"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Freitag, 18. Mai 2012

Auch wenn kein Blut tropft

Mit The House That Dripped Blood aus dem Jahre 1970 bewegen wir uns ungefähr auf dem gleichen Niveau wie bei From Beyond the Grave. Und wie dort sticht auch hier eine der Episoden in qualitativer Hinsicht deutlich hervor. Daneben aber funktioniert hier ausnahmsweise einmal auch die humorige Geschichte, was in den Amicus-Episodenfilmen sonst eher nicht der Fall ist. Als Regisseur hatten sich Max & Milton mit Peter Duffell diesmal einen TV-Mann geangelt, als Stars waren Peter Cushing, Christopher Lee und Ingrid Pitt verpflichtet worden, und für das Drehbuch zeichnete der alte Lovecraft-Kumpel und Psycho-Autor Robert Bloch verantwortlich.
Duffell wollte dem Film ursprünglich den recht prätentiösen Titel The Death and the Maiden verpassen, u.a. deshalb weil wir in einer der Geschichten Schuberts Streichquartett zu hören bekommen, aber Subotsky setzte lieber auf das Reißerische als auf das Kulturvolle, was angesicht des Formats durchaus angemessen erscheint. Entsprechend schaut denn auch der Trailer aus:


Ja, das ist Trash, aber es ist guter Trash. Und es ist selbstironischer Trash.
Alle vier Episoden drehen sich um ein Haus und seine Bewohner. Kürzlich ist der bekannte Schauspieler Paul Henderson, der sich dort einquartierte, auf mysteriöse Weise verschwunden, und Scotland Yard hat Inspektor Holloway geschickt, um den Fall aufzuklären. Dieser bekommt vom örtlichen Polizisten und dem Makler, der für die Vermietung des Hauses verantwortlich ist, zuerst einmal Geschichten über frühere Bewohner und deren Schicksale erzählt.

Die ersten beiden Episoden leben vor allem von ihren Hauptdarstellern Denholm Elliot und Peter Cushing, sowie von den geschickten und stimmungsvollen Inszenierungen Duffels.
Man sollte nie vergessen, über welch geringes Budget der Regisseur bei solchen Produktionen verfügte. Entsprechend beschränkt war er in der Auswahl seiner Settings. Und Duffell holt wirklich das größtmögliche aus diesem begrenzten Potential heraus. Insbesondere gelingt es ihm immer wieder, das Haus (in Wirklichkeit ein ‘gothic’mäßig aufgemotztes Cottage auf dem Studiogelände) und seine Räumlichkeiten – vor allem die Treppe und das Studierzimmer – geschickt in Szene zu setzen.
Leider sind die Stories selbst nicht besonders überzeugend. In Method for Murder versucht Bloch zu clever zu sein, und Waxworks mangelt es bei Lichte betrachtet an der auch in einer phantastischen Geschichte notwendigen Logik.

Richtig gut wird es dann, wenn Christopher Lee, Nyree Dawn Porter und die elfjährige Chloe Franks in Sweets to the Sweet die Bühne betreten. Ein steifer, reservierter Witwer, der seine kleine Tochter äußerst kühl, man könnte beinahe meinen gefühllos behandelt und von der Welt und dem Leben abzuschotten versucht. Eine ebenso intelligente wie warmherzige Hauslehrerin, auf die das Verhalten des Vaters immer merkwürdiger und empörender wirkt. Und schließlich das kleine Mädchen selbst, das mehr ist, als es zu sein scheint. Ich werde die Auflösung nicht verrraten, aber das großartige an dieser Episode ist ihre Ambivalenz. Wer ist hier der oder die Böse? Haben wir es mit eingeborener Grausamkeit oder mit einer über alle Stränge schlagenden Form von Vergeltung oder Widerstand zu tun?

Die Entscheidung, die humorvolle Episode nicht wie gewöhnlich in der Mitte, sondern am Ende zu plazieren, wirkt auf den ersten Blick eigentümlich. Duffell fehlt damit die Gelegenheit, vor dem Finale erneut eine unheimliche Stimmung aufzubauen. Klugerweise versucht er das auch gar nicht erst, sondern lässt den Film stattdessen mit einer ausgesprochen grotesken Sequenz ausklingen. The House That Dripped Blood beginnt als typischer Amicus-Horror und endet als Parodie auf denselbigen. Diese eigenartig hybride Form wirkt zwar etwas irritierend, aber irgendwie auch charmant.
Bedauerlicherweise war es Vincent Price unmöglich, den ihm angebotenen Part des Paul Henderson zu übernehmen, da ihm sein Vertrag mit American International Pictures untersagte, in Horrorfilmen anderer Studios aufzutreten. Ohne die Leistung Jon Pertwees – des dritten Doctor Who – schmälern zu wollen, hätte Price der Episode The Cloak sicher noch einen zusätzlichen Kick verliehen.
Henderson ist ein eitler Horrordarsteller, der in einem Low Budget - Vampirstreifen à la Hammer mitwirken soll. Seine Filmpartnerin Carla Lind wird von Ingrid Pitt gespielt, die nach ihren Auftritten in der Carmilla-Adaption The Vampire Lovers und in Countess Dracula die Vampirlady der Zeit war. Die Szenen auf dem Set machen sich über die Eigenheiten des Brit-Horrors lustig: Papp-Kulissen, ein junger, unerfahrener Regisseur, ein extrem enger Drehplan, ein reißerischer Titel (The Curse of the Bloodsuckers). Derweil singt Henderson Oden auf die Universal - Klassiker der 20er/30er, "the old ones, the great ones ... Frankenstein, Phantom of the Opera, Dracula – the one with Bela Lugosi of course, not this new fellow [= Lee, den wir ja noch kurz zuvor gesehen haben]". Entsetzt über den Umhang, den er tragen soll ("Who does this belong to, the Flying Nun?"), macht er sich auf die Suche nach einem stilvolleren Vampirkostüm und gelangt dabei in einen merkwürdigen Antiquätenladen. Die Figur des sinistren Besitzers Theo von Hartmann, verkörpert von Geoffrey ‘Catweazle’ Bayldon, ist eine Hommage an den großen Ernest Thesiger in seiner Rolle als Dr. Pretorius in James Whales Bride of Frankenstein. Der Umhang, den Henderson dort erwirbt, erweist sich schon bald als sehr authentisch, und die Handlung begibt sich mit Volldampf in die Gefilde des Absurden. Petwee und Pitt hatten offensichtlich einen Höllenspaß. Zuguterletzt wird auch Inspektor Holloway in diese grotesken Ereignisse verstrickt. Ein Jammer allerdings, dass Duffell das Finale im Keller auf Anweisung des Verleihs kürzen und umarrangieren musste. Dieses war ursprünglich als ironische Verbeugung vor dem Stummfilm-Horror mit seiner Vorliebe für das Spiel mit den Schatten (Nosferatu) gedacht, was zwar auch in der verstümmelten Fassung noch zu erkennen ist, aber eben nicht mehr so zur Wirkung kommt, wie von Duffell beabsichtigt.

Was bleibt zu sagen? The House That Dripped Blood ist ein eigenartiges Mischwesen unter den Amicus - Episodenfilmen. Sehenswert, aber kein echter Knaller. Und in Sachen Groteske wird er von unserem nächsten Kandidaten – The Vault of Horror – noch deutlich übertroffen werden.

Dienstag, 15. Mai 2012

Bevor mich der Blitz beim Scheißen trifft

Ich liebe J.R.R. Tolkien und ich verachte C.S. Lewis. Auf den ersten Blick wirkt diese entgegengesetzte Reaktion auf zwei einander nahestehende Schriftsteller absolut willkürlich. Einer wie der andere war Vertreter eines ultrakonservativen, antimodernen Weltbildes, und um ehrlich zu sein, in vielen Fällen erwies sich ‘Tollers’ als der schlimmere Reaktionär. Lewis hat wenigstens nicht General Franco und seinen Faschisten zugejubelt.

Meine Gefühle für Tolkien sind sicher nicht frei von Sentimentalität. Ich habe sein Werk im Alter von elf, zwölf Jahren kennengelernt, und das war keine glückliche Periode in meiner Kindheit. Inmitten von Einsamkeit und Depression war Mittelerde so etwas wie ein rettendes Eiland. Ich werde den Herr der Ringe deshalb nie ganz unbeteiligt betrachten können, so kritisch mein Blick auf ihn inzwischen auch geworden ist.   Es gibt denke ich aber auch objektivere Gründe für die scharfe Trennung, die ich zwischen den beiden Freunden vornehme. Tolkien war nicht nur einfach der bessere Schriftsteller (im Sinne von Sprachkünstler), seine Sicht der Welt, wie sie sich in seinen Werken widerspiegelt, scheint mir auch differenzierter und humaner zu sein. Vor allem fehlt ihm die bösartige Gehässigkeit, die den wohl unangenehmsten Charakterzug des Literaten Lewis ausmacht. Ursula K. Le Guin bemerkte einmal sehr treffend, die meisten von Lewis’ Büchern seien "full of hatred and contempt for people who [don't] agree [with him]. The division into good and evil [i]s different from Tolkien, where evil beings are only a metaphor for the evil in our lives; he never casts people into the outer darkness as Lewis enjoyed doing."

Das vielleicht eindringlichste Beispiel hierfür ist der 1945 veröffentlichte Roman That Hideous Strength (Die böse Macht), der dritte Teil der Perelandra-Trilogie. Daneben illustriert er auf vorzügliche Weise, wie reaktionär die ideologische Ausrichtung der Inklings tatsächlich war. Wer sich in dieser Hinsicht noch irgendwelche Illusionen macht, sollte sich unbedingt einmal durch den Wälzer hindurchquälen. Ein Vergnügen ist das allerdings nicht. Tolkien mochte den Roman übrigens nicht besonders, was aber ausschließlich stilistische Gründe hatte. Als Lewis ihn im Kreis der Inklings vorzulesen begann, notierte er in sein Tagebuch: "Kitschig, wie ich befürchtete." (1) Der Einfluss von Charles Williams’ ‘metaphysischen Thrillern’ (Descent to Hell, All Hallows’ Eve) ist bei That Hideous Strength besonders deutlich zu spüren, und da Tolkien "Williams Ideen völlig antipathetisch gegenüber" stand, glaubte er, dass der "Kontakt mit C. S. Williams und seinem ‘Artus’-Zeug" (2) das Buch völlig verdorben habe – "so gut es für sich genommen auch ist". (3) Der einschränkende Zusatz macht deutlich, dass die ihm zugrundeliegenden Wertvorstellungen von Tolkien voll und ganz geteilt wurden.


Im Zentrum des Romans steht das Ehepaar Jane und Mark Studdock. Mark ist ein junger, ehrgeiziger und ziemlich oberflächlicher Soziologiedozent an der Universität Edgestow, der unbedingt in die einflussreichen und ‘progressiven’ Kreise des akademischen Establishments aufsteigen will. Er erhält die Chance, Mitglied der neu gegründeten Organisation N.I.C.E. (National Institute for Coordinated Experiments) zu werden, deren offizielles Ziel es ist, die Gesellschaft nach wissenschaftlichen Grundsätzen umzugestalten, und die dabei ist, eine Art Staat im Staate zu werden. In Wirklichkeit ist das Institut ein Instrument Satans. In ihm verkörpern sich die verhassten Kräfte der Moderne und der eitle und ignorante Horace Jules – das offizielle Oberhaupt der Organisation – ist ein karrikierter H. G. Wells. Der Titel des Romans ist übrigens ein Zitat aus dem Gedicht Ane Dialog Betuixt Experience And Ane Courteour des schottischen Renaissance-poeten David Lyndsay. Dort bezieht sich die Formulierung auf den Turm von Babel: "The schaddow of that hydduous strenth/ Sax myle and more it is of lenth" (V. 1751f.). Und der mythische Wolkenkratzer ist ja schon immer eine der beliebtesten Metaphern für die angebliche Hybris der Moderne gewesen.

Während Mark also auf den Pfaden des Bösen wandelt, schließt sich die hellseherisch begabte Jane nach anfänglichem Zögern einer kleinen Schar Aufrechter an, die sich unter Führung Arthur Ransoms – des ‘Meisters’ – in einer Art Kommune in St. Anne zusammengefunden hat, um der teuflischen Bedrohung Widerstand zu leisten.
Die Ereignisse spitzen sich zu, als der unter dem Wald von Bracton ruhende Merlin zu neuem Leben erwacht und sich dem ‘Meister’, der zugleich der ‘Pendragon von England’ ist, anschließt (soviel zum ‘Artus-Zeug’). Und als wäre das nicht schon abstrus genug, steigt zuguterletzt auch noch eine Schar von Engeln aus den himmlischen Sphären herab, um den Zorn Gottes über die Anhänger von N.I.C.E. zu bringen.

Michael Moorcock schreibt in Epic Pooh über Lewis, Tolkien und ihre Brüder im Geiste: "One should perhaps feel some sympathy for the nervousness occasionally revealed beneath their thick layers of stuffy self-satisfaction, typical of the second-rate schoolmaster, but sympathy is hard to sustain in the teeth of their hidden aggression which is so often accompanied by a deep-rooted hypocrisy". (4) Und tatsächlich ist That Hideous Strength trotz einiger treffender Beobachtungen über die Machtgier elitärer Technokraten ein alles in allem unerträglich heuchlerisches, unehrliches und bösartiges Stück Literatur.

So etwas wie Schutzpatron und ideologischer Übervater der Inklings war Gilbert Keith Chesterton. Heute vielen vielleicht nur noch als Schöpfer Pater Browns bekannt, war dieser geistreiche Prediger eines lebensfrohen Katholizismus der wohl einflussreichste Kritiker der Moderne im England des beginnenden 20. Jahrhunderts – eine faszinierende und widersprüchliche Gestalt, der man mit mit der simplen Bezeichnung 'Reaktionär' nicht gerecht wird. Ziel seiner mit viel Witz und Verve vorgetragenen Attacken waren neben Autoren wie Wells und George Bernard Shaw der Rationalismus, die materialistische Philosophie, der Fortschrittsgedanke, Nietzsche, der Skeptizismus, der Kapitalismus, Darwins Evolutionstheorie, der Feminismus, der Sozialismus, die ‘freie Liebe’ und ein gutes Dutzend weiterer ‘Ketzereien’.
In seinem Buch Orthodoxy hatte Chesterton den Rationalisten mit einem Verrückten verglichen, denn wenn die menschliche Vernunft die ihr von den religiösen Autoritäten gesetzten Grenzen nicht mehr anerkenne, so werde sie an sich selbst irre werden und in Wahnsinn und Selbstvernichtung enden.  Es ist dieser christliche Antiintellektualismus, der den Gegner als krankhaft und pervers verleumdet, während er zugleich die eigene spießige Mittelmäßigkeit zum Maßstab für geistige Gesundheit erklärt, der Lewis’ Roman zu einer wirklich abstoßenden Lektüre macht. Philosophischer Materialismus und Empfängnisverhütung, Psychoanalyse und gesellschaftliche Planung, Soziologie und Frauenemanzipation, Homosexualität und humanitäre Reform des Strafvollzugs, surrealistische Malerei und Tierversuche – all das ist nicht nur 'böse', sondern widernatürlich, oder wie Lewis sich ausdrückt ‘verbogen’ (‘bent’). Der Kampf zwischen St. Anne und N.I.C.E. ist ein Kampf zwischen ‘Normalität’ und ‘Perversion’. Und was ist ‘normal’? Moral, Geschmack und Lebensstil der englischen Mittelklasse. St. Anne ist einfach eine konservative Teegesellschaft, die sich einbildet, Camelot zu sein.

Der bedeutende Genetiker und überzeugte Atheist J.B.S. Haldane – nebenbei bemerkt ein Bruder der großen Fantasyautorin Naomi Mitchison – sah sich veranlasst, eine vernichtende Kritik der Perelandra-Trilogie unter dem hübschen Titel Auld Hornie, F.R.S. zu verfassen. (5) In ihr machte er Lewis nicht nur den berechtigten Vorwurf, dieser verstehe nichts von der Wissenschaft, die er verdamme (6), sondern hob vor allem den antihumanistischen Charakter des Werkes hervor: "[M]y main quarrel with Mr. Lewis is not for his attack on my profession, but for his attack on my species. I believe that, without any supernatural promptings, men can be extremely good or extremely bad. He must explain human evil by the Devil, and human virtue by God. For him, human freedom is a mere choice between alternatives presented to our souls by supernatural beings. For me it is something creative, in the sense that each generation makes newer and greater possibilities of good and evil. [...] Mr. Lewis's characters are confronted with moral choices like slugs in an experimental cage who get a cabbage if they turn right and an electric shock if they turn left."
Die unausweichliche Konsequenz eines solchen Moralverständnisses ist der Autoritarismus. Chesterton hatte in den kirchlichen Autoritäten die unverzichtbaren Kontrollorgane gesehen, die die Menschheit vor den zerstörerischen Folgen einer ungezügelten Vernunft beschützen sollten, und war dabei u.a. zu völlig neuen Einsichten in die humanitäre Mission der Heiligen Inquisition gelangt: "Man, by a blind instinct, knew that if once things were wildly questioned, reason could be questioned first. The authority of priests to absolve, the authority of popes to define the authority, even of inquisitors to terrify: these were all only dark defences erected round one central authority, more undemonstrable, more supernatural than all – the authority of a man to think." (7) Aus gutem Grund setzte sein Freund und Mitstreiter Hilaire Belloc an den Anfang seines Buches Europe and the Faith die lateinische Sentenz Sine auctoritate nulla vita – ‘Ohne Autorität gibt es kein Leben’. Und selbstverständlich gehört es auch für C. S. Lewis zur ‘Normalität’, die gottgegebene Rangordnung unter den Menschen anzuerkennen. Gehorsam ist offenbar eines seiner Lieblingsworte. Dem ‘Meister’ ist seine Autorität vom Himmel übertragen worden, darum muss seinen Befehlen im Ernstfall blindlings folgegeleistet werden. Die Frage ist Lewis so wichtig, dass er sie sogar exemplarisch durchdiskutieren lässt. Zum Kreis von St. Anne gehört nämlich auch der skeptische MacPhee, der die vernünftige Frage nach der Grundlage von Ransoms uneingeschränkter Autorität stellt: "Ich erinnere mich nicht genau, wie Sie dazu kamen, daß man Sie Meister nennt: aber dieser Titel und ein paar andere Anzeichen lassen darauf schließen, daß Sie sich mehr als Führer einer Organisation denn als der Gastgeber einer Hausgesellschaft fühlen." Worauf Ransom lächelnd erwiedert: "Ich bin der Meister [...] Meinen Sie, ich würde mir die Autorität herausnehmen, die ich beanspruche, wenn die Beziehungen zwischen uns von Ihrer oder meiner Wahl abhingen? Sie haben mich nicht gewählt, ich habe Sie nicht gewählt. Selbst die großen Oyeresu [eine Engelsklasse], denen ich diene, erwählten mich nicht. [...] Es ist zweifellos eine Organisation, aber wir sind nicht die Organisatoren." Mit diesem Argument lässt sich jede x-beliebige theokratische Despotie legitimieren. Die Figur des MacPhee soll das Ganze wohl etwas ausgewogener erscheinen lassen. Aber da um ihn herum quasi am laufenden Band Wunder geschehen, wirkt sein Skeptizismus ungefähr so lächerlich wie der von Scully in Akte X. Aus gutem Grund hält ihn der wiedererwachte Merlin für Ransoms Hofnarren. Das entwertet natürlich auch seinen argumentativen Standpunkt, und so sind seine Diskussionen mit dem ‘Meister’ in Wahrheit nichts weiter als sinnloses Wortgeplänkel.
Die Figur der Jane Studdock dient Lewis außerdem dazu, seine Ansichten über das richtige Verhältnis von Mann und Frau darzulegen. Die von modernen Vorstellungen über Emanzipation und Gleichberechtigung irregeleitete junge Frau lernt in St. Anne nämlich, dass es zu den Pflichten eines christlichen Eheweibs gehört, ihrem Mann zu gehorchen. Gemeint ist damit freilich keine sklavische Unterwerfung, sondern das ‘harmonische Sich-Einfügen’ in die ‘natürliche Ordnung’. Nur so sei ein glückliches Eheleben möglich. Ich kann nur wiederholen: Die Lektüre dieses Machwerks ist wirklich kein Spaß ...

In einem wichtigen Punkt allerdings unterscheidet sich That Hideous Strength sehr deutlich von Chesterton. Für diesen hatte die 'soziale Frage', der Gegensatz von reich und arm, eine zentrale Rolle gespielt. Nichts davon findet sich bei C.S. Lewis. N.I.C.E. steht in den Diensten Satans, nicht der ‘Plutokraten’. Ziel der bösen Materialisten ist nicht die Unterwerfung der Menschen unter die Herrschaft einer reichen Elite, sondern die Vernichtung alles ‘Natürlichen’ und ‘Normalen’. Haldane erwähnt in Auld Hornie, dass Lewis in einer seiner Radiosendungen erklärt habe, zwar verdammten sämtliche christlichen und antiken Denker den ‘Wucher’, aber da unsere ganze gegenwärtige Gesellschaftsordnung auf ihm basiere, sei vielleicht doch ‘etwas Gutes’ dran. Wohl nicht zufällig sind die einzigen wirklichen ‘Arbeiter’, die in That Hideous Strength auftauchen, halbkriminelle Elemente, die im Auftrag von N.I.C.E. in Edgestow einfallen, die Bevölkerung terrorisieren, Frauen vergewaltigen und die natürliche Schönheit der Landschaft durch irgendwelche sinnlosen Großbauprojekte zerstören.

Das Finale des Romans schließlich ist ein Glanzstück an heuchlerischer Doppelmoral. Die ganze Zeit über ist uns Sanftmut und Menschenfreundlichkeit gepredigt worden, doch dann lässt C. S. Lewis seinen sadistischen Rachegelüsten freien Lauf. Wie den frühchristlichen Denkern, die sich an der Vorstellung ergötzten, von ihren himmlischen Sitzen aus die römischen Senatoren im Höllenfeuer brutzeln sehn zu können, bereitet es ihm offenbar ein besonderes Vergnügen, sich das göttliche Strafgericht über die ‘Perversen’ auszumalen. Zuerst wird der ‘Fluch Babels’ über die Atheisten ausgesprochen und sie verlieren die Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren: "Qui Verbum Dei contempserunt, eis auferetur etiam Verbum hominis." – ‘Wer Gottes Wort verachtet, dem soll auch das menschliche Wort genommen werden.’ Anschließend werden die Tiere, die von den N.I.C.E. - Wissenschaftlern für Experimente vorgesehen waren, auf die verwirrte Versammlung losgelassen. Absurderweise befindet sich unter ihnen sogar ein Elefant (!), dessen Wüten Lewis so beschreibt: "Bald watete er wie ein Mädchen, das Trauben stampft, schwerfällig in einem Brei aus Blut, Knochen, Fleisch, Wein, Früchten und durchnäßten Tischtüchern." Als guter Bibelleser kennt er eben den Geschmack seines Gottes, der von sich selbst ja auch gesagt hat: "Ich allein trat die Kelter;/ von den Völkern war niemand dabei./ Da zertrat ich sie voll Zorn/ zerstampfte sie in meinem Grimm./ Ihr Blut spritzte auf mein Gewand/ und befleckte meine Kleider./ Denn ein Tag der Rache lag mir im Sinn." (Jes 63, 3-4) Chestertons Gedanken vom ‘Selbstmord der Vernunft’ wörtlich nehmend, beschreibt Lewis wie die Führer von N.I.C.E. – der Skeptiker Wither und die Materialisten Frost und Filostrato – den Verstand verlieren und sich auf ziemlich grausige Art gegenseitig umbringen. Der unverständliches Kauderwelsch vor sich hin plappernde Horace Jules - H. G. Wells ist bereits zuvor von der Chefin des N.I.C.E. - Sicherheitsdienstes, der lesbischen Sadistin Miss Hardcastle, mit einem Kopfschuss ins Jenseits befördert worden, bevor diese von den wildgewordenen Tieren und Menschen zu etwas "Schwammigem, Weißem, Blutigem" zertrampelt wird. Doch damit noch nicht genug. Gottes Zorn kommt auch über die Universitätsstadt Edgestow und radiert sie – wie weiland Sodom und Gomorrah – von der Landkarte aus. Seinen abstoßenden Höhepunkt erreicht das Szenario, wenn Lewis beschreibt, wie sich die Frauen in St. Anne – alles herzensgute und gesittete Kleinbürgerinnen – zur Feier des Sieges in prachtvolle Gewänder hüllen und dabei über Kleiderfragen tratschen – "Möchte wissen, was ein Meter von dem Zeug kosten würde." "Darin werden Sie bestimmt sehr hübsch aussehen." –, während einige Kilometer weiter eine ganze Kleinstadt dem Erdboden gleichgemacht wird.

N.I.C.E. wird als eine totalitäre Organisation beschrieben, die mit den Mitteln von Mord, Terror und Folter arbeitet. Doch das eigentliche Verbrechen besteht in Lewis’ Augen nicht in den Methoden, sondern in den Ideen der Atheisten und Materialisten. Das wird deutlich, wenn seine Helden über den Tod der Professoren von Edgestow diskutieren, die persönlich keinem Menschen je etwas zuleide getan haben: "Aber trotzdem ... gab es eine einzige in Belbury [dem Sitz des N.I.C.E.] praktizierte Doktrin, die vorher nicht von irgendeinem Professor in Edgestow gepredigt worden war? Natürlich, sie dachten nie, daß jemand nach ihren Theorien handeln würde. Niemand war bestürzter als sie, als plötzlich Realität wurde, worüber sie fünf Jahre lang geredet hatten. Es war ihr eigenes Kind, das zu ihnen zurückkam: erwachsen und nicht wiederzuerkennen, aber dennoch ihr eigenes Kind." "Sie haben nur sich selbst gespielt. Kätzchen, die sich als Tiger ausgaben. Aber es gab einen wirklichen Tiger in der Nähe, und ihr Spiel endete damit, daß sie ihn einließen. Sie haben kein Recht, sich zu beklagen, daß sie auch ein paar Stücke Blei in die Gedärme kriegen, wenn der Jäger hinter dem Tiger her ist. Es wird sie lehren, sich nicht in schlechte Gesellschaft zu begeben." (8)

Da ich selbst wohl zu diesen Kätzchen gehöre, möchte mich an dieser Stelle vorsorglich schon einmal von meinen Leserinnen und Lesern verabschieden, bevor mich der Blitz beim Scheißen trifft.

(1) Zit. nach: Humphrey Carpenter: J.R.R. Tolkien. Eine Biographie. S. 195.
(2) Brief an Dick Plotz [12. September 1965]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 276. S. 471.
(3) Brief an Michael Tolkien (Entwurf) [November/Dezember 1963. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 252. S. 446.
(4) Michael Moorcock: Wizardry and Wild Romance. S. 126.
(5) ‘Auld Hornie’ ist ein schottischer ‘Kosename’ für den Teufel; ‘F.R.S’ = ‘Fellow of the Royal Society’ [der britischen Akademie der Wissenschaften].
(6) "Lewis's contempt for science is constantly letting him down. I wish he would learn more, if only because if he did so he would come to respect it."
(7) G. K. Chesterton: Orthodoxy. S. 45.
(8) Clive Staples Lewis: Die böse Macht. S. 197; 352; 351; 350; 362f.; 373.

Sonntag, 13. Mai 2012

"Offers You Cannot Resist"

Amicus' erster Episodenfilm Dr. Terror's House of Horrors von 1964 hat mich wie berichtet nicht gerade vom Hocker gerissen. Unternehmen wir jetzt einen Sprung ins Jahr 1973, als Subotsky & Rosenberg mit From Beyond the Grave ihren letzten im sog. 'Portmanteau' - Format produzierten Horrorstreifen auf den Markt brachten.*

Im selben Jahr kam auch The Exorcist in die Kinos. Sein ungeheurer Erfolg – der Film spielte weltweit die für damalige Verhältnisse gewaltige Summe von über 441 Mio. $ ein – läutete die Totenglocke für den 'klassischen' Horror im Stile von Amicus und Hammer, der sehr schnell als 'zu brav' und 'altbacken' galt. Rückblickend war die Wende schon fünf Jahre zuvor mit George Romeros The Night of the Living Dead gekommen, aber anders als bei Friedkins Schocker war die Wirkung von Romeros Zombieklassiker nicht unmittelbar zu spüren. Sein Weg zu Ruhm und Anerkennung verlief abseits des 'offiziellen' Filmgeschäfts – Autokinos statt Oscar-Gala – und war entsprechend langwieriger.**

So ist From Beyond the Grave aus heutiger Sicht fast so etwas wie der Schwanengesang einer sterbenden Epoche. Und auch wenn er nicht der beste Amicus - Episodenfilm ist, so zeigt er doch, welchen Qualitäten diese Low Budget - Produktionen ihren Platz in der Geschichte des Horrors verdanken.
Da wäre zunächst einmal ein ganzer Trupp wirklich guter Schauspieler und Schauspielerinnen, die zeigen, was sie können: Peter Cushing, David Warner, Ian Bannen, Diana Dors, Donald Pleasance, Angela Pleasance, Ian Carmichael, Margaret Leighton, Ian Ogilvy und Lesley-Anne Down.
Während man bei Amicus wie bei Hammer wert darauf legte, stets einige bekannte Stars dabei zu haben, die den Kassenerfolg sichern sollten, engagierte man für den Job des Regisseurs nicht selten junge und eher unerfahrene Leute, wobei Subotsky & Rosenberg im allgemeinen ein sicheres Händchen bewiesen. In diesem Fall entschieden sie sich für Kevin Connor, der zuvor ausschließlich als Cutter gearbeitet hatte, sich seiner neuen Aufgabe jedoch durchaus gewachsen zeigte.
Der Film enthält eine Reihe atmosphärisch sehr dichter Szenen und Settings, untermalt von der großartig spukigen Musik Douglas Gamelys. Schon seine Variation des Dies Irae, die als Titelmusik dient, verursacht Gänsehaut. Gamely hatte nicht nur für einige frühere Amicus - Produktionen wie Asylum und The Vault of Horror die Musik geschrieben, sondern bizarrerweise auch für Monty Pythons And Now for Something Totally Different.
Und schließlich zeichnet sich auch das Drehbuch in sehr viel höherem Maße als bei Dr. Terror durch Intelligenz und Originalität aus.
Alle vier Episoden basieren auf Kurzgeschichten von R. Chetwynd-Hayes. Um genau zu sein, sie stammen aus seinen Sammelbänden The Unbidden, Cold Terror und The Elemental. Mir persönlich war selbst der Name dieses Autors bis vor kurzem völlig unbekannt, und ich verdanke mein Wissen um ihn einmal mehr dem guten Mr. Jim Moon. In den 70ern und frühen 80ern jedenfalls muss Chetwynd-Hayes als der ‘Prince of Chill’ eine veritable Berühmtheit unter britischen Freunden des Unheimlichen gewesen sein. Bis es ihm ähnlich erging wie Amicus und Hammer: Er fiel dem sich verändernden Publikumsgeschmack zum Opfer. Jim Moon zufolge bestand eine seiner Qualitäten offenbar darin, den traditionellen ‘gotischen’ Horror in die Welt des 20. Jahrhunderts zu überführen. Die Hinterhöfe und Kellerwohnungen der modernen Großstadt treten an die Stelle der altgedienten viktorianischen Landhäuser und mittelalterlichen Burgen. Da ich selbst noch keine von Chetwynd-Hayes’ Stories gelesen habe, kann ich nicht sagen, inwieweit ich dem zustimmen würde. Was From Beyond the Grave angeht, so besteht die Stärke des Films jedenfalls u.a. tatsächlich darin, dass die Geschichten zwar ganz in der klassischen Tradition stehen, aber dennoch einen frischen Zugang zu den überkommenen Themen eröffnen, wozu der Umstand, dass sie sämtlichst in einem modern-kleinbürgerlichen Milieu angesiedelt sind, nicht unerheblich beiträgt.

Aber vielleicht ist es allmählich an der Zeit, etwas näher auf den eigentlichen Inhalt des Filmes einzugehen.
Die Rahmengeschichte dreht sich um einen Antiquätenladen in irgendeinerm abgelegenen Gässchen von London. Besitzer dieses Ladens, dessen Angebote als ‘unwiderstehlich’ angepriesen werden, ist ein pfeiferauchender Peter Cushing. Seine Kunden erhalten (wen wundert’s) mehr als sie sich vorgestellt haben. Die meisten von ihnen versuchen den wunderlichen Händler übers Ohr zu hauen oder verhalten sich anderweitig betrügerisch. Das Schicksal, welches sie ereilt, ließe sich also als ‘gerechte Strafe’ interpretieren. Ich allerdings sehe in dem fragwürdigen Verhalten der Käufer eher einen ersten Hinweis auf deren kleinbürgerliches Wesen. Sie sind entweder irre stolz auf ihre Schlauheit, die es ihnen erlaubt, ein einmaliges Schnäppchen zu machen, oder sie versuchen sich einzubilden, etwas zu sein, was sie in Wirklichkeit überhaupt nicht sind.
Wir wollen uns die Episoden nicht in ihrer chronolgischen, sondern in ihrer qualitativen Abfolge betrachten.
Eine der Geschichten in einem ‘Portmanteau’ - Film hat traditionellerweise humorig zu sein, und in unserem Falle ist dies die eindeutig schwächste: The Elemental. Kurz gesagt geht es dabei um einen etwas selbstgefälligen Geschäftsmann (Ian Carmichael), der sich zusammen mit einer silbernen Schnupftabaksdose auch einen bösartigen Geist einhandelt, den er mit Hilfe einer alten Wahrsagerin wieder los zu werden versucht. Margaret Leighton liefert eine ausgesprochen amüsante Vorstellung als – vorsichtig ausgedrückt – exzentrische Madame Orloff, doch davon abgesehen ist die Story viel zu oberflächlich und vorhersehbar, als dass sie größeres Interesse wecken könnte.
Um Klassen besser sind The Gatecrasher und The Door.
In ersterer erleben wir, wie ein junger Mann (David Warner) von einem Geist, der in einem alten Spiegel haust, gezwungen wird, ein Serienmörder zu werden. Denn nur solche Blutopfer können das Phantom aus seinem Gefängnis befreien. Die Mordszenen ebenso wie die Verzweifelung des unwilligen Mörders sind von beeindruckender Intensität. Und da die meisten Opfer junge Frauen sind, besitzt das Ganze zudem einen beunruhigenden sexuellen Unterton, der einen kurz überlegen lässt, ob sich unter der netten, kultivierten, höflichen Oberfläche dieses Mittelklasse-Singles nicht vielleicht tatsächlich ganz etwas anderes verbirgt.
Letztere punktet vor allem in atmosphärischer Hinsicht. Eine wichtige Rolle spielt dabei eine alte, mit prächtigen Schnitzereien verzierte Tür – ein wirklich großartiges Requisit, das ich mir sofort in mein Studierzimmer einbauen lassen würde, wenn ich ein’s hätte. Das junge Ehepaar (Ian Ogilvy & Lesley-Anne Down), das sie erwirbt, erwartet allerdings eine böse Überraschung. Denn die Tür öffnet sich hin und wieder zu einem gespenstischen blauen Salon, der sich irgendwo außerhalb von Raum und Zeit befindet und einen teuflischen Aristokraten aus der englischen Restaurations-zeit beherbergt. Der Salon (weniger sein Bewohner) und das geschickte Spiel mit der Farbe Blau machen den Charme dieser Episode aus.
Den Höhepunkt des Filmes bildet jedoch ganz ohne Frage An Act of Kindness. In den anderen Episoden greift das Böse aus der Vergangenheit in die Gegenwart, hier ist es fest verwurzelt im Heute. Auch entspringt es nicht irgendwelchen verhexten Artefakten, sondern zwischenmensch-lichen Beziehungen. Christopher Lowe (Ian Bannen) ist ein frustrierter, verklemmter, willens-schwacher Büroangestellter, der von seiner Ehefrau (Diana Dors) verachtet und drangsaliert, von seinem Sohn nicht ernstgenommen wird. Eines Tages begegnet er in der Nähe des Antiquitätenladens einem ehemaligen Soldaten, der sich seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Streichhölzern und Schnürsenkeln verdient. Gespielt wird dieser von dem unvergleichlichen Donald Pleascance. Lowe selbst war einmal in der Armee, aber die glorreiche Karriere, von der einstmals träumte, hat er dort nie gemacht. Das Militär scheint für ihn deshalb jenes bessere Leben zu verkörpern, das das Schicksal ihm verwehrt hat. Deshalb wohl fühlt er sich zu dem Ex-Soldaten Jim Underwood hingezogen, zumal ihn dieser als einziger respektvoll behandelt, da er in ihm einen Gentleman und ehemaligen Offizier sieht. Um Eindruck zu schinden, organisiert sich Lowe vom guten Peter Cushing auf betrügerische Weise einen Orden, den er recht ungeschickt als eine Auszeichnung präsentiert, die ihm im Weltkrieg verliehen worden sei (er behauptet, mit Montys Jungs in Nordafrika gewesen zu sein). Der ehemalige Soldat lädt ihn daraufhin zum Tee bei sich ein, und dabei lernt Lowe dessen Tochter kennen. Angela Pleasance gelingt es, mit Emily Underwood eine ebenso faszinierende wie unheimliche Person zu erschaffen. Was folgt ist phantastisch, morbid und am Ende absolut überraschend – doch dabei beruht es stets auf den Beziehungen in dieser kleinen Gruppe von Menschen.

Allein schon wegen An Act of Kindness ist From Beyond the Grave ein absolut sehenswerter Film und ein guter Einstieg in die Welt des klassischen Brit-Horrors.

* Korrekterweise müsste man hinzufügen, dass Amicus 1980 mit The Monster Club noch einmal einen Episodenfilm produzierte, der sich allerdings ganz bewusst an ein jüngeres Publikum richtete und trotz Vincent Price und John Carradine nicht zur erhofften Wiederbelebung des einstigen Erfolgsprodukts führte.
** In meinen Augen eine reichlich unfaire (wenn auch nicht unverständliche) Geschichte. The Exorcist mag ein Wendepunkt im Mainstream-Horror gewesen sein, von heute aus betrachtet halte ich ihn jedoch für einen eher unbedeutenden Film. Im Gegensatz zu The Night of the Living Dead, der wohl auf Dauer einen Platz im Pantheon des Horrors behalten wird. Allerdings muss ich einschränkend hinzufügen, dass es mir bei Filmen, die das Thema ‘Dämonenaustreibung’ behandeln, schwer fällt, objektiv zu bleiben. Es gibt einfach noch zu viele ‘echte’ Exorzisten, die das Leiden psychisch labiler oder kranker Menschen mit ihrem Hokuspokus vergrößern.

Seine Lordschaft

Ich weiß nicht, welcher Dämon mich da im Moment reitet, aber ich habe plötzlich einen Heißhunger auf die britischen Horrorstreifen der 60er und frühen 70er Jahre entwickelt. Solange dieser anhält, werde ich meine Eindrücke aus der Welt von Hammer und Amicus, von Christopher Lee und Peter Cushing hier wiederzugeben versuchen. Und welcher Song wäre da besser zur Einstimmung geeignet als Screaming Lord Sutchs All Black and Hairy: 


Die Szenen stammen übrigens aus einem ominösen Streifen von 1962, der unter so bizarren Titeln bekannt ist wie Lycanthropus, Werewolf in a Girls' Dormitory, The Ghoul in School, I Married a Werewolf und Monster Among the Girls. Müsste man auch mal Nachforschungen anstellen ...

Freitag, 11. Mai 2012

"It is inherently more honest – and honesty, I find, is a thing in short supply"


Der in Israel geborene und aufgewachsene Lavie Tidhar, dessen Gorel & The Pot-Bellied God für den diesjährigen British Fantasy Award nominiert wurde, nachdem er im letzten Jahr bereits mit Osama von sich Reden machte, gibt eine sehr interessante Antwort auf die Frage, warum er im phantastischen Genre arbeitet:

Masada Shall Not Fall Again: Faux-Realism, Parallel Histories, and the Fiction of Israel

Donnerstag, 10. Mai 2012

Wann wird Cat Valente endlich übersetzt?

Catherynne M. Valente ist zweifelsohne eine der ganz Großen der zeitgenössischen Fantasy. Um so verwunderlicher, dass bisher kein einziges ihrer Bücher in deutscher Übersetzung vorliegt. Es wäre sicher kein leichtes Unterfangen, den Zauber ihrer äußerst poetischen Sprache in ein fremdes Idiom zu übertragen, aber ähnliches ließe sich auch über China Miéville, Jeff VanderMeer oder Hal Duncan sagen – und von deren Büchern besitzen wir zumindest einige in Übersetzungen.
Es wäre mehr als wünschenswert, wenn auch dem deutschsprachigen Publikum endlich der Zugang zu Valentes Werk eröffnet würde, das sich nicht nur durch große sprachliche Schönheit, sondern auch durch Intelligenz, menschliche Wärme, einen feinen Sinn für Humor, einen schier unerschöpflichen Einfallsreichtum und jene subversive, doch von großem Einfühlungsvermögen geprägte Auseinandersetzung mit Mythen und Märchen auszeichnet, für die die Schriftstellerin einmal halb spaßhaft die Bezeichnung ‘Mythpunk’ geprägt hat.
Für jene, die die Autorin noch nicht kennen und auf keine deutsche Übersetzung angewiesen sind, bietet die aktuelle Ausgabe des Lightspeed Magazine die Gelegenheit, Bekanntschaft mit Cat zu schließen. Neben ihrer Kurzgeschichte A Hole to China enthält sie ein von Erin Stock geführtes Interview.

Dienstag, 8. Mai 2012

Aaarrh ...

Es hilft alles nichts, ich muss schon wieder den Filmsnob spielen.
Nichts böses ahnend schaue ich heute Mittag bei den PhantaNews vorbei, und da springt mir die folgende gruselige Schlagzeile entgegen: Starz macht mit Michael Bay die Piratenserie BLACK SAILS.

Lang lang ist sie her, die Goldene Zeit des Piratenfilms ... Captain Blood, The Sea Hawk, The Crimson Pirate ... Der erste Teil von Pirates of the Caribbean hätte einen beinahe glauben lassen können, es gäbe die Chance für eine würdige und witzige Wiederauferstehung des Genres. Dann kamen die Sequels ... Und jetzt wird sich zu allem Überfluss also auch noch Michael Bay am Jolly Roger vergreifen.

Spätestens mit seinen Transformers - Filmen hat der Regisseur gezeigt, dass er es sich offenbar zur Lebensaufgabe gemacht hat, den Action-CGI-Blockbuster auf ein bisher nicht vorstellbares Niveau herabzuführen. Angesichts der nicht gerade überwältigenden Qualität der meisten Hollywood-Produktionen unserer Zeit eine echte Herausforderung, der sich Bay jedoch leider gewachsen gezeigt hat. Er ist der lebende Beweis dafür, dass man heutzutage ein erfolgreicher Filmemacher sein kann, ohne die elementarsten Regeln des Geschichtenerzählens zu beherrschen. Wenn Starz-Boss Chris Albrecht ihn allen Ernstes als "Visionär" bezeichnet, beweist das, dass er entweder nichts von Filmkunst versteht oder dass die Aussicht auf noch mehr Moneten bei ihm alle übrigen Erwägungen zur Bedeutungslosigkeit verdammt hat.
Aber einmal ganz abgesehen von Michael Bay (der ja nicht als Regisseur, sondern bloß als Produzent vorgesehen ist), zeugt die Grundidee der Serie nicht eben von übersprudelnder Originalität: "Die Show be­leuch­tet die Aben­teuer von Cap­tain Flint und sei­ner Mann­schaft grob 20 Jahre vor den Ge­scheh­nis­sen in Robert Louis Stevensons Klas­si­ker TRE­A­SURE IS­LAND (DIE SCHATZINSEL)."
Manche werden diese Beurteilung inzwischen vielleicht etwas langweilig finden, aber meiner Meinung nach wird hier schon wieder ein großer Name zur Aufpolierung eines mediokren Projekts ausgenutzt. Ich behaupte jetzt einfach mal, dass so gut wie niemand, der Treasure Island genossen hat, sich wünschen würde, näheres über die Erlebnisse von Flint und seiner Crew zu erfahren. Ich z.B. liebe die Figur des Long John Silver, aber wirklich interessant wird er doch nur in seiner Beziehung zu Jim Hawkins. Was er zwanzig Jahre zuvor unter seinesgleichen getrieben hat, interessiert mich nicht die Bohne. Aber Stevensons Roman ist halt die berühmteste Piratengeschichte, also gucken wir mal, ob wir nicht noch ein paar Hunderttausend Dollar aus ihr herauspressen können.
Doch es wird noch besser (oder schlimmer). Für einen waschechten Piratenfilm ist Treasure Island ein denkbar schlechter Ausgangspunkt. Was den Piraten zu einer faszinierenden Gestalt macht, ist sein Rebellentum, sein Kampf gegen die Reichen und Mächtigen dieser Welt. Das gilt nicht nur für seine romantisierten Inkarnationen in Gestalt von Errol Flynn oder Johnny Depp, sondern auch für die Mitglieder der historischen 'Bruderschaft' (wen's interessiert, der schaue hier nach). In Stevensons Roman hingegen sind nicht die Freibeuter die Helden, sondern die Vertreter des rechtschaffenen Engländertums, Squire Trelawney, Doctor Livesey, Captain Smollett und letzlich Jim Hawkins.


PhantaNews Stefan Holzhauer freilich ist der Meinung: "Nach dem was man von SPAR­TA­CUS ge­se­hen hat, dürfte das sehr span­nend wer­den!" Jedem das Seine, aber für mich war Spartacus: Blood and Sand eher ein Beleg dafür, wie heutzutage selbst der legendäre Anführer des größten Sklavenaufstands der römischen Geschichte zum Protagonisten einer TV-Serie um persönliche Rache, Sex und Gewalt gemacht werden kann.  Es mag ja kein cineastisches Meisterwerk sein, aber ich schau ich mir da lieber noch einmal Stanley Kubricks Spartacus an. Drehbuchautor Dalton Trumbo, einer der 'Hollywood Ten', die bereit waren im Widerstand gegen den Antikommunismus der MacCarfhy - Ära ins Gefängnis zu gehen, hatte zumindest eine Ahnung davon, was Rebellion und Revolution wirklich  bedeuten.

Und wer als Filmfreund oder -freundin Spaß an Michael Bay haben will, der schaue sich an, was die Jungs von RedLetterMedia zum dritten Teil von 'Transformers' zu sagen haben.   

Sigurd, Aragorn & die Pfade der Toten

'Wulfila' hat für die Bibliotheka Phantastika eine (wie stets) lesenswerte Rezension zu J.R.R. Tolkiens The Legend of Sigurd and Gudrún verfasst. Selbst hatte ich bisher leider noch nicht die Möglichkeit, des 'Professors' literarische Auseinandersetzung mit dem altnordischen Nibelungenstoff meiner Bibliothek einzuverleiben. Um so spannender fand ich es zu lesen, dass Tolkien der Figur des Drachentöters Sigurd in seinen Stabreimgedichten "eine sehr christlich geprägte Interpretation angedeihen lässt: Sigurd erscheint als prophezeite Erlösergestalt mit deutlichen Anklängen an Christus. So ist er nicht nur von göttlicher Abstammung, sondern wird auch als Überwinder der Schlange bzw. des Drachen apostrophiert (beide können in der christlichen Ikonographie für den Teufel stehen) und schafft durch seinen irdischen Tod die Voraussetzung zur Überwindung des Todes im Jenseits."

Verwunderlich finde ich das allerdings nicht. C. S. Lewis erzählt in einem Brief an seinen Schulfreund Arthur Greeves über jenen legendären Oxforder Nachtspaziergang vom Oktober 1931, der seine Bekehrung zum Christentum auslöste: "Now what Dyson and Tolkien showed me was this: that if I met the idea of sacrifice in a Pagan story I didn't mind it at all: again, that if I met the idea of a god sacrificing himself to himself ... I liked it very much and was mysteriously moved by it: again, that the idea of a dying and reviving god (Balder, Adonis, Bacchus) similarly moved me provided I met it anywhere except in the gospels. The reason was that in Pagan stories I was prepared to feel the myth as profound and suggestive of meanings beyond my grasp even though I could not say in cold prose 'what it meant'. Now the story of Christ is simply a true myth: a myth working on us in the same way as the others, but with this tremendous difference that it really happened" (1) Tolkien war der festen Überzeugung, dass die 'heidnischen' Mythen Brocken der christlichen 'Wahrheit' enthalten, was in seinen Augen ihre besondere Würde ausmachte. Und so finde ich es sehr gut nachvollziehbar, dass er eine Gestalt wie Sigurd in ähnlicher Weise als ‘Vorausdeutung’ auf Christus darstellte wie dies in der typologischen Sicht des Mittelalters etwa mit Orpheus möglich war. (2)

Ich glaube, dass etwas von dieser Sichtweise seinen Niederschlag auch im Herr der Ringe gefunden hat, und zwar in der Episode von den Pfaden der Toten. Sie bildet einen zentralen Bestandteil der 'Saga von Aragorn, Arathorns Sohn' und steckt voller  Anspielungen auf die germanische Mythen- und Sagenwelt.
Das Geschick von Elendils Erbe ist umgeben von uralten Prophezeiungen wie der – natürlich in Stabreime gefassten – des Sehers Malbeth:

Over the land there lies a long shadow,
westward reaching wings of darkness.
The Tower trembles; to the tombs of kings
doom approaches. The Dead awaken;
for the hour is come for the oathbreakers;
at the Stone of Erech they shall stand again
and hear there a horn in the hills ringing.
Whose shall the horn be? Who shall call them
from the prey twilight, the forgotten people?
The heir of him to whom the oath they swore.
From the North shall he come, need shall drive him:
He shall pass the Door to the Paths of the Dead.

Alles, was mit dem schaurigen Weg unter dem Dwimorberg (3) zu tun hat, atmet den archaischen Geist der Zeiten Wotans und Donars.
Baldors "unbesonnenes Gelübde", das er leistete, "als er das Horn leerte bei dem Fest, das [sein Vater] Brego gab, um das neu erbaute Meduseld (4) einzuweihen", ist ein typisches Beispiel ‘heroischer Hybris’, umgeben von der entsprechenden Tragik. Der Königssohn wusste, dass es nicht ihm bestimmt war, das Tor zum Reich der Toten zu durchschreiten, aber hätte es einen besseren Beweis für seinen Heldenmmut geben können, als das unmögliche zu versuchen? – Nie kehrte er aus Dimholt (5) zurück, "und niemals bestieg er den Herrschersitz, dessen Erbe er war."
Über die "Toten Menschen aus den Dunklen Jahren" erzählt Théoden: "[Z]uweilen sieht man sie, wenn sie wie Schatten aus dem Tor heraus und die steinerne Straße herabkommen. Dann versperren die Leute im Hargtal ihre Türe und verhängen die Fenster und fürchten sich. Doch die Toten kommen selten heraus und nur zu Zeiten, da große Unruhen und Tod bevorstehen." Ihre äußere Erscheinung wird beschrieben als "Gestalten von Männern und Pferden, und bleiche Banner wie Wolkenfetzen und Speere wie Winterdickichte in einer nebligen Nacht." Was anderes ist dies als das Wilde Heer, von dem man sich überall im germanischen Kulturraum erzählte? Einst hatte es Wode-Wotan persönlich angeführt, und noch in Heinrich Heines Atta Troll jagt es durch die nächtlichen Pyrenäen. In der Überlieferung tritt es oft als Vorbote von Krieg und Unglück auf. (6) Und auch die Vorstellung, die Toten hausten in einem Berg, aus dem sie von Zeit zu Zeit als Wütendes Heer hervorkommen, durch das Land streifen und anschließend in ihr unterirdisches Heim zurückkehren, ist uralter Bestandteil germanischen Volksglaubens, der sich z.T. bis weit ins Mittelalter erhielt. Der Dwimorberg besitzt seine Gegenstücke nicht nur im Island der Njálsaga und Landnáma, sondern selbst in der Umgebung von Worms, wo nach dem Bericht eines zeitgenössischen Chronisten im Jahr des Herrn 1223 die Geister gefallener Ritter aus einem Berg hervorgekommen sein sollen. (7)
In dieses archaische Umfeld gehört nun auch die Prophezeiung, die davon spricht, dass zur vorherbestimmten Stunde einer kommen und das Tor im Dimholt durchschreiten wird: Einst nämlich betraten Brego und Baldor das Tal und kamen zu dem Tor. "Auf der Schwelle saß ein Greis, so alt, daß man seine Jahre nicht schätzen konnte; hochgewachsen und königlich war er gewesen, doch nun verwittert wie ein alter Stein. Tatsächlich hielten sie ihn für einen Stein, denn er bewegte sich nicht und sprach kein Wort, bis sie versuchten, an ihm vorbei hineinzugehen. Und dann sprach er mit einer Stimme, die klang, als ob sie aus der Erde komme, und zu ihrer Verwunderung sagte er in der westlichen Sprache: Der Weg ist versperrt. Dann blieben sie stehen und schauten ihn an und sahen, daß er noch lebte; er aber blickte sie nicht an. Der Weg ist versperrt, wiederholte er. Er wurde angelegt von jenen, die tot sind, und die Toten halten ihn, bis die Zeit gekommen ist."
In Aragorn finden diese Prophezeiungen ihre Erfüllung. Der Bericht über das, was sich ereignet, nachdem er und seine Gefährten das Tor durchschritten haben, nimmt gerademal eine Handvoll Seiten in Anspruch, bildet jedoch den vielleicht wichtigsten Abschnitt in der Erzählung von der Rückkehr des Königs. Dies ist die eigentliche Prüfung, die Streicher bestehen muss, wenn er Anspruch auf die Krone erheben will. Nicht, weil Volk oder Adel Gondors ihn andernfalls nicht akzeptieren würden, sondern weil sich hier zeigt, ob er tatsächlich der von der Vorsehung auserwählte König ist. Eben darum drängen ihn sowohl Elrond als auch Galadriel, diesen Weg zu beschreiten, denn damit beweist er seine "hohe Bestimmung".

Die Stollen unter dem Dwimorberg lassen sich problemlos als eine Manifestation des Totenreiches interpretieren. So erklärt Halbarad, in Dimholt angekommen: "Das ist ein übles Tor [...,] und mein Tod liegt jenseits von ihm". Man könnte das für eine simple Fehleinschätzung halten, der düsteren Atmosphäre des Ortes geschuldet, stößt dem Dúnadan im Folgenden doch kein körperliches Leid zu. Vielleicht aber beweist er mit seiner Vorahnung auch besondere Einsicht. Zwar wird er nicht sterben, aber er und seine Gefährten werden auf dem Weg, der vor ihnen liegt, dem Tod auf eine Weise nahekommen, wie es lebenden Wesen eigentlich nicht geschehen sollte. Kein Wunder, dass Gimli bei diesem Marsch wahre Höllenqualen durchleidet, "bis er wie ein Tier auf dem Boden kroch und spürte, daß er es nicht mehr ertragen konnte: entweder mußte er ein Ende finden oder entfliehen oder in Wahnsinn verfallen". Legolas hingegen scheint von dem Grauen des Pfades unberührt, was auch verständlich ist. Als Unsterblicher ist dem Elben die elementare Furcht vor dem Tod unbekannt. Welche Schrecken sollte Hades oder Hel für ihn bergen?


Den Abstieg in das Reich der Toten kennen wir von einer ganzen Reihe klassischer Helden wie Gilgamesch, Odysseus oder Aeneas. Irgendwelche jungschen Archetypen sollten wir dennoch besser in der Schublade liegen lassen und uns stattdessen lieber weiter auf die germanische Mythologie konzentrieren, auch wenn sich Sigurd im Unterschied zu seinen mesopotamischen und mediterranen Kollegen keinen Abstecher in die Unterwelt gegönnt hat. Wohl nicht ganz zufällig trägt Bregos Sohn den Namen Baldor – die angelsächsische Entsprechung zum altnordischen Baldr. (8) In der Gylfaginning erzählt Snorri Sturluson, wie nach dem tragischen Tod des Gottes Baldr sein Bruder Hermodr zur Hel hinabreitet, um ihn zurückzuholen. Doch Hermodrs Bemühungen sind erfolglos. Erst nach dem ragnarök, wenn die Welt wiedergeboren wird und ein neues Goldenes Zeitalter anbricht, wird auch Baldr zurückkehren, wie es in der Völuspa prophezeit wird. Bei ihrer Wanderung auf den Pfaden der Toten stoßen die Gefährten auf Baldors unbegrabenen Leichnam, aber wie Aragorn deutlich erklärt: "[D]as ist nicht mein Auftrag." Allerdings lässt er wie nebenbei einen kurzen Hinweis auf den Jüngsten Tag fallen, mit dessen germanischer Variante das Schicksal Baldrs ja aufs engste verknüpft ist: "Hierher werden die Blüten der simbelmyne niemals kommen bis zum Ende der Welt [‘unto world’s end’]".

Man darf solche Anspielungen freilich nicht missverstehen. Aragorn ist weder ein neuer Baldr noch ein neuer Hermodr. Ebenso wie die christlichen formen die germanischen Motive im Herr der Ringe nicht die Handlung, sondern schwingen wie eine zweite Melodie im Hintergrund mit. Bei ihrer Interpretation ist man deshalb auf Spekulationen angewiesen.
Ausgehend von dem Totenreich- und Baldrmotiv ließe sich aus der Geschichte von Aragorns Reise auf den Pfaden der Toten ein leichter Anklang an Christi Descensus ad infer(n)um heraushören. (9)
Dem Menschen von heute – auch dem Christen oder der Christin – dürfte die Vorstellung von der Höllenfahrt Christi nicht mehr so geläufig sein, aber für das Mittelalter stellte sie einen integralen Bestandteil der Passions- und Ostergeschichte dar. Ausgehend vom Bericht des apokryphen Nikodemus-Evangeliums war der Descensus ad infer(n)um – im Englischen ‘Harrowing of Hell’ genannt – ein beliebtes Thema der christlichen Kunst und besaß z.B. einen festen Platz in den englischen Mysterienspielen des Spätmittelalters, den sogenannten Cycle-Plays (Chester, York, Towneley, N-Town). Demzufolge hat Jesus nach seinem Tod am Kreuz die Unterwelt aufgesucht, ihre Tore zerbochen, den Satan niedergerungen und in Ketten gelegt und die endlich erlösten Seelen der Gerechten hinauf ins Paradies geführt.
Auch Streicher trotzt den Mächten der Unterwelt und bringt verdammten Seelen Erlösung. Wenn man hierzu nun Tolkiens Mythosverständnis hinzunimmt, ergibt sich eine interessante Möglichkeit der Interpretation.
Die Pfade der Toten sind von einer unverkennbar heidnisch-archaischen Atmosphäre umgeben, und die Bestimmung des kommenden Königs ist es, diesen Schatten, der aus den Dunklen Jahren auf die Gegenwart fällt, zu vertreiben. In der Gründungszeit Gondors hatten die Bewohner des Gebirges Isildur Lehnstreue geschworen, aber als der Krieg des Letzten Bundes ausgebrochen war, hatten sie sich in ihren Tälern verkrochen und waren seinem Ruf zu den Waffen nicht gefolgt, "denn in den Dunklen Jahren hatten sie Sauron gehuldigt." Deswegen waren sie dazu verflucht worden, keinen Frieden finden zu können bis sie ihren Eid erfüllten, denn sie würden "noch einmal [...] gerufen werden, ehe das Ende kommt." Was Carroux hier mit ‘huldigen’ übersetzt, heisst bei Tolkien ‘worship’ – ein Wort mit sehr viel stärker religiöser Konnotation. Die Eidbrüchigen waren Heiden, Götzenanbeter gewesen. Die Finsternis, die über Dimholt liegt, ist also sowohl in motivischer Hinsicht wie in der Realität der Sekundärwelt die Finsternis des Heidentums. Diesen Spuk zu vertreiben, ist Aragorns Aufgabe. Das tut er aber nicht, indem er die Geister in die Hölle verbannt, wie dies die christlichen Helden aus den Legenden der Missionszeit gemacht hätten, sondern indem er ihnen die Möglichkeit eröffnet, ihren einstigen Fehler wiedergutzumachen und ihm im Kampf gegen ihren ehemaligen Abgott beizustehen. Aragorn führt das Wilde Heer der Heidenzeit gegen Mordors Truppen. Oder auf einer metaphorischen Ebene: Der Mythos wird in den Dienst Gottes gestellt. Was nur möglich ist, weil er schon immer etwas Wertvolles, ein Körnchen Wahrheit enthielt. Nachdem sie dies bewiesen haben, gelangen die Geister der Vergangenheit zur Ruhe, und die letzten Überbleibsel der Dunklen Jahre verschwinden aus dem Weißen Gebirge. Nie wieder wird die Wilde Jagd aus dem Dimholt hervorkommen, und der Dwimorberg wird seinen Namen nur noch in Erinnerung an die Schrecken einer überwundenen Zeit tragen.
Ich bin mir bewusst, auf wie unsicheren Boden ich mich damit begebe, aber es scheint mir nicht ganz unvorstellbar zu sein, dass diese Episode einen versteckten Kommentar zum  Verhältnis von Mythos und christlicher ‘Wahrheit’ enthält.
Aragorn jedenfalls erhält durch sie deutlich messianische Züge – er erscheint als eine Art Erlöser und auserwählter Herrscher über die Lebenden und die Toten. Mit seiner Durchquerung der Unterwelt hat er bewiesen, dass er würdig ist, die Krone zu beanspruchen. Am Schwarzen Stein von Erech lässt er zum ersten Mal das Königsbanner, das Arwen für ihn angefertigt hat, entfalten. Der Eindruck, den er auf seine Gefährten macht, hat sich stark gewandelt. Erstaunt stellt Legolas fest: "Selbst die Schatten der Menschen gehorchen seinem Willen. [...] In jener Stunde sah ich Aragorn an und dachte, ein wie großer und entsetzlicher Gebieter er mit seiner Willensstärke hätte werden können, wenn er den Ring für sich genommen hätte."



(1) Zit. nach: Walter Hooper: C. S. Lewis: A Companion and Guide. S. 582f.
(2) "Bei der Typologie kehrt ein Geschehen der Alten Zeit in einem Geschehen der Neuen Zeit wieder, und zwar in gesteigerter Spiegelung. Im neuen Gegenbild des alten Vorbilds müssen Gemeinsames und Unterscheidendes sich verbinden." (Friedrich Ohly: Halbbiblische und außerbiblische Typologie. In: Ders.: Schriften zur mittelalterlichen Bedeutungsforschung. S. 364.)
(3) ags. ‘dwimor’ [Geist] + ‘beorg’ [Berg]
(4) ags. ‘medu’ [Met] + ‘séld’ [Halle]; Tolkiens Vorbild war hier sicher König Hrothgars berühmtes ‘Methaus’ (‘medoærn’; V. 69) Heorot aus dem Beowulf; ‘meduseld’ taucht als allgemeine Bezeichnung für eine Methalle im zweiten Teil des Heldenliedes (V. 3065) auf.
(5) ags. ‘dimm’ [düster] + ‘hol(c)’ [Höhle, Öffnung]
(6) Während ich das schreibe, befinde ich mich gut sechzehn Kilometer (‘wie die Krähe fliegt’) von dem kleinen Odenwälder Dörfchen Fränkisch-Crumbach und der Burg Rodenstein entfernt, wo man noch am Vorabend des Ersten Weltkriegs den Junker Hans mit der Wilden Jagd durch die nächtlichen Lüfte hat brausen hören wollen.
(7) Vgl.: Wolfgang Golther: Handbuch der germanischen Mythologie. S. 87ff; 283ff.
(8) Genaugenommen kennen die altenglischen Quellen ‘bealdor’ wohl nicht als Eigennamen, sondern nur als Hauptwort mit der Bedeutung ‘Herr’ oder ‘Fürst’. Die sprachgeschichtlichen Wurzeln sind aber dieselben.
(9) Dasselbe gilt nebenbei bemerkt auch für Gandalfs Sturz in den Abgrund von Khazad-dûm.

Sonntag, 6. Mai 2012

Postkolonialer Schlock?

Ich habe mir gestern Nacht nach langer Zeit einmal wieder Dr.Terror's House of Horrors (hierzu-lande unter dem dem noch ulkigeren Titel Die Todeskarten des Dr.Schreck bekannt) aus dem Jahre 1965 reingezogen, den ersten jener Episodenfilme, mit denen Amicus in den 60ern & 70ern seinem Konkurrenten Hammer den britischen Horrormarkt streitig zu machen versuchte. Beide Seiten stützten sich dabei auf eine Riege bekannter Schauspieler, von denen in diesem Fall Peter Cushing, Christopher Lee und Donald Sutherland mit von der Partie sind. Das Drehbuch hatte Amicus - Co-Gründer Milton Subotsky geschrieben, wobei ihm der Klassiker Dead of Night aus dem Jahre 1945 als Vorbild gedient hatte. Auf dem Regiestuhl nahm einmal mehr Veteran Freddie Francis Platz, der sowohl für Hammer als auch für Amicus arbeitete.


Nun habe ich im Allgemeinen eine große Schwäche für den farbenfrohen Trash, den der Brit-Horror jener Jahre hervorbrachte, aber in diesem Fall muss ich leider sagen, dass die Wiederbegegnung den eher negativen Eindruck, der in meinem Gedächtnis herumspukte, weitgehend bestätigt hat. Der Trailer ist um einiges amüsanter als der Film.
Es macht zweifelsohne Spaß, Peter Cushing als ominösen Dr. Schreck (so heißt er auch im Original) zu erleben, der seinen fünf Mitreisenden mit Hilfe von Tarot-Karten ihre unerfreuliche Zukunft vorhersagt. Auch liefert Christopher Lee eine gewohnt gute Leistung ab in der Rolle des versnobten Kunstkritikers Franklyn Marsh, der von der abgetrennten, jedoch höchst lebendigen Hand des Malers Eric Landor terrorisiert wird. Aber alles in allem mangelt es dem Streifen eindeutig an Originalität. Mal ganz abgesehen davon, dass die Rahmenerzählung mit ihrem finalen Dreh absolut keinen Sinn macht. Und auch von der Gender-Front gibt es wenig gutes zu berichten. Zwei der fünf Geschichten (Werewolf  & Vampire) identifizieren das Weibliche ganz klar mit dem Bedrohlichen, und Ann Bells Aufgabe in Creeping Vine beschränkt sich auf effektvolles Kreischen. Einzig in Disembodied Hand begegnen wir (am Rande) einer einigermaßen ansprechenden Frauenfigur.  Natürlich waren die Horrorflicks jener Jahre keine Produkte der feministischen Avantgarde, aber dennoch ist mir dieser Charakterzug von Dr. Terror besonders ins Auge gestochen. Der Grund hierfür mag allerdings darin liegen, dass ich vor kurzem in Roger Cormans ein Jahr zuvor entstandenem The Tomb of Ligeia Elizabeth Shepherd als willensstarke und selbstbewusste Lady Rowena erleben durfte.

Dennoch gibt es da eine Episode, die den Film in gewisser Weise sehenswert macht.
Es war in den Episoden-Horrorstreifen jener Zeit gängige Praxis, eine Story von eher humorvollem Charakter einzubauen. In gegebenem Fall ist das Voodoo. Das allerdings ist es nicht, was diese Geschichte über den Rest heraushebt.
Der Inhalt ist rasch erzählt: Jazz-Musiker Biff Bailey (Roy Castle) erhält zusammen mit seiner Band ein Engagement auf den Westindischen Inseln und belauscht dort eine nächtliche Voodoo-Zeremonie. Alle Warnungen in den Wind schlagend macht er bei seiner Rückkehr nach London aus der rituellen Musik zu Ehren Damballas* einen Jazz-Hit. Die Folgen dieses Sakrilegs sind wie nicht anders zu erwarten wenig erfreulich.
Man kann über Castles schauspielerisches Talent ganz sicher geteilter Meinung sein, aber für mich verkörpert er sehr glaubhaft den keineswegs bösartigen, sondern bloß schrecklich oberflächlichen weißen Musiker, der sich das kulturelle Erbe eines anderen Volkes zu eigen macht, um damit Geld zu verdienen. Vielleicht traue ich dem Film damit etwas zu viel zu, aber ich denke, man kann Voodoo sehr wohl als eine Parabel auf die kulturelle Ausbeutung der sog. Dritten Welt verstehen. Und mithin als eine ziemlich intelligente Parabel, denn Bailey selbst nimmt diese Ausbeutung ja keineswegs als eine solche wahr. Was er tut, tut er aus mangelnder Sensibilität. Dass er sich mit seiner selbstgefälligen Herablassung gegenüber den 'primitiven Negern' wie ein kolonialistischer Herrenmensch aufführt, ist ihm überhaupt nicht bewusst.
Neben dieser intelligenten Story besticht die Episode außerdem durch die echt coole Musik des Tubby Hayes Quintet. Die Ironie besteht natürlich darin, dass die 'Voodoo-Zeremonie' mit ziemlicher Sicherheit keinerlei Ähnlichkeit mit den realen Ritualen dieser Religion aufweist, sondern ganz den westlichen Klischeevorstellungen entspricht. Aber hey, man kann halt nicht alles haben.

* Im wirklichen Vodou gilt Damballa als Schöpfer und Himmelsgott und ist einer der bedeutendsten Loa.  

Wenn Satire Wirklichkeit wird

Vor über hundert Jahren schrieb Jules Verne seinen Roman L'Île à hélice (Die Propeller-Insel), in dem er eine künstliche Insel beschreibt, die zum Vergnügen der auf ihr lebenden Milliardäre kreuz und quer über die Weltmeere schippert. Was bei dem französischen Schriftsteller als Satire auf Plutokratie und Korruption gedacht war, soll nun offenbar Wirklichkeit werden. Das Projekt Freedom Ship ist ein bizarrer Ausdruck für die Dimensionen, die die Klassengegensätze in unserer Zeit angenommen haben. Man muss sich nur anschauen, wie sich seine Schöpfer das Leben in diesem schwimmenden Utopia des Kapitalismus vorstellen:

Envision an ideal place to live or run a business, a friendly, safe and secure community with large areas of open space and extensive entertainment and recreational facilities. Finally, picture this community continually moving around the world. You are beginning to understand the Freedom Ship concept of a massive ocean-going vessel. With a design length of 4,500 feet, a width of 750 feet, and a height of 350 feet, Freedom Ship would be more than 4 times longer than the Queen Mary. The design concepts include a mobile modern city featuring luxurious living, an extensive duty-free international shopping mall, and a full 1.7 million square foot floor set aside for various companies to showcase their products.
Freedom Ship would not be a cruise ship, it is proposed to be a unique place to live, work, retire, vacation, or visit. The proposed voyage would continuously circle the globe, covering most of the world's coastal regions. Its large fleet of commuter aircraft and hydrofoils would ferry residents and visitors to and from shore. The airport on the ship's top deck would serve private and small commercial aircraft (up to about 40 passengers each). The proposed vessel's superstructure, rising twenty-five stories above its broad main deck, would house residential space, a library, schools, and a first-class hospital in addition to retail and wholesale shops, banks, hotels, restaurants, entertainment facilities, casinos, offices, warehouses, and light manufacturing and assembly enterprises. Finally, this concept would include a wide array of recreational and athletic facilities, worthy of a world-class resort, making Freedom Ship a veritable ‘Community on the Sea.’
As it circumnavigates the world, Freedom Ship would make a series of offshore stops, including exotic tropical islands accessible only by sea. These stops would provide the ship's residents and entrepreneurs with extensive and varied touring and business opportunities, and bring a continual stream of visitors to the ship to patronize its shops, restaurants, and entertainment facilities. The ship would provide as many as 40,000 tourists to ports around the world. These cities and countries would eagerly anticipate this influx, as well as the major market the ship represents for local farmers, fishermen, and merchants. Stopover schedules would be based on business volume and touring popularity. Customers, merchants, businessmen, and residents would be able to utilize the ship's fleet of aircraft and hydrofoils, as well as commercial commuter airlines, to come and go from the ship even between stopovers.
The ship's design would accept up to 40,000 full time residents, 30,000 daily visitors, 10,000 nightly hotel guests, and 20,000 full time crew. This population of 100,000 people provides a wealth of talent and diversity for the private businesses aboard the ship and to those they visit daily on their adventures ashore.

Ich könnte es nicht besser ausdrücken als es FerretBrain’s Alasdair Czyrnyj getan hat:
"I've never seen a parasite think so highly of itself before."


Freitag, 4. Mai 2012

Der Fall R. Scott Bakker

‘Anubis’ hat gestern auf Lake Hermanstadt einen interessanten Beitrag zu der offenbar immer noch munter weiter köchelnden Debatte um den Verfasser des Prince of Nothing gepostet. In meinen Augen nimmt diese Diskussion allmählich tragikomische Züge an. Bakker sieht sich selbst als einen missverstandenen Progressiven, und tatsächlich enthält sein Aufsatz The Skeptical Fantasist, auf den ‘Anubis’ dankenswerter Weise verlinkt, einige diskussionswürdige Gedanken. Doch leider ist er zugleich der Gefangene einer äußerst reaktionären Ideologie, deren innere Logik ihn in der Auseinandersetzung mit seinen Kritikerinnen dazu treibt, immer unmöglichere Positionen zu beziehen.

Bakkers Weltbild ist durch und durch biologistisch und orientiert sich an den Ideen der sog. Evolutionären Psychologie. Dabei wirft er permanent soziale und biologische Kategorien durcheinander. So auch bei dem von ‘Anubis’ angesprochenen Thema der sexualisierten Gewalt. Ich entnehme meine Beispiele den Zitaten in Foz Meadows’ Post.
Einerseits erklärt er: "I have a very grim, very pessimistic view of male sexuality. For instance, in NP [his new book, Neuropath] one of the ‘future facts’ referenced is the discovery of a ‘rape module’ in male brains… As dismaying as this possibility is, it seems to make a whole helluva lot of evolutionary sense". Männer werden demnach von ihrer Natur zur Vergewaltigung getrieben.

Andererseits versucht er die Darstellung von Frauen in seinen Büchern so zu verteidigen: "So, yes, women get the short end of the stick in all my books.Why? Because they find themselves caught in predatory systems designed to exploit them. Depicting strong women, ‘magic exemptions’, simply fuels the boot-strapping illusion that is strangling contemporary feminism: the assumption that the individual can overcome their social circumstances". Hier sind es also plötzlich ‘soziale Umstände’, die zur Unterdrückung der Frau führen, welche sich in seinen Büchern oft in der Form sexueller Gewalt manifestiert. Oder soll ich das so verstehen, dass diese ‘sozialen Umstände’ bloß das Produkt der ‘Biologie des Mannes’ sind?
Bakker hat nicht so ganz unrecht, wenn er schreibt, dass eine gesellschaftliche Ordnung letztlich nicht von einigen starken Individuen überwunden werden kann. Aber ‘soziale Umstände’, die auf unveränderlichen biologischen Eigenschaften basieren, lassen sich nicht nur nicht von Individuen, sondern von überhaupt niemandem überwinden. Wer soziale Phänomene wie Sexismus oder Rassismus aus ausschließlich biologischen Wurzeln erklärt, legitimiert sie in letzter Konsequenz, ob er das nun will oder nicht. Bakkers feministische Kontrahentinnen mit ihrem meist individualistisch verstandenen Konzept des ‘female empowerment’ stehen nicht über aller Kritik. Dennoch sind sie es, die in dieser Auseinandersetzung die fortschrittlichen Prinzipien vertreten. Foz Meadow schreibt:
"Feminism believes that the world can and will get better for women: in fact, it exists to make this happen! Feminism has a higher opinion of men than you do, because it doesn’t countenance the biological inevitability of male violence; rather, it acknowledges that, as some cultures and individuals believe this (falsely) to be so, it ends up being promoted, excused and deferred to beyond all reason."
Sie verteidigt hier den Kernbestand des aufklärerischen Humanismus, den Glauben an die Veränderbarkeit der Welt und des Menschen, gegen eine biologistische Ideologie, die – unabhängig von Bakkers Intentionen – stets der Legitimation des Status Quo dient.

Lange Zeit hielt ich R. Scott Bakker dank seiner philosophischen Prätentionen bloß für einen nicht ganz ernst zu nehmenden Möchtegern-Nietzsche. Nach der Lektüre von The Skeptical Fantasist denke ich jedoch, dass ich ihm da vielleicht ein bisschen Unrecht getan habe. Der Autor ist zwar Kanadier, doch zum Hintergrund, vor dem man sein Weltbild sehen muss, gehört offenbar der Aufstieg des christlichen Fundamentalismus in den USA zu einer einflussreichen politischen Kraft. Sein Biologismus ließe sich mithin als Versuch interpretieren, dem Ansturm des Obskurantismus eine ‘wissenschaftliche’ Weltanschauung entgegenzustellen. Warum er dabei bei einer Ideologie gelandet ist, die bloß eine andere, ‘aufgeklärtere’ Spielart rechten Denkens darstellt, erklärt sich aus seiner Überzeugung, dass die Naturwissenschaften die einzige Form rationaler Erkenntnis darstellen.
Es würde zu weit führen, wollte ich versuchen, meine Ansicht darüber darzulegen, warum scheinbar die Mehrheit der heutigen Intellektuellen nicht mehr an die Möglichkeit objektiver Erkenntnis in den Gesellschaftswissenschaften glaubt. Eine der Folgen davon ist jedenfalls das Anwachsen eines ‘naturwissenschaftlichen’ Vulgärmaterialismus. Doch wie der Fall R. Scott Bakker zeigt, ist das eine Sackgasse. Dieser Ideologie wohnt nichts notwendig Progressives inne. Ein besonders krasses Beispiel dafür bietet der Ende letzten Jahres verstorbene Journalist Christopher Hitchens – ein prinzipienloser Opportunist der übelsten Sorte. Der amerikanische Trotzkist David Walsh schreibt über dessen aggressiv zur Schau getragenen Atheismus: "Indeed, Hitchens’ anti-religion became largely yet another means of expressing his contempt for the general population and asserting his own supposed superiority."
Und wer diesen Vulgärmaterialismus so weit treibt wie Bakker muss ganz automatisch bei extrem elitären Ansichten landen. Einer der zentralen Glaubenssätze seiner Weltanschauung besagt, dass Menschen die gentische Veranlagung dazu besitzen, sich stets in mehr oder weniger überschaubaren Gruppen zu definieren und Ideologien zu entwickeln, die es ihnen erlauben, die eigene Gruppe als überlegen wahrzunehmen. Auf dieses ‘biologische Faktum’ führt er alle möglichen gesellschaftlichen und kulturellen Phänomene zurück – vom Rassenhass bis zum Snobismus der Literaturkritiker. Es stellt sich dann allerdings die Frage, warum gerade Mr. R. Scott Bakker in der Lage sein sollte, sich über dieses biologisch verankerte Gruppenbewusstsein zu erheben. Sollte er am Ende ein genetisch überlegener Mensch sein? So weit würde er natürlich nicht gehen, er reißt sogar Witze über die Vorstellung seiner möglichen biologischen Superiorität. Doch im Rahmen seines eigenen Weltbildes wäre dies die einzig vernünftige Erklärung. Und wer mal in seinen Blog hineingelesen hat, der weiß um Bakkers unerträgliche Arroganz. Der Mann will zur selben Zeit ein subversiver Avantgardist sein und von der Öffentlichkeit als großer Autor anerkannt werden. Darum reagiert er so empfindlich auf jedwede Kritik. Da kann man ihm bloß zurufen: Ach Scott, es ist halt nicht leicht, ein Übermensch zu sein.

Mittwoch, 2. Mai 2012

Cthulhu fhtagn!

Es mag eine Fehleinschätzung meinerseits sein, aber ich hatte immer das Gefühl, dass die Übertragung des lovecraftschen Horrors auf die Leinwand selten besonders gut geglückt ist. So habe ich mir z.B. vor kurzem Stuart Gordons Dagon zu Gemüte geführt (der nebenbei bemerkt weniger auf der gleichnamigen Kurzgeschichte als vielmehr auf Shadows over Innsmouth basiert) und weiß immer noch nicht, ob ich diesen Film als Parodie auf oder als Hommage an Éch-Pi-El auffassen soll. Ich mag Roger Cormans The Haunted Palace (der auf The Case of Charles Dexter Ward basiert)*, aber das hat weniger mit Lovecraft als vielmehr mit dem typisch dekadenten Stil des Regisseurs und mit Vincent Price zu tun.**  Natürlich hätte ich gerne gesehen, was Guilleromo del Toro aus At the Mountains of Madness gemacht hätte, wenn die Bosse von Universal nicht gewesen wären. Doch alles in allem ist mein Eindruck, dass die Beziehung zwischen Hollywood und dem Gentleman von Providence nicht eben die glücklichste ist.

Von allen Geschichten Lovecrafts würde mir The Call of Cthulhu als diejenige erscheinen, die am schwersten filmisch umzusetzen wäre. Wirkt der erwachende Monstergott von R'lyeh nicht schon im Original fast wie eine Vorwegnahme von Gummi-Godzilla? Und doch ist gerade für diese Story die vielleicht genialste filmische Adaption geschaffen worden. Im Sommer 2004 begannen Andrew Leman & Sean Branney von der H.P. Lovecraft Historical Society gemeinsam mit einer Gruppe Gleichgesinnter eine Filmversion von  Éch-Pi-Els Meisterwerk zu drehen. Das Außergewöhnliche an diesem Projekt war, dass das Ziel darin bestand, einen Film zu schaffen, der in Stil und Technik jener Zeit entsprechen sollte, in der die Story entstanden war. Und was soll ich sagen – dem Team der HPLHS ist das auf nahezu perfekte Weise gelungen.


Das Faszinierende an diesem Streifen besteht nicht allein in der Liebe, die ganz offensichtlich in jedes seiner Details eingeflossen ist, sondern auch in der Erkenntnis, dass der Stil eines 20er - Jahre - Stummfilms vielleicht am Besten geeignet ist, den Geist von Lovecrafts Horrorstories wiederzugeben. Grund hierfür dürfte sein, dass man damals noch nicht den Fetisch 'Realismus' anbetete. Prägend für den phantastischen Film jener Zeit war der deutsche Expressionismus mit Werken wie Das Cabinet des Dr.Caligari, Dr. Mabuse – Der Spieler und Nosferatu. Dessen Einfluss war noch bei den Universal - Monsterstreifen der 30er Jahre – mal mehr, mal weniger deutlich – zu spüren. Statt einem vermeintlichen computergenerierten Naturalismus nachzujagen, war den damaligen Filmemachern die Verwandtschaft zwischen Phantastik und Symbolismus/ Surrealismus ganz selbstverständlich. Und so mögen die unirdische Architektur von R'lyeh und der Stop - Motion - Cthulhu in diesem Film zwar nicht 'realistisch' wirken, aber wer braucht schon diese Form von 'Realismus'?


* Obwohl das nicht zum Thema gehört: Das musikalische Hauptmotiv dieses Films von 1963 erinnert verdächtig an jenes von David Lynchs grandios misslungener Adaption von Dune aus dem Jahre 1984.
** Nebenbei bemerkt: Gordons Dagon spielt ganz bewusst auf The Haunted Palace an.

Die Goblin Girls sind wieder da!

Seit einigen Tagen öffnet die Frühlingsausgabe von Goblin Fruit allen Freundinnen und Freunden phantastischer Lyrik wieder einmal das Tor zu einer Welt von Poesie und Magie.

Ich muss zugeben, dass ich selbst noch nicht die nötige Ruhe gefunden habe, um die Gedichte auf angemessene Weise zu goutieren. Auch ist selten alles, was Amal El-Mohtar und Jessica P. Wick in ihrem Magazin präsentieren, nach meinem Geschmack. Dennoch kann ich jedem, der sowohl Phantastik als auch Lyrik liebt, einen Besuch bei den Goblin Girls nur wärmstens empfehlen. Als kleiner Appetitanreger zwei (freilich nicht mehr ganz taufrische) Videos:



Dienstag, 1. Mai 2012

Felines Grauen

Nachdem ich mich letzten Freitag darüber aufgeregt habe, wie der gerade gestartete Film The Raven mit der Person und dem Werk von Edgar Allan Poe umzuspringen scheint, dachte ich mir, es wäre nur angebracht, darauf hinzuweisen, dass es auch ein äußerst gelungenes Beispiel dafür gibt, wie man das Leben und den Horror des Meisters des Makabren miteinander verknüpfen kann. Ich spreche von Stuart Gordons Adaption von Poes klassischer Story The Black Cat. Die Bekanntschaft mit diesem kleinen filmischen Juwel verdanke ich dem wunderbaren Mr. Jim Moon und seinem Podcast Hypnobobs. Schauen wir doch mal in den Trailer:


The Black Cat ist Teil der zweiten Staffel von Masters of Horror (2006/07), einer von Mick Garris ins Leben gerufenen TV-Serie, zu der eine Reihe bekannter Genre-Regisseure wie Dario Argento, Wes Craven und John Carpenter jeweils einstündige Filme beisteuerten.
Stuart Gordon dürfte wohl am bekanntesten für seine Lovecraft-Adaptionen (Re-Animator, From Beyond, Castle Freak, Dagon) sein, und bei seinem Beitrag zur ersten Staffel von Masters of Horror hatte er mit Dreams in the Witch-House einmal mehr auf das Werk des Gentlemans von Providence zurückgegriffen. Mit The Black Cat betrat er dann nicht nur thematisch, sondern auch stilistisch Neuland, und es zeigte sich, dass er  eine Geschichte auch auf zurückhaltende und einfühlsame Weise zu erzählen vermag. Indem er Poe zum Protagonisten seiner eigenen Story macht, gelingt es Gordon, Elemente aus dem realen Leben des Dichters – Armut, Alkoholismus, die zu einem tragischen Ende verurteilte Ehe mit seiner Cousine Virginia – auf intelligente Weise mit dem übernatürlichen Grauen der schwarzen Katze zu verschmelzen. Jeffrey Combs und Elyse Levesque brillieren in den Rollen von Edgar und Virginia.

Alle Liebhaberinnen und Liebhaber Edgar Allan Poes sollten versuchen, dieses feine kleine Filmchen in die Finger zu bekommen.