"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 18. Juli 2012

Der Faschist mit dem Zeichenstift

Ich weiß, es ist eine üble linke Angewohnheit, jeden, den man nicht leiden kann, als faschistisch zu beschimpfen, aber es gibt Leute, die dieses Epitheton tatsächlich verdienen. Frank Miller ist einer davon, und dass der Schöpfer von Werken wie Sin City, 300 und Holy Terror als einer der großen Comic-Künstler unserer Ära gilt, wirft ein beunruhigendes Licht auf den Zustand unserer Gesellschaft und Kultur. Selbst seinen größten Verehrern fällt es mittlerweile ganz schön schwer, Millers paranoiden Rechtsradikalismus zu leugnen.

Wer den amerikanischen Faschisten in all seiner unappetitlichen Pracht bewundern will, braucht sich bloß Millers 'Offenen Brief' an die Mitglieder der 'Occupy-Bewegung' vom letzten November durchzulesen. Ein paar Auszüge gefällig?

"'Occupy' is nothing but a pack of louts, thieves, and rapists, an unruly mob, fed by Woodstock-era nostalgia and putrid false righteousness. These clowns can do nothing but harm America. [...] a bunch of iPhone, iPad wielding spoiled brats who should stop getting in the way of working people and find jobs for themselves. [...] This is no popular uprising. This is garbage. [...] Wake up, pond scum. America is at war against a ruthless enemy. Maybe, between bouts of self-pity and all the other tasty tidbits of narcissism you’ve been served up in your sheltered, comfy little worlds, you’ve heard terms like al-Qaeda and Islamicism. [...] In the name of decency, go home to your parents, you losers. Go back to your mommas’ basements and play with your Lords Of Warcraft. Or better yet, enlist for the real thing. Maybe our military could whip some of you into shape."

Ein Kommentar erübrigt sich da wohl. Stattdessen vielleicht noch der Trailer zu dem im letzten Jahr erschienenen Comic Holy Terror?


Erstaunlich finde ich bloß, dass Millers rechte Pöbeleien und seine antimuslimische Hetz-propaganda einige Leute ernsthaft überrascht zu haben scheinen. Als wäre all dies aus heiterem Himmel gekommen. So schrieb z.B. David Barnett auf dem BooksBlog des Guardian: "At first glance, Miller's rant comes as something of a surprise. Is this really the same Frank Miller speaking who, in his 1987 comic Batman: Year One, had his fledgling superhero visit a gathering of Gotham's wealthy and inform them: 'You've eaten Gotham's wealth. Its spirit. Your feast is nearly over. From this moment on, none of you are safe'?" Alan Moore hat es da etwas klarer gesehen: "Well, Frank Miller is someone whose work I’ve barely looked at for the past twenty years. I thought the Sin City stuff was unreconstructed misogyny, 300 appeared to be wildly ahistoric, homophobic and just completely misguided. I think that there has probably been a rather unpleasant sensibility apparent in Frank Miller’s work for quite a long time."
Was die Comic-Historie des Caped Crusaders angeht, bin ich eingestandermaßen ein völliger Ignorant. Ich kann deshalb kein Urteil über die Weltsicht abgeben, die sich in Batman: Year One ausdrückte, und ob diese tatsächlich so weit von Millers heutiger entfernt war. Bei der Plot-Zusammenfassung auf Wikipedia ist mir allerdings die scheinbare Vorliebe für Erniedrigungen und Demütigungen unangenehm aufgefallen. Und auf jedenfall ist der Hass auf die 'korrupten Eliten' kein zwingender Beleg für eine progressive politische Einstellung. Vielmehr ist er ein ebenso fester Bestandteil der faschistischen 'Persönlichkeit'. Auch in Millers Tiraden gegen die 'Occupyer' findet sich ja noch etwas davon, sieht er in ihnen doch verweichlichte Muttersöhnchen, Kinder der 'liberalen' Eliten, denen bei der Armee mal der Ernst des Lebens beigebracht werden sollte.

Was Leute wie David Barnett vermutlich nicht verstehen können oder wollen ist, dass der Nährboden für Millers heutige Ausfälle in dem zu suchen ist, was sie selber früher einmal an dem Künstler bewundert haben. Als 2005 die Verfilmung von Sin City in die Kinos kam, waren die meisten von ihnen begeistert von dieser abstoßenden Zurschaustellung von Sadismus, Misogynie und Menschenverachtung. Noch heute besitzt der von Miller gemeinsam mit Robert Rodriguez & Quentin Tarentino kreierte Streifen 78% positive Rezensionen bei RottenTomatoes. Nur ganz wenige 'offizielle' Kritiker wie William Arnold vom  Seattle Post-Intelligencer sahen in dem Film das widerliche Spektakel, das er ist. Für die meisten gilt bis heute, was der unnachahmliche David Walsh damals geschrieben hat: "Disorientation, panic and a sense of being overwhelmed by events grip a good many people, not only in fundamentalist circles, but in the pseudo-artistic world as well. American society and culture, in grave crisis, are vomiting up everything retrograde, diseased and long-since discredited. And the critics? Oh, the critics can always be counted upon! 'Brilliant,' writes one prominent figure. 'Savage, sexy and ferociously funny,' says another. A third: 'I loved it, I loved it, I loved it.' In the future, looking back at the cultural landscape of our time, people will simply shake their heads." Man verstehe mich nicht falsch. Ich bin nicht der Ansicht, dass in jedem Vertreter der grim & gritty - Schiene ein kleiner Faschist stecken würde. Doch das zutiefst pessimistische Menschenbild gibt zusammen mit der fetischistischen Faszination für Folter und Gewalt einen äußerst günstigen Nährboden für ultrareaktionäre politische Überzeugungen ab.

Spätestens bei 300 (Comic wie Film) musste eigentlich jedem klar sein, in welche Richtung Frank Miller sich entwickelt. Eugenisch hochgezüchtete, kriegsgeile Herrenmenschen aus Sparta verteidigen den 'Westen' und die 'Freiheit' gegen dekadente asiatische Untermenschen aus Persien! Dass dieses aufgeblasene Spektakel selbstverständlich nichts mit der historischen Schlacht an den Thermopylen oder den realen Verhältnissen im antiken Sparta zu tun hatte, muss wohl nicht eigens betont werden. Statt meine Zeit damit zu verschwenden, ins Detail zu gehen, verweise ich lieber auf drei Artikel, in denen alles nötige gesagt wird:

Phenderson Djélí Clark: 300 Spartans, 1 Million Persians and the Altering of History
FerretBrain's Arthur B.: The "300" Movie Is Fascist Filth

Julian Lynch: 300 - Two minutes hate

Und jetzt muss ich erfahren, dass Miller uns nicht nur einen zweiten Sin City - Film, sondern auch eine Art Prequel zu 300 bescheren wird! Ich glaub, ich geh erstmal kotzen ...

Samstag, 14. Juli 2012

Dr. Dr. Weinreich und die Politik des "Herr der Ringe" (II)

Ulkigerweise unterstellt Frank Weinreich dem von ihm verehrten Herr der Ringe ein viel größeres Maß an Naivität, als diesem in Wirklichkeit zukommt. Er schreibt: "Die Beinahe-Anarchie der 'Hobbit-Wards' hat keinerlei schlechten Beigeschmack, da das Zusammenleben im Auenland nahezu utopisch ist".
Nun besitzt die Heimat der Hobbits natürlich stark idealisierte Züge, wobei die kleinbürgerliche Sehnsucht nach einer ruhigen und geordneten Gesellschaft mit Tolkiens ganz persönlichen Erinnerungen an die verlorengegangene Welt seiner Kindheit verschmilzt. Wie er selbst einmal schrieb, ist das Auenland "[i]n Wahrheit [...] mehr oder weniger ein Dorf in Warwickshire, etwa um die Zeit des Diamantenen Jubiläums [der Regentschaft Königin Victorias]". (1) Damit meinte er Sarehole Mill in der Nähe von Birmingham, wo er nach dem Tod seines Vaters gemeinsam mit seiner Mutter Mabel und seinem Bruder Hilary von 1896 bis 1900 gelebt hatte – nach seiner eigenen Aussage "der Abschnitt meines Lebens, der mir am längsten erscheint und mich am meisten geprägt hat." (2) Und doch ist das Auenland nicht bloß ein romantisch verklärtes Merry Old England. So sehr Tolkien die friedliche, ländlich-kleinbürgerliche Lebensweise der Hobbits auch am Herzen lag, so deutlich erkannte er doch auch deren negative Seiten. Interessanterweise äußerte er in einem Interview einmal die Vermutung, Sinclair Lewis’ berühmte Satire auf den amerikanischen Bourgeois Babbitt sei eine der unbewussten Quellen für den Namen ‘Hobbit’ gewesen: "Babbitt hat dieselbe bürgerliche Selbstzufriedenheit wie die Hobbits. Seine Welt ist ebenso eng." (3) Tatsächlich sind die Bewohner des Auenlandes im allgemeinen spießig, selbstzufrieden und borniert. Sams voller Name lautet nicht ohne Grund Samwise – Altenglisch für ‘Einfaltspinsel’ –, der seines Vaters Hamfast – ‘Bleibzuhaus’. Alles, was nicht in ihren begrenzten Erfahrungshorizont hineinpasst, wird von den Hobbits entweder ignoriert oder als ‘Märchen’ verlacht. Was jenseits der Grenzen ihres kleinen Landes vor sich geht, interessiert sie nicht, und ständig ist bei ihnen von ‘ausländischem Volk’ die Rede, mit dem man nichts zu tun haben will und das besser wieder dahin verschwinden sollte, wo es hergekommen ist. Sie glauben, die ganze Welt vom Standpunkt ihres heimatlichen Marktfleckens aus beurteilen zu können, und sind als typische Kleinbürger auch noch stolz auf ihre eigene Beschränktheit und glauben sich allen anderen Völkern überlegen. Das gilt selbst für einen so gebildeten und aufgeweckten Hobbit wie Frodo, wie er Gandalf gegenüber eingestehen muss: "’Ich wußte gar nicht, daß manche von den Großen Leuten so sind [wie Aragorn]. Ich dachte, nun ja, daß sie bloß groß sind und ziemlich dumm; freundlich und dumm wie Butterblume; oder dumm und böse wie Lutz Farning. Aber schließlich wissen wir im Auenland nicht viel über die Menschen, höchstens über die Breeländer.’’Nicht einmal über sie wißt ihr viel., wenn du den alten Gerstenmann für dumm hältst’, sagte Gandalf. ‘Auf seinem Gebiet ist er weise genug. Er denkt weniger, als er redet, und langsamer; und doch kann er rechtzeitig durch eine Steinmauer gucken (wie sie in Bree sagen).’" (4)
Ich finde es erstaunlich, wenn gerade Leute, die den Herr der Ringe gegen den oft gehörten Vorwurf, simplistisch zu sein, verteidigen wollen, diese augenfällige (selbst)kritische Note in der Darstellung der Hobbits ignorieren.

IV

Eine Gesellschaft wie das Auenland ist materiell zu arm und geistig zu eng, um vieles von dem hervorzubringen, was Tolkien schätzte und liebte. Es ist kein Zufall, dass wir sogut wie nichts über die Kunst der Hobbits erfahren, während ihr bedeutendster Dichter Bilbo zu sein scheint, einer der wenigen, die ihren Horizont durch Reisen unter den Zwergen, Elben und 'Großen Leuten' erweitert haben. Folgen wir seinem Beispiel und schauen über die Grenzen des Auenlandes hinaus, so präsentiert sich uns das Königreich Gondor als der politische Idealtyp.
Allein schon der Titel The Return of the King weist auf die zentale Bedeutung hin, die der Monarchie in Tolkiens Welt zukommt. Und Frank Weinreich macht es sich etwas zu leicht, wenn er glaubt, jede Kritik, die hier ansetzt, abschmettern zu können, indem er ihren Vertretern unterstellt, sie bemängelten, dass "Mittelerde hierarchisch organisiert und eben keine Basisdemokratie schweizerischer Art" sei. Wie Michael Moorcock in seinem Essay Starship Stormtroopers ganz richtig bemerkt: "Fiction about kings and queens is not necessarily royalist fiction any more than fiction about anarchists is likely to be libertarian fiction. [...] It depends what use you make of such characters in a story and what, in the final analysis, you are saying." Die ergrauten Helden in M. John Harrisons The Pastel City etwa kämpfen für ihre Königin Jane, und doch wird nur ein sehr verwirrter Leser die Viriconium-Geschichten für einen Lobgesang auf die Monarchie halten können. Niemand verlangt, dass Tolkien seine Protagonisten zu einfachen Bauern hätte machen oder einen Aufstand gegen den Adel von Gondor hätte beschreiben sollen. Entscheidend ist vielmehr, welche Ideale und Wertvorstellungen sich hinter seiner Darstellung des Königtums verbergen.

Weinreichs Aufsatz Verfasungen mit und ohne Schwert zielt wie gesagt auf die These ab, Tolkien habe – ob bewusst oder unbewusst – die Auenlandordnung und die Monarchie Gondor mit einander kontrastiert: "[M]einer Meinung nach [ist] in die Darstellung der politischen Aspekte der menschlichen Gesellschaften Mittelerdes Tolkiens Erfahrung mit dem zwanzigsten Jahrhundert eingeflossen. Die hat ihn bewusst oder unbewusst dazu gebracht, in der Geschichtsschreibung Mittelerdes die versagende Einzelperson auf dem Herrscherthron im Kontrast zum thronlosen Auenland herauszustellen. Wenn man nach Präferenzen angesichts des pragmatischen und des utopischen Idealismus in Tolkiens literarischen Staatsentwürfen fragt, so zeigt sich, dass er offensichtlich die Lebensweise vorzieht, die ohne das Schwert auskommt. Der Professor wusste, dass das Schwert heroisch und inspirierend wirken kann, dass es meist jedoch nur Unheil anrichtet." Nichts könnte meiner Meinung nach dem Denken Tolkiens ferner liegen, als einen solchen Gegensatz zwischen dem Auenland und dem Reich zu konstruieren. Auch wenn die quasi ‘herrschaftslose’ Gesellschaft der Hobbits ohne Zweifel utopische Züge trägt, ist doch auch sie in die hierarchische Gesamtstruktur der Welt eingefügt und dabei dem von den Valar abgeleiteten Königtum eindeutig untergeordnet. Wie Merry es ausdrückt: "Es ist am besten, wenn man zuerst liebt, was zu lieben einem angemessen ist, nehme ich an: man muß irgendwo beginnen und Wurzeln haben, und der Boden des Auenlandes ist tief. Doch gibt es noch tiefere und höhere Lebewesen [gemeint sind die ‘Edlen’, die ‘guten Herren’ à la Aragorn]; und kein Ohm könnte in Frieden, wie er es nennt, seinen Garten bestellen, wenn sie nicht wären, ob er nun von ihnen weiß oder nicht." (5) Setzt man die Hobbits mit den ‘einfachen Leuten’ gleich, so haben wir hier die deutlichste Formulierung von Tolkiens ständischem Gesellschaftsideal vor uns – ja man ist sogar beinahe versucht, in diesen Sätzen die mittelalterlichen Ordnungen der laboratores (Arbeiter) und pugnatores (Kämpfer) wiederzuerkennen. Elronds scheinbar so ‘demokratische’ Bemerkung über die Taten der "kleinen Hände", "die die Räder der Welt in Bewegung setzen", muss neben diesem klaren Bekenntnis zu einer gesellschaftlichen Hierarchie gesehen werden. Für Tolkien selbst drückten die beiden Stellen zusammengenommen einen der Hauptgedanken seines Werkes aus. (6) Der Heroismus der ‘kleinen Leute’ zeigte sich für ihn in der Verteidigung einer Ordnung, an deren Spitze "tiefere und höhere Lebewesen" stehen.

Ich hätte nichts gegen Weinreichs Ausführungen einzuwenden, ginge es ihm lediglich darum, Tolkiens tiefes Misstrauen gegenüber jeder Konzentration von Macht hervorzuheben, welche sich im Reich der Dúnedain naturgemäß deutlicher zeigt, als in der Eidgenossenschaft der Hobbits. Aber seine Argumentation beruht darauf, die beiden als gegensätzliche Staatsmodelle aufzufassen. Dabei betrachtet er die Monarchie auf völlig ahistorische und schematische Weise. Er fragt sich zu keinem Zeitpunkt, auf welcher gesellschaftlichen Grundlage die realen Königsherrschaften erwachsen sind. Zwar schreibt er, es gebe "eine Reihe von monarchischen Staatsformen, die sich in politischer Hinsicht teilweise stark unterscheiden", doch bei ihrer Klassifizierung ist für ihn nur ein Kriterium von Bedeutung: Inwieweit wird die Macht des Monarchen durch Gesetze eingeschränkt? "Der wichtigste Unterschied besteht in der Frage, ob es sich um eine absolute oder um eine konstitutionelle Monarchie handelt." Fraglos ein wichtiger Unterschied, aber einer, der für die Beschäftigung mit Tolkiens Werk völlig irrelevant ist, denn in einer derart archaischen Welt wie Mittelerde wird wohl niemand erwarten, auf Verfassungen zu stoßen! Wie auch? – es existiert ja keine aufsteigende Bourgeoisie, die sie den Königen abtrotzen könnte. Oder sollte Weinreich mittelalterliche Gesetzeswerke wie die Magna Charta für Verfassungen, das Königreich England seit John Lackland mithin für eine konstitutionelle Monarchie halten? Wohl kaum. Bleibt also nur die absolute Monarchie, und eine solche ist natürlich auch Gondor, denn offenbar existieren bei den Dúnedain keinerlei gesetzlich fixierte Einschränkungen der Königsmacht. Bloß, was sagt uns das jetzt genau? Unter dieselbe Definition würden ja sowohl das Reich Karls des Großen als auch das Ludwigs XIV. fallen, und doch glich das eine dem anderen so wenig wie die Kaiserpfalz von Aachen dem Schloss von Versailles.
Weinreichs Herangehensweise erklärt sich aus seinem Ziel, im Herr der Ringe Spuren einer "Wertschätzung politischer Freiheit" finden zu wollen. Er will belegen, "dass Tolkien wie andere Autoren seiner Generation, etwa William Golding, George Orwell oder Kurt Vonnegut, die Erfahrungen zweier Weltkriege und zweier totalitärer Systeme in seinen Werken verarbeitet" habe. (7) Und deshalb muss er die Monarchie irgendwie in die Nähe der Diktaturen Stalins und Hitlers rücken. Dies tut er auf zweierlei Art. Zuerst einmal erklärt er, in beiden hinge alles von den "Entscheidungen von in ihrer Macht uneingeschränkten Einzelmenschen" ab. Dies ist zwar nicht unmittelbar falsch, aber doch ziemlich ungenau. Weinreichs zweites Argument jedoch zeigt, dass er weder die realen Verhältnisse im europäischen Mittelalter noch Tolkiens Schilderung Gondors verstanden hat. Er bezeichnet das Reich der Dúnedain als ein "monolithisches Staatsgebilde" – was Assoziationen zum Stalinismus weckt – und als einen "von einer Zentralgewalt gesteuerten Staat". Doch eben dies war weder das mittelalterliche Königtum noch ist es das Reich Gondor. Wie 'absolut' die beiden bei oberflächlicher Betrachtung auch sein mögen, sie sind keine 'absolutistischen Regime', vielmehr steht der König in beiden an der Spitze einer feudalen Lehnspyramide.

V

Weinreich freilich versteht unter Feudalismus ausschließlich die Existenz "starke[r] lokale[r] Herrscher [...], auf deren Unterstützung die Monarchin, der Monarch angewiesen ist". Und da er solche im Reich der Dúnedain nicht auszumachen vermag, kann er über das Gondor des 3. Zeitalers schreiben, in ihm scheine "kein typisches Feudalsystem existiert zu haben. Vielmehr werden alle Teile des Reiches bis zur Herrschaft der Statthalter [gemeint sind die ‘stewards’/‘Truchsessen’] ab 2050 von Personen verwaltet, deren königliche Abstammung in ununterbrochener Reihenfolge bis auf Elros zurück geht".
Die Tendenz zur Fragmentierung der Herrschaft ist zwar ein typisches Merkmal des Feudalismus und wurzelt in seinen technischen, ökonomischen und sozialen Grundlagen, doch welche Ausmaße sie annimmt kann von Fall zu Fall sehr unterschiedlich sein. Sie zum einzigen – oder auch nur wichtigsten – Kriterium für ein ‘typisches Feudalsystem’ zu machen, ist darum verfehlt.

Weinreich stützt sich in seinen Überlegungen hauptsächlich auf die Anhänge des Herr der Ringe, doch Tolkien war bei aller peniblen ‘Weltenschöpferei’ in erster Linie ein großer Erzähler. Die deutlichsten Belege für den Charakter und Geist der Gesellschaft Gondors finden sich deshalb auch nicht in den fiktiven Chroniken und Annalen, sondern in der Erzählung selbst. Dabei gilt es auf einzelne Worte und Szenen zu achten. Dafür aber scheint Weinreich kein rechtes Gespür zu haben. Das zeigt sich schon daran, dass er den aus Wolfgang Kreges umstrittener Neuübersetzung des Herr der Ringe stammenden Begriff ‘Statthalter’ verwendet. Was auch immer man von Kreges Arbeit im Ganzen halten mag, in diesem Fall hat er sich ohne Zweifel einen sehr ärgerlichen Missgriff geleistet, den Weinreich hier wiederholt. Eine angemessene Übersetzung für Tolkiens ‘Steward’ wäre neben Margaret Carroux’ ‘Truchsess’ vielleicht ‘Seneschall’ oder ‘Hausmeier’, aber ganz sicher nicht ‘Statthalter’ gewesen. Tolkien benutzte solche Begriffe bewusst, um ganz bestimmte Assoziationen zu wecken. So auch, wenn er die entfernteren Regionen Gondors als ‘fiefs’ (‘Lehen’) bezeichnet oder von ‘townlands’ im bäuerlichen Umland von Minas Tirith spricht; (8) letzteres eine Bezeichnung aus dem mittelalterlichen Irland für die kleinste ländliche ‘Verwaltungseinheit’, ursprünglich gleichzusetzen mit den von einer Großfamilie bestellten Feldern. (9)
Wir erfahren zugegebenermaßen aus Tolkiens Werk nur wenig Konkretes über die Machtstrukturen im Reich, aber solche Begriffe machen deutlich, dass wir sie uns nach dem Vorbild der europäischen Feudalgesellschaften vorstellen sollen. (10) Eine der auffälligsten Eingenheiten des mittelalterlichen Europa jedoch war es, dass ein Staat im modernen Sinne praktisch nicht existierte: Keine Bürokratie, keine Polizei, kein stehendes Heer, kein einheitliches Rechtssystem, höchstens erste Ansätze zu einer staatlichen Steuer usw. Stattdessen präsentiert sich uns eine bunte Vielfalt mehr oder weniger autonomer Grundherrschaften, Kommunen, Korporationen, Gemeinden etc., eingebunden in ein komplexes Geflecht hierarchischer Abhängigkeiten und Verpflichtungen. Dies, und nicht die nominell absolute Macht des Königs, sollten wir uns vergegenwärtigen, wenn wir uns Gondor betrachten. In einem Brief an Naomi Mitchison erwähnt Tolkien in Bezug auf die Ökonomie des Reiches neben "Lehensgüter[n]" interessanterweise auch "Ländereien in städtischem Besitz" (11), was die Vermutung nahelegt, dass zumindest einige Städte im Reich der Dúnedain einen ähnlich halbautonomen Status genießen wie die mittelalterlichen Kommunen. Doch wie dem auch sei, unter den spärlichen Informationen, die wir über die innere Ordnung Gondors erhalten, findet sich nichts, was uns erlauben würde, von einem ‘monolithischen Staatsgebilde’ zu sprechen. Denn wie auch immer wir uns die Machtverhältnisse im Einzelnen vorzustellen haben, es gibt auch nicht die kleinsten Anzeichen für die Existenz einer Bürokratie, weder im modernen, noch im mittelalterlich-byzantinischen Sinn. Zwar bezeichnete Tolkien selbst das Südreich einmal als "ein stolzes, ehrwürdiges, aber zunehmend ohnmächtiges Byzanz" (12), doch wollte er damit sicher keine Aussage über dessen politische oder soziale Ordnung treffen, sondern auf die traditionelle, wenn auch verfehlte, Vorstellung vom byzantinischen Reich als einem über Jahrhunderte stagnierenden oder sogar degenerierenden Überbleibsel des christlichen Imperium Romanum anspielen. Ohne eine Beamtenschaft kann der Zugriff des Monarchen auf die einzelnen Teile seines Reiches jedoch nicht besonders stark sein. Gondor ist zwar nicht ‘thronlos’ wie das Auenland, aber ähnlich ‘staatslos’.

Was die ‘starken, lokalen Herrscher’ betrifft, die Weinreich vermisst, so mag die Geschichte des Reiches zwar keinen Heinrich den Löwen kennen, der die Macht seines gekrönten Herrn offen herausgefordert hätte, aber ganz ohne Zweifel stützt sich auch der König von Gondor in Ausübung seiner Herrschaft auf einen Kreis mächtiger Lehnsfürsten, die zugleich seinen Kronrat bilden. Im Herr der Ringe begegnet uns als vorbildlicher Vertreter dieser Gruppe Imrahil, der Fürst von Dol Amroth.
Von den anderen Kronvasallen und Heerführern hebt er sich vor allem durch den Herkunftsmythos seiner Familie ab. Dieser verknüpft den Ursprung seines Geschlechtes mit der elbischen Sage von Amroth und Nimrodel und führt ihn auf die Verbindung zwischen einem Dúnadan und einer Elbin zurück. Damit hat sich seine Sippe ein Gründerspärchen geschaffen, das sie statusmäßig in die Nähe der Königsdynastie rückt, die sich selbst ja auf Beren und Lúthien zurückführt. Im Grunde ist das das mittelerdische Äquivalent zu der bei den großen Adelsfamilien des europäischen Mittelalters verbreiteten Sitte, sich Stammbäume kreieren zu lassen, an deren Anfängen überirdische Gestalten standen. Im Frühmittelalter waren das für gewöhnlich noch Götter gewesen, bei den Angelsachsen stets Woden/Wotan. Mit dem endgültigen Sieg des Christentums verschwanden dann auch die Asen aus den Stammtafeln des Adels, doch die Sitte blieb in veränderter Form erhalten. Dem Herkunftmythos derer von Dol Amroth am nächsten kommt wohl die französische Fassung der Sage von Melusine, in der die berühmte Fee die Ahnherrin des mächtigen Adelsgeschlechts der Lusignans ist. (13)  Zwar besitzen Tolkiens Elben kaum Ähnlichkeit mit den mittelalterlichen Feen, aber zumindest am Ende des Dritten Zeitalters sehen die meisten Bewohner Gondors in ihnen vergleichbar sagenumwobene, überirdische Gestalten. Für Boromir z.B. ist der Goldene Wald von Lothórien eine Art gefahrvolle Anderswelt: "[V]on jenem gefährlichen Lande haben wir in Gondor gehört, und es heißt, daß wenige wieder herauskommen, die einmal hineingehen; und daß von den wenigen keiner unversehrt davongekommen ist." (14)
Aus dieser Familienlegende lässt sich schließen, dass Fürst Imrahil der Spross eines ausgesprochen stolzen Geschlechtes ist. Die kriecherische Unterwürfigkeit eines Höflings wird man nicht von ihm erwarten dürfen. Als makelloses Beispiel eines Kronvasallen ist er andererseits ohne zu zögern bereit, Aragorns Entschluss zu einem verzweifelten Angriff auf das Schwarze Tor zu akzepetieren, da er diesen als König und damit als seinen ‘Lehns-herrn’ (‘liege-lord’) anerkennt. Das beraubt ihn jedoch nicht der Freiheit, ergänzende Vorschläge einzubringen, auf die Aragorn dann seinerseits eingeht, womit dieser nicht etwa Schwäche, sondern die wahre Tugend eines Königs beweist. (15)

VI

Das mittelalterliche Vasallentum war bekanntlich von seinen Ursprüngen her militärischer Natur, und neben Abgaben aus den Erzeugnissen seines Lehens blieb das Stellen von Truppen lange Zeit die wichtigste Verpflichtung des Vasallen gegenüber seinem Herrn. Wie die wirklichen Könige und Kaiser verfügt auch der Herr von Gondor über seine eigenen Krieger, aber die Wache von Minas Tirith ist kein stehendes Heer, sondern eine mehr oder weniger große Hausmacht. Im Ernstfall ist auch er auf die Unterstützung seiner Vasallen angewiesen. Die Truppen, die Pippin und Beregonds Sohn Bergil bei ihrem Einzug in Minas Tirith beobachten, machen zwar den Eindruck eines allerletzten Aufgebots, vermitteln aber dennoch einen guten Eindruck vom feudalen Heerwesen Gondors:
"So kamen die Heerscharen und wurden begrüßt und bejubelt und zogen durch das Tor, die Mannen der Außenlehen, die heranmarschierten, um in einer dunklen Stunde die Stadt von Gondor zu verteidigen; [...] Die Mannen aus dem Ringló-Tal hinter dem Sohn ihres Herrn, Devorin, der zu Fuß ging: dreihundert. Aus dem Hochland Morthond, dem großen Schwarzerdental, der hochgewachsene Duinhir mit seinen Söhnen Duilin und Derufin und fünfhundert Bogenschützen. Aus Anfalas, dem fernen Langstrand, eine stattliche Schar von Männern aller möglichen Berufe, Jäger und Hirten und Bauern aus kleinen Dörfern, kläglich bewaffnet mit Ausnahme der Gefolgsleute [‘save the household’] ihres Herrn Golasgil. Aus Lamedon ein paar Bergbewohner ohne einen Hauptmann. Fischerleute aus Ethir, einige Hundert oder mehr, die man bei den Schiffen entbehren konnte. Hirluin der Schöne von den Grünen Bergen aus Pinnath Gelin mit dreihundert tapferen, grüngekleideten Mannen. Und zuletzt und am stolzesten Imrahil, Fürst von Dol Amroth, der Vetter des Herrn Denethor, mit vergoldeten Bannern, die sein Wappen trugen, das Schiff und den Silberschwan, und eine Schar Ritter in voller Rüstung auf grauen Pferden; und hinter ihnen siebenhundert Krieger, hochgewachsen wie edle Herren, grauäugig, dunkelhaarig, und sie sangen, als sie herankamen." (16)
Ähnliche Aufzählungen von Lehnsmännern und den von ihnen gestellten und geführten Truppen finden sich in vielen mittelalterlichen Epen, auch wenn es sich bei den Kriegern dort natürlich nicht um Hirten oder Fischerleute handelt. Doch das Prinzip und die dahinter stehende gesellschaftliche Ordnung sind dieselben. Wen’s interessiert werfe z.B. mal einen Blick in den Willehalm Wolframs von Eschenbach; dort wird er oder sie Aberhunderte entsprechender Verse (und noch viel viel mehr) finden. Von besonderem Interesse in Tolkiens Text ist außerdem das Wörtchen 'household'. Es bezeichnet jene Gruppe von Kriegern, die über kein eigenes Lehen verfügen, sondern direkt zur Hausgemeinschaft ihres Herrn gehören. Diese persönliche Gefolgschaft bildete die historische Keimzelle der europäischen Vasallität.

Die zum Verständnis der Gesellschaft Gondors wichtigste Szene ist jedoch der Treueid, den Peregrin bei seiner Aufnahme in die Wache ablegt. An seinem Beispiel können wir besonders schön erkennen, welcher Art die gesellschaftlichen Beziehungen im Reich der Dúnedain sind. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Begriffe ‘fealty’-‘Treue’, ‘service’-‘Dienst’, ‘love’-‘Liebe’, ‘honour’-‘Ehre’ und ‘vengeance’-‘Rache/Vergeltung’.
Zur Bezeichnung des Status, den Pippin von nun an bekleidet, benutzt Tolkien die Formulierung "sworn to the service", was Carroux mal mit "in Eid und Pflicht genommen" mal mit "den Diensteid geleistet" übersetzt (17) – letzteres ist nicht nur genauer, sondern auch zum Verständnis förderlicher. Unter ‘Dienst’ (‘service’) verstand das Mittelalter "die in ein Rechtsverhältnis gebundene Leistung bzw. Tätigkeit eines bzw. einer Untergebenen zugunsten seines Herren bzw. seiner Herrin. Der Begriff hatte sich von der Arbeit der Hörigen und Unfreien auf das Lehnswesen ausgedehnt und benannte dort die Leistung bzw. Tätigkeit, die der man gegenüber seinem Herrn bzw. seiner Herrin zu erbringen hatte." (18) Der ‘Dienst’ entspringt also einer Beziehung zwischen zwei Personen unterschiedlichen Ranges. Im Unterschied zum bürgerlichen Vertrag ist er kein Übereinkommen zwischen zwei abstrakten Rechtssubjekten.  Die Formel, mit der Pippin in dieses Dienstverhältnis eintritt, beginnt mit den Worten: "Hier gelobe ich Lehnstreue und Dienst für Gondor und für den Herrn und Truchseß des Reiches" (‘Here do I swear fealty and service to Gondor, and to the Lord and Steward of the realm’). Und Beregond wird später zu ihm sagen: "[Y]ou have been sworn to the service of the Lord and of the City" (‘Ihr seid für den Herrn und die Stadt in Eid und Plicht genommen’). Der Hobbit hat sich also auch dem Reich bzw. der Stadt verpflichtet und erklärt deshalb, er "sei Gefolgsmann von Gondor geworden" (‘I have become a man of Gondor’). Aber in erster Linie hat seine Treue von nun an Denethor als seinem Herrn zu gehören. Gandalf führt ihm dies eindringlich vor Augen: "Du hast ihm nun den Diensteid geleistet." (‘[Y]ou are now sworn to his service’) [...] Du unterstehst seinem Befehl, und er wird es nicht vergessen." Der Truchsess selbst bezeichnet Pippin als "my liege" (‘meinen Lehnsmann’). (19) Als feudaler Herrscher verkörpert Denethor in seiner Person auf eine sehr greifbare Weise ‘das Reich’. Spuren dieses Denkens finden sich z.B. auch noch in Shakespeares Dramen, wenn etwa Macbeth als Thane von Cawdor ganz einfach ‘Cawdor’ genannt werden kann, als sei der Name seines Lehens sein Eigenname.
Für das Mittelalter war der Dienstgedanke von eminenter Bedeutung, was sich u.a. darin zeigt, dass er sowohl in die religiöse Sphäre (‘servitium Dei’), als auch an zentraler Stelle in die Ideologie der ‘höfischen Liebe’ (der ‘Dienst’ des Mannes für seine angebetete ‘Herrin’) übernommen wurde. Er war aufs engste verbunden mit der alles überragenden Tugend der ‘Treue’, auf der wiederum die ‘Ehre’, d.h. sowohl das gesellschaftliche Ansehen als auch das Selbstbewusstsein des Individuums, basierte. Zusammen bildeten die beiden sozusagen den Kern der ‘feudalen Persönlichkeit’: "Swer triuwe unde êre/ behalten kann (sô) sêre,/ Der mak ie Gotes hulden/ ze jungest wol verschulden." – ‘Wer Treue und Ehre/ in seiner Obhut haben kann,/ der wird schließlich immer/ und gewiß Gottes Gnade verdienen.’ (20) Dieselben Wertvorstellungen gelten auch in Tolkiens Gondor, auch wenn deren christliche Überhöhung dort natürlich fehlt. Dass Pippin nicht länger der verantwortungslose Junghobbit ist, als der er sich noch in der fatalen Episode mit dem Palantír erwiesen hatte, zeigt sich darin, dass er den Ansprüchen dieses Verhaltenskodexes auf vorbildliche Weise gerecht wird. Zwar entwickelt sich zwischen ihm und Denethor nie ein so liebevolles Band wie zwischen Merry und Théoden – was bei dem strengen und selbstherrlichen Truchsess auch kaum vorstellbar wäre –, doch als ihn sein verzweifelter und dem Wahnsinn naher Herr von seinem Eid entbindet, beweist er wahre Treue: "[V]on meinem Eid und Eurem Dienst [‘from my word and your service’] möchte ich nicht entbunden werden, solange Ihr lebt. Und wenn sie schließlich zur Veste kommen, dann hoffe ich hier zu sein und neben Euch zu stehen und vielleicht die Waffen zu verdienen, die Ihr mir gegeben habt." (21)
Jetzt verstehen wir vielleicht auch besser das Dilemma Beregonds, als Pippin ihm von Denethors fürchterlichem Vorhaben berichtet. Es ist keineswegs blinder Kadavergehorsam, der ihn zögern lässt, gegen einen ausdrücklichen Befehl seines Herrn zu verstoßen, obwohl es dabei um das Leben Faramirs geht. Seinen Diensteid zu brechen, ist mehr als nur ein Ver-gehen, auf das die Todesstrafe steht. In einem seiner Lieder erklärt Hartmann von Aue emphatisch: "wie kûme ich bræche mîne triuwe und mînen eit!" (22) – ‘Nie könnte ich meine Treue und meinen Eid brechen!’ Beregonds Entscheidung betrifft die elementarsten Grundlagen seines Selbstverständnisses.
Aber die Feudalbande waren keine einseitige Angelegenheit. Sie forderten nicht nur Treue und Gehorsam des Rangniedrigeren, vielmehr war die Wechselseitigkeit der Verpflichtungen zwischen Herr und Mann, um Marc Blochs klassische Studie über die Feudalgesellschaft zu zitieren, "the really distinctive feature of European vassalage. This characteristic distinguished it not only from ancient slavery but also, and very profoundly, from the forms of free dependence known to other civilizations like that of Japan". (23) Und so erwiedert der Truchsess in zeremonieller Weise auf Pippins Treuegelöbnis: "Und das höre ich, Denethor, Ecthelions Sohn, Herr von Gondor, Truchseß des Hohen Königs, und ich werde es nicht vergessen, noch versäumen, das zu vergelten, was gegeben wird: Lehnstreue mit Liebe, Tapferkeit mit Ehre, Eidbruch mit Strafe." (‘fealty with love, valour with honour, oath-breaking with vengeance’). (24)
Auch hier sind ein paar kurze Anmerkungen zu den von Tolkien verwendeten Begriffen angebracht.
Die ‘Liebe’, die der Herr dem treuen Lehnsmann schuldet, lässt sich wohl am Besten als ‘Huld’ oder ‘Güte’ umschreiben. Die herzliche Zuneigung eines Théoden dürfen wir uns darunter nicht vorstellen, aber ebensowenig handelt es sich nur um eine bloß konventionelle Haltung. Wie die Treue des Lehnsmanns mehr ist als simpler Gehorsam, ist die ‘Liebe’ des Herrn mehr als das bloße Wolhlwollen eines zufriedenen ‘Arbeitgebers’. Beide enthalten eine starke emotionale und persönliche Komponente.
Wenn der Herr Tapferkeit mit ‘Ehre’ belohnt, so ist damit gemeint, dass seine ‘Huld’, seine Anerkennung und Dankbarkeit, nicht nur das gesellschaftliche Ansehen des ‘Mannen’, sondern tatsächlich auch dessen ganz persönliches Gefühl der ‘Ehre’ erhöht. In einer Feudalgesellschaft ist das Selbstbewusstsein des Individuums in viel höherem Maße abhängig von der sozialen Gruppe, deren Teil er ist und über die er sich definiert, als in der bürgerlichen Gesellschaft. ‘Ehre’ ist deshalb in jeder Hinsicht ein sozialer Begriff.
‘Vengeance’ schließlich wird von Carroux mit ‘Strafe’ etwas unglücklich übersetzt, denn das klingt zu sehr nach Paragraphen und Gesetzbuch. Die wörtlichere Übersetzung ‘Rache’ wäre hier sehr viel angemessener gewesen. Der Eidbruch des Lehnsmanns ist ein direkter Angriff auf die ‘Ehre’ seines Herrn. Wenn dieser dafür Vergeltung sucht, so wird er dies kaum mit der kühlen Objektivität tun, wie wir sie von einem Richter erwarten, denn es gilt nicht nur ein Verbrechen, sondern auch eine persönliche Beleidigung zu ahnden.
Selbstredend präsentiert uns Tolkien hier eine idealisierte Version der Vasallität. Insbesondere vernachlässigt er völlig die materielle Komponente des ‘Dienstes’. Denn natürlich erwartete der ‘Mann’ von seinem ‘Herrn’ für seine Treue nicht nur dessen Huld, sondern auch eine handgreiflichere Gegengabe. So beschwert sich Walther von der Vogelweide ganz offen über die Knausrigkeit Kaiser Ottos IV.: "Ich hân hêrn Otten triuwe, er welle mich noch rîchen:/ wie nam abe er mîn dienest ie sô trügelîchen?" – ‘Ich habe Herrn Ottos Versprechen, er wolle mich noch reich machen:/ wie aber konnte er meinen Dienst so betrügerisch annehmen?’ (25)
Derartige ‘Vulgaritäten’ bleiben in Tolkiens romantisiertem Feudalismus erwartungsgemäß ausgespart.

Fortsetzung folgt ...
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(1) Brief an Allen & Unwin [12. Dezember 1955]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 178. S. 303.
(2) Zit. nach: Humphrey Carpenter: J.R.R. Tolkien. Eine Biographie. S. 36.
(3) Zit. nach: Ebd. S. 189.
(4) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. I. S. 269.
(5) Ebd. Bd. III. S. 164f.
(6) Ebd. Bd. I. S. 328. Vgl.: Brief an Joanna de Bortadano (Entwürfe) [April 1956]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 186. S. 324.
(7) Ich finde diese Aufzählung, die Weinreich offenbar von Shippey übernommen hat, etwas unglücklich. Zuerst einmal gehörte Kurt Vonnegut natürlich einer ganz anderen Generation an, die durch den 2. Weltkrieg und die Nachkriegsära geprägt wurde. Und wenn wir Golding als Zeitgenossen akzeptieren wollen, so unterscheidet sich seine Reaktion auf die Schrecken der 30er-50er Jahre doch grundsätzlich von der Orwells. Letzterer bleibt trotz seines zunehmenden Pessimismus bis zum Ende Sozialist und versucht in 1984 die Geburt des Totalitarismus aus der gesellschaftlichen Entwicklung heraus zu erklären. Das Ingsoc-Regime wird geschaffen, um die historisch notwendige Bildung einer klassenlosen Gesellschaft zu verhindern. Golding hingegen verfolgte mit Lord of the Flies eigenen Angaben zufolge das Ziel, "to trace the defects of society back to the defects of human nature." Sein Roman ist eine moderne Adaption des alten Dogmas von der Erbsünde. Tolkien müssen wir da wohl eher der Golding-Fraktion zuordnen.
(8) Vgl.: J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. III. S. 18f.
(9) Carroux übersetzt sehr geschickt mit dem altdeutschen Flächenmaß ‘Hufe’, das sich über die zur Ernährung einer Familie notwendige Menge Landes definierte.
(10) Nicht zu verwechseln mit der höfischen Kultur des Hochmittelalters. Weder kennt man in Gondor das Ideal des Rittertums (wenn die Gefolgsleute des Fürsten Imrahil als ‘knights’ bezeichnet werden, so haben wir dabei wohl an die ursprüngliche Bedeutung des Wortes als Bezeichnung für einen berittenen Krieger zu denken), noch das der ‘Hohen Minne’. Für letzteres hatte Tolkien ohnehin wenig übrig, wie v.a. sein Aufsatz über Sir Gawain and the Green Knight zeigt. In Bezug auf den Herr der Ringe schrieb er dazu: "Diese Geschichte handelt nicht von einer Zeit der ‘höfischen Liebe’ und ihren Spiegelfechtereien, sondern von einer primitiveren (d.h. weniger verderbten) und edleren Kultur." (Entwurf eines Briefes an einen Leser [ca. 1963]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 244. S. 223f.)
(11) Brief an Naomi Mitchison [25. September 1954]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 154. S. 259.
(12) Brief an Milton Waldman [1951]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 131. S. 209.
(13) Auf dem 'März'-Bild der Très Riches Heures – des wunderschönen, von den Brüdern von Limburg für den Duc de Berry geschaffenen Stundenbuches – sehen wir sie in Drachengestalt um die Türme von Schloss Lusignan fliegen. Derselbe Herzog beauftragte Jean d’Arras mit der Abfassung des ersten Melusineromans.
(14) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. I. S. 408.
(15) Vgl.: J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. III. S. 175f.
(16) Ebd. Bd. III. S. 44.
(17) Ebd. Bd. III. S. 31; 30.
(18) Otfrid Ehrismann: Ehre und Mut, Aventiure und Minne. Höfische Wortgeschichten aus dem Mittelalter. S. 42.
(19) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. III. S. 26; 31; 41; 30; 27.
(20) Rittertreue. V. 837-40. Zit. nach: Otfrid Ehrismann: Ehre und Mut, Aventiure und Minne. S. 213.
(21) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. III. S. 108f.
(22) Hartmann von Aue: Lieder XVII, 1, 8. In: H. Moser & H. Tervooren (Hg.): Des Minnesangs Frühling. S. 428.
(23) Marc Bloch: Feudal Society. Bd. 1: The Growth of Ties of Dependence. S. 228.
(24) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. III. S. 26.
(25) L 26, 23. In: Walther von der Vogelweide: Die Lieder. Bd. 1: Die religiösen und die politischen Lieder. ATB 43. S. 56.

Freitag, 13. Juli 2012

Der Scharlatan von Oz

Sam Raimi hat kürzlich auf der Comic-Con in San Diego den Trailer für seinen neuen Film Oz The Great and Powerful vorgestellt, der im März 2013 anlaufen soll.


Für viele Amerikanerinnen & Amerikaner ist das Märchenland Oz ja so etwas wie ein nationales Kulturerbe, wenn nicht gar ein magisches Stück eigener Kindheit – sei es in Gestalt der Bücher von L. Frank Baum oder des Musicalfilms aus dem Jahre 1939. Mir ist es unmöglich, mich in diese Perspektive hineinzuversetzen, denn den Filmklasiker habe ich nie gesehen und von den zahllosen Büchern kenne ich nur The Wonderful Wizard of Oz. Meine Gedanken zu dieser neuesten Adaption der Mythologie sind darum eher schlecht fundiert. Was mir allerdings an Baums Kinderbuchklassiker von 1900 besonders gut gefallen hat, ist die Szene, in der der 'mächtige Zauberer', der Dorothy und ihre Freunde auf ihre Queste geschickt hat, als ordinärer Scharlatan entlarvt wird. Diese großartige Wende wirkt auf mich wie eine um Jahrzehnte vorweg genommene Parodie auf all die 'weisen alten Männer' und Autoritätspersonen der Fantasy – von Gandalf dem Grauen bis Obiwan Kenobi. Und da Sam Raimi meines Erachtens nicht der übelste Filmemacher ist, könnte dieser Streifen durchaus Potential besitzen. Die Plot-Zusammenfassung klingt allerdings weniger berauschend:

"When Oscar Diggs (James Franco), a small-time circus magician with dubious ethics, is hurled away from dusty Kansas to the vibrant Land of Oz, he thinks he's hit the jackpot – fame and fortune are his for the taking – that is until he meets three witches, Theodora (Mila Kunis), Evanora (Rachel Weisz) and Glinda (Michelle Williams), who are not convinced he is the great wizard everyone's been expecting. Reluctantly drawn into the epic problems facing the Land of Oz and its inhabitants, Oscar must find out who is good and who is evil before it is too late. Putting his magical arts to use through illusion, ingenuity – and even a bit of wizardry – Oscar transforms himself not only into the great and powerful Wizard of Oz but into a better man as well."

Mir ist durchaus bewusst, dass auch Baum den Zauberer in späteren Büchern als eine eher sympathische Figur dargestellt hat. Aber die Geschichte von dem Jahrmarktskünstler und Trickbetrüger, der sich den Weg auf den Thron eines Wunderreiches ergaunert, enthält so viele subversive Möglichkeiten! – Es wäre einfach zu schade, wenn dabei am Ende nur die x-te Variante der konventionellen Story vom Kampf gegen das Böse und vom Lernen der eigenen Verantwortung rauskommen würde. Soll ich die Hoffnung jetzt schon aufgeben?

Samstag, 7. Juli 2012

"... and pulls him apart in an amusing, ironic fashion"

Mir steht der Sinn momentan nach leichterer Kost, und so lade ich in Fortsetzung einer vor über einem Monat begonnenen (und mittendrin abgebrochenen) Reihe meine Leserinnen und Leser ein, gemeinsam mit mir einen weiteren Ausflug in die phantastischen Gefilde des Amicus-Episodenhorrors zu unternehmen. Ziel unserer Expedition soll diesmal ein ganz besonders eigenwilliges Exemplar dieser Spezies sein: The Vault of Horror aus dem Jahr 1973.

Schon die ersten paar Minuten machen deutlich, dass wir es mit etwas ungewöhnlichem zu tun bekommen. Ob zum Guten oder zum Schlechten ist freilich noch nicht abzusehen. Ein Amicus-Flick, in dem weder Peter Cushing noch Christopher Lee mitspielen? Hmm ... Dafür jedoch ein Kerl, den die Engländer offenbar 'Curt Jurgens' nennen?? --  Ja, gemeint ist tatsächlich der 'normannische Kleiderschrank'! Das verspricht doch zumindest interessant zu werden.

Wie der Titel schon andeutet, basieren die fünf Episoden auf Stories aus den berühmten E.C.-Horrorcomics der frühen 50er Jahre, wenn auch bizarrerweise nicht aus der Vault of Horror - Reihe, sondern aus Tales from the Crypt und den kurzlebigen Shock SuspenStories.
Zu ihrer Zeit hatten die von Bill Gaines herausgegeben Hefte mit ihrem Mix aus Horror, Gewalt und schwarzem Humor die Comicwelt ordentlich aufgemischt und ganz entscheidend zum zeitweiligen Niedergang des Superheldengenres beigetragen.  Doch als 1954 nach dem Erscheinen von Fredric Werthams Buch Seduction of the Innocent, das Comics für Jugendkriminalität verantwortlich machte, eine Woge der moralischen Panik über die Industrie hereinbrach, schlug für sie sehr schnell die Todesstunde. Um der staatlichen Zensur zuvorzukommen, schuf die Comics Magazine Association of  America den berüchtigten Comics Code, der u.a. die Darstellung von "horror, excessive bloodshed, gory or gruesome crimes, depravity, lust, sadism, masochism", sowie den Auftritt von Wandelnden Leichen, Vampiren oder Werwölfen verbot. Gaines musste sich sogar einer Befragung durch einen Untersuchungsausschuss des Senats unterziehen. Sein selbstbewusstes Auftreten  konnte das Ende von Tales from the Crypt, Vault of Horror und Haunt of Fear selbstredend nicht verhindern. Ihr Geld machten Mr. Gaines und E.C. in Zukunft hauptsächlich mit MAD.
Wenn man bedenkt, dass diese Reihen gerade einmal fünf Jahre lang erschienen sind, erstaunt es jemanden, der wie ich kein Comic-Aficionado ist, welch relativ reichhaltige filmische Früchte der E.C.-Horror im Nachhinein getragen hat. Da wären u.a. zwei Amicus-Filme, die Tales from the Crypt -TV-Serie (1989-96) mit ihren Spin-off-Filmen (u.a. Bordello of Blood) und natürlich George Romeros Creepshow von 1982. Der E.C.-Horror muss einen ganz eigenen Charme besessen haben, und wenn der Streifen, dem wir uns nun zuwenden wollen, davon etwas widerspiegelt, kann ich den Kultstatus, den die Comics wohl auch heute noch genießen, durchaus verstehen. Vault of Horror spielt eindeutig in der Champions League der Portmanteau-Filme von Amicus. Ist nicht schon der Trailer klasse?


Allerdings auch ein bisschen irreführend, denn der Film selbst ist nicht in Schwarzweiß.

Auf dem Regiestuhl nahm mit Roy Ward Baker diesmal kein Neuling, sondern ein richtig alter Hase Platz, der schon 1938 als Regieassistent neben Alfred Hitchcock gestanden und in den 50er Jahren mit Filmgrößen wie Marilyn Monroe und Lucien Ballard zusammengearbeitet hatte. Später hatte er für Hammer  die Spielfilmfassung von Quatermass and the Pit, die Carmilla-Adaption The Vampire Lovers sowie Dr. Jekyll and Sister Hyde gedreht. The Vault of Horror war nicht seine erste Arbeit für Amicus. Bereits ein Jahr zuvor hatte er mit Asylum ein weiteres Portmanteau-Juwel geschaffen.
Auch wenn die führenden Brit-Horror-Stars Cushing und Lee diesmal nicht mit von der Partei sind, ist die Besetzung des Films alles andere als unansehnlich. Neben dem schon erwähnten Curd Jürgens hätten wir da u.a. Daniel Massey, der durch seine Rolle in der Sartre-Adaption The Roads to Freedom bekannt geworden war; seine Schwester Anna Massey, die u.a. in Michael Powells Peeping Tom  und Hitchcocks Frenzy mitgespielt hatte; der wunderbar widerliche Terry-Thomas; Glynis Johns; Dawn Addams, die neben Charlie Chaplin in A King in New York gespielt hatte und Freunden des Ultra-Trash aus den legendär miesen Star Maidens bekannt sein dürfte (die Schauspielerei ist ein verdammt hartes Geschäft); und schließlich Tom Baker, der in Pier Paolo Pasolinis Canterbury Tales mitgewirkt hatte und der vierte Dr. Who werden sollte.
Hinter der Kamera stand wie schon bei Asylum Denys N. Coops, ein erfahrener Mann, der bei so großartigen Filmen wie Carol Reeds The Third Man, Otto Premingers Bonjour Tristesse und Stanley Kubricks Lolita mitgearbeitet hatte.
Für die Musik, die einen nicht unbeträchtlichen Teil zur Atmosphäre des Filmes beiträgt, gebührt der Ruhm einmal mehr Douglas Gamely.

In der Eröffnungsszene sehen wir die Londoner Houses of Parliament, dann schwenkt die Kamera über die Themse hinweg zu einem modernen Hochhaus. Der Übergang von Neogotik zu Glas & Stahl ließe sich als ein Hinweis darauf deuten, dass wir es im Folgenden nicht mit dem klassischen pseudoviktorianischen Horror, sondern mit einer moderneren Variante zu tun bekommen werden. Wir sehen fünf Männer nacheinander in einen Fahrstuhl einsteigen, der sich offenbar in besagtem Hochhaus befindet. Obwohl keiner von ihnen den entsprechenden Knopf gedrückt hat, hält der Lift erst im Kellergeschoss, das sich als eine Art exzentrischer Clubraum entpuppt. Da es keine weiteren Ausgänge gibt und der Fahrstuhl nicht mehr in Bewegung zu setzen ist, machen die fünf das beste aus ihrer Situation und wenden sich dem Cognac zu, während sie auf Hilfe warten. Um die Zeit totzuschlagen, erzählen sie sich gegenseitig von den intensiven und beunruhigenden Träumen, die sie in letzter Zeit quälen.
Die Motive, mit denen die fünf Episoden arbeiten, sind altbekannte Horrortropen. Wie der Trailer verkündet: "Madness, Voodoo, Vampires". Es ist die Art und Weise, wie der Film sich dieser Motive bedient, und welche Art von Geschichten er mit ihrer Hilfe erzählt, die seine Originalität ausmachen. Bei einer Diskussion über Romeros Creepshow hat Jim Moon den Inhalt der meisten E.C.-Stories einmal so zusammengefasst: "Here is a terrible bastard and then some even worse supernatural bastard comes and pulls him apart in an amusing, ironic fashion." Nach einem ähnlichen Strickmuster funktioniert auch The Vault of Horror. Wenigstens vier der  fünf Erzähler/Protagonisten sind eher unsympathische Gestalten, die auf makabre Art und Weise für ihre Missetaten bestraft werden. Dass in den ersten drei Geschichten diese Strafe von einer Frau ausgeführt wird, steigert angesichts der Opferrolle, die weibliche Charaktere in den Horrorflicks dieser Ära für gewöhnlich zu spielen hatten, noch das schwarzhumorige Amüsement. Das heißt, Opfer sind die Frauen auch hier, aber sie bekommen die Gelegenheit, sich für das, was die Männer ihnen antun, auf äußerst angemessene Weise zu rächen.

In Midnight Mess erleben wir, wie Harold Rodgers (Daniel Massey) seine Schwester Donna (Anna Massey) aufsucht. Die beiden haben sich seit langem nicht mehr gesehen, und Harold hat sogar einen Privatdetektiv engagieren müssen, um ihren Wohnort ausfindig zu machen. Dass er den Schnüffler nach getaner Arbeit stranguliert hat, lässt wenig gutes erwarten. Über der Kleinstadt, in der Donna lebt, liegt eine gespenstische Atmosphäre. Passanten raten Harold, nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr draußen zu sein, denn dann seien 'sie' unterwegs. Doch  von derart ominösem Geschwätz lässt sich der junge Mann nicht weiter irritieren, schließlich ist er hierher gekommen, um sich eine fette Erbschaft unter den Nagel zu reißen, indem er seine Schwester umbringt.
Nachdem das Verbrechen erfolgreich durchgeführt ist, verfällt er auf die Idee, sich im nahegelegenen Restaurant ein verspätetes Abendessen zu gönnen. Derweil ist es Nacht geworden, und wie wir natürlich längst geahnt haben, gehört die Stadt um diese Zeit den Vampiren. Das gilt auch für die örtliche Gastronomie. Als Harold sich dadurch verrät, dass er angeekelt auf das blutreiche Dinner reagiert, das ihm serviert wird, ist für die übrigen Gäste des Etablissments die einmalige Gelegenheit gekommen, ihren Speisezettel etwas aufzufrischen. Im selben Augenblick betritt die totgeglaubte Donna das Restaurant. Ja, auch sie ist eine Blutsaugerin! Das diabolische Vergnügen der 'Ermordeten', der zynische Smalltalk der Vampire und der morbideste Zapfhahn der Kino- und Kneipengeschichte machen die Schlussszene zu einem wirklich großen Spaß.

The Neat Job erzählt die Geschichte der kurzen und alles andere als glücklichen Ehe von Arthur (Terry-Thomas) und Eleanor (Glynis Johns). Terry-Thomas' Paraderolle war der britische Upperclass-Flegel mit oder ohne Uniform, wie er ihn in einer Reihe von Komödien der 60er Jahre verkörpert hatte, u.a. als Lt. Col. J. Algernon Hawthorne in Stanley Kramers It's a Mad, Mad, Mad, Mad World, Sir Percy Ware-Armitage in Ken Annakins Those Magnificent Men in their Flying Machines und Captain Sir Harry Washington-Smythe in Don Sharps Jules Verne's Rocket to the Moon. Sein Arthur Critchit ist ein weiterer Vertreter dieses unangenehmen Typs.
Der erfolgreiche Geschäftsmann hat die deutlich jüngere Eleanor 'erworben', damit diese sich um sein 'hübsches Haus' und um ihn kümmert. War die Hochzeit bereits eine Art Demütigung für Eleanor – ohne Geld und ohne Berufsausbildung hatte sie kaum eine andere Wahl, als den Antrag des Freundes ihres verstorbenen Vaters anzunehmen –, so erweist sich die Ehe selbst sehr schnell als eine einzige Aneinanderreihung immer neuer Quälereien und Erniedrigungen. Arthur besitzt einen geradezu krankhaften Ordnungssinn. Alles in seinem Haus hat seinen vorgeschriebenen Platz und nichts an dieser Ordnung darf verändert werden. Eleanor hat sich einzufügen wie ein weiteres Möbelstück, was ihr selbstverständlich nicht gelingt. Arthur sieht in ihr deshalb eine Vertreterin des Chaos, die nichts richtig machen kann. Wirkt die Situation zu Beginn noch auf groteske Weise witzig, schaffen seine ständigen Zurechtweisungen und Nörgeleien schon bald eine immer bedrückendere Atmosphäre. Permanent von ihrem Mann terrorisiert, dreht Eleanor schließlich durch, verfällt erst in kopflose Panik und bringt den Widerling zuguterletzt mit einem gezielten Hammerschlag ein für allemal zum Schweigen. Anschließend beweist sie ihm auf einmalig makabre Weise, dass auch sie über Ordnungssinn verfügt. Nicht, dass er das in seinem jetzigen Zustand noch würdigen  könnte ...

Mit The Trick'll Kill You taucht wie schon im allerersten Amicus-Episodenflick Dr. Terror's House of Horrors (1964) das Motiv der kulturellen Ausbeutung auf. Illusionist Sebastian (Curd Jürgens) ist gemeinsam mit seiner Frau Inez (Dawn Addams) nach Indien gereist, in der Absicht, dort neue magische Kunststücke zu lernen – bisher ohne Erfolg. Auf einem überfüllten Markt stellt er in herablassender Manier einen alten Fakir bloß, indem er demonstriert, dass dessen 'mystische Wunder' nicht mehr sind als simple Zaubertricks. Kurz darauf beobachtet er wie die junge Gehilfin (Tochter?) des gedemütigten Alten durch das Spielen einer Flöte ein Seil aus einem Korb in die Höhe steigen lässt, um anschließend an diesem wie an einer Stange hinaufzuklettern. Er ist fasziniert und will ihr den 'Trick' für ein paar Tausend Rupien abkaufen. Sie jedoch beharrt darauf, dass es sich um echte Magie handele, die sie unmöglich verkaufen könne. Der magische Korb befinde sich seit Generationen im Besitz der weiblichen Linie ihrer Familie. Doch selbstverständlich kümmern weder Sebastian noch seine Frau Tradition oder kulturelles Erbe der 'Eingeborenen', wenn sich ihnen mit diesem 'Seiltrick' doch die Chance auf ein höchst profitables Geschäft bietet. Sie brauchen den Korb für ihre nächste Show, koste es, was es wolle! Jürgens und Addams bringen die blinde Gier des Paares mit ungebremster Verve zum Ausdruck. Sie überreden die junge Inderin, mit ihren magischen Utensilien auf ihr Hotelzimmer zu kommen, um ihnen das Wunder dort noch einmal vorzuführen. Als diese sich darauf einlässt, ermorden sie sie kaltblütig. Unfähig, hinter den 'Trick' des Korbes zu kommen, beginnt Sebastian schließlich das Flötenspiel der Ermordeten zu imitieren. Und siehe da: es klappt. Doch als Inez an dem Seil hinaufklettert, verschwindet sie plötzlich und stattdessen bildet sich ein Blutfleck an der Decke. Als der verständlicherweise geschockte Illusionist aus dem Zimmer zu fliehen versucht, erwacht das Seil zu schlangengleichem Leben  und nimmt sich den Mörder seiner Meisterin vor.
In der letzten Szene sehen wir erneut den alten Yogi seine Tricks vorführen, und ja – da ist plötzlich auch wieder seine 'ermordete' Gehilfin, derweil oben im Fenster des Hotels der strangulierte Sebastian baumelt.

Wie leider gar zu oft ist die traditionelle humorige Episode auch in diesem Portmanteau-Films ein Absacker. Bargain in Death spielt mit dem seit Poes Premature Burial klassischen Horrormotiv des Lebendig-Begraben-Seins und mischt dem einen Schuss Frankenstein oder Herbert West bei. Das Ergebnis ist zwar hübsch schwarzhumorig, kann aber dennoch nicht an die Qualität der übrigen Stories heranreichen.

Und so kommen wir lieber gleich zum letzten Streich – Drawn and Quartered. Anders als die übrigen Episoden wird diese aus der Perspektive des 'Rächers' erzählt. Der englische Maler Moore (Tom Baker) lebt und arbeitet seit Jahren auf Haiti, als er von einem Bekannten, der ihn  in seinem selbstgewählten Exil besucht, erfährt, dass er auf dem heimatlichen Kunstmarkt keineswegs der 'Versager' ist, als der er sich selbst sieht. Vielmehr haben ihn Gallerist Gaskill und Kritiker Breedley zu einem echten Star aufgebaut und verdienen sich eine goldene Nase mit dem Verkauf der Gemälde des verarmten Künstlers.
Ich habe keine Ahnung, ob das beabsichtigt war, aber ich habe das Gefühl, dass diese Episode auf Vincente Minellis berühmten Van Gogh - Film Lust for Life von 1956 anspielt. Tom Baker ist nicht Kirk Douglas, aber der rote Bart, den er trägt, lässt mich automatisch an den großen holländischen Maler denken, während Moores Rückzug nach Haiti an die Südseeabenteuer von Van Goghs Freund Paul Gauguin erinnert, der bei Minelli von Anthony Quinn verkörpert wurde. Dies verleiht der Story in meinen Augen eine ganz eigene Note.
Moore ist nicht nur wütend, weil Gaskill und Breedley ihn schamlos ausgebeutet haben. Er sieht in ihrem Verhalten auch einen Verrat an der Kunst. Der einflussreiche Breedley hat seine Gemälde nicht angepriesen, weil er deren künstlerischen Wert erkannt hätte, sondern um sich auf diese Weise finanziell zu bereichern. Um die Gauner zu bestrafen zu können, wendet sich Moore an einen Voodoopriester. Dieser verleiht ihm den Segen oder Fluch, dass alles, was er malt, Wirklichkeit wird. Mit dieser Fähigkeit ausgestattet kehrt Moore nach London zurück und inszeniert dort seine Rache. Dummerweise jedoch hat er auch ein Selbstporträt gemalt, und seine neuerworbene Macht zeigt auch bei diesem Gemälde seine Wirkung ...

The Vault of Horror beweist einmal mehr, dass der Brit-Horror der 60er/70er Jahre oft mehr Stil und Intelligenz aufweist, als man ihm gemeinhin zutraut. Man muss kein Liebhaber von trashigen Filmen sein, um sein Vergnügen an ihm zu haben, denn die von Subotsky und Rosenberg produzierten Streifen haben im Allgemeinen mehr als bloßen Camp zu bieten. Eine kleine Zeitreise lohnt sich da allemal.

Donnerstag, 5. Juli 2012

Und schon wieder frage ich mich, warum?

Remakes müssen nicht per se schlecht oder der Beleg für einen Mangel an Fantasie sein. Klassische Gegenbeispiele sind z.B. Philip Kaufmans 1978er-Version von Invasion of the Body Snatchers, John Carpenters The Thing oder David Cronenbergs The Fly.
Dennoch dürfte man kaum falsch liegen, wenn man die Flut der Remakes und Reboots, die nun schon seit geraumer Zeit Jahr für Jahr über uns hereinbricht, als das Symptom einer tiefen Krise der amerikanischen Filmindustrie interpretiert. In höherem Maße als je zuvor in seiner Geschichte hat sich Hollywood von der realen Welt abgewandt und in ein künstliches Parallel-universum zurückgezogen, in dem es wenig Anreize für die Entwicklung neuer Ideen oder origineller Konzepte gibt. Und ein Gutteil der TV-Industrie ist offenbar den gleichen Weg gegangen. Manche Reboots können auch heute noch ihren Reiz besitzen, wie etwa Rise of the Planet of the Apes, bei anderen frage ich mich hingegen, was in den Köpfen vorgegangen sein muss, die solche Projekte ausgebrütet haben. Bei PhantaNews bin ich heute auf zwei Vertreter der letzteren Kategorie gestoßen.
Zuerst einmal hat Summit Entertainment wieder einmal verkünden lassen, nun doch eine Neuauflage von Highlander produzieren zu wollen. Das beste an dieser Nachricht dürfte sein, dass wir selbiges schon zweimal zu hören bekommen haben. Die Chancen stehen darum nicht schlecht, dass man die bereits durch etliche mehr oder minder unterirdische Sequels und Spin-Offs geschändete Leiche des unsterblichen Schotten auch weiterhin ruhen lassen wird. Und um ehrlich zu sein, auch das Original von Russell Mulcahy rechtfertigt es nicht, eine Wiederauferstehung Connor MacLeods herbeizusehnen. In den späten 80ern ein wahrer Kultfilm, präsentiert sich der Streifen bei heutiger Betrachtung als ein inkohärentes, nicht selten unfreiwillig komisches Wirrwarr von Film voller nervtötender Videoclip-Ästhetik. Es kann nur einen geben? Eigentlich brauchen wir nicht einmal den ...
Grusliger (und sehr viel irritierender) finde ich es jedoch, dass man bei Gaumont International Television auf die wahnwitzige Idee verfallen ist, Astronavigatrice Barbarella im Rahmen einer TV-Serie wiederzubeleben. Roger Vadims Streifen von 1968 ist legendärer und wundervoller Late-Sixties-Trash: Sex and Drugs and Decadence!


Wie verrückt muss man sein, um den Charme dieser Ära und dieses Films in das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts transponieren zu wollen?! Und wenn dies nicht die Absicht von Martha De Laurentiis und Nicolas Refn sein sollte, warum dann überhaupt auf Barbarella zurückgreifen? Nimmt man der Figur ihren Sexy Swinging Sixties - Vibe und dem Film seine knallbunt-psychedelische Trash-Ästhetik bleibt nichts übrig, was eine Rückkehr auf Leinwand oder Bildschirm rechtfertigen würde. 

PS: Wen interessiert, was Molly Tanzer und Jesse Bullington (der mit den Brüdern Grossbart) in ihrer leider seit langem eingestellten Reihe Films of High Adventure über die echte Barbarella zu sagen hatten, schaue hier nach.

Star Wars Jazz

Und während das unheimliche Gerücht umgeht, George Lucas wolle allen Ernstes einen fünften Indiana Jones - Film drehen (mit Indy im Altersheim?), geben wir uns lieber nostalgischen Erinnerungen  an Zeiten hin, als Lucas noch wusste, wie man amüsante Unterhaltung kreiert (oder zumindest Leute an seiner Seite hatte, die das wussten).


Mittwoch, 4. Juli 2012

Dr. Dr. Weinreich und die Politik des "Herr der Ringe" (I)

Auf dem diesjährigen Tolkien Seminar der Deutschen Tolkien Gesellschaft (DTG) wurde im April Frank Weinreich der ‘Ehrendoktortitel der Dwarvish University of the Blue Mountains’ (DUBM) verliehen. Maria Noëlle-Biemer, 2. Vorsitzende der DTG, schreibt dazu: "Der freie Autor, Kommunikations-wissenschaftler, Lektor und Philosoph aus Bochum beschäftigt sich schon seit Jahren mit phantastischer Literatur mit besonderem Augenmerk auf die Werke von J.R.R. Tolkien und philosophische und ethische Themen."
Weinreich ist unter anderem als Verfasser von Fantasy – Einführung und Mitherausgeber des wissenschaftlichen Jahrbuchs der DTG Hither Shore eine in deutschen Fantasykreisen wohlbekannte Persönlichkeit. Tolkienfans werden ihn zudem vielleicht von der einen oder anderen Veranstaltung kennen. Eine Zeit lang war er außerdem der wohl rührigste Tolkienist in der deutschsprachigen Netzgemeinde. Auf seiner Website findet sich eine umfangreiche Auswahl aus seinen Aufsätze über den ‘Professor’ und die Fantasy im Allgemeinen.

Es ist stets schön, Leuten zu begegnen, die sich auf ernsthafte Weise mit dem Werk Tolkiens auseinandersetzen, abseits des Fanboytums, das in der Folge von Peter Jacksons Filmen kurz aufblühte, um ebenso schnell wieder zu verwelken (so zumindest mein Eindruck, aber jetzt kommt ja bald der Hobbit, und dann sieht das alles vielleicht schon wieder ganz anders aus). Noch schöner ist es, wenn die Betreffenden ihre Gedanken via Netz mit uns teilen. Und so will ich Frank erst einmal nachträglich zu seiner zwergischen Ehrendoktorwürde gratulieren und zugleich meinem Bedauern darüber Ausdruck verleihen, dass seine Netzaktivität seit knapp einem Jahr etwas eingeschlafen zu sein scheint. (1)

Damit will ich nicht gesagt haben, dass ich in allen Punkten mit ihm übereinstimmen würde. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Aber schließlich befeuert nichts das eigene Denken so sehr, wie die Auseinandersetzung mit den Überlegungen eines anderen. Und so bin ich ihm dankbar dafür, Material geliefert zu haben, an dem ich meine eigene Analyse Tolkiens schärfen konnte.

Wenn ich im Folgenden einige meiner Gedanken über die dem Herr der Ringe inhärenten politischen Ideen darzulegen versuche, wird mir die Kritik an Weinreichs Aufsätzen dabei als Ausgangspunkt dienen.
Die heutzutage wahrscheinlich am häufigsten gegen Tolkiens Werk vorgebrachten Anklagen des Rassismus und Sexismus werde ich dabei absichtlich außenvorlassen, möchte aber doch anmerken, dass es sich der gute Frank etwas leicht macht, wenn er glaubt, sie widerlegt zu haben, indem er aufzeigt, dass der Geschichte kein explizit rassistisches oder frauenfeindliches Weltbild zu Grunde liegt. (2) Nun gut, der Herr der Ringe ist weder das Drehbuch zu Veit Harlans Jud Süß noch einer von John Normans Gor-Schinken grusligen Angedenkens. Aber ist das wirklich der Punkt? Ändert das etwas an der Beschreibung von Sarumans Orks als "schwärzlich, schlitzäugig, mit dicken Beinen und großen Händen" oder an der berüchtigten Passage über die Südländer in der Schlacht auf den Pelennor-Feldern: "Schwarze Menschen wie halbe Trolle mit weißen Augen und roten Zungen"? (3) Wer auch nur über ein Bisschen Sensibilität in diesen Fragen verfügt, wird doch nicht leugnen können, dass wir es hier mit beleidigenden, rassistischen Zerrbildern zu tun haben! Als jemand, der Tolkiens Werk gegen ungerechtfertigte Universalattacken à la Stephen Shapiro verteidigen will, sollte Weinreich diese Problematik ernstnehmen, statt sie in altbekannter Fanboymanier zu bagatellisieren.
Doch wie gesagt, um diese bereits oft diskutierten Fragen soll es mir jetzt nicht gehen. Mein Ziel ist es nicht, politische Argumente zu finden, um den Herr der Ringe zu verwerfen. Ich möchte vielmehr versuchen, einen kleinen Beitrag zum besseren Verständnis eines Werkes zu leisten, das ich sehr schätze. Ob mir das gelingen wird? Schaun wir mal ...   

I

Frank Weinreich bezeichnet sich selbst als Liberaler, wenn auch eher im Sinne von John Rawls als von Philipp Rösler. (4) Das entspricht zwar nicht meinen eigenen politischen Überzeugungen, stellt für sich genommen aber selbstverständlich kein Problem dar. Bloß beschleicht mich bei der Lektüre seiner Aufsätze das Gefühl, dass er für sich selbst ein Bild von Tolkien entworfen hat, das seinen eigenen politischen Idealen entspricht. Und ein solches ist für das Verständnis des 'Professors' und seines Werkes wirklich völlig unangemessen.
In Zur Verteidigung Mittelerdes zitiert Weinreich zustimmend Joseph Pearces Tolkien: Man and Myth, in dem die politischen Ansichten des 'Professors' offenbar tatsächlich als 'liberal' bezeichnet werden. Dazu hätte ich zweierlei anzumerken. Zuerst einmal ist Pearce ein denkbar schlechter Zeuge in Fragen freiheitlicher Gesinnung.  Der ehemalige Faschist, der 1989 zum katholischen Glauben konvertierte, ist als Autor, Redner und Herausgeber ein Vorkämpfer des politischen Katholizismus in den USA, nicht unbedingt eine 'liberale' Bewegung. Zum anderen gibt es da eine Aussage von Tolkien selbst, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt: "Ich bin kein ‘Demokrat’, schon deshalb nicht, weil ‘Bescheidenheit’ und Gleichheit als geistige Prinzipien durch den Versuch, sie zu mechanisieren und zu formalisieren, korrumpiert werden, mit dem Ergebnis, daß wir nicht allgemeine Kleinheit und Bescheidenheit bekommen, sondern allgemeine Großartigkeit und Hochmut, bis irgendein Ork einen Ring der Macht an sich bringt – und dann bekommen und dann haben wir die Sklaverei." (5) Kann man 'liberal' sein und gleichzeitig die Demokratie ablehnen? Dass Tolkiens antidemokratische Überzeugung auf einem tiefen Pessimismus und nicht auf irgendwelchen aristokratischen Spinnereien basierte – die Menschen sind halt so schwach und sündhaft, dass man ihnen unmöglich zutrauen kann, ihr Leben selbst zu regeln –, sollte in dieser Frage erst einmal keine Rolle spielen.
Als einen weiteren Beleg für Tolkiens freiheitliche Gesinnung führt Weinreich in dem selben Aufsatz ein kurzes Zitat aus einem Brief des 'Professors' an: "My political opinions lean more and more to Anarchy (philosophically understood, meaning abolition of control not whiskered men with bombs) - or to 'unconstitutional' monarchy". Wie wir gleich sehen werden, ist dieser 1943 an Tolkiens Sohn Christopher geschriebene Brief tatsächlich hochinteressant. Allerdings ist sein Inhalt kaum geeignet, das Bild vom 'Liberalen' zu untermauern. Eigentlich hätte Weinreich bereits bei der von ihm zitierten Passage stutzen müssen. 'Unkonstitutionelle Monarchie'? Das bedeutet doch absolute Königsherrschaft! Wie ist das mit 'Anarchie' im Sinne der Freiheit von staatlicher Gewalt in Einklang zu bringen? Schauen wir uns einmal an, was auf den einführenden Satz folgt:

"Ich würde jeden festnehmen, der das Wort ‘Staat’ gebraucht (es sei denn für den unbelebten Bereich Englands und seiner Bewohner, eine Sache, die weder Macht noch Rechte oder Geist besitzt) und ihn hinrichten, wenn er sich hartnäckig weigert, zu widerrufen. Wenn wir nur wieder zum Gebrauch von Personennamen zurückfänden, wäre schon viel gewonnen. Regierung ist ein abstraktes Substantiv, das die Kunst und Tätigkeit, zu regieren, bezeichnet; es dürfte nur noch als Verb gebraucht werden, und jede Großschreibung oder jede Verwendung, bei der Personen gemeint sind, wären unter Strafe zu stellen. Wenn die Leute erst einmal gewöhnt wären, von ‘König Georges Räten’ oder ‘Winston und seiner Bande’ zu sprechen, wären wir einer Klärung des Denkens ein gutes Stück näher gekommen, und der furchtbare Erdrutsch in eine anonyme They-ocracy wäre etwas aufgehalten. Jedenfalls ist der dem Menschen gemäße Gegenstand seines Forschens alles andere als der Mensch; und die am wenigsten gemäße Aufgabe für alle Menschen, sogar für die Heiligen (die ohnehin am wenigsten bereit waren, sie zu übernehmen), ist es, andere Menschen herumzukommandieren. Nicht einer von einer Million taugt dazu, am wenigsten aber all jene, welche die Gelegenheit beim Schopf packen. Und zumindest wird es nur einer kleinen Gruppe von Menschen angetan, die wissen, wer ihr Herr ist. Im Mittelalter hatte man allzu sehr recht, wenn man das nolo episcopari [ich will nicht zum Bischof gemacht werden] eines Mannes für den besten Grund ansah, warum andere ihn zum Bischof machen sollten. Gib mir einen König, dessen größtes Interesse im Leben den Briefmarken, Eisenbahnen oder Pferderennen gilt, und der die Macht hat, seinen Wesir (oder wie immer Du den nennen willst) zu feuern, wenn ihm der Schnitt seiner Hose mißfällt! Und so weiter im ganzen Volk! Aber die fatale Schwäche von all dem – letztlich nur die fatale Schwäche aller guten, natürlichen Dinge in einer schlechten, verderbten, unnatürlichen Welt – liegt darin, daß es so nur geht und gegangen ist, wenn die ganze Welt auf dieselbe gute alte schlampig-menschliche Weise dahinwurstelt. Die zänkischen, eingebildeten Griechen sind mit Xerxes fertiggeworden; aber nun haben diese widerlichen Chemiker und Ingenieure dem Xerxes und allen anderen Ameisenstaaten eine solche Macht in die Hand gegeben, daß anständige Leute wohl keine Chance mehr haben. Alle versuchen wir, wie Alexander den gordischen Knoten zu lösen – und die Geschichte lehrt, daß Alexander mitsamt seinen Generälen dabei orientalisiert wurde. Der arme Trottel bildete sich ein (oder wollte es anderen einreden), er wäre der Sohn des Dionysos und starb im Suff." (6)

Man verzeihe mir das überlange Zitat, aber ich denke, in diesem Text steckt sehr viel, was nicht nur zum Verständnis von Tolkiens Denken, sondern auch zum Verständnis seines literarischen Werkes beitragen kann.

Was erfahren wir hier über Tolkiens Einstellung zu Fragen der politischen Macht, wenn wir einmal das Philologenvorurteil über die Bedeutung von Benennungen beiseitelassen? Es werden zwei negative Beispiele angeführt. Zum einen die 'anonyme They-ocracy', zum anderen der 'Ameisen-staat'. Dass mit letzterem wohl totalitäre Regime wie diejenigen Hitlers oder Stalins gemeint sind, dürfte ziemlich klar sein. Die 'They-ocracie' aber ist für Tolkien offenbar auch im heimatlichen England auf dem Vormarsch. Sie ist keine Diktatur, sondern ganz einfach der moderne bürgerliche Staat mit seinem bürokratischen Apparat. Die Alternative zu diesen beiden Übeln sieht Tolkien in einer Ordnung, in der nur ein Minimum an organisierter staatlicher Gewalt, dafür jedoch ein Maximum an persönlicher Autorität existiert.
Das politische Ideal, das sich hinter diesem Brief verbirgt, ist kein Liberalismus, sondern ein romantisch verklärter Feudalismus. Darum betont Tolkien auch so stark die Rolle der Person gegenüber dem anonymen Staatsapparat, denn im europäischen Mittelalter drückten sich die gesellschaftlichen Machtverhältnisse bekanntlich in einem komplizierten Geflecht persönlicher Bindungen aus. Man war nicht Bürger eines Staates, sondern ‘Mann’ eines ‘Herrnn’. Einen Staat im modernen Sinne mit Bürokratie, Polizei, allgemeingültigen Gesetzen und Steuern etc. gab es praktisch nicht. Hier ist meiner Meinung nach das Vorbild für Tolkiens 'Anarchismus' zu suchen. Der Schöpfer Mittelerdes steht damit in einer Tradition, die über John Ruskin und Thomas Carlyle zurückreicht zur Englischen Romantik. Ich sehe in ihm den letzten großen Vertreter des klassischen konservativen Antikapitalismus.

II

Inwieweit finden sich diese Gedanken auch im Herr der Ringe?
Mordor ist offensichtlich ein ‘Ameisenstaat’ mit Heerscharen von Sklaven, die einer militaristischen Ordnung unterworfen sind. Der Vergleich mit dem Insektenvolk findet sich wörtlich in der Beschreibung des Schwarzen Tores: "Unter den Bergen waren Hunderte von Höhlen und Madenlöchern in den Fels gebohrt; dort lauerte ein Heer von Orks, um auf ein Zeichen hin hinauszustürzen wie schwarze Ameisen, die in den Krieg ziehen." Entsprechend heisst es bei Saurons Sturz: "Wie Ameisen, wenn der Tod das geschwollene, brütende Wesen ereilt, das ihren wimmelnden Hügel bewohnt und sie alle beherrscht, kopflos und zwecklos umherwandern und dann kraftlos zugrunde gehen, so rannten Saurons Geschöpfe, Ork oder Troll oder Tier, durch Zauber geknechtet, sinnlos hierhin und dorthin; und manche erschlugen sich gegenseitig oder stürzten sich in Gräben oder flohen jammernd, um sich in Löchern und an dunklen, lichtlosen Orten fern jeder Hoffnung zu verstecken." (7)
Das Schwarze Land ist eine einzige gigantische Kaserne: "In einer Mischung von Abscheu und Staunen blickten Frodo und Sam auf dieses hassenswerte Land. Zwischen ihnen und dem rauchenden Berg und nördlich und südlich davon schien alles verheert und tot zu sein, eine verbrannte und erstickte Wüste. Sie fragten sich, wie der Herr dieses Reichs wohl seine Heere unterhielt und seine Hörigen ernährte. Denn Heere hatte er. Soweit das Auge reichte, an den Säumen des Morgai und weiter im Süden waren Lager, einige aus Zelten, einige wohlgeordnet wie kleine Städte. Eines der größten befand sich unmittelbar unter ihnen. Kaum eine Meile weit in der Ebene lag es da wie ein riesiges Insektennest mit geraden öden Straßen, an denen Hütten und lange, niedrige, schmutzigbraune Gebäude standen." Im Gegensatz zu der von Rollenspielen wie D&D kultivierten, und von Peter Jackson in seine Filme übernommenen Darstellung, sind Tolkiens Orks weniger 'primitve' Stammeskrieger als vielmehr Soldaten einer modernen Armee. Das Zeichen des Lidlosen Auges, das sie tragen, erinnert an Uniformen oder Hakenkreuzbinden. In ihren Gesprächen verwenden sie anachronistisch anmutende Formulierungen wie "Ich werde deinen Namen und deine Nummer den Nazgûl angeben" oder "Sie haben Nummer Eins umgebracht" (8). Solche stilistischen Brüche setzt Tolkien sehr bewusst ein.


Der Hass des 'Professors' auf die moderne Gesellschaft konzentrierte sich auf das, was er mit dem Begriff  'Maschine' beschrieb. Damit war mehr gemeint als bloß die Industrialisierung, deren in seinen Augen ausschließlich zerstörerische Folgen er mit der Beschreibung von Sarumans Isengart in einem sehr eindringlichen Bild verdichtete. Für Tolkien war die 'Maschine' in erster Linie kein Mittel der Produktion – "die arbeitsersparende Maschinerie erzeugt nur eine endlose und noch schlimmere Arbeit" (9) –, sondern ein Instrument der Herrschaft. Zuerst der Herrschaft über die Natur, sodann der Herrschaft über andere Menschen. Sie ist das Produkt eines Willens, der darauf ausgerichtet ist, die Welt nach eigenem Gutdünken zu organisieren und umzugestalten, was unausweichlich erst zu Hochmut und schließlich zu Tyrannei führen müsse. Potenziert die ‘Maschine’ auf der einen Seite die Macht ihres Besitzers, so macht sie seine Herrschaft zugleich auch besonders verletztlich. Denn die Macht hat ihren Ursprung nicht länger in der eigenen Persönlichkeit, sondern wird veräußert und ‘delegiert’. Insofern wäre auch der Staatsapparat eine Art ‘Maschine’. Autorität schlägt um in politische Herrschaft und schließlich in nackte Unterdrückung. Wer auf diese Weise Macht ausüben will, macht sich abhängig von den Instrumenten seiner Herrschaft. Verliert er sie, so verliert er auch einen Großteil seiner ursprünglichen Macht, die er an sie ‘delegiert’ hat. Besonders deutlich ausgesprochen findet sich dieses Motiv im Zusammenhang mit Saruman, über den Merry nach der Zerstörung Isengarts sagt: "[J]edenfalls glaube ich, daß er nicht viel Schneid hat, nicht viel echten Mut allein in einer mißlichen Lage ohne einen Haufen von Hörigen und Maschinen und Dingen, wenn ihr wißt , was ich meine. Sehr anders als der alte Gandalf." (10) In diesem Sinne ist auch der Eine Ring eine Art ‘Maschine’, und Saurons Herrschaft endet darum automatisch mit seiner Zerstörung. Womit ich nicht sagen will, der Ring sei ausschließlich oder auch nur in erster Linie eine Metapher auf staatliche Macht. Dies ist nur eine seiner zahlreichen Bedeutungsfacetten.
Die  'Maschinenmacht'  steht in radikalem Gegensatz zu einer auf persönlicher Autorität basierenden Herrschaft, und in der Konfrontation zwischen Saurons Mund und Aragorn treffen zugleich diese beiden Konzeptionen von Macht aufeinander. Peter Jackson hat aus dem Emissär bekanntlich ein groteskes Monstrum gemacht, dabei beweist Tolkien gerade besonders großes Geschick, indem er als Repräsentanten Barad-dûrs einen Menschen auftreten lässt. Dadurch nämlich erscheint Mordor für den Moment nicht mehr nur als jene dämonische Region, ‘wo die  Schatten drohn’, sondern als eine politische Entität, als ein mächtiges Imperium, dessen Herrscher durch den Mund seines Unterhändlers politische Forderungen stellt: "Dieses sind die Bedingungen [...] Der Pöbelhaufen von Gondor und seine irregeführten Verbündeten sollen sich sofort hinter den Anduin zurückziehen und zuvor den Eid ablegen, daß sie Sauron den Großen nie wieder mit Waffen angreifen werden, sei es offen oder geheim. Alle Lande östlich des Anduin sollen Saurons sein auf immerdar, ausschließlich. Westlich des Anduin bis zum Nebelgebirge und der Pforte von Rohan sollen sie Mordor tributpflichtig sein, und die Männer dort sollen keine Waffen tragen, doch Erlaubnis haben, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Doch werden sie helfen, Isengart wiederaufzubauen, das sie mutwillig zerstört haben, und das soll Saurons sein, und dort wird sein Statthalter wohnen." Auch wenn die Reden von Saurons Mund im Original durch die vielen ‘thees’ und ‘thous’ einen archaischen Anstrich erhalten, wirken sie im Kontext der Erzählung doch merkwürdig modern. Man hätte kaum erwartet, dass das Lidlose Auge von Lugburz derart konkret ausformulierte Bedingungen stellen würde, inklusive Grenzziehungen und der aus der Geschichte des Kolonialismus sattsam bekannten Farce der ‘Selbstverwaltung’ für die unterworfenen Völker. Aragorns Stärke hingegen beruht nicht darin, dass er über ein Reich oder eine Armee gebietet, sondern in seiner Persönlichkeit. Wenn Saurons Mund ihn mit den Worten verhöhnt: "Es braucht mehr, um einen König zu machen als ein Stück Elbenglas oder einen Pöbelhaufen wie diesen", reagiert er darauf wie folgt: "Aragorn sagte nichts als Antwort, aber er sah dem anderen in die Augen und hielt seinen Blick fest, und einen Augenblick lang rangen sie so miteinander; doch bald, obwohl Aragorn sich nicht rührte und auch nicht die Hand nach der Waffe ausstreckte, zitterte der andere und fuhr zurück, als ob er mit einem Schlag bedroht worden sei." (11) Es sind Aragorns überlegene Willenskraft und seine persönliche Würde, die den Abgesandten Mordors in die Knie zwingen. Wie wir im weiteren Verlauf dieser Ausführungen zu sehen bekommen werden, steckt in dieser Szene auch eine Aussage über den Charakter von 'guter Herrschaft'.

Vorerst will ich nur festhalten, dass Mordor als eine totalitäre, militaristische und damit staatliche Despotie erscheint, auch wenn wir so gut wie nichts über die tatsächlichen Machtstrukturen im Schwarzen Land erfahren, außer, dass dessen Ökonomie offenbar auf Sklavenarbeit beruht. (12) Warum Frank Weinreich der Ansicht ist, Saurons Imperium stelle kein "politisches Gebilde" dar, kann ich darum beim besten Willen nicht verstehen.

III

Weinreich hat einen Aufsatz geschrieben, der sich ganz explizit mit den politischen Ideen im Herr der Ringe beschäftigt.
Von Verfassungen mit und ohne Schwert. Impressionen idealer Herrschaftsformen in Mittelerde als Ausdruck des politischen Verständnisses von J.R.R. Tolkien  wurde 2006 im zweiten Band von Hither Shore veröffentlicht. Der Autor stellt sich darin ausdrücklich die Aufgabe, die "Aktualität von Tolkiens fiktionalen Werken" und deren "besonderen gesellschaftspolitischen Wert" nachzuweisen. Er tut dies, indem er zu belegen versucht, dass  ihnen eine "Wertschätzung politischer Freiheit und des Pluralismus" zugrundeliege. Bei diesem Versuch, aus dem 'Professor' einen liberalen Demokraten zu machen, gelangt er meiner Ansicht nach zu einer Reihe z.T. grotesker Fehleinschätzungen.


In seinen Ausführungen konzentriert sich Weinreich ganz auf das Auenland und Gondor, in denen er völlig zurecht die beiden "idealtypischen" Vertreter politischer Ordnung im Herr der Ringe erblickt. Zugleich jedoch fasst er diese als gegensätzliche Staatsmodelle auf: "Das Königreich und das Auenland weisen zwei völlig verschiedene politische Strukturen auf. Aus dem Blickwinkel der politischen Theorie lassen diese sich bis auf die antagonistischen staatsphilosophischen Ansichten Platons und Aristoteles´ zurückverfolgen. Die eine dieser beiden Theorien, und zwar die platonische, führt unter einer radikalen Umdeutung in der beginnenden Neuzeit zu Thomas Hobbes." (13) In dieser Gegenüberstellung, auf der seine ganze Argumentation beruht, liegt meiner Meinung nach Weinreichs entscheidender Fehler. Mein Ziel soll es im Folgenden sein, nachzuweisen, dass die Auenlandordnung und das Königreich bei all ihren Unterschieden letztenendes Ausdruck ein und desselben romantisch-feudalen Gesellschaftsideals sind.

Beginnen wir mit dem Auenland. Die Heimat der Hobbits verkörpert wohl in reinster Form Tolkiens Ideal einer von staatlichen Kontrollen freien Gesellschaft.
"Zu jener Zeit konnte man im Auenland kaum von einer ‘Regierung’ sprechen. Die meisten Familien regelten ihre Angelegenheiten selbst. Nahrung anzubauen und sie aufzuessen nahm den größten Teil ihrer Zeit in Anspruch. In anderen Dingen waren sie gewöhnlich großzügig und nicht gewinnsüchtig, sondern zufrieden und bescheiden, so daß Güter, Höfe, Werkstätten und kleine Gewerbebetriebe generationenlang unverändert blieben." Staatliche Institutionen sind so gut wie nicht vorhanden: "Der einzige wirkliche Beamte im Auenland war der Bürgermeister von Michelbinge (oder vom Auenland), der alle sieben Jahre auf dem Freimarkt auf den Weißen Höhen an Lithe, das heißt am Mittsommertag, gewählt wurde. Seine einzige Pflicht als Bürgermeister bestand darin, als Gastgeber bei Festmählern mitzuwirken, die an den nicht eben seltenen Feiertagen im Auenland verantstaltet wurden." Die ‘Exekutive’ besteht aus gerade einmal zwölf Landbütteln, die "praktisch eher Feldhüter denn Polizisten" sind, "da sie sich mehr um streunende Tiere als um Leute kümmerten." Hinzu kommen die Grenzer, die dafür zu sorgen haben, "daß sich Ausländer aller Arten, ob groß oder klein, nicht unliebsam aufführten." (14) In Krisensituationen tritt die Volksversammlung unter dem Vorsitz des Thains (ein erblicher Titel) zusammen, die im Bedarfsfall auch eine Miliz unter dessen Befehl aufstellen kann.

Frank Weinreich nun glaubt, in dieser Ordnung Ähnlichkeiten mit dem sog. Ward-System der frühen USA erkennen zu können: "Dieses zu Recht als Rätesystem bezeichnete Frühstadium der USA, das der Theoretiker der amerikanischen Revolution Thomas Jefferson auch als elementare Republiken bezeichnete, zeichnet sich durch Selbstverwaltung, unmittelbare Demokratie, Mitbestimmung und konfliktfreies Nebeneinander der Wards aus. Auch die Größe oder vielmehr Kleinheit der amerikanischen Wards ähnelt der geringen Größe und Bevölkerungszahl in den vier Vierteln." Ein solcher Vergleich vermittelt meiner Meinung nach einen völlig falschen Eindruck, indem er das tolkiensche Denken in die Nähe der demokratischen Ideale der Amerikanischen Revolution rückt. Thomas Jefferson, Sam Adams und Tom Paine dürften kaum eine Inspiration für den Autor des Herr der Ringe gewesen sein, was auch Weinreich eingestehen muss: "Er hat die Gemeinschaft der Hobbits sicher nicht bewusst mit Blick auf das alte amerikanische Ward-System entworfen. Unbewusst jedoch hat er für sein Idyll zu einem Gesellschaftssystem gegriffen, das mit seiner egalitären (und sozialen!) Grundstruktur die größtmögliche Sicherheit für den Einzelnen gewährt."
Tolkien selbst hat das Auenland einmal als "halbaristokratische Halbrepublik" (15) bezeichnet. Es ist weder eine egalitäre Gesellschaft, noch weist es nennenswerte Formen von Demokratie, Mitbestimmung oder Selbstverwaltung auf. Es existieren vielmehr sehr deutlich hervorgehobene Standesunterschiede zwischen den Hobbits – man denke bloß an Frodo und Sam –, und auch wenn es keinen Erbadel im eigentlichen Sinne gibt, liegt die Autorität doch ganz eindeutig bei den Oberhäuptern der großen Sippenverbände. Der Herr von Bockland etwa regiert wie ein kleiner König vom Brandyschloss aus über seine riesige Sippschaft und über "die vielen, die von ihnen abhängig waren", und die "Oberhoheit des ‘Schloßherrn’ (wie das Haupt der Familie Brandybock genannt wurde) wurde von den Bauern zwischen Stock und Rohrholm immer anerkannt." (16) Eine solche Gesellschaftsordnung ließe sich vielleicht als 'patriarchalisch', aber ganz sicher nicht als 'demokratisch' bezeichnen. Von irgendwelchen Organen der Selbstverwaltung (Stadträten oder gewählten Dorfvorstehern etwa) ist nirgends die Rede, und unter der Volksversammlung – im Original archaisierend ‘Shire-moot’ genannt – dürfen wir uns selbstverständlich kein Parlament im modernen Sinne vorstellen, sondern sollten dabei eher an eine Versammlung mittelalterlicher Eidgenossen denken. Nicht der Kongress in Philadelphia, sondern die Kantone der Urschweiz kämen hier wohl am ehesten als Vorbild in Betracht. Und wie heisst es so hübsch im berühmten Bundesbrief der Gemeinden Uri, Schwyz und Unterwalden von 1291? "[E]in jeder Mann [ist] nach seinem Rang und Stand gehalten [...], seinem Herrn in angemessener Weise untertan und dienstbar zu sein." (17) Etwas anderes ist von einer mittelalterlichen Confederatio auch gar nicht zu erwarten, und ebenso sollten wir uns die soziale Ordnung des Auenlandes vorstellen.
Weinreich gibt all dies auch zu und spricht ausdrücklich von "patriarchalen", "undemokratischen" Strukturen. Er erwähnt sogar die Schweiz als mögliches Vergleichsmodell, entwertet diese ganz richtige Bemerkung jedoch sofort durch seine völlig ahistorische Betrachtungsweise des Alpenlandes:  "Man kann sich das Auenland vielleicht wie die Schweiz in der Zeit von 1291 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts vorstellen: eine Art Eidgenossenschaft von vier gleichberechtigten Kantonen, die nach innen von hohem Konservativismus und patriarchalen Strukturen gekennzeichnet ist." Einige oberflächliche Ähnlichkeiten reichen offenbar aus, um sechs Jahrhunderte Schweizer Geschichte über einen Kamm zu scheren! Ist das für sich genommen schon lächerlich genug, bedeutet es im gegebenen Zusammenhang vor allem, dass man die Gemeinschaft der Hobbits nach Belieben sowohl mit der feudalen Confederatio von 1291 als auch mit der bürgerlichen Republik von 1848 vergleichen könne. Dabei hatten die beiden ‘Eidgenossenschaften’ ungefähr soviel miteinander gemein wie das Kaiserreich Friedrich Barbarossas und das Wilhelms II.
Damit ist das Schweizer Modell sozusagen entschärft, und am Ende bleibt das Ward-System als wichtigste Parallele, die Weinreich dann auch noch mit einigen Zitaten aus Alexis de Tocquevilles De la démocratie en Amérique zu untermauern sucht. Ziel des Ganzen ist es ganz offensichtlich, Tolkiens Beschreibung des Auenlandes den Idealen einer liberalen Demokratie anzugleichen. Alles, was dabei nicht ins Bild passt, wird bei Seite geschoben.

Ich finde eine solche Herangehensweise an einen Schriftsteller und sein Werk ehrlich gesagt unstatthaft. Es besteht kein Zweifel, dass Tolkien selbst ein bekennender Antidemokrat war, für den – in den Worten seines Biographen Humphrey Carpenter – in einer wohlgeordneten Gesellschaft "jeder Mensch zu einem bestimmten ‘Stand’ gehörte oder gehören sollte, ob hoch oder niedrig" (18). Nun müssen die bewussten Intentionen eines Künstlers oder einer Künstlerin ganz sicher nicht das letzte Wort über sein oder ihr Kunstwerk sein. Doch statt eine 'unterbewusste' Verbindung zwischen der Auenlandordnung und den Idealen der Amerikanischen Revolution anzunehmen, halte ich es für sinnvoller, das Augenmerk auf Gesellschaftstheorien zu lenken, die Tolkien geistig sehr viel näher standen und zudem auch noch sehr viel besser zu den Schilderungen im Herr der Ringe passen. Ein Blick in Hilaire Bellocs 1912 erschienenes Buch The Servile State wäre in diesem Zusammenhang recht hilfreich. 
Der Freund und Mitstreiter G.K. Chestertons vertritt darin die These, der Kapitalismus sei dabei, in eine neue Sklavenhaltergesellschaft überzugehen. Er entwirft das Alptraumszenario eines Englands, in dem die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung auf den Status rechtlich unfreier Zwangsarbeiter herabgesunken ist und eine allmächtige Staatsbürokratie im Interesse der Unternehmer das Leben dieser neuen Sklaven bis ins Kleinste reglementiert, während sie sie zugleich mit ‘sozialstaatlichen’ Maßnahmen wie Krankenversicherung und Altersvorsorge ruhig stellt. Diese Ordnung hält Belloc für die logische Konsequenz der kapitalistischen Entwicklung. Die Wurzel allen Übels macht er dabei nicht wie die Marxisten im Privateigentum an den Produktionsmitteln, sondern in der Monopolisierung dieses Eigentums in den Händen einiger weniger aus. Die sozialistische Lösung einer Vergesellschaftung der Produktionsmittel hält er weder für gangbar noch für wünschenswert. Stattdessen plädiert er für die Einführung einer Ordnung, in der das Eigentum auf möglichst viele unabhängige Gewerbetreibende, Handwerker und Bauern verteilt sein sollte. Dieser Idealzustand – von ihm ‘distributiver Staat’ genannt – habe im Mittelalter geherrscht, als die katholische Kirche die Führerin der europäischen Gesellschaft war: "The State, as the minds of men envisaged it at the close of this process [der Entstehung der mittelalterlichen Ordnung], was an agglomeration of families of varying wealth, but by far the greater number owners of the means of production. It was an agglomeration in which the stability of this distributive system (as I have called it) was guaranteed by the existence of co-operative bodies, binding men of the same craft or of the same village together; guaranteeing the small proprietor against loss of his economic independence, while at the same time it guaranteed society against the growth of a proletariat. If liberty of purchase and of sale, of mortgage and of inheritance was restricted, it was restricted with the social object of preventing the growth of an economic oligarchy which could exploit the rest of the community. The restraints upon liberty were restraints designed for the preservation of liberty; and every action of Mediaeval Society, from the flower of the Middle Ages to the approach of their catastrophe, was directed towards the establishment of a State in which men should be economically free through the possession of capital and of land." (19) Den Untergang dieses Idylls und die Geburtsstunde des Kapitalismus macht Belloc in der Reformation des 16. Jahrhunderts aus. Damals hätten die reichsten Grundbesitzer und Kaufleute damit begonnen, das gesamte Eigentum in ihren Händen zu konzentrieren und den Rest der Bevölkerung zu Proletariern zu degradieren.
Suchen wir nach einem Vorbild für das Auenland, so sind wir beim ‘distributiven Staat’ und nicht bei Thomas Jeffersons 'elementarer Republik' an der richtigen Adresse. Wie Belloc zeichnet auch Tolkien das Bild eines kleinbürgerlichen Utopias der unabhängigen Bauern und biederen Handwerker. Interessant ist zudem, worin er die größte Gefahr für dieses Idyll ausmacht. Weinreich behauptet, das Auenland sei "für machtmissbräuchliche Deviationen nicht anfällig. Selbst wenn es – offensichtlich nur ganz selten – machthungrige Hobbits wie Lotho Sackheim-Beutlin gibt, so sind diese doch keine Gefährdung für das Auenland, solange sie keine externe Unterstützung bekommen." Es stimmt zwar, dass Frodos versnobter Verwandter seine persönliche Diktatur erst mit Hilfe menschlicher Handlanger errichten kann, dennoch übersieht Weinreich hier ein sehr wichtiges Detail. Bauer Hüttinger beschreibt Lothos Aufstieg so: "Offenbar wollte er alles selbst besitzen und die Leute nach seiner Pfeife tanzen lassen. Bald zeigte sich, daß er schon erheblich mehr besaß, als gut für ihn war; und er grapschte immer noch mehr, obwohl es ein Rätsel war, wo er das Geld herhatte: Mühlen und Mälzereien, und Wirtshäuser und Bauernhöfe und Tabakpflanzungen. Offenbar hatte er Sandigmanns Mühle schon gekauft, ehe er nach Beutelsend kam. Natürlich fing er mit einer Menge Besitz im Südviertel an, den er schon von seinem Vater hatte; und es scheint, daß er eine Menge Tabak verkauft und seit ein oder zwei Jahren in aller Stille verschickt hatte." Was ist dies anderes als die belloc’sche Genese des Kapitalismus durch die Konzentration des Eigentums in den Händen besonders raffgieriger und skrupelloser Individuen? Auch lässt einen Lothos Abneigung gegen Alkohol und Tabak – "der Oberst hielt nichts von Bier [...] und schloß alle Wirtshäuser" – an die Sinnenfeindlichkeit der protestantischen britischen Mittelklasse denken. (20)
Das bedeutet natürlich nicht, dass Tolkien The Servile State oder vergleichbare Schriften tatsächlich gelesen haben muss. Sein Denken wurzelte jedoch in denselben sozialen Verhältnissen wie das der Chesterbelloc (so nannte Bernard Shaw scherzhaft den Kreis um Belloc und Chesterton). Dass sich die Mittelschichten angesichts einer gesellschaftlichen Krise in die ‘gute, alte Zeit’ zurücksehnen, ist ein häufig zu beobachtendes Phänomen. In ihrer sozialen Stellung sowohl von den ‘Plutokraten’ als auch von den Proletariern bedroht, wünschen sie, den Kapitalismus nicht abzuschaffen, sondern auf das Niveau einer Gesellschaft kleiner Warenproduzenten zurückführen zu können. Wie Chesterton es ausdrückte: "Too much capitalism does not mean too many capitalists, but too few capitalists." Nicht selten entdecken die Ideologen des Kleinbürgertums das ersehnte Goldene Zeitalter im zünftlerischen Handwerk des Mittelalters, während sie den mit der Scholle verbundenen Bauern als Idealtyp den entwurzelten und bedrohlichen städtischen Massen gegenüberstellen. Hierin berühren sich der 'Distributismus' und Tolkiens literaterische Vision. Auf die beunruhigende Verwandtschaft dieses Ideals zum Faschismus möchte ich in diesem Aufsatz nicht eingehen. Die Pandorabüchse des moorcockschen 'Tolkien the Crypto-Fascist' soll vorerst geschlossen bleiben.

Fortsetzung folgt ...




(1) Okay, er twittert sporadisch, aber besonders erhellend ist das nicht.
(2) Er tut dies u.a. in Zur Verteidigung von Mittelerde, Tolkien in der Kritik und Das Gute bei Tolkien.
(3) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. II. S. 16 & Bd. III. S. 133.
(4) Auf sein eigentümliches Geschichtsverständnis, demgemäß es stets die Liberalen gewesen seien, die den Kampf um die Freiheit angeführt und die demokratischen Rechte erstritten hätten, möchte ich nicht näher eingehen.
(5) Brief an Joanna de Bortadano (Entwürfe) [April 1956]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 186. S. 324f.
(6) Brief an Christopher Tolkien [29. November 1943]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 52. S. 87f.

(7) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. II. S. 279 & Bd. III. S. 255f. Die Ameisenmetapher für den ‘Totalitarismus’ findet sich übrigens auch im ersten Band von The Once and Future King, aber T. H. White verwendet sie aus gutem Grund nie zur direkten Charakterisierung von Menschen. Selbst die nazihaften Anhänger Mordreds sind für ihn keine Insekten. Spätestens nach der Lektüre von Norman Spinrads The Iron Dream sollte einem aufgehen, dass Tolkiens Schilderung der ameisenartigen Orks nicht nur extrem inhuman, sondern selbst (ich finde kein besseres Wort) faschistoid ist. Doch das Orkproblem würde eine ausführlichere Behandlung verlangen, für die hier nicht der richtige Ort ist.
(8) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. III. S. 225; 227f.
(9) Brief an Christopher Tolkien [7. Juli 1944]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 75. S. 118.
(10) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. I. S. 314. & Bd. II. S. 195f.
(11) Ebd. Bd. III. S. 185ff.

(12) "Weder er [Sam] noch Frodo wußten etwas von den großen Feldern weit im Süden dieses ausgedehnten Reiches, die von Hörigen [slaves] bestellt wurden". (Ebd. Bd. III. S. 225). Carroux’ Übersetzung scheint mir hier etwas irreführend zu sein, da wir bei ‘Hörigen’ eher an feudale Leibeigene – engl. ‘serfs’ – zu denken geneigt sind, Mordor aber keine Feudalgesellschaft ist.
(13) Ich bin kein Doktor der Philosophie wie der gute Frank, aber ich verstehe nicht ganz, wie man den Leviathan als einen späten Spross der Politeia interpretieren kann. In beiden Büchern wird eine despotische Regierungsform befürwortet, aber abgesehen davon sehe ich kaum Ähnlichkeiten. Der Materialist Hobbes gelangt auf einem völlig anderen Weg zu seinen Schlussfolgerungen als der Idealist Platon. Für Weinreichs Argumentation spielt glücklicherweise keiner dieser Philosophen eine ernsthafte Rolle.
(14) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. I. S. 24f.
(15) Anmerkung zu W.H. Audens Besprechung des Return of the King. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 183. S. 317.
(16)  J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. I. S. 127f.
(17) Zit. nach: Arno Borst: Lebensformen im Mittelalter. S. 379.
(18) Humphrey Carpenter: J.R.R. Tolkien. Eine Biographie. S. 150.
(19) Hilaire Belloc: The Servile State. S. 50f.
(20) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. III. S. 329.