"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Freitag, 12. Oktober 2012

Friedens ... wuaha ha ha ... nobelpreis

Der heutige Tag hat wirklich eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass wir keine Kabarettisten mehr brauchen. Nichts könnte zynisch-lustiger sein, als der EU den Friedensnobelpreis zu verleihen ... Ja schön, Mr. Barack "Drone Killer" Obama hat ihn auch schon bekommen, aber die EU!?! Warum die EU?!? Selbst wenn ich versuche, mich in die Gedankengänge irgendwelcher gutbezahlter liberaler Professoren oder Journalisten hineinzuversetzen, wüsste ich da keine Antwort ... Ich bewundere die Leute, die sich dafür eine wohlklingend-verlogene Begründung ausgedacht haben. Einfach war das sicher nicht ... Ha ha ha ha ....

PS: Oh Mann, die Jungs & Mädels vom ZDF haben's grade fertiggebracht, die EU, diesen willigen Befehlsempfänger und stellvertretenden Knüppelschwinger des Finanzkapitals, als Erfüllung der Hoffnungen von 1789 und 1848 darzustellen! Aber klar, die intellektuellen Stiefellecker der Eurokratie haben es ja auch gewagt, "Freude schöner Götterfunken" von Schiller & Beethoven zur Hymne ihres Europas der Reichen zu machen. Was erwarte ich also ...?

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Happy Birthday, Ed Wood !

Am heutigen Tage jährt sich zum achtundachtzigsten Mal der Geburtstag des unsterblichen Edward "Ed" Davies Wood Jr., des Schöpfers solch unvergesslicher "Meisterwerke" wie Bride of the Monster und Plan 9 from Outer Space. Alle Liebhaber des phantastischen B-Movies und alle glücklosen Träumer des kinematographischen Universums werden ihm für alle Zeiten einen ganz speziellen Platz in ihren Herzen bewahren.


Dienstag, 9. Oktober 2012

Tolkiens "Arthur"

Anubis hat vor einiger Zeit bereits auf die Gerüchte hingewiesen, die bezüglich einer möglichen Veröffentlichung von J.R.R. Tolkiens The Fall of Arthur in diesem Sommer die Runde im Internet machten. Letzten Sonntag hat der Verlag Houghton Mifflin Harcourt nun offiziell verkünden lassen, dass er die US-Rechte zur Veröffentlichung des unvollendeten Epos erworben hat und das Werk im Mai nächsten Jahres auf den Markt bringen will.  Edition und Kommentierung werden einmal mehr in der Verantwortung von Christopher Tolkien liegen.
Als jemand, der die Stabreimdichtungen des 'Professors' wie The Lay of the Children of Húrin und The Homecoming of Beorhtnoth Beorhthelm's Son sehr schätzt, freue ich mich natürlich über diese Ankündigung. Zumal es interessant werden dürfte, zu sehen, wie Tolkien sich der Artussage angenommen hat. In einem Brief an Milton Waldman bezeichnete er sie einmal als "zu üppig und phantastisch, zu inkohärent und repetitiv", um seine Sehnsucht nach einem wirklich englischen Mythos befriedigen zu können.* Andererseits spielte die Auseinandersetzung mit Sir Gawain and the Green Knight, den er zusammen mit E.V. Gordon neu edierte und zu dem er eine Übersetzung/Nachdichtung anfertigte, eine wichtige Rolle in seiner wissenschaftlichen Arbeit. Über den Inhalt seines eigenen, in den 30er Jahren entstandenen Artusgedichtes ist bisher wenig bekannt. Humphrey Carpenter schreibt in seiner Tolkien-Biographie darüber bloß, dass "der König und Gawain zum Krieg ins 'Sachsenland' ziehen, durch die Nachricht von Mordreds Verrat aber wieder heimgerufen werden." Außerdem erfahren wir dort, dass Tolkien sich in der Darstellung von Guinever offenbar an dem negativen Bild der Königin orientiert hat, das in älteren Fassungen der Sage wie Geoffrey of Monmouths Historia Regum Britanniae oder dem Lai de Lanval der Marie de France üblich war. Carpenter zitiert die folgende Charakterisierung aus The Fall of Arthur:
lady ruthless,
fair as fay-woman and fell-minded,
in the world walking for the woe of men.**
Anna Smol schreibt in ihrem Blog, das Gedicht drehe sich hauptsächlich um den Krieg und den Charakter Gawains (was angesichts von Tolkiens Essay über Sir Gawain and the Green Knight recht interessant sein könnte). John Rateliff wiederum hat erklärt, es weise "clear affinities" zur alliterierenden Fassung des Morte Arthure auf.
Viel mehr ist bisher nicht in Erfahrung zu bringen. Wir dürfen also gespannt sein.

* An Milton Waldman [wahrscheinlich 1951]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 131. S. 192.
** Humphrey Carpenter: J.R.R. Tolkien. Eine Biographie. S. 193.

Montag, 8. Oktober 2012

Schlockfest auf Camelot (I)

Aufruhr und Tumult in Raskolniks Gehirn! Der kleine Mediävist in mir  erleidet gerade einen Tobsuchtsanfall und fuchtelt wie wild mit der mittelhochdeutschen Crône herum, die ich schon lange gemeinsam mit ihm lesen wollte. Der kleine Filmsnob in mir rümpft angewidert die Nase und erinnert mich indigniert an den Post über Orson Welles' Macbeth, den zu schreiben ich ihm versprochen habe. Doch statt mich solch edlen Kulturgütern zu widmen, habe ich mich auf die {epische? verrückte?} Queste begeben, alle vier Staffeln von Merlin am Stück anzuschauen.

"Warum?! Warum?!" heult der kleine Mediävist. "Diese Serie hat soviel mit dem Mittelalter und der Artusdichtung zu tun wie Hercules mit der Antike und der griechischen Heldensage!"
"Warum?! Warum?!" kreischt der kleine Filmsnob. "Sind wir inzwischen so weit gekommen, dass wir uns uns nur noch Trash angucken? Denk an deine Götter! Was würde Fassbinder, Pasolini, Kurosawa oder Kiarostami dazu sagen?"

Ja warum eigentlich? Im Grunde haben die beiden ja völlig recht. Und habe ich mich selbst nicht vor kurzem an dieser Stelle über die Anachronismen in Nebel von Avalon aufgeregt? Bin ich also ein prinzipienloser Heuchler? Oder gar ein versteckter Frauenfeind, der einer feministischen Bearbeitung des Artusstoffes eine trashige TV-Serie vorzieht, in der zwei Männer gegen eine Phalanx weiblicher Bösewichter antreten? Ich hoffe nicht.

Natürlich ist Merlins Mittelalterbild und sein Umgang mit der Artussage völlig lachhaft. Aber genau das ist der springende Punkt. Nicht für einen Moment könnte man auf den Gedanken verfallen, dass irgendetwas davon ernst gemeint sei. Die Geschichte spielt offensichtlich in Fantasyland, nicht im mittelalterlichen Britannien, und ich könnte wetten, dass keiner der Verantwortlichen jemals auch nur einen Blick in die Werke von Chrétien, Malory, Tennyson oder T.H. White geworfen hat. Aber es ist genau dieser völlig respektlose Umgang mit den Quellen, der mir Spaß bereitet. Selbstverständlich ist Merlin keine ernstzunehmende filmische Auseinandersetzung mit dem Artusstoff. Doch abgesehen von Robert Bressons Lancelot du Lac (1974), hat es eine solche meines Wissens nach bis heute sowieso noch nicht gegeben.* Ich betrachte Merlin eher im Kontrast zu einem Film wie John Boormans Excalibur (1981). Beide plündern hemmungslos den populären Fundus der Artusüberlieferung. Aber während Boorman aus den dabei erbeuteten Versatzstücken ein pathetisches, pseudowagnerianisches Mythenspektakel zusammenzubasteln versuchte, geht es den Machern von Merlin offensichtlich bloß darum, eine Reihe von amüsanten, unterhaltenden und abenteuerlichen Geschichtchen zu erzählen. Und das tun sie auf durchaus sympathische Art und Weise. Auch wenn dies kaum ihre Absicht gewesen sein dürfte, erweist sich ihre Serie damit als ein erfrischendes Antidot zu allen übertrieben ernsthaften Mythisierungsversuchen des Artusstoffes, bei denen die Substanz in den seltensten Fällen dem mit humorlosester Stimme vorgetragenen Anspruch genügt.

Meine Einschätzung stützt sich freilich bislang bloß auf eine unvollständige Bekanntschaft mit den ersten beiden Staffeln. Die eingangs erwähnte Queste habe ich ja gerade erst gestartet, weshalb ich mir auch die Möglichkeit für eine jederzeitige Neubewertung der Serie offenhalte. Nach Beendigung einer jeden Staffel werde ich hier einen kurzen Missionsbericht abgeben. Bis dahin: Wünscht mir alles Gute auf meiner Aventiurefahrt! Und möge der Allmächtige seine schützende Hand über euch halten!


* Monty Python and the Holy Grail (hierzulande unter dem grauslichen 70er Jahre - Titel Die Ritter der Kokosnuss bekannt) lassen wir jetzt mal außen vor. Das ist noch mal ganz etwas anderes ...

Sonntag, 7. Oktober 2012

Jim Hensons Fantasy IV: "The Storyteller"

Jetzt hat es also einen Tag länger gedauert als beabsichtigt ... Was soll's ... Ernennen wir halt Sonntag zu Raskolniks Tag des Märchens ...

Lange Zeit hatte ich starke Vorbehalte gegenüber allen US-amerikanischen Adaptionen europäischer Märchen. Ich fühlte mich da ganz eins mit dem alten Tolkien, der einen wütenden Hass auf Walt Disney und seine Kreationen hegte. Für meine Vorurteile war allerdings nicht allein und wohl nicht einmal hauptsächlich der gute Onkel Walt mit seinem süßlichen Kitsch verantwortlich. Antiamerikanischer Snobismus hat in Europa ja gerade unter Linken eine lange Tradition. Inzwischen hoffe ich von dieser Krankheit genesen zu sein, und was Märchen betrifft, so hat mir spätestens The Storyteller gezeigt, dass auch ein so uramerikanischer Künstler wie Jim Henson mit ihnen ausgesprochen sensibel umzugehen verstehen kann.


Die Existenz der aus neun jeweils knapp halbstündigen Episoden* bestehenden Serie, die erstmals 1987 ausgestrahlt wurde, verdanken wir im Grunde Jim Hensons Tochter Lisa, die sich während ihres Studiums in Harvard u.a. mit Mythologie, Volkssagen und Märchen beschäftigte. Sie war es, die ihren Vater auf die Idee brachte, ein filmisches Format zu schaffen, in dem diese alten Geschichten neu erzählt werden könnten, und trotzdem ihren poetischen Reichtum und ihre metaphorische Tiefe behalten würden. Henson selbst erklärte seine Beweggründe zur Entwicklung von The Storyteller später wie folgt:  
When I was a child, my mother's family would gather at my grandmother's house. Fifteen or twenty people would be there, sitting around the dinner table, and my grandparents would have stories to tell - usually stories from their childhood. They would tell a tale, and somebody would try to top it. I've always felt that these childhood experiences were my introduction to humor - of my family sitting around the dinner table, making each other laugh.
As children, we live in a world of imagination, of fantasy, and for some of us that world of make-believe continues into adulthood. Certainly I've lived my whole life through my imagination. But the world of imagination is there for all of us - a sense of play, or pretending, of wonder. It's there with us as we live.
As I've grown older, I've been attracted to fairy tales and folk tales, and the rich quality of these stories - grown richer as they have gone through generations and generations of telling and retelling. They're important - for the flow of information, and energy, and entertainment from the storyteller to his listeners as the storyteller calls upon them to meet him halfway, to create the story in their own minds.
It is our responsibility to keep telling these tales to tell them in a way that they teach and entertain and give meaning to our lives. This is not merely an obligation, it's something we must do because we love doing it.
Dementsprechend präsentiert uns die Serie nicht bloß filmische Versionen authentischer Volksmärchen, sondern feiert zugleich die hohe Kunst des Geschichtenerzählens.

Einen entscheidenden Beitrag zu ihrem Gelingen leistet John Hurts alter Geschichtenerzähler mit seiner charismatischen Mischung aus Fabulierlust, Wortgewandtheit und ironischem Humor. Und wieder war es Lisa Henson, die den britischen Schauspieler für diese Rolle vorschlug.
Mir war bisher nie so recht bewusst, wie groß Hurts Präsenz über die Jahre im phantastischen Film eigentlich gewesen ist:  Er verlieh seine Stimme Hazel in Watership Down, Aragorn in Bakshis Lord of the Rings, dem Foxterrier Snitter in The Plague Dogs, dem Horned King in The Black Cauldron, Pascal in der englischsprachigen Fassung von Felidae (was ohne Zweifel eine Verbesserung gegenüber Klaus-Maria Brandauer gewesen sein dürfte) und dem Drachen Kilgharrah in der {soweit ich sie verfolgen konnte} amüsanten & sympathisch naiven TV-Serie Merlin. In persona durften wir ihn u.a. als Kane in Alien (und Spaceballs), Professor Bruttenholm in den Hellboy-Filmen, High Chancellor Adam Sutler in V for Vendetta und Mr. Ollivander bei Harry Potter erleben, sowie als den exzentrischen Milliardär S.R. Hadden in Contact und natürlich als Winston Smith in Nineteen Eighty-four. In einer BBC-Neuverfilmung von Whistle and I'll Come nach M.R. James spielte er 2010 außerdem James Parkin. {Dass er auch bei Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull mitgewirkt hat, versuche ich zu verdrängen}.
Keine Ahnung, ob dies irgendetwas zu bedeuten hat. Dem Storyteller jedenfalls widmete Hurt sich voller Elan und Begeisterung. Als man ihm das Projekt zum ersten Mal vorstellte, reagierte er zwar anfangs skeptisch (möglicherweise hegte der Brite ähnliche Vorurteile wie ich), doch war er schon bald Feuer und Flamme.
I read the script and I thought, `Wow, this is some fantastic writing. Here`s someone who really understands the whole style of that genre - folk tales and fairy tales - in the way I`ve always understood them.' [...] The important thing is not to let them become sentimental in any sense. They are full of charm, they`re full of poetry, and some of them are quite fierce - but not gratuitously fierce. [...] They`re foolproof so long as they`re treated correctly. Treated incorrectly, they become schmaltzy.
In der Tat sind Anthony Manghellas Drehbücher durchgehend von außergewöhnlich hoher Qualität, und ich erwische mich bei dem Gedanken, dass der Mann vielleicht besser Drehbuchschreiber hätte bleiben sollen, anstatt The English Patient, The Talented Mr. Ripley und Cold Mountain zu drehen. {Oder glaubt tatsächlich noch jemand, dass Oscar-Gewinne etwas über die Qualität eines Filmemachers aussagen?}
Manghella lässt den Geschichtenerzähler eine Sprache verwenden, die formelhafte Züge trägt und zugleich reich an poetischen, sinnlichen Metaphern ist, ganz wie es dem Genre des Volksmärchens angemessen ist. Zugleich verleiht er ihm einen von Lebenserfahrung und Weltweisheit geprägten spöttischen Blick auf das Leben und die Menschen. Ihm zur Seite steht – quasi stellvertretend für die Zuhörerschaft – sein Hund, der die Erzählungen seines Herrn immer wieder durch Fragen oder Kommentare unterbricht. Brian Henson, der der Puppe nicht nur ihr Leben, sondern auch seine Stimme verliehen hat, macht aus ihm einen ebenso lebendigen Charakter wie den Erzähler selbst. John Hurt berichtete über die Zusammenarbeit mit "Hund": "It was a bit unnerving. As you rehearse, you actually begin to think the thing is alive! I`m amazed to find that when I get home to my own dogs, all they can do is bark."

Die Märchen selbst sind – was Dialog und Handlung angeht – größtenteils frei von überdeutlichen Modernisierungen. Die Ausnahme bilden einige Szenen und Figuren wie der Greif in The Luck Child oder der Troll in The True Bride, wobei solche Stilbrüche stets der humorvollen Auflockerung dienen, ohne je die Atmosphäre der Geschichte zu zerstören.
Dies soll keineswegs bedeuteten, dass den Erzählungen irgendetwas Holzschnitthaftes anhaften würde. Vielmehr verleiht eine kleine Heerschar talentierter Schauspielerinnen & Schauspieler den handelnden Personen durchweg eine natürliche Lebendigkeit. Die von ihnen verwendete Sprache ist oft 'einfacher' als die des Erzählers, abhängig vom sozialen Stand der Figur trägt sie mitunter dialektale Züge.
Eine Modernisierung haben die alten Geschichten ganz allgemein wohl insofern erfahren, als der ihnen innewohnende humane Gehalt stärker herausgearbeitet wurde. Doch ist dies auf zurückhaltende und sensible Weise geschehen, fern von erhobenem Zeigefinger oder klebriger Sentimentalität. So behandelt z.B. die ersten zehn Minuten von Hans My Hedgehog in berührender Weise das Thema Außenseitertum und The Luck Child ist erfüllt vom Aufbegehren gegen Tyrannei und Ausbeutung.
Im Unterschied zu vielen 'kindgerechten' Märchenbearbeitungen übertüncht The Storyteller nicht das Düstere der Erzählungen. Grausamkeit und Leid besitzen einen ebenso festen Platz in ihnen wie in der Wirklichkeit und werden weder weggeleugnet noch verniedlicht. Der Tod in The Soldier and Death ist eine wirklich unheimliche Gestalt, und der kleine Prinz in A Short Story eines der gruseligsten Kinder, die mir in letzter Zeit in einem Film begegnet sind.

Doch was The Storyteller in meinen Augen wirklich außergewöhnlich macht, ist vor allem die visuelle Ästhetik. Und damit meine ich weniger die Schöpfungen des Creature Shop, auch wenn diese {wie immer} fantastisch sind.**  Die Serie ist vor allem ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, warum der Pseudonaturalismus, dem sich so viele Filmemacher in unserem CGI-Zeitalter verschrieben haben, meiner Meinung nach eher eine Sackgasse für die phantastische Kunst darstellt. Sie zeigt, wie technische Beschränkungen zu künstlerischem Potential werden können. Es wird gar nicht erst versucht, die Illusion zu erwecken, die dargestellten Landschaften, Gebäude oder Kreaturen seien real. Doch gerade durch ihre offensichtliche Künstlichkeit heben sie hervor, dass wir uns innerhalb einer Geschichte befinden. Zugleich verschwimmt immer wieder auf faszinierende Weise die Grenze zwischen der Welt des Geschichtenerzählers und der Welt seiner Geschichten, wenn wir die Personen, von denen er erzählt, plötzlich auf einem Gemälde über seinem Kamin oder auf einer bemalten Porzellantasse wiederfinden. Ebenso kann sich die Schale, in die er Wasser für "Hund" gießt, flugs in den Mühlteich verwandeln, an dem Fearnot einem Ungeheuer begegnet. Es sind insbesondere diese zahllosen Details, in denen sich der fließende Übergang von 'Wirklichkeit' und 'Fantasie' und damit ihre tiefe innere Verwandtschaft manifestiert, die es lohnen, Jim Hensons Storyteller nicht nur einmal, sondern immer wieder zu sehen.

  * Hans My Hedgehog - Fearnot - A Short Story - The Luck Child - The Soldier and Death - The True Bride - The Three Ravens - Sapsorrow - The Heartless Giant. Mit ein bisschen Geduld lassen sich alle neun bei Youtube aufspüren.
** Nebenbei bemerkt hat wie schon an The Dark Crystal und Labyrinth auch an The Storyteller Brian Froud mitgewirkt.

Freitag, 5. Oktober 2012

Ein bezauberndes Fundstück

Die Welt moderner Buchillustrationen ist für mich weitgehend Terra Incognita. Gut, ich kenne und liebe {auf sehr unterschiedliche Weise} das Werk von Alfred Kubin und Brian Froud  {nicht das ganze Werk natürlich}. Darüber hinaus jedoch bin ich ein vollkommener Ignorant. Dabei wäre eine etwas ausgedehntere Expedition in diese Gefilde sicher äußerst reizvoll, wie mir die Begegnung mit einer Seite voller Werke von Chris Beatrice gerade wieder einmal sehr eindrucksvoll vor Augen geführt hat. Besonders hingerissen bin ich von den Bildern zu Oscar Wildes Selfish Giant. Wer ähnlich wie ich empfindet und sich dafür interessiert, wie es zu ihrer Entstehung gekommen ist, der schaue hier nach.

Tips und Anregungen bezüglich weiterer Beschäftigung mit phantastischen Illustrationen würden mich sehr freuen.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Herbstgedanken

Zumindest in den Gefilden meines Exils scheint der Sommer endgültig zu Ende gegangen zu sein. Auf den Blättern der Bäume liegt der erste Hauch von Rot und Gelb. Im Wald tropft die Feuchtigkeit unablässig von den Ästen und Zweigen herab auf den schlammigen Boden vor meinen Füßen. Die Luft besitzt endlich wieder jene belebende Frische, die ich so sehr liebe. Allenthalben erblicke ich Pilze, die sich in ihren absonderlichen Gestalten durch das langsam vermodernde Laub ans Licht herauf gekämpft haben. Die Rehe, die mein Eindringen in ihr Reich gar nicht zu schätzen wissen und furchtsam durch das Unterholz davonspringen, unterstreichen mit ihren hastigen Bewegungen nur die melancholische Stille, die Einzug gehalten hat in den Hügeln und Wäldern.


Der Wind pfeift in wilden Böen um das Haus, und ich denke: "Nun müsste man mit ein paar Freundinnen und Freunden neben einem knisternden Kaminfeuer sitzen, eine Tasse heißen Tees in Händen {gerne auch mit einem Schuss Rum angereichert}, und sich gegenseitig Märchen oder andere phantastische Geschichten vorlesen oder erzählen, während draußen die graue Dämmerung allmählich in die Schwärze der Nacht übergeht."

Ich werde mich leider mit einer flackernden Kerze begnügen müssen, die vor mir auf dem Schreibtisch brennt, aber das soll mich nicht davon abhalten, den beginnenden Herbst als die in meinen Augen ideale Jahreszeit des Märchens zu feiern. So spiele ich mit dem Gedanken, den Samstag für die nächsten Wochen zum Tag des Märchens auszurufen. Ideen dazu habe ich denk ich genug. So würde ich gerne nach monatelanger Unterbrechung meine kleine Reihe über Jim Hensons Beitrag zur Fantasy mit einer Besprechung seiner wundervollen Fernsehserie The Storyteller fortsetzen; dann wartet da ebenfalls seit geraumer Zeit eine Rezension von Cat Valentes The Orphan's Tales auf ihre Vollendung; auch würde ich mich zu gerne einmal etwas eingehender mit dem filmischen Werk von Juraj Herz beschäftigen, einem der Großmeister des tschechischen Märchenfilms; und schließlich hielte ich es für äußerst reizvoll, einmal wieder Wilhelm Hauffs klassische Sammlungen Die Karawane und Das Wirtshaus im Spessart hervorzuholen. Leider ist Disziplin nicht meine Stärke, und so werde ich mich hüten, dies als festes Programm zu verkünden. Wir werden sehen ...

Zur Einstimmung mag die Interpretation dienen, die die alten Goth-Veteranen von Current 93 der Ballade von Tamlin haben angedeihen lassen, der vielleicht bekanntesten Feengeschichte des englischsprachigen Raumes: 

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Eine tiefe Verbeugung vor dem Maestro der Monster



"If you make fantasy too real, I think it loses the quality of a nightmare, of a dream."
Und jetzt möchte ich sie sofort alle wieder sehen: The Beast from 20.000 Fathoms, Earth vs. the Flying Saucers, The Seventh Voyage of Sinbad, Jason and the Argonauts, The Golden Voyage of Sinbad, Clash of the Titans ...

Dienstag, 2. Oktober 2012

Yuppie - Ghouls from Outer Space

Mit Big Trouble in Little China (1986) endete John Carpenters Ausflug in die Welt der großen Studios. Der Film war (wie zuvor bereits The Thing) ein kommerzieller Misserfolg, wofür jedoch vermutlich weder der Regisseur noch 20th Century Fox verantwortlich waren, sondern vielmehr die Tatsache, dass er eine ironische Hommage an ein Genre darstellte, das dem amerikanischen Publikum jener Zeit noch gänzlich fremd war. Abgesehen von einigen Godzilla-Flicks (und in gewisser Weise Bruce Lees Kung Fu - Filmen) hatten die Erzeugnisse asiatischer Popkultur Mitte der 80er Jahre in den USA noch keine Massenverbreitung gefunden. Unter "Wuxia" hätten sich die meisten Leute im Westen damals vermutlich ein exotisches Nudelgericht vorgestellt. Verständlich, dass die Zuschauer in den Kinos eher irrirtiert auf Big Trouble in Little China reagierten. Für Carpenter allerdings war es wohl nicht nur der maue Erfolg an den Kinokassen, der ihn in die Gefilde der Independent-Produktionen zurücktrieb. Er fühlte sich außerdem abgestoßen von der immer stärkeren Tendenz, die Produktion von Filmen vollständig und ausschließlich den Profitinteressen unterzuordnen.

Nun hatte Hollywood natürlich von Anfang an aus einer Zusammenballung kapitalistischer Unternehmen bestanden. Die Filmkunst war hier immer schon auch ein Geschäft gewesen, was ihrer Entfaltung stets gewisse Grenzen gesetzt hatte. Wie hatte nicht Bert Brecht bereits Anfang der 40er Jahre geschrieben:
Unter den grünen Pfefferbäumen
Gehen die Musiker auf den Strich, zwei und zwei
Mit den Schreibern. Bach
Hat ein Streichquartett im Täschchen. Dante schwenkt
Den dürren Hintern.
Die Stadt ist nach den Engeln genannt
Und man begegnet allenthalben Engeln.
Sie riechen nach Öl und tragen goldene Pessare
Und mit blauen Ringen um die Augen
Füttern sie allmorgendlich die Schreiber in ihren Schwimmpfühlen.

Jeden Morgen, mein Brot zu verdienen
Fahre ich zum Markt, wo Lügen gekauft werden.
Hoffnungsvoll
Reihe ich mich ein unter die Verkäufer.
(1)
Für Adorno und Horkheimer war Hollywood deshalb die Hauptstadt der "Kulturindustrie" gewesen, über die sie schrieben: "Lichtspiele und Rundfunk brauchen sich nicht mehr als Kunst auszugeben. Die Wahrheit, daß sie nichts sind als Geschäft, verwenden sie als Ideologie, die den Schund legitimieren soll, den sie vorsätzlich herstellen." (2) Entsprechend verächtlich hatten sich die meisten 'linken' Kritiker der 60er und 70er Jahre (gerade in den USA) zur 'Traumfabrik' und ihren Produkten verhalten.
Die Wirklichkeit war freilich stets komplexer und widersprüchlicher gewesen. So wenig der Kapitalismus jenes unerschütterliche, alle Bereiche des menschlichen Lebens beherrschende Monstrum ist, das sich "Neomarxisten" wie Fredric Jameson unter ihm vorstellen, so wenig ist die Filmindustrie die bloße Produzentin standardisierter Massenware. Mit dem Beginn der Blockbuster-Ära machte sie allerdings erneut einen ordentlichen Schritt in diese Richtung.

John Carpenter reagierte auf diese Entwicklung mit einem ebenso gesunden wie instinktiven Widerwillen. Seine Erfahrung mit den großen Studios war ohne Zweifel ein wichtiger Faktor in der Vorgeschichte zu They Live, der zwei Jahre nach Big Trouble in Little China 1988 in die Kinos gelangte und über dessen außerirdische Bösewichte der Regisseur einmal gesagt hat: "They want to own all our businesses. A Universal executive asked me, 'Where's the threat in that? We all sell out every day.' I ended up using that line in the film."

Für die Herausbildung des Blockbuster-Formats gab es eine ganze Reihe von Gründen. So war es seit den 70er Jahren zu tiefgreifenden Veränderungen in den Methoden der Finanzierung und Produktion von Filmen gekommen. Der Blockbuster-Ära war der Zusammenbruch des alten Studiosystems vorangegangen, und nicht zufällig galten ihre zwei berühmtesten Vorreiter Steven Spielberg und George Lucas zu Beginn ihrer Karrieren als Rebellen gegen das Establishment von Hollywood. Wichtiger als Entwicklungen in der Filmindustrie selbst waren jedoch allgemeinere gesellschaftliche Tendenzen. Dem Scheitern der revolutionären Bestrebungen der späten 60er und frühen 70er Jahre war seit Ende der 70er Jahre der Gegenangriff der herrschenden Elite gefolgt. Dieser vollzog sich auf allen Ebenen: der wirtschaftlichen, der politischen und der kulturell-ideologischen.
Der von Präsident Jimmy Carter als Vorsitzender des FED (der Zentralbank) eingesetzte Paul Volcker löste 1979 zur Bekämpfung der Inflation und damit verbundener militanter Streiks den nach ihm benannten "Volcker-Schock" aus. Die Leitzinsen wurden zeitweilig auf bis zu 20% angehoben, worauf eine tiefe Rezession und eine Bankrott-Welle unter den weniger profitabel wirtschaftenden Unternehmen folgten. Es begann der rasche Niedergang der ehemaligen Kernindustrien der USA, wie der Auto- und Stahlproduktion. Stattdessen wuchs der parasitäre Sektor der Finanzspekulation. Parallel dazu eröffnete Präsident Reagan 1981 mit der Unterdrückung des Fluglotsenstreiks und der Zerschlagung der Gewerkschaft PATCO eine allgemeine Attacke gegen die arbeitende Bevölkerung und ihre Organisationen. Damit verbunden nahm die soziale Polarisation immer schärfere Formen an. Während die Spitzen der Gesellschaft einen immer größeren Anteil des nationalen Reichtums auf ihre Bankkonten umzuleiten vermochten, wuchsen Armut und ökonomische Unsicherheit in den übrigen Teilen der Bevölkerung. Begleitet wurde diese Entwicklung von einem massiven ideologischen Rechtsruck. Die US-Bevölkerung wurde im Rahmen von Reagans Zweitem Kalten Krieg mit einer nicht enden wollenden Flut an antikommunistischer Propaganda und Lobeshymnen auf die Tugenden des freien Marktes überschüttet.
Kulturell hatte all dies verheerende Auswirkungen. Die Widerstandskraft der amerikanischen Intelligenzija war denkbar gering. Der Teil, der nicht ohnehin voller Überzeugung in den Schlachtruf "Greed is Great!" einstimmte, war durch die Ereignisse der letzten zwanzig Jahre in hohem Maße demoralisiert worden. Die meisten der ehemaligen Radikalen befanden sich längst auf dem Rückzug ins Privatleben oder wandten sich der neu entstandenen Ideologie der Identitätspolitik zu. Dieser Trend wurde noch dadurch verstärkt, dass die höheren Schichten der akademisch gebildeteten Mittelklasse in nicht unbeträchtlichem Maße an den Bereicherungs-orgien der Elite teilzunehmen vermochten.
Man kann sich gut vorstellen, dass dieses gesellschaftliche Klima der Entwicklung einer ganz auf kommerzielle Ausbeute ausgerichteten Form der Filmproduktion äußerst zuträglich sein musste.

Das Beeindruckende an They Live ist, dass der ursprüngliche Auslöser für diesen Film zwar vermutlich Carpenters Erfahrungen mit dem Hollywood-Establishment gewesen waren, er davon ausgehend jedoch zu einer allgemeinen und überraschend radikalen Attacke auf jene gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen wurde, mit deren Erscheinungsformen in der Filmindustrie sich der Regisseur unmittelbar konfrontiert gesehen hatte.
Die Story basiert in ihren Grundzügen auf Ray Nelsons Kurzgeschichte Eight O'Clock In The Morning, die man sich beim SFFaudio Podcast vorlesen lassen kann. In beiden Fällen haben wir einen männlichen Protagonisten, der 'erwacht' und die Welt plötzlich so sieht, wie sie tatsächlich ist -- beherrscht von abstoßenden Außerirdischen, die die Menschheit in einer Art Trancezustand halten und über die Medien (vor allem das Fernsehen) ständig mit Propaganda im Stile von 'Gehorche!' und 'Vermehre dich!' füttern. Bei Carpenter sind diese Aliens sehr viel deutlicher Verkörperungen des Kapitalismus. Einer ihrer Lieblingsslogans lautet 'Konsumiere!' (3), und sie haben sich mit der menschlichen Elite zusammengetan, um die Bevölkerung der Erde in ähnlicher Weise auszubeuten, wie dies die neokolonialen Mächte mit der sog. Dritten Welt tun. Ihr ghulisches Aussehen steht symbolisch für den verrotteten Zustand des bürgerlichen Amerika. Carpenter selbst drückte es so aus: "The creatures are corrupting us, so they, themselves, are corruptions of human beings."

Ich würde zu gerne behaupten wollen, dass ich den Streifen liebe. Wie schön wäre es, von ihm verkünden zu können, er sei John Carpenters Meisterwerk. Doch leider ist er das nicht.
Warum They Live nicht wirklich funktioniert, liegt meiner Meinung nach vor allem daran, dass er ein Amalgam aus drei sehr unterschiedlichen Stilen darstellt, die sich zu keiner echten Einheit verbinden.

Die erste halbe Stunde zeichnet sich durch einen harten und kompromisslosen Realismus aus. Wir erleben wie unser namenloser Held 'Nada' (Roddy Piper), ein arbeits- und obdachloser Arbeiter, einen Gelegenheitsjob auf einer Baustelle findet, sich mit seinem Arbeitskollegen Frank (Keith David) anfreundet und von diesem zu einer Barackensiedlung gebracht wird. In der benachbarten Kirche, in der auch das Essen für die Shantytown-Bewohner gekocht wird, gehen merkwürdige Dinge vor sich. Von dort aus operiert eine Zelle des Widerstandes, dessen Mitglieder versuchen, die Fernsehübertragungen zu unterbrechen, mit deren Hilfe die Außerirdischen ihre Kontrolle über die Bevölkerung aufrechterhalten. 'Nada' ist sich nicht sicher, was er von all dem halten soll, doch noch bevor er sich Klarheit verschaffen kann, kommt es zu einem brutalen Überfall der Polizei. Die meisten Widerständler werden verhaftet, die Barackensiedlung mit Bulldozern niedergewalzt. In dem Chaos gelingt es 'Nada', einige der Sonnenbrillen an sich zu bringen, die offenbar in der Kirche hergestellt wurden. Wie sich sehr schnell zeigen wird, erlauben sie ihren Trägern die Wirklichkeit hinter der von den Aliens geschaffenen Illusion zu sehen.
Würde der Film doch bloß das Niveau dieses ersten Drittels halten können. Nicht dass an ihm alles perfekt wäre. So gehört Subtilität nicht eben zu Carpenters Stärken, und stellenweise macht sich das auch hier bereits unangenehm bemerkbar. Doch es überwiegen eindeutig die positiven Eindrücke. Es kommt nicht so häufig vor, dass ein Film der 80er Jahre (oder eines späteren Jahrzehnts) einen derart unverhüllten Blick auf das Elend und die Verwahrlosung wirft, die sich hinter der glitzernden Fassade Amerikas verbergen, ohne dabei in das Klischee des ausschließlich von Drogendealern, Schlägern und Nutten bevölkerten Ghettos zu verfallen. Carpenter beweist ein erstaunliches Maß an Humanität in seiner Darstellung der Barackensiedlung und ihrer Bewohner. Beindruckend auch der nächtliche Angriff der Polizei: Die enervierenden Lichter der Polizeiautos; Cops in voller Kampfmontur, die wie teilnahmslos gegen die panischen Shantytown-Bewohner vorrücken; ein am Nachthimmel kreisender Helikopter; die riesigen Bulldozer, die die behelfsmäßigen Behausungen niederwalzen, und dabei ein eindringlicheres Bild staatlicher Gewalt abgeben als die prügelnden Polizisten, die wir gleichfalls zu sehen bekommen. Auch diese Szene ist noch völlig realistisch gehalten. Die Darstellung der Polizeibrutalität hat nichts überzogenes und stilisiertes an sich, wie man es in dystopischen Filmen oft erlebt.
Und damit kommen wir zum wichtigsten Punkt: Der ungeheuren Radikalität, die in der Logik des Filmes steckt. Wie wir durch die späteren Enthüllungen erfahren werden, ist das, was wir in der ersten halben Stunde zu sehen bekommen, eine von bösen Aliens beherrschte totalitäre Diktatur. Aber diese Gesellschaft trägt keine der typischen Züge einer Dystopie. Sie ist vielmehr nichts anderes als ein ungeschminktes Abbild von Reagan-Amerika. Mit anderen Worten: Reagan-Amerika ist selbst bereits eine Dystopie. Wir brauchen kein Ozeanien und keine Schöne Neue Welt mehr, denn wir leben bereits in ihnen. Von besonderem Interesse in diesem Zusammenhang ist das Gespräch zwischen 'Nada' und Frank, in dem der verlogene 'Amerikanische Traum' demontiert wird:


In Kenneth Johnsons thematisch verwandter Miniserie V aus dem Jahr 1983 waren die Außerirdischen unschwer als Nazis zu identifizieren gewesen. Johnson hatte die Inspiration für sein Script u.a. aus Sinclair Lewis' Roman über die Entstehung einer faschistischen Diktatur in den USA It Can't Happen Here und aus Bert Brechts Theaterstück Furcht und Elend des Dritten Reiches bezogen. (4) Welches auch immer die Qualitäten dieser Serie gewesen sein mögen {ich hatte bisher leider noch nicht die Gelegenheit, sie zu sehen}, die Möglichkeit einer faschistischen Machtübernahme stellte in den 80er Jahren wohl kaum eine aktuelle Bedrohung dar. Was John Carpenter in They Live behandelte, war hingegen bereits Realität. Die Diktatur des Kapitals braucht keine Kohorten in SS-Uniform, solange die arbeitende Bevölkerung sie gar nicht als Diktatur wahrnimmt.

Sobald 'Nada' die Sonnenbrille aufsetzt und die Realität hinter der Illusion sieht, verändert sich der Stil des Filmes dramatisch. Nicht nur sehen wir plötzlich zusammen mit unserem Helden die Welt in Schwarz-Weiß, alles, was mit den Aliens zu tun hat, trägt außerdem die Züge eines B-Movies der 50er Jahre, bis hin zu einer kleinen fliegenden Untertasse, die durch die Gegend schwebt. Als einem Fan der alten SciFi-Flicks bereitet mir dieses ironische Zitieren ihrer Ästhetik und Ikonografie einerseits großes Vergnügen. Auch entgeht mir nicht die damit verbundene subversive Wendung: War das Motiv der außerirdischen Invasion und Infiltration in den B-Movies oft Ausdruck der Kalten Kriegs - Paranoia um die 'kommunistische Weltverschwörung', so sind in They Live die Kapitalisten die Aliens, während diejenigen, die sich ihnen entgegenstellen, als "Commies" diffamiert werden. Doch unglücklicherweise untergräbt dieser zweite Stil mit seinem ironischen Tonfall die Ernsthaftigtkeit, von der die erste halbe Stunde geprägt war.
Die besten der echten B-Movies konnten in ihrer ästhetischen Einheitlichkeit und in ihrer Naivität zugleich absurd und ernsthaft sein. John Carpenter aber hat mit They Live keinen 'echten' B-Movie gedreht, was zu diesem Zeitpunkt auch gar nicht mehr möglich gewesen wäre. Er spielt vielmehr mit den Elementen einer vergangenen Filmtradition. Dabei hat er jedoch keine bloß spaßige Hommage an ein geliebtes Genre im Auge, wie dies bei Big Trouble in Little China der Fall war, oder wie es Tim Burton mit Mars Attacks! und Sleepy Hollow machen würde. Er will zugleich ein ernstzunehmendes Thema behandeln. Leider weiß er dies nicht anders zu erreichen, als indem er zwei fundamental verschiedene Stile völlig unverbunden nebeneinandersetzt.

Nach 'Realismus' und B-Movie ist die dritte Komponente in dieser filmischen Mixtur der Action-Kracher. Kaum sind 'Nada' die Augen für das Treiben der Aliens geöffnet worden, da mutiert der simple Arbeiter auch schon zu einer rücksichtslosen Killermaschine. Mit coolen Sprüchen wie "I have come here to chew bubblegum and kick ass...and I'm all out of bubblegum" auf den Lippen, mäht er die Außeririschen gleich im Dutzend nieder. Die Brutalität an sich ist dabei nicht das eigentliche Problem. Ray Nelsons Eight O'Clock In The Morning war in dieser Hinsicht noch extremer, und spießige Ergüsse über 'Moral' und 'guten Geschmack' sind ohnehin stets fehl am Platze. {In einer netten kleinen Szene sehen wir einen außerirdischen Moralprediger im Fernsehen, der sich über die 'exzessive Gewalt' in den Filmen von Carpenter und George Romero ereifert.} Doch mit dem Übergang zu den Gepflogenheiten des Action-Films kommt es beinahe automatisch auch zu einer Verflachung des dargestellten Konfliktes. Der Kampf gegen die Außerirdischen wird zu einem simplen 'Stürmen wir ihr Hauptquartier, schießen wir uns den Weg frei und zerstören wir ihren Sender'. Damit sackt das Niveau von They Live bedrohlich in Richtung von Paul Michael Glasers Schwarzenegger-Vehikel Running Man (1987) ab, ohne freilich je ganz dieselbe Tiefe zu erreichen. Hinzu kommt, dass die Action-Sequenzen schon bald eher langweilig wirken. Gewalt allein ist in den seltensten Fällen spannend. Ein besonders extremes Beispiel dafür ist die schier endlose Prügelei zwischen 'Nada' und Frank. Da sie weder die Handlung voranbringt noch irgendetwas zur Vertiefung der Charaktere beiträgt, hinterlässt sie den Eindruck einer ebenso unnötigen wie nervtötenden Unterbrechung der Story.

Wie lassen sich die bei dem interessanten Ansatz besonders enttäuschenden Schwächen von They Live erklären?
Zum einen muss man sich, denke ich, einfach im Klaren darüber sein, dass John Carpenter ein Filmemacher mit begrenzten Talenten ist. Ähnlich wie Prince of Darkness wird auch They Live von ausgesprochen blassen Charakteren bevölkert, die zudem  nicht konsistent gezeichnet sind. Die Verwandlung des zu Beginn eher konservativen, alles andere als rebellischen 'Nada' in einen fanatischen Widerstandskämpfer, der sich am Ende sogar selbst opfert, erscheint mehr als nur ein bisschen unglaubwürdig. Ein Gimmick wie die magische Sonnenbrille ist kein Ersatz für realistische Charakterentwicklung. Richtiggehend Zahnschmerzen verursacht die weibliche Hauptfigur Holly Thompson (Meg Foster), deren Funktion in der Geschichte völlig schleierhaft bleibt. Soll sie 'Nadas' 'romantisches Interesse' sein? Angedeutet wird dies zwar, doch versucht Carpenter nicht einmal ernsthaft, zu erklären, warum sich diese beiden Menschen zueinander hingezogen fühlen sollten. Alles, was wir sehen, müsste eigentlich dazu führen, gegen-teilige Emotionen in ihnen wachzurufen.
Ein mangelndes künstlerisches Gespür mag einer der Gründe für die unglückliche stilistische Mixtur sein, die They Live darstellt. Doch glaube ich, dass es dafür noch eine weitere Erklärung gibt. Schon 1978 hatte Pauline Kael in einer Rezension von Halloween geschrieben: "Carpenter doesn't seem to have had any life outside the movies: one can trace almost every idea on the screen to directors such as Hitchcock and Brian De Palma and to the Val Lewton productions." Angesichts der ersten halben Stunde von They Live erscheit diese Einschätzung nicht ganz fair, aber sie enthält dennoch ein wahres Element. Carpenter gehört zur ersten Generation eines heute recht verbreiteten Typus von Filmemachern, die zwar über ein enzyklopädisches Wissen in Sachen Film (auch und gerade Genre-Film) verfügen, jedoch jene breitere Bildung und vielfältige Lebenserfahrung vermissen lassen, die viele der Größen des Goldenen Zeitalters von Hollywood auszeichneten. Folge davon ist nicht selten eine Tendenz zur Oberflächlichkeit, die mit mehr oder weniger cleveren Zitaten und Anspielungen überspielt wird. Unter dem Titel "Selbstreferentialität" hat dieser Zug inzwischen seine akademischen Weihen erhalten. Aber auch wenn solche Spielereien mitunter recht amüsant sein können, so sind sie doch kein adäquater Ersatz für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Welt und dem Leben. Und wie They Live zeigt, können sie unter Umständen sogar zu einem ernstzunehmenden künstlerischen Hindernis bei der Umsetzung einer interessanten Idee werden.



(1) Bertolt Brecht: Hollywood-Elegien. IV. In: Ders.: Werke. Bd. 12. S. 116.
(2) Theodor W. Adorno & Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. S. 129.
(3) Carpenter: "I began watching TV again. I quickly realized that everything we see is designed to sell us something ... It's all about wanting us to buy something. The only thing they want to do is take our money."
(4) Welche Schlüsse haben wir wohl daraus zu ziehen, dass das Remake von 2009 aus den NaziAliens pseudolinke Populisten gemacht hat, die die US-Bevölkerung mit dem Versprechen freier medizinischer Versorgung für alle ködern, während es uns als 'revolutionäre' Helden u.a. eine FBI-Antiterror-Agentin, einen katholischen Priester, einen ehemaligen SAS-Soldaten und einen Ex-Mossad-Agenten präsentiert?

Sláinte !

Wie ich soeben feststellen durfte oder musste, werden Lionsgate und WWE Studios den Versuch starten, den Nineties-Horror-Schlock Leprechaun wiederzubeleben ... Mit Wrestler "Hornswoggle" (Dylan Postl) in der Titelrolle ... Es fällt mir echt schwer zu sagen, ob ich diese Nachricht spaßig oder gruslig finde ... Auf jedenfall brauch ich erst mal einen großen Whiskey ...

PS: Der Horror Etc - Podcast befasst sich in seiner aktuellen Episode gerade mit den klassischen Abenteuern des fiesen irischen Gnoms.

Sonntag, 30. September 2012

Krautrock

Es war tatsächlich wieder der wunderbare Jim Moon, der mich kürzlich auf dieses fantastische Video zu Hallogallo, einer Kreation der Kraftwerk-Dissidenten Klaus Dinger & Michael Rother (Neu!), aufmerksam gemacht hat:


Freitag, 28. September 2012

Podcast - News

Als großer Fan sowohl von Clark Ashton Smith als auch von M. R. James war ich hocherfreut, zwei Podcasts zu entdecken, die dem Werk dieser beiden Meister des Phantastischen, Unheimlichen, Grotesken und Makabren gewidmet sind. Zum Reinhören hatte ich bisher noch keine Zeit, wollte aber trotzdem hier schon einmal auf sie hinweisen:

PS: Letzterer präsentiert als seine neueste Errungenschaft außerdem eine interaktive Karte, auf der die Schauplätze von Montys Erzählungen verzeichnet sind.

Donnerstag, 27. September 2012

Who you gonna call?


Es war cool, mit elf Jahren Ghostbusters (1984) im Kino zu sehen, und der Film besitzt auch bei heutiger Betrachtung noch seinen Charme. Er mag nicht gut genug sein, um den Kultstatus zu genießen, der ihm von manchen zugesprochen wird, aber ein Streifen, der Godzilla in Tokio durch den Marshmallow Man in New York ersetzt, verdient auf jedenfall Sympathie. Ghostbusters II (1989) hingegen war ein Film, den niemand machen wollte und der nie hätte gedreht werden dürfen.
Seit damals machen immer mal wieder Gerüchte über ein zweites Sequel die Runde und animieren selbst Atheisten wie mich dazu, Stoßgebete gen Himmel zu senden, dass dies niemals Wirklichkeit werden möge. Und Eru Ilúvatar scheint tatsächlich unsere Meinung zu teilen. Dafür hat Regisseur Ivan Reitman nun plötzlich die Idee ins Spiel gebracht, statt eines Sequels könne man ja ebensogut ein Remake produzieren: "I think Ghostbusters probably should be remade, if we can get it all right. We're working on it, so we'll see." Beruhigenderweise handelt es sich bei dieser Ankündigung wohl eher um den traurigen Versuch Reitmans, eine Idee am Leben zu erhalten, für deren Umsetzung sich niemand wirklich zu interessieren scheint, als um eine ernstzunehmende Drohung. Aus Sicht der Produzenten hätte ein Remake freilich den unbestreitbaren Vorteil, dass man damit das Problem von Bill Murrays Mitarbeit aus der Welt geschafft hätte. Wie dem auch sei, wir können nur hoffen, dass alle Versuche, das Franchise wiederzubeleben, weiterhin so erfolgreich verlaufen, wie in den letzten zwanzig Jahren.

Eher lustig mutet es dagegen  an, dass Arnold Schwarzenegger nach wie vor ernsthaft zu glauben scheint, dass er auch im Rentenalter noch glaubhaft mörderische Kampfroboter verkörpern könne. Allerdings haben sich die Perspektiven für Terminator 5 aus anderen Gründen offenbar wieder verdüstert. Hatte Arnie im Juni noch vollmundig verkündet, der Dreh werde 2013 beginnen und es sei sogar schon ein sechster Teil in Planung, so reagierte er kürzlich genervt und sarkastisch auf entsprechende Nachfragen: "I think (producer) Megan Ellison owns the rights to 'Terminator 16,' or whatever it is. They have been trying to put a script together but I've not seen it, so I've no idea. There's nothing on the drawing board at this point. Nothing on the plan" Möglich also, dass es uns erspart bleiben wird, die nächste Etappe im ewigen Niedergang der Terminator-Saga miterleben zu müssen.
Schwarzenegger war nie ein Schauspieler im eigentlichen Sinne des Wortes, und er hat in einer Unzahl wirklich fürchterlicher Filme mitgewirkt. Dennoch will ich nicht verhehlen, dass ich eine eigentümliche Art von Sympathie für ihn empfinde. Ohne Arnie wären eine Reihe legendärer 80er Jahre - Flicks wie Conan, Predator, Total Recall oder eben Terminator nicht das, was sie sind. {Was genau sie sind, möchte ich jetzt nicht zu beschreiben versuchen. Keine wirklich guten Filme, vermutlich, aber in ihrer Simplizität irgendwie nicht ohne Reiz.} Schlimm genug, dass er gerade an dem peinlichen Gipfeltreffen alternder Eighties-Action-Stars The Expendables 2 teilgenommen hat. Die Schmach eines fünften Terminators wünsche ich ihm eigentlich überhaupt nicht.

Zwei Produkte der Ideenarmut Hollywoods, denen wir ganz sicher nicht mehr entgehen werden, sind José Padilhas Remake von RoboCop und Zack Snyders Reboot von Superman als Man of Steel.

Was RoboCop angeht, so bin ich ja der Meinung, dass das Original von 1987 genauso wie Starship Troopers von 1997 vor allem ein Beleg dafür ist, dass Paul Verhoeven bei aller guten Absicht nie richtig verstanden hat, wie man einen satirischen Film dreht. Padilhas Streifen wird deshalb bei mir zumindest nicht mit irgendwelchen rosigen Erinnerungen kollidieren können. Was Drew McWeeny vor gut einem Monat auf Twitter über das Script zu sagen hatte, das auf wer weiß welchen Wegen in seine Hände gelangt ist, klingt allerdings ziemlich gruslig:
In the film, when Murphy is turned into Robocop 1.0, it’s described “a high-tech version of the ’80s suit.” Then they show a focus group scene where criminals laugh at the design. “He looks like a toy from the ’80s!” So they redesign him to look “meaner” as Robocop 2.0, who passes focus group approval.
Sich in einem Remake darüber lustig zu machen, dass man ein Remake macht – das ist genau die Art selbstgefälliger Cleverness, die heute so gerne mit Intelligenz verwechselt wird.
And we meet the ED-209s in the field in Iran, where they’re used to subdue suicide bombers.
Ahhh … now they just dropped Robocop 3.0 onto an Al Queda training camp to see what he does.
Ich verzichte auf einen langen und wütenden Kommentar ...
Glaubt man McWeeny, so muss das Script wirklich fürchterlich sein. Er beschreibt sein Leseerlebnis sehr nett wie folgt:
I feel like one of those little potato people staring directly into The Dark Crystal. And, yet, pages keep turning…
Angesichts von José Padilhas bisher erfolgreichstem Film Tropa de Elite ist anzunehmen, dass RoboCop ebenfalls voller voyeuristischer Gewaltdarstellungen sein und gleichzeitig den Eindruck zu erwecken versuchen wird, der von dem Cyborg-Bullen und seinen Schöpfern vertreteten Law & Order - Mentalität kritisch gegenüberzustehen. Und was bei dem brasilianischen Film nicht geklappt hat, wird erst recht nicht bei einem Hollywood-Action-Blockbuster funktionieren.

Und Man of Steel? Hey, Zack Snyder führt die Regie. Muss ich da nach Dawn of the Dead, 300 und Sucker Punch noch irgendwas zu sagen?! Okay, ein ganz kurzer Kommentar: Snyder ist ein Filmemacher, dessen  'künstlerische Vision' {hust, hust} sich darauf beschränkt, coole Bilder auf die Leinwand zu zaubern. Und auf einen coolen Supermanfilm kann ich dankend verzichten. Jim Moon hat BlackDogs Lee Medcalf diese Woche, milde ausgedrückt, in Erstaunen versetzt, als er erklärte, der legendär miese Superman 4: The Quest for Peace (1987) sei bei näherer Betrachtung immer noch besser als Bryan Singers Superman Returns (2006).* Ich stehe da ganz auf der Seite von Mr. Moon. Ein Superman-Flick hat 'cartoonish', nicht cool zu sein.

* Vgl.: BlackDog Podcast Episode 130 "Superman Poor": 1:31:20.

Mittwoch, 26. September 2012

Pastiche und Propaganda (II)

Jamyang Norbu hat wie gesagt nichts übrig für die im Westen verbreitete Tendenz, in Tibet eine Art mystisches Wunderland zu sehen:
There's a kind of New Age perception of Tibet, which is fed to some extent quite deliberately by propagandists for Tibet, many New Age type Buddhists, Tibetan Buddhists. And, also subscribed gradually by Tibetans, including the Dalai Lama and a lot of prominent Lamas. The idea that this even materialist west will be saved by the spiritualism of the Tibetan Buddhists. It's total nonsense.
Man kann sich darum vielleicht vorstellen, wie erstaunt ich war, als ich feststellen musste, dass Norbu mit der zweiten Hälfte von Das Mandala des Dalai Lama genau diese Heilssehnsucht zu bedienen versucht.
Es zeigt sich nämlich sehr schnell, dass das vermeintliche Mordkomplott, zu dessen Verhinderung Sherlock Holmes nach Tibet gerufen wurde, gar nicht die eigentliche Bedrohung darstellt, gegen die unsere Helden vorgehen müssen. Damit verliert die Geschichte augenblicklich ihren holmes'schen Charakter und begibt sich straks in die Untiefen von Pulp-Phantastik, Mystizismus und esoterischem Quark. Statt sich der gängigen Methoden von etwas Gift im Mittagsmahl oder einem Messer in der Nacht zu bedienen, haben die Chinesen nämlich einen abtrünnigen Tantra-Magier nach Lhasa geschickt, der für das frühzeitige Ableben des XIII. Dalai Lama sorgen soll. Dieser nur als "der Finstere" bekannte Schurke, dessen Spezialität darin zu bestehen scheint, qua Telekinese Schwerter durch die Luft sausen zu lassen, ist jedoch offenbar sehr viel mehr an der alten Darstellung eines Kalacakra-Mandalas interessiert, das der I. Dalai Lama angeblich von einem geheimnisvollen Abgesandten aus dem Wunderreich Shambala erhalten haben soll.

An dieser Stelle des Buches angekommen konnte ich einen Seufzer der Verzweifelung nicht unterdrücken. Shambala? Bitte nicht Shambala! Norbu lässt seinen Erzähler Hurree erklären:
Das 'Shambala des Nordens' ist, der lamaistischen Weltanschauung zufolge, ein Wunderland, vergleichbar mit Thomas Moores Utopia, Francis Bacons Neuem Atlantis oder Campanelas Sonnenstaat, wo Tugend und Weisheit eine ideale Gesellschaft haben entstehen lassen. Dieses Fabelreich gilt als Ursprung aller hohen okkulten Wissenschaften, das der Wissenschaft und Technik unserer Welt weit überlegen ist. Laut einer Prophezeiung in den heiligen Schriften Tibets werden die Herren von Shambala, wenn die Menschheit am Ende den Mächten des Bösen unterliegt, im Jahr des Wasser-Schafes des 24. Zyklus (das heißt im Jahre 2425) ihre große Armee entsenden und jene dunklen Mächte vernichten. Danach wird der Buddhismus erneut erblühen, und ein Zeitalter der Vollkommenheit wird anbrechen. (1)
Kein anderes Element der tibetisch-buddhistischen Mythologie ist wohl so oft von irgendwelchen westlichen Möchtegernmystikern missbraucht worden wie das Verborgenen Reich der Kulika-Könige. Außer vielleicht das berühmte Mantra Om mani padme hum.

Das echte Kalacakra Tantra, dem der Mythos von Shambala seine Entstehung verdankt, wurde in der Mitte des 10. Jahrhunderts vermutlich im heutigen Afghanistan verfasst und gelangte tibetischen Quellen zufolge im Jahre 966 von dort aus nach Indien. Es ist ein Produkt der kosmopolitischen Kultur der Handelsstädte entlang der Seidenstraße, in denen Vertreter der unterschiedlichsten asiatischen Völker friedlich zusammenlebten, und Güter wie Ideen aus aller Herren Länder ausgetauscht wurden. Hier waren die Buddhisten u.a. mit Zoroastriern, Manichäern, nestorianischen Christen und Juden zusammengetroffen. Die daraus resultierende gegenseitige gedankliche Befruchtung hatte nicht unwesentlich zur Entstehung einer blühenden buddhistischen Hochkultur in Zentralsien und Turkestan beigetragen. Das Kalacakra Tantra war eine ihrer letzten bedeutenden Früchte und zugleich eine Reaktion auf die Entwicklung, die zu ihrem Untergang führen sollte: Das machtvolle Vordringen des Islam. (2)
Im 10. Jahrhundert herrschten die Emire der Samaniden-Dynastie als nominelle Vertreter der abbasidischen Kalifen über die Region. Es war das Goldene Zeitalter des islamischen Zentralasien: Handel und Gewerbe blühten auf, in den Städten entstanden prachtvolle Moscheen, Schulen, Badehäuser und Karawansereien, während am Hof des Emirs in Buchara die Grundlagen für die Entwicklung der neupersischen Literatur gelegt wurden. An der kosmopolitischen Atmosphäre der großen Handelsstädte hatte sich auch unter islamischer Herrschaft nichts geändert, das friedvolle Gemisch der Kulturen und Religionen verstärkte sich eher noch. Doch auch wenn die Buddhisten vorerst keiner organisierten Verfolgung ausgesetzt waren, hatten die Mönche das Gefühl, in einem zunehmend düsteren Zeitalter zu leben. Dies war die historische Situation, in der das Kalacakra Tantra entstand.
Der heilige Text  erzählt von dem paradiesischen Reich Shambala, das umgeben von unüberwindlichen Gebirgszügen und bewacht von überirdischen Mächten dem allgemeinen Niedergang der Welt trotzt. Hier bewahren die Heiligen unter der Herrschaft der Kulika-Könige die reine Lehre, während eine Zeit der Finsternis über die Erde hereinbricht. Doch schließlich werde die Kunde von dem verborgenen Reich an das Ohr des bösen Welteroberers dringen und dieser werde sich mit einem gewaltigen Heer aufmachen, um die letzte Bastion des Lichtes seiner Herrschaft zu unterwerfen. Daraufhin werde der fünfundzwanzigste Kulika-König Rudracakrin ("Der Zornige mit dem Rad") an der Spitze seiner Armeen das geheime Königreich verlassen und sich den Angreifern zum Kampf entgegenstellen. In einer apokalyptischen Endschlacht werden die Mächte der Finsternis vernichtet werden und Rudracakrin wird vom heiligen Berg Kailash aus über ein buddhistisches Weltreich des Friedens und der Gerechtigkeit herrschen, das 19.800 Jahre lang Bestand haben wird.
Das Tantra identifiziert den bösen Welteroberer mit der islamischen Messiasgestalt des Mahdi und erwähnt im Zusammenhang mit ihm die Städte Bagdad und Mekka, sowie Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus, Mohammed und den mysteriösen 'Weißgekleideten' (shvestavastri) als seine Vorgänger. (3) 
Der ausgeprägte Dualismus zwischen Gut und Böse sowie das Motiv einer apokalyptischen Endschlacht unterscheiden das Kalacakra Tantra sehr deutlich von älteren buddhistisch-messianischen Texten, in deren Zentrum für gewöhnlich der Buddha der Zukunft Maitreya gestanden hatte. Als Vorbilder mochten dabei so unterschiedliche Quellen wie die jüdische und christliche Tradition, die zoroastrische Figur des Letzten Weltenheilands Saoshyant oder die unter den Anhängern Vishnus verbreitete Vorstellung von Kalki als dem Zehnten Avatar ihres Gottes gedient haben. Auch manichäisches Gedankengut hat offenbar seinen Weg in den heiligen Text gefunden. Am stärksten dürfte jedoch ironischerweise der islamische Einfluss gewesen sein. Zumal die Region, in der das Tantra entstand, seit geraumer Zeit der Tummelplatz aller möglichen muslimischen Sekten war, in deren Gedankenwelt die Gestalt des Mahdi stets eine zentrale Rolle spielte. Die Buddhisten eigneten sich die eschatologischen Ideen ihrer muslimischen Rivalen an, integrierten sie in ihre eigene Gedankenwelt und wandten sie dann gegen den Islam. So dürfte z.B. das direkte Vorbild für den bösen Mahdi des Kalacakra Tantra im 'Lügenden Messias'  al-Masihu’d Dadschal zu suchen sein, dem dämonischen Widersacher des endzeitlichen Heilsbringers im Islam.
Als das Tantra im Jahr 1026 ins Tibetische übertragen wurde, gelangte es damit in einen buddhistischen Kulturraum, der sich keiner islamischen Herausforderung gegenübersah. Dadurch verloren seine Prophezeiungen ihren Bezugspunkt in der Wirklichkeit und wurden offen für Neuinterpretationen. Die antimuslimische Stoßrichtung spielte von nun an keine entscheidende Rolle mehr in der Rezepetion des Textes. Was blieb war die Prophezeiung von einem gewaltigen Krieg zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis und die Hoffnung auf ein zukünftiges Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, in dem Armut und Elend unbekannt sein würden. Vor allem jedoch die Vision von einem verborgenen Reich, einem Irdischen Paradies inmitten dieser grausamen und leiderfüllten Welt: Shambala. Mit diesem Namen waren von nun an die Träume und Sehnsüchte der Buddhisten Tibets und Zentralasiens verbunden. Jamyang Norbus Vergleich mit den Gesellschaftsutopien von Morus, Bacon und Campanella ist allerdings etwas irreführend. Eher sollte man dabei an die Sehnsucht des christlichen Mittelalters nach dem Garten Eden denken.  Über die genaue geographische Lage Shambalas waren sich die gelehrten Mönche Tibets nie ganz einig. Die älteste uns heute noch zugängliche Version des heiligen Textes, das Laghu Kalacakra Tantra, lokalisiert das Reich der Kulika-Könige irgendwo südlich des Berges Kailash, doch konnte sich diese Tradition offenbar nicht auf Dauer durchsetzen. Der Grund hierfür ist leicht einzusehen. Die Region um den Kailash ist zwar wild und unwegsam, war den Tibetern aber nicht völlig unbekannt. Sie wussten, dass sich dort weder eine glanzvolle Stadt noch ein idyllischer Paradiesesgarten befanden. Das hinderte die eifrigen Lamas freilich nicht daran, sich auch weiterhin den Kopf über die Lage Shambalas zu zerbrechen. Wie auch hätte man die Suche nach diesem heiligen Ort des Friedens und der Erleuchtung aufgeben sollen? Im Vimalaprabha heißt es, das geheimnisvolle Land befände sich nördlich des Flusses Sita, während arya-visaya ("das Land der Arier" = Indien) südlich des Stromes zwischen dem Himalaya und Lanka liege. Doch auch diese Angaben brachten die sehnsuchtsvoll Suchenden nicht wirklich weiter. Der Fluss Sita ist zwar in der buddhistischen Kosmologie und dem heiligen Schrifttum Indiens wohlbekannt, in der realen Welt jedoch leider nur sehr schwer zu lokalisieren. Möglicherweise verbirgt sich hinter dem mythischen Gewässer der Tarim in Ostturkestan. Auf jedenfall suchte man Shambala von nun an nördlich von Tibet. (4)

An westliche Ohren drang der Name des Verborgenen Königreiches erstmals im 17. Jahrhundert, als einige Jesuiten das Schneeland besuchten. Einen tieferen Eindruck scheint der Mythos jedoch nicht bei ihnen hinterlassen zu haben. Erst als im 19. Jahrhundert Helena Blavatsky (1831-91), die Gründerin der Theosophie, Shambala in ihren Schriften erwähnte, legte sie damit den Samen für die rasch wachsende Beliebtheit des geheimnisvollen Landes unter westlichen Okkultisten, Esoterikern und phantastischen Schriftstellern. Dabei wurden die aufgeschnappten Bruchstücke des alten buddhistischen Mythos oft mit der von Alexandre Saint-Yves d’Alveydre (1842-1909) in die Welt gesetzten Idee eines unterirdischen Wunderreiches namens Agharta vermischt. Besondere Popularität erlangte diese Mixtur in den 1920er Jahren durch Ferdynand Ossendowskis Schmöker Tiere, Menschen und Götter. Ebenfalls sehr gerne verknüpften westliche Autoren das Verborgene Königreich mit der auf Blavatskys "weiße Loge" der Mahatmas zurückgehende Idee einer geheimen Bruderschaft von weisen 'Hütern der Welt', die dort residieren soll. Ein besonders prominenter Vertreter dieser ganzen buntscheckigen Sippschaft war der russische Maler und Gründer des Agni Yoga Nikolai Roerich (1874-1947), der sogar ein Buch mit dem Titel Shambala verfasste. Dass er namentliche Erwähnung in Das Mandala des Dalai Lama findet, ist kein Zufall, wie wir gleich sehen werden.

Zuerst einmal wollen wir jedoch zu Sherlock Holmes und dem wackeren Hurree zurückkehren. Denn kaum hat Norbu das Kalacakra - Mandala und den "Finsteren" ins Spiel gebracht, da scheint er auch schon jeden Rest an schriftstellerischem Gespür verloren zu haben. Von einem leidlich charmanten Conan Doyle - Pastiche verwandelt sich der Roman in einen sich immer höher auftürmenden Berg an Abstrusitäten. Aus dem Lachen und Stöhnen kommt man von nun an nur noch selten heraus.
Holmes und Hurree dringen in die chinesische Gesandtschaft ein, um das aus dem Norbulingka entwendete Thangka (Rollbild) des Mandalas zurückzuholen. Was sie dort erwartet, ist die erste der bizarren 'Enthüllungen', aus denen der Rest des Romans besteht. Der "Finstere" entpuppt sich als ... Professor Moriarty! Ja, der "Napoleon des Verbrechens" ist in Wirklichkeit ein böser tibetischer Tantrameister, der den Sturz in die Reichenbachfälle dank seiner Zauberkräfte überlebt hat! Und ganz, wie man es von Norbu inzwischen erwartet, schafft es dieser tatsächlich, auch noch für die kriminelle Karriere des guten Professors in England die Chinesen verantwortlich zu machen. Jene halfen ihm "in Europa Fuß zu fassen, weil sie sich an jenen Nationen rächen wollten, die China so gedemütigt hatten". (5) Moriarty als eine Art verfrühter Fu Manchu! Dass sein Äußeres weder bei Conan Doyle noch in seinem eigenen Buch irgendwelche Anzeichen einer asiatischen Herkunft aufweist, scheint Norbu nicht weiter zu stören.
Aber das ist erst der Anfang. Das Mandala erweist sich als Schlüssel zu einem fantastischen unterirdischen Palast, dessen zentrales Gewölbe Hurree wie folgt beschreibt:
Nun befanden wir uns in einer gewaltigen, runden, hallenartigen Anlage, die gut ein paar Tausend Meter Durchmesser hatte und von einer riesigen Eiskuppel überwölbt wurde, die in ihrem Zentrum mindestens 800m hoch war. Um die ganze kolossale Rundhalle standen große Statuen, zwanzig an der Zahl. Es waren grimmig aussehende Krieger in fremdartiger Rüstung. Die Ausmaße der Statuen waren riesig, vergleichbar mit den großen Buddha-Statuen, die ich im Bamiyan-Tal in Afghanistan gesehen hatte.
Die völlig übertriebenen Dimensionen machen deutlich, dass wir das reale Tibet verlassen und die Fantasiegefilde von Shangri-la betreten haben, eben jene Gefilde also, die Norbu in den Erzeugnissen westlicher Tibetromantiker so unbarmherzig kritisiert.Dieses Gewölbe ist der Aufbewahrungsort des "Norbu Rinpoche", des "großen Juwels der Macht von Shambala." Die Lama Yönten in den Mund gelegte Beschreibung des magischen Edelsteins zeigt erst recht, dass sich der Autor spätestens an diesem Punkt in seiner Erzählung von den authentischen Traditionen des Buddhismus ab- und den  esoterischen Fantastereien von Blavatsky, Roerich & Co. zugewandt hat:
Es steht geschrieben, dass der Sendbote Shambalas zwei solcher Steine an jedem der beiden spirituellen Pole unseres Planeten anbrachte. Der erste ging verloren, als Ata-Ling, der heilige Kontinent, von der großen Flut verschlungen wurde. Der zweite wurde hierher nach Tibet gebracht. (6)
Mit dem Wunscherfüllenden Juwel Cintamani der indischen und tibetischen Überlieferung hat dieser Stein nichts mehr zu tun. Die peinlich offensichtliche Anspielung auf den Atlantismythos lässt einen vielmehr augenblicklich an die theosophische Obsession mit untergegangenen 'Rassen'
und Kontinenten denken. (7) Kein Wunder, dass Norbu an dieser Stelle ausdrücklich auf Nikolai Roerich und dessen Beschreibung des Norbu-rin-poche/Chintamani verweist:
Es heißt, Tamerlane und Akbar hätten Bruchstücke eines solchen Steines besessen und der Stein im magischen Ring des Suleimans (Solomon) wäre ein Teil des Chintamani gewesen. Nicholas Roerich, der berühmte weißrussische Mystiker, Künstler und Reisende, war überzeugt davon, dass der Chintamani der Lapis Exilis sei, der Wanderstein der alten Meistersänger. (8) 
Doch auch damit noch nicht genug. Es erwartet uns noch ein wahrhaft 'fantastisches' Finale. Wie man sich denken kann, will Moriarty den Stein in seine Hände bekommen, um damit in der Manier jedes echten Superschurken 'die Welt zu beherrschen'. Doch als bereits alles verloren scheint, erwartet uns eine erneute 'Enthüllung'. Der Professor ist gerade dabei, unsere Helden mit seinen durch den Stein verstärkten magischen Kräften auszulöschen, da schreit Lama Yönten:
Mr Holmes, Mr Holmes. Hören Sie mir genau zu. Sie sind nicht Sherlock Holmes! Sie sind der berühmte Gangsar-trulku, der ehemalige Abt des Klosters des Weißen Garuda, einer der größten Meister der okkulten Wissenschaften. Der Finstre hat Euch vor achtzehn Jahren ermordet, doch kurz bevor Euch Eure Lebensgeister verlassen haben, ist es uns mithilfe des Pho-wa-Yoga gelungen, diese in einen anderen, weit entfernten Körper zu transferieren. (9)
Und tatsächlich entdeckt Holmes die in ihm verborgen liegenden tantrischen Kräfte und beginnt ein munteres Magierduell mit dem bösen Moriarty.
An dieser Stelle bin ich dann wirklich wütend geworden. Sherlock Holmes ist die vielleicht berühmteste literarische Verkörperung des rationalen, analytischen Denkens. Arthur Conan Doyle selbst glaubte zwar an allen möglichen Unsinn wie die berüchtigten Feenfotografien von Cottingley oder spiritistische Séancen, sein Meisterdetektiv aber erklärte bestimmt: "This agency stands flat-footed upon the ground, and there it must remain. The world is big enough for us. No ghosts need apply." (10) Ihn in einen wiedergeborenen Tantrameister und Magier zu verwandeln, ist für mich ungefähr dasselbe wie die Darstellung von Merlin als billigem Scharlatan in Mark Twains A Connecticut Yankee in King Arthur's Court – mit dem entscheidenden Unterschied, dass Twains Buch eine Satire ist.
Im letzten Kapitel seines Romans deutet Jamyang Norbu schließlich zu allem Überfluss auch noch an, dass Holmes zu jener aus theosophischen Schriften so bekannten 'geheimen Bruderschaft der Weisen' gehört, die im Auftrag der Herren von Shambala als verborgene Hüter unserer Welt fungieren. Shambala aber könnte vielleicht ein anderer Planet sein. Neben Theosophie und Agni Yoga also auch noch ein bisschen UFO- und Alienquatsch!

Was mich an all dem besonders verärgert hat, ist, dass ich mir nicht sicher bin, ob Norbu all die esoterischen Elemente nicht bloß deshalb in seine Erzählung eingebaut hat, um den Geschmack eines westlichen Lesepublikums zu bedienen. Bisher hatte ich in dem Schriftsteller eher einen Rationalisten gesehen. Die zweite Hälfte seines Buches hat für mich deshalb den Geschmack eines bewussten Betrugs. Während mir die eng an Conan Doyle orientierten Passagen Ausdruck einer vielleicht naiven und unkritischen, aber dafür ehrlichen Begeisterung für den viktorianischen Schriftsteller zu sein scheinen, werde ich bei den phantastischen Kapiteln den Verdacht nicht los, dass Norbu sich hier derselben Methode bedient, die er bei anderen kritisiert. Um seine nationalistische Botschaft unter die Leute zu bringen, ködert er diese mit dem alten exotistischen Klischee von Tibet als einem Land der Wunder.


(1) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes - Das Mandala des Dalai Lama. S. 216.
(2) Vgl.: B. Gosh: Emergence of Kalacakratantra. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 21. Nr. 2 (1985). S. 19ff.
(3) Vgl.: Alexander Berzin: The Kalachakra Presentation of the Prophets of the Non-Indic Invaders.
(4) Vgl.: Ronald M. Davidson: Hidden Realms and Pure Abodes: Central Asian Buddhism as Frontier Religion in the Literature of India, Nepal, and Tibet. Biswanath Banerjee: Development of the Kalacakra System in Later Buddhism. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 24. Nr. 2. (1988). S. 9ff.
(5) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes - Das Mandala des Dalai Lama. S. 238f.
(6) Ebd. S. 276ff..
(7) Helena Blavatsky selbst hatte behauptet, "dass, als Lemuria sank, ein Teil seines Volkes in Atlantis überlebte, während ein Teil seiner Auserwählten auf die heilige Insel von 'Shambhala' in der Wüste Gobi auswanderte. Allerdings enthalten weder die Kalachakra-Literatur noch das 'Vishnu Purana' irgend eine Erwähnung von Atlantis, Lemuria, Maitreya, oder Sosiosch. Ihre Verbindung mit Shambhala wurde allerdings unter Blavatskys Anhängern fortgeführt." (Alexander Berzin: Falsche Mythen, die in anderen Ländern über Shambala Verbreitung fanden)
(8) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes - Das Mandala des Dalai Lama. S. 277. Norbu bezieht sich hier auf eine Passage aus Roerichs Shambala  (S. 96f.). Meines Wissens nach kannten die Meistersinger keinen 'lapis exilis'. Vermutlich meinte Roerich damit den Gral, der im Parzival Wolframs von Eschenbach mit diesem Namen bezeichnet wird. Wie er auf die Idee gekommen ist, dass der heilige Stein wandere, entzieht sich meiner Kenntnis.
(9) Ebd.: S. 287.
(10) Arthur Conan Doyle: The Adventure of the Sussex Vampire. In: Ders.: The Casebook of Sherlock Holmes.

Sonntag, 23. September 2012

Pastiche und Propaganda (I)

Ich habe Jamyang Norbus Roman Sherlock Holmes – Das Mandala des Dalai Lama mit gemischten Gefühlen zur Hand genommen. Vor etlichen Jahren beschäftigte ich mich eine Zeit lang recht intensiv mit Tibet und seiner Geschichte. Dabei war mir der Name des exiltibetischen Schriftstellers und Aktivisten mehr als einmal untergekommen.

1949 in Darjeeling/Indien geboren, schloss Norbu sich in seiner Jugend der Guerillabewegung Chushi Gangdruk an. Diese Organisation war 1958 in den osttibetischen Regionen von Amdo und Kham in Reaktion auf die radikale Landreform gegründet worden, die Maos stalinistisches Regime  dort durchgeführt hatte. Nach dem missglückten Aufstandsversuch von Lhasa und Kham 1959, der u.a. zur Flucht des XIV. Dalai Lama Tenzin Gyatso und Zehntausender Tibeter nach Indien geführt hatte, operierte die Gruppe, die die Unterstützung der CIA genoss, vom nepalesischen Mustang aus. Als die USA nach ihrer Annäherung an die VR China 1974 ihre finanzielle Hilfe einstellten, mussten die Guerillas bald darauf ihren bewaffneten Kampf beenden, zumal nun auch die nepalesische Regierung gegen sie vorging. (1) 
Nachdem er das Gewehr abgelegt hatte, stellte Norbu seine Talente in der Folgezeit in den Dienst der  sog. Tibetischen Exilregierung in Dharamsala, betätigte sich daneben aber auch als Publizist und Schriftsteller. So verfasste er u.a. fünf Theaterstücke und das Libretto für eine traditionelle Tibetische Oper. Seine kritische Haltung gegenüber der alten Religion und der esoterisch angehauchten Tibetromantik westlicher Unterstützerkreise führte allerdings immer wieder zu Konflikten mit der Führungsclique um den Dalai Lama, die sich noch weiter verschärften, als Tenzin Gyatso das Ziel der nationalen Unabhängigkeit aufgab und stattdessen den "Mittleren Weg" in Richtung größerer Autonomie einschlug. Für Norbu eine Art Verrat an der Sache des Vaterlandes. Das von ihm gegründete Amnye Machen Institute gilt als das akademische Zentrum des radikalen Flügels des tibetischen Nationalismus, dessen einflussreichste Organisation der Tibetan Youth Congress sein dürfte. Der Schriftsteller ist außerdem Mitglied der Rangzen Alliance, deren Charta er verfasst hat. Ihr Ziel ist die Errichtung eines unabhängigen, auf ethnischer und kultureller Homogenität basierenden tibetischen Nationalstaates.
Ohne ins Detail gehen zu wollen, stehe ich den von Jamyang Norbu vertretenen politischen Positionen ausgesprochen ablehnend gegenüber. Die Perspektive eines unabhängigen Tibet eröffnet der Masse der tibetischen Bevölkerung keinen Weg aus ihrer aktuellen, von politischer Unterdrückung und wirtschaftlichem Elend gekennzeichneten Lage. Sie ist vielmehr Ausdruck der Interessen der inner- wie exiltibetischen bürgerlichen Elite, die ihre Landsleute in einem "freien" Tibet nicht weniger rücksichtlos ausbeuten würde, als dies heute die mit dem stalinistischen Staatsapparat verbundenen chinesischen Kapitalisten tun. Man muss nur einmal nach Südafrika schauen, um zu wissen, wie eine solche "nationale Befreiung" aussehen würde.
Seiner politischen Überzeugung entsprechend verbreitet Norbu in seinen Schriften einen aggressiven völkischen Patriotismus, wobei viel von der glorreichen Vergangenheit der "tibetischen Rasse" und von der unbeschreiblichen Bösartigkeit des ewigen Erbfeindes China die Rede ist. Im Unterschied zu den pazifistischen Fantasien westlicher Tibetromantiker legt er dabei besonderen Wert auf die kriegerischen Traditionen seines Volkes. (2)

Dass sein 1999 erstmals in Indien veröffentlichtes Sherlock Holmes - Pastiche denselben Geist atmen würde, stand zu befürchten. Andererseits fand ich, dass die Geschichte durchaus interessantes Potential besitzen könnte. Sie ist angesiedelt in den 'verlorenen Jahren' zwischen Holmes' fingiertem Tod an den Reichenbachfällen und seiner Rückkehr nach London, über die Arthur Conan Doyle selbst seinen Meisterdetektiv hatte erzählen lassen:
I travelled for two years in Tibet [...] and amused myself by visiting Lhassa, and spending some days with the head lama. You may have read of the remarkable explorations of a Norwegian named Sigerson, but I am sure that it never occurred to you that you were receiving news of your friend. (3)
Als Erzähler und Watsonersatz fungiert der aus Rudyard Kiplings Kim stammende bengalische Gelehrte und britische Geheimagent Hurree Chunder Mookerjee.
Nun bin ich sicher kein ausgewachsener Sherlockianer, aber ich habe doch eine Menge für den Meister des deduktiven Denkens übrig, vorzugsweise, wenn mir Arthur Conan Doyle von seinen Abenteuern erzählt oder Jeremy Brett ihn verkörpert. Neubearbeitungen der Figur interessieren mich für gewöhnlich wenig. Von den literarischen hatte ich mir bisher keine einzige zu Gemüte geführt, und von den filmischen gehört wohl nicht zufällig meine besondere Liebe Thorn Eberhardts ironischem Spaß Without a Clue (Genie und Schnauze) mit Ben Kingsley und Michael Caine. Die Aussicht, zu sehen, was ein tibetischer Autor mit Sherlock Holmes anstellen würde, erschien mir jedoch recht spannend. Schließlich spiegeln Conan Doyles Erzählungen immer wieder sehr deutlich die Mentalität der bürgerlichen Schichten des imperialen Großbritannien wider. Orientalistische Klischees finden sich in einer ganzen Reihe von Holmes-Geschichten. Und da ich wusste, dass Norbu mehrfach ebenso treffende wie beißende Kommentare zum von den westlichen Medien verbreiteten exotistischen Tibetbild abgegeben hat, hoffte ich, dass sein Roman in dieser Hinsicht einige interessante Wendungen enthalten würde. Auch die Aufnahme von Hurree Chunder Mookerjee in die Erzählung ließ mich aufhorchen. Hatte Kipling diese Figur doch nach dem realen Vorbild von Sarat Chandras Das gezeichnet, der als Spion des Empire in der Verkleidung eines buddhistischen Pilgers 1882 bis nach Lhasa gelangt war. Bestand da nicht die Möglichkeit, dass Norbu im Rahmen seines Pastiches eine etwas realistischere Darstellung von Kiplings "Großem Spiel" präsentieren würde, d.h. vom Kampf zwischen Großbritannien und Russland um die Vorherrschaft über Zentralasien, die das Schicksal Tibets in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz entscheidend mitbestimmt hat?

Doch nein, Das Mandala des Dalai Lama erfüllt keine einzige dieser Hoffnungen. Das beste, was sich darüber sagen lässt, ist, dass es den Stil von Conan Doyles Erzählungen recht geschickt nachahmt. Auch ist Hurree – zugleich Hindu und westlich gebildeter Wissenschaftler – ein durchgehend sympathischer Erzähler. Darüber hinaus jedoch erweist es sich als ein schlecht konstruiertes und in vielerlei Hinsicht unerträgliches Buch.
Das erste Drittel handelt davon, wie Holmes mit Mookerjee an seiner Seite einer Reihe von Mordanschlägen Colonel Morans entkommt, der rechten Hand Professor Moriartys. Das ist soweit alles ganz nett, wenn es nur nicht für die folgende Haupthandlung praktisch ohne Bedeutung wäre. So aber wirkt es wie ein überlanges Vorspiel, dessen einzige Funktion es ist, eine Begründung für die Reise der beiden nach Tibet zu liefern. Was im Grunde überhaupt nicht nötig wäre, da Holmes zusätzlich auch noch eine Einladung von Lama Yönten erhält, dem Großsekretär des Dalai Lama. Es vergeht mehr als die Hälfte des Romans bis unsere Helden endlich im Norbulingka, dem großen Sommerpalast des Kundun in Lhasa, stehen, und Holmes den Auftrag erhält, den fünfzehnjährigen Dalai Lama Tubten Gyatso vor einem drohenden Attentat zu bewahren.
Spätestens an diesem Punkt macht sich dann auch Jamyang Norbus ideologische Ausrichtung unangenehm bemerkbar. Die Handlung des Romans ist um ein Bild der tibetischen Geschichte herum konstruiert, wie es in den nationalistischen Kreisen allgemein verbreitet ist, das jedoch mit der historischen Realität nur wenig zu tun hat. Norbu lässt seinen Lama Yönten eine entsprechende Exposition vortragen:
Tibet ist ein kleines und freidliches Land. Das Einzige, wonach seine Bewohner streben, ist ein Leben in Ruhe und Stille und die Befolgung der erhabenen Lehren unseres Herrn Buddha. Doch überall um uns herum lauern kriegerische Nationen, mächtig und ruhelos wie Titane. Im Süden ist es das Empire der englischen Sahibs, die nun die Heimat Shakyamunis [Buddhas] beherrschen. Im Norden ist es der Kesar von Oros, der Zar von Russland, obwohl dieser glücklicherweise weit weg ist. Im Osten allerdings lauert die größte Gefahr und unser größter Fluch: Schwarzchina – verschlagen, nach noch mehr Land gierend. Und selbst in seiner Gier ist dieser Feind noch gerissen. [...] Was der Kaiser auf direktem Weg nicht zu erreichen vermag, das versucht er mit Intrigen. Im Laufe der Jahre ist es ihm über seine Vertreter hier in Lhasa, die kaiserlichen Hochkommissare, mit Hilfe von Bestechung, Erpressung und Mord nach und nach gelungen, seinem Ziel immer näher zu kommen. [...] So ist es ihm gelungen, dem gegenwärtigen Regenten von Tibet, dem Fleisch gewordenen Lama des großen Tengyeling-Klosters, frevlerische und verräterische Ideen in den Kopf zu setzen. [...] Die letzten drei Inkarnationen des Dalai Lama [...] starben, bevor sie erwachsen wurden – und alle unter sehr suspekten Umständen. Von zumindest einem der Morde wissen wir mit Sicherheit, dass er von den Chinesen angestiftet wurde; aber wie gewöhnlich gab es keinen echten Beweis für ihre direkte Mittäterschaft. Wie auch immer, die politischen Wirrnisse und die Instabilität, die diese traurigen Ereignisse hervorriefen, kamen den Chinesen sehr gelegen, die nach und nach ihren Einfluss und ihre Macht in Tibet vergrößerten. Inzwischen sind sie so stark, dass wir fürchten, sie könnten auch den letzten Schritt wagen und versuchen, die volle Kontrolle über das Land zu erlangen und die glorreiche Inkarnationslinie der Dalai Lamas für immer zu beenden. (4)
In Wirklichkeit erlebte das 19. Jahrhundert kein Anwachsen des chinesischen Einflusses in Tibet, sondern vielmehr dessen dramatische Abnahme. Wie der bekannte Historiker Melvyn Goldstein schreibt:
[A]s the nineteenth century unfolded, the Qing dynasty experienced pressing threats to its position as a result of internal disturbances such as the Taiping Rebellion (1848–1865) and external incursions by Western countries such as the Opium War of 1839–1842. Not surprisingly, the power of the ambans[Norbus 'Hochkommissare'] in Tibet waned, as did the involvement of the Qing emperors. Consequently, Tibet was able to conduct a war with the Sikhs and Ladakh in 1841–1842 and another war with the Nepalese in 1855–1856 with no involvement from China, although in the latter conflict Tibet was forced to pay Nepal an annual tribute and accept a Nepalese resident in Lhasa and extraterritoriality for Nepalese traders. Similarly, the thirteenth Dalai Lama was chosen in 1877 without recourse to the "golden urn" lottery that the Qing emperor, Qian Long, had ordered in 1792. And in 1897, two years after the thirteenth Dalai assumed political control, he stopped consulting the amban in the selection of top officials (in accordance with the 1792 regulations) and began appointing them directly. As Phuntso Tashi, the fourteenth Dalai Lama's brother-in-law (and a former Tibetan government official) explains, "For over 100 years Tibet's holders of political power had not been able to do that. The Manchu government was displeased with this but . . . they were unable to do anything about it." By the turn of the twentieth century, therefore, the Qing hegemony over Tibet was more symbolic than real, and the Tibet Question was, in a sense, latent - Tibet did not explicitly try to sever its ties to Beijing: it offered nominal respect to the emperor but did not defer to the emperor's amban in Lhasa. (5)
Bei den verdächtig frühen Toden der drei Vorgänger von Tubten Gyatso dürfte es sich wohl tatsächlich um Morde gehandelt haben, doch gibt es keine Belege dafür, dass China hinter ihnen gesteckt hätte. Sehr viel wahrscheinlicher ist es, dass die jungen Dalai Lamas den zahllosen Intrigen und Rivalitäten zum Opfer fielen, die das Bild der tibetischen Elite jener Zeit prägten. Der Grund für diese permanenten Machtkämpfe zwischen den Mönchs- und Adelscliquen des Schneelandes ist nicht in chinesischen Machinationen zu suchen, wie Norbu uns weismachen will, sondern vielmehr in der eigentümlichen Struktur des tibetischen Feudalstaates mit seiner auf dem Reinkarnationsglauben beruhenden Erbfolgeregelung. (6) Der geplante Mordanschlag auf Tubten Gyatso, der den historischen Hintergrund für den Roman abgibt, wurde von Demo Rinpoche, dem Regenten Tibets und Herrn des Klosters Tengyeling eingefädelt, der dabei nicht etwa als Marionette der bösen Chinesen agierte, sondern vielmehr seine eigenen und die Machtinteressen seines Klosters verfolgte.
Doch wie so oft passt die historische Realität in ihrer Komplexität nicht in das Weltbild des Nationalisten. Obwohl Jamyang Norbu dem alten Feudalsystem keineswegs völlig unkritisch gegenübersteht (wovon man im Mandala freilich nichts merkt), hat er sich ein Bild der tibetischen Geschichte zusammengebaut, in dem sich alles um den ewigen Konflikt zwischen dem unschuldigen, unterdrückten Schneeland und dem bösen, unterdrückerischen China dreht. Für alles negative müssen die verruchten Intrigen des Erbfeindes oder die Umtriebe bestochener Vaterlandsverräter verantwortlich gemacht werden. Diesen Geschichtsmythos versucht er den Leserinnen und Lesern seines Romans unterzujubeln, wobei dessen Verknüpfung mit den Figuren von Sherlock Holmes und Hurree Chunder Mookerjee zu besonders absurden Resultaten führt.

Die Hauptgefahr für die relative Selbstständigkeit Tibets ging im 19. Jahrhundert nicht vom geschwächten China, sondern vom machtvoll wachsenden Britischen Kolonialreich aus. Schon im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts hatte die Ostindische Kompanie erstmals eine Expedition ins Schneeland entsandt. Ziel war es Tibet und darüberhinaus die Märkte Zentralasiens für britische Waren zu erschließen. Bis zum Opiumkrieg hatte man darin vor allem eine Möglichkeit gesehen, das sich abschottende China quasi durch die Hintertür zu erreichen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts richteten sich die britischen Ambitionen vor allem gegen Russland, das seinerseits bemüht war, Zentralasien seiner Vorherrschaft zu unterwerfen. In den 1860er Jahren begannen die Briten deshalb eine potentielle Handelsroute von Darjeeling über das Chumbi-Tal nach Gyangze und Lhasa zu erschließen. In einem Brief an die Kolonialverwaltung in Bengalen fasste Ashley Eden die britischen Erwartungen so zusammen: "A considerable trade will spring up between Lassa and Darjeeling. The Tibetans will only be too glad to exchange gold dust, musk, borax, wool and salt for English cloth, tobacco etc.; and the people of Sikkim will gain as carriers of this trade, and their government will raise a considerable revenue from the transit duties." (7) Diesem Projekt standen jedoch sowohl die chinesische als auch die tibetische Regierung ablehnend gegenüber. Schon seit längerem verfolgten die Herren im Potala eine extrem isolationistische Politik. Die Versuche der Briten, ihr Reich für den Handel zu erschließen, nahmen sie als Bedrohung war. Als Großbritannien dem von Opiumkriegen und Taiping-Aufstand geschwächten China 1876 im Vertrag von Chefu die Erlaubnis abpressten, eine Expedition nach Tibet zu entsenden, erwartete die ein Jahrzehnt später abmarschierte Macaulay-Gesandtschaft deshalb eine böse Überraschung, als sie die Grenze des Schneelandes erreichte. Nicht nur wurde ihr die Weiterreise verweigert, Tibets Herrscher schickten sogar Truppen in ein umstrittenes Grenzgebiet zwischen Sikkim und dem Schneeland. Wie der britische Resident in Nepal E. R. Girdlestone bereits 1879 in weiser Voraussicht erklärt hatte: "I know no reason why, unless Sir Jung Bahadoor’s extreme remedy for breaking down their exclusiveness by force of arms be adopted, free trade should be established in Thibet ". (8) Zu derart brachialen Methoden wollten die Briten allerdings noch nicht greifen. Sie beschränkten sich vorerst darauf, eine Reihe von Spionen ins Schneeland zu schicken, um sich genauere Informationen über das Verbotene Königreich auf dem Dach der Welt zu besorgen.

Einer dieser Spione war Hurrees reales Vorbild Sarat Chandras Das. In Das Mandala des Dalai Lama wird es jedoch so dargestellt, als seien alle Widerstände, auf die Mookerjee bei seiner ersten Expedition nach Tibet gestoßen ist, auf die Umtriebe des chinesischen Ambans zurückzuführen. Keiner der tibetischen Würdenträger scheint etwas dagegen zu haben, dass er während seines zweiten Aufenthaltes offizielle Berichte an seine Vorgesetzten in Indien schreibt. Diese Darstellung ist nicht nur historisch absurd, sie vermittelt auch ein erstaunlich positives Bild des britischen Empire. Anders als die ewig eroberungslüsternen Chinesen wirken die Engländer wie eine potentiell wohlwollende neutrale Macht. Tatsächlich sollte zwölf Jahre nach den fiktiven Ereignissen des Romanes 1904 ein dreitausend Mann starkes britisches Expeditionskorps unter Führung von Sir Francis Younghusband in Tibet einmarschieren, Aberhunderte Tibeter abschlachten und den XIII. Dalai Lama zur Flucht in die Mongolei zwingen. Doch Jamyang Norbus nationalistischer Idee ist nicht damit gedient, das Schneeland historisch korrekt als das Opfer imperialistischer Machtkämpfe darzustellen. Hass gegen China, nicht gegen die westlichen Kolonialmächte, zu schüren, ist sein Ziel. Und so wundert es auch nicht, dass sein Buch keinerlei kritische Haltung gegenüber seinen literarischen Vorbildern Conan Doyle und Kipling verrät, wie ich es eigentlich gehofft hatte.

All dies hätte ich bei meinem Wissen um Jamyang Norbus politische Positionen vielleicht erwarten müssen. Doch der vernichtendste Schlag erfolgte aus einer gänzlich überraschenden Richtung.

Fortsetzung folgt ...

(1) Vgl.: Kenneth Conboy & James Morrison: The CIA's Secret War in Tibet. John Kenneth Knaus: Official Policies and Covert Programs: The U.S. State Department, the CIA, and the Tibetan Resistance. Norbu hat den Khampa-Partisanen mit seinem Buch Warriors of Tibet ein patriotisches Denkmal zu setzen versucht.
(2) Mit dem Epos von Ge-sar haben die Tibeter immerhin die wahrscheinlich umfangreichste heroische Dichtung der Welt geschaffen, Ausdruck des Lebensgefühls einer stolzen Kriegeraristokratie. In der mir vorliegenden Übersetzung von Matthias Hermanns zählt sie gut 480 Seiten fortlaufenden Text. Man stelle sich das erst einmal in Versen vor!
(3) Arthur Conan Doyle: The Adventure of the Empty House. In: Ders.: The Return of Sherlock Holmes.
(4) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes – Das Mandala des Dalai Lama. S. 191ff.
(5) Melvyn Goldstein: The Snow Lion and the Dragon. China, Tibet, and the Dalai Lama. S. 21f.
(6) Vgl.: Melvyn Goldstein: The Circulation of Estates in Tibet: Reincarnation, Land and Politics.
(7) Zit. nach: Jahar Sen: Sikkim and Himalayan Trade. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 17. Nr. 3. (1981). S. 11.
(8) Zit. nach: Jahar Sen: India’s Trade with Central Asia via Nepal. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 8. Nr. 2. (1971). S. 27.