Stuart Gordons Adaption von Poes klassischer Story The Black Cat. Die Bekanntschaft mit diesem kleinen filmischen Juwel verdanke ich dem wunderbaren Mr. Jim Moon und seinem Podcast Hypnobobs. Schauen wir doch mal in den Trailer:


The Black Cat ist Teil der zweiten Staffel von Masters of Horror (2006/07), einer von Mick Garris ins Leben gerufenen TV-Serie, zu der eine Reihe bekannter Genre-Regisseure wie Dario Argento, Wes Craven und John Carpenter jeweils einstündige Filme beisteuerten.
Stuart Gordon dürfte wohl am bekanntesten für seine Lovecraft-Adaptionen (Re-Animator, From Beyond, Castle Freak, Dagon) sein, und bei seinem Beitrag zur ersten Staffel von Masters of Horror hatte er mit Dreams in the Witch-House einmal mehr auf das Werk des Gentlemans von Providence zurückgegriffen. Mit The Black Cat betrat er dann nicht nur thematisch, sondern auch stilistisch Neuland, und es zeigte sich, dass er  eine Geschichte auch auf zurückhaltende und einfühlsame Weise zu erzählen vermag. Indem er Poe zum Protagonisten seiner eigenen Story macht, gelingt es Gordon, Elemente aus dem realen Leben des Dichters – Armut, Alkoholismus, die zu einem tragischen Ende verurteilte Ehe mit seiner Cousine Virginia – auf intelligente Weise mit dem übernatürlichen Grauen der schwarzen Katze zu verschmelzen. Jeffrey Combs und Elyse Levesque brillieren in den Rollen von Edgar und Virginia.

Alle Liebhaberinnen und Liebhaber Edgar Allan Poes sollten versuchen, dieses feine kleine Filmchen in die Finger zu bekommen.

Montag, 30. April 2012

Von Mönchen, Heroen und nationalen Chauvinisten

Es ist eine traurige Tatsache, dass die Heldenepik scheinbar überall auf der Welt besonders gerne für nationalistische Propaganda missbraucht wird. Unsere hauseigenen Verwurstungen des Nibelungenliedes durch völkische, kaiserliche und nazistische Parteigänger sind wohl allgemein bekannt. Vor einiger Zeit habe ich hier bereits kurz auf das üble Spiel hingewiesen, dass die Hindu-Chauvinsten mit dem Ramayana treiben. Jetzt möchte ich einen Blick nach Sri Lanka werfen.

Wie in Indien kommt die politische Rechte auch hier häufig in religiösem Gewande daher. Der singhalesische Nationalismus ist von seinem Zwillingsbruder, dem buddhistischen Fundamentalis-mus, kaum zu trennen. An der Spitze der rechtsextremen Jathika Hela Urumaya (‘Partei des nationalen Erbes’) stehen buddhistische Mönche. Die Wurzeln dieser Verbindung reichen zurück bis zur buddhistischen Erneuerungsbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Mit der Verfassungsreform von 1972, die den Buddhismus zur Staatsreligion erklärte, machte sich der Staat diese Ideologie offiziell zu eigen. Ihr bisher blutigstes Produkt war der über zwanzigjährige Bürgerkrieg gegen die tamilische Seperatistenbewegung LTTE (‘Liberation Tigers of Tamil Eelam’), der mit dem antitamilischen Pogrom vom ‘Schwarzen Freitag’ 1983 begann und mit der endgültigen Niederlage der Tiger im Mai 2009 endete. Die Tamilen, die den Norden und Osten der Insel bewohnen und mehrheitlich Hindus sind, sind die bevorzugten Opfer der singhalesisch-buddhistischen Rechten, aber auch Muslime und Christen bekommen immer wieder ihren Hass zu spüren. Kernstück ihrer Ideologie ist das Prinzip der dharmadwipa (‘Insel des Dharma’ = der buddhistischen Lehre). Danach ist Sri Lanka so etwas wie ein Gelobtes Land des Buddhismus, und die heiligste Pflicht der Singhalesen besteht in der Verteidigung und Verbreitung der Lehre des Erhabenen. Als literarische Grundlage muss dafür regelmäßig das im 4. Jahrhundert entstandene Mahavamsa herhalten, und das hat dieses Stück Weltliteratur wirklich nicht verdient.

Genaugenommen ist das Mahavamsa kein Heldenepos, sondern eine Verschronik des Königreichs Lanka von der singhalesischen Landnahme durch den legendären Vijaya bis zur Regierungszeit Mahasenas. Aber wie wir noch sehen werden, trägt eine der zentralen Erzählungen deutlich heldenepische Züge. Das in Pali verfasste Werk stellt eine faszinierende Mischung aus Mythen, Legenden, geschichtlichen Überlieferungen und märchenhaften Anekdoten dar. Der Bericht gruppiert sich vor allem um zwei Könige: Um Devanampiya, unter dessen Herrschaft der Buddhismus auf der Insel eingeführt wurde, und um den Heroen Dutthagamani. Nebenbei gewährt uns das Epos auch einen interessanten Einblick in Kultur, Gesellschaft und Religion der alten Singhalesen, so etwa in das komplexe Bewässerungssystem, das den großflächigen Reisanbau, auf dem ihre Gesellschaft basierte, überhaupt erst ermöglichte.

Mahanama, der Verfasser des Epos, war ein buddhistischer Mönch und eine entsprechend große Rolle spielt die Religion des Erhabenen in seinem Werk. So beschäftigen sich die Kapitel II bis V überhaupt nicht mit Sri Lanka, sondern behandeln die frühe Geschichte des Buddhismus von Siddharta Gautama bis zum indischen Maurya- König Ashoka und den drei großen Konzilien, auf denen die Reinheit der Lehre sichergestellt werden sollte.
Das Mahavamsa ist allerdings bemüht, von Anfang an eine besonders enge Verbindung zwischen dem Buddha und dem Inselreich herzustellen. So berichtet das erste Kapitel von drei wundersamen Reisen Gautamas nach Sri Lanka, "[f]or Lanka was known to the Conqueror as a place where his doctrine should (thereafter) shine in glory." Um die Insel für die Lehre zu gewinnen, drängt er zuerst die dort lebenden Yakkhas (1) zurück, indem er sie in Angst und Schrecken versetzt, schlichtet dann einen Krieg zwischen zwei Naga-Königen (2) und heiligt schließlich durch seine Anwesenheit eine Reihe von Orten, die später zu Zentren des Buddhismus werden sollen.
Um die besondere Verbindung zwischen Sri Lanka und dem Buddha noch stärker hervorzuheben, wird die Ankunft Vijayas und der Singhalesen auf den Tag von Gautamas paranirvana, seinen Todestag also, verlegt. An eben diesem Tag unterstellt Gautama die Singhalesen und Lanka auch der besonderen Obhut Sakkas, des Königs der Götter: "When the Guide of the World, having accomplished the salvation of the whole world and having reached the utmost stage of blissful rest, was lying on the bed of nibbana; in the midst of the great assembly of gods, he, the great sage, the greatest of those who have speech, spoke to Sakka who stood there near him: ‘Vijaya, son of king Sihabahu, is come to Lanka from the country of Lala, together with seven hundred followers. In Lanka, o lord of gods, will my religion be established, therefore carefully protect him with his followers and Lanka.’" Außerdem bestimmt er schon jetzt die Überführung von Reliquien und eines Ablegers des Bodhi-Baumes (3) nach Lanka, sowie die Art der Wunder, die sich dabei ereignen werden.

Den ersten Schwerpunkt legt das Mahavamsa auf die Regierungszeit König Devanampiyas und die Einführung des Buddhismus auf der Insel durch Mahinda, einen Sohn Ashokas. Dabei erfährt die Verbindung zwischen Sri Lanka und der buddhistischen Lehre noch einmal eine weitere Vertiefung, wenn Mahinda dem König in Kapitel XV erzählt, dass vor Gautama bereits die ersten drei Buddhas des gegenwärtigen Weltzeitalters die Insel besucht und dort eine Reliquie sowie einen Ableger ihres jeweiligen Bodhi-Baumes zurückgelassen hätten. Auf diese Weise erscheint die Bekehrung Sri Lankas zum Buddhismus nur als Wiederherstellung eines zwischenzeitlich verlorengegangenen Zustandes.
Die Ankunft der Missionare gleicht einer zweiten Landnahme, wenn die Wahrsager Devanampiyas von den Mönchen sagen: "The earth is occupied by these (bikkhus); they will be lords upon the island." Ganz in diesem Sinne läßt Devanampiya den aus Indien überführten Bodhi-Baum bei seiner Ankunft zum König salben. Das bedeutet allerdings nicht, dass Sri Lanka nun eine buddhistische Theokratie geworden wäre. Die Mönche üben zwar großen Einfluß auf die Könige aus, die Herrschaft verbleibt jedoch in den Händen der Monarchen. Kapitel XXXIII berichtet zwar von dem Versuch der Mönchsgemeinschaft, sich auch in die Thronfolge einzumischen und einen ihr genehmen Prätendenten auf den Thron zu heben, doch dieser Vorstoß scheitert, und die Mönche müssen sich König Lanja Tissa unterwerfen. Allerdings stellt für das Mahavamsa die Förderung des Buddhismus die vornehmste Aufgabe eines jeden singhalesischen Königs dar. So gibt die Chronik für jeden König genau an, welche Klöster und Heiligtümer er errichten und welche Schenkungen er der Mönchsgemeinschaft zukommen ließ. Ebenso ist es Aufgabe des Herrschers, Häretiker zu bekämpfen und sie aus dem Land zu vertreiben.

Seinen Höhepunkt erreicht das Mahavamsa mit der Erzählung von König Duttaghamani.
In den Augen der singhalesisch-buddhistischen Chauvinsten ist er der große Nationalheld, und jeder aufrechte singhalesische Politiker sollte seinem Vorbild nacheifern. Das Epos feiert ihn vor allem als den Bezwinger der damilas, die zu dieser Zeit einen Großteil der Insel beherrschten, als Vereiniger des Reiches und Erbauer des Großen Stupa von Anuradhapura. Die Nationalisten identifizieren die damilas der Chronik mit den heutigen Tamilen und benutzen die Geschichte von Duttaghamanis Kriegszügen auf diese Weise für ihre antitamilische Propaganda. Aber auch wenn diese Gleichsetzung korrekt seien sollte (4), bietet das Mahavamsa eigentlich wenig Stoff für eine Verteufelung der Tamilem. Es werden zwar einzelne Übergriffe der damilas auf buddhistische Heiligtümer erwähnt, ihr König Elara ist aber keineswegs ein blutrünstiger Tyrann, sondern vielmehr ein Ausbund an Gerechtigkeit und die vielleicht sympathischste Herrschergestalt der gesamten Chronik. Kapitel XXI erzählt in einer Reihe kleiner, märchenhafter Anekdoten von dem peniblen Rechtsempfinden des Königs, der seinen einzigen Sohn hinrichten lässt, weil dieser mit seinem Streitwagen ein Kalb getötet hat, und sogar einer Vogelmutter Gerechtigkeit widerfahren lässt, deren Kinder von einer Schlange gefressen wurden. Obwohl er kein Buddhist ist, erweist sich seine Tugendhaftigkeit als so groß, dass er mit ihrer Hilfe sogar eine Dürre zu beenden und Regen herbeizurufen vermag. Nicht gerade ein ideales Feindbild.

Das für mich faszinierende an der Erzählung von Duttaghamani ist, dass das Mahavamsa mit seinem Auftreten zu einem Stück heroischer Dichtung wird. Die Vorstellung einer buddhistischen Heldenepik mag auf den ersten Blick absurd erscheinen. Das liegt zum einen an der bei uns weitverbreiteten, romantisch verklärten Sicht auf den Buddhismus als einer pazifistischen Religion. Andererseits scheint das buddhistische Ethos mit seiner Betonung von Selbstzucht, Mäßigung und Mitgefühl dem Ethos des Heroischen – dem Stolz und der Maßlosigkeit, der Todesverachtung und Kampfeslust des Helden – in der Tat diametral entgegengesetzt zu sein. Und wirklich hat man beim Lesen des Mahavamsa das Gefühl, einen klassisch heroischen Stoff vor sich zu haben, der nachträglich 'buddhisiert' wurde. Ich habe allerdings keine Ahnung, ob dem wirklich so ist.

Duttaghamani ist der Sohn des Königs Kakavanna, der über die Provinz Rohana herrscht. Obwohl er die Wiedergeburt eines heiligen Mönches ist, verdeutlicht bereits seine Geburtsgeschichte, dass hier ein Krieger zur Welt kommen soll. Seine Mutter hat nämlich recht ungewöhnliche Wünsche für ihr Kindbett. Sie verlangt nicht nur nach einer gewaltigen Honigwabe als Kissen, sondern wünscht auch das Wasser zu trinken, mit dem das Schwert gewaschen wurde, welches König Elaras obersten Krieger enthauptet hat. Schon vor seiner Geburt besteht damit eine tödliche Feindschaft zwischen Duttaghamani und den damilas.
Am Tag seiner Geburt führt eine Elefantenmutter ihr Junges aus dem Dschungel und lässt es bei den Menschen zurück. Das Tier wächst zu dem gewaltigen und furchteinflößenden Kriegselefanten Kandula heran.
Schon als zwölfjähriger Junge ist Duttaghamani von der Idee besessen, die damilas zu vernichten, und mit sechszehn Jahren ist er "vigorous, renowned, intelligent and a hero in majesty and might."  Ihm zur Seite stehen die zehn gewaltigsten Krieger Lankas, die in Kapitel XXIII eingehend beschrieben werden. Doch Kakavanna fürchtet um das Leben seines Sohnes und untersagt ihm deshalb, gegen König Elara in den Krieg zu ziehen. Dreimal bittet der Held seinen Vater um die Erlaubnis zum Kampf, dreimal wird sie ihm verweigert. Schließlich schickt der zornige Duttaghamani seinem Vater Frauenschmuck mit der beleidigenden Botschaft: "If my father were a man he would not speak thus: therefore shall he put this on." Die hochfahrende Art des Prinzen und die Verhöhnung des (scheinbaren) Feiglings sind typisch für die heroische Dichtung. Vorerst bringt ihm die Beleidigung des Vaters allerdings das Exil ein.

Nach dem Tod Kakavannas kommt es zum Krieg zwischen Duttaghamani und seinem Bruder Tissa. Als unser Held inmitten des Schlachtgetümmels mit seinem Pferd über den Elefanten Kandula springt und dabei seinen Bruder mit dem Speer verletzt, wendet sich der Elefant von Tissa ab und unterwirft sich Duttaghamani. Damit hat der Held seine Überlegenheit unter Beweis gestellt. Er bezwingt die Armee seines Bruders in einem blutigen Kampf und versöhnt sich schließlich mit dem gedemütigten Tissa.
Auf Kandula reitend und umgeben von den zehn Helden kann Duttaghamani nun endlich an der Spitze seines gewaltigen Heeres gegen die damilas ziehen. Dieser Feldzug trägt von Anfang an die Züge eines buddhistischen Kreuzzugs. Duttaghamani läßt eine Reliquie in den Schaft seines Speeres einarbeiten und wird von fünfhundert Mönchen begleitet. Die himmlischen Mächte greifen direkt in das Geschehen ein, als sich die Rüstungen der singhalesischen Krieger durch ein Wunder feuerrot verfärben, damit sie im Schlachtgetümmel Freund und Feind auseinanderhalten können.
Während der Eroberung von Vijitanagara stellen insbesondere Nadhimitta und Suranimila, zwei der Zehn Helden, ihre heroischen Qualitäten unter Beweis. Nachdem es Kandula endlich gelungen ist, das eiserne Tor der Stadt zu durchbrechen, verzichten die beiden darauf, dem Elefanten zu folgen, und schlagen stattdessen eigenhändig zwei weitere Breschen in den Befestigungswall. Ihren Höhepunkt erreicht die heldenepische Erzählung aber naturgemäß mit der Entscheidungsschlacht zwischen Duttaghanami und Elara vor den Toren der Hauptstadt. Zuerst bezwingt Suranimila den größten Krieger der damilas, Dighajantu:
"When the mighty (warrior) had in this manner scattered also the other bodies of troops, he charged at the body of troops with which king Gamani stood. But when he began to attack the king, the mighty warrior Suranimila insulted him, proclaiming his own name. Dighajantu thought: `I will slay him,' and leaped into the air full of rage. But Suranimila held the shield toward him as he alighted (in leaping). But Dighajantu thought: `I will cleave him in twain, together with the shield,' and struck the shield with the sword. Then Suranimila let go the shield. And as he clove (only) the shield thus released Dighajantu fell there, and Suranimila, springing up, slew the fallen (man) with his spear. Phussadeva [einer der Zehn Helden] blew his conch shell, the army of the Damilas was scattered; nay, Elara turned to flee and they slew many Damilas. The water in the tank there was dyed red with the blood of the slain, therefore it was known by the name Kulantavapi."

Duttaghamani setzt dem fliehenden Elara nach und erschlägt ihn eigenhändig. Damit ist die Schlacht entschieden.
Dass der siegreiche König seinen gefallenen Gegner mit einer würdevollen Beisetzung ehrt, entspricht durchaus noch den Gepflogenheiten heldenepischer Dichtung:
"When he had thus been victorious in battle and had united Lanka under one rule he marched, with chariots, troops and beasts for riders, into the capital. In the city he caused the drum to be beaten, and when he had summoned the people from a yojana around he celebrated the funeral rites for king Elara. On the spot where his body had fallen he burned it with the catafalque, and there did he build a monument and ordain worship. And even to this day the princes of Lanka, when they draw near to this place, are wont to silence their music because of this worship."
Doch was dann folgt, ist ein Schlag ins Gesicht des heroischen Geistes. Duttaghamani wird nämlich auf einmal von Gewissensbissen geplagt:
"Sitting then on the terrace of the royal palace, adorned, lighted with fragrant lamps and filled with many a perfume, magnificent with nymphs in the guise of dancing-girls, while he rested on his soft and fair couch, covered with costly draperies, he, looking back upon his glorious victory, great though it was, knew no joy, remembering that thereby was wrought the destruction of millions (of beings)."
An dieser Stelle tritt der Konflikt zwischen heroischem und buddhistischem Ethos offen zutage. Doch, und das macht den Text so interessant, der Konflikt führt nicht zu einem offenen Bruch in der Erzählung, die beiden gegensätzlichen Wertsysteme werden vielmehr miteinander versöhnt. Um diese schier unmöglich erscheinende Aufgabe zu bewältigen, greifen nun acht Arahants [Heilige] in die Handlung ein. Von der Mönchsgemeinschaft beauftragt, suchen sie den König auf, um seine moralischen Bedenken zu zerstreuen. Duttaghamani ist fest davon überzeugt, für immer seinen Seelenfrieden eingebüßt zu haben: "’How shall there be any comfort for me, O venerable sirs, since by me was caused the slaughter of a great host numbering millions?’" Die Antwort der acht Arahats muss für alle, die den Buddhismus für eine friedvolle und humane Religion halten, erschüttern:
"’From this deed arises no hindrance in thy way to heaven. Only one and a half human beings have been slain here by thee, O lord of men. The one had come unto the (three) refuges, the other had taken on himself the five precepts Unbelievers and men of evil life were the rest, not more to be esteemed than beasts. But as for thee, thou wilt bring glory to the doctrine of the Buddha in manifold ways; therefore cast away care from thy heart, O ruler of men!’"
Der Eroberungskrieg gegen einen tugendhaften König, dem Abertausende damilas zum Opfer gefallen sind, ist offenbar dadurch gerechtfertigt, dass er dem höheren Ruhm der buddhistischen Lehre diente. Damit erweist sich das buddhistische Ethos praktisch als noch unmenschlicher als das heroische. Dieses ehrt und betrauert den erschlagenen König zumindest als würdigen Gegner. Die religiöse Sichtweise hingegen beraubt den Feind seiner Menschlichkeit. Er ist ein Ungläubiger und darum nicht mehr wert als ein Vieh. Die einzigen wirklichen Opfer des Krieges sind zwei Anhänger Duttaghamanis, da diese ja gläubige Buddhisten waren.

Wie man sich denken kann, leiten die singhalesischen Chauvinisten aus dieser Passage ihre Ideologie vom ’gerechten Krieg’ (dharma yuddhaya) ab, mit dem sie den Vernichtungskrieg gegen die LTTE legitimierten. (5) Aus diesem Geist heraus feierte z.B. der Mönch Sobitha Thera, Führer der rechtsradikalen Jathika Sangha Sabha (‘Nationaler Mönchsrat’), den obersten Strategen des Bürgerkriegs, General Ratwatte, an dessen Geburtstag 1998 als einen modernen Duttaghamani und forderte die Fortsetzung des Krieges ‘bis zum vollständigen Sieg’. (6) Nach dem Sieg über die LTTE feierten zahlreiche buddhistische Gemeinschaften Präsident Mahinda Rajapakse als einen ‘neuen König’ in der Nachfolge Duttaghamanis und verliehen ihm Titel wie Vishvakeerthi Sinhaladheeswara (‘Allumfassender Glorreicher Oberherr der Singhalesen’), Shree Wickrema Lankadheeswara (‘Heldenhafter Kriegsherr von Lanka’) und Raajavamsa Vibhooshana Dharamadveepa Chakravarti (‘Königlicher Weltherrscher der glorreichen Insel des Dharma’). (7)

An den heldenepischen Teil der Duttaghamani-Geschichte schließt sich ein ausführlicher Bericht über den Bau des Großen Stupa von Anuradhapura an, mit dem der König seine Rolle als Beschützer und Förderer des dharma unter Beweis stellt. Dieser Teil des Mahavamsa ist es, der am ehesten der Untermauerung der dharmadwipa-Ideologie dienen kann. Für den Verfasser des Epos ist die Errichtung des Heiligtums nämlich ein Ereignis von weltumspannender, ja geradezu kosmischer Bedeutung. Die Materialien, die Duttaghamani für den Bau des Stupa benötigt Ziegelsteine, Gold, Silber, Perlen, Korallen und Juwelen   werden auf Anweisung des Götterkönigs Sakka von den Himmlischen auf die Insel getragen. Die Reliquien, die in das Monument versenkt werden sollen, müssen zuvor auf recht abenteuerliche Weise aus dem Unterwasserpalast der Nagas entwendet werden. Am wichtigsten jedoch ist der Umstand, dass Zehntausende von Mönchen aus allen Ländern des Buddhismus kommend in Anuradhapura zusammenströmen, um dem Ereignis beizuwohnen. Das Eingreifen der Götter und mehr noch die Anwesenheit der fremdländischen Mönche machen deutlich, dass der Bau des Stupa mehr ist als ein frommer Akt Duttaghamanis oder ein Symbol für die Vereinigung Sri Lankas unter buddhistischer Herrschaft. Er betrifft vielmehr die gesamte buddhistische Ökumene. Dadurch bekommt Sri Lanka eine außergewöhnliche Stellung innerhalb der buddhistischen Welt zugesprochen.
Hier mögen die Ursprünge der dharmadwipa-Idee liegen. Sie auf die Politik der Gegenwart anzuwenden, ist freilich in etwa so, als würde man sich in Deutschland oder Frankreich heute auf die Reichsideologie des Mittelalters berufen.

Allen Freunden und Freundinnen heroischer Dichtung und jedem, der sich für die buddhistische Kultur Südasiens interessiert, kann ich die Lektüre der 'Großen Chronik' von Lanka jedenfalls nur wärmstens empfehlen.

(1) Der Nama Yakkha bezeichnet in den buddhistischen Palitexten eine Klasse nichtmenschlicher Lebewesen, die häufig als Naturgeister auftreten und den Menschen überwiegend wohlgesonnen sind. Ab und an werden sie aber auch als dämonische Menschenfresser beschrieben.
(2) Die Nagas sind Schlangendämonen.
(3) Der Bodhi-Baum ist der heilige Baum, unter dem Gautama saß, als er die Erleuchtung erlangte. Jeder Buddha besitzt seinen eigenen Bodhi-Baum.
(4) Die Religionswissenschaftlerin Tessa Bartholomeuz zieht diese Identifikation in ihrem Aufsatz In Defense of Dharma: Just-War Ideology in Buddhist Sri Lanka in Zweifel: "It is important to note that, whatever the Mahavamsa's meaning of the Pali word damila, the Sinhala word for Tamil is demala, while twentieth-century Sinhala interpreters of Dutugemunu's war against damilas translate damila as Tamil, demala."
(5) Für eine genaue Analyse dieser buddhistischen Kriegsideologie vgl. Tessa Bartolomeuz' Buch In Defense of Dharma.
(6) Vgl.: Bartholomeuz' Aufsatz.
(7) Siehe hier

Zu früh gefreut

Ich hatte mich seit einiger Zeit der vagen Hoffnung hingegeben, Black Gate habe sich endlich von Theodore Beale getrennt. Doch wie ich heute Morgen mit Ekel und Frustration feststellen musste, ist dem leider nicht so.
'Theo' (aufgrund seines Blogs auch als 'Vox Day' bekannt) ist neben John C. Wright die mit Abstand widerlichste Gestalt, die mir in der Phantastik-Netzgemeinde bisher untergekommen ist. Ein 'libertärer' christlicher Fundamentalist, der immer wieder mit ebenso bizarren wie abstoßenden Statements von sich reden macht. Kleine Auswahl gefällig?

Über die USA als 'christliche Nation': "The main reason American liberties have been systematically reduced since 1851 is because the influence of Christianity throughout the nation has declined." Nur zur Erinnerung: Der Bürgerkrieg, der zur Abschaffung der Sklaverei führte, fand 1861-65 statt!
Über Homosexualität: "Homosexuality is a birth defect from every relevant secular, material, and sociological perspective...[we must] help them achieve sexual normality."
Über Atheismus: "[A]theism may be little more than a mental disorder taking the form of literal autism." (aus seinem Buch The Irrational Atheist)
Über Vergewaltigung in der Ehe: "[T[here is no such thing as marital rape. Once consent is formally given in public ceremony, it cannot be revoked [...] That the 'marital rape' concept is not only legally oxymoronic, but deeply undesirable for both sexes, is exemplified by its implications for sex that by definition precludes consent. Let's face it, any man or woman who believes in the criminalization of wake-me-up sex is not an individual with whom any decently hedonistic being would want to be saddled for a lifetime."
Über Frauenrechte: "In fact, I very much like women and wish them well, which is precisely why I consider women's rights to be a disease that should be eradicated."
Über die wachsende Zahl an Wissenschaftlerinnen: "It is written that 'women ruin everything'; having destroyed the liberal arts, the classics and the pseudo-sciences, it is now abundantly clear that the more rigorous sciences are next on the equalitarians’ destructive agenda. And so, in the not-too-distant future, two plus two will finally be determined to equal five if a women feels that it should, or at least it will as long as she happens to feel that way."
Voller Stolz hat er einmal verkündet: "I have been one of the very few retrogradists openly calling for the elimination of women’s suffrage in the interest of human liberty."

Derart offen trägt er seine Ansichten in den Artikeln für Black Gate zwar nicht zur Schau, doch ein paar antifeministische oder antimuslimische Ausfälle am Rande kann er sich selten verkneifen. Sein aktueller Beitrag bildet da keine Ausnahme.
Den Anlass bildet ein Blogpost von Daniel Abraham, in dem der Autor des Long Price Quartet die sattsam bekannte Masche kritisiert, sexistische, rassistische oder gewaltverherrlichende Elemente in der High Fantasy mit dem Hinweis auf die ‘historische Authentizität’ (‘im Mittelalter war das halt so’) zu legitimieren.* Da der gute Theo eine große Vorliebe für eben dieses Argument besitzt, fühlt er sich offenbar gedrängt, gegen Abraham zu polemisieren und nebenbei ein paar abfällige und groteske Bemerkungen über die bösen Feministinnen loszuwerden.

Ich frage mich ehrlich, warum Black Gate – ein Blog, für den immerhin Leute wie C.S.E.Cooney und Matthew David Surridge schreiben – diesem Herrn weiterhin eine Plattform zur Verfügung stellt. Mit der Frage von Zensur und Meinungsfreiheit hat das meiner Meinung nach absolut nichts zu tun. Selbstverständlich sollte Beale etwa in Form eines Kommentars jederzeit das Recht haben, seine Ansichten zu äußern, wie unappetitlich diese auch sein mögen. Aber er ist ein offizieller Blogger und damit Teil des Teams von Black Gate. Der üble Eindruck, den seine Ergüsse regelmäßig hervorrufen, fällt damit zwangsläufig auch auf das Gesamtprojekt zurück.

* Zu demselben Thema hat 'Wulfila' von der Bibliotheka Phantastika vor gut einem Jahr auch schon mal einen interessanten Beitrag verfasst.

Samstag, 28. April 2012

Happy Birthday, Gronk!

Wie immer bin ich auch diesmal zu spät dran ...
Ich hoffe nur, das kleine grünhäutige & blonde Monster verzeiht mir.  Doch wie dem auch sei, ich wünsche Gronk und seiner IHRER* Schöpferin Katie Cook alles alles Gute zum zweiten Geburtstag! Mögen sie uns noch lange mit ihren allwöchentlichen Comicstrips beglücken!

* Oh Gott, ist mir das jetzt peinlich ... 

Freitag, 27. April 2012

Quoth the raven, "Nevermore"


Das fröhliche Plündern der Literaturgeschichte geht weiter. Während das Projekt, H.G. Wells, Jules Verne und Robert Louis Stevenson auf ein Steampunk-Abenteuer zu schicken (Royal Honour Society), noch Zukunftsmusik sein mag, ist die Idee, Edgar Allan Poe gegen einen psychopathischen Serienkiller antreten zu lassen, bereits traurige Realität geworden:


Poe (John Cusak) muss einen Mörder jagen, der sich in seinen Methoden vom Werk des Schriftstellers inspirieren lässt und dessen Geliebte Emily entführt hat. Seufz! Originalität, wohin bist du verschwunden?

Filme, die nach Poes berühmtesten Gedicht benannt wurden, gibt es schon einige. Tatsächlich erinnert die Idee, Menschen nach Vorbildern aus den Stories des Meisters des Makabren zu töten, an Lew Landers’ Klassiker aus dem Jahre 1935, in dem Bela Lugosi den Chirurgen Richard Vollin spielte, der sich eine Folterkammer voller Poe-inspirierter Mordmaschinen eingerichtet hat. Und auch Roger Corman, der Schöpfer der legendären 60er Jahre - Poe - Verfilmungen mit Vincent Price, drehte einen Raven, in dem neben Price Boris Karloff und Peter Lorre (sowie ein junger Jack Nicholson) mitwirkten.

Angesicht solch prachtvoller Vorgänger wird es der Film von James McTeigue (V for Vendetta) fürchte ich schwer haben, irgendwelche Sympathien bei mir zu wecken. Auch kann ich mich einfach nicht mit der Idee anfreunden, große Schriftsteller der Vergangenheit zu Action- oder Thrillerhelden zu machen. Ich frage noch einmal: Was soll der Sinn davon sein – außer, dass man einen berühmten Namen für Marketingzwecke missbraucht? Von den Mord-Gimmicks einmal abgesehen, hat dieser Film nichts mit dem realen Poe zu tun. Selbstredend hatte dieser nicht einmal eine Geliebte mit dem Namen Emily. Poes Leben würde eine faszinierende Geschichte abgeben. Die Jagd nach einem Serienkiller hingegen ist inzwischen einfach bloß öde.

Was wir wohl als nächstes vorgesetzt bekommen? Tolkien, C.S. Lewis und den Rest der Inklings als Geheimagenten, die im Auftrag von Winston Churchill gegen Hitler kämpfen?    

Doch bevor ich mich richtig aufrege, übergebe ich lieber dem großen Vincent Price das Wort, damit dieser uns zeigen möge, worin die wahre Magie von Edgar Allan Poe besteht: