"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 16. Oktober 2022

Expeditionen ins Reich der Eighties-Barbaren (XX): "Ator l'invincibile"

Kim Newman schreibt in seinem Klassiker Nightmare Movies:
Historically, the pattern of Italian commercial cinema has been an overlapping succession of genre cycles. Usually, but not invariably, triggered by the domestic popularity either of a specific American film or of a traditional Hollywood genre, these cycles come and go in a few years. During the short lifespan of any individual cycle, an incredible number of similar films are rushed through production and into distribution before the format wears thin and the popularity fades.
Einige dieser Zyklen spiegelten darüberhinaus auch etwas von den gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit wider. So hinterließen die rebellischen Strömungen der 60er, der gewaltige Ausbruch des Klassenkampfes im "Heißen Herbst"  und die darauf folgenden "Bleiernen Jahre" ihre Spuren in so unterschiedlichen Genres wie Italo-Western, Poliziotteschi und (auf unterschwelligere Weise) Giallo und Horror
Von dem kurzlebigen Sword & Sorcery - Boom der frühen 80er kann man das freilich eher nicht behaupten. Zwar konnten die Filmemacher dabei an die alten Peplum (Sandalenfilm) - Traditionen anknüpfen, aber ohne John Milius' Conan the Barbarian hätte es ihn vermutlich nicht gegeben. Der erreichte Italien offenbar überraschend früh bereits am 31. März 1982 -- und damit anderthalb Monate vor seiner offiziellen US-Premiere.** Über den Sommer machten sich die Knock-off - Spezialisten daran, allsogleich für wenig Geld die Abenteurer anderer Barbaren auf die Leinwand zu bannen. Die Nase vorn hatte dabei Franco Prosperi (den man nicht mit dem Mondo-Macher gleichen Namens verwechseln darf), dessen Gunan Il Guerriero am 9. September debütierte. Ihm folgte einen knappen Monat später Ator l'Invincibile.
 
Aristide Massaccesi alias Joe D'Amato ist vielleicht kein Regisseur, den man kennen muss, aber dafür einer, den man als Liebhaber des Euro-Exploitationfilms beinah zwangsläufig kennen wird. Mit einem gut 200 Filme umfassenden Oeuvre hat der gute Mann Beiträge zu fast allen Genres des italienischen B-Movies geschaffen. Horrorfans dürfte er vermutlich vor allem für Anthropophagus (1980) bekannt sein, der es in den 80ern auf die Schwarze Liste der britischen Video Nasties schaffte. Oder für so bizarre Horror-Erotika-Mixturen wie Le notti erotiche dei morti viventi / Erotic Nights of the Living Dead (1980) und Porno Holocaust (1981). Als Produzent zeichnete er u.a. mitverantwortlich für Claudio Fragassos legendär miesen Troll 2 (1990) und Claudio Lattanzis Killing Birds (1988), aber auch für Michele Soavis Debütfilm Deliria / Stagefright (1987). In den 70ern hatte er einen recht ordentlichen kommerziellen Erfolg mit den Black Emanuelle - Streifen feiern können, wobei er vor allem in den späteren Beiträgen zu der Serie immer mal wieder die von der Zensur gesetzten Grenzen ausgetestet hatte. Der Star der Serie Laura Gemser hat auch in Ator einen kurzen Auftritt. D'Amato hatte nie große künstlerische Ambitionen. Wie er von sich selbst einmal gesagt hat: "I have absolutely no interest in being an artist." Und tatsächlich käme wohl niemand auf die Idee, ihn auf eine Stufe mit solchen Großmeistern des italienischen Genre-Films zu stellen wie Mario Bava, Dario Argento, Lucio Fulci oder Sergio Martino. Aber auf seine bescheidene Art ist mir dieser ehrliche "Handwerker", dessen Liebe zum Film unbestreitbar war und der doch nie verleugnete, in erster Linie das zu drehen, was sich verkaufen ließ, irgendwie sympathisch. Und es ist auch nicht so, als habe er keinerlei  Talent besessen. In vielen seiner Filme finden sich durchaus einige interessant in Szene gesetzte Passagen. Doch nur selten wirken sie wie aus einem Guss. Und das gilt auch für seinen ersten Ausflug in die Gefilde der Sword & Sorcery.

Der erste Script-Entwurf für Ator stammte aus der Feder von Marco Modugno und Michele Soavi, der zu diesem Zeitpunkt noch ganz am Anfang seiner Karrire stand. Überarbeitet wurde das Ganze danach noch einmal von Jose Maria Sanchez und Joe D'Amato selbst. Vier Autoren? Das erklärt vielleicht, warum die Story in vielen Punkten zusammenhangslos und unlogisch wirkt. Nichtsdestoweniger hatte ich Ator stets als einen der sympathischeren El-Cheapo - S&S - Flicks der 80er in Erinnerung, Und ein kürzlich absolvierter Rewatch hat das noch einmal bestätigt. 
 
Schon der Vorspann lässt keinen Zweifel daran, dass wir es mit einem bewusst gemachten Conan - Knock-off zu tun haben, wenn in der Schwärze der Leinwand Flammen auflodern und eine bedeutungsschwangere Stimme aus dem Off einen Monolog zum Besten gibt. Freilich besitzt selbiger nichts von dem poetischen Pathos, der dem Original dank des Rückgriffs auf Robert E. Howards Phoenix on the Sword eigen it. Immerhin erfahren wir, wer die Bösen sind: Das "Spiderkingdom". Und natürlich gibt es eine Prophezeiung über den Helden, der kommen und die Herrschaft des finsteren "Ancient One" beenden wird. Unnötig verkompliziert durch einen Anhang über dessen Vater, der gleichfalls (wenn auich erfolglos) den Kampf gegen die dunklen Mächte aufgenommen hatte.
 
Es folgt eine Eröffnungssequenz um Ators Geburt: Wir sehen, wie das auserwählte Kind zur Welt kommt; allerlei Omen den bösen Hohepriester und Spinnenfetischisten (Dakar) alarmieren; dieser seine Handlanger losschickt, um das Problem aus der Welt zu schaffen; und der mysteriöse Schnauzbart- und Perückenträger Griba (Edumd Purdom) das Baby vor dem Massaker rettet. 
Ich muss sagen, diese ersten zehn Minuten schauen wirklich ziemlich hübsch aus. Insbesondere die beinah schon etwas bavaesk anmutende Farbgebung verleiht dem Ganzen eine sehr stimmungsvolle Atrmosphäre. Und dass D'Amato den "Tempel der Spinne" vom Halbrund eines alten römischen Theaters repräsentieren lässt, ist eine zwar sicher kostengünstige, aber gar nicht einmal so ungeschickte Lösung.  
    
 
Sobald die schicksalshafte Nacht vorbei ist nimmt der Film dann allerdings das eher banale Aussehen an, das er für den Großteil seiner Laufzeit beibehalten wird.
Griba übergibt den kleinen Ator einem armen Bauernpaar, in dessen Obhut er zu einem stattlichen jungen Mann mit einer wahren Löwenmähne von Haar (Miles O'Keefe) heranwächst. Dass er sich dabei zugleich in seine vermeintliche Schwester Sunya (Ritza Brown) verliebt, war sicher nicht geplant, gibt dafür aber Anlass zu folgenden unsterblichen Dialogzeilen:
- Why can't we marry? 
- Ator, we are brother and sister. 
- I'll talk with our father.
Wer von den vier Autoren sich wohl gedacht hat, dass das eine gute Zutat für diesen Film wäre? 
Das anschließende Vater-Sohn-Gespräch beginnt erwartungsgemäß awkward, führt aber rasch zur Enthüllung der tatsächlichen Verwandtschaftsverhältnisse. Und so steht einer fröhlichen Hochzeitsfeier eigentlich nichts mehr im Weg. Doch unglücklicherweise hat einer der "Schwarzen Ritter" bei einem Spazierritt in der Nähe des Dorfes Griba erspäht, bei dem es sich offensichtlich um einen verbannten Adepten der Spinne handelt. Warum der Hohepriester deshalb beschließt, gleich die ganze Gemeinde abschlachten zu lassen, ist zwar nicht ganz nachvollziehbar, führt aber zum genretypischen Startmassaker, an dessen Ende der Held alleine in der Welt und erfüllt vom Verlangen nach Rache dasteht. Dass die Bösewichter dabei gleich noch die holde Sunya verschleppt haben, kommt als zusätzliche Motivation hinzu.
Doch bevor Ator sich auf seine Queste machen kann, muss er erstmal ein solides Kampftraining unter Gribas Anleitung durchlaufen. Schließlich will dieser den Auserwählten benutzen, um sich an dem Hohepriester für sein Exil zu rächen. Was er demselben natürlich nicht auf die Nase bindet. Vorerst verheimlicht er ihm sogar seine wahre Herkunft. Dennoch erhält Ator am Ende seiner Ausbildung das Schwert seines Vaters Terrant, was zwar als entscheidener Wendepunkt seiner Laufbahn in Szene gesetzt ist, im weiteren Verlauf der Handlung aber nicht noch einmal angesprochen wird.
Wirklich wichtiger ist seine erste Begegnung mit der schwertschwingenden Roon (Sabrina Siani). Da Ator kaum ein Klischee ungenutzt links liegen lässt, besteht diese selbstverständlich darin, dass er der Kriegerin hilfreich zur Seite springt, als sie in einen Kampf mit drei Kontrahenten verwickelt wird. Allerdings wird seine "Rettertat" keineswegs mit Dankbarkeit gewürdigt. Und als er Roon fragt, ob die Kerle Räuber gewesen seien, die sie überfallen hätten, antwortet sie ganz gelassen: "I was the one who robbed them." Sprichts, besteigt ihr Pferd und reitet ohne einen weiteren Kommentar mit den erbeuteten Gäulen der Erschlagen von dannen. Ein gelungener Einstand!
 
Wenig später macht sich Ator dann endlich auf seine Heldenreise zum Tempel der Spinne.
 
Doch bevor wir uns den Abenteuern zuwenden, die ihn dabei erwarten, muss unbedingt noch das dritte Mitglied unseres Trios erwähnt werden: Ein kleiner Bär, den Ator irgendwo im Wald aufgelesen hat, und der seitdem treu hinter ihm her hoppelt. Ab und an greift er sogar hilfreich in die Handlung ein, was leichte Reminszenzen an Beastmaster wachruft. Ob Don Coscarellis zweieinhalb Monate vor Ator in den USA angelaufener S&S-Flick tatsächlich ein Einfluss war, weiß ich allerdings nicht. Es soll Leute geben, die den Bären für den talentiertesten Darsteller des Streifens halten. Ganz so weit würde ich vielleicht nicht gehen, aber ganz sicher habe ich jeden seiner Auftritte mit einem lauten "Ooooo" quittiert. Übrigens verschwindet Freund Petz auf unerklärliche Weise jedesmal aus der Handlung, wenn man sich nicht länger im Freien tummelt, nur um später dann auf ebenso mysteriöse Weise wieder aufzutauchen. Aber das passt im Grunde sehr gut zum Gesamteindruck, den der Plot hinterlässt.
 
 
Ators Queste besteht aus fünf Episoden, von denen nur die allerletzte in irgendeinem Zusammenhang mit dem Ziel seiner Reise steht. Auf manch Betrachter*innen hat das wohl ziemlich anödend gewirkt. Schließlich existieren sie ganz offensichtlich nur, um die Laufzeit des Filmes voll zu kriegen. Aber da fast jede von ihnen irgendein Element enthält, das meine Aufmerksamkeit wachgehalten hat, und sie alle verhältnismäßig kurz sind, habe ich eigentlich keinen Grund, den zusammengestoppelten Charakter des Plots groß zu beklagen.
 
Kaum hat sich unser Held von Griba getrennt (ohne ein Wort des Abschieds übrigens!), da fällt er auch schon einem Stamm von Amazonen in die Hände. Zu denen gehört auch die ihm bereits bekannte Roon, die ihn in einem Wettkampf auch gleich als eine Art menschlichen "Zuchthengst" gewinnt. Doch als sie erfährt, dass er auf dem Weg zum Tempel der Spinne ist, verschiebt sie den Mutterschaftsurlaub vom Kriegrinnendasein lieber noch mal und beschließt stattdessen, ihm zur Flucht zu verhelfen. Ihre Beweggründe sind freilich alles andere als altruistisch. Vielmehr wird sie von der Aussicht auf die legendären Tempelschätze des "Ancient One" angetrieben.       
 

Interessanterweise taucht auch in Gunan Il Guerriero ein Amazonenvolk auf. Die Beliebtheit dieses Motivs im italienischen Genrefilm erklärt sich selbstredend nicht aus irgendwelchen Sympathien für weibliche Emanzipation. Eher schon aus einer Vorliebe für attraktive Frauen in Leder-Bikinis. Aber verglichen mit manch anderen Darstellungen nimmt sich Ator in dieser Hinsicht noch relativ sympathisch aus. So hatte es z.B. in der ersten Hälfte der 70er Jahre eine Handvoll "Amazonen" - Filme gegeben (Le Amazzoni - Donne d'amore e di guerra / Battle of the Amazons [1973], Le guerriere dal seno nudo / War Goddess [1973], Superuomini, superdonne, superbotte / Super Stooges vs the Wonder Women [1975]), deren Inhalt allem Anschein nach stets darauf hinauslief, dass die Kriegerinnen von irgendwelchen Typen bezwungen oder "gezähmt" werden. Von dem extrem abstoßenden Thor Il Conquistatore (1983) ganz zu schweigen. Mit Abstand der widerlichste Streifen, von dem ich das Pech hatte, ihm auf meinen barbarischen Expeditionen zu begegnen. Nichts dergleichen bei Ator. Selbst die kurze "Catfight"-Szene bleibt äußerst zahm. Bei einem Roger Corman - Flick hätte das anders ausgesehen (vgl. etwa Barbarian Queen II [1990]). Zwar schließt sich an die gemeinsame Flucht alsbald die obligatorische "Badeszene im Wald" an, aber zumindest in der Version, die mir zur Verfügung stand, bekommt man dabei bloß die leicht verschwommene Gestalt von Sabrina Siani im Hintergrund der Einstellung zu sehen. Wobei ich mich allerdings frage, ob hier nicht etwas herausgekürzt worden ist. Denn traditionell existieren solche Szenen doch ausschließlich als Entschuldigung, die badende Heldin halbnackt ablichten zu dürfen. Und dass Sianis Karriere im italienischen S&S - Film -- neben Ator war sie auch bei Gunan, Sangraal (1983), Il Trono di fuoco (1983) und Lucio Fulcis Conquest (1983) dabei -- wohl eher nicht auf ihr schauspielerisches Talent zurückgeführt werden kann, ist leider kaum zu bestreiten.
Wie dem auch sei, wir dürfen jedenfalls heilfroh sein, dass wir das Amazonen-Intermezzo ohne größere Ärgernisse oder Peinlichkeiten hinter uns lassen können. Bloß am Rande sei erwähnt, dass Roons Zugehörigkeit zu dem Stamm eigentlich kaum Sinn macht. Ist sie doch ein unverkennbares Valeria - Stand-in. Mehr Diebin und Glücksritterin als stolze Kriegerin. Aber wer an diesem Punkt noch nach Stimmigkeit der Charakterzeichnung oder innerer Logik fragt, hat eh verloren.
 
Es folgt Laura Gemsers Gastauftritt als verführerische Zauberin -- halb Circe, halb Lamia. Wie zu erwarten der "erotischste" Part des Filmes, dabei aber auch recht harmlos. Erwähnenswert ist eigentlich nur der bizarre Kopfschmuck, den Gemser trägt, sowie die Tatsache, dass unser Held sein Überleben den gemeinsamen Anstrengungen von Juniorbär und Roon verdankt. Warum die Hexe es auf ihn abgesehen hatte, bleibt selbstverständlich völlig schleierhaft.   
 

In der Folge von George Romeros Dawn of the Dead aka Zombi (1978) und Lucio Fulcis Zombi 2 (1979) waren die Lebenden Toten Anfang der 80er Jahre im italienischen Genrefilm sehr angesagt. Kein Wunder also, dass ein paar von ihnen auch in Ator kurz durch die Landschaft schlurfen dürfen. Inhaltlich ist diese Episode wenig dramatisch -- es kommt nicht einmal zu einem Schlagabtausch mit Held & Heldin --, aber dafür gehört sie zu den filmerisch eindrucksvolleren. Mit viel Trockeneis und blendendem Gegenlicht verwandelt D'Amato die herumwankenden Statisten in ominöse Silhouetten.   
 
 
Den Lebenden Leichen glücklich entronnen beschließt man, dass es an der Zeit ist, endlich mal eine zünftige Fantasytaverne aufzusuchen. Roon ist außerdem der Ansicht, dass man sich ein paar Pferde organisieren sollte. Wobei sie bereits begehrliche Blicke auf den Geldbeutel der örtlichen Puffmutter wirft. Leider ist ihr Plan, wie sie diesen in die Hände bekommen könnte, reichlich tumb. Was der Sequenz viel von ihrem potenziellen Charme raubt.
 
Aber wir nähern uns eh dem Ende der Geschichte und so taucht plötzlich wie aus dem Nichts heraus erneut der gute Griba auf, um Ator nun endlich seine wahre Bestimmung zu enthüllen. Doch bevor unser Held dem bösen Spinnenpriester gegenübertreten und seine geliebte Sunya befreien kann, muss er noch rasch den magischen Schild von Mordor (!!) in seinen Besitz bringen. Also unternehmen Ator und Roon einen kurzen Abstecher in einige unter einem Vulkan gelegene Kavernen, wo ein (anscheinend ziemlich unfreundliches) Volk blinder Schmiede haust und emsig (magische?) Waffen produziert. Cooler als das eigentliche Finale ist der recht geschickt in Szene gesetzte Kampf, den Ator dort gegen seinen eigenen Schatten ausfechten muss. Und natürlich ist es erneut Roon, die ihm dabei seine Haut rettet. Was ihn allerdings nicht davon abhält, ihre ach so materialistische Goldgier weiterhin mit herablassenden Kommentaren und moralisch überlegenem Naserümpfen zu bedenken.
 
Der Endkampf im Tempel wirkt im Vergleich dazu leider etwas antiklimaktisch. Daran kann weder Gribas "dramatischer" Verrat (der Kerl hatte es die ganze Zeit bloß darauf abgesehen, selbst den Thron des Hohepriesters zu besteigen), noch der Auftritt einer wunderbar plumpen animatronischen Monsterspinne etwas ändern. Dass Roon bei dem Gefecht zu Tode kommt, ist zwar ärgerlich, aber in gewisser Weise auch folgerichtig. Damit die Storyline um die Rettung der "Damsel in Distress" zu einem ungetrübt "glücklichen Ende" gelangen kann, muss die eigenständigere Frauenfigur (und potenzielle Rivalin) beseitigt werden. Denn selbstverständlich hatte sich im Laufe der Geschichte eine "erotische Spannung" zwischen Held und Heldin aufgebaut. Dass die beiden auch einfach Freunde hätten sein können, wäre in Filmen dieser Zeit und dieses Genres undenkbar gewesen.
 
Warum D'Amato es offenbar für eine gute Idee hielt, seinen Fantasyflick mit einem fürchterlich schmalzigen Popsong zu beenden, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Vielleicht dachte er sich, er könne seinem Publikum zum Abschluss nicht noch einmal das immer gleiche musikalische Motiv vorsetzen, und das für den Soundtrack vorgesehene Budget war leider bereits aufgebraucht.
 
Ator l'Invicible ist astreiner Schlock. Die Sets billig. Die Darsteller*innen hölzern. Der Plot größtenteils wirr und zusammenhangslos. Dennoch finde ich, dass der Streifen besser ist als sein Ruf. Wer dieses Sammelsurium aus zum Teil völlig absurden Szenen "öde" findet, hat wohl noch nie Gunan oder Trono di fuoco gesehen. Im Vergleich zu diesen traurigen Vertretern der italienischen Sword & Sorcery ist Joe D'Amatos erster Ator - Flick ein wahres Feuerwerk an trashiger Unterhaltsamkeit.



* Kim Newman: Nightmare Movies. A Critical History of the Horror Film, 1968-88. S. 187.

** In einigen früheren Beiträgen zu dieser Reihe bin ich von einem merklich späteren Datum ausgegangen (man sollte sich halt nie 100%ig auf IMDB verlassen), was zu einigen kuriosen Fehleinschätzungen geführt hat, die ich aber zu faul bin, noch einmal zu korrigieren.

Sonntag, 9. Oktober 2022

Strandgut

Dienstag, 4. Oktober 2022

Expeditionen ins Reich der Eighties-Barbaren (XIX): "Hawk the Slayer"

I punched a bloke in the face once for saying Hawk the Slayer was rubbish ...
I was defending the fantasy genre with terminal intensity.
 
Bilbo Bagshot in Spaced
 
 
Meine ursprüngliche und nie wirklich abgeschlossene Reise durch die wüsten Gefilde des Sword & Sorcery - Films der 80er Jahre liegt inzwischen eine halbe Ewigkeit zurück. Darum ist es wohl angmessen, hier zu Beginn noch einmal auf ein wichtiges Faktum hinzuweisen: Der gewaltige Erfolg von John Milius' 1982 in die Kinos gelangtem Conan the Barbarian war zwar ohne Zweifel von immenser Bedeutung. Ohne ihn hätten wir wohl weder Joe D'Amatos Ator - Filme, noch die ultrabilligen von Roger Corman produzierten und mehrheitlich in Argentinien gedrehten Flicks à la Deathstalker. Matt Cimbers Hundra, einer der interessanteren S&S - Streifen der Zeit, scheint in mancherlei Hinsicht sogar eine direkte Antwort auf Milius' Werk zu sein. Aber Conan stand nicht am Anfang der Welle. Albert Pyuns The Sword and the Sorcerer z.B. tauchte beinahe zeitgleich mit Arnies Cimmerier in den amerikanischen Filmtheatern auf und war unbeeinflusst von ihm entstanden. Und selbst vor 1982 hatten bereits einige wenige Sword & Sorcery - Held*innen ihren Weg auf die Leinwand gefunden. Wenn überhaupt irgendjemand den Titel des Allerersten in Anspruch nehmen darf, dann ist das ein 1980 in sechs Wochen für lächerliche £600.000 in den Pinewood Studios gedrehter Streifen, dem es bestimmt war, Jahrzehnte später zum Kultklassiker zu werden -- the one and only Hawk the Slayer!
 
Der gute Hawk war das Geisteskind von Drehbuchautor Terry Marcel und Filmkomponist Harry Robertson. Letzterer dürfte Freund*innen des Brit-Horror vor allem durch seine Arbeiten für Hammer (u.a. The Vampire Lovers, Countess Dracula, Demons of the Mind und Twins of Evil) und Tyburn (The Ghoul und Legend of the Werewolf) bekannt sein. Die beiden lernten sich Ende der 70er Jahre bei der Arbeit an zwei Ray Coone - Adaptionen (Why Not Stay for Breakfast? und There Goes the Bride) kennen. Sie stellten fest, dass sie eine gemeinsame Liebe zur phantastischen Genre-Literatur verband. Wie Marcel später einmal erzählt hat: "I’d always been a sword-and-sorcery fan – I loved Fritz Leiber and Robert E. Howard, and I particularly loved Solomon Kane" und "Harry and I both loved sci-fi and fantasy: Harry Harrison novels, the Conan books, all the greats." Hinzu kam, dass vor allem Marcel die Art bewunderte, in der Sergio Leone Kurosawas Yojimbo in A Fistful of Dollars verwandelt hatte. Wie wir noch sehen werden, macht dieser Italo-Western-Einfluss einen nicht unbeträchtlichen Teil des Charmes von Hawk the Slayer aus. Eine erste Storyidee "about a medieval warrior set in the fourteenth century" existierte bereits, die Terry Marcel während eines zweiwöchigen Spanienurlaubs zu einem siebzigseitigen Script ausarbeitete. Anschließend setzten die beiden sich noch einmal gemeinsam dran. Mit dem fertigen Drehbuch in Händen gelang es ihnen dann, das Interesse von  ITC (Incorporated Television Company) zu wecken. Die Kontrolle über die Produktion blieb aber ganz in ihren eigenen Händen via der eigens gegründeten Firma Marcel/Robertson Productions Limited.* Die Finanzspritze von ITC kann im übrigen nicht besonders groß gewesen sein. Immerhin erlaubte sie es den beiden, nach L.A. zu fliegen und Jack Palance für die Rolle des Bösewichts Voltan zu gewinnen:     
He wanted to come to England, he thought he could do something with the part, he liked the fun of it [...] I believe he got $100,000. He stayed in a small hotel in Soho, but on the set he shared a caravan with everyone else. There were no airs about the man, though he put me to the test at times – asking me what Voltan’s motivation was for adopting two children and so on.

Davon abgesehen, musste man sich aber wohl in erster Linie auf Marcels Connections in der britischen Film- und Fernsehindustrie stützen.

We were so lucky in Hawk because we had people like Roy Kinnear, who came in to do a few lines as the Innkeeper and Graham Stark, who I’d worked with on the Pink Panther films, playing Sparrow; you always get extra from those sorts of people because they’re such distinctive character actors. 
Für die Hauptrolle engagierte man den Neuling John Terry, der auch in There Goes the Bride mitgespielt hatte. Zu seinen Mitstreiter*innen gehörten aber auch bekanntere Namen wie Patricia "Magenta" Quinn als "Zauberin", Carry On - Regular Bernard Bresslaw als "Gort, der Riese" und Theater- und TV-Veteran William Morgan Sheppard als "Ranulf".
Erwähnenswert ist außerdem Kameraman Paul Beeson. Der war nämlich zwei Jahre zuvor einer der Directors of Photography bei Luigi Cozzis Trash-SciFi-Klassiker Starcrash gewesen und würde in der Folgezeit u.a. bei den Indiana Jones - Filmen und George Lucas' Willow mitarbeiten.
Gedreht wurde in den Pinewood Studios und den angrenzenden Wäldern von Buckinghamshire. Marcels langjährige Verbindung zu dem Studio dürfte beim Abschluss des Deals geholfen haben:
I’m a Pinewood boy – and they were very kind to me, they did an all-in deal for butkus; told us we could help ourselves to anything we could find, so we went around looking at props and pieces of set and whatever we could use!

Das erklärt so manches, was den Look des Filmes angeht. Als man mit dem Dreh begann, nahm Terry Marcel auf dem Regiestuhl Platz. Robertson fungierte offiziell als Produzent, kompomierte aber natürlich auch den Soundtrack.

                           

 

Mit diesen wunderbaren Worten beginnt das Abenteuer. 
 
In einer Art Prolog bekommen wir zu sehen, wie der finstere Voltan (Jack Palance) nächtens zur Burg seines königlichen Vaters reitet und in die gar güldenen Gemächer eindringt. Er verlangt die Preisgabe irgendeines magischen Geheimnisses, dessen Besitz ihm qua Erstgeburtrechts zusteht. Doch der alte König weigert sich standhaft, da die mystische Macht nicht in die Hände eines Dieners des Bösen fallen dürfe. Was er selbstredend mit dem Leben bezhalen muss. Voltans (deutlich) jüngerer Bruder Hawk (John Terry) kommt zu spät, um seinen Vater noch zu retten, aber immerhin bleibt dem Sterbenden noch genug Zeit, um nunmehr unseren Helden in das Geheimnis des magischen "Mindswords" einzuweihen und außerdem etwas kryptische Bemerkungen über die Erfüllung einer alten Prophezeiung von sich zu geben.
Jahre später: Der schwer verletzte Ranulf (William Morgan Sheppard), letzter Überlebender eines fürchterlichen Massakers, flüchtet sich in das kleine Nonnenkloster von Caddenbury. Er berichtet davon, wie Voltans wilde Schar sein Heimatdorf überfallen und sämtliche Einwohner abgeschlachtet habe. Seine Hand kann die heilkundige Äbtissin (Annette Crosbie) zwar nicht mehr retten, aber davon abgesehen gelingt es den Schwestern, den Unglücklichen wieder aufzupäppeln. Doch kaum ist er auf den Beinen, da kreuzen auch schon Voltan, sein Adoptivsohn Drogo (Shane Briant) und ein paar ihrer Halunken in dem friedlichen Refugium auf. Der "Dark One" bringt die Äbtissin in seine Gewalt und fordert ein Lösegeld von 2.000 Goldstücken.
Ranulf begibt sich zur "Holy Fortress" von Danefort, um Hilfe zu organisieren. Der "High Abbot" (Harry Andrews) gibt ihm den Rat, einen umherwandernden Krieger namens Hawk zu suchen, der in der Vergangenheit schon mehrfach gegen die Mächte der Finsternis gekämpft habe.
Als nächstes bekommen wir zu sehen, wie derselbige eine blinde Zauberin (Patricia Quinn) vor einem frühzeitigen Tod auf dem Scheiterhaufen bewahrt. Zum Dank wirft die Gerettete mit ihrem magischen "Dritten Auge" einen kurzen Blick in Hawks Zukunft und Bestimmung. Was dazu führt, dass unser Held sehr rasch den erneut in die Bredouille geratenen Ranulf findet und rettet, woraufhin man sich daran machen kann, eine Heldengruppe zum Kampf gegen Voltan zusammenzustellen. Mit Hilfe eines Teleportationszaubers werden drei alte Kumpels von Hawk -- Gort der Riese (Bernard Bresslaw), Crow der Elf (Ray Charleson) und Baldin der Zwerg (Peter O'Farrell) -- eingesammelt. Das Lösegeld organisiert man sich durch einen Überfall auf den Sklavenhändler Sped (Declan Mulholland). Doch Hawk bezweifelt, dass Voltan sich mit dem Gold abspeisen lassen wird, was immer auch die naive Schwester Monica (Cheryl Campbell) glauben mag. Also bereiten sich unsere Gefährten auf einen blutigen Showdown im Nonnenkloster vor.
 
Mein Twitter-Kumpel Ian hat einmal folgenden, sehr treffenden Kommentar über Hawk the Slayer gemacht: "It's so bad and so good all at once!
 
Ich habe eine große Schwäche für diesen Streifen. In meiner persönlichen Rangliste der Sword & Sorcery - Flicks der 80er Jahre rangiert er ziemlich weit oben. Und ähnlich wie bei Starcrash ist meine Liebe auch hier nicht ausschließlich -- oder auch nur hauptsächlich -- ironischer Natur. Hawk ist für mich nicht einfach ein Beispiel von "so bad it's good". Auch wenn er ohne Zweifel Szenen enthält, bei denen es schwerfällt, ein leises Kichern (oder auch ein lautes Auflachen) zu unterdrücken. Das gilt nicht nur für das zügellose "Scenery Chewing" von Jack Palance, sondern vor allem für beinahe jeden Einsatz von Magie. Die umeinander rotierenden Neonlicht-Reifen des Teleportationszaubers sind da ja bloß der Anfang. So setzt die Zauberin zwischendurch einen von Voltans Männern mit einem Spruch außer Gefecht, der bei mir jedesmal Erinnerungen an Killer Klowns from Outer Space wachruft. Und im großen Schlusskampf kommen dann massenhaft Kunstschnee und hüsch buntisch leuchtende, herumspringende Kügelchen zum Einsatz. Grandios! Doch so wichtig all das für den trashigen B-Movie-Charme von Hawk auch ist, der Streifen hat sehr viel mehr als das zu bieten.
 
 
Selbstverständlich standen Marcel, Robertson & Crew nur äußerst beschränkte Mittel zur Verfügung, wenn es darum ging, der phantastischen Welt ihrer Geschichte Gestalt zu verleihen. Aber gerade das gibt ihr miutunter einen eigenartig surrealen Charakter, den ich ziemlich ansprechend und faszinierend finde. So wirkt z.B. das hübsche Matte Painting der "Heiligen Festung" so, als habe der Künstler gar nicht erst versucht, den Eindruck von Realität zu erwecken. Grund dafür kann natürlich der Mangel an Geld und Zeit gewesen sein. Das Ergebnis aber ist, dass man in der entsprechenden Szene das bizarre Gefühl hat, als reite Ranulf in ein Gemälde hinein. Was ziemlich cool ist. 
 
 
Ein Gutteil der Handlung besteht aus wildem Herumgaloppiere durch die Wälder von Buckinghamshire. Aber mit Hilfe einiger ganz simpler Techniken, wird diesen eine bizarr-phantastische Atmosphäre verliehen. Zuerst einmal ist die Szenerie grundsätzlich immer nebelverhangen. Kaum eine Einstellung, in der im Hintergrund nicht irgendwelche Dunstschleier durchs Bild ziehen würden. Im krassen Gegensatz zu der eher nördlich-europäisch anmutenden Landschaft sieht man hie und da eine tropische Schlange im Baum hängen oder einen Gecko über einen Ast marschieren. Ganz nebenbei erhascht man außerdem immer wieder einen Blick auf irgendwelche Skelette, die wie zufällig am Wegrand liegen oder von Bäumen baumeln.  Der verfluchte "Forest of Weird" wartet zusätzlich noch mit grüner Beleuchtung, massig Halloween-Spinnenweben und ein-zwei putzigen Monsterpuppen auf, die hinter Steinen und Gestrüpp hervorlugen.
Besonders gut gefallen haben mir die vignettartigen Szenen, in denen die einzelnen Mitglieder der Heldengruppe eingeführt werden. Stets dient dabei irgendeine Waldlichtung als Setting, wobei man irgendwie das Gefühl hat, diese existierten unabhängig vom Rest der Welt. Selbst wenn da das Fuhrwerk eines Händler oder der Amboss eines Hufschmieds herumstehen. Die Lichtungen wirken wie kleine Theaterbühnen, auf denen die Akteure ihr kurzes Stück aufführen.
Diese Vignetten vermitteln zudem das Bild einer ziemlich heruntergekommenen Welt, die größtenteils von Halunken, Bullies und Halsabschneidern bevölkert zu sein scheint. Jeder der Gefährten befindet sich in einer etwas prekären Situation, als Hawk auftaucht, um ihn mitzunehmen: Gort ist dabei, sich mit irgendwelchen Soldaten herrumzuprügeln, die kaum mehr als bessere Wegelagerer zu sein scheinen; Crow wäre beinah von zwei Gaunern um Geld und Leben gebracht worden; und Baldin sollte von irgendwelchen durchgeknallten Priestern dem "Heiligen See" zum Opfer gebracht werden.
Und es ist auch nicht so, als bestehe unsere Heldengruppe selbst aus strahlenden Recken. Wir erfahren zwar nichts konkretes über ihre vergangenen gemeinsamen Abenteuer, aber die fünf machen doch eher den Eindruck etwas zwielichtiger Outsider und Underdogs. Hawks Hauptmotivation ist sein Verlangen nach Rache an Voltan, der nicht nur seinen Vater, sondern auch seine geliebte Eliane (Catriona MacColl) auf dem Gewissen hat**; Gort ist zwar ein gutmütiger Kerl, aber in erster Linie an Essen und gutem Bier interessiert; Crow lässt sich durch die Aussicht auf ein paar rasch verdiente Goldstücke auf einen ziemlich fragwürdigen Bogenschützenwettbewerb ein; und Baldin ist ein reichlich heruntergekommener Geselle mit fürchterlichen Manieren und einem etwas krausen Sinn für Humor. 
Hawk bezeichnet seine alten Kampfgefährten ausdrücklich als "the last of their kind". Von Crows Heimat, dem "Silver Forest", stehen nur noch verkohlte Baumstümpfe, und auch Baldins "Iron Hills" existieren nicht mehr. Vor allem das Schicksal der Elfen als einer "schwindenden Rasse" könnte einen an gewisse tolkieneske High Fantasy - Motive erinnern. Aber im Ganzen besitzt die Welt von Hawk the Slayer nichts von dieser mythischen Grandeur. Zwar befindet sie sich fraglos im Niedergang, das Leben der allermeisten wird von Anarchie und Gewalt beherrscht, während einige "fette Barone" (und wohl auch die Kirchenoberen) sicher auf ihren Zwingburgen hocken. Doch die Atmosphäre, die dabei vorherrscht ist erdig-dreckig, nicht mythisch-tragisch. Selbst Voltan, der als der "Dark One" in den Diensten irgendwelcher dämonischen Zauberer steht, ist eigentlich nicht viel mehr als der Anführer einer besonders rücksichtslosen Räuberbande, die kaum den Namen "Legions of Darkness" verdient hat. Wenn uns vorgeführt werden soll, wie brutal er ist, bekommen wir zu sehen, wie er sich in einem heruntergekommenen Wirthaus mit ein paar zerlumpten Handlangern des Sklavenhändlers Sed herumstreitet. Nicht unbedingt echtes Dark Lord - Niveau.   
 

Hier zeigt sich denn auch besonders stark der Italo-Western-Einfluss. Hawk ähnelt dem Archetyp des einsam herumziehenden Pistoleros. Seine Konfrontationen mit all den Halunken und Bullies sind oft haargenau so in Szene gesetzt wie klassische Westernduelle, nur dass hier halt keine Schießeisen, sondern Schwerter gezogen werden. Und wenn sich unsere fünf Gefährten am Ende in der Kapelle verschanzen und auf den Angriff von Voltans Leuten warten -- überzeugt davon, dass kaum alle von ihnen den nächsten Tag überleben werden -- hat das gleichfalls deutliche Spaghetti-Western-Vibes.
Verstärkt wird dies noch durch Harry Robertsons eigenwillige Musik, die teilweise ad hoc auf dem Set entstand, wie der Kompomnist einmal erzählt hat:
I wrote some of the score whilst on location. I would see how the scenes were coming out and then do a bit of writing or just jot down some ideas as and when I got them. It was an interesting experience because I had most of the score ready before the cameras had stopped rolling.
In Rezensionen wird oft die für einen Fantasystreifen tatsächlich recht bizarre "Disco-Qualität" des Soundtracks hervorgehoben. Doch wenn man sich etwas genauer auf die Musik einlässt, wird man außerdem einige recht deutliche Anklänge an Ennio Morricone heraushören können. Und das ist selbstverständlich kein Zufall:

Hawk was a fantasy western if you like. That’s why the score has little trills and motifs on it when we see the hero or the villain of the piece; it was my homage to Morricone and also the spaghetti western score.

Trotz des dreckigen Ambientes ist Hawk the Slayer übrigens erfreulich frei von all den eher unappetitlichen Elementen, denen man sonst so oft im Sword & Sorcery - Kino der 80er Jahre begegnet. So enthält der Film auch nicht einen Hauch von Sexploitation. Das steht vor allem in krassem Gegensatz zu den S&S-Flicks von Roger Corman, wo nackte Brüste (und nicht selten auch die Darstellung sexueller Gewalt) fester Bestandteil des Programms sind. Marcel und Robertson wollten mit Hawk einen Film "für die ganze Familie" drehen. Mit Kampfszenen wird zwar nicht gegeizt, und wenn Ranulf seine "Schnellfeuer-Armbrust" oder Crow seinen Bogen zückt, werden die Bösewichter gleich in Scharen umgemäht. Aber Blut und Gore bekommt man nicht zu sehen. Und auch wenn ich ja kein grundsätzlicher Verächter von Exploitation bin, steigert das in diesem Fall noch einmal die Sympathie, die ich für diesen Streifen empfinde.

Interessanterweise weicht der (im übrigen nicht übermäßig interessante) Hawk the Slayer - Comic von Garth Ennis und Henry Flint, der vor nicht allzulanger Zeit auf den Seiten von Judge Dredd: The Megazine erschienen ist, in diesem Punkt sehr deutlich von seiner Inspirationsquelle ab. Da geht's nämlich verdammt gory zu. Auch hat es sich Garth Ennis nicht nehmen lassen, seinen manchmal schon etwas obsessiv wirkenden Hass auf Religion in die Geschichte einfließen zu lassen. Leider wird dieser Comic vermutlich für immer das einzige Sequel zu Hawk bleiben, das wir zu sehen bekommen werden Auch wenn die Gerüchte über einen möglichen zweiten Film wohl erst mit Terry Marcels Tod ganz verstummen werden. Aber vielleicht ist das sogar ganz gut so. Fast nie gelingt es, die Magie alter B-Movies, Trash-Klassiker und Kultfilme wiederzubeleben, wenn man Jahrzehnte später irgendwelche Fortsetzungen zu ihnen dreht. Und ganz ehrlich: Braucht die Welt einen zweiten Hawk - Film? Ich denke nicht. Es reicht, dass es den einen gibt. Den aber werde ich mir sicher immer mal wieder mit großer Freude anschauen. "The one and only" halt ...

 

 

* Die Firma produzierte später noch Prisoners of the Lost Universe (1983) und Jane and the Lost City (1987), hielt also dem Pulp-Phantastischen die Treue.

** Die einzigen Parts von Hawk the Slayer, mit denen ich wirklich gar nichts anfangen kann, sind ein paar Flashback-Szenen, in denen wir diese Hintergrundsgeschichte erzählt bekommen. Nicht nur finde ich das Motiv der beiden Brüder, die sich um eine Frau streiten, reichlich abgeschmackt. Der Versuch, den Szenen ein "idyllisch-romantisches" Ambiente zu verleihen, macht sie zu irgendwie süßlich anmutenden Fremdkörpern in der Gesamtheit des Films. Einzig das dort eingeführte Motiv eines silbernen Kruzifixes, das Hawk von seiner Holden geschenkt bekommt und das er seitdem um den Hals trägt, rechtfertigt in meinen Augen die Existenz dieser Flashbacks. Das Schmuckstück rettet unserem Helden nämlich am Ende das Leben. Und zwar in sehr unerwarteter Weise: Während der finalen Konfrontation mit Voltan entpuppt es sich als getarntes Wurfmesser! Das ist so absurd, dass es Bühnenapplaus verdient.



Mittwoch, 14. September 2022

Karfreitag mit den Trommeln des Chaos

Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte eine Finsternis im ganzen Land.
Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen? [...] Da riss der Vorhang im Tempel von
oben bis unten entzwei. Die Erde bebte, und die Felsen spalteten sich. Die Gräber
öffneten sich, und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt.
Matthäusevangelium
"Eh-ya-ya-ya-yahaah - e'yayayayaaaa ... ngh'aaaaa ... ngh'aaaa ... h'yuh ... h'yuh ...
 HELP! HELP! ... ff - ff - ff ... FATHER! FATHER! YOG-SOTHOTH!"
H.P. Lovecraft: The Dunwich Horror
 
Da es sehr unwahrscheinlich ist, dass ich den Roman in absehbarer Zukunft ein zweites Mal lesen werde, habe ich beschlossen, tatsächlich noch eine kurze Besprechung von Richard L. Tierneys The Drums of Chaos hier einzuschieben, bevor wir uns endgültig von Simon of Gitta verabschieden. Zumal ich das zum Anlass nehmen kann, einige Themen noch ein wenig genauer zu beleuchten, die im Rahmen meines Dreiteilers über Sorcery Against Caesar  (1 * 2 * 3) für mein Gefühl etwas zu kurz gekommen sind.
 
Die Handlung schließt unmittelbar an die Ereignisse von Seed of the Star-God an. Dositheus hatte ursprünglich vorgehabt, zusammen mit Menander und Ilione nach Persepolis zurückzukehren. Doch nachdem ihm einige seltene Grimoires aus der Bibliothek des toten Schwarzmagiers Prodikos in die Hände gefallen sind, hat er beschlossen, zuerst einmal einen Abstecher nach Palästina zu machen, um in der Nähe der Stadt Achziv/Ekdippa nach einem verlorenen Artefakt zu suchen. Menander und Ilione müssen ihn wohl oder übel dabei begleiten. Simon derweil will endlich seine langgehegten Rachepläne in die Tat umsetzen und die römischen Beamten und judäischen Kollaborateure, die für den Tod seiner Eltern verantwortlich sind, zur Strecke bringen. Doch kaum haben die vier das "Heilige Land" erreicht, als sie auch schon in ein Netz okkulter Verschwörungen verstrickt werden, die mit dem Erscheinen des mysteriösen Rabbis Yeshua bar Yoseph im Zusammenhang stehen und zum Untergang der Menschheit führen könnten.
 
Die Grundidee von Drums of Chaos fand ich recht interessant: Seit The Winds of Zarr wissen wir, was für eine Wesenheit sich hinter dem Namen Jahwe verbirgt. Und allen, die einigermaßen mit Lovecraft vertraut sind, sollte auch ein Sohn dieses "Gottes" bekannt sein. Tatsächlich enthält ja auch The Dunwich Horror einige ganz leichte Anklänge an die Evangelien. Tierney spinnt das konsequent weiter. Bei ihm ist Yeshua/Jesus in der Tat ein Wilbur Whateley der Antike. Und ja, auch er hat einen "großen Bruder". Hier und da finden sich sogar einige wörtliche Anklänge an Lovecrafts Erzählung.
 
In einem Interview mit Howie Bentley erklärte der Autor 2006 einmal sarkastisch:
I fear Mythos Books has missed two good landmarks for publishing the novel, first by not having it coincide with Mel Gibson’s movie The Passion of the Christ and recently with The Da Vinci Code movie. But of course this is par for my publishing course. I finished writing the novel a bit over 15 years ago! If Drums is ever published, I hope it takes off with the kind of notoriety Dan Brown’s novel has enjoyed. With luck, it may even attract a death-fatwa from Christian fundamentalists, putting me up there with Salman Rushdie. One can always hope. 
Aber auch wenn strenggläubige Christ*innen das Buch sicher anstößig finden könnten, ist es mit ziemlicher Sicherheit nicht geschrieben worden, um in erster Linie zu provizieren oder gar zu verletzen. Tierney verwandelt Jesus nicht einfach in eine cthulhuide Monstrosität. Die Geißelungsszene enthüllt uns zwar ein klein wenig seiner (sehr zurückhaltend beschriebenen) nichtmenschlichen Anatomie. Aber im Ganzen verrät uns bereits seine äußere Erscheinung -- trotz unverkennbarer Ähnlichkeiten --, wie stark sich dieser Yeshua von Wilbur Whateley unterscheidet.
Lovecraft beschreibt den kindlichen Wilbur wie folgt:
His facial aspect, too, was remarkable for its maturity; for though he shared his mother’s and grandfather’s chinlessness, his firm and precociously shaped nose united with the expression of his large, dark, almost Latin eyes to give him an air of quasi-adulthood and well-nigh preternatural intelligence. He was, however, exceedingly ugly despite his appearance of brilliancy; there being something almost goatish or animalistic about his thick lips, large-pored, yellowish skin, coarse crinkly hair, and oddly elongated ears.
Von Yeshua heißt es bei seinem ersten Auftreten:
The sun, edging lower, lined the features beneath the white headband -- the large dark eyes, the prominent curved nose with flaring nostrils, the straggling beard that partly concealed a slightly receding chin. They were strange, rather striking features, somehow sheeplike or goatish in their overall cast.
Während Wilburs Gestalt an die eines Satyrs erinnern sollte, werden die "ziegenartigen" Züge Yeshuas immer wieder mit der Idee des Sündenbocks und des "Lamm Gottes" in Verbindung gebracht. Er wirkt nicht animalistisch, seine Erscheinung wird vielmehr mehrfach als besonders würdevoll und sogar "regal" bezeichnet. Für den Großteil des Romans taucht er nur selten persönlich auf, aber beinah jedesmal betont Tierney die tiefe Traurigkeit und das Mitgefühl, die aus seinen Augen sprechen.
 
Wie in The Dunwich Horror kann auch in The Drums of Chaos ein Sprössling Yog-Sothoths nicht ohne Mithilfe menschlicher Kultisten/Zauberer entstehen. Dabei übernimmt Joseph von Arimathea (Yosef of Aphairema) die Rolle von Wizard Whateley. Die Parallelen reichen bis zu solchen Details wie dem Albinismus der Mutter. Dass die Empfängnis außerdem Marias Psyche heftigst zerrüttet hat, dürfte eine Anspielung auf Arthur Machens Roman The Great God Pan sein, der ja eine der Inspirationsquellen Lovecrafts gewesen war. Doch anders als Wilbur ist Yeshua nicht das Produkt eines von Degeneration und Zerfall geprägten Milieus. Yosef und seine Anhänger (u.a. der biblische Nikodemus) sind vielmehr extreme Idealisten, die überzeugt davon sind, die Erlösung der Menschheit herbeizuführen. 
Große Teile der Evangelien sind von apokalyptischer Naherwartung erfüllt, der Überzeugung also, dass der Anbruch des Jüngsten Tages unmittelbar bevorsteht: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe." (Mk 1,15) "Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft." (Mk 13,30) Tierney greift dies auf und verknüpft es mit Wilburs Ansinnen, "to clear off the earth" für die Rückkehr der Großen Alten. Wie dieser will auch Yeshua ein Portal für seinen Vater Yog-Sothoth öffnen. Aber was ihn dabei antreibt ist sein tiefes Mitgefühl für die Menschen. Er glaubt, sie auf diese Weise vom Leid befreien zu können. Und ist bereit, dafür die größtmöglichen persönlichen Opfer zu bringen. Folter und Schmerzen der Passion, die für ein Wesen seiner Natur unendlich viel intensiver sein werden als für einen "normalen" Menschen, sollen die nötige Energie freisetzen, um das Große Tor zu öffnen.
Diesem Themenkomplex sind wir nun ja schon mehrfach bei Tierney begegnet. In einem Streitgespräch zwischen Dositheus und Nikodemus wird er noch einmal exemplarisch ausgeführt:
"And why should we prevent him?" grated Nicodemus, his face suddenly as stern and dark as a thundercloud. "Is this earth such a paradise that we should preserve it? No, it is a vale of torment, worthy only of destruction -- and it shall be destroyed, Dositheus! For a thousand ages the Primal Gods have worked their torment upon all life, feeding upon the pain thus generated; the agony of countless victims has fed them --"
"And so you would destroy it all?" Dositheus shook his head sadly. "How do you know that your god will then establish a better world? Does not Him Who is not to be Named demand countless animal sacrifices here before his Temple? And have they not been thus demanded for more than a thousand years?"
 "Aye, in order that His energies might be built up for His Return!" Nicodemus' face, now lifted skyward, shone as with a radiant glory. "In that day the skies shall roll up as a scroll, the thunders of judgement shall descend like a sea-wave upon all the lands, and all suffering shall cease!" 
[...]
"Will you oppose His advent, Dositheus -- you, who once lost a loved one during the reign of the monstrous King Herod? No! You, Dositheus, like all who have become aware of the enormity of the suffering this world bears, know that it is better that all beings should perish and that a new dawn should supersede the long darkness!"
Dositheus swallowed. "There is some truth in what you say, Nicodemus. Yet, is there not also a redeeming flavor in this life? Do you not enjoy a good meal, the drawing of a full breath, the glance of a loved one --?"
"Do these things outweigh the misery of those who are denied them?" snarled Nicodemus. "Does the absence of leprosy in many men outweigh the sufferings of those afflicted with it? Count each of your blessings, Dositheus, and know that for every disease you have not yet contracted, many thousands of others have -- else you would not know of that disease at all! Have no loved ones of yours been slain by Romans recently, or sold into slavery? If you feel lucky on that account, it is because you know of many others who have! Have no friends of yours been slain by bandits, accidents, avalanches --?"
"Peace, Nicodemus. I have experienced sorrow, as you well know. Yet, life is --"
"Speak not to me of life!" hissed the priest, his face rigid. "I am sick of all life! I seek that which is beyond it. Life is suffering. I seek relief from life, and so I follow the One who shall overthrow life and bring Joy to this world."  
Allerdings exisitiert noch eine zweite Fraktion um die Priester (& Zauberer) Annas und Kaiaphas sowie den römischen Tribun Maxentius, die zwar gleichfalls das Öffnen des Portals anstreben, dadurch jedoch weltliche Macht zu gewinnen hoffen. Unwissentlich spielen sie damit Yeshua in die Hände, dessen engster Vertrauter Judah (Judas Iskarioth) als vermeintlicher "Verräter" die Rolle des "Mittelsmanns" zwischen den beiden Gruppen spielt.

Wie in den Simon of Gitta - Kurzgeschichten spielt Tierney natürlich auch in seinem Roman mit allen möglichen literarischen und historischen Versatzstücken, wobei die Dichte aber nicht ganz so groß ist wie etwa in Seed of the Star-God, The Worm of Urakhu oder The Dragons of Mons Fractus. Das im Detail auseinanderzuklamüsern, wäre mir im Rahmen dieses Artikels zu aufwendig. Darum nur ein paar Beispiele: 
  • Wie zu erwarten gibt es jede Menge Anspielungen auf die Evangelien. So begegnen wir u.a. der Samariterin am Brunnen; erfahren, wie es tatsächlich zum Einsturz des Turms von Siloam gekommen ist; und werfen einen Blick hinter einige der "Wundertaten" Jesu, wie die Vermehrung der Brote & Fische oder die zahlreichen Dämonenaustreibungen. Simon selbst schlüpft nacheinander in drei "biblische" Rollen: Er ist das Vorbild für das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, tritt zwischendurch als Simon der Aussätzige verkleidet auf und ist der von Pilatus begnadigte Barrabas.
  • Artefakte wie der Gral (der allerdings nie so genannt wird), die Bundeslade und "the abomination of desolation" (der  "unheilvolle Greuel" aus Dan 9 & 11) -- ein heidnisches Kultbild, das der seleukidische König Antiochos IV. im Jerusalemer Tempel aufrichten ließ -- spielen bei den okkulten Machenschaften eine wichtige Rolle.
  • Dositheus rekrutiert zwischendurch die Hilfe der "Dreißig", einer Gruppe ehemaliger Jünger des Täufers Johannes, was wieder einmal auf die  pseudo-klementinischen Recognitionen (II, 8) zurückgeht.
  • Vor allem im ersten Drittel des Romans tauchen zahlreiche Anspielungen auf den King in Yellow - Mythos (in seiner derlethschen Version) auf. So fallen mehrfach die Namen "Hali" und "Karakossa". Sowie selbstverständlich Hastur (Assatur).
  • Der hebräische Begriff "Am ha'aretz" ("Volk des Landes"), der durch die Geschichte unterschiedliche Bedeutungen gehabt hat, wird auf cthulhuide Art umgedeutet.
  • Der Rabbi der "Schwarzen Synagoge von Chorazin" hat einen dämonischen, kuttentragenden Begleiter, der deutlich an M.R. James' klassische Spukgeschichte Count Magnus erinnern soll, in der ja von einer "Black Pilgrimage to Chorazin" die Rede ist. 
Da die Handlung in den Tagen vor Pessah und Passion einsetzt, werden natürlich vor allem Elemente aus diesem Kontext aufgeriffen und umgedeutet: Die Salbung in Bethanien, die Nacht im Garten Gethsemane und schließlich die quasi-apokalyptischen Ereignisse rund um Jesu Kreuzigung und Tod: Der sich verfinsternde Himmel, das Erdbeben, das Erwachen der toten "Heiligen". Vor allem dieses Große Finale besitzt denn auch tatsächlich eine hübsch finster-bedrohliche Atmosphäre.   
 
So weit hat mir das alles ziemlich gut gefallen, doch kommen wir nun zu den Aspekten des Romans, mit denen ich meine Probleme hatte.
 
Zuerst einmal bin ich mir nicht sicher, ob er wirklich 420 Seiten lang hätte sein müssen. Ich denke, eine etwas gestrafftere Handlungsführung hätte dem Buch gut getan. Manche Passagen wirken mäandernd oder repetitiv. Zwischendurch hat man das Gefühl, dass sich einige der Figuren etwas ziellos durch die Landschaft bewegen, sich zufällig begegnen und wieder trennen. Ilione verschwindet nach Zweidritteln der Handlung sogar ganz aus dem Roman! Und mindestens einmal zu oft, fällt eine der Figuren irgendwelchen Bösewichtern in die Hände, um 20, 30 Seiten später von Simon (oder Menander) wieder befreit zu werden. Waghalsige Rettungsaktionen sind sicher eine schmackhafte Zutat für eine Geschichte wie diese, verlieren bei der dritten Wiederholung aber doch stark an Reiz.
 
Der zweite Problempunkt ist etwas ambivalenter. The Drums of Chaos ist nämlich ein Crossover zwischen den Simon of Gitta - und den John Taggart - Geschichten. Das ist nicht automatisch etwas schlechtes. So hat mir z.B. der Prolog mit der Versuchung in der Wüste, in der der Zeitreisende die Rolle Satans spielt und Yeshua erfolglos von seinem Plan abzubringen versucht, ziemlich gut gefallen. Doch leider führt die Einführung all zu vieler SciFi-Gadgets mitunter zu etwas albern wirkenden Resultaten. Tierney ist zwar klug genug, die Strahlenpistolen, die Dositheus und Simon ziemlich am Anfang der Geschichte in die Hände fallen, alsbald wieder von Taggart einsammeln zu lassen. Aber warum hat er sie dann überhaupt in ihren Besitz gelangen lassen? Und später läuft z.B. Menander eine Zeit lang mit einem Diktaphon durch die Gegend, um die Stimme Yeshuas aufzunehmen, damit Taggarts außerirdische Verbündete ein Duplikat des Rabbis herstellen können. Der Zeitreisende selbst schwebt für den Großteil der Handlung auf einer winzigen Fliegenden Untertasse durch das nächtliche Judäa. Wohlgemerkt finde ich die Crossover-Idee nicht grundsätzlich schlecht. Und motivisch passt die Figur Taggart ziemlich gut in die Geschichte. Schließlich hat er selbst einmal den Untergang der Menschheit begrüßt und ist erst später zu der Überzeugung gelangt, dass sein verzweifelter Pessimismus und Menschenhass ein Irrweg war. Nur manchmal sind die Brüche halt doch etwas zu arg.
 
Mit Abstand am irritierendsten aber waren ... die Frauenfiguren. Ich bin ja schon am Ende meines letzten Beitrags auf dieses Problem zu sprechen gekommen, doch in The Drums of Chaos ist mir das noch einmal  besonders unangenehm aufgefallen. 
Beginnen wir mit Ilione. Nach den traumatischen Erlebnissen von The Seed of the Star-God, als ihr eigener Vater sie den Großen Alten opfern wollte, hatte Dositheus ihr versprochen, sie und Menander nach Persepolis zu bringen, wo ein sicheres und friedvolles Leben unter der Obhut des weisen Daramos auf sie warte, von dem sie in Magie und Philosophie eingeweiht werden würde. Stattdessen schleppt der alte Zauberer sie nun nach Judäa und setzt sie erneut der Bedrohung durch dämonische Mächte aus. Man kann durchaus verstehen, dass sie verärgert und verängstigt ist. Dennoch wird man vor allem ihr feindseliges Verhalten gegenüber Menander kaum besonders sympathisch finden können. Oft kommt sie als etwas zickig und egoistisch rüber, In gewisser Weise hat sie mich damit an die Figur der Tias aus The Ring of Ikribu erinnert. Doch anders als dort haben wir hier halt keine Red Sonja zum Ausgleich. Dass Ilione nach Zweidritteln des Romans (und nachdem sie erneut beinahe zum Jungfrauenopfer geworden wäre) von Taggart dann tatsächlich nach Persepolis gebracht wird, wirkt einerseits zwar irgendwie nett, spricht aber auch dafür, dass Tierney wohl selbst nicht wusste, was er mit der Figur eigentlich anstellen sollte, weshalb er sie einfach aus der Handlung rausgeschrieben hat.
Und leider lässt sich auch über die übrigen weiblichen Charaktere nicht viel gutes oder interessantes berichten. Da hätten wir z.B. die Sklavin Lotis, die Simon aus den Klauen irgendwelcher Halunken befreit. Sie wirkt vor allem anfangs wie eine zweite Ilione -- zwar nicht so missmutig und aggressiv, aber ebenso verängstigt und hilflos. Und ganz wie diese wird auch sie über weite Strecken der Handlung von den männlichen Protagonisten quasi "mitgeschleppt". Ihre Herrin Elissa, die Ex-Geliebte des sadistischen Tribuns Maxentius, ist zwar um einiges selbstbewusster -- und als Figur auch potenziell sehr viel interessanter --, erhält jedoch nur wenig Raum zur Entfaltung. Was bei der doch nicht geringen Länge des Romans schon ein Armutszeugnis darstellt. 
Etwas aktiver und selbstbewusster wird Lotis erst, nachdem ihr und Menander in einer Traumvision offenbart wurde, dass sie "True Spirits" und ein "metaphysisches Paar" sind. 
Und damit kommen wir gleich zu zwei weiteren, verwandten Problempunkten.
Es gibt nämlich zumindest eine sehr souverän wirkende Frauenfigur in The Drums of Chaos -- Maria Magdalena (Miriam). Die "Braut" Yeshuas* beginnt irgendwann an dem Weltvernichtungsplan zu zweifeln, und vertritt ihre Position sehr selbstbewusst gegenüber Joseph von Arimathea und geht dabei so weit, zu behaupten, dass der Messias in Wahrheit ihrem Willen folge:
Yosef's brows knotted, his craggy face glowering down upon Miriam like a storm cloud. "I do not know you, woman. Do you declare, after all your pretense of support, that your deepest hopes are set against my will -- and your Lord's?"
The woman laughed briefly, lightly. "Your will is adamant, O my father. That I well know. Yet with all your wisdom, I think that you have not yet fathomed his deepest will, which is nothing less than to serve me." 
Es ist ziemlich offensichtlich, dass Tierney bei der Arbeit an The Drums of Chaos von Robert Graves' The White Goddess beeinflusst wurde. Und die einzige "starke" und selbstbewusste Frauenfigur, die zu zeichnen er fähig ist, ist denn auch die einer Quasi-Göttin, die das abstrakte "Prinzip des Lebens" verkörpert. Und selbst deren Funktion besteht hauptsächlich darin, den "Mann" zum Handeln zu inspirieren, also sozusagen "Muse" zu sein. Das erklärt übrigens auch die Rolle, die Helen(a) in den Simon of Gitta - Kurzgeschichten spielt.
Eng damit verknüpft scheint mir die Art, in der romantische und sexuelle Beziehungen in der Welt der Simon of Gitta - Geschichten dargestellt werden. Oder besser gesagt, nicht dargestellt werden. Denn zumindest im Story - Zyklus gibt es sie praktisch nicht. Die einzige Ausnahme bildet Gretchen in The Dragons of Mons Fractus, und auch da fühlte sich Tierney offenbar getrieben, die aufblühende Beziehung nach ein-zwei Seiten wieder zu "annullieren", praktisch "ungeschehen zu machen". Mich selbst hat das nicht weiter gestört. Vielmehr fand ich es sehr angenehm, dass den Geschichten damit auch all das Macho-Gehabe und die sexuelle Aggressivität fehlen, die man von Sword & Sorcery - Helden der Conan-Tradition sonst gar zu oft gewöhnt ist. Auffällig fand ich es aber schon. 
The Drums of Chaos wiederum macht auf mich den Eindruck, als habe Tierney sich irgendwie verpflichtet gefühlt, nun doch ein solches Element in seine Erzählung einzufügen. Das Ergebnis ist ... awkward. Am Ende von The Seed of the Star-God war angedeutet worden, dass Menander und Ilione ein Paar werden könnten. Und eigentlich hätte ich es ganz nett gefunden, wenn die beiden jugendlichen Zauberlehrlinge zusammen gekommen wären. Aber gerade das macht Tierney nicht. Er treibt sie vielmehr auseinander. Doch nachdem er Ilione schließlich glücklich nach Persepolis abgeschoben hatte, scheint ihm der Gedanke gekommen zu sein, dass seine Erzählung doch noch eine "Liebesgeschichte" braucht. Also verkuppelt er Menander und Lotis. Aber das kann er nur, indem er sie (wie schon Simon und Helen(a) zuvor) zu Inkarnationen göttlicher Prinzipien macht. Ihre Liebe erwächst nicht aus dem natürlichen Miteinander zweier menschlicher Individuen und wirkt entsprechend "hohl" und "abstrakt".
Wie man all das zu deuten hat? Ich habe keine Ahnung. Mein Gefühl ist, dass Tierney schlicht kein Interesse daran hatte, romantische Gefühle und Beziehungen zu beschreiben. Oder es einfach nicht gut konnte. Aber es wäre reine Spekulation, wollte man daraus irgendwelche Rückschlüsse auf den Autor oder seine Sexualität ziehen.   
      
Was bleibt mir am Ende zu sagen? Wer wie ich Spaß an Sorcery Against Caesar hatte, wird auch in The Drums of Chaos genug unterhaltsames und interessantes finden. Doch die Schwächen des Romans sind in meinen Augen zu groß, um eine vorbehaltslose Empfehlung aussprechen zu können.   
  
 
 
 


* Tatsächlich enthält der Roman auch Spuren des ganzen san greal / sang real - Humbugs, der erstmals von Michael Baigent, Richard Leigh & Henry Lincoln in The Holy Blood and the Holy Grail aufgebracht wurde, den meisten aber vor allem aus Dan Browns Da Vinci Code bekannt sein dürfte. Dankenswerterweise bleibt es da aber bei einigen wenigen Andeutungen.

Dienstag, 13. September 2022

Strandgut