In der Bibliotheka Phantastika ist heute ein äußerst lesenswerter Artikel von 'mistkaeferl' über das Übersetzen von Eigennamen in der Fantasy erschienen, der umgehend eine Reihe von gleichfalls sehr interessanten Kommentaren provoziert hat. Persönlich schließe ich mich den Ansichten der Autorin im Großen und Ganzen an. Ich hätte meinen Blog auch nicht Scalpel und Cat's Claw genannt.
Seiten
"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."
Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."
Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten
Donnerstag, 12. April 2012
Dienstag, 10. April 2012
Schadenfreude ist die schönste Freude
Als ich vor gut drei Monaten meine Gedanken über die grim & gritty - Mode in der Fantasy niederschrieb, zog ich dabei u.a. einen kurzen Essay von Daniel Polansky mit dem Titel Slums of the Shire als Belegmaterial heran. Dem Vorbild Richard Morgans folgend hatte der Autor ein Tolkien-Bashing im Namen des ‘dreckigen Realismus’ veranstaltet, um auf diese Weise Reklame für seinen kommenden Debütroman Low Town zu machen. Inzwischen ist das Buch herausgekommen und von Erin Horáková auf Strange Horizons besprochen worden. Beim Lesen dieser Rezension musste ich unentwegt grinsen. Polansky hatte laut getönt, er wolle mit seiner Geschichte ein ungeschöntes Bild des ‘Unterleibs’ einer Fantasygesellschaft zeichnen, nach dem Motto "What does the shady side of Gondor look like?" Außerdem sei es ihm darum gegangen, "the best aspects of noir" mit einem "low fantasy setting" zu verschmelzen. Erin Horáková hat in diesem Erstlingswerk jedoch nicht viel mehr entdecken können, als eine schlecht konstruierte Handlung, miese Charakterzeichnungen und ein Sammelsurium an Klischees, insbesondere "familiar, offensive, and boring racial stereotypes". Neben der aus unzähligen Pulps bekannten Karrikatur des ‘chinesischen’ Verbrecherkönigs (mitsamt künstlichen Fingernägeln und dem Hang zu blumigen, ‘asiatischen’ Höflichkeitsfloskeln) sind dies offenbar vor allem ‘Jamaikaner’, deren einzige Funktion darin bestehe, "to serve up fried fish, drug connections, and Ebonic wisdom". Aufgelockert wird die Handlung durch Witze über Schwule und menstruierende Prostituierte.
Das Erscheinen eines solchen Buches ist eigentlich kein Anlass zur Freude, falls es denn wirklich so schlimm ist, wie die Rezensentin es beschreibt. Der Grund, warum Horákovás Verriss mich dennoch fröhlich gestimmt hat, ist, dass ich durch ihn mein Urteil über die Bedeutung der grimdark-Fantasy bestätigt sehe. Hinter all dem Getue um angeblichen ‘Realismus’ verbergen sich bloß misanthroper Zynismus* und die bornierten Vorurteile von Mittelklasse-Intellektuellen über die städtische ‘Unterschicht’. Es ist entlarvend, wenn Horáková schreibt: "Low Town is populated by a simply improbable number and variety of whores, with little evidence of the industry necessary to support them." 'Realistisch' ist das hier gezeichnete Panorama also keineswegs. Dennoch erklärt Paul Stotts in einer positiven Rezension desselben Buches auf Blood of the Muse, der Website, auf der Polansky auch seine Slums of the Shires veröffentlicht hat: "Low Town, the eponymous city that serves as the novel's backdrop, is a dystopian nightmare, filled with crime, death, drugs, poverty, and the plague. Residents don't live as much as they try not to die. The environment is harsh and brutal; it is the worse inner-city ghettos as re-imagined by Thomas Hobbes. While the problems in Low Town are exaggerated, it's correlation to our urban reality is clear."
In unzähligen Büchern, Comics und Filmen werden uns die Bewohner der Slum und Ghettos als ein Haufen von Kleinkriminellen, Schlägern, Drogenabhängigen, Dealern, Vergewaltigern und Nutten vorgeführt. Das ist nichts anderes als die Sicht des gebildeten Spießers auf den ‘Pöbel’ – begleitet von einer Mischung aus Verachtung, Faszination und Angst.
* Polansky hat in Slums of the Shire ganz offen erklärt, er halte die allermeisten Menschen für "selfish, stupid creatures, focused almost exclusively on the immediate satisfaction of their basic desires".
Montag, 9. April 2012
Bloß eine bescheidene Frage
Der arabisch-amerikanische Fantasyautor Saladin Ahmed hat für Salon einen ruhigen und ausgewogenen Artikel geschrieben, in dem er sich mit dem alten, aber nach wie vor aktuellen Problem der Vorherrschaft der ‘weißen’ Fantasy und damit verbunden des Rassismus im Genre beschäftigt. Zum Ausgangspunkt dienen ihm dabei George R.R. Martins A Song of Ice and Fire und die auf dem Zyklus basierende TV-Serie von HBO. Auf den Inhalt möchte ich nicht genauer eingehen, da ich mit Martins Werk nur sehr oberflächlich, mit der Fernsehproduktion überhaupt nicht vertraut bin. Die Kommentare sind zahlreich und die negativen zeichnen sich (wie leider zu erwarten war) durch einen meist sehr aggressiven Ton aus. Rassistische Angriffe gegen den Autor unterbleiben glücklicherweise, aber man weiß ja, welch bissige Bestie der erboste Fanboy sein kann. Die folgenden drei Argumente sind die absoluten Favoriten:
(1) "Wenn’s dir nicht gefällt, dann lies es doch nicht! Oder schreib’ deine eigenen Bücher!" Das ist gar kein Argument. Hier befinden wir uns bereits tief in Trollterritorium, und mit Trollen diskutiert man nicht. Dass Saladin Ahmed A Song of Ice and Fire offenbar liebt und sein eigenes Buch (Throne of the Crescent Moon) geschrieben hat, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.
(2) "Martins Bücher spielen in einem phantastisch verfremdeten spätmittelalterlichen England (Rosenkriege), und da gab’s halt keine Schwarzen. Personen ‘nichteuropäischer’ Herkunft aus ‘politisch korrekten’ Gründen in die Handlung einzubauen, würde dem ‘Realismus’ des Werkes zuwiderlaufen." Das ist ein zumindest diskutabler Einwand, dem ich mich sogar anschließen würde, wenn Ahmed tatsächlich gefordert hätte, dass Westeros als eine multikulturelle Gesellschaft dargestellt werden müsste – was nicht der Fall ist. Zwar wünscht er sich, dass nichtweiße Personen eine etwas größere Repräsentation in der Fantasy erhalten würden – "If we can add dragons and magic swords we can add a few brown people" –, sehr viel größeren Nachdruck legt er jedoch auf den Umstand, dass ‘nichteuropäische’ Völker, wenn sie denn überhaupt in der ‘weißen’ Fantasy auftauchen, nach wie vor häufig stereotypisiert dargestellt werden.
(3) Die beliebte Karrikatur des PC-Zensors heraufbeschwören, der Quotenregelungen für die Literatur festlegen wolle, im Stile von: In jedem Roman müssen soundsoviel Prozent weiße und soundsoviel Prozent schwarze Personen, soundsoviel Prozent Männer und soundsoviel Prozent Frauen, soundsoviel Heterosexuelle und soundsoviel Prozent Homosexuelle auftauchen. Es versteht sich von selbst, dass man derart absurde Forderungen beim besten Willen nicht aus Saladin Ahmeds Artikel ableiten kann.
Man verstehe mich bitte nicht falsch, ich will niemandem irgendetwas unterstellen. Aber obwohl ich in einigen Fantasyforen hier und da schon mal über Ansätze zu einer solchen Diskussion gestolpert bin, ist es mein Eindruck, als würden derartige Fragen hierzulande nicht mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Leidenschaft angegangen. Ich lasse mich gerne eines besseren belehren, doch falls mein Eindruck mich nicht trügt, frage ich mich, warum das so ist. Ist unsere Phantastikgemeinde noch nicht so ‘reif’, was ich eigentlich nicht glauben will? Oder liegt es an ihrer hohen ethnischen Homogenität? Was sofort die Frage aufwirft, ob diese überhaupt wirklich so hoch ist, wie es den Anschein hat. Wo sind die deutschsprachigen Fantasyfans türkischer, arabischer, asiatischer, afrikanischer, osteuropäischer Abstammung? Existieren sie tatsächlich nicht oder artikulieren sie sich nur nicht so deutlich? Oder liegt der Fehler bei mir, und ich weiß bloß nicht, wo ich zu suchen habe? Aber unabhängig davon ist es ja nun einmal so, dass Deutschland eine multikulturelle Gesellschaft ist. Sollte uns dies nicht allmählich für dieses Thema sensibilisiert haben? Und wie sieht es in diesem Zusammenhang eigentlich mit der bei uns produzierten Fantasy aus. Ich habe hier schon einmal eingestanden, dass ich mich in ihr absolut nicht auskenne. Es würde mich deshalb wirklich interessieren, ob sie in ihrer Mehrheit so ‘weiß’ ist, wie ich instinktiv befürchte, oder ob sie unsere gesellschaftliche Realität doch auf eine etwas angemessenere Weise widerspiegelt. Den möglichen Einwand, Fantasy müsse doch nichts mit der Welt zu tun haben, in der wir leben, lasse ich übrigens nicht gelten. Da stimme ich völlig mit Daniel Abraham überein, der in seinem Kommentar zu Saladin Ahmeds Artikel schreibt: "Fantasy is more about the time it's written in than the time it pretends to portray. I think that's what makes it powerful."
Zwei Arten Nostalgie (I)
Ich habe mich hier vor einiger Zeit bereits einmal etwas ausführlicher über Steampunk ausgelassen. Nun hat Ann VanderMeer das Inhaltsverzeichnis ihrer in Arbeit befindlichen dritten Steampunk-Anthologie Steampunk Revolution veröffentlicht. Die Liste der Autorinnen und Autoren liest sich recht beeindruckend, sie enthält u.a. Jeffrey Ford, Lev Grossman, N.K. Jemison, Garth Nix, Bruce Sterling, Catherynne M.Valente, Genevieve Valentine und Jeff VanderMeer. Der Band wird auch Amal El-Mohtars großartige Kurzgeschichte To Follow the Waves, sowie eine erweitere Version ihres Essays Towards a Steampunk Without Steam enthalten. In letzterem stellt die Autorin nicht nur die begrüßenswerte Forderung auf, das Subgenre möge endlich aus dem selbstgebauten Gefängnis eines pseudoviktorianischen London ausbrechen, sondern macht auch folgende interessante Bemerkung: "I could write about how steampunk is our Victorian Medievalism – how our present obsession with bustles and steam engines mirrors Victorian obsessions with Gothic cathedrals and courtly love. I could write about nostalgia, about the aesthetics of historical distance, and geek out!"
Ist die viktorianische Ära für Steampunk-Autorinnen und -Autoren tatsächlich das gleiche, was das Mittelalter für romantische und viktorianische Dichter und Dichterinnen gewesen ist? Ist die Sehnsucht nach einer verklärten Vergangenheit wirklich ein- und dieselbe?
Parallelen sind ganz ohne Zweifel vorhanden. Aus einer als negativ wahrgenommenen Gegenwart versetzt man sich zurück in eine Vergangenheit, die übersichtlicher, schöner, ‘menschlicher’ und kultivierter erscheint. Das Bild, das von dieser Vergangenheit entworfen wird, orientiert sich in beiden Fällen eher an literarischen Darstellungen als an der historischen Realität. Die Gentleman-Abenteurer und genialen Erfinder des Steampunk haben so wenig oder viel mit dem 19. Jahrhundert zu tun wie Tennysons edle Rittersleut mit dem Europa des Hochmittelalters.
Dennoch existieren da meiner Meinung nach gravierende Unterschiede. Die viktorianischen Künstler lebten in einer Zeit des triumphierenden Industriekapitalismus, und wenn sie ihre sehnsuchtsvollen Blicke zurück auf das Mittelalter lenkten, schauten sie dabei auf ein vorbürgerliches Zeitalter.
Natürlich darf man nicht alle von ihnen über einen Kamm scheren. Der schon erwähnte Alfred Lord Tennyson etwa steckte in seinen Idylls of the King die viktorianische – also bürgerliche – Moral ganz einfach in eine mittelalterliche Ritterrüstung und verlieh ihr so eine romantische Aura. Und Walter Scotts Ivanhoe verkündet in erster Linie die Heilslehre von der nationalen Einheit, in deren Dienst sogar eine so urrebellische Gestalt wie Robin Hood gestellt wird. Doch ausgehend von der englischen Romantik existierte daneben auch eine mehr oder weniger deutlich sich artikulierende antibürgerliche Strömung.
Es würde zu lange dauern, die Beziehung zwischen Romantik und Revolution genauer darzulegen. Doch da dies ein wenig in Vergessenheit geraten zu scheint, sei zumindest auf die bedeutende Rolle hingewiesen, die William Godwin in den romantischen Kreisen gespielt hatte. Der Ehemann der feministischen Pionierin Mary Wollstonecraft (A Vindication of the Rights of Woman) war einer der ersten Theoretiker des Anarchismus, der in seinem Hauptwerk An Inquiry Concerning Political Justice erklärt hatte, dass die Menschheit nach ihrer Befreiung von Privateigentum und staatlicher Gewalt zu quasi grenzenloser Selbstvervollkommnung fähig sei. Selbst Samuel Coleridge, der später zu einem begeisterten Lobsänger von Thron und Altar werden würde, hatte Godwin 1794 als Propheten gefeiert, dessen Stimme "in Passion's stormy day,/ When wild I roam'd the bleak Heath of Distress,/ Bade the bright form of Justice meet my way –/ And told me that her name was Happiness." (1)
Godwins und Wollstonecrafts Tochter Mary erlangte Berühmtheit als Verfasserin von Frankenstein und heiratete Percy Bysshe Shelley, den politisch radikalsten unter den Dichtern der Romantik. Obwohl dieser ganz sicher nichts für die feudalen Überreste in der sozialen und politischen Ordnung seines Vaterlandes übrig hatte, gab er doch der alten Aristokratie mit ihrer Kultiviertheit und ihrem Standesethos in gewisser Hinsicht den Vorzug vor den bürgerlichen Parvenus: "Ihre Mitglieder besitzen eine gewisse edle Großzügigkeit sowie verfeinerte Sitten und Ansichten, die zwar weder Philosophie noch Tugend sind, doch als Ersatz dafür anerkannt werden und zumindest eine Religion darstellen, die gegenüber jenen ehrwürdigen Namen Hochachtung einflößt. Die andere ist eine Aristokratie von Anwälten, Steuereinnehmern, Staatspensionären, Wucherern, Börsenmaklern, Provinzbankiers samit ihrer Gefolg- und Nachkommenschaft. Das ist eine Klassen von Schuften, die anderen die Haut abziehen und in deren Dienst für die Übung der edleren Fähigkeiten des Geistes kein Raum ist, nicht einmal für deren Mißbrauch."(2)
Von dieser Position aus konnte man natürlich sehr leicht zu ausgesprochen reaktionären Ansichten gelangen, hatte doch auch Edmund Burke – der geistige Vater des britischen Konservatismus – in seinen Reflections on the French Revolution gejammert: "[T]he age of chivalry is gone. That of sophisters, economists, and calculators, has succeeded; and the glory of Europe is extinguished for ever." (3) Aber während Burke den Kapitalismus rechtfertigte, indem er erklärte: "[The laws of commerce [...] are the laws of nature, and consequently the laws of God"(4), konnte die Sehnsucht nach dem Mittelalter bei anderen Denkern mit einem heftigen Angriff auf das bürgerliche Gesellschaftssystem einhergehen. Thomas Carlyle etwa sprach in seinem 1843 erschienen Buch Past and Present seinen Bannfluch über das bürgerliche England aus und stellte ihm zugleich das mittelalterliche Kloster von St. Edmundsbury als positiven Gesellschaftsentwurf entgegen. Wortgewaltig verurteilte er die ‘aufgeklärte Selbstsucht’ der liberalen Ökonomen: "Free-trade, Competition, and Devil take the hindmost, our latest Gospel yet preached!" Anders als diese sah er in einem Zustand, in dem die Gesellschaft in isolierte Individuen zerfallen war, die in ständiger Konkurrenz zueinander standen, und das Geld zum einzigen Vermittler gesellschaftlicher Beziehungen geworden war, nichts natürliches. Ganz im Gegenteil: "[W]e for the present, with our Mammon-Gospel, have come to strange conclusions. We call it a Society; and go about professing openly the totalest separation, isolation. Our life is not a mutual helpfulness; but rather, cloaked under due laws-of-war, named 'fair competition' and so forth, it is a mutual hostility. We have profoundly forgotten everywhere that Cash-payment is not the sole relation of human beings; we think, nothing doubting, that it absolves and liquidates all engagements of man. [...] Cash-payment never was, or could except for a few years, be the union-bond of man to man. Cash never yet paid one man fully his deserts to another; nor could it, nor can it, now or henceforth to the end of the world." (5) Im Feudalismus des Mittelalters erblickte Carlyle nicht zu unrecht eine Gesellschaft, die auf völlig anderen Grundlagen beruht hatte. Sein Freund und ‘Schüler’ John Ruskin, der bedeutendste Kunstkritiker des Viktorianismus, führte diese Gedanken weiter fort.
Ruskin ist eine der faszinierendsten Gestalten des viktorianischen Englands. Berühmt geworden durch sein entschiedenes Eintreten für das Werk des Landschaftsmalers J.M.W. Turner im ersten Band seiner Modern Painters (1843), wurde er ab 1848 zum Inspirator und Förderer der Präraffaeliten und leistete mit The Seven Lamps of Architecture (1849) und The Stones of Venice (1851-53) einen wichtigen Beitrag zur neuerlichen Wertschätzung der gotischen Architektur. Zudem formulierte er in seinen Schriften Grundsätze wie den der ‘Materialgerechtigkeit’, die die Arts and Crafts - Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts und auch noch das Bauhaus beeinflussen sollten. Bis 1848 von strenger evangelikaler Frömmigkeit, wandte er sich nach einer zehnjährigen, schmerzhaften Glaubenskrise 1858 von der Religion ab. Hatte bisher Gott im Zentrum seiner Weltanschauung und Ästhetik gestanden, so nahm diesen Platz von da ab der Mensch ein. Dies führte ihn u.a. dazu, sich verstärkt mit sozialen und ökonomischen Fragen zu beschäftigen, was ihn schließlich mit Büchern wie Unto this Last (1860), Munera Pulveris (1862/63), The Crown of Wild Olive (1866), Time and Tide (1867) und Fors Clavigera (1871-80) zum vielleicht bekanntesten radikalen Gesellschaftskritiker seiner Zeit machte.
Im fünften Band von Modern Painters (1860) beschreibt Ruskin im Rahmen einer allegorischen Interpretation von Turners Gemälde The Goddess of Discord Choosing the Apple of Contention in the Garden of the Hesperides, worin für ihn das ‘große spirituelle Faktum’ seiner Zeit bestand: im Aufstieg des ‘Drachen’, des "evil spirit of wealth", der als neuer Gott Britanniens über einem schwefelfarbenen "paradise of smoke" thront. (6) Ebenfalls in Modern Painters formuliert er das ‘Gesetz der Hilfe’, das sich als grundlegendes Gesetz des Lebens in der Komposition eines Gemäldes ebenso ausdrücken müsse wie in der Organisation einer Gesellschaft: "Composition may best be defined as the help of everything in the picture by everything else. [...] Government and cooperation are in all things and eternally the laws of life. Anarchy and competition, eternally, and in all things, the laws of death." (7) Wie Carlyle erschien deshalb auch ihm die durch den Kapitalismus herbeigeführte Atomisierung der Gesellschaft als zutiefst unnatürlich. Sie war in seinen Augen das Symptom einer schleichenden und tödlichen Krankheit. Die liberale politische Ökonomie Adam Smiths und David Ricardos verwarf er in Unto this Last als pseudowissenschaftliche Rechtfertigung nackter Selbstsucht. Die Wirtschaft habe nicht der blinden Akkumulation des Kapitals, sondern der Bereicherung des Lebens zu dienen: "[T]he real science of political economy, which has yet to be distinguished from the bastard science, as medicine from witchcraft, and astronomy from astrology, is that which teaches nations to desire and labour for the things that lead to life: and which teaches them to scorn and destroy the things that lead to destruction." Der Gedankengang gipfelt in Ruskins berühmter Definition des Reichtums: "THERE IS NO WEALTH BUT LIFE. Life, including all its powers of love, of joy, and of admiration. That country is the richest which nourishes the greatest number of noble and happy human beings; that man is richest who, having perfected the functions of his own life to the utmost, has also the widest helpful influence, both personal, and by means of his possessions, over the lives of others." (8) Doch eben diese Art Reichtum kann der Kapitalismus nicht schaffen.
Amal El-Mohtar schreibt von der Begeisterung der Viktorianer für gotische Kathedralen, und es war gerade Ruskins intensive Beschäftigung mit gotischer Kunst und Architektur, die ihn zu einigen seiner interessantesten Ideen führte. In The Nature if Gothic hebt er die ‘Grobheit’ (‘Roughness’) als einen der charakteristischen Züge dieser Kunstform hervor. Gotische Bauten, Steinmetzarbeiten und Skulpturen sind nicht perfekt, aber gerade das ist Teil ihrer künstlerischen Größe. Denn diese Unvollkommenheit ist Ausdruck wahrer Menschlichkeit. Jeder Mensch besitzt ein kreatives Potential, aber kein Mensch ist perfekt. Wünscht man eine makellose Ausführung, so muss man – anders als die gotischen Baumeister – die Kreativität des einzelnen Handwerkers ersticken: "Observe, you are put to a stern choice in this matter. You must either make a tool of the creature, or a man of him. You cannot make both. Men were not intended to work with the accuracy of tools, to be precise and perfect in all their actions. If you will have that precision out of them, and make their fingers measure degrees like cog-wheels, and their arms strike curves like compasses, you must inhumanize them. All the energy of their spirits must be given to make cogs and compasses of themselves [...] On the other hand, if you will make a man of the working creature, you cannot make a tool. Let him but begin to imagine, to think, to try to do anything worth doing; and the engine-turned precision is lost at once. Out come all his roughness, all his dulness, all his incapability [...]: but out comes the whole majesty of him also." Das Studium der Gotik führte Ruskin so ganz wie von selbst zu einer scharfen Kritik der modernen, industriellen Produktionsweise, die den Arbeiter seiner Menschlichkeit beraubt, sein schöpferisches Potential abtötet, ihn zu einer ‘lebenden Maschine’ macht. "[T]o feel their souls withering within them, unthanked, to find their whole being sunk into an unrecognized abyss, to be counted off into a heap of mechanism numbered with its wheels, and weighed with its hammer strokes, this nature bade not; this God blesses not; this humanity for no long time is able to endure." Eine wichtige Rolle spielt dabei die immer weiter fortschreitende Arbeitsteilung: "We have much studied, and much perfected, of late, the great civilized invention of the division of labour; only we give it a false name. It is not, truly speaking, the labour that is divided; but the men: – Divided into mere segments of men – broken into small fragments and crumbs of life; so that all the piece of intelligence that is left in a man is not enough to make a pin, or a nail, but exhausts itself in making the point or the head of a nail." Dazu gehört vor allem auch die strikte Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit: "We are always in these days endeavouring to separate the two; we want one man to be always thinking, and another to be always working, and we call one a gentleman, and the other an operative; whereas the workman ought often to be thinking, and the thinker often to be working, and both should be gentlemen, in the best sense. As it is, we make both ungentle, the one envying, the other despising, his brother; and the mass of society is made up of morbid thinkers, and miserable workers. Now it is only by labour that thought can be made healthy, and only by thought that labour can be made happy, and the two cannot be separated with impunity."
Ruskin gelangte auf diese Weise zu Einsichten, wie wir sie ganz ähnlich auch bei Fourier und Marx finden. In seiner Gegenüberstellung von feudalem und bürgerlichem England zeigte sich wie nie zuvor das revolutionäre Potential der romantischen Mittelalterbegeisterung:
"There might be more freedom in [medieval] England, though her feudal lords’ lightest words were worth men's lives, and though the blood of the vexed husbandman dropped in the furrows of her fields, than there is while the animation of her multitudes is sent like fuel to feed the factory smoke, and the strength of them is given daily to be wasted into the fineness of a web, or racked into the exactness of a line.
And, on the other hand, go forth again to gaze upon the old cathedral front, where you have smiled so often at the fantastic ignorance of the old sculptors; examine once more those ugly goblins, and formless monsters, and stern statues, anatomiless and rigid; but do not mock at them, for they are signs of the life and liberty of every workman who struck the stone; a freedom of thought, and rank in scale of being, such as no laws, no charters, no charities can secure; but which it must be the first aim of all Europe at this day to regain for her children."
Der widernatürliche und unmenschliche Charakter, den die Arbeit im industriellen Kapitalismus angenommen hat, bildet für Ruskin den Kern der modernen Misere. Diese kann deshalb auch nicht behoben werden, indem man die Arbeiter belehrt oder ihnen Moralpredigten hält, "for to teach them is but to show them their misery, and to preach to them, if we do nothing more than preach, is to mock at it. It can be met only by a right understanding, on the part of all classes, of what kinds of labour are good for men, raising them, and making them happy; by a determined sacrifice of such convenience, or beauty, or cheapness as is to be got only by the degradation of the workman; and by equally determined demand for the products and results of healthy and ennobling labour." (9)
John Ruskin war der wohl bedeutendste Vertreter eines romantisch-konservativen Antikapitalismus im viktorianischen England, und er und seine Ideen spielen eine zwar wenig beachtete, aber dennoch nicht ganz unwichtige Rolle in der ‘Vorgeschichte’ der modernen Fantasy. Nicht nur gehörte zu seinen engen Freunden George MacDonald, der mit Büchern wie Phantastes und Lilith zurecht als einer der Gründerväter des Genres gilt, von ihm führt auch eine direkte Entwicklungslinie zu G.K. Chesterton & Hilaire Belloc, sowie darüber hinaus – so zumindest meine Überzeugung – zu J.R.R. Tolkien. Vor allem aber war er der große Vorgänger und Inspirator von William Morris.
Zeigen uns Ruskins Werke einerseits, zu was der konservative Antikapitalismus in seinen besten Momenten fähig war, so demonstriert uns sein Leben andererseits, dass diese Philosophie in eine Sackgasse führen musste. Auch wenn er sich mitunter als ‘Kommunist’ bezeichnete, liefen seine Reformbestrebungen, zu deren Umsetzung er 1871 die Guild of St.George gründete, letztenendes auf eine Wiederbelebung des zünftigen Handwerks hinaus. Seine Größe bestand darin, in einer Zeit, in der die Bourgeoisie nach dem Zerfall der Chartistenbewegung die britische Gesellschaft so gut wie unangefochten dominierte, seine geistige Unabhängigkeit bewahrt zu haben. Doch es war nicht allein die Feindschaft der ‘guten Gesellschaft’, die ihn zu jener immer größeren Isolation verdammte, die schließlich auf tragische Weise sein Schicksal besiegeln sollte. Voller Verbitterung schrieb er 1873 im siebzehnten Brief von Fors Clavigera: "St. George’s war! Here since last May [...] have I been asking whether any one would volunteer for such a battle? Not one human creature, except a personal friend or two, for mere love of me, has answered." (10) Es fanden sich weder die wohlmeinenden Geschäftsleute, die seine Gilde finanziert hätten, noch die respektvollen Proletarier, die wild darauf gewesen wären, sich in zünftige Handwerker verwandeln zu lassen. Fünf Jahre später wandte Ruskin sich erneut der Religion zu und entwickelte außerdem eine Faszination für den damals äußerst populären Spiritismus, wobei seine unglückliche Liebe zu der im selben Jahr verstorbenen Rose la Touche eine wohl nicht unbeträchtliche Rolle spielte. Die von Halluzinationen begleiteten psychischen Zusammenbrüche, die ihn ab Februar 1878 heimsuchten, mögen vielfältige Ursachen gehabt haben. So besteht kein Zweifel, dass er ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität hatte. Aber das schreckliche Gefühl der Verlorenheit und Hilflosigkeit, das ihn nächtliche Kämpfe mit dem Satan ausfechten ließ, während sich die Gegenstände in seinem Zimmer in "fantastic, malignant, and awful imps and devils and witches" (11) verwandelten, verschmolz zunehmend mit seiner Sicht auf die gesellschaftliche Entwicklung. Er sah sich umgeben von einer vom Teufel beherrschten Welt, die scheinbar unaufhaltsam auf den Abgrund der Hölle zusteuerte. Blickte er aus dem Fenster seines Refugiums Brantwood im idyllischen Lake District, so sah er über dem Horizont Englands – einer apokalyptischen Warnung gleich – jene pestilenzialischen Wolken auftauchen, die er 1884 in seiner bizarren Schrift The Storm-Cloud of the Nineteenth Century beschrieben hat. So gesehen gewinnt Ruskins Wahnsinn symbolische Bedeutung.
Der romantisch-konservative Antikapitalismus war an einem Scheidepunkt angelangt. Aus sich selbst heraus konnte er keine lebensfähige Alternative zur herrschenden Gesellschaftsordnung entwickeln, sondern war dazu verurteilt, zu einem bloßen Antimodernismus zu degenerieren – durchsetzt mit wirren Träumen von einer Rückkehr zum Feudalismus und erfüllt vom Geist der Hoffnungslosigkeit. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts finden wir viele seiner Vertreter im Umfeld der faschistischen Bewegungen.
Die einzige Alternative zu dieser Entwicklung bestand darin, die Grenzen des radikalen Toryismus endgültig zu überschreiten und sich einem Sozialismus zuzuwenden, der nicht wie Ruskins ‘Kommunismus der alten Schule’ in einer Mischung aus Thomas Mores Utopia, radikaler Agrarreform und mittelalterlichem Zunfthandwerk bestand. Der Aufstand der Pariser Kommune von 1871 brachte Ruskin beinahe dazu, die Bedeutung des Klassenkampfes zu verstehen. Im siebten Brief von Fors Clavigera schrieb er: "The Real War in Europe, of which this fighting in Paris is the Inauguration, is between these [Capitalists] and the workmen, such as these have made him." (12) Aber auch wenn er die Kapitalisten für den Ausbruch der Revolution verantwortlich machte, folgte er in seiner Darstellung der Aufständischen als brandschatzende Vandalen ganz der bürgerlichen Propaganda. Wäre er auf unmittelbarere Weise mit einer revolutionären Massenbewegung konfrontiert worden, so hätte er vermutlich ähnlich wie Carlyle reagiert, der die europäische Revolution von 1848 mit seinen protofaschistischen Latter-Day Pamphlets beantwortet hatte. Im England seiner Zeit war dies jedoch nicht der Fall. Die Jahrzehnte, in denen Ruskin seine Gedanken entwickelte, waren geprägt durch einen mächtigen Wirtschaftsauf-schwung, der bis 1873 – dem Beginn der sog. ‘Großen Depression des 19. Jahrhunderts’ – anhielt. Auf dieser Grundlage entstand eine Gewerkschaftsbewegung, die ausschließlich ökonomische und sozialreformerische Ziele verfolgte und der es tatsächlich gelang, den Lebensstandard eines Teils der britischen Arbeiterklasse anzuheben. Auf das bürgerliche Publikum mussten Ruskins Ideen fürchterlich radikal wirken, doch in Wirklichkeit bildeten auch sie nur einen Teil dieser reformistischen Strömung. Erst William Morris würde den alles entscheidenden Schritt tun, und damit der dem konservativen Antikapitalismus entwachsenen Tradition eine neue Entwicklungsmöglichkeit eröffnen.
(1) To William Godwin, Author of 'Political Justice'. In: The Complete Poetical Works of Samuel Taylor Coleridge. Bd. 1. S. 86
(2) Percy Bysshe Shelley: Die Reform aus philosophischer Sicht. In: Ders.: Dichtung und Prosa. S. 582f.
(3) Edmund Burke: Reflections on the French Revolution. S. 126.
(4) Edmund Burke: Scarcity. S. 22. Zit. nach: Linda C. Raeder: The Liberalism/Conservatism of Edmund Burke and F.A. Hayek: A Critical Comparison.
(5) Thomas Carlyle: Past and Present. S. 99; 87 & 109.
(6) Vgl.: George P. Landow: The Aesthetic and Critical Theories of John Ruskin. Kap. 5-6.
(7) Zit. nach: George P. Landow: Ruskin. Kap. 3.
(8) John Ruskin: Unto This Last: Ad Valorem.
(9) John Ruskin: The Nature of Gothic. S. 17f.; 22; 22f.; 29; 19f.; 23.
(10) John Ruskin: Fors Clavigera. Bd. 1. S. 226.
(11) Zit. nach: George P. Landow: The Aesthetic and Critical Theories of John Ruskin. Kap. 4-3.
(12) John Ruskin: Fors Clavigera. Bd. 1. S. 97.
Freitag, 6. April 2012
Victoriana, Vulgaria & Transylvania
Nach der actionmäßig aufgemotzten Rückkehr von Sherlock Holmes soll nun also ein weiterer literarischer Held des viktorianischen Englands seine filmische Wiederauferstehung erleben: H. Rider Haggards Großwildjäger und Abenteurer Allan Quatermain. Mit einem Budget von 30 Mio. $ wollen Sonar Entertainment & Ecosse Films eine TV-Serie um den Helden von King Solomon’s Mine etc. produzieren. Mal sehen, was dabei rauskommen wird. War die letzte filmische Inkarnation Quatermains nicht Richard Chamberlain als müder Indiana Jones -Abklatsch?
Doch nur die Ruhe, so schlimm wird’s schon nicht werden. Wenn ich allerdings lese, dass es in der geplanten Serie um "verlorene Stämme, verschollene Schätze und afrikanischen Aberglauben" gehen soll (wie Stefan Holzhauer auf PhantaNews schreibt), dann kommen mir Bedenken ganz anderer Art. Muss ein neuer Quatermain nicht zwangsläufig einmal mehr das kolonialistische Bild Afrikas als ‘schwarzem Kontinent’ heraufbeschwören? Lässt sich die Geschichte vom ‘großen weißen Jäger’ überhaupt erzählen, ohne dabei in rassistische Klischees zu verfallen? Schon allein der Begriff ‘afrikanischer Aberglaube’ lässt mich erschauern, und vor meinem inneren Augen erscheint das Bild betrügerischer Hexen und Schamanen, die die Leichtgläubigkeit der ‘naiven Neger’ ausnutzen, nur um von dem aufgeklärten (aber nichts desto weniger natürlich christlichen) englischen Gentleman entlarvt und besiegt zu werden. Brrr ... Nichts gegen eine kritische Lektüre von H. Rider Haggards Abenteuerschinken – sie haben ihre starken Seiten –, aber brauchen wir so was wirklich als Fernsehserie? Wie wär’s denn stattdessen mal mit einer Verfilmung von Charles R. Saunders’ Imaro oder Dossouye?*
Der neue Quatermain ist bloß ein Beispiel für die anhaltende Begeisterung für alles Viktorianische. Ein weiteres präsentiert sich uns in Gestalt der Royal Honour Society, eines von Sony Pictures geplanten Films über die fiktiven Abenteuer von Jules Verne, H.G. Wells und Robert Louis Stevenson. Über den Inhalt des Entwurfs von Ernest Lupinacci, der als Ausgangspunkt für den Streifen dienen soll, ist nichts weiter bekannt. Giant Freakin Robot schreibt: "What form that adventure will take is anyone’s guess at this point, but it’s being billed a feature in the vein of The League of Extraordinary Gentlemen only, presumably, good." Und Stefan Holzhauer fügt hinzu: "Es würde mich doch sehr wundern, wenn der Film keine Steampunk-Ansätze hätte."
Mich auch, bloß fürchte ich, dass das genau die Art von Steampunk werden wird, die ich eher nicht mag. Man nehme drei berühmte Schriftsteller des 19. Jahrhunderts und mache sie zu Geheimagenten Ihrer Majestätet, füge ein paar oberflächliche Versatzstücke aus ihren phantastischen Werken bei, gebe eine ordentliche Dosis Steampunk-Maschinerie mit riesigen Zahnrädern und zischenden Dampfkesseln hinzu und verrühre das Ganze zu einer ebenso actionreichen wie hirnlosen Abenteuerstory, garniert mit ein paar pseudoviktorianischen Klischees. Wenn’s hochkommt bauen wir dann noch eine protofeministische Suffragette und Abenteuerin in die Handlung ein, damit die Geschichte nicht gar zu konservativ daherkommt.
Ich fände das weiter nicht schlimm, wenn man sich dabei nicht der Namen dreier Autoren bedienen würde, die eine Reihe ganz und gar nicht hirnloser Bücher geschrieben haben. Worin soll der Reiz bestehen, Verne, Wells und Stevenson in einer Geschichte zu erleben, die weder mit ihrem Leben noch mit ihren Werken irgendetwas zu tun haben wird? Dass der große Kritiker des Viktorianismus H.G. Wells dabei aller Voraussicht nach in einen typischen viktorianischen Gentleman verwandelt werden wird, fällt angesichts der offensichtlichen Banalität des Projektes kaum mehr ins Gewicht.
Eher bizarr mutet es an, dass es seit Juli 2011 ein Biopic über Joanne K. Rowling gibt, das nun als DVD auf den deutschen Markt kommt. Wie vulgär und selbstverliebt ist das denn?! Die Autorin hat es nicht nur geschafft, mit ihren Potter-Büchern zu einer der reichsten Frauen Großbritanniens zu werden, sie schlägt auch noch aus dem Prozess des Reichwerdens Profit. Denn abgesehen von ihrem kometenhaften kommerziellen Aufstieg dürfte ihre Lebensgeschichte wenig interessantes zu bieten haben. J.K. ist halt vor allem eine wirklich clevere Geschäftsfrau.
Habe ich also schon wieder bloß zu meckern? Nicht ganz! Dank Black Gates’s Goth Chick Sue Granquist ist mir der Trailer zu Hotel Transylvania unter die Augen gekommen – ein Film von Sony Pictures Animation & Columbia, der diesen Herbst ins Kino kommen soll.
Graf Dracula hat mit dem namengebenden Hotel eine Zufluchtsstätte für alle Kreaturen der Nacht in unserer so gar nicht monsterfreundlichen Welt geschaffen. Zum 118. Geburtstag seiner Tochter Mavis hat er nun einige VIPs der internationalen Monstergemeinde um sich versammelt, als plötzlich der menschliche Reisende Jonathan vor der Tür steht. In der Folge muss der Graf nicht nur dafür sorgen, dass das Geheimnis seiner Gäste gewahrt bleibt, er sieht sich zudem vor die Aufgabe gestellt, zu verhindern, dass sich Mavis in den jungen Kerl verliebt.
Okay, mit einer ordentlichen Portion Klischees werden wir auch hier zu rechnen haben, aber die Skelette unter der Dusche sind doch wirklich klasse.
* Kein wirklich ernstgemeinter Vorschlag. Zum einen kann ich mir nur schwer vorstellen, dass das heute wirklich jemand machen würde, zum anderen möchte ich nach dem letztjährigen Conan lieber erst mal keine weiteren Sword & Sorcery - Filme sehen.
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Montag, 2. April 2012
Faulheit oder Feigheit?
Am kommenden Donnerstag wird Iron Sky – Timo Vuorensolas Film über eine Nazi-Invasion vom Mond, der auf der diesjährigen Berlinale am 11. Februar seine Weltpremiere feierte – in die deutschen Kinos kommen.
Da ich zur Zeit (nicht ganz freiwillig) in einer kinofreien Region lebe, werde ich kaum die Möglichkeit haben, ihn mir anzuschauen. Die Zusammenfassung der Handlung auf Wikpedia und die bereits veröffentlichten Kritiken haben bei mir jedoch ohnehin ein zwiespältiges Gefühl hinterlassen.
An sich würde ich diesen Streifen gerne lieben können. Ich war immer schon der Meinung, dass der ganze Nazi-Ufo-Verschwörungsquatsch mit Neuschwabenland und Reichsflugscheiben ganz ausgezeichnetes Material für eine bitterböse Groteske abgeben würde. Ob Vuorensolas Film allerdings diese Groteske ist? Ich bin da eher skeptisch.
Nazis, die auf der dunklen Seite des Mondes die gewaltige hakenkreuzförmige Basis Schwarze Sonne errichtet haben und dort nun ihr Riesenraumschiff Götterdämmerung bauen, mit dem sie die Eroberung der Erde planen? Das klingt erst mal gar nicht so schlecht. Und wenn Udo Kier "Wir sehen uns in Walhalla" in die Kamera haucht, bin ich begeistert. Dass der Streifen dann auch noch mit Musik von Laibach daherkommt, passt wie der Hammer auf den Amboss. Bloß, werden diese abstrusen Fascho-Steampunks ausreichen, um einen ganzen Kinofilm zu tragen?
Für gänzlich verfehlt halte ich es jedenfalls, wenn Robert Musa im Fandom Observer Chaplins The Great Dictator und Lubitschs To Be or Not to Be ins Spiel bringt. Denn Iron Sky ist ganz sicher keine ernstgemeinte, wenn auch humoristische Auseinandersetzung mit dem Faschismus. Ehrlich gesagt, erwarte ich das von so einem Streifen auch nicht. Eher schon passt der Hinweis auf Mel Brooks’ Producers, bei denen es ja auch nicht wirklich um Nazis geht. Und erinnert Julia Dietze als Renate Richter nicht tatsächlich ein bisschen an die SS-Showgirls in Springtime for Hitler?
Für gänzlich verfehlt halte ich es jedenfalls, wenn Robert Musa im Fandom Observer Chaplins The Great Dictator und Lubitschs To Be or Not to Be ins Spiel bringt. Denn Iron Sky ist ganz sicher keine ernstgemeinte, wenn auch humoristische Auseinandersetzung mit dem Faschismus. Ehrlich gesagt, erwarte ich das von so einem Streifen auch nicht. Eher schon passt der Hinweis auf Mel Brooks’ Producers, bei denen es ja auch nicht wirklich um Nazis geht. Und erinnert Julia Dietze als Renate Richter nicht tatsächlich ein bisschen an die SS-Showgirls in Springtime for Hitler?
Ironischerweise sind es jedoch nicht die Mondnazis, sondern der 'irdische' Handlungsteil, der mir vor allem Bedenken bereitet. Wenn das Ganze mehr als durchgeknallter Trash sein will, dann wäre vor allem hier eine intelligente satirische Herangehensweise von Nöten. Doch der ganze Plot um die amerikanische Präsidentin lässt das leider äußerst unwahrscheinlich erscheinen. Richtig angepackt wäre eine Gegenüberstellung von nazistischen Weltherrschaftsträumen und dem aggressiven US-Imperialismus unserer Tage ein würdiges Thema für eine satirische Behandlung. Doch leider haben Vuorensolas und sein Team in dieser Frage den Weg des geringsten Widerstands beschritten. Die Präsidentin ist offensichtlich als Karrikatur auf Sarah Palin gedacht. Aber Palin war nie das Staatsoberhaupt der USA und wird es vermutlich auch nie werden. Bigotte, grenzdebile und machtgeile Republikaner sind ein sehr leichtes Ziel für Satire, aber dummerweise sitzt momentan keine Vertrererin der Tea Party im Weißen Haus, sondern Mister ‘Yes We Can’. Der hat die militaristische Politik seines Vorgängers zwar nahtlos fortgesetzt und z.T. sogar noch verschärft, aber er ist halt kein tumber Redneck wie Brezel-Bush, sondern ein zivilisiert auftretender, sich vernünftig und diplomatisch gebender Demokrat, der zu allem Überfluss auch noch die falsche Hautfarbe hat. An seine Stelle einen Palin-Klon zu setzen, ist entweder Ausdruck von unverzeihlicher künstlerischer Faulheit oder extremer satirischer Feigheit. Statt eine simplistische Parallele zwischen rechten Republikanern und Nazis zu ziehen, hätte man zeigen müssen, wie sich derselbe expansionistische Militarismus sowohl hinter prahlerischem Gerede über die arische Herrenrasse wie hinter heuchlerischen Phrasen über Demokratie & Menschenrechte verbergen kann. Und die Idee, dass ein Politiker einen Krieg aus innenpolitischen Gründen begrüßt (bzw.inszeniert) ist uns in Wag the Dog ohnehin schon sehr viel intelligenter vorgeführt worden (behaupte ich jetzt einfach mal).
Gute Satire setzt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit voraus, und eine solche kann hier leider nicht ausmachen. Es erstaunt mich darum auch nicht, dass Iron Sky letztendlich auf die Aussage hinauszulaufen scheint, dass alle Menschen machtgeil sind und sich deshalb am Ende gegenseitig auslöschen werden. Kann man eigentlich noch unorigineller werden? Es gibt wirklich nichts bequemeres als Misanthropie.
Dennoch werde ich mir den Streifen sicher irgendwann einmal anschauen. Und wenn auch bloß wegen Udo Kier und seinen Steampunk-Nazis von der dunklen Seite des Mondes.
Gute Satire setzt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit voraus, und eine solche kann hier leider nicht ausmachen. Es erstaunt mich darum auch nicht, dass Iron Sky letztendlich auf die Aussage hinauszulaufen scheint, dass alle Menschen machtgeil sind und sich deshalb am Ende gegenseitig auslöschen werden. Kann man eigentlich noch unorigineller werden? Es gibt wirklich nichts bequemeres als Misanthropie.
Dennoch werde ich mir den Streifen sicher irgendwann einmal anschauen. Und wenn auch bloß wegen Udo Kier und seinen Steampunk-Nazis von der dunklen Seite des Mondes.
Samstag, 31. März 2012
Auf nach Craggen Rock!
mit den Fighting Fantasy - Büchern von Steve Jackson und Ian Livingstone gelesen, und jetzt fängt auch noch Saladin Ahmed an, bei SF Squeecast über diese Freuden seiner Kindheit zu schwärmen, und tauscht sich in diesem Zusammenhang mit Paul Cornell über die Eigenheiten der britischen Fantasy der 80er Jahre aus.
Der Wunsch, selbst einmal wieder die FantasyAbenteuerSpielBücher (so hießen sie hierzulande) hervorzukramen und mich auf eine nostalgische Reise in die Vergangenheit zu begeben, wurde immer stärker. Ich besaß und spielte zwar nur die ersten beiden Bände der Serie Der Hexenmeister vom Flammenden Berg [The Warlock of Firetop Mountain] & Die Zitadelle des Zauberers [The Citadel of Chaos], aber wenn ich so zurückdenke, dann hat Die Zitadelle bei mir einen ähnlich bleibenden Eindruck hinterlassen wie die aus heutiger Sicht frühen DSA-Soloabenteuer Das Geheimnis der Zyklopen und Die Sümpfe des Lebens. Und das will eine ganze Menge heißen, denn ich stand wie Saladin damals vor dem Problem, dass ich Fantasyrollenspiele zwar einfach toll fand, jedoch selten genug gleichgesinnte Freunde besaß, um sie auch wirklich spielen zu können. Soloabenteuer besaßen für mich deshalb eine sehr viel größere Bedeutung als wohl für die meisten frühen Rollenspieler, und für einige Jahre schrieben mein bester Freund und ich regelmäßig selbst Solos, die im Grunde nur für den jeweils anderen bestimmt waren, was wirklich ein Riesenspaß war.
Steve Jackson und Ian Livingstone waren keine Pioniere im eigentlichen Sinn. Als sie 1980/81 The Warlock of Firetop Mountain schrieben, existierten bereits eine Reihe von Soloabenteuern für das Pen & Paper - Rollenspiel Tunnels & Trolls. Und im selben Jahr 1984, in dem die Zitadelle des Zauberers in Deutschland erschien, brachte auch DSA sein erster Solo auf den Markt – die auf ihre Weise wohl inzwischen legendäre Nedime von Ulrich Kiesow (der nebenbei bemerkt für die Übersetzung von Tunnels & Trolls als Schwerter & Dämonen verantwortlich gewesen war). Aber der Erfolg der Fighting Fantasy - Bücher in den 80er Jahren war ohne Zweifel einmalig und zog das Erscheinen anderer Fantasy-Spielbücher nach sich, von denen die bekanntesten hierzulande wohl jene um den Einsamen Wolf waren.*
Wenn ich heute wieder von den Fighting Fantasy - Büchern höre, besteht die Faszination für mich nicht nur in dem damit verbundene Zeitsprung, sondern auch in den verlockenden Andeutungen über eine spezifisch britische Fantasy, die hier angeblich eine ihrer frühen Verkörperungen in der Welt der Spiele gefunden haben soll. Tatsächlich gründeten Jackson und Livingstone ja Games Workshop, aus dessen Ideenschmiede u.a. Warhammer in all seinen Variationen hervorgegangen ist. Sollte ich etwas davon spüren können, wenn ich mich noch einmal in die Festung des bösen Halbzauberers Balthus Dire begeben würde? Es gab nur einen Weg, um das herauszufinden. Ich schnappte mir Würfel, Stift und Papier, verwandelte mich in den "Meisterschüler des Großen Zauberers von Yore" und machte mich auf zur Zitadelle von Craggen Rock (wobei ich versuchte, nicht an ‘Fraggle Rock’ zu denken), um das nichtswürdige Leben des Tyrannen zu beenden, bevor dessen monströse Horden über das friedliche Tal der Weiden herfallen können.
Der Spielspaß stellte sich sofort wieder ein, aber ebenso schnell wurde mir klar, dass es unmöglich ist, die Vergangenheit wiederzubeleben. Die Intensität des Erlebnisses, das Heraustreten aus dem Alltag und das Eintauchen in eine lebendige phantastistische Welt, lässt sich nicht zurückholen. Das Vergnügen ist ein distanzierteres, ironisches geworden. Die Ganjees z.B. sind zwar immer noch mörderische Bastarde, aber eine unheimliche Atmosphäre können die herumflatternden Fratzen nicht mehr heraufbeschwören. Dafür konnte ich mich dieses Mal erst so richtig an der Skurrilität der Kreaturen delektieren, die einem auf der Killermission nach Craggen Rock begegnen. Und in diesem Charakteristikum dürfte wohl auch das besonders Britische des Buches zu sehen sein.
Schon die beiden Torwächter, die mir eins ums andere Mal in Abschnitt 1 entgegentraten, erinnerten mich an irgendwelche Monster aus Michael Moorcocks Elric- oder Corum-Stories: "Als du dich näherst hörst du ein dumpfes Grunzen und erkennst zwei mißgestaltete Kreaturen, die dich aufmerksam betrachten. Zur Linken steht eine abstoßende Bestie, auf deren Gorillakörper ein Wolfskopf sitzt, und deren mächtige Arme fast bis auf den Boden reichen. Der Wächter auf der anderen Seite ist in jeder Beziehung sein Gegenstück: er hat Gesicht und Kopf eines Affen und den Körper eines gewaltigen Hundes. Auf allen Vieren kommt er auf dich zu. Ein paar Meter vor dir bleibt er stehen, erhebt sich auf die Hinterbeine und spricht dich an."
Schon die beiden Torwächter, die mir eins ums andere Mal in Abschnitt 1 entgegentraten, erinnerten mich an irgendwelche Monster aus Michael Moorcocks Elric- oder Corum-Stories: "Als du dich näherst hörst du ein dumpfes Grunzen und erkennst zwei mißgestaltete Kreaturen, die dich aufmerksam betrachten. Zur Linken steht eine abstoßende Bestie, auf deren Gorillakörper ein Wolfskopf sitzt, und deren mächtige Arme fast bis auf den Boden reichen. Der Wächter auf der anderen Seite ist in jeder Beziehung sein Gegenstück: er hat Gesicht und Kopf eines Affen und den Körper eines gewaltigen Hundes. Auf allen Vieren kommt er auf dich zu. Ein paar Meter vor dir bleibt er stehen, erhebt sich auf die Hinterbeine und spricht dich an."
Und das ist ja nur der Anfang. Im Verlauf meines Abenteuers begegneten mir u.a. ein Rhinozeros-Mensch, eine Spinne mit dem Gesicht eines alten Mannes, ein doppelköpfiger Echsenmensch mit einem Hang zu Selbstgesprächen, eine Gruppe von Monsterkindern, die mit Monsterpuppen spielen, eine in einem kleinen Wirbelwind herumsausende, übelgelaunte Geisterlady und die grotesken Rundlinge: "Das Fußgetrappel, das du gehört hast – eigentlich müßte man es als 'Handgetrappel' bezeichnen –, gehört zu drei Rundlingen, die den Gang entlang auf dich zurollen und dich zur Tür zurückdrängen. Es sind recht sonderbare Wesen, die an ihren scheibenförmigen Körpern anstelle der Beine zwei weitere Hände haben. Sie bewegen sich radschlagend mit ganz erstaunlicher Geschwindigkeit vorwärts. Ihre Köpfe – oder zumindest die Gesichter – sitzen mitten auf der Brust."
Auch würde wohl nur ein britischer Dark Lord einen Butler besitzen!
Ein bisschen geärgert hat mich allerdings, dass ich gezwungen war, einen Kobold zu ermorden, der kurz zuvor noch mit seiner Freundin am Lagerfeuer „rumgeknuddelt" hatte. Ich weiß, ich weiß, ich bin halt schrecklich weichherzig ...
Jedenfalls heißt diese Festung aus gutem Grund im Original ‘Zitadelle des Chaos’. In der Bibliothek lese ich über ihre Geschichte: „[D]er Schwarze Turm wurde von Balthus Dires Großvater erbaut. Als er im Laufe der Zeit zur Zufluchtsstätte für dunkle und böse Mächte wurde und sich die verschiedenen Monster immer höhere Machtpositionen erkämpften, mußten Gesetz und Ordnung allmählich dem Chaos weichen. So blieb Dires Großvater schließlich nichts anderes übrig, als sich vor seiner speichelleckerischen Dienerschaft dadurch zu schützen, daß er zwischen ihnen und seiner eigenen Behausung Hindernisse und Fallen einbaute." Genauso wirkt die Zitadelle auf mich – ein Tummelplatz für alle möglichen grotesken Gestalten, die nichts miteinander verbindet außer ihrer Bösartigkeit. Und auch wenn das nicht so ganz zu der Idee von Balthus Dire als dem Oberkommandierenden einer disziplinierten Armee passen will, die unmittelbar vor ihrem Abmarsch ins Tal der Weiden steht, macht es doch den besonderen Reiz von Craggen Rock aus. Dieser Schwarze Turm ist nicht Barad-dûr, sondern etwas sehr viel verrückteres.
Arthur B. macht die interessante Anmerkung, dass die Fighting Fantasy - Bücher in gewisser Hinsicht bereits zum Zeitpunkt ihres Erscheinens etwas anachronistisches an sich hatten:
"[C]oming as they did from the gaming scene, Jackson and Livingstone must have been aware of the growing tendency towards complex systems and detailed plots and stories in RPG circles (in 1982 Rolemaster, with its masses of tables, was the hot new entry on the scene, and TSR was starting the development of Dragonlance, a series of products which would emphasise linear storytelling in Dungeons & Dragons like never before), and yet they appear to have deliberately chosen to make a product that harks back to the simpler days of the mid-1970s."
Tatsächlich sind zumindest den frühen Bänden der Serie die epischen Handlungsbögen und ausufernden Weltentwürfe fremd, die sich parallel zum Siegeszug der fetten, tolkienesken Fantasy in den 80er Jahren auch im Rollenspiel durchzusetzen begannen. Sie knüpfen eher an das Dungeoncrawling und den Sword & Sorcery - Touch der frühen Tage von D&D an. Auf mich wirkt diese Schlichtheit allerdings recht charmant, vor allem, wenn ich mir anschaue wohin die 'epische' Entwicklung bei einem Spiel wie DSA geführt hat, das heute auf mich den Eindruck eines esoterischen Monstrums macht.
Das bedeutet nicht, dass mein Spielspaß ungetrübt gewesen wäre. Der chaotische Charakter der Zitadelle macht sich leider auch in der Spielführung bemerkbar. Die Handlung ist einerseits extrem geradlinig angelegt und zugleich äußerst willkürlich. Eher früher als später landet man in einer Art Speisesaal, und von da an ist eigentlich schon alles gelaufen. Wenn man zu diesem Zeitpunkt nicht alle notwendigen Artefakte gesammelt hat, die man zur Überwindung der nun unausweichlich auftretenden Monster braucht, kann man gleich einpacken. Bevor man überhaupt die Zitadelle betreten hat, kann man sich bereits mit einer einzigen falschen Entscheidung auf dem Burghof jede Chance auf Erfolg verbaut haben! Die Verknüpfung zwischen den Ungeheuern und den benötigten Gegenständen ist zudem völlig undurchschaubar. Die Ganjees sind offenbar körperlose Kreaturen – wie zum Henker soll ich wissen, dass sie eine Vorliebe für Heilsalben haben?! Und warum besänftigt ein goldenes Vlies eine Hydra? Weil beide aus der griechischen Mythologie stammen?!
Auch wenn dies spätestens beim vierten Durchgang massive Frustration bei mir hervorgerufen hat, habe ich zugleich doch etwas dabei gelernt. Ziel eines Spielbuchs/Soloabenteuers muss es nicht notwendigerweise sein, eine Geschichte zu erzählen. Wenn der Spieler sich wirklich mit der von ihm geführten Figur identifiziert ist das eher unklug, denn Sterben ist zuerst einmal unausweichlich und darum auch weiter nicht schlimm. Der Reiz des Ganzen besteht darin, in mehreren Anläufen nach und nach herauszufinden, welche Entscheidungen man wie fällen und welche Artefakte man wo sammeln muss. Es geht eher darum, eine Art Rätsel zu lösen, als eine Geschichte erzählt zu bekommen. Freilich wäre es angenehm, wenn dieses Rätsel nicht gar so chaotisch wäre, wie in der Zitadelle.
Ob ich jemandem, den keinerlei nostalgische Bande an die frühen Fighting Fantasy - Bücher binden, die Zitadelle des Zauberers empfehlen würde, weiß ich darum nicht so recht. Aber gibt es jenseits der Nostalgiker und Nostalgikerinnen überhaupt ein Publikum für Spielbücher? Wie mir Wikipedia mitteilt, gibt es seit 2005 eine auf Markus Heitz' Bestsellern basierende Reihe, doch wie gut sie sich verkauft, geht aus dem Artikel nicht hervor. Die Tatsache, dass sie bereits sechs Bände hervorgebracht hat, sagt mir allerdings, dass offenbar auch in unserer Ära der Videospiele der Reiz des Blätterns und Würfelns noch nicht ganz verschwunden zu sein scheint.
* Ein Hinweis für alle, die noch einmal in die Rolle des letzten Kai-Lords schlüpfen wollen: Die meisten Einsamer Wolf - Bücher sind in englischer Sprache als kostenlose Downloads über das Project Aon erhältlich.
Ein bisschen geärgert hat mich allerdings, dass ich gezwungen war, einen Kobold zu ermorden, der kurz zuvor noch mit seiner Freundin am Lagerfeuer „rumgeknuddelt" hatte. Ich weiß, ich weiß, ich bin halt schrecklich weichherzig ...
Jedenfalls heißt diese Festung aus gutem Grund im Original ‘Zitadelle des Chaos’. In der Bibliothek lese ich über ihre Geschichte: „[D]er Schwarze Turm wurde von Balthus Dires Großvater erbaut. Als er im Laufe der Zeit zur Zufluchtsstätte für dunkle und böse Mächte wurde und sich die verschiedenen Monster immer höhere Machtpositionen erkämpften, mußten Gesetz und Ordnung allmählich dem Chaos weichen. So blieb Dires Großvater schließlich nichts anderes übrig, als sich vor seiner speichelleckerischen Dienerschaft dadurch zu schützen, daß er zwischen ihnen und seiner eigenen Behausung Hindernisse und Fallen einbaute." Genauso wirkt die Zitadelle auf mich – ein Tummelplatz für alle möglichen grotesken Gestalten, die nichts miteinander verbindet außer ihrer Bösartigkeit. Und auch wenn das nicht so ganz zu der Idee von Balthus Dire als dem Oberkommandierenden einer disziplinierten Armee passen will, die unmittelbar vor ihrem Abmarsch ins Tal der Weiden steht, macht es doch den besonderen Reiz von Craggen Rock aus. Dieser Schwarze Turm ist nicht Barad-dûr, sondern etwas sehr viel verrückteres.
Arthur B. macht die interessante Anmerkung, dass die Fighting Fantasy - Bücher in gewisser Hinsicht bereits zum Zeitpunkt ihres Erscheinens etwas anachronistisches an sich hatten:
"[C]oming as they did from the gaming scene, Jackson and Livingstone must have been aware of the growing tendency towards complex systems and detailed plots and stories in RPG circles (in 1982 Rolemaster, with its masses of tables, was the hot new entry on the scene, and TSR was starting the development of Dragonlance, a series of products which would emphasise linear storytelling in Dungeons & Dragons like never before), and yet they appear to have deliberately chosen to make a product that harks back to the simpler days of the mid-1970s."
Tatsächlich sind zumindest den frühen Bänden der Serie die epischen Handlungsbögen und ausufernden Weltentwürfe fremd, die sich parallel zum Siegeszug der fetten, tolkienesken Fantasy in den 80er Jahren auch im Rollenspiel durchzusetzen begannen. Sie knüpfen eher an das Dungeoncrawling und den Sword & Sorcery - Touch der frühen Tage von D&D an. Auf mich wirkt diese Schlichtheit allerdings recht charmant, vor allem, wenn ich mir anschaue wohin die 'epische' Entwicklung bei einem Spiel wie DSA geführt hat, das heute auf mich den Eindruck eines esoterischen Monstrums macht.
Das bedeutet nicht, dass mein Spielspaß ungetrübt gewesen wäre. Der chaotische Charakter der Zitadelle macht sich leider auch in der Spielführung bemerkbar. Die Handlung ist einerseits extrem geradlinig angelegt und zugleich äußerst willkürlich. Eher früher als später landet man in einer Art Speisesaal, und von da an ist eigentlich schon alles gelaufen. Wenn man zu diesem Zeitpunkt nicht alle notwendigen Artefakte gesammelt hat, die man zur Überwindung der nun unausweichlich auftretenden Monster braucht, kann man gleich einpacken. Bevor man überhaupt die Zitadelle betreten hat, kann man sich bereits mit einer einzigen falschen Entscheidung auf dem Burghof jede Chance auf Erfolg verbaut haben! Die Verknüpfung zwischen den Ungeheuern und den benötigten Gegenständen ist zudem völlig undurchschaubar. Die Ganjees sind offenbar körperlose Kreaturen – wie zum Henker soll ich wissen, dass sie eine Vorliebe für Heilsalben haben?! Und warum besänftigt ein goldenes Vlies eine Hydra? Weil beide aus der griechischen Mythologie stammen?!
Auch wenn dies spätestens beim vierten Durchgang massive Frustration bei mir hervorgerufen hat, habe ich zugleich doch etwas dabei gelernt. Ziel eines Spielbuchs/Soloabenteuers muss es nicht notwendigerweise sein, eine Geschichte zu erzählen. Wenn der Spieler sich wirklich mit der von ihm geführten Figur identifiziert ist das eher unklug, denn Sterben ist zuerst einmal unausweichlich und darum auch weiter nicht schlimm. Der Reiz des Ganzen besteht darin, in mehreren Anläufen nach und nach herauszufinden, welche Entscheidungen man wie fällen und welche Artefakte man wo sammeln muss. Es geht eher darum, eine Art Rätsel zu lösen, als eine Geschichte erzählt zu bekommen. Freilich wäre es angenehm, wenn dieses Rätsel nicht gar so chaotisch wäre, wie in der Zitadelle.
Ob ich jemandem, den keinerlei nostalgische Bande an die frühen Fighting Fantasy - Bücher binden, die Zitadelle des Zauberers empfehlen würde, weiß ich darum nicht so recht. Aber gibt es jenseits der Nostalgiker und Nostalgikerinnen überhaupt ein Publikum für Spielbücher? Wie mir Wikipedia mitteilt, gibt es seit 2005 eine auf Markus Heitz' Bestsellern basierende Reihe, doch wie gut sie sich verkauft, geht aus dem Artikel nicht hervor. Die Tatsache, dass sie bereits sechs Bände hervorgebracht hat, sagt mir allerdings, dass offenbar auch in unserer Ära der Videospiele der Reiz des Blätterns und Würfelns noch nicht ganz verschwunden zu sein scheint.
* Ein Hinweis für alle, die noch einmal in die Rolle des letzten Kai-Lords schlüpfen wollen: Die meisten Einsamer Wolf - Bücher sind in englischer Sprache als kostenlose Downloads über das Project Aon erhältlich.
Früher war alles besser
Ryan Harvey von Black Gate ist auf die symapthische Idee gekommen, dass man einen Internetschwindel inszenieren und die Vorstellung verbreiten müsste, Wrath of the Titans sei wie sein Vorgänger Clash of the Titans ein Remake.
"Warner Bros.: Release Ray Harryhausen's Original Wrath of the Titans (1985) or I Shall Release the Kraken!"
So hätte das neueste Produkt aus Hollywoods CGI-Monster-Fabrik wenigstens ein Gutes. Es würde helfen, die Erinnerung an bessere Zeiten wachzuhalten.
Montag, 26. März 2012
Ein affiges Kastensystem
Ich habe hier kürzlich bereits einmal mein ambivalentes Verhältnis zu den ursprünglichen Planet of the Apes - Filmen erwähnt. So halte ich die Art, in der sie ihre politische Botschaft zu vermitteln versuchen, für ziemlich grobschlächtig. In Beneath the Planet of the Apes bekommen wir ja sogar ein Sit-in von jungen Schimpansen zu sehen, die gegen den bevorstehenden Krieg demonstrieren! Hallo, Vietnamkriegsproteste ...
Doch gerade weil der soziale Kommentar beinahe so offen daherkommt wie in Star Trek - The Original Series, lassen sich aus den Filmen einige Erkenntnisse über den amerikanischen Radikalismus der späten 60er Jahre ziehen – wenn auch nicht unbedingt über seine positiven Seiten. So finde ich den zynischen Pessimismus der ersten beiden Filme recht erstaunlich, der seinen konzentrierten Ausdruck in den beiden Schlussszenen findet – der berühmten Sequenz mit der Freiheitsstatue und der Vernichtung der Erde durch Taylors Zünden der Doomsday-Bombe.
Die Filme stammen aus den Jahren 1968 und 1970, und die Erkenntnis, dass Hoffnungslosigkeit und Misanthropie offenbar schon zu einem so frühen Zeitpunkt derart weit verbeitet waren, wirkt auf mich erschütternd. Überall auf der Welt fanden zu dieser Zeit militante Massenkämpfe statt, deren Ausgang noch keineswegs feststand, und doch proklamieren Franklin J. Schaffner und Ted Post hier bereits die ultimative Niederlage des Menschengeschlechts.
Gerade vor diesem Hintergrund wirkt das Kastensystem der Affen (Orang Utans, Gorillas, Schimpansen) besonders interessant.
Eine Dreiteilung der Gesellschaft ist nichts besonders originelles, man denke nur an die feudale Ideologie des europäischen Mittelalters mit den drei ordines der oratores (Beter/Klerus), pugnatores (Kämpfer/Adel) und laboratores (Arbeiter/Bauern). Eine solche ständische Triade besitzt schon beinahe klischeehaften Charakter, so finden wir z.B. in der SciFi-Serie Babylon 5 bei den Minbari die Kasten der Priester, Krieger und Arbeiter. Doch das äffische System unterscheidet sich in einem ganz entscheidenden Punkt von diesem klassischen Vorbild. Mit den Orang Utans (Dr. Zaius) haben wir die geistliche/priesterliche Elite, und die Gorillas (General Ursus) stehen für das Militär, aber die Schimpansen sind nicht die Arbeiter. Exemplarisch vertreten durch Zira und Cornelius verkörpern sie vielmehr die Intellektuellen. Es gibt keine Arbeiterkaste unter den Affen.
Auf den ersten Blick erscheint das bloß absurd, schließlich muss ja irgend jemand die Felder bewirtschaften, die wir im ersten Film zu sehen bekommen. Doch im Zusammenhang mit dem 60er Jahre - Radikalismus macht es durchaus Sinn. Die Mehrheit der studentischen Rebellen sah in der arbeitenden Bevölkerung eine durch 'Konsumterror' und 'Kulturindustrie' ruhiggestellte Masse. Autoren wie Herbert Marcuse (Eros and Civilization; The One-Dimensional Man) hatten ihnen dafür die theoretische Begründung geliefert. Selbst wenn sie sich einer marxistischen Phraseologie bedienten, war die Arbeiterklasse für sie nicht länger das 'revolutionäre Subjekt', von ihr konnte man keine progressive Veränderung der Gesellschaft erwarten. Neben den Guerillabewegungen der sog. Dritten Welt (Che Guevara, Ho Chi Minh) waren es die radikalisierten Studenten und Intellektuellen selbst, die nunmehr die Rolle der Avantgarde spielen sollten. In Planet of the Apes sind das die Schimpansen, die gegen den Dogmatismus der Orang Utans aufbegehren, gegen den Militarismus der Gorillas demonstrieren und den misshandelten Menschen Taylor und Brent helfend beiseite stehen.
Doch in Wirklichkeit können Studenten und Intellektuelle natürlich nicht die Gesellschaft umkrempeln. Ihre Rolle im sozialen Mechanismus ist dafür viel zu unbedeutend. Jeder Studenten-streik beweist dies aufs Neue. Darin liegt die Wurzel für jenen Pessimismus, der in der obigen Szene seinen zugegebenermaßen recht beeindruckenden Ausdruck gefunden hat. Insofern sind die Filme also durchaus konsequent.
Und wenn wir in Conquest of the Planet of the Apes schließlich doch noch eine Art Klassenkampf zu sehen bekommen, so wird dieser ganz unter dem Blickwinkel der Rassenfrage betrachtet. Tatsächlich erinnert mich Caesars Rede, die er nach der siegreichen Revolution hält, sehr stark an die Äußerungen einiger extremer schwarzer Nationalisten der 60er/70er Jahre: "I will lead my people from their captivity! And we shall build our own cities, in which there will be no place for humans except to serve our ends! And we shall found our own armies, our own religion, our own dynasty!"
Freilich ist das Kastensystem der Affen oft auch so interpretiert worden, dass die Gorillas eine dunkelhäutige Unterschicht darstellen sollen, "[who] did the more menial tasks in ape society, which included the fighting of its wars." Doch wenn wir unser dieser Sichtweise anschließen würden, wäre die Folge geradezu desaströs. Die Gorillas erscheinen vor allem in Beneath the Planet of the Apes ausnahmslos als primitiv, brutal und chauvinistisch. Wenn sie tatsächlich die 'schwarze Arbeiterklasse' verkörpern sollen, wäre das nicht nur ein noch deutlicherer Beleg für die feindselige Einstellung 'linker' Intellektueller gegenüber der Masse der Bevölkerung, sondern zudem auch noch rassistisch. Ich kann darum nur hoffen, dass das nicht stimmt.
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Freitag, 23. März 2012
Unwissenheit ist Stärke
Ich würde ja wirklich gerne einmal berichten können, dass ich mich auf ein kommendes Kinoereignis freue, doch leider muss ich schon wieder den Miesmacher spielen. Via SF Signal erreichte mich heute eine Nachricht aus Hollywood, die einmal mehr wenig gutes erwarten lässt. Das Unternehmen Imagine Entertainment, zu dessen Eigentümern der Regisseur Ron Howard gehört, hat die Rechte für eine Neuverfilmung von 1984 erworben. Die Idee dazu soll von 'street artist', Grafiker und Werbedesigner Shepard Fairey gekommen sein.
An sich wäre eine neuerliche filmische Auseinandersetzung mit George Orwells Roman, von der man hoffen könnte, dass sie ein breiteres Publikum erreicht, durchaus begrüßenswert. Schließ-lich weist die heutige Realität genug Aspekte auf, die eine beunruhigende Ähnlichkeit mit der Welt des Großen Bruders besitzen. Am offensichtlichsten sind da wohl der permanente Kriegszustand als Legitimation für zunehmend autoritäre Herrschaftsformen sowie die newspeak-artigen Formulierungen der politischen Propaganda, in der Angriffs- zu Verteidigungskriegen, Invasionen zu Befreiungen, Folter zu 'enhanced interrogation' und die Verelendung der griechischen Bevölkerung zur Rettung Griechenlands werden. Auch ist doublethink – die Fähigkeit, zwei sich ausschließende Aussagen nebeneinander bestehen lassen und beide als wahr ansehen zu können – ein weit verbreitetes Phänomen im offiziellen 'Diskurs' unserer Tage. Zwei Beispiele:
Islamische Fundamentalisten sind ''Feinde der Demokratie' und 'Terroristen', wenn sie gegen das Besatzungsregime in Afghanistan kämpfen. – Islamische Fundamentalisten sind 'Demokraten' und 'Freiheitskämpfer', wenn sie in Libyen oder Syrien gegen die Regierungen von Gaddafi oder Assad kämpfen. /// Die Besetzung Afghanistans durch westliche Truppen dient der Ausbreitung und Verteidigung der Demokratie. – Die Besatzungsmächte besitzen das selbstverständliche Recht, sich über alle Forderungen der 'souveränen', 'legitimen', 'demokratisch gewählten' Regierung Afghanistans hinwegzusetzen.
Doch auch wenn ich jedem, der dies noch nicht getan hat, nur wärmstens empfehlen kann, 1984 zu lesen (und sich danach vielleicht einmal Michael Radfords Filmversion anzuschauen), erfüllt mich der Gedanke an eine Hollywood-Version der Geschichte von Winston Smith eher mit Unbehagen. Natürlich muss das Ergebnis nicht gleich so schlimm ausfallen wie die Animal Farm - Version von 1999 – eine Buchverfilmung, die hinsichtlich der Verdrehung der politischen Ansichten des Autors vielleicht nur noch von der ersten Filmadaption von Graham Greenes The Quiet American aus dem Jahre 1958 übertroffen wird. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass bei der Verwandlung von 1984 in einen marktgerechten Blockbuster irgendetwas anderes herauskommen kann als eine filmische Peinlichkeit.
All das ist freilich noch reine Zukunftsmusik. Niemand weiß, wann sich Imagine Entertainment an die Verwurstung von Orwell machen wird, und ebensowenig ist bekannt, wer dann die Regie übernehmen wird. Die Namen der bisher an dem Projekt beteiligten Personen flößen jedoch nicht gerade Vertrauen ein. Ron Howard (Splash, Cocoon, Willow, Apollo 13, How the Grinch Stole Christmas, A Beautiful Mind, Cinderella Man, The Da Vinci Code, Frost/Nixon) ist nicht unbedingt als übermäßig intelligenter, kritischer oder subversiver Filmemacher bekannt. Sein am deutlichsten 'politischer' Film Frost/Nixon stellte letztenendes die 'Humanisierung' eines der großen Kriegsverbrecher des 20. Jahrhunderts – und damit die Verharmlosung seiner Untaten – dar. Shepard Fairey mag eher im Rufe eines Rebellen stehen, aber wie Howard gehört auch er zu jener Schicht wohlhabender 'Liberaler', die in Barack Obama ihren Messias erblicken. Er kreierte für dessen Wahlkampagne das berühmte Hope-Plakat, während Howard einen Werbespot für den Präsidentschaftskandidaten drehte. Die Ironie besteht darin, dass kaum jemand die moderne Version von newspeak so perfekt beherrscht wie Obama und seine Apologeten. Man möge es mir deshalb verzeihen, dass ich aus diesen Kreisen keine interessante neue Orwell-Interpretation erwarte. Diese Leute leben gemäß dem Ingsoc-Slogan 'Unwissenheit ist Stärke'.
Doch auch wenn ich jedem, der dies noch nicht getan hat, nur wärmstens empfehlen kann, 1984 zu lesen (und sich danach vielleicht einmal Michael Radfords Filmversion anzuschauen), erfüllt mich der Gedanke an eine Hollywood-Version der Geschichte von Winston Smith eher mit Unbehagen. Natürlich muss das Ergebnis nicht gleich so schlimm ausfallen wie die Animal Farm - Version von 1999 – eine Buchverfilmung, die hinsichtlich der Verdrehung der politischen Ansichten des Autors vielleicht nur noch von der ersten Filmadaption von Graham Greenes The Quiet American aus dem Jahre 1958 übertroffen wird. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass bei der Verwandlung von 1984 in einen marktgerechten Blockbuster irgendetwas anderes herauskommen kann als eine filmische Peinlichkeit.
All das ist freilich noch reine Zukunftsmusik. Niemand weiß, wann sich Imagine Entertainment an die Verwurstung von Orwell machen wird, und ebensowenig ist bekannt, wer dann die Regie übernehmen wird. Die Namen der bisher an dem Projekt beteiligten Personen flößen jedoch nicht gerade Vertrauen ein. Ron Howard (Splash, Cocoon, Willow, Apollo 13, How the Grinch Stole Christmas, A Beautiful Mind, Cinderella Man, The Da Vinci Code, Frost/Nixon) ist nicht unbedingt als übermäßig intelligenter, kritischer oder subversiver Filmemacher bekannt. Sein am deutlichsten 'politischer' Film Frost/Nixon stellte letztenendes die 'Humanisierung' eines der großen Kriegsverbrecher des 20. Jahrhunderts – und damit die Verharmlosung seiner Untaten – dar. Shepard Fairey mag eher im Rufe eines Rebellen stehen, aber wie Howard gehört auch er zu jener Schicht wohlhabender 'Liberaler', die in Barack Obama ihren Messias erblicken. Er kreierte für dessen Wahlkampagne das berühmte Hope-Plakat, während Howard einen Werbespot für den Präsidentschaftskandidaten drehte. Die Ironie besteht darin, dass kaum jemand die moderne Version von newspeak so perfekt beherrscht wie Obama und seine Apologeten. Man möge es mir deshalb verzeihen, dass ich aus diesen Kreisen keine interessante neue Orwell-Interpretation erwarte. Diese Leute leben gemäß dem Ingsoc-Slogan 'Unwissenheit ist Stärke'.
Donnerstag, 22. März 2012
Alien + Däniken = ?
Die große Stärke von Ridley Scotts Alien war seine Schlichtheit. Eine kleine Gruppe von Weltraumproletariern stößt auf ein galaktisches Superraubtier und muss einen verzweifelten Kampf ums Überleben führen, den alle außer einer verlieren. Punkt. Viel mehr lässt sich über den Plot nicht sagen. Die Geschichte mit Android Ash und der bösen ‘Company’ ist fast schon eine unnötige Ablenkung vom Hauptthema. Kein tiefgründiger, aber ein atmosphärisch äußerst dichter und spannender Film. H.R. Gigers phantastisches Monstrum, die klaustrophobische Umgebung des Raumfrachters Nostromo, die zwar nur mit grobem Pinselstrich gezeichneten, aber durchweg menschlichen Crewmitglieder, Sigourney Weaver als toughe Ripley. Mehr brauchte es nicht.
Ich bin ein großer Fan dieses Films, aber ich halte wenig von allen anderen Alien-Versionen. Der Erfolg von Ridley Scotts Streifen musste beinahe zwangsläufig Fortsetzungen nach sich ziehen. Diese konnten natürlich nicht einfach das Szenario des Originals wiederholen. Das Ganze musste notgedrungen 'komplexer' werden. In Alien 2 versuchte man dieses Problem noch auf quantitative Weise zu lösen: Statt einem Ungeheuer Dutzende, statt der Nostromo die Gebäude einer Kolonie. Ab dem dritten Teil jedoch bemühte man sich, der Geschichte eine 'tiefere Bedeutung' zu verleihen. Aber genau dafür eignet sich das Alien nicht. Es ist und bleibt ein gruseliges Raubtier mit ausfahrbarem Kiefer und Säure statt Blut - nicht mehr. Und auch Ripley war am besten als simple Malocherin, die gezwungenermaßen zur Heldin wurde, um sich (+ Katzen oder kleine Mädchen) zu retten. Ein bisschen Groteske und heftigere Ekeleffekte in Teil 4 boten da auch keinen Ausweg. Und über die Versuche, das Alien- mit dem Predator-Franchise zu verschmelzen, breiten wir lieber gleich den barmherzigen Mantel des Schweigens aus.
Und jetzt kommt also Prometheus, Ridley Scotts Rückkehr zu dem Ungeheuer, das ihn berühmt gemacht hat. Ich bin da eher skeptisch, und die beiden im Internet kursierenden Trailer haben wenig getan, mich eines besseren zu belehren.
Und jetzt kommt also Prometheus, Ridley Scotts Rückkehr zu dem Ungeheuer, das ihn berühmt gemacht hat. Ich bin da eher skeptisch, und die beiden im Internet kursierenden Trailer haben wenig getan, mich eines besseren zu belehren.
Waren Scott und Drehbuchautor Damon Lindelof tatsächlich so einfallslos und verzweifelt, dass sie noch einmal den öden Dänikenbrei aufwärmen mussten? Spätestens nach Stargate sollte das kein SciFi-Filmemacher mehr machen dürfen, ohne dafür ausgelacht zu werden.
Noch unheimlicher wird die Sache, wenn man den folgenden Ausschnitt aus einem Interview mit Lindelof liest: "Ridley Scott birthed this universe over two decades ago. My job was to sit and listen and to channel, in the same way that a medium does. This was about the ideas that he wanted to convey, and he did not want to come back and do science fiction again unless there was some kind of a philosophical construct to it." Sollte Scott die 'Prä-Astronautik' des Schweizer Hotelangestellten am Ende gar für 'philosophisch' und 'tiefgründig' halten? Werden wir eine Melange aus Alien und Erinnerungen an die Zukunft serviert bekommen? Es steht beinahe zu befürchten, wenn denn die folgende Ausführung des Regisseurs nicht ironisch gemeint war: "Both NASA and the Vatican agree that it is almost mathematically impossible that we can be where we are today, without there being a little help along the way. That’s what we’re looking at: we are talking about gods and engineers, engineers of space. Were the Aliens designed as a form of biological warfare, or biology that would go in and clean up a planet?"
Samstag, 17. März 2012
Soll man lachen oder weinen?
Es ist traurig mit ansehen zu müssen, wie Tim Burton mehr und mehr zu einer Karrikatur seiner selbst wird. Es gab Zeiten, da hatten seine Filme etwas frisches, respektloses, unkonventionelles. Doch inzwischen muss man beinahe zwei Jahrzehnte zurückgehen, um diesem Burton zu begegnen: Beetlejuice (1988), Batman (1989), Ed Wood (1994). Hier zeitigten Burtons Exzentrizität und seine Sympathie für Freaks und Outsider noch wirklich sehenswerte Resultate.* Doch schon sehr bald wurde es immer offensichtlicher, dass seine kreativen Ressourcen damit offenbar bereits aufgebraucht waren. Als Hommage an die SciFi-Filme der 50er bzw. die Horrorstreifen der Hammer Studios waren Mars Attacks! (1996) und Sleepy Hollow (1999) ja noch ganz nett, doch wiesen sie bereits deutliche Anzeichen von Stagnation auf. Vielleicht war der fürchterliche Planet of the Apes (2001) eine Art Ausbruchsversuch. Wenn, dann scheiterte er auf der ganzen Linie. Seitdem hat sich Burton immer mehr in sein eigenes Filmuniversum zurückgezogen, das geprägt ist durch einen Stil – man könnte ihn vielleicht ‘Goth-Kitsch’ nennen – der über die Jahre nicht nur immer hohler und langweiliger wirkt, sondern inzwischen endgültig ins lächerliche umgekippt ist. Der Trailer zu dem neuen Film Dark Shadows gleicht einer ungewollten Parodie auf all die sattsam bekannten Konventionen des einstigen Unkonventionellen:
Peinlich, peinlich ... Auch ist man inzwischen gezwungen, sich zu fragen, womit sich Johnny Depp eigentlich stärker blamiert: Mit seinen fortgesetzten Auftritten in den immer wirreren und öderen Pirates of the Carribean oder durch seine unerschütterliche Bereitschaft, in jedem neuen Film seines Kumpels Tim den bleichen Protagonisten zu geben?
* Edward Scissorhands (1990) und A Nightmare Before Christmas (1993) sind zwar nicht ganz nach meinem Geschmack, gehören aber wohl auch zur Ära des ‘alten’ Burton. Allerdings darf man nicht vergessen, dass er bei letzterem nicht die Regie geführt hat.
Eine Pflichtarbeit (III)
Verspätete Gedanken über den Töpferjungen
Kommen wir also zum Ende.
Wie aber ist Harry Potter vom Standpunkt eines Freundes der Phantastik aus zu beurteilen?
Harry ist der Held, weil Rowling uns das sagt und weil Dumbledore ihm am Ende die meisten Punkte verleiht. Seine eigenen Leistungen würden diesen Titel nicht rechtfertigen. Hermine ist ganz offensichtlich die bessere und intelligentere Zauberin, und Ron beweist während des Schachspiels mindestens ebenso großen Mut wie er. Dennoch erhält Potter zehn Punkte mehr als seine Freunde. Man fragt sich warum? Was ihn auszeichnet ist nichts, was er sich selbst erarbeitet hätte. Ebensowenig beweist er größere moralische Standhaftigkeit, denn er ist nie irgendwelchen ernsthaften Versuchungen ausgesetzt. Seinen Heldenstatus verdankt er im Grunde ausschließlich irgendwelchen Gaben oder Geschenken. Das beginnt schon bei seiner Herkunft. Er ist nun einmal ‘der Junge, der lebt’ und als solcher dazu ausersehen, den Dunklen Lord zu bezwingen. Ironischerweise ist selbst sein Fluggeschick, das es ihm erlaubt, beim schulinternen Wettbewerb zu punkten, eine angeborene Gabe, die sich augenblicklich meldet, sobald er zum ersten Mal auf einen Besen steigt. Er muss zwar auch dann noch trainieren – was er offenbar mit größerem Eifer tut als irgendetwas anderes –, aber der Eindruck, den er nach seiner ersten Flugstunde hinterlässt, bleibt dennoch der eines Wunderkindes. (1) Daneben werden ihm mächtige Artefakte wie der Unsichtbarkeitsmantel, ohne den er ziemlich dumm dastehen würde, vom großen Gönner Dumbledore in die Hände gespielt. Selbst die finale Konfrontation mit Voldemort übersteht er nicht dank seiner eigenen Geschicklichkeit oder Klugheit, sondern einzig aufgrund des besonderen magischen Schutzes, der ihm durch die aufopfernde Liebe seiner Mutter zuteil geworden ist, die für ihn ihr Leben hingegeben hat.
Der auserwählte Held gehört natürlich zum Standardrepertoire der 08/15-Fantasy, aber er lässt sich nur schwer mit einer auf Leistung basierenden Ethik in Einklang bringen. Die außergewöhnlichen Taten eines solchen Helden können höchstens seine von Geburt an vorhandene ‘Tugend’ bestätigen, sie können nie wirklich Teil eines Entwicklungsprozesses sein. Harrys erster Besenflug zeigt dies sehr deutlich: "Er stieg auf den Besen, stieß sich heftig vom Boden ab und schoss mit wehendem Haar und in der Luft peitschendem Umhang nach oben – und wilde Freude durchströmte ihn, denn er spürte, dass er etwas konnte, was man ihm nicht erst beibringen musste – Fliegen war leicht, Fliegen war toll. [...] Aus irgendeinem Grund wusste Harry, was zu tun war." (S. 163f.) Man braucht sich nur vorzustellen, es ginge hier nicht um einen Hexenbesen, sondern um ein Motorrad, und die Absurdität dieser Szene wäre offensichtlich. Da wir mehrfach erzählt bekommen, dass auch Harrys Vater ein exzellenter Quidditch-Spieler war, müssen wir wohl davon ausgehen, dass es eine genetische Veranlagung zum Besenreiten gibt. Doch ist diese weniger ein Talent, als vielmehr eine quasi übernatürliche Gabe. Ersteres würde es verständlich machen, wenn Harry das Erlernen des Besenreitens leichter fiele als anderen, aber er braucht ja gar keinen Unterricht, sondern er weiß ‘aus irgendeinem Grund’ schon, was er tun muss. Für eine Geschichte, die in einer Schule spielt, geht es in Harry Potter erstaunlich wenig um lernen. Man vergleiche dies mit dem Werdegang von Le Guins Helden in The Wizard of Earthsea. Ged ist ohne Zweifel das größte magische Talent seiner Zeit, aber es braucht Jahre anstrengender Studien in Rok, bis er sein Potential zur vollen Entfaltung bringen kann. Harry erinnert mich da eher an den jungen Lanzelet aus dem mittelhochdeutschen Artusroman Ulrichs von Zatzikhoven. Dieser braucht sich bloß ein Turnier anzuschauen, um zum besten Ritter der Welt zu werden, obwohl er einige Tage zuvor noch nicht einmal richtig reiten konnte.
Die Erwähltheit Potters besitzt also einen mystischen Zug, beruht jedoch gleichzeitig – anders als etwa bei Tolkiens Frodo – auf seiner biologischen Abstammung. In späteren Bänden erklärt Rowling ganz ausdrücklich Harrys Blut zum Träger sowohl des mütterlichen Segens als auch seiner eigenen Seele. Neunmalkluge Verweise auf mythische Traditionen wie die des Alten Testamentes können nicht über die Krudität dieses Bildes hinwegtäuschen. Auch die Fähigkeit zum Zaubern erklärt Rowling ja ganz biologistisch als eine in den Genen verankerte Eigenschaft. Es mag etwas verwirrend wirken, dass Rowlings Bösewichter arrogante Aristokraten sind, die sich Wunder was auf ihre Blutlinien einbilden, während Harrys Heldentum doch gleichfalls auf dem ‘ganz besondren Saft’ beruht, der durch seine Adern fließt, aber solche Widersprüche gehören nun einmal zum Potterversum. Der Grund für sie dürfte vermutlich darin zu suchen sein, dass Rowling einerseits den Typus des aristokratischen Snobs verabscheut, der trotz der Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in der britischen Elite nach wie vor keine Seltenheit sein dürfte, andererseits jedoch eine Geschichte nach dem Muster des ‘Returning Prince’ erzählt, wie Farah Mendlesohn überzeugend dargelegt hat. Auf jedenfall zeigt uns diese ganze verschwurbelte Blutmystik mit begrüßenswerter Klarheit, dass das Motiv vom Auserwählten unauflöslich verbunden ist mit elitärem Gedankengut.
Eigentlich wird dem armen Voldemort von der Autorin unrecht getan, wenn sie ihn zum Dunklen Lord erklärt, denn zumindest in einem Punkt hat er vollkommen recht: Menschen sind nicht gleich in der Zaubererwelt. Bereits im Alter von elf Jahren werden sie vom ‘Sprechenden Hut’ (im Original präziser ‘Sorting Hat’ genannt) in vier Klassen eingeteilt: Die mutigen Gryffindors, die treuen Hufflepuffs, die schlauen Ravenclaws und die ehrgeizigen Slytherins. Eine weitere charakterliche Entwicklung ist nach diesem Termin offenbar nicht mehr vorgesehen, und meines Wissens begegnet uns in den Büchern außer dem Verräter Pettigrew niemand, der später grundsätzlich vom Psychogramm seines alten ‘Schulhauses’ abgewichen wäre. Dan Hemmens hat zurecht auf die Parallelen zwischen diesem Auswahlverfahren und einer falsch verstandenen calvinistischen Prädestination hingewiesen. Rowlings Beteuerungen, alle ‘Häuser’ seien gleichgestellt, ist offenbar unsinnig. Die Gryffindors bilden eine moralische Aristokratie, sie sind die ‘Ritter’ des Potterversums: "You might belong in Gryffindor,/ Where dwell the brave at heart,/ Their daring, nerve and chivalry,/ Set Gryffindors apart". Im Gegenzug sind und bleiben die Slytherins die geborenen Bösewichte. Alle ‘Todesser’ außer Pettigrew entstammen diesem ‘Haus’, und in der großen Endschlacht stellt es sich so gut wie geschlossen auf die Seite Voldemorts. Sämtliche Belege, die gegen eine solch deterministische Interpretation der Hut-Zeremonie zu sprechen scheinen, werden von Rowling selbst im Verlauf ihrer Reihe entkräftet. Harrys Wahlmöglichkeit zwischen Gryffindor und Slytherin (keine wirkliche Wahl, denn unser Held zögert nicht einen Moment) beruht einzig auf dem Umstand, dass er einen Teil von Voldemorts Seele in sich trägt; Snape ist nur deshalb ein ‘guter’ Slytherin, weil er sich als Jugendlicher in Lily (eine Gryffindor natürlich) verliebte etc.
Ein bisschen Schwarzweißmalerei gehört wohl zu jedem Kinderbuch. Als Elfjähriger möchte man nicht zu lesen bekommen, dass der gemeine Mathelehrer in Wahrheit ein durch Überarbeitung frustrierter Idealist ist oder der brutale Klassenfiesling vielleicht unter der Scheidung seiner Eltern oder einem alkoholkranken Vater leidet. Die Figur des Snape, wie sie in Harry Potter und der Stein der Weisen beschrieben wird, besitzt da genau das richtige Maß an Differenziertheit. Aber leider wächst sich das, was im Rahmen des ersten Bandes noch nicht so unange-nehm auffällt, in späteren Bänden zu einem allgemeinen Weltbild aus, von dem die Autorin erwartet, dass auch Erwachsene es ernstnehmen. Dabei werden Gut und Böse zu quasi von Geburt an den Menschen innewohnenden Qualitäten, die früher oder später unausweichlich zur Entfaltung gelangen. Ein gutes Beispiel dafür scheint mir Peter Pettigrew zu sein. Noch als er der gute Kumpel von James Potter, Sirius Black und Remus Lupin war, suchte er sich als Tiergestalt ausgerechnet eine Ratte aus und wurde ‘Wormtail’ genannt! Die plumpe Symbolik lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, wer von den Vieren schließlich zum Verräter werden würde – es lag halt schon immer in Peters Natur. Mit den später eingeführten Hintergrundsgeschichten Voldemorts und Dumbledores hat Rowling zwar beabsichtigt, dieser manichäischen Konstruktion etwas menschliche Tiefe zu verleihen. Doch soweit ich dies abzuschätzen vermag, ist ihr das höchstens ansatzweise gelungen.
Tom Riddle wurde von seinen Eltern im Stich gelassen und wuchs in einem Waisenhaus auf, aber ist dies der wahre Grund für seine Verwandlung in den Dunklen Lord? Wenn dem so wäre, dann hätten wir eine Erzählung vor uns, die behaupten würde, dass vernachlässigte Kinder zu größenwahnsinnigen Möchtegerndiktatoren heranwachsen. Reichlich bizarr, oder? In Wirklichkeit lässt Rowling auch kaum Zweifel daran, dass Tom schon immer ein Psychopath war. Seine Hintergrundsgeschichte dient nur scheinbar dazu, ihm ein etwas menschlicheres Antlitz zu verleihen. In erster Linie ist sie als deutliche Parallele zu Harrys Biographie angelegt und unterstreicht somit nur, dass es eben gerade nicht das soziale Umfeld oder die Erfahrungen seiner Kindheit waren, die aus Riddle Voldemort machten. (2) Tom fehlt im Unterschied zu Harry zwar die elterliche – vor allem die mütterliche – Liebe, aber Liebe hat bei Rowling kaum etwas mit realen zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun, sondern ähnelt eher einer mystischen Macht. Die Erfahrung, geliebt zu werden, hat ja auch der kleine Potter nicht machen können, sind seine Eltern doch bereits kurz nach seiner Geburt ermordet worden, woraufhin Dumbledore das Baby bei Nacht und Nebel auf der Türschwelle der Dursleys aussetzte. Obwohl er in einem gänzlich lieblosen Umfeld aufgewachsen ist, lebt die mütterliche Liebe dennoch auf geheimnisvolle Weise in ihm fort. Sie liegt ihm im wahrsten Sinne des Wortes im Blut. Damit wird sie nur zu einem weiteren Symbol seines Erwähltseins, und man könnte sie ebensogut durch Gottes Huld oder etwas ähnliches ersetzen. Bezeichnenderweise ergibt sich Voldemorts einzige Chance zu Reue und Umkehr aus dem Umstand, dass er sich zu seiner Wiederauferstehung des Blutes seines Widersachers bedient: "Because he had taken into his body this – this drop of hope or love (Harrys Blut). So that meant that if he could have mustered the courage to repent, he would have been okay. But, of course, he wouldn't. And that's his choice." (3) Dass er diese Chance ‘selbstverständlich’ nicht wahrnimmt, beweist seine böse Natur. Hier, wie so oft, ist das, was Rowling als ‘choice’ bezeichnet, überhaupt keine wirkliche ‘Entscheidung’. Man denke nur zurück an Harrys ‘Wahl’ zwischen Gryffindor und Slytherin, die eher als eine Bedrohung, denn als eine Wahlmöglichkeit oder auch nur als eine Versuchung beschrieben wird.
Bei Dumbledore sieht es etwas anders aus, denn hier ging es Rowling wohl tatsächlich darum, dem alten Zauberer etwas vom Nimbus des unfehlbaren Weisen zu nehmen, mit dem sie ihn für den Großteil der Serie umgeben hatte. Dazu bedient sie sich zweier Methoden ... und scheitert mit beiden. Zum einen offenbart sie uns in Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, dass der achtzehnjährige Albus irgendwann Mitte des 19. Jahrhunderts für kurze Zeit mit dem Magier-Chauvinismus und der Idee der Weltherrschaft geliebäugelt hatte. Ach, Gottchen! Ich hab mich vor etlichen Jahren in einem Anfall von spätpubertärem Größenwahn auch mal für einen nietzscheschen Übermenschen gehalten. Was soll’s? Dumbledores Jugendsünden bleiben ein rein äußerliches Anhängsel, ohne nennenswerten Einfluss auf seine spätere Entwicklung. Rowlings zweiter Kniff hätte schon eher dazu führen können, unser Bild des Magiers grundsätzlich zu verändern. Es zeigt sich nämlich, dass Albus Harrys ganze Entwicklung so zu manipulieren versuchte, dass dieser im gegebenen Augenblick bereit sein würde, sich zu opfern und damit Voldemorts Vernichtung zu ermöglichen. Die Vorstellung von einem netten und humorigen Oberlehrer, der sich das Vertrauen und die Zuneigung eines Kindes erschleicht, um dieses auf den Selbstmord vorzubereiten, ist in der Tat erschreckend. Eigentlich müssten wir Dumbledore verabscheuen. Doch bis zu dieser radikalen Konsequenz will Rowling ihre Demontierung der Mentorfigur nicht treiben. Selbst als Manipulator bleibt Dumbledore immer noch der Vertreter des ‘Guten’, der Gandalf-Obiwan des Potterversums, und Harry erfüllt seine Bestimmung als Auserwählter, indem er sich letztenendes ganz genauso verhält, wie dieser es vorgesehen hatte. Rowling selbst hat es so ausgedrückt: "[I]f Harry had all the information, he likely would have been tempted into doing something else, so he had to trust Dumbledore, who ultimately did guide him to do the right thing." Wie sie gleichzeitig erwarten kann, dass wir das Verhalten des Zauberers kritisch hinterfragen, ist mir schleierhaft. Es sieht ganz so aus, als wolle Rowling auf zwei Hochzeiten zugleich tanzen. Sie versucht den Anschein zu erwecken, ihre Geschichte sei ‘rebellisch’ – "younger people [...] should question authority" –, ohne dabei die Grundstruktur der ‘klassischen’ Fantasy in Frage zu stellen. Doch jener Mix aus kleingehäckselten Bestandteilen von Märchen und Heldenepos, tolkienschen Erblasten sowie dem vulgärmythologischen Quark vom ‘Heroe with a Thousand Faces’ enthält nun mal eine ganze Reihe ausgesprochen autoritärer Zutaten: den auserwählten Helden, den weisen Mentor, den religiösen Dualismus von Gut und Böse etc.
Stände Harry Potter und der Stein der Weisen für sich allein, so würden mich diese Versatzstücke vielleicht gar nicht einmal so stören. Natürlich ist mir ein Kinderbuch wie China Miévilles Un Lun Dun lieber, das genau diese autoritären Klischees der ‘klassischen’ Fantasy humorvoll zu untergraben sucht, aber solange der Fokus auf den spannenden Abenteuern dreier Kinder in einem grotesk-phantastischen Internat liegt, kann ich mit ihnen leben. Sie finden sich hier ohnehin nur ansatzsweise. Erst im Übergang von magischer ‘school story’ zu Fantasyepos werden sie zur vollen Entfaltung gelangen. Eines allerdings ist mir schon bei der Lektüre des ersten Bandes aufgefallen: Wie ungeschickt Rowling sich anstellt, wenn es um die Vermittlung ihrer ‘progressiven’ Ansichten geht. Die Vergabe von zehn Punkten an Neville Longbottom, die den Sieg Gryffindors über Slytherin besiegelt, ist ja vermutlich als ein Plädoyer für eigenständiges Denken und Handeln gedacht. Dumbledore verkündet: "Es verlangt einiges an Mut, sich seinen Feinden entgegenzustellen, doch genauso viel, den eigenen Freunden in den Weg zu treten." (S. 332) Man sollte sich keinem Gruppenzwang unterwerfen. Eigentlich eine sympathische Botschaft, oder? Andrew Zimmerman Jones von Black Gate jubelt in seiner Liebeserklärung an J.K. Rowling: "This [i]s a deft, subtle, totally-unexpected moral lesson, woven perfectly into the fabric of a children’s book. It [i]s perfect. It [i]s sublime." Doch Moment! Blättern wir einmal kurz zurück und schauen nach, warum genau sich Neville seinen Freunden entgegengestellt hat. Und siehe da – der Grund, warum er Harry, Ron und Hermine von ihrer nächtlichen Expedition abhalten wollte, war nicht etwa, weil er diese für zu gefährlich gehalten und deshalb Angst um seine Freunde gehabt hätte. O nein! "Ihr könnt nicht rausgehen [...], sie erwischen euch wieder und Gryffindor kriegt noch mehr Ärger. [...] Ich will nicht, dass ihr noch mehr Regeln brecht!" (S. 296) Der brave Neville hat Angst, dass sein ‘Haus’ noch mehr Punkte verliert, und deshalb sollen die drei gefälligst nicht schon wieder gegen irgendwelche Schulregeln verstoßen. Als ein Beispiel für selbstständiges Denken halte ich das zumindest für schlecht gewählt.
Zuguterletzt noch ein paar Worte zum titelgebenden Stein der Weisen. Dieser ist ja kein x-beliebiges magisches Artefakt, das sich ebensogut durch Ceridwens Kessel, den Ring des Andvari oder Aladins Wunderlampe ersetzen ließe, vielmehr führt er symbolisch eines der Hauptthemen der Potter-Bücher ein. J. K. Rowling besaß den Ehrgeiz, nicht nur eine spannende und farbenfrohe Geschichte zu erzählen, sondern sich auch mit ‘ernsten’ und ‘schwierigen’ Fragen auseinanderzusetzen. An deren Spitze stand die nach dem Tod. Was mit ein Grund dafür sein dürfte, dass ihr der nicht unbekannte deutsche Fantasyexperte Frank Weinreich bescheinigt, sie habe sich in ihren Büchern mit den "großen, berührenden Themen der conditio humana" beschäftigt.
Der Stein der Weisen, mit dem sich bekanntlich das Elexier des Lebens herstellen lässt, ist ein Symbol für das Verlangen nach Unsterblichkeit, und dieses wiederum ist der treibende Motor von Voldemorts Handlungen. Die größte Furcht des Dunklen Lords ist es zu sterben, denn er sieht den Tod als eine schmachvolle Niederlage, als einen Beweis persönlicher Ohnmacht an. Harry hingegen beweist mit seiner freiwilligen Selbstopferung in Heiligtümer des Todes, dass er der wahre ‘Meister des Todes’ ist. Wie Dumbledore, der noch aus dem Jenseits heraus seine alte Plot-Funktion erfüllen und am Ende Harry und der Leserschaft die Ereignisse des Buches erklären muss, im Limbo von King’s Cross Station verkündet: "You are the true master of death, because the true master does not seek to run away from Death. He accepts that he must die, and understands that there are far, far worse things in the living world than dying."(4)
Die negativen Folgen der Sehnsucht nach Unsterblichkeit sind in der Fantasyliteratur immer wieder thematisiert worden, von William Morris’ The Story of the Glittering Plain über J.R.R. Tolkiens Arda-Mythos (insbesondere Akkalabêth und Herr der Ringe) und C.S. Lewis’ That Hideous Strength bis hin zu Ursula K. Le Guins The Farthest Shore. Dabei lassen sich zwei grundverschiedene Sichtweisen ausmachen. Morris betrachtet das Thema von einer humanistischen Warte aus. Für ihn ist der Tod ein Teil des menschlichen Lebens und wer ihn verneint, verneint damit auch das Leben. Die Bewohner seines unheimlichen Landes der Todlosen führen eine apathische, sinnentleerte Existenz und sind bar aller tieferen Emotionen. Trotz ihrer taoistischen Philosophie steht auch Le Guin dieser Position nahe. Geködert vom Versprechen ewigen Lebens opfern die Menschen der Erdsee in The Farthest Shore alles, was ihr irdisches Leben sinn- und freudvoll gemacht hat. Den radikalen Gegensatz dazu bildet das Werk von C.S. Lewis. Er betrachtet das Verlangen nach einer Überwindung des Todes als einen Ausdruck menschlicher Hybris, als eine schwere Sünde, die ein ebenso grausames göttliches Strafgericht nach sich zieht. Wie er am Ende des Narnia-Zyklus schreibt, sieht er im Leben nur "the cover and the title page", der Tod hingegen sei "Chapter One of the Great Story which no one on earth has read: which goes on for ever: in which every chapter is better than the one before". (5) Nicht zu Unrecht spricht Philip Pullman, der mit His Dark Materials ja eine Art Anti-Narnia geschaffen hat, in Bezug auf Lewis’ Bücher von "propaganda in the service of a life-hating ideology": Tolkien würde ich irgendwo zwischen diesen beiden Extremen einordnen.
Leider tendiert Rowling eher in die lewis’sche Richtung, auch wenn dies auf den ersten Blick nicht so leicht zu erkennen ist, da es bei ihr weder um Gott noch Sünde geht. Erste Anzeichen dafür finden sich aber bereits in Dumbledores Ausführungen über den Stein der Weisen: "Weißt du, eigentlich war der Stein gar nichts so Wundervolles. Geld und Leben, so viel du dir wünschst! Die beiden Dinge, welche die meisten Menschen allem anderen vorziehen würden – das Problem ist, die Menschen haben den Hang, genau das zu wählen, was am schlechtesten für sie ist." Das ist zumindest eine etwas merkwürdige Formulierung, denn sollte man den Wunsch nach einem möglichst langen Leben tatsächlich mit der Gier nach Geld auf eine Stufe stellen? Und hat es dem guten Albus vielleicht geschadet, dass er das methusalmsche Alter von einhundertfünfzig Jahren erreicht hat? Wirklich mulmig aber wird mir, wenn ich den folgenden Satz zu lesen bekomme: "Schließlich ist der Tod für den gut vorbereiteten Geist nur das nächste große Abenteuer." (S. 323) Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man den Tod als Tod oder als Abschluss und damit Bestandteil des Lebens bejaht.
Narnia ist mir aus ästhetischen wie aus ideologischen Gründen verhasst, aber C.S. Lewis macht zumindest keinen Hehl daraus, dass seine Bücher als eine christliche Allegorie zu verstehen sind. Er war ein tiefgläubiger Mensch, und seine Verherrlichung des Todes in The Last Battle ist bloß der konsequente Ausdruck seiner Art von Christentum. Rowling versteht sich zwar ebenfalls als Christin, doch ist ihr Glaube keineswegs so gefestigt – und fanatisch – wie der des alten Inklings. Sie hat es so ausgedrückt: "[M]y faith is sometimes about if my faith will return." Und so werden wir in Harry Potter zwar mit einer ganz ähnlichen Einstellung zum Tod konfrontiert wie in Narnia, doch ohne den religiösen Kontext, der diese zwar nicht akzeptabler, aber zumindest verständlich macht.
Seine volle Entfaltung findet das, was sich in Dumbledores Bemerkungen bereits andeutet, in Harrys Opfer in den Heiligtümern des Todes. Dass der Zauberlehrling dabei zu einer Art Christusfigur avanciert, ist eher nebensächlich. Entscheidend sind vielmehr die Worte, mit denen die Geister von James, Lily, Lupin und Sirius ihm bei seinem Opfergang Mut zusprechen:
"‘You are nearly there,’ said James. ‘Very close. We are ... so proud of you.’ ‘Does it hurt?’ The childish question had fallen from Harry's lips before he could stop it. ‘Dying? Not at all,’ said Sirius. ‘Quicker and easier than falling asleep.’" (6)
Es geht hier um den Tod eines siebzehnjährigen Jugendlichen, und in diesem Zusammenhang finde ich es einfach abstoßend, davon zu reden, Sterben sei wie Einschlafen – ‘schnell und leicht’! Das Schreckliche am Tod ist doch nicht der Augenblick, in dem das Herz aufhört zu schlagen, sondern seine Endgültigkeit, die Vernichtung aller künftigen Entwicklungsmöglichkeiten. Was hätte dieser Junge in seinem Leben noch alles tun, fühlen, erleben können! Der eigenen Sterblichkeit ohne Angst zu begegnen, ist allgemein gesprochen sicher eine erstrebenswerte Haltung. Doch heißt das nicht, dass ein gesunder junger Mensch ohne Zögern bereit sein sollte, in den Tod zu gehen. Eine solche Tragödie mit derart billigen Sprüchen abzutun, ist nur möglich, wenn man von der Existenz eines Jenseits überzeugt ist, das um ein vielfaches begehrenswerter ist als das irdische Leben. Und tatsächlich landet Harry ja in einer Art Vor-Himmel, wo ihn der gütige Dumbledore erwartet. Also wenn das J. K. Rowlings Antwort auf das Problem der Sterblichkeit ist, dann kämpfe ich mich lieber noch mal durch die Narnia-Bücher. Aslan ist wenigstens ein echter Löwe von Juda, Albus hingegen bloß ein toter Zauberer mit einer Vorliebe für Zitronenbrausebonbons.
Man mag einwenden, Harrys finale Konfrontation mit Voldemort sei nicht als Aussage über den Tod gemeint, sondern als Beispiel dafür, dass es Situationen gibt, in denen man bereit sein muss, alles – sogar das eigene Leben – zu opfern, denn "there are far, far worse things in the living world than dying"; (z.B. die Schreckensherrschaft eines nasenlosen Psychopathen). Zweifelsohne war dies eines von Rowlings Anliegen, aber die Art, in der sie die Szene angelegt hat, lässt Harry nicht als einen Kämpfer erscheinen, der im erbitterten Widerstand gegen die Mächte von Terror und Unterdrückung fällt, sondern als ein Opferlamm, das bereitwillig zur Schlachtbank trottet. Der vielgerühmte Mut Harrys – der legendäre Mut der Gryffindors – beweist sich letztenendes nicht in Aktion und Kampf, sondern im Annehmen der eigenen Bestimmung und im Akzeptieren des Todes. Ich muss da unwillkürlich an Ambrose Bierces Definition von ‘Märtyrer’ denken: "One who moves along the line of least reluctance to a desired death."
Alle Potterfans – und nicht nur sie – könnten mir jetzt vorwerfen, dass ich schon wieder über Sachen urteile, die ich überhaupt nicht gelesen habe. Sie hätten vollkommen recht, und ich sollte darum wohl besser aufhören. Vielleicht besorg ich mir irgendwann einmal Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – und wenn auch nur, weil ich unbedingt mit gutem Gewissen einen Vergleich zwischen dem Selbstopfer Harrys und dem Ofelias in Guillermo del Toros El Laberinto del Fauno anstellen will. Ich glaube, dass wäre sehr aufschlussreich.
Das für mich Auffälligste an Harry Potter bleiben die disparaten Bestandteile, aus denen die Geschichte zusam-mengesetzt ist. Da steht die Internatsgeschichte neben dem Fantasyepos, der Spießeralptraum der Dursleys neben dem Spießeridyll der Weasleys, der auserwählte Held neben der Wettbewerbsethik, die säkularisierte Zauberer-welt neben der religiösen Botschaft vom Tod als dem ‘nächsten großen Abenteuer’, der Rassismus der ‘Todesser’ neben dem rassistischen Klischee der glücklichen Sklaven, die Verurteilung aristokratischer Arroganz neben der Blutmystik und dem Motiv vom ‘Returning Prince’. Zum einen belegt das ganz einfach, was für eine nachlässige Schriftstellerin J. K. Rowling ist. Oberflächliche Details weiß sie angeblich sehr geschickt miteinander zu verknüpfen – so erhält vieles, was in den ersten Bänden nebensächlich erscheint, später eine Bedeutung –, aber es macht nicht den Eindruck, als habe sie ihre Erzählung auf einer tieferen Ebene ernsthaft durchdacht. Andererseits passt die innere Widersprüchlichkeit des Potterversums ganz ausgezeichnet zu dem Jahrzehnt, in dem die Bücher entstanden sind; einer Zeit, die besonders stark geprägt war von der Auflösung fester Standpunkte, der falschen Toleranz des ‘kann man so, aber auch so sehen’, der postmodernen Beliebigkeit. Das erklärt vielleicht auch, warum Harry Potter selbst unter vielen Feuilletonisten Anklang gefunden hat. Jeder konnte sich das herauspicken, was ihm persönlich mundete, der Konservative wie der ‘Progressive’, der Christ (7) wie der Agnostiker, der Verteidiger traditioneller ‘Familienwerte’ wie der brav gewordene Antiautoritäre. Und gegen Nazis sind wir schließlich alle, oder? (8)
Selbst so heftige Kritiker Rowlings wie Andrew Rilstone oder Dan Hemmens und Kyra Smith von FerretBrain waren ursprünglich Fans der ersten drei Potter-Bände. Und so glaube ich, das Beste, was die Autorin zu leisten imstande war, findet sich bereits im Stein der Weisen. Meiner Meinung nach sind das jene schon erwähnten verschrobenen Details, die Hogwarts so liebenswert erscheinen lassen, ob dies nun magische Schokofrösche, der Fast Kopflose Nick oder Hagrid mit seiner Vorliebe für Drachen und andere eher ungewöhnliche ‘Haustiere’ ist. Ein Buch, in dem das fürchterlichste Ungeheuer den Namen Fluffy trägt, hat bei mir jedenfalls erstmal ein Stein im Brett. Selbst Dumbledore erscheint noch nicht ausschließlich als der stereotype Mentor des Helden mit Tausend Gesichtern, sondern zugleich als eine leidlich sympathische und exzentrische Gestalt, die sogar über die gerade in der ‘klassischen’ Fantasy unschätzbare Eigenschaft der Selbstironie verfügt. Aber leider ist nur zu klar, dass die neckische, kleine Abenteuergeschichte, die sich in diesem Umfeld abspielt, letztenendes auf die x-te Version des epischen Kampfes gegen den Dunklen Herrscher {Satan – Sauron – Sith-Lord} hinauslaufen wird. Und das ist verflucht frustrierend.
Ich kann nicht beurteilen, ob die Potter-Mania in erster Linie das Produkt einer "ausgeklügelte[n], persönlich wirkende[n] Marketingmaschinerie" gewesen ist, "die wohl noch heute ihresgleichen sucht", wie ‘moyashi’ in der Bibliotheka Phantastika schreibt, oder ob "es völliger Schwachsinn ist, wenn Leute denken Joanne K. Rowling sei nur deshalb so erfolgreich, weil sie eine gute Marketingagentur hat", wie Elvir Dolic in Sono Nr. 5 behauptet. Ich tendiere eher zu ersterer Ansicht, aber vielleicht ist das bloß der Zyniker in mir. Letztenendes ist es auch nicht wirklich wichtig. Fakt bleibt, dass Rowlings Bücher für eine große Anzahl von Mädchen und Jungen der Einstieg in die Literatur und die Phantastik gewesen ist. (9) Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes zusammen mit Harry Potter aufgewachsen. Und da muss man sich schon fragen, welche Auswirkungen eine elfjährige Fütterung mit derart konventioneller Kost wohl haben könnte. Feststehen dürfte zumindest, dass der Erfolg des Töpferjungen nicht dazu beigetragen hat, die Phantastik aus dem Gefängnis der Klischees zu befreien. Natürlich können auch die in Hogwarts Sozialisierten ihren Weg aus den Ödnissen der 08/15-Fantasy in die wirklich interessanten Gefilde von Faërie finden, aber Rowlings Werk wird sie nicht dazu animieren. Elf Jahre Potter werden sie eher daran gewöhnt haben, in der Phantastik das Banale, Stereotype und Ungefährliche zu suchen, nicht das Komplexe, Originelle und Subversive.
Die begrüßenswerteste Folge des Hypes um den Töpferjungen dürfte es gewesen sein, dass damit besseren Büchern als ihm der Weg auf den Markt geebnet wurde, wie z.B. Jonathan Strouds Bartimäus-Trilogie. Die Geschichten um den zynischen Dschinn, seinen ehrgeizigen Meister Nathanael und die Rebellin Kitty sind sicher nicht makellos, aber witzig und respektlos erzählen sie von der demoralisierenden Wirkung des Lebens in einer Klassengesellschaft und behandeln auf sehr viel intelligentere Weise, als es Rowling je möglich gewesen wäre, die Fragen von Macht, Unterdrückung und Revolte. Leider scheinen manche Fantasyfans nicht recht begriffen zu haben, dass die Qualität von Strouds Bartimäus gerade auf dem Umstand beruht, dass es sich bei ihm um eine Art Anti-Potter handelt. Bei meinen Streifzügen durch die deutschsprachigen Fantasyforen bin ich sogar einmal einer Person begegnet, die den Autor allen Ernstes für einen Rowling-Epigonen hält. Ebensogut könnte man Michael Moorcocks Elric als das Werk eines Howard-Epigonen bezeichnen.
Bei dem Problem Potter geht es halt nicht nur um das Image der Fantasy, sondern auch darum, wie die Fans ihr eigenes Lieblingsgenre sehen. Die Bücher gewannen regelmäßig den Deutschen Phantastik Preis, der bekanntlich aufgrund einer Online-Abstimmung vergeben wird, in der Kategorie ‘Bester internationaler Roman’. Und ein kurzer Rundblick über die betreffenden Foren (forumos ausgenommen) hat bei mir den Eindruck hinterlassen, dass ein ordentlicher Prozentsatz des Fandoms sie nach wie vor zu den besten Fantasyromanen zählt, was ich denn doch bedenklich finde. Besonders verwundert hat mich, dass ausgerechnet jemand wie Frank Weinreich, der es sich doch zur Aufgabe gemacht hat, der Phantastik auch außerhalb des Fandoms zu einem höheren Ansehen zu verhelfen, Harry Potter mit Samthandschuhen anfasst. Zwar hat er, wie aus einigen Randbemerkungen in seinen Essays hervorgeht, von den beiden letzten Bänden keine hohe Meinung, dennoch verwendet er die Geschichte vom Töpferjungen regelmäßig als Paradebeispiel für Fantasy, "because it takes up all the topics which fantasy makes so appealing [sic]: magic, mystery, heroism, love, and friendship on the first level and the topic of the struggling individual which has to rely on nothing but its inner strength on the level underneath." Er bezeichnet sie gar als "Fantasy-Highlight" und verteidigt sie gegen jede Kritik, die das böse Wörtchen ‘Eskapismus’ enthält. Wie ich das sehe, tut er dem Genre, das er so liebt, damit keinen Gefallen. Vielleicht denkt er, die Popularität Harry Potters könnte dazu benutzt werden, ein breiteres Publikum für die Fantasy im allgemeinen zu interessieren. Das wäre jedoch ähnlich verfehlt, wie wenn man die äußerst erfolgreiche TV-Serie Stargate als Aushängeschild für die Science Fiction verwenden würde. Natürlich sind die Potter-Bücher bei weitem nicht so mies wie dieses Gemisch aus Militarismus, neokolonialistischer Arroganz, US-amerikanischem Größenwahn und Space Opera - Klischees, das nur durch eine Prise Selbstironie etwas erträglicher gemacht wird. Aber soll das alte Strickmuster der High Fantasy, das sich unter der charmanten Kinderbuchhülle verbirgt, wirklich für alle Zeiten als die exemplarische Verkörperung des Genres gelten?
Die phantastische Literatur ist ungeheuer vielfältig, und angesichts zahlreicher interessanter und innovativer Entwicklungen in den letzten fünfzehn Jahren erscheint mir Harry Potter einfach als ein Rückschritt. Ähnlich wie Eragon zementiert er überkommene Stereotypen, die ohnehin immer noch stark genug sind. Weinreich ist der Überzeugung, dass "[t]he books by Joanne K. Rowling and the movies by Peter Jackson are two important pillars on which fantasy today stands, and from which derive most successful works within the genre." Mit ‘erfolgreich’ meint er hier wohl ‘kommerziell erfolgreich’. Nach allem, was mir bekannt ist, überschätzt er glücklicherweise den Einfluss der beiden Blockbuster. Natürlich ist der Töpferjunge für die Explosion der YA-Fantasy mitverantwortlich, aber deren Gestalt hat er nicht bestimmt. Es mag ja so manche Potter-Derivate da draußen geben, aber beherrschen sie tatsächlich das Subgenre? Zumal es Fantasybücher für Jugendliche schon lange vor Rowling gegeben hat – es reicht bloß Namen wie Diana Wynne Jones oder Charles de Lint zu nennen. Insofern JKR auch inhaltlichen Einfluss auf das Genre ausgeübt hat, sollte jeder Freund und jede Freundin der Phantastik eine unbarmherzig kritische Position gegenüber dem Töpferjungen beziehen.
(1) Dass wir Harrys naturgegebenes sportliches Talent offenbar bewundern, Hermines intellektuellen Lerneifer hingegen belächeln sollen, sei nur am Rande erwähnt. Auf einem Besen durch die Lüfte zu sausen ist halt cooler, als ein Buch auswendig zu lernen, oder? Angeblich war Rowling ja auch äußerst irritiert, als sie bemerken musste, dass sich in ihrer Fangemeinde eine Gruppe herauszubilden begann, deren Sympathien Snape gehörten.
(2) Zumindest in der Verfilmung von Orden des Phönix gibt es eine Szene, in der Harry seiner Furcht Ausdruck verleiht, dass er aufgrund der vielen üblen Erfahrungen seines Lebens Voldemort wohlmöglich immer ähnlicher wird. Woraufhin Sirius Black ihn ungefähr wie folgt zu beruhigen versucht: "Du bist kein böser Mensch. Du bist ein guter Mensch, dem böses widerfahren ist." Lebenserfahrungen sind also eindeutig zweitrangig, primär ist die eigene ‘Natur’.
(3) Zit. nach: Daniel Hemmens: Harry Potter and the Doctrine of the Calvinists.
(4) Zit. nach: Daniel Hemmens: Harry Potter and the Deathly Hallows: Chapter 24 - Epilogue.
(5) In The Last Battle.
(6) Zit. nach: Daniel Hemmens: Harry Potter and the Deathly Hallows: Chapter 24 - Epilogue.
(7) Ich bin mir der Hetzkampagnen christlicher Fundamentalisten (einschließlich des damaligen Großinquisitors Ratzinger) gegen Rowlings Bücher sehr wohl bewusst und stehe da natürlich ganz auf der Seite von JKR und ihren Fans. Aber diese bigotten Hexenjäger halten vermutlich jedwede Fantasy, außer C. S. Lewis oder solchem Murks wie Rev. Graham Taylors Shadowmancer, für Teufelszeug. Ein gutes Beispiel für eine explizit christliche, und dennoch positive Potter-Rezeption ist Ken Jacobsens Harry Potter and the Secular City: The Dialectical Religious Vision of J. K. Rowling.
(8) Dass Salman Rushdie Rowlings Büchern gar eine ‘revolutionäre’ Kraft zugeschrieben hat, ist für mich bloß ein weiterer Beleg für den kontinuierlichen Niedergang dieses Schriftstellers – lang lang ist’s her, dass er uns die Mitternachtskinder und die Satanischen Verse geschenkt hat.
(9) Die oft wiederholte Behauptung, sie hätten eine ganze Generation zum Lesen zurückgeführt, freilich scheint nicht zu stimmen. Untersuchungen haben offenbar gezeigt, dass sie "nur die Aufmerksamkeit fokussiert und anderen Büchern ihr Publikum weggenommen" haben. (Vgl.: Friedhelm Schneidewind: Das Phänomen Harry Potter.)
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