"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Donnerstag, 5. Januar 2017

Tolkien und die kleinbürgerliche Utopie

Corrupted romanticism is as
unwholesome as [...]
corrupted realism.
Michael Moorcock, Epic Pooh 

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mit etwas Verspätung einen kurzen Beitrag zur Feier von J.R.R. Tolkiens einhundertfünfundzwanzigstem Geburtstag zu schreiben. Doch nun hat der gute "Murilegus rex" auf seinem Blog Lake Hermanstadt einen äußerst lesenswerten Beitrag mit dem Titel Gibt es faschistische Fantasy? veröffentlicht, dessen Lektüre mich dazu animiert hat, in einem meiner alten Tolkien - Manuskripte herumzublättern und einige Passagen hervorzukramen, die sich als eine Art weiterführender Kommentar zu diesem Essay eignen könnten

In Auseinandersetzung mit dem neonazistischen Blödsinn der Metapedia beschäftigt sich "Murilegus rex" in erster Linie mit der Frage, inwieweit sich Tolkiens Lord of the Rings mit der "Rassenlehre", wie sie von den Nationalsozialisten und anderen vertreten wurde, vereinbaren lässt. Ohne Zweifel ein interessantes Thema, doch in Anbetracht des Titels, den  sein Essays trägt, scheint mir das etwas zu kurz gegriffen. Faschismus – sowohl als Ideologie wie als politische Bewegung – lässt sich nicht auf das Element des Rassismus reduzieren. Wobei ich wohl rasch hinzufügen sollte, dass ich nicht glaube, "Muriligus rex" habe diesen Eindruck vermitteln wollen. Das Folgende ist darum auch nicht als Kritik an seinem Text gedacht. Vielmehr möchte ich versuchen, das Thema "Tolkien und der Faschismus" von einer etwas anderen Perspektive – abseits des Fragenkomplexes Rassismus/Rassentheorie – anzugehen.

Michael Moorcock, den man als den Urvater der linken Tolkienkritik in der Phanatstik-Szene bezeichnen kann, zählt in seinem Essay Starship Stormtroopers den "Professor" zusammen mit H.P. Lovecraft, Robert Heinlein und Ayn Rand zu den "crypto-fascists" – ein Begriff, der ungefähr so verschwommen ist wie unser "faschistoid". 
Dem ließe sich mit gutem Recht entgegenhalten, dass der Geist des Lord of the Rings in vielerlei Hinsicht ganz und gar nicht den Wertvorstellungen des Faschismus entspricht: Hochmütiges Herrenmenschentum à la Boromir oder Denethor erscheint in keinem guten Licht; die Hobbits verkörpern einen auf der Tugend des Mitgefühls basierenden Heldentypus, den Arno Breker unter Garantie nie in meterhohe Marmorblöcke gemeißelt hätte; und natürlich gleicht auch der edle König Aragorn mitnichten Adolf dem Anstreicher, sondern eher einem wiedergekommenen Artus. Und dennoch gibt es da meiner Meinung nach tatsächlich einige Berührungspunkte. Nicht weil Tolkien ein verkappter Nazi gewesen wäre, sondern weil er die Welt aus einer ähnlichen sozialen Perspektive betrachtete – der Perspektive des von den Erschütterungen des beginnenden 20. Jahrhunderts verängstigten Kleinbürgers. 

Ironischerweise finden sich Spuren dieser Verwandtschaft weniger in den heldischen Gestalten der blonden und blauäugigen Rohirrim, sondern eher in den grünen Gauen des Auenlandes mit seinen ebenso beschränkten wie glücklichen Bäuerlein. Wir haben bei dem Wort Faschismus fälschlicherweise immer gleich Massenaufmärsche, schwarze SS-Uniformen oder muskelbepackte Siegfrieds vor Augen. Aber neben dem Militaristischen und vermeintlich "Heroischen" hat das Sentimentale einen ebenso festen Platz in der faschistischen "Kultur": Heimat, Natur, Landleben, Familie. Einer der gruseligsten Aspekte des Faschismus war es ja gerade, dass es sich bei ihm um ein auf wagnersche Dimensionen aufgeblähtes Spießertum handelte. Einige besonders haarsträubende Beispiele dafür werden uns in den besten Passagen von Michail Romms Dokumentarfilmklassiker Der gewöhnliche Faschismus präsentiert.
Moorcock schreibt in Epic Pooh: „The appeal of the Shire has certain similarities with the appeal of the ‘Greenwood’ which is, unquestionably, rooted in most of us. (1) Es waren Romantiker wie John Keats, Leigh Hunt und Thomas Love Peacock, die aus dem "grene wode" der alten Balladen um Robin Hood einen poetischen Zufluchtsort vor dem von industrieller Revolution und Manchesterkapitalismus gezeichneten England ihrer Tage gemacht hatten. In ihm fand ihr Ideal eines freien, natürlichen und kameradschaftlichen Lebens seinen Ausdruck. Doch hatte bei ihnen dabei stets eine rebellische Note mitgeschwungen. Schließlich waren Robin und seine "merry men" in erster Linie dafür bekannt gewesen, fette Mönche um ihr Gold zu erleichtern und den hochmütigen Sheriff von Nottingham an der Nase herumzuführen. Dieser Aspekt ist bei Tolkien gänzlich verlorengegangen. Ihm hätte sicher weder der ironische Tonfall von Peacocks seinerzeit sehr beliebtem Roman Maid Marian noch der heftige Antiklerikalismus von Hunts Robin Hood - Balladen gefallen. Von der romantischen Revolte erhalten hat sich bei ihm in erster Linie die Sehnsucht nach einer verklärten vorindustriellen Vergangenheit. Dies zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der Darstellung des Auenlandes.

Wie ich in einem älteren Blogpost über die Politik des Herr der Ringe ausführlicher ausgeführt habe, sehe ich eine enge Verwandtschaft zwischen dem von Tolkien gezeichneten Bild eines Utopias der kleinen Bauern und biederen Handwerker und der Ideologie des sog. "Distributismus", die von G.K. Chesterton und Hilaire Belloc vertreten wurde. Mein damaliger Beitrag endete mit folgendem Absatz:
Das bedeutet natürlich nicht, dass Tolkien [Bellocs] The Servile State oder vergleichbare Schriften tatsächlich gelesen haben muss. Sein Denken wurzelte jedoch in denselben sozialen Verhältnissen wie das der Chesterbelloc (so nannte Bernard Shaw scherzhaft den Kreis um Belloc und Chesterton). Dass sich die Mittelschichten angesichts einer gesellschaftlichen Krise in die "gute, alte Zeit" zurücksehnen, ist ein häufig zu beobachtendes Phänomen. In ihrer sozialen Stellung sowohl von den "Plutokraten" als auch von den Proletariern bedroht, wünschen sie, den Kapitalismus nicht abzuschaffen, sondern auf das Niveau einer Gesellschaft kleiner Warenproduzenten zurückführen zu können. Wie Chesterton es ausdrückte: "Too much capitalism does not mean too many capitalists, but too few capitalists." Nicht selten entdecken die Ideologen des Kleinbürgertums das ersehnte Goldene Zeitalter im zünftlerischen Handwerk des Mittelalters, während sie den mit der Scholle verbundenen Bauern als Idealtyp den entwurzelten und bedrohlichen städtischen Massen gegenüberstellen. Hierin berühren sich der "Distributismus" und Tolkiens literaterische Vision.
Und genau das ist auch der Punkt, an dem es zu beunruhigenden Überschneidungen mit der Ideologie des Faschismus kommt. Handelt es sich bei diesem doch gleichfalls um eine Art Revolte des Kleinbürgertums gegen die herrschenden Verhältnisse.
Auch Mussolini und Hitler sagten im Namen des bedrohten Mittelstandes dem Finanzkapital den Kampf an, schworen die "Zinsknechtschaft" zu brechen und gaben sich während der "Kampfzeit der Bewegung" alles in allem äußerst "revolutionär", während sie gleichzeitig die "Marxisten" zu den Hauptfeinden der Nation erklärten und die Terrorbanden der Fasci di Combattimento und der SA gegen die Arbeiterbewegung in den Kampf schickten. Das "ewige" Programm der NSDAP von 1920 forderte u.a.
die Schaffung eines gesunden Mittelstandes und seine Erhaltung. Kommunalsierung der Großwarenhäusern und ihre Vermietung zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibende, schärfste Berücksichtigung aller kleinen Gewerbetreibenden bei Lieferungen an den Staat, die Länder oder Gemeinden [...] Verstaatlichung aller bisher bereits vergesellschafteten (Trusts) Betriebe [...] Gewinnbeteiligung an Großbetrieben (2) 
Viele italienische Faschisten und der linke Flügel der Nazis um die Brüder Strasser gebärdeten sich noch sehr viel radikaler. (3)

Die wütende Feindschaft gegen den Sozialismus, die Idealisierung des kleinen Gewerbetreibenden, der Hass auf die "Bonzen" und "Shylocks", die kultische Verehrung des "gesunden Bauernstandes" und der patriarchalischen Familie (Chesterton und Belloc waren unversöhnliche Gegner des Frauenwahlrechts) – all diese Züge teilten Distributismus und Faschismus. Auch sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die von den Chesterbelloc attackierten "Plutokraten" ominöserweise sehr oft jüdische Namen trugen. George Orwell erwähnt in seinem Essay Anti-Semitism in BritainChesterton’s endless tirades against Jews, which he thrust into stories and essays upon the flimsiest pretexts“ als krassestes Beispiel für den virulenten Judenhass, der zu Beginn des Jahrhunderts in Englands gebildeter Klasse herrschte.
Angesichts der sich verschärfenden Klassenkämpfe in Großbritannien und der bolschewistischen Revolution in Russland rückten die Chesterbelloc in den 20er und 30er Jahren immer weiter nach rechts. Belloc hatte seine politische Karriere als Mitglied der sozialdemokratischen Fabian Society begonnen und war von 1906 bis 1910 Abgeordneter der Liberalen Partei im Unterhaus gewesen. Jetzt forderte er die Auflösung des Parlaments und die Schaffung von ständischen Vertretungen nach dem Vorbild der mittelalterlichen Korporationen. Zusammen mit Chesterton predigte er in den Spalten der G.K.’s Weekly sein System des Distributismus und zog kreuz und quer durchs Land, um distributistische Ortsgruppen zu gründen. Die Chesterbelloc als Faschisten zu bezeichnen, wäre sicher falsch. Chestertons humaner Charakter macht es beinahe unmöglich, sich den geistreichen Dicken in der Uniform von Oswald Mosleys Schwarzhemden vorzustellen. Dennoch war es kein Zufall und auch kein Missverständnis, dass der Distributismus in den USA seinen begeistertsten Anhänger ausgerechnet in Seward Collins fand. Der Herausgeber der American Review, auf deren Seiten u.a. die Southern Agrarians ihre Farmer- und Sklavenhalterromantik propagierten, bezeichnete sich selbst offen als "american fascist" und war ein glühender Verehrer Hitlers und Mussolinis. Belloc mochte sein Ideal im Merry England des Mittelalters erblicken, doch wären seine korporatistischen Fantasien politische Wirklichkeit geworden, so hätte das Ergebnis eher dem katholisch-faschistischen Ständestaat des portugiesischen Diktators António de Oliveira Salazar geglichen. In den 30er Jahren äußerten die Distributisten vermehrt Sympathien für Mussolini. Chesterton interviewte den Duce für den G.K.’s Weekly, während er zugleich seinen alten Buhmann, den jüdischen Plutokraten, um den Typus des jüdischen Bolschewiken ergänzte. Der Übergang vom konservativen Antikapitalismus zum Faschismus ist oft fließend, wie in England schon lange zuvor das Beispiel Thomas Carlyles gezeigt hatte.

Tolkiens Katholizismus und Antisozialismus, sein ständisches Gesellschaftsideal und sein Hang zu feudaler Romantik rückten ihn in die Nähe der Chesterbelloc. Andererseits trennte ihn sein tiefes Misstrauen gegenüber allen politischen Bewegungen und Reformvorhaben von den Distributisten.
Für das „erbärmliche Reich des Führers" (4) hatte er nur wohlverdiente Verachtung übrig, auch wenn er sich einmal positiv über die deutschen „Tugenden des Gehorsams und des Patriotismus“ (5) äußerte. Ebenso soll nicht verschwiegen werden, dass er stets ein erklärter Gegner des Antisemitismus war. Er war ganz sicher kein Faschist, doch seine Weltanschauung und vor allem sein wütender Antikommunismus brachten ihn mitunter genauso wie die Chesterbelloc in ausgesprochen unappetitliche politische Gesellschaft.
Am deutlichsten zeigt sich das vielleicht im Zusammenhang mit Tolkiens Reaktion auf den Spanischen Bürgerkrieg. Während der heroische Kampf der arbeitenden Massen Spaniens gegen die Faschisten einen begeisterten Widerhall unter Großbritanniens linken Intellektuellen fand und zu deren weiterer Radikalisierung beitrug, stand Tolkien felsenfest auf der Seite General Francos, kämpfte dieser doch mit dem Segen des Papstes gegen die gottlosen "Roten". 
Wir dürfen getrost davon ausgehen, dass Tolkien auch nicht das Geringste über die Revolution in Spanien wusste, außer dass katholische Priester von den revolutionären Milizen getötet und Kirchen zerstört worden waren. Die monarchistischen Requetes-Milizen hingegen zogen mit dem Schlachtruf "Viva Cristo Rey!" ("Es lebe König Christus!") in den Kampf gegen die Republik, und ihre Stellungen wurden von Parolen wie „Quando matas un rojo tienes un ano de purgatorio de menos!“ (‘Wenn Du einen Roten tötest, musst Du ein Jahr weniger im Fegefeuer verbringen!’) geziert. (6) Echte Kreuzritter eben ...
Als im Oktober 1944 der rechtsradikale katholische Dichter Roy Campbell – ein fanatischer Anhänger Francos und Apologet Hitlers, dessen Verse zeitweilig in Oswald Mosleys Zeitung veröffentlicht wurden – bei den Inklings aufkreuzte, war Tolkien begeistert. In einem Brief an seinen Sohn Christopher verklärte er ihn zu einer Art "fahrendem Ritter" – „ganz so wie ‘Trotter’ [der ursprüngliche Name von Strider/Streicher] im Tänzelnden Pony, genauso!“ – und zeigte sich geschmeichelt, dass dieser „kraftvolle Dichter und Soldat in Oxford hauptsächlich Lewis (und mich) hatte sehen wollen." (7) C.S. Lewis attackierte Campbell und dessen „particular blend of Catholicism and Fascism“ (8) heftig, wofür Tolkien ihn seinerseits scharf kritisierte – offenbar saß der Freund der „roten Propaganda“ auf. Er selbst jedenfalls war tief beeindruckt von dem „Soldaten, Dichter und bekehrten Christen“. Zu den "Heldentaten" dieses "Teufelskerls" gehörte es unter anderem, den avantgardistischen Bildhauer Jacob Epstein und den linken Schriftsteller Stephen Spender zusammengeschlagen zu haben, was Tolkien mit Genugtuung vermerkte: Von Campbells Histörchen „am besten gefallen hat mir eine über den schmierigen Epstein (den Bildhauer), wie er sich mit dem geschlagen und ihn für eine Woche ins Krankenhaus gebracht hat.“ Diese Bemerkung wirkt besonders erschreckend, weil uns Tolkien ansonsten als ein Mensch begegnet, der jede sinnlose Gewalt verabscheute. Sein blindwütiger Hass auf die "Roten" und insbesondere auf die linken britischen Intellektuellen scheint die übelsten Seiten seines Wesens geweckt zu haben. (9)
Es ist vielleicht kein Zufall, dass wir in demselben Brief auf eine jener Passagen stoßen, in denen sein Abscheu vor der modernen "Maschinengesellschaft" apokalyptische Dimensionen annimmt, und er offen vom Untergang der menschlichen Zivilisation träumt: 
Nicht das Nicht-menschliche (z.B. das Wetter) und auch nicht der Mensch (sogar auf einer niedrigen Stufe), sondern das vom Menschen Gemachte ist das letztlich Entmutigende und Unerträgliche. Würde ein ragnarök [das Weltende in der nordgermanischen Mythologie] alle Slums, Gaswerke, die schäbigen Garagen und die langen Vororte mit ihren Bogenlampen niederbrennen, so könnten von mir aus auch alle Kunstwerke mit verbrennen – und ich würde wieder zu den Bäumen zurückkehren.
In einem anderen Brief ergeht er sich, auf die Terrorakte antifaschistischer Widerstandsbewegungen anspielend, in einer anarchischen und unmenschlichen Lust an der Zerstörung: 
Der einzige Lichtblick ist, dass unter den verdrossenen Leuten die Gewohnheit wächst, Fabriken und Kraftwerke in die Luft zu sprengen; hoffentlich kann diese heute als ‘patriotisch’ geförderte Gewohnheit sich halten. Aber sie wird nichts nützen, wenn sie nicht universal ist. (10)
Das sind natürlich vereinzelte extreme Ausbrüche. Tolkien litt Zeit seines Lebens unter ziemlich heftigen Gemütsschwankungen und wir können davon ausgehen, dass diese Zeilen in einer seiner depressiven Phasen geschrieben wurden. Dennoch zeigen sie sehr deutlich, worauf sein Denken in letzter Konsequenz hinauslief.

An dieser Stelle lässt sich auch der Bogen zurück zum Lord of the Rings schlagen – insbesondere zur Schilderung der "Befreiung des Auenlandes" ("Scouring of the Shire") am Ende des Romans.
Die menschlichen Gehilfen Sarumans werden als "ruffians" bezeichnet. {Carroux’ Übersetzung "Strolche" klingt etwas altbacken,  der Begriff "Rowdy" kommt dem Gemeinten vermutlich näher.} Die "ruffians" sind großmäulige und brutale Burschen, die faul in der Gegend herumlungern, Schwächere terrorisieren und von der Arbeit anderer leben. Das Regiment, das Lotho mit ihrer Hilfe errichtet hat, scheint Tolkiens Vorstellung von Kommunismus zu entsprechen:
Es gab nichts mehr zu rauchen, außer für seine Menschen; und der Oberst hielt nichts von Bier, außer für seine Menschen, und schloss alle Wirtshäuser; und alles außer den Vorschriften wurde knapper und knapper, es sei denn, man konnte ein bisschen von seinem Eigentum verstecken, wenn die Strolche herumgingen und Lebensmittel ‘zur gerechten Verteilung’ einsammelten: was bedeutete, dass sie es bekamen und wir nicht, abgesehen von dem Abfall, den man sich in den Büttelhäusern holen durfte, wenn man ihn verdauen konnte.
Einer der Hobbits beschwert sich: 
Wir bauen eine Menge Nahrungsmittel an, aber wir wissen nicht so recht, was daraus wird. Es sind alle diese ‘Sammler’ und ‘Verteiler’, nehme ich an, die herumgehen und zählen und abmessen und das Zeug ins Lager bringen. Sie sammeln mehr ein, als sie verteilen, und das meiste von der Ernte sehen wir nicht wieder.
Die "ruffians" sind degenerierte und entartete Kreaturen, was man bereits an ihrem Aussehen ablesen kann: „Sie schielten und hatten eine fahle Gesichtsfarbe.“ In ihrer Mehrheit dürfte es sich bei ihnen um das Produkt von Sarumans teuflischen Experimenten handeln, der versucht hat, Menschen und Orks miteinander zu kreuzen. Wer anderes sind diese "ruffians" als der städtische "Mob", vor dessen "Machtergreifung" es Tolkien graust, und deren monströses Porträt er bereits in Gestalt der Orks gezeichnet hatte? 
Und selbstverständlich sind es diese "ruffians", die im Auftrag Lothos die Industrialisierung in das ländliche Idyll getragen haben. Wenn Bauer Hüttinger über die Neue Mühle schimpft, glaubt man, die Stimme des Oxford-Dons zu hören, der beim Anblick jeder neugebauten Straße ausrief: „Das wird aus Englands letztem Boden!“
Nehmt Sandigmanns Mühle zum Beispiel. Pickel [Lotho] hat sie fast sofort als er nach Beutelsend kam, abgerissen. Dann brachte er einen Haufen übelaussehender Menschen her, damit sie eine größere bauten und sie mit Rädern und allen möglichen ausländischen Erfindungen vollstopften. Nur der dumme Timm war froh darüber, und jetzt arbeitet er da und reinigt Räder für die Menschen, wo sein Vater der Müller und sein eigener Herr gewesen war. Pickels Gedanke war, mehr und schneller zu mahlen, das sagte er jedenfalls. Er hat noch andere Mühlen wie diese. Aber man muss Mahlgut haben, ehe man mahlen kann; und für die neue Mühle war nicht mehr da als für die alte.
Es dürfte schwer fallen, ein dümmeres Argument gegen den technischen Fortschritt zu finden. Aber letztlich geht es ja gar nicht um Produktivität. Denn ganz gleich wie Lothos ursprüngliche Motive ausgesehen haben mögen, am Ende steht Zerstörung um der Zerstörung willen:
Doch seit Scharrer [Saruman] kam, mahlen sie überhaupt kein Korn mehr. Da ist immer ein Gehämmere und aufsteigender Rauch und Gestank, und nicht mal nachts hat man Frieden in Hobbingen. Und sie gießen absichtlich Unrat aus; die ganze untere Wässer haben sie verunreinigt, und die fließt ja in den Brandywein. Wenn sie das Auenland zu einer Wüste machen wollen, dann sind sie auf dem richtigen Weg.
Nach Erscheinen des Lord of the Rings äußerten einige Kritiker die Vermutung, das Regime Scharrers spiele auf die Verhältnisse in England nach dem 2. Weltkrieg an, als die mit überwältigender Mehrheit gewählte Labour-Regierung unter Premierminister Clement Attlee im Rahmen eines keynesianischen Wirtschaftsprogramms eine Reihe begrenzter Verstaatlichungen und Sozialreformen durchführte – was für die Tories einer Einführung des Sozialismus gleichkam. Tolkien lehnte eine solche Interpretation stets entschieden ab, dennoch kann man gut verstehen, wie Leser des Romans auf diese Idee kommen konnten.
Der Aufstand der Hobbits gegen Scharrer und seine Bande ist im Kern eine Revolte von Bauern und Kleinbürgern gegen die Moderne. Er ist jene herbeigesehnte Bewegung "verdrossener Menschen", die „Fabriken und Kraftwerke in die Luft sprengen.“ Zwar soll es Leute geben, die die "Befreiung des Auenlandes" „durchaus marxistisch als proletarischen Sklavenaufstand“ interpretieren, doch wie ihnen das gelungen ist, kann ich mir ehrlich gesagt nur schwer vorstellen. Natürlich geht es auch um die Befreiung von einer Diktatur, denn für Tolkien sind technischer Fortschritt und Despotie gar nicht voneinander zu trennen. Doch der antimoderne Zug ist einfach zu offensichtlich, um übersehen werden zu können. Suchte man nach einer Parallele zum Aufstand der Hobbits in der realen Geschichte, so käme einem zuallererst Andreas Hofers Tiroler Rebellion gegen Napoleon und seine bayerischen Alliierten in den Sinn, zu deren Auslösern u.a. der von Kapuzinerpater Haspinger gepredigte Widerstand gegen die von Bayern und Franzosen eingeführte Pockenimpfung gehörte ... 
Gerade da, wo Tolkien rebellisch zu werden scheint, ist seine Erzählung am fragwürdigsten.

Zum Abschluss sollte ich wohl noch einmal betonen, dass ich den Geist von Tolkiens literarischem Werk für äußerst ambivalent und widersprüchlich halte. Er erschöpft sich nicht in dem von mir hier beschriebenen reaktionären Element. Der Lord of the Rings enthält meiner Ansicht nach viel bewundernswertes und tief menschliches. Dennoch halte ich eine ernsthafte und kritische Auseinandersetzung mit den problematischen Seiten der tolkienschen Fantasy für geboten – gerade von Seiten derer, die die Schöpfung des "Professors" schätzen und lieben.  


(1) Michael Moorcock: Wizardry and Wild Romance. S. 127.
(2) Zit. nach: Reinhard Kühnl: Formen bürgerlicher Herrschaft. Liberalismus – Faschismus. S. 92.
(3) Nach ihrer Machtergreifung zeigten die faschistischen Parteien selbstverständlich keinerlei Neigung dazu, ihr Programm der "kleinbürgerlichen Revolution" tatsächlich umzusetzen. Um Leo Trotzkis Essay Porträt des Nationalsozialismus zu zitieren: "Der deutsche wie der italienische Faschismus stiegen zur Macht über den Rücken des Kleinbürgertums, das sie zu einem Rammbock gegen die Arbeiterklasse und die Einrichtungen der Demokratie zusammenpressten. Aber der Faschismus, einmal an der Macht, ist alles andere als eine Regierung des Kleinbürgertums. Mussolini hat recht, die Mittelklassen sind nicht fähig zu selbstständiger Politik. In Perioden großer Krisen sind sie berufen, die Politik einer der beiden Hauptklassen bis zur Absurdität zu treiben. Dem Faschismus gelang es, sie in den Dienst des Kapitals zu stellen. [...] Das Programm der kleinbürgerlichen Illusionen wird dabei nicht abgeschafft, es wird einfach von der Wirklichkeit abgetrennt und in Ritualhandlungen (Arbeitsdienstpflicht, Eintopfsonntag etc.) aufgelöst."
(4) J.R.R. Tolkien: Über Märchen. In: Ders.: Die Ungeheuer und ihre Kritiker. S. 190.
(5) Brief an Michael Tolkien [9. Juni 1941]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 46. S. 76.
(6) Vgl.: Mieczyslaw Bortenstein (M. Casanova): Spain Betrayed. How the Popular Front Opend the Gates to Franco. Kap. 5. In: Revolutionary History. Vol. 4. No. 1-2.
(7) Brief an Christopher Tolkien [6. Oktober 1944]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 83. S. 127ff.
(8) Humphrey Carpenter: The Inklings. C. S. Lewis, J. R. R. Tolkien, Charles William and their friends. S. 192.
(9) Ironischerweise spielt Tolkien in demselben Brief auf W. H. Audens Übersiedelung nach Amerika im Jahre 1939 als Beweis für die angebliche Feigheit der Linken an. In Wirklichkeit war die "Flucht" des Dichters ein äußeres Anzeichen für dessen zunehmende Demoralisierung und die sich nun rasch vollziehende Abwendung vom Sozialismus; – der erste Schritt auf einem Weg, über den er schließlich zu einem gläubigen Christen und großen Bewunderer des Lord of the Rings werden sollte! Der "heldenhafte" Campbell seinerseits verkroch sich nach dem Krieg in Salazars Portugal und schrieb für das von Diana Mosley, der Witwe des britischen Faschistenführers, herausgegebene Magazin The European.
(10) Brief an Christopher Tolkien [29. November 1943]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 52. S. 88.

Kommentare:

  1. Die Konzentration auf die Rassenlehre war gewissermaßen vorgegeben durch das Metapedia-Material, das JRRT vor allem als Rassentheoretiker zu vereinnahmen versucht. Ich will noch weitere Posts zum Thema schreiben, die sich jeweils auf einen Aspekt faschistischer Ideologie konzentrieren. Da ich die ideologischen Elemente herausgreife, finde ich es super, dass du in deinem Text auf die politischen und sozialgeschichtlichen Umstände eingehst, die zum Aufstieg des historischen Faschismus geführt haben.

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  2. Ih schließe mich an, gutes Material, sinnvoll aufgebaute Darlegung.

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