"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Dienstag, 14. Februar 2012

Von vorrückenden Armeen, faulen Linsen

und gepflügten Äckern


Die Ordenskrieger von Goldberg



Meine Kenntnis deutschsprachiger Fantasy ist beschämend gering. Um nicht zu sagen, sie tendiert gegen Null. Freilich vermag mich das, was unsere heimischen Bestsellerautoren wie Markus Heitz oder Bernhard Hennen produzieren, bereits aus thematischen Gründen nicht zu locken. Epische Fantasy über Zwerge oder Elfen ist halt einfach nicht mein Ding. Schon eher nach meinen Geschmack schien da die von Thomas Plischke und Ole Johan Christiansen kreierte Reihe um die Zerrissenen Reiche zu sein. Eine erfrischend originelle und kritisch-ironische Auseinandersetzung mit den Klischees der Fantasy, die zudem noch aktuell-politische Bezüge enthält? Immer her damit! Die Lektüre der ersten beiden Bände – Die Zwerge von Amboss und Die Ordenskrieger von Goldberg – hat mir jedoch leider recht drastisch vor Augen geführt, dass gute Absichten und interessante Ideen noch lange keine lesbaren Bücher hervorbringen müssen. Im Folgenden werde ich mich hauptsächlich auf den zweiten Band beziehen, da über die Ambosszwerge schon genug geschrieben worden ist.*

Plischke und Christiansen entstammen meines Wissen nach der Rollenspielerszene, und die Spielart der Fantasy, mit der sie sich auseinanderzusetzen versuchen, ist die durch D&D, DSA etc. geprägte. Das zeigt sich bereits am Titel des Buches, denn der Begriff ‘Ordenskrieger’ stammt, so weit ich weiß, aus Midgard. An sich kein schlechter Ansatz, habe ich doch manchmal das Gefühl, dass Gary Gygax unser Bild von Elben, Zwergen, Orks und Halblingen stärker geprägt hat als J.R.R. Tolkien. Eine der Ideen, die der Erschaffung der Zerrissenen Reiche zugrunde lag, war es offenbar, die stereotypen Fantasyrassen, die jede RPG-Welt von Greyhawk bis Aventurien bevölkern, zu nehmen und einer mehr oder weniger krassen Umwandlung zu unterziehen. Am besten ist dies bei den Zwergen gelungen, denn hier wurde ihre traditionelle Rolle als Schmiede und Bergleute zum Ausgangspunkt genommen, was sie – konsequent weitergedacht – zu den natürlichen Trägern der industriellen Revolution macht. Statt Khazad-dûm das Ruhrgebiet in der Ära von Kanonenkönig Krupp. Parallel zur Entwicklung einer steampunkigen Technik haben die wackeren Gesellen auch ihre alten Klanbande überwunden und die Religion ihrer Vorväter zugunsten eines utilitaristischen Rationalismus aufgegeben. Nach außen hin gibt sich ihr Bund als eine quasisozialistische Demokratie, doch wird ihre Gesellschaft in Wirklichkeit von harschen Klassengegensätzen beherrscht. Die Menschenvölker sind im Kontrast dazu entworfen. Sie sind religiös und leben in den eponymischen Zerrissenen Reichen, fantasytypischen Feudalstaaten auf ungefähr mittelalterlichem technischem Niveau, die beinahe ununterbrochen Glaubens- und andere Kriege untereinander ausfechten. Etwas merkwürdig mutet die Wandlung an, der die Halblinge unterzogen wurden. Als ‘Brudervolk’ der Zwerge bilden sie die Bürokratenkaste des Bundes und treten in den Büchern hauptsächlich als Kommissare der Bundessicherheit – der politischen Polizei – auf. Das alte Klischeebild ist in diesem Fall also in sein Gegenteil verkehrt worden: aus den friedvollen, ländlichen Spießbürgern sind fiese Gestapotypen geworden. Elfen schließlich tauchen erst im dritten Band auf und entpuppen sich da offenbar als arrogante und dekadente Vertreter einer hochentwickelten Biotech-Zivilisation mit starken Anklängen an Warhammer 40k, wie Oliver Kotowski vom Fantasyguide schreibt.

Als Konzept ist das alles nicht uninteressant, in der Handlung selbst jedoch habe ich kaum etwas entdecken können, was sich als kritische oder satirische Auseinandersetzung mit den Klischees der Fantasy interpretieren ließe. Ich weiß nicht recht, was ich eigentlich erwartet hatte. Vielleicht etwas in Richtung der D&D-mäßigen Abenteurergruppe in China Miévilles Perdido Street Station, die sich als ein Haufen amoralischer und geldgieriger Söldner, Schatzjäger und Grabräuber entpuppt. Für einen ganzen Roman hätte das natürlich nicht ausgereicht, aber dies wäre der Ton gewesen, den ich mir für die Bücher gewünscht hätte. Monsterjäger Siris, der mit Muskelkraft und Wumme fast jedes Hindernis aus dem Weg zu räumen versteht, trägt noch am ehesten die Züge eines typischen RPG-Helden, ist aber auch die langweiligste Figur der ersten beiden Bücher. Zudem fällt es schwer, ihn tatsächlich als eine Karrikatur auf den ultracoolen Einsamen Wolf zu lesen. Seine Funktion scheint es eher zu sein, für die nötige Action zu sorgen, d.h. er spielt genau die ihm klischeemäßig zukommende Rolle. Und um es gleich zu sagen: Die Bücher fließen über vor Klischees, ohne dass ich dabei einen ironischen Unterton herausgehört hätte. Eine der Grundideen Plischkes und Christiansens war es wohl, mit stereotypen Figuren zu beginnen und diese im Verlauf der Handlung einer Entwicklung zu unterziehen, bei der diese Stereotypen dann aufgebrochen werden. Für mich hat das jedoch zumindest in den ersten beiden Bänden höchstens punktuell funktioniert. Zumal sich mehr als genug Klischees nicht nur in der Charakterzeichnung, sondern auch in der Handlungsführung finden lassen. Schade.

Wenden wir uns also der Handlung der Ordenskrieger zu. Der Krieg des Bundes gegen die Zerrissenen Reiche hat begonnen. Unter den vorrückenden Truppen der Zwerge befinden sich auch Siris und der ‘Leiböffner’ (Arzt) Himek, die der Armee beigetreten sind, um sich so der Verfolgung durch die Behörden zu entziehen. Ebenfalls flüchtig und auf dem Weg in die Länder der Menschen sind der Ex-‘Sucher’ (Polizist) Garep und seine menschliche Geliebte Sira/Arisascha. Ein neuer Handlungsstrang wird in der heiligen Menschenfestung Goldberg um die Oberpriesterin Esavintje und ihre Tochter Fianessa eröffnet. Einzig mit der ehemaligen Polizeianwärterin Karu verbleibt die Geschichte im Zwergenbund.

Die Ereignisse um die Belagerung von Goldberg haben mich eher kalt gelassen. Bestenfalls finden sich hier Ansätze für künftige Entwicklungen, die vielleicht einmal ganz interessant werden könnten. Die junge Fianessa ist zwar eine stereotyp gezeichnete, aber auch recht sympathische Figur. Und dann gibt es da den mysteriösen Dschun, der behauptet die toten Götter gesehen zu haben, sich selbst als ‘der Bote, der der Bringer ist’ bezeichnet und offenbar ein lebendiges Etwas in seinem Leib trägt. Ich hätte schon recht gerne gewusst, was es mit seinem Geheimnis auf sich hat, aber dazu müsste ich mich vermutlich durch mindestens zwei weitere Bände der Zerrissenen Reiche kämpfen, und so bleibt er für mich in erster Linie eine Bestätigung meiner instinktiven Abneigung gegen die Mode der ellenlangen Fantasyzyklen. Als besonders unangenehm sind mir zwei Dinge in diesem Handlungsstrang aufgefallen. Schon im ersten Band fand ich die Figur der Halblingsfrau Ulaha mit ihrem inneren Ewigen Hain ziemlich unerträglich. Dass der Geist der Guten sich nach ihrer Ermordung nun in Himeks Kopf eingenistet hat und dort immer lautstärker zu Worte meldet, wirkte auf mich darum ähnlich enervierend wie auf den armen ‘Leiböffner’. Richtig ärgerlich wurde ich aber, als ich entdecken musste, dass Plischke in Bezug auf Siris aber auch auf gar kein Machoklischee zu verzichten bereit ist. Der coole Hecht hat bei seinem ersten Besuch in der Festung ‘natürlich’ Esavintje flachgelegt, und die sonst so beherrschte Oberpriesterin hat sich dabei ‘natürlich’ wie eine nimmersatte Sexbesessene aufgeführt. Lesen tut sich das so: „Er hatte sie für eine Frau gehalten, deren Schoß kälter als der Nordwind war – sehr zu seiner Freude erwartete ihn dort allerdings die Glut der Feuerberge. In all den Jahren, die seitdem vergangen waren, hatte er viele Frauen gehabt, die geschmeidiger oder willfähriger gewesen waren, aber keine, die darin so fordernd gewesen war, seinen Pflug wieder und wieder hart zu halten, um seine Saat möglichst tief in sie zu pflanzen. Wenn er ehrlich war, war ihm das ein wenig unheimlich gewesen" (S.302) Auf Plischkes sprachliche Verbrechen komme ich noch zurück, aber davon einmal abgesehen fällt mir dazu nur eins ein: Oh Gott! (Die Augen zum Himmel verdrehend).
Da begleite ich doch lieber Garep und Sira auf eine tropische Insel, lerne dort den exzentrischen Wissenschaftler Gozzoldini kennen und erforsche die (mehr oder weniger) verlassenen Überreste eines ‘Paradieses’ der ‘Herren’, der von den Menschen verehrten Götter. Wirklich neu ist die Idee zwar nicht, dass die ‘Götter’ sich als technisch hochentwickelte Rasse urzeitlicher Wesen entpuppen (Hallo, Herr Däniken!), aber ich muss zugeben, dass mich das nicht sonderlich gestört hat. Auch die Beziehung zwischen Sira und Garep – mit ihren sich aus den Problemen einer Kulturgrenzen überschreitenden Liebe ergebenden Konflikten – besitzt zumindest Potential. Alles in allem wirkt das Szenario dennoch wie einem mäßig guten D&D-Modul entnommen.
Das Motiv einer politischen Verschwörung im Land der Zwerge, das im ersten Band eine zentrale Rolle spielte, wird nur im Handlungsstrang um Karu weiter verfolgt. Gemeinsam mit dem Historiker und Mafiososprössling Rinul kommt sie einem Komplott auf die Spur, dessen Ziel es offenbar ist, die Geschichte der Zwerge umzuschreiben und alle Belege aus den Archiven zu tilgen, die der offiziellen Version von der Gründung des Bundes und der Rolle, die die Halblinge dabei gespielt haben sollen, widersprechen. Persönlich haben mir diese Teile des Buches am besten gefallen, vielleicht weil sie am weitesten entfernt sind von den üblichen Gefilden der Fantasy, vielleicht weil ich etwas für Bibliotheken und das Erforschen alter Dokumente übrig habe.

Das Traurige an den Zerrissenen Reichen ist, dass Plischke und Christiansen durchaus interessante Ideen haben und wichtige Fragen anzusprechen versuchen, aber leider nicht die schriftstellerischen Qualitäten an den Tag legen, die es bräuchte, um dieses Potential auszuschöpfen. In Die Zwerge von Amboss standen als Themen die von der Industrialisierung hervorgerufenen Klassenkonflikte, die rassistische Hetze gegen Immigranten und die Gefahr des Abgleitens einer demokratischen Gesellschaft in den Faschismus im Vordergrund. In Die Ordenskrieger von Goldberg habe ich zwei Hauptthemen ausmachen können.

Zuerst einmal ist da natürlich der Krieg, der von den Zwergen offiziell geführt wird, um den Menschen Zivilisation, Einheit und Vernunft zu bringen, der Führung des Bundes aber in erster Linie dazu dient, von den sozialen Problemen im Inneren abzulenken (und nebenbei ein paar wertvolle Rohstoffquellen zu erobern). Die Parallelen zu den unter der Parole des ‘Kriegs gegen den Terror’ geführten neokolonialen Feldzügen sind überdeutlich, und Plischke spricht dabei eine ganze Reihe höchst aktueller Punkte an:
- Das Aussetzen der Wahlen zum Obersten Vorarbeiter gemahnt an den wachsenden staatlichen Autoritarismus, dessen erste drastische Erscheinungsform in den USA der berüchtigte Patriot-Act von 2001 war, und der mit der Verabschiedung des National Defense Authorization Act (NDAA) gerade einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Ähnliche Entwicklungen lassen sich in allen westlichen Staaten beobachten.
- Die Internierung der menschlichen Einwohner des Bundes ‘aus Sicherheitsgründen’ spielt offensichtlich auf das Schicksal der japanischstämmigen Bevölkerung der US-Westküste während des 2. Weltkriegs an, lässt sich aber auch als Fingerzeig auf die Diskriminierung, Bespitzelung und Terrorisierung von Muslimen im Verlauf des ‘Kriegs gegen den Terror’ lesen.
- Die mehrfach erwähnte Tatsache, dass sich die Armee der Zwerge hauptsächlich aus Armen und Arbeitslosen rekrutiert, die auf diese Weise dem heimischen Elend zu entfliehen versuchen, entspricht ziemlich genau der Realität in der US-Armee.
- Wenn auf die Gewinne der zwergischen Rüstungsproduzenten hingewiesen wird, liegt der Vergleich mit den fetten Profiten nahe, die Firmen wie Halliburton aus dem Blutbad im Irak gezogen haben.
- Das Entsetzen der Zwerge über die ‘barbarischen’ Kriegstaktiken der Menschen, derweil sie selbst mit ihren Kanonen eine ganze Stadt in Schutt und Asche legen, lässt einen an das heuchlerische Geschrei über die ‘Barbarei’ irakischer oder afghanischer Aufständischer denken, das angestimmt wird während der Westen mit seinen Dronen, Cruise Missiles, Kampfjets und Helikoptern regelmäßig Tod und Vernichtung auf eine völlig wehrlose Bevölkerung herabregnen lässt.
Es ist Thomas Plischke hoch anzurechenen, dass er solche Fragen im Rahmen eines Fantasyromans zu behandeln versucht. Um so ärgerlicher ist es, dass es ihm nicht gelingt, eine dafür geeignete Darstellungsform zu finden. Alle diese Punkte werden erwähnt, aber kein einziger ist in die Handlung selbst integriert worden. Nicht eine der Hauptfiguren ist von ihnen unmittelbar betroffen. Das gilt selbst für Himek und Siris, die zwar an dem Feldzug teilnehmen, deren Lage aber dennoch eine ganz andere ist, als die der ‘echten’ Soldaten. Der Krieg ist für sie in erster Linie eine Etappe auf ihrer Flucht vor den Behörden, und das Buch endet damit, dass sie sich von der Truppe absetzen. Die aktuellen Bezüge, die Plischke herstellt, bleiben seiner Geschichte darum äußerlich. Wenn man böse sein will, könnte man auch sagen, dass sie aufgesetzt wirken. Ein leichtes Stirnerunzeln rief bei mir außerdem hervor, dass gerade die beiden ausdrücklich als ‘proletarisch’ gekennzeichneten Soldaten Bikek und Manub als ziemliche Einfaltspinsel dargestellt werden. Einige Szenen im Lazarett sollen wohl dazu dienen, das Grauen des Krieges zu veranschaulichen, aber leider gibt es in diesem Zusammenhang inzwischen kaum ein abgedroscheneres Klischee, und ich musste beim Lesen unwillkürlich an die Futurama-Folge War is the H-Word denken. Obwohl gleichfalls nicht frei von klischeehaften Zügen, ist der Tod Esavintjes für mich die eindringlichste Szene der Kriegserzählung:
"Erst sah sie nur die Sterne hoch über sich und doch so nah, als brauchte sie nur die Hand auszustrecken, um sie einen nach dem anderen aus dem Firmament zu lösen. Dann beugte sich ein Gesicht zu ihr herab, aus dem eine breite Nase weit hervorsprang. Aus einer schwarzen Spalte unter einem buschigen Bart kroch ein Laut, der voll Bedauern und voll Endgültigkeit war. [...]
Das Gesicht verschwand, um rasch von einem zweiten ersetzt zu werden. Auch dieses Gesicht saß auf einem Körper, der klein genug war, dass er einem Kind hätte gehören können, wenn nicht die viel zu breiten Schultern gewesen wären. Die Augen dieser Gestalt, deren Wangen glatt und bleich waren, wohnte eine erschrockene Traurigkeit inne, als der Zwerg eines der kurzen Donnerrohre auf ihre Stirn richtete. Es glänzte silbrig wie das Blut der Herren.
Esavintje von Goldberg hörte den Schuss nicht, mit dem es ihren Göttern gefiel, ihre treue Magd aus der Welt zu holen. Mit geschlossenen Augen träumte sie vom heiteren Lachen ihrer Tochter, dass sie viel zu selten gehört hatte." (S.370f)

Ein zweites, wenn auch nicht so unmittelbar erkennbares Hauptthema der Ordenskrieger ist die Rolle, die Mythen für die Legitimation von Machtstrukturen spielen. Wenn Garep, Sira und Gozzoldini bei ihrer Untersuchung des ‘Paradieses’ der ‘Herren’ die Wahrheit über diese angeblichen Götter ans Licht bringen – dass sie keine überirdischen Wesen waren, sondern bloß über eine extrem hochentwickelte Technologie verfügten, und zudem mit den ‘Drachen’ der zwergischen Überlieferung identisch sind, von deren Herrschaft das kleine Volk sich einst durch einen großen Aufstand befreite –, zerstören sie damit implizit auch die Legitimation der Herrschaft von Theokraten wie Esavintje, Inasaskia oder Padwajanesch. Noch sehr viel deutlicher tritt dieses Thema im Handlungsstrang um Karu und Rinul hervor. Die beiden decken auf, dass mächtige Kreise alles daran setzen, einen Geschichtsmythos aufrechtzuerhalten, der die wichtigsten politischen und sozialen Strukturen des Bundes sämtlichst auf eine Gründerpersönlichkeit, den wie einen Halbgott verehrten Ersten Vorarbeiter, zurückführt und zugleich die Stellung der Halblinge als ‘Brudervolk’ bis auf diese Gründerzeit zurückdatiert.
Es ist ausgesprochen begrüßenswert in einem Genre, das so stark von mythischen und geschichtsmythischen Motiven geprägt ist wie die Fantasy, auch einmal eine kritische Stimme zu hören, die für das Zerstören von Mythen und das Aufdecken der Wahrheit plädiert. Vielleicht gefällt mir deshalb die Storyline um Karu und Rinul am besten.

Trotz solch positiver Züge muss ich aber bei meinem ursprünglichen Urteil bleiben: Die Zwerge von Amboss und Die Ordenskrieger von Goldberg sind keine lesbaren Bücher. Das klingt jetzt sehr hart, aber neben den zahllosen klischeehaften Elementen in Handlung und Charakterzeichnung gibt es dafür einen, alles entscheidenden Grund: Die Sprache. Ein Buch, das auf beinahe jeder Seite Formulierungen enthält, die mich innerlich zusammenzucken lassen, hat in meinen Augen keine wohlwollende Behandlung verdient. Molosovsky hat seinerzeit eine vernichtende Kritik der Zwerge von Amboss verfasst, in der er sich ausführlichst über den grausigen Stil und insbesondere über die Flut an schiefen und verstiegenen Metaphern auslässt, mit denen Plischke seine Leserinnen und Leser quält. Der Folgeband stellt in dieser Hinsicht leider keinerlei Verbesserung dar. Eine lange Auflistung der sprachlichen Abnormitäten erspare ich mir und zitiere lieber nur eine einzige, repräsentative Passage.
Karu hat soeben einen Agenten der Bundessicherheit erschossen. „’Beim Befreier!’, ächzte sie. Das Gurgeln des sterbenden Kommissars – wie zäher Schlamm, der einen Abguss hinunterkroch – jagte ihr einen Schauer über den Rücken, und ihre Zähne klapperten so heftig aufeinander, als hätte sie eine Rassel im Mund. Sie hatte ihn erschossen! Fassungslos starrte sie auf das dunkle Blut, das wie die fest geschlossenen Reihen einer vor-rückenden Armee Stück für Stück den Teppich um den Kopf des Halblings tränkte.
‘Steh auf!’ Rinul packte sie unter den Armen und zog sie auf die Beine. ‘Wir müssen hier weg.’
‘Ja.’ Das war nicht ihre Stimme. Das war das Raunen einer alten Graubärtin, die, vor dem Ofen sitzend, die faulen Linsen aus den guten las." (S.335)
Erstaunlich, wieviel sprachlichen Unsinn man in ein paar Zeilen unterbringen kann! Ein Gurgeln wie kriechender Schlamm und Zähne, die nicht bloß klappern, sondern aufeinander klappern? Mundrasseln und marschierendes Blut? Und was zum Teufel haben bloß die faulen Linsen hier zu suchen? Das klingt jetzt vielleicht ulkig, doch wenn man permanent über derartige Formulierungen stolpert, ist es schnell aus mit dem Vergnügen.

Ole Johan Christiansen erwiederte damals auf Molos Kritik: „’Die Zwerge von Amboss’ ebenso wie die ganze Reihe ist sprachlich deutlich an die englische Literatur des 19. Jahrhunderts mit ihren überbordenden Metaphern (insbesondere im Bereich der Tierwelt) und Sprache angelegt (denn in einem Fantasy-Äquivalent zur selbigen Zeit spielt die Reihe ja), wobei dies dann durch die derben Einschläge in Verbindung mit den tatsächlichen damaligen Lebensumständen gesetzt wird. Es ist also nicht so klinisch rein wie ein Dickens, vielmehr ist es eher (wie bei ‘Southpark’ gesehen): ‘Dort lernt er alles, was ein Gentleman können muss: Tanzen, Säbelfechten und Fotzenlecken.’"
Eine derb-parodistische Nachahmung stilistischer Gepflogenheiten der viktorianischen Literatur? Für mich funktioniert das aus mehreren Gründen nicht:
(1) Wollte man so etwas konsequent durchziehen, würde es vom Leser eine permanente ironische Distanz zur sprachlichen Gestalt des Textes verlangen, was bei einem Romanzyklus von Aberhunderten, wenn nicht gar -tausenden von Seiten entweder völlig unmöglich ist oder sehr schnell zu einer mühseligen Arbeit ohne jeden Gewinn an Lesevergnügen werden muss.
(2) Ein solches Stilmittel würde wenn überhaupt nur in Kombination mit einer inhaltlichen Bezugnahme auf Motive der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts Sinn machen. Solche kann ich in den Zerrissenen Reichen jedoch nirgends entdecken. Plischke bedient sich bei zahlreichen Genres – neben der RPG-Fantasy ließe sich da u.a. der Politthriller, die ‘hard boiled detective’-Story, die Pulp-SF und der Kriegsroman nennen –, doch die viktorianische Erzählung gehört nicht dazu.
(3) Das Reich der Zwerge weist abgesehen vom technischen Entwicklungsstand kaum Ähnlichkeiten mit dem Großbritannien des 19. Jahrhunderts auf. Seine ganz auf Arbeit und Pragmatismus ausgerichtete Kultur mit ihrem pseudosozialistischen Ethos passt nicht zur bourgeoisen Sentimentalität des Viktorianismus, die in der blumigen Sprache zum Ausdruck kommt, auf die sich Christiansen beruft.

Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich bin keineswegs ein kompromissloser Verfechter eines knappen oder zurückhaltenden Schreibstils. Ich liebe nicht nur China Miévilles Bas-Lag - Romane und alles, was ich von Catherynne M. Valente gelesen habe, sondern auch das Werk Clark Ashton Smiths – und dessen barocke Sprache vollführt permanent eine Gratwanderung zwischen rauschhafter Décadencepoesie und überladenem Schwulst. Im Falle der Zerrissenen Reiche jedoch ist die Metaphernflut nicht nur einfach mies gemacht, sondern steht auch in keinerlei Zusammenhang zum Charakter der Erzählung.
Zugegebenermaßen recht nett ist der Versuch Plischkes, Redewendungen zu erfinden, die den Lebensumständen und der Tradition des jeweiligen Volkes entsprechen. Bei den Zwergen werden die Vergleiche meist aus dem Bergbau, bei den Menschen aus der Landwirtschaft genommen. Zum Teil ist das recht gut gelungen, völlig in die Hose gegangen ist es allerdings, wenn’s um Sex geht. Und das kommt öfters vor, als einem lieb sein kann. Immer wenn Zwerge von ‘Zapfen’ und ‘Furchen’, Menschen von ‘Äckern’ und ‘Pflügen’ zu reden beginnen, wird’s richtig peinlich. Man nehme etwa folgende Passage über die pubertierende Fianessa:
„Sie war ja kein kleines Kind mehr. Als ihr Acker begonnen hatte, rote Tränen zu vergießen, weil er sich nach einem Pflug sehnte, hatte ihr ihre Mutter alles darüber erzählt, worum es Männern wirklich ging, wenn sie plötzlich nett zu einer Frau waren." (S.134)
Ich finde, dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

* Wer einen Überblick über die Handlung des ersten Bandes erhalten will, lese z.B. Oliver Kotowskis Rezension im Fantasyguide. Dem positiven Gesamturteil, das dort abgegeben wird, kann ich mich allerdings nicht anschließen.

Montag, 13. Februar 2012

Teutonen-Steampunk (I)

(Anmerkungen eines Ignoranten)


Es ist nun bald ein Jahr her, da las ich folgende Ausschreibung auf der Website des Verlags p.machinery:

STORY CENTER 2011 wird sich immer noch um »Steampunk« drehen, aber diesmal gibt es einen Plotbackground. Der sieht aus wie folgt:
»Europa, irgendein Jahrhundert, irgendein Jahr. Das technologische Setting ist Steampunk (Dieselpunk und andere Steampunk-Abarten sind allerdings auch erlaubt!). Der Vatikan ist die letzte kulturelle Hochburg Europas, das letzte Bollwerk von Demokratie, Menschenrechten und funktionierendem Gemeinwesen, umgeben von Dekadenz, Verfall, Verbrechen und Sünde. Irgendwo auf der Welt mag es noch Enklaven geben, die dem entsprechen, was der Vatikan in Europa repräsentiert – aber von ihnen erfährt man nur auf Umwegen, nur in Form vager Informationen und Nachrichten, fast ausnahmslos in Form von Gerüchten.«
Das könnte man als einleitende Sätze zum Plot verwenden, vielleicht wird es auch der Klappentext – das hängt von dem ab, was die Autoren aus dem Stoff machen. Der Vatikan ist in diesem Hintergrundplot nicht ausschließlich und zwangsläufig der Sitz des Oberhaupts der katholischen Kirche; es sind Geschichten denkbar, in denen der Papst als Institution so nicht mehr existiert. Aber der Vatikan, der sich gegenüber dem, was wir heute kennen, verändert darstellt, ist eben das, was er wohl in der wirklichen Welt auch immer sein wollte: das Zentrum der Menschheit, der Menschlichkeit, des Menschseins. Und der Vatikan ist das, was an europäischer Kultur noch übrig ist.
»Und dann geschieht ein Verbrechen …«

Zuerst hielt ich das Ganze für einen Witz. Das konnte doch unmöglich ernst gemeint sein, oder?! Aber leider war nirgends das Wörtchen Satire zu entdecken.
Bis heute ist es mir unmöglich, mich in die Gedankengänge hineinzuversetzen, die diesem Szenariumsentwurf zugrunde gelegen haben müssen. Wie soll ich mir ausgerechnet den Vatikan, die einzige noch existierende absolutistische Monarchie auf europäischem Boden, als ‘letztes Bollwerk von Demokratie & Menschenrechten’ vorstellen? Ich weiß, wir reden hier von phantastischer Literatur, aber das ist mir denn doch etwas zu fantastisch. Gezwungen, den Inhalt dieser Ausschreibung ernstzunehmen, frage ich mich, welche Weltsicht sich hinter einer solchen Idee wohl verbergen mag. Bei genauerem Nachdenken möchte ich das vielleicht aber doch gar nicht so genau wissen, zumal bei p.machinery auch Ben Rykers Reihe C.T.O. erscheint, die von den Abenteuern eines Antiterror-Agenten erzählt. (Schauder!) Dennoch spiele ich ernsthaft mit dem Gedanken, mir Story Center 11 zu besorgen, sobald es erschienen ist. Ich hab halt so meine perversen Neigungen, und neugierig bin ich ja schon, was man aus einer derartigen Vorgabe machen kann.



I

Was Steampunk angeht bin ich ein ziemlicher Ignorant, und alles, was ich im folgenden von mir geben werde, ist demnach von einer Position weit weit außerhalb der Community geschrieben. Über offensichtliche Fehleinschätzungen lasse ich mich gerne aufklären.
So weit ich es beurteilen kann, scheint Steampunk (als Literatur – alle anderen Erscheinungsformen sollen im Moment nicht interessieren) ein zweischneidiges Schwert zu sein. Das Subgenre könnte ganz ausgezeichnet der kritischen Auseinandersetzung mit den Ursprüngen der modernen Science Fiction (Jules Verne, H.G. Wells) und deren Beziehung zur gesellschaftlichen Wirklichkeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts dienen – ungefähr so, wie dies Michael Moorcock in The Warlord of the Air getan hat (lange bevor es das Wort Steampunk überhaupt gab). Oder es könnten Parallelen zwischen dem viktorianischen Zeitalter und der Gegenwart gezogen werden, wie sie Brendan Byrne in K.W. Jeters Subgenre-Klassiker Infernal Devices zu erkennen glaubt: „Jeter, along with Powers and Blaylock, were all Americans, writing stories of rampant gadget obsession in the decline of a great, vicious empire. Victorian England, reimagined by Jeter, is nothing more than twentieth century America. What we see in Infernal Devices is not just the presager of what steampunk is, but what it could have been, a marvelously self-aware and inventive attack on the obsessions and degradations of the present."
Wenn Jeff VanderMeer eine Steampunk Bible herausgegeben hat, muss schließlich irgendwas dran seín an dem Subgenre. Und tatsächlich ist der Steampunk im englischsprachigen Raum inzwischen eine sehr vielgestaltige Strömung. Sie reicht von Cherie Priests Clockwork Century - Abenteuer-geschichten bis zu JoSelle Vanderhoofts Anthologien SteamPowered: Lesbian Steampunk Stories, die  Kurzgeschichten von so wunderbaren Autorinnen wie Amal El-Mohtar, Shweta Narayan, C.S.E. Cooney und Nisi Shawl enthalten.
Aber leider scheint der Steampunk nach wie vor eben doch sehr oft in jener nostalgischen Verklärung des Viktorianismus zu verharren, die Charles Stross in seinem Essay The Hard Edge of Empire so scharf kritisiert hat. (1) Und ich fürchte, auf die deutsche Community trifft dies in besonders hohem Maße zu.

Deutscher Steampunk würde ein gewaltiges Potential besitzen, wenn er denn mehr sein will als bloß Steampunk in deutscher Sprache. Statt mit der Zeit Queen Victorias hätte er sich mit der Wilhelms II. zu beschäftigen. Als Ergebnis würde ich mir im Idealfall eine Mischung aus Heinrich Manns Der Untertan und Vernes Die 500 Millionen der Begum vorstellen. Oder wie wäre es, wenn die Linie gezogen würde vom völkermörderischen Herero-Feldzug und der ‘Hunnen’-Rede des Kaisers zum ‘humanitären’ Bundeswehreinsatz in Afghanistan? Graf Zeppelin über dem Hindukusch? (2) Ich würde so was mit Vergnügen lesen, wenn’s denn intelligent gemacht und gut geschrieben wäre. Sehr schön fände ich es z.B., wenn dabei die Klischees der damaligen Kolonialliteratur – à la Gustav Frenssens Peter Moors Fahrt nach Südwest (3)  – mit der aktuellen Antiterror- und ‘Menschenrechts’-Rhetorik (dieser Neuauflage von Kiplings ‘white man’s burden') vermischt würden. Und natürlich gäbe es auch die eher positiven Seiten jener Zeit, mit denen man sich auseinandersetzen könnte: Die Sozialdemokratie in ihrer revolutionären Phase – Bebel, Kautsky, Clara Zetkin. Dieses Erbe für die heutige Zeit fruchtbar zu machen, wäre außerordentlich wünschenswert. Naturgemäß könnte willhelminischer Steampunk nie so ‘charmant’ sein wie sein viktorianisches Vorbild. Pickelhauben und preußische Militärmärsche sind halt nicht cool (und es wäre schon sehr unheimlich, wenn das jemand anders empfinden sollte) (4). Aber das könnte auch ein Vorteil sein.

Wenn ich freilich lese, was Alex Jahnke / ‘Serenus Zeitbloom’ (5) – der Mann hinter Clockworker – unter Steampunk versteht, klingt das weniger erbaulich:

Steampunk ist das wohlerzogene Kind, das gegen seine punkigen Eltern mit Bildung, Benehmen und Kunst rebelliert. In einer Zeit, in der der Individualismus das höchste Gut ist, setzt Steampunk klassische Werte, Visionen in Kombination mit wilder Rebellion dagegen. Geboren aus einer literarischen Idee, vergessen und durch den Erfindergeist von Hackern in ihren Kellern zum Leben erweckt, erfindet sich Steampunk immer wieder neu, inspiriert die Literatur, die ihrerseits wieder die Subkultur inspiriert. Dabei entzieht sich das Genre immer wieder einer genauen Definition, fügt ständig neue Facetten hinzu und vergisst dafür andere Themen, die gestern noch aktuell waren. Dabei sind die Werte der viktorianischen Zeit Wissenschaft, Neugier und Forschergeist, die Ideen, die im 21. Jahrhundert von den Fabriken wieder in die Hand der Steampunker kehren. Love the machine – Hate the factory.

Ich muss zugeben, dass ich manches hiervon überhaupt nicht verstehe. Was haben die ‘Hacker in ihren Kellern’ mit Steampunk zu tun (bei dem Bild denke ich doch eher an Cyberpunk), und inwiefern ist der ‘Forschergeist’ ‘von den Fabriken in die Hand der Steampunker’ zurückgekehrt? Steampunk beschäftigt sich doch nicht mit der realen Entwicklung innovativer Technologien oder den atemberaubenden Forschungsprojekten der heutigen Naturwissenschaften, oder? Sitzen denn Steampunker im CERN oder arbeiten an der Verwirklichung des Quantencomputers? Aber vielleicht zeigt sich da ja auch bloß meine Unwissenheit, ich weiß nicht. Einige andere Punkte scheinen mir hingegen etwas klarer zu sein.
Jahnke sieht im Steampunk offenbar eine Bewegung, ja eine ‘wilde Rebellion’, gegen die ‘punkige’ Elterngeneration und gegen den ungebremsten Individualismus unserer Zeit. Was letzteres betrifft, so ist Steampunk natürlich selbst durch und durch individualistisch, und eben das macht ja seinen Charme aus. (6) Jede andere programmatische Erklärung aus der Steampunk-Community, die mir bekannt ist, betont genau diesen Aspekt. Und die ‘punkigen Eltern’? Lasst es mich mal so formulieren: Wenn ich die Wahl hätte zwischen God Save the Queen von den Sex Pistols und einer Ballade auf die Heldentaten eines Offizieres Ihrer Majestät, fiele mir die Entscheidung nicht schwer – auch wenn der Offizier in einem Zeppelin oder Ætherschiff durch die Gegend fliegt.
Steampunk als ‘wohlerzogenes Kind’, das mit ‘Benehmen’ gegen seine Revoluzzereltern aufbegehrt? Hmm ... habe ich ihn am Ende gar als Teil der auch nicht mehr so neuen ‘Zurück zu Knigge’ - Bewegung zu sehen? Persönlich habe ich überhaupt nichts gegen zivilisierte Umgangsformen, noch viel weniger gegen ‘Bildung’ und ‘Kunst’, aber erstens frage ich mich, ob so eine Revolte nicht ein paar Jahrzehnte zu spät käme, und zweitens würde ich gerne wissen, von welcher Position aus sie gestartet wird. Welche ‘Visionen’ hat der Steampunk denn anzubieten, und was genau habe ich mir unter ‘klassischen Werten’ vorzustellen?
Das einzig Positive, was Jahnke anführt, sind die angeblich ‘viktorianischen’ Werte von Wissenschaft, Neugier und Forschergeist. Lassen wir es für den Moment dahingestellt sein, ob die literarischen Hervorbringungen der Bewegung tatsächlich von ihnen erfüllt sind. Gegen die Werte selbst habe ich nicht das geringste einzuwenden. Angesichts der nach wie vor virulenten antiwissenschaftlichen Stimmung in unserer Gesellschaft würde ich ihre positive Darstellung in populärer literarischer Form vielmehr sehr begrüßen. Ihre Verknüpfung mit dem Viktorianismus (7) jedoch gibt mir zu denken.
Das England des 19. Jahrhunderts war mitnichten eine aufgeklärte, dem Fortschritt und der Wissenschaft verschriebene Gesellschaft. George Orwell schreibt über die Bedeutung von H.G. Wells:

When Wells was young, the antithesis between science and reaction was not false. Society was ruled by narrow-minded, profoundly incurious people, predatory businessmen, dull squires, bishops, politicians who could quote Horace but had never heard of algebra. Science was faintly disreputable and religious belief obligatory. Traditionalism, stupidity, snobbishness, patriotism, superstition and love of war seemed to be all on the same side; there was need of someone who could state the opposite point of view. Back in the nineteen-hundreds it was a wonderful experience for a boy to discover H.G. Wells. There you were, in a world of pedants, clergymen and golfers, with your future employers exhorting you to ‘get on or get out’, your parents systematically warping your sexual life, and your dull-witted schoolmasters sniggering over their Latin tags; and here was this wonderful man who could tell you about the inhabitants of the planets and the bottom of the sea, and who knew that the future was not going to be what respectable people imagined. (Wells, Hitler and the World State) 

Es ist zutiefst ironisch, dass sich die Steampunker zum Viktorianismus hingezogen fühlen und sich zugleich sehr häufig auf H.G. Wells berufenen – einen seiner erbittertsten Gegner. Wells’ beste Romane – The Time Machine, The War of the Worlds und The Island of Dr. Moreau – sind allesamt scharfe Attacken gegen die viktorianische Gesellschaft. Ich habe das Gefühl, die meisten Steampunker sehen in ihm nur den technischen Visionär, nicht den Gesellschaftskritiker. (8) Seine Identifikation mit dem Viktorianismus jedenfalls birgt in meinen Augen die Gefahr, dass man seine besten Seiten über Bord wirft.
Ohne Zweifel begeisterte sich die viktorianische Gesellschaft am technischen Fortschritt (was nicht ganz dasselbe ist wie Liebe zur Wissenschaft), doch sah sie diesen hauptsächlich unter einem ökonomischen Blickwinkel. Die großen Weltausstellungen, wie die berühmte Londoner von 1851 mit ihrem Crystal Palace, waren ja in erster Linie Wirtschaftsshows, stets verbunden mit einer ordentlichen Dosis patriotischer Propaganda. Die Technik stand ganz im Dienste von Industrie und Handel, und deshalb kann dieser Aspekt des Viktorianismus auch nicht vom Manchesterkapitalismus und dem Elend der Arbeiterklasse – Männer, Frauen, Kinder – getrennt werden.
Der ‘Forschergeist’ schließlich, der ohne Zweifel zum Viktorianismus gehörte, war unauflöslich verbunden mit dem Kolonialismus. So gut wie jede Expedition nach Afrika oder Asien hatte zumindest auch zum Ziel, neue Kolonien, Handelsrouten oder lukrative Märkte zu erschließen. Dass die Forscher selbst dabei fast immer als die hochmütigen Vertreter einer angeblich überlegenen weißen, christlichen Zivilisation auftraten, versteht sich von selbst. Die entsprechende Literatur der Zeit spiegelt das sehr deutlich wider. Man schaue sich nur die Romane von H. Rider Haggard (King Solomon’s Mines oder She) an. Ähnliches gilt für Arthur Conan Doyle, sei es in seinen Sherlock Holmes - Stories (z.B. The Crooked Man & The Sign of Four) oder in seinem phantastischen Abenteuerroman Lost World. Und natürlich ist auch Jules Verne nicht frei davon. Allerdings hat letzterer immerhin Figuren wie Kapitän Nemo oder den Kaw-djer geschaffen, die einen etwas kritischeren Blick auf den westlichen Imperialismus erkennen lassen, als Allan Quatermain oder Ex-Kolonialmilitärarzt Watson. (9)

Natürlich ist Alex Jahnke nicht der deutsche Steampunk-Papst und was er sagt, muss nicht unbedingt den Ansichten seiner Kameraden und Kameradinnen entsprechen. Wenn jedoch zumindest die Website Clockworker einigermaßen repräsentativ für die Szene ist, dann habe ich nicht den Eindruck, als wäre dort ein kritischer Umgang mit der eigenen Subkultur oder dem Viktorianismus sonderlich verbreitet. Zwar verfasste ‘Miss Tickerlein’ / Johanna Sievers einen Neujahrsgruß, in dem sie sich wenig begeistert über die Zustände in der deutschen Szene zeigt:

Man poliert und perfektioniert, trifft sich zum Tee, beklatscht höflich das schönste Outfit und prämiert wohlwollend die besten ‘Erfindungen’. Nicht, dass daran an sich etwas auszusetzen wäre, es sei denn dies würde zur Ausschließlichkeit. Wo bitte bleibt das Abenteuer? Der Schmutz, der Dreck, die Lebenslust? Wo bleibt die Anarchie, wo die Politik, die Revolution? Was wurde aus dem Punk im Steam? Wo sind die Freakshows, das Groteske, das Böse und das wirklich Interessante?

Aber von ganz wenigen Ausnahmen wie ‘Alter Dampflok’ einmal abgesehen, scheint man in der Community an Dingen wie Revolte und Anarchie wenig interessiert zu sein. Wen wundert es da, dass die Suchmaschine von Clockworker auf das Stichwort ‘Kolonialismus’ grade mal drei Antworten ausspuckt, von denen zwei Zitate sind (eins aus einem Fernsehprogramm, eins von Bruce Sterling) und eine von einem Grafiker (Gunnar Lippoldt) stammt, der sich selbst nicht einmal als Steampunker versteht. Auch die Diskussion im Rauchersalon über mehr deutsche Motive im Steampunk geht ganz und gar nicht in die Richtung, die ich oben skizziert habe, sondern fällt in erster Linie durch ein erschreckendes Ausmaß an Adels- und Kaiserromantik auf. Die Idee, eine Steampunkgeschichte über Ludwig II. zu schreiben, finde ich freilich nicht nur äußerst charmant, sie könnte sogar subversives Potential enthalten.

Schauen wir uns einmal versuchsweise anderswo um. Oliver Hoffmann vom Verlag Feder und Schwert definiert Steampunk so:

Unter Steampunk verstehe ich zuallererst und in erster Linie ein Lebensgefühl. Es geht um Wertlegung auf Neugier und Bildung, um Eleganz und Stil (wenn auch auf eine gebrochene, individualistische Weise – hier kommt der Punk in den Steam), um Aufbruchsgeist und um eine Form der Technik, die Ästhetik der Funktion überordnet. Die selbstverständliche Eleganz des viktorianischen Zeitalters tritt an die Stelle moderner Chip-Technologie, zweckgebundener Ergonomie und Vereinheitlichung, wie sie heute gang und gebe sind. (10)

Und schon wieder bin ich etwas verwirrt. Die viktorianische Ära war in vielerlei Hinsicht die Geburtsstunde der modernen Massenproduktion. Das war einer der Gründe, warum Leute wie John Ruskin und William Morris die Zeit hassten, in der sie lebten. Auch wird niemand ernsthaft behaupten können, dass die wirklich wichtigen technischen Neuerungen des 19. Jahrhunderts die Ästhetik der Funktion übergeordnet hätten. Hat Hoffmann wirklich keinen blassen Schimmer davon, wie es in den Fabriken von Lancashire und Yorkshire oder in den walisischen Bergwerken aussah? Aber die Spinning Jenny (10) oder der Dampfhammer gehören vermutlich nicht zu der Sorte Technik, die er im Auge hat. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Technik, für die sich die Steampunker begeistern, die Technik aus Jules Vernes Romanen ist (Nemos Nautilus [vorzugsweise in ihrer Disney-Inkarnation mit viel Gold und Samt], Roburs Albatros oder die Propellerinsel), nicht die, auf denen die englische und europäische Industrie des 19. Jahrhunderts tatsächlich basierte. Nicht ohne Grund ist der Zeppelin das Markenzeichen des Steampunk, ein Transport- und kein Produktionsmittel (gut – es ist natürlich auch etwas schwer, sich Abenteuerromane vorzustellen, in denen mechanische Webstühle oder Hochöfen eine zentrale Rolle spielen ... andererseits ... das wäre doch zumindest eine Herausforderung).

Daneben scheine viele Steampunker ein extrem romantisches Bild des 'Erfinders' als eines individualistischen Genies zu pflegen, das in seiner kleinen Werkstatt weltumwälzende Maschinen zusammenbastelt. Als literarische Figur ist der Typus 'Daniel Düsentrieb' nicht zu verachten. Ich denke da nicht nur an Verne-Helden wie Robur den Eroberer, sondern z.B. auch an Alexei Tolstois Lossj (Aëlita) oder Wladimir Majakowskis Tschudakow (Banja/Das Schwitzbad). Mit der Realität des 19. Jahrhunderts hat er jedoch eher wenig zu tun. Kein Wunder, dass die Steampunker den exzentrischen Tesla seinem erzkapitalistischen Rivalen Eddison vorziehen. Doch unabhängig davon, wen man nun sympathischer findet (und auch Tesla war in erster Linie Geschäftsmann, nicht Träumer), Eddison verkörpert sehr viel besser den 'Aufbruchsgeist' jener Zeit. Ich kann mich da nur dem anschließen, was der gute Dan Hemmens kürzlich auf FerettBrain über Steampunk geschrieben hat: "A lot of things still hack me off about the subculture, one of which is its peculiar insistence that the Industrial Revolution was all about individual craftsmen building wonderful machines when in fact it was about masses of people in factories producing stuff in bulk." 

Wenn Oliver Hoffmann schließlich von der 'selbstverständlichen Eleganz des viktorianischen Zeitalters' schreibt, wird es für mich überdeutlich, dass er die englische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts mit der kleinen Schicht von Gentlemen und Ladies verwechselt, die von der barbarischen Ausbeutung der Massen lebte und deren 'Eleganz' nur im Zusammenhang mit ihrer Rolle als 'Herrenmenschen' verstanden werden kann.

Doch bin ich da jetzt nicht etwas unfair? Hoffmann schreibt doch selbst:

Steampunk hat als Genre stets auch eine gesellschaftspolitische Dimension, indem er sich mit der Juxtaposition Mensch/Maschine befasst, Maschinenkritik nicht außen vor lässt (Stichwort: 'Love the Machine, hate the Factory') und die Frage nach Beherrschbarkeit von Technik stellt. Die malochenden, maschinenunterdrückten Massen in S. M. Peters' Die Götter von Whitechapel zeigen augenfällig, dass die zeitliche Nähe zu Marx kein Zufall ist.

Ich habe mir fest vorgenommen, in absehbarer Zukunft einmal Peters' Buch zu lesen, aber sowohl die mir bekannten Inhaltsangaben/Rezensionen als auch Hoffmanns Ausführungen lassen mich befürchten, dass hier 'gesellschaftspolitische Dimension' mit Maschinenfeindlichkeit verwechselt wird. Grandfather Clock und Mama Engine – die ‘Whitechapel Gods’ – verkörpern die schreckliche und unmenschliche Seite der Industriellen Revolution. Aber inwieweit dies auch einen kritischen Blick auf das Gesellschaftssystem beinhaltet, in dem sich diese vollzogen hat, kann ich vorerst nicht beurteilen. Es wirkt auf mich zumindest etwas verwirrend, dass das viktorianische England offenbar als Gegenspielerin des Höllenregimes von Whitechapel erscheint. Dabei waren Grandfather Clock und Mama Engine in Wirklichkeit doch nur die Diener der wahren Göttin des Viktorianismus, die John Ruskin in seinem Vortrag Traffic beschrieben hat: 
 
You know we are speaking always of the real, active, continual, national worship; that by which men act while they live; not which they talk of when they die. Now, we have, indeed, a nominal religion, to which we pay tithes of property, and sevenths of time; but we have also a practical and earnest religion, to which we devote nine-tenths of our property and six-sevenths of our time. An we dispute a great deal about the nominal religion; but we are all unanimous about this practical one, of which I think you will admit that the ruling goddess may be best generally described as the 'Goddess of Getting-on,' or 'Britannia of the Market'.
 
Diese Göttin kannte nur ein Gebot: Verdiene Geld, verdiene mehr Geld, verdiene noch mehr Geld! Ihre gläubigen Anhänger waren eben jene Gentlemen mit ihrer 'selbstverständlichen Eleganz', die viele Steampunker so faszinierend finden und die Ruskin in Traffic mit ätzendem Spott überschüttet.
 
Bleibt zuguterletzt noch der Slogan 'Love the Machine, Hate the Factory!', den man im Zusammenhang mit dem Steampunk immer wieder zu hören bekommt. Geprägt wurde er von dem britischen Anarchisten Margaret 'Magpie' Killjoy, der u.a. auch Mitherausgeber des Steampunk Magazine ist. Er soll zugleich Bejahung der Technik und Ablehnung der Mechanisierung von Arbeit und Kreatitvität zum Ausdruck bringen. Ein Projekt, das ich sofort unterschreiben würde, hätte ich nicht das Gefühl, dass sich dahinter eine Reihe von bestenfalls naiven, wenn nicht sogar implizit reaktionären Ideen verbergen. Soweit ich das einzuschätzen vermag, geht es Killjoy darum, der fabrikmäßigen Massenproduktion den Rücken zuzuwenden und zur individuellen Herstellung handgemachter Waren zurückzukehren. Dass die Orientierung an der viktorianischen Ästhetik für ein solches Unternehmen ziemlich unsinnig erscheinen muss, habe ich bereits gesagt. Meine eigenen Vorstellungen über eine mögliche künftige Wiedergeburt des Handwerks, die sich vor allem an William Morris und einigen Gedanken des amerikanischen Trotzkisten Jim Cannon orientieren, werde ich hier nicht weiter ausführen. Es soll genügen, dass ich mir eine solche Renaissance nur Hand in Hand mit einer internationalen Industrialisierung auf höchstem Niveau vorstellen kann, die – von den Fesseln des Profitsystems befreit – den Bedürfnissen der Menschen dient. Jeder Versuch, dieses Ziel innerhalb der existierenden Strukturen zu verwirklichen, muss entweder in einer aufs Große gesehen bedeutungslosen Nischenwirtschaft enden, die eine einigermaßen zahlungskräftige Mittelklasseklientel bedient (12), oder reaktionären Träumen von einer (unmöglichen) Rückkehr zur kleinen Warenwirtschaft Vorschub leisten. Höchst eigenartig finde ich auch, was Carry Doctorow (Little Brother), den ich an sich sehr schätze, in einem Artikel für das MAKE Magazine über diese Parole zu sagen hat: "For me, the biggest appeal of steampunk is that it exalts the machine and disparages the mechanization of human creativity [...] It celebrates the elaborate inventions of the scientifically managed enterprise, but imagines those machines coming from individuals who are their own masters. [...] Here in the 21st century, this kind of manufacture finally seems in reach: a world of desktop fabbers, low-cost workshops, and communities of helpful, like-minded makers put utopia in our grasp. Finally we'll be able to work like artisans and produce like an assembly line." Für mich klingt das irgendwie nach den Träumen eines Menschen, der immer noch in der Ära des Dotcom-Booms lebt. Dass die technischen Voraussetzungen für sehr viel humanere Formen der Produktion, die der Entfaltung des Individuums ungeahnte Möglichkeiten eröffnen werden, vorhanden sind, bezweifle ich nicht. Doch der Weg dorthin führt nicht über die Kleinunternehmen, die sich mir hinter Doctorows Ausführungen zu verbergen scheinen. Er setzt vielmehr den Sturz der herrschenden Gesellschaftsordnung voraus.
 
Aber jetzt nehme ich den Steampunk wohl tatsächlich etwas zu ernst. Wie gesagt scheint die deutsche Community an den gesellschaftspolitischen und philosophischen Dimensionen der Subkultur ohnehin wenig bis gar nicht interessiert zu sein. Und so werde ich mich im nächsten Post lieber einem Produkt des deutschsprachigen Steampunk zuwenden: Der im letzten November online erschienen Anthologie Steampunk-Chroniken 1: Æthergarn.
 
 
(1) Und Charlie ist ja nicht der einzige prominente Kritiker. Vgl. z.B. Cat Valentes Essay Blowing off Steam.
(2) Da fällt mir ein: Hat eigentlich schon irgendjemand einen (viktorianischen) Steampunk-Roman über den Mahdi-Aufstand geschrieben? Das wäre doch Material für ein wirklich subversives Buch.
(3) Wer sich dieses unappetitliche Büchlein über die Abenteuer eines wackeren deutschen Jungen im kampf gegen die 'barbarischen' Hereros zu Gemüte führen will, findet es hier.
(4) Andererseits, wenn ich da an Gerd Fröbe in Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten denke ... na ja, 'cool' ist wohl nicht das richtige Wort.
(5) Warum sich Jahnke nach dem Erzähler von Thomas Manns Doktor Faustus benannt hat? Vielleicht weil der Roman u.a. zeigt, wie die antimoderne Romantik schließlich in den Faschismus mündete, und er den Steampunk als eine Art Gegenentwurf dazu betrachtet? Das wäre zumindest sympathisch.
(6) Hier meine ich jetzt nicht Literatur, sondern so etwas: (1), (2), (3), (4).
(7) Der Begriff scheint unter Steampunkern meist sehr weit gefasst zu werden. Tatsächlich sind viele Steampunk-Geschichten eher in einer alternativen edwardianischen Ära angesiedelt.
(8) Natürlich war Wells dennoch in vielem ein Kind der kolonialistischen Ära. Leo Trotzki charakterisierte ihn einmal wenig höflich, aber darum wohl nicht weniger zutreffend als "a stock conservative Englishman of imperialistic mold" – trotz all seiner sozialistischen Prätentionen. Es ist dieser scheinbare Widerspruch im Wesen der meisten Fabiersozialisten, mit dem sich Moorcock in Warlord of the Air auseinandersetzt. Aber für eine eingehendere Kritik von H.G. Wells ist hier nicht der richtige Ort.
(9) Man verstehe mich nicht falsch, ich mag Conan Doyle und Jules Verne, doch das bedeutet nicht, dass ich über die Spuren, die das kolonialistische Bewusstsein in ihrem Werk hinterlassen hat, einfach hinwegsehen könnte.
(10) Nebenbei bemerkt findet ich etwas merkwürdig, wenn Leute, die ihre Ansichten via Internet verbreiten, etwas gegen 'moderne Chip-Technologie' haben.
(11) Gut, die wurde zwar schon im 18. Jahrhundert erfunden, aber sie ist und bleibt ein ikonischer Bestandteil der Industriellen Revolution.
(12) Dies war ja auch das Schicksal von William Morris' berühmter 'Firma'. Eine Erfahrung, die bei der 'Bekehrung' des Künstlers zum Sozialismus eine wichtige Rolle spielte.   

Samstag, 11. Februar 2012

Spooky Yuletide

Ich liebe die Spukgeschichten von Montague Rhodes James – ihre dichte Atmosphäre, ihr ‘antiqua-risches’ (oft mediävistisches) Element, den meist geradezu perfekten Spannungsaufbau, den nicht selten ironischen Unterton, das im besten Sinne Groteske seiner Dämonen und Geister.
China Miéville hat MR James in einem – insgesamt etwas wirren – Essay einmal als einen Schriftsteller auf der Grenze zwischen der klassischen Gespenstergeschichte und der modernen ‘weird fiction’ beschrieben. Eine sehr interessante Idee, die ich bei einem künftigen Wiederlesen seiner Stories mal am Text zu überprüfen versuchen werde.

Ich schätze Christopher Lee als einen ebenso charismatischen wie intelligenten Schauspieler (auch wenn der größte Dracula aller Zeiten für mich stets Bela Lugosi bleiben wird; dafür ärgere mich, dass ich bisher noch keine Gelegenheit hatte, The Wicker Man zu sehen).

Man kann sich vorstellen, wie begeistert ich war, als ich entdeckte, dass die BBC im Jahre 2000 vier jeweils halbstündige Bearbeitungen von MR James - Geschichten mit Lee produziert hat. Zwei von ihnen habe ich bei Youtube entdecken können. Mein Favorit ist eindeutig A Warning to the Curious:




Es handelt sich nicht eigentlich um eine Verfilmung der Geschichte, die von den unheim-lichen Ereignissen erzählt, die durch die Entdeckung der letzten Krone des frühmittelalter-lichen Königreichs von East Anglia in der Nähe des kleinen Küstenortes Seaburgh ausgelöst werden. Der alte 'Monty' war Professor am King's College in Cambridge und erzählte vieler seiner Spukgeschichten – einer englischen Yuletide-Tradition folgend – einer ausgewählten Gruppe von Freunden und Studenten. Diese Situation ist hier nachempfunden worden. Die akademische (und natürlich rein männliche) Zuhörerschaft versammelt sich bei Kaminfeuer und Kerzenschein im Studierzimmer des Gelehrten. Man macht es sich bequem. Der Port wird herumgereicht. Und dann beginnt Christopher Lee zu erzählen.

Hierzulande hat das Geschichtenerzählen (meines Wissens nach) nie eine solch respektable Stellung als Unterhaltungsform besessen, wie dies in England seit der viktorianischen Ära der Fall war. Das dürfte wohl auch der Grund dafür sein, warum ich mir ein Format wie Ghost Story for Christmas von einem deutschen Fernsehsender nicht vorstellen kann. Um so erfreulicher, dass die BBC diese schöne alte englische Tradition seit den 70er Jahren (mit Unterbrechungen) in gewisser Weise am Leben erhalten hat. Und gerade James' Stories sind aufgrund ihrer Länge und ihres Aufbaus dafür ganz ausgezeichnet geeignet.

Das Ganze lebt in erster Linie von Christopher Lees beeindruckender Vortragskunst: Theatralisch, aber nicht zu theatralisch; manchmal leicht ironisch; mit großem Feingefühl für den Rhythmus der Erzählung; ruhig, wie es einem bereits ergrauten Gelehrten geziemt, aber zugleich von mitreißender Intensität. Wie jeder gute Geschichtenerzähler packt er uns und zieht uns hinein in das Universum seiner Erzählung. Dies wird noch verstärkt durch die eher sparsam eingesetzten, aber höchst wirkungsvollen 'szenischen Einspielungen', die nicht so sehr Teile der Handlung wiedergeben, als vielmehr die entsprechende Atmosphäre evozieren: Wir sehen die menschenleere, öde Küstenlandschaft, das Meer, Miniaturen aus einem mittelalterlichen Codex, die Grabsteine auf einem alten Friedhof, die schemenhafte Gestalt des schrecklichen 'Wächters' der Krone in der Ferne. A Warning to the Curious eignet sich besonders gut für diese Form der Präsentation, da der Erzähler hier (anders als in vielen von 'Montys' Geschichten) dem Übernatürlichen nie direkt gegenübersteht. Dem Geist oder Dämon am nächsten kommt er beim Anblick von Fußspuren im Sand ...

Für alle Freundinnen und Freunde stilvollen, 'altmodischen' Horrors sollte dieser kleine Film ein echter Leckerbissen sein. Wer die Geschichte im Original nachlesen will, findet sie auf The Literary Gothic. Andere Quellen für die Spukgeschichten von Montague Rhodes James sind Project Gutenberg und HorrorMasters. Und wer sich für die Ghost Stories for Christmas der BBC interessiert, findet auf The MOONlens eine recht informativen Post.

Mittwoch, 8. Februar 2012

Noch einmal Saladin Ahmed


Auf der Website des Autors kann man inzwischen einen Auszug aus dem ersten Kapitel von Throne of the Crescent Moon probelesen. Außerdem hat er in John Scalzis The Big Idea einige der Gedanken dargelegt, die ihn beim Schreiben des Romanes bewegten.
Wer noch mehr von ihm lesen will, dem empfehle ich Mister Hadj's Sunset Ride (veröffentlicht auf Beneath Ceaseless Skies) und Hooves and the Hovel of Abdel Jameela, ursprünglich erschienen in der zweiten Clockwork Phoenix - Anthologie.

Dienstag, 7. Februar 2012

Gypsy Punks

Dank der wunderbaren Catherynne M. Valente, die eben nicht nur ganz großartige phantastische Geschichten zu schreiben vermag, habe ich heute glaube ich eine neue Lieblingsband für mich entdeckt – die amerikanische Zigeuner-Punk-Truppe Gogol Bordello:



Montag, 6. Februar 2012

Boys Only


Eine kleine Zeitreise mit den Tripods


Ein riesiges, dreibeiniges Metallungetüm ragt über einem von Bäumen umstandenen Turnierplatz auf. Man hat den Eindruck, als schaue es voller Verachtung auf das Treiben der Menschen herab, die sich zu seinen Füßen in mittelalterlich anmutenden Kampfspielen messen. Seine Anwesenheit gleicht einer stummen Drohung.


Dieses Bild war beinahe alles, was sich von der Jugend-SF-Serie Die dreibeinigen Herrscher, die das ZDF 1988 ausstrahlte, in meiner Erinnerung erhalten hatte. Aber dafür war es ein sehr eindringliches Bild. Eigentümlicherweise ist mir die Ähnlichkeit zwischen dem Dreibeiner und den marsianischen Kampfmaschinen nicht aufgefallen, als ich später H. G. Wells’ War of the Worlds las. Vielleicht weil diese ständig in Aktion waren, während sie durch Englands grüne Gauen stakten und das Herz des britischen Empire in Schutt und Asche legten. Der Dreibeiner hingegen blieb für mich immer jene bewegungslose, ominöse, bedrohliche Präsenz über dem Kampfplatz mit seinen sich bewegenden Pferden und Menschen, obwohl ich wusste, dass er gleichfalls eine von einem Außerirdischen gelenkte Maschine sein sollte.

Die unergründlichen Schatzgewölbe von YouTube enthalten zahllose Juwelen, und so machte ich mich vor knapp einem Monat von einer Art sentimentalen Wehmut beflügelt auf, um nachzuschauen, ob sich nicht vielleicht auch die dreibeinigen Herrscher meiner Kindheit dort finden ließen. Und siehe da – ein paar Clicks später lagen alle 25 halbstündigen Episoden der BBC-Serie The Tripods vor mir, wenn auch bereits ein wenig vom Zahn der Zeit angenagt und zum Teil nur in deutscher Synchronisation. Einer Reise in die Tage, als ich noch vierzehn Jahre alt war, stand nichts mehr im Wege.

Die Serie ist eine Verfilmung der ersten beiden Bände der 1967/68 erschienenen Tripods-Trilogie von John Christopher. Die für ihre Zeit äußerst aufwendige Produktion überstieg offenbar das Budget der BBC, und so fand der dritte Band The Pool of Fire nie seinen Weg auf die TV-Schirme. Was jedoch kein Anlass zur Trauer ist, denn bereits die zweite Staffel (basierend auf The City of Gold and Lead) besitzt kaum mehr etwas vom Charme der ersten dreizehn Episoden. Und ein Blick in die Wikipedia-Zusammenfassung des dritten Bandes hat mich sehr schnell davon überzeugt, dass eine weitere Staffel im Großen und Ganzen vermutlich nur einen weiteren Abstieg bedeutet hätte.

Heutzutage gibt es postapokalyptische Geschichten ja wie Sand am Meer. Wie es sich damit verhielt, als sich Christopher Ende der 60er Jahre an seine Schreibmaschine setzte, weiß ich nicht. Als die BBC mit der Prodution der TV-Serie begann, gab es jedoch zumindest The Last Man on Earth (1964) mit Vincent Price, The Omega Man (1971) mit Charlton Heston und natürlich Franklin J. Schaffners ikonischen Planet of the Apes (1968), nebst seinem Nachfolger Beneath the Planet of the Apes (1970), sowie Michael Andersons Logan’s Run (1976). Wirklich originell war das Setting der Tripods also wohl nicht: Die menschliche Zivilisation ist von außerirdischen Invasoren zerstört worden, und die Reste der Menschheit leben auf einem frühneuzeitlichen Industrieniveau in einer quasifeudalen Gesellschaft. Sie verehren die Dreibeiner als eine Art Götter und erhalten von diesen in ihrer Jugend eine ‘Kappe’ (ein Gehirnimplantat), die alle widerspenstigen Gefühle, ebenso wie Neugier und Aggressivität in ihnen unterdrückt.

Die Serie beginnt mit einer Szene, die ehrlich gesagt sehr viel eindrucksvoller ist als jene aus meiner Erinnerung. Die Bewohner eines englischen Dorfes bereiten sich auf die Zeremonie vor, bei der eines ihrer Kinder die ‘Kappe’ erhalten soll. Sie versammeln sich im Sonntagsstaat am Ufer eines Mühlteichs. Wir sehen den jungen Jack mit geschorenem Kopf inmitten seiner Familie. Das örtliche Oberhaupt (der Squire?) gratuliert ihm zu diesem ‘besonderen Tag’. Um Punkt zwölf Uhr mittags ertönt plötzlich ein markerschütternder, unmenschlicher Schrei. Die Leute verstummen, treten zurück und schauen hinaus aufs Wasser und nach oben. Während im Hintergrund die Kirchturmsuhr schlägt, sieht man, wie sich ein riesiger metallener ‘Fuß’ in den Teich hinabsenkt. Dann ragt der Dreibeiner über der Gemeinde auf. Sein ‘Kopf’ neigt sich leicht nach vorn, so als beäuge er die Versammelten. Eine Luke öffnet sich und ein langer, tentakelartiger Roboterarm fährt heraus. Seine Krallenhand umfasst Jack und hebt ihn hoch, hinein in den Dreibeiner, aus dem ein grüner Lichtschein fällt. Die Tricktechnik hat nach bald dreißig Jahren verständlicherweise Rost angesetzt, und die Musik gemahnt an die echt üblen Seiten der 80er Jahre, dennoch besitzt diese Szene auch heute noch unbestreitbar Atmosphäre. Sich erneut mit den Dreibeinigen Herrschern zu beschäftigen, verspricht vielleicht doch ein wenig mehr zu werden als eine Übung im Wiederbeleben und gleichzeitigen Entwerten von Kindheitserinnerungen.

Die Story ist denkbar gradlinig. Von dem geheimnisvollen Vagabunden Ozymandias angestachelt, machen sich die beiden Jungen Will und Henry auf, um den ‘Weißen Berg’ im Süden Frankreichs zu finden, wo sich angeblich eine Gruppe von Widerstandskämpfern, die ‘Freien Menschen’, eine Zufluchtsstätte aufgebaut hat. Nachdem sie den Kanal überquert haben, schließt sich ihnen als Dritter im Bunde der Franzose Jean-Paul an, von den beiden Engländern wegen seiner hochgewachsenen, schlaksigen Gestalt und der klanglichen Ähnlichkeit mit seinem richtigen Namen Beanpole (Bohnenstage) genannt. Ständig bedroht von den Dreibeinern und ihren ‘schwarzen Garden’ wandern die drei durch Frankreich in Richtung Alpen.

Die Szenen im verödeten Paris wecken Reminiszenzen an die Ruinen von New York in Beneath the Planet of the Apes und das zerfallene Washington in Logan’s Run. Wenn rotangemalte Dreibeiner mit Lasern durch die Gegend schießen, werden die Parallelen zu War of the Worlds (dem Buch, nicht dem Film von 1953) dann doch sehr deutlich. Und der Zwischenstopp bei einer Winzerfamilie wird in Sachen Weinberge & Frankreichklischees vielleicht nur noch von Picards Heimaturlaub in der TNG-Episode Family getoppt. Auch wundert man sich, wie viele Franzosen der englischen Sprache mächtig sind – in einer Welt, in der kaum jemand mehr weite Reisen unternimmt. In der zweiten Staffel wurde dieses Problem behoben, indem man plötzlich alle Bewohner Europas, egal ob Franzosen, Schweizer oder Deutsche, Albions Idiom benutzen lässt.

Die erste Staffel endet mit der Ankunft unserer Helden am ‘Weißen Berg’ (dem Montblanc) und ihrer Aufnahme in die Gemeinschaft der Freien.

Der in meinen Augen erfreulichste Zug an den Tripods ist die erfrischend positive Sicht auf die Errungenschaften der Zivilisation. Im Unterschied zu den meisten postapokalyptischen Geschichten ist es hier ja nicht die Menschheit selbst, die mittels Atomkrieg oder Umweltkatastrophe den Untergang ihrer Kultur herbeigeführt hat. Vielmehr wurde diese von fremden Eroberern zerstört, die die Menschen nun zwangsweise auf einem Zivilsationsniveau halten, das ironischerweise ziemlich genau dem gleicht, was sich radikale Ökos und antimoderne Romantiker herbeisehnen. Die von den Dreibeinern in Umlauf gebrachten Parolen über die ‘Sünden’ der alten Ordnung ähneln darum auch nicht zufällig so manchem, was Vertreter dieser Kreise oft von sich geben. Unsere Helden sehen das selbstverständlich völlig anders. Insbesondere der selbsterklärte ‘Erfinder’ Beanpole legt eine umgebremste Begeisterung für Technik und Wissenschaft an den Tag. Dampfmaschinen, Eisenbahnen, ein altes Grammophon – für ihn sind das Wunderwerke, deren Funktionsweise es zu ergründen gilt. Anders als die Jung-Machos Will und Henry ist er ein intellektueller Held. Doch nicht nur für ihn ist der Stolz auf die technischen Leistungen der ‘Vorfahren’ ein starkes Motiv im Kampf gegen die Dreibeiner. Die meisten ‘Freien Menschen’ erachten es offenbar als eines der größten Verbrechen der Invasoren, dass diese der Menschheit das Wissen um ihre alte Zivilisation genommen haben und Neugier und Erfindergeist mittels der ‘Kappe’ unterdrücken.

Leider entwerten die Tripods diese sympathisch humanistische Botschaft durch ihre unerträgliche Darstellung der weiblichen Hälfte der Menschheit. Am Tor zum großen Abenteuer hängt offensichtlich ein riesiges Schild mit der Aufschrift ‘Mädchen müssen draußen bleiben’. Nicht ohne Grund wurden Christophers Bücher zu Beginn der 80er Jahre zu einer Comicserie für das Magazin der amerikanischen Pfadfinder Boys’ Life verarbeitet. Das allein ist für ein heutiges Publikum bereits irritierend, aber das wirkliche Ärgernis besteht in der Rolle, die die in der Serie auftauchenden Mädchen spielen. Während des Aufenthaltes der drei Jungs auf einem Chateau (wo auch das Turnier aus meiner Erinnerung stattfindet), verliebt sich Will in Eloise, die Tochter des Schlossherrn. Seine Gefühle werden erwidert, und er ist verständlicherweise nicht wild darauf, so schnell wie möglich weiter zu wandern. Darüber kommt es zum Streit mit Henry, der sich schließlich zusammen mit Beanpole ohne den Freund auf den Weg macht. ‘Glücklicherweise’ wird Eloise kurz darauf von den Dreibeinern in ihre Stadt aus Gold entführt, so dass Will seinen Kameraden folgen und den Dreibund erneuern kann. Frauen, dass macht diese Episode deutlich, sind Versuchungen am Wegesrand, die den männlichen Helden von der Erfüllung seiner Aufgabe abzubringen versuchen. Ironischerweise wird diese Botschaft durch die rein weibliche Winzerfamilie noch einmal bestätigt, die die BBC-Leute extra in die Handlung einbauten, weil ihnen die Buchvorlage zu wenige weibliche Charaktere enthielt. Die Töchter des Hauses erfüllen in Bezug auf Henry und Beanpole genau dieselbe Funktion wie Eloise in Bezug auf Will. Sie drohen sie von ihrer Reise zum ‘Weißen Berg’ abzuhalten.
Ein ‘Boys Only’-Abenteuer muss nicht notwendigerweise offensiv frauenfeindlich sein (ich denk da z.B. an Tolkiens Hobbit), aber die Tripods sind es. Dieser Eindruck wird in der zweiten Staffel gleich auf dreifache Weise vestärkt. (1) Eine Gruppe von Widerständlern beobachtet heimlich die ‘Kappen’-Zeremonie in einem Alpendorf. Das dazugehörige Mädchen ist erschüttert über die Gefühlskälte, mit der die Eltern ihre Tochter den Dreibeinern übergeben. Als der Trupp sich wieder ins Gebirge zurückziehen will, zögert sie deshalb, was dazu führt, dass sie und ihre Kameraden entdeckt werden und ihr Bruder von dem Dreibeiner getötet wird. Frauen stellen offenbar aufgrund ihrer Emotionalität eine Belastung und Bedrohung für den Widerstand dar! (2) In der Goldenen Stadt der Dreibeiner erfüllen weibliche Sklaven ausschließlich niedere Arbeiten. Einzige Ausnahme ist die Leiterin einer Gartenanlage (Frauen verstehen halt was von Pflanzen; ‘Mutter Erde’ und so). Sexismus ist offenbar etwas so selbstverständliches, dass selbst krakenartige Aliens kein weibliches Personal in verantwortungsvollen Posten sehen wollen! (3) Als Will seine geliebte Eloise wiederfindet, befindet sich diese in einer Art künstlichem Koma und wartet darauf, als ein besonders schönes ‘Beutestück’ auf den Heimatplaneten der Dreibeiner gebracht zu werden. Die Szene ist deshalb so gruselig, weil die Macher der Serie die junge Frau im Grunde genauso behandelt haben wie es jetzt die Außerirdischen tun – als einen hübsch anzusehenden Gegenstand!

Ich bin beinah versucht, meinen Post hier zu beenden, denn auch für eine 1984 erstmals ausgestrahlte TV-Serie erscheint mir ein solches Frauenbild nicht bloß ‘altmodisch’, sondern schlicht unverzeihlich. Dennoch möchte ich noch einige kurze Bemerkungen über die zweite Staffel anfügen. Diese spielt hauptsächlich in der Goldenen Stadt, in die sich Will und der deutsche Junge Fritz als Sklaven eingeschlichen haben. Für ihre Zeit war die Tricktechnik vermutlich sehr aufwendig, insbesondere, wenn man bedenkt, dass die BBC drei Jahre später eine Narnia-Verfilmung in die Welt setzte, in der Aslan von zwei Typen im Löwenkostüm gespielt wird und die Biber so aussehen . Auf einen heutigen Betrachter wirkt die Metropole jedoch leider keineswegs so beeindruckend, wie sie das müsste. Die Handlung selbst ist reichlich unoriginell. Es wird ein bisschen spioniert, und das war’s dann auch schon. Eine der gravierendsten inhaltlichen Schwächen der ersten Staffel bestand darin, dass nur schwer einzusehen war, welchen Nutzen die Dreibeiner davon haben sollten, über eine quasimittelalterliche Gesellschaft zu herrschen. Diese Frage wird nun auf eine so unbefriedigende Weise beantwortet, dass man darüber lieber im Dunkeln gelassen worden wäre. Der technische Fortschritt der Menschen bedeutete kombiniert mit deren natürlicher Aggressivität eine potentielle Bedrohung nicht nur für den Planeten, sondern auch für alle anderen intelligenten Rassen in der Galaxis. Deshalb führten die Dreibeiner eine Art Präventivschlag durch. Das ist nicht nur hanebüchen (verfolgten nicht die Aliens in Ed Woods Plan 9 from Outer Space ein ähnliches Ziel?), sondern untergräbt auch die sympathisch positive Einstellung der ersten Staffel zu Technik und Zivilisation. Die überflüssigerweise gegenüber der Buchvorlage neu eingeführten ‘Cognoscs’ – körperlose Intelligenzen, die ihrerseits die Dreibeiner beherrschen – lassen die Geschehnisse in der Stadt nur noch abstruser erscheinen. Zwar erhalten wir mit dem ebenso rücksichtslosen wie tapferen Fritz – einem echten ‘Berufsrevolutionär’ (und Klischeedeutschen) – einen einigermaßen interessanten neuen Charakter, doch da ich schon in der ersten Staffel mit dem Strahlemann Will herzlich wenig anfangen konnte, musste mir die Abwesenheit des sympathischen Beanpole um so schmerzlicher auffallen.

Was also steht am Ende meiner kleinen Zeitreise? Erstens: Es muss nicht immer zu katastrophalen Offenbarungen kommen, wenn man sich Filme aus seiner Kindheit anschaut – die Tripods sind keine ausgemachte Gurke. Zweitens: In den 80er Jahren waren bei der BBC einige Leute beschäftigt, die sehr eigentümliche Ideen über Frauen hatten.*

* Die Hauptschuld tragen natürlich Christophers Bücher, aber alle Versuche der BBC-Leute, in diesem Punkt modernisierend einzugreifen, enden bloß in einer noch stärkeren Betonung des sexistischen Geistes der Vorlage. So gehören zu den Widerstandskämpfern, die zu Beginn der 2. Staffel losgeschickt werden, um an einer Art Olympiade teilzunehmen, deren Gewinner in die Stadt aus Gold gebracht werden, auch einige Mädchen. Doch werden diese bereits in der nächsten Episode von den Dreibeinern umgebracht. Schuld daran ist ganz offensichtlich ihr unvorsichtiges Verhalten. Dumme Mädels ...


Wie Locus Online mitteilt, ist Samuel Youd alias John Christopher in der Nacht von Freitag auf Samstag vergangener Woche (3./4. Februar 2012) im Alter von 89 Jahren verstorben. 

Der Gentleman von Providence und seine Ängste (II)

Ein Beitrag zur Debatte um H.P. Lovecrafts Rassismus

Ungefähr ein Jahr nach The Street schrieb Lovecraft das Prosagedicht Nyarlathotep, meiner Ansicht nach eines seiner beeindruckendsten Werke, das im Kern sehr eng mit der allegorischen Geschichte verwandt ist. In phantasmagorische Bildern drückt sich in ihm dasselbe Gefühl aus, in einer Zeit bedrohlicher gesellschaftlicher Umbrüche zu leben, in der die Welt ihren inneren Halt verloren zu haben scheint und unaufhaltsam auf einen Abgrund von Chaos und Vernichtung zutaumelt. Man braucht sich bloß die Anfangspassage anzuschauen:
"Nyarlathotep ... the crawling chaos... I am the last... I will tell the audient void....
I do not recall distinctly when it began, but it was months ago. The general tension was horrible. To a season of political and social upheaval was added a strange and brooding apprehension of hideous physical danger; a danger widespread and all-embracing, such a danger as may be imagined only in the most terrible phantasms of the night. I recall that the people went about with pale and worried faces, and whispered warnings and prophecies which no one dared consciously repeat or acknowledge to himself that he had heard. A sense of monstrous guilt was upon the land, and out of the abysses between the stars swept chill currents that made men shiver in dark and lonely places. There was a daemoniac alteration in the sequence of the seasons – the autumn heat lingered fearsomely, and everyone felt that the world and perhaps the universe had passed from the control of known gods or forces to that of gods or forces which were unknown."
In den beschwörerischen Sätzen zeigt sich Lovecraft nicht nur sprachlich von seiner starken Seite, die krude politische Allegorie ist außerdem durch eine bedrohliche Atmosphäre vagen Grauens ersetzt worden, die sich nicht mehr so einfach aufschlüsseln lässt. Insbesondere ein Satz fällt ins Auge: "A sense of monstrous guilt was upon the land". Später bezeichnet der Erzähler seine Heimatstadt als "the great, the old, the terrible city of unnumbered crimes". Von welcher Schuld, von welchen Verbrechen ist hier die Rede? Nyarlathotep – "swarthy, slender, and sinister" – kommt zwar von außen, aus Ägypten, in die 'Länder der Zivilisation', aber die Welt ist offenbar schon vor seiner Ankunft aus dem Gleichgewicht geraten. Auch handelt es sich bei ihm nicht um einen übelriechenden Untermenschen, sondern um einen luziferischen Verführer mit den Zügen eines Pharao.
Die kurze Erzählung endet mit einer alptraumhaften Szene, in der Menschen wie unter Zwang durch eine nächtliche, ausgestorbene, zu Ruinen zerfallene Großstadt wandern. Einige verschwinden in halbüberwucherten U-Bahnschächten, andere in lichtlosen Nebenstraßen. Der Erzähler gelangt mit einer dritten Gruppe hinaus aus der toten Metropole in eine von unnatürlichem Schnee bedeckte Landschaft. Vor ihnen gähnt ein schwarzer Abgrund, in den sie wie in Trance hineinmarschieren.
"Screamingly sentient, dumbly delirious, only the gods that were can tell. A sickend, sensitive shadow writhing in hands that are not hands, and whirled blindly past ghastly midnights of rotting creation, corpses of dead worlds with sores that were cities, charnel winds that brush the pallid stars and make them flicker low. Beyond the worlds vague ghosts of monstrous things; half-seen columns of unsanctified temples that rest on nameless rocks beneath space and reach up to dizzy vacua above the spheres of light and darkness. And through this revolting graveyard of the universe the muffled, maddening beating of drums, and thin, monotonous whine of blasphemous flutes from inconceivable, unlighted chambers beyond Time; the detestable pounding and piping whereunto dance slowly, awkwardly, and absurdly the gigantic, tenebrous ultimate gods – the blind, voiceless, mindless gargoyles whose soul is Nyarlathotep."
Hier zeigt sich sehr schön, wie sich Lovecrafts Angst vor dem Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung in einer Form des Phantastischen auszudrücken beginnt, die bereits viele Elemente des späteren Cthulhu-Mythos vorwegnimmt. (1) 

Mit dem Beginn der wirtschaftlichen Boom-Ära der 20er Jahre schwand zwar die allgemeine Kommunistenhysterie der unmittelbaren Nachkriegszeit, doch Lovecrafts Gefühl, in einer Ära des Niedergangs zu leben, in der die Grundfesten der ‘Zivilisation’ von den Kräften der Moderne (Kommerz, Industrie, Demokratie) zersetzt werden, wodurch es schließlich zur Entfesselung der primitiven, anarchischen Gewalt des Pöbels kommen muss, änderte sich nicht. Diese Sicht wurde noch verschärft durch die Erfahrungen, die er während seiner Zeit in New York (1924-26) machte. Als er kurz nach seiner Heirat mit Sonia Greene dorthin übersiedelte, war dies vermutlich der Versuch, dem kleinbürgerlichen Milieu von Providence zu entkommen. Dieser Versuch scheiterte auf der ganzen Linie. Persönlich wie beruflich waren die New Yorker Jahre eine Zeit der Niederlagen. Weder gelang es ihm, eine dauerhafte Beziehung mit Sonia aufzubauen, noch erfüllten sich seine Hoffnungen auf einen Job als Lektor oder Redakteur. Und auch wenn er sich dort anfangs im Kreis seiner Freunde recht wohl fühlte und ganze Tage damit verbrachte, voller Neugier die Straßenschluchten von Manhattan zu durchstreifen, wurde die Metropole am Hudson für ihn schließlich zur Verkörperung all dessen, was er verabscheute und fürchtete. Als Erika und Klaus Mann 1929 erstmals New Yok besuchten, schrieben sie begeistert: „Nirgends fanden wir den Begriff der Stadt so erfüllt: alle Völker durcheinander-gemischt und lauter Lichtreklamen dazwischen." (2) Für Lovecraft war es eben dieser kosmopolitische und dynamische Charakter der modernen Großstadt, der ihn mit wildem Hass erfüllte. Sonia berichtete nach ihrer Scheidung: „Whenever we found ourselves in the racially mixed crowds which characterize New York, Howard would become livid with rage. He seemed almost to lose his mind." (3) In einem Brief an Frank Belknap Long schrieb Lovecraft über die Bewohner der New Yorker Slums, sie seien „monstrous and nubulous adumbrations of the pithecanthropoids and moebal; vaguely molded from some stinking viscous slime of earth's corruption, and slithering and oozing in and on the filthy streets or in and out of windows and doorways in a fashion suggestive of nothing but infesting worms or deep-sea unnamabilites." (4) Im April 1926 floh er zurück in sein geliebtes Rhode Island, und auch in späteren Jahren blieb die Stadt für ihn stets ‘Jew York’ – „no place for a white man to live"; ein stinkender Moloch, bevölkert von „decadent & unassimilable hordes from Southern Europe & the East [...] brachycephalic South-Italians & rat-faced half-Mongoloid Russian & Polish Jews, & all that cursed scum!" (5) 

Es war während dieser New Yorker Jahre, dass Lovecraft seine berüchtigte Kurzgeschichte The Horror at Red Hook verfasste. Schauplatz der Handlung ist ein Armenviertel in Brooklyn, wo er nach seiner ersten Trennung von Sonia wohnte.
"Red Hook is a maze of hybrid squalor near the ancient waterfront opposite Governor's Island, with dirty highways climbing the hill from the wharves to that higher ground where the decayed lengths of Clinton and Court Streets lead off toward the Borough Hall. [...] The population is a hopeless tangle and enigma; Syrian, Spanish, Italian, and Negro elements impinging upon one another, and fragments of Scandinavian and American belts lying not far distant. It is a babel of sound and filth, and sends out strange cries to answer the lapping oily waves at its grimy piers and the monstrous organ litanies of the harbour whistles. [...] From this tangle of material and spiritual putrescence the blasphemies of an hundred dialects assail the sky. Hordes of prowlers reel shouting and singing along the lanes and thoroughfares, occasional furtive hands suddenly extinguish lights and pull down curtains, and swarthy, sin-pitted faces disappear from windows when visitors pick their way through."
Diese Story wird stets als Paradebeispiel für Lovecrafts Rassismus angeführt, doch zeigt sie zugleich besonders deutlich, dass sein Hass auf die ‘Fremden’ unauflösbar verbunden war mit seinem Hass auf die städtische Unterschicht im allgemeinen. Mit Grausen beobachtet der Polizist Malone, Held der Geschichte, das Treiben der Slumbewohner:
"He was conscious, as one who united imagination with scientific knowledge, that modern people under lawless conditions tend uncannily to repeat the darkest instinctive patterns of primitive half-ape savagery in their daily life and ritual observances; and he had often viewed with an anthropologist's shudder the chanting, cursing processions of blear-eyed and pock-marked young men which wound their way along in the dark small hours of morning."
Wie Lovecraft in einem Brief an Clark Ashton Smith betont, haben wir es in The Horror at Red Hook mit zwei Gruppen von Menschen zu tun: „herds of evil-looking foreigners" und „gangs of young loafers". Die jungen Männer werden nicht ausdrücklich als Ausländer bezeichnet. Was sie so schrecklich macht ist vor allem ihre ‘Gesetzlosigkeit’. Das Fehlen einer festen Ordnung und einer anerkannten Autorität führt zu einem Rückfall in barbarische und triebgesteuerte Verhaltensweisen. Es ist der ungezügelte ‘Mob’, Stoddards ‘Untermensch’, der in Red Hooks Gassen sein Unwesen treibt.
Die eigentliche Handlung weist gewisse Parallelen zu The Street auf, doch ist das revolutionäre Motiv durch einen horrorgemäßeren Satanskult ersetzt worden, den der Okkultist Robert Suydam in Red Hook etabliert. Mit ihm hat der Pöbel einen gebildeten Anführer gefunden, was ihn erst wirklich gefährlich macht. Seine Anhängerschaft rekrutiert sich aus „swarthy, evil-looking strangers", „rowdies and foreigners". Einer seiner Handlanger ist „an Arab with a hatefully negroid mouth". Das Einwanderungsgesetz von 1924 hatte die Immigration in die USA extrem erschwert und für Menschen aus Asien praktisch unmöglich gemacht, und so spielt der Menschenschmuggel bei Suydams verbrecherischem Treiben eine wichtige Rolle. Schon bald fällt der Polzei auf, „that the old scholar's particular circle coincided almost perfectly with the worst of the organized cliques which smuggled ashore certain nameless and unclassified Asian dregs wisely turned back by Ellis Island." Den Kerntrupp der Satanskirche bilden illegale Einwanderer aus Kurdistan: "[they] were flooding Red Hook in increasing numbers; entering through some marine conspiracy unreached by revenue officers and harbour police, over-running Parker Place and rapidly spreading up the hill, and welcomed with curious fraternalism by the other assorted denizens of the region." Auffällig an dieser Passage ist vor allem die Bemerkung über die Bereitschaft der Slumbewohner, die Neuankömmlinge bei sich aufzunehmen. Was man ebensogut als Ausdruck von Solidarität, Mitgefühl und menschlicher Offenheit interpretieren könnte – die ‘merkwürdige Brüderlichkeit’ der Armen und Ausgestoßenen – ist für Lovecraft offensichtlich Ausdruck einer fürchterlichen Degeneration. Jeder ‘echte’ Amerikaner sollte den Fremden mit Misstrauen und Ablehnung begegnen, denn das würde dem ‘gesunden Rassebewusstsein’ des Angelsachsen entsprechen. Doch die Bewohner von Red Hook interessieren sich nicht für Hautfarbe, Sprache oder Religion ihrer neuen Nachbarn.
Die grobgestrickte Story gipfelt in einer Großrazzia auf Suydams Mietshäuser. Dort wird Malone in unterirdischen Gewölben mit dem ganzen Grauen des Teufelskultes konfrontiert. Der widerliche Hexensabbat, der sich den Augen des Polizisten darbietet, lässt sich ohne weiteres als eine Allegorie auf die Zügellosigkeit der Moderne und die Hauptsünde der ‘Rassenmischung' lesen , die die Grundfesten der westlichen Zivilisation zu zersetzen drohen. (6) Ähnlich wie in The Street stürzen am Ende auch hier die Häuser ein und begraben die schändliche Brut unter ihren Trümmern. Doch anders als dort ist das Grauen damit nicht gebannt: "As for Red Hook – it is always the same. Suydam came and went; a terror gathered and faded; but the evil spirit of darkness and squalor broods on amongst the mongrels in the old brick houses, and prowling bands still parade on unknown errands past windows where lights and twisted faces unaccountably appear and disappear."

Meine Ansichten über die Entwicklung, die zur Entstehung des Cthulhu-Mythos führte, kann ich hier nicht im Detail ausführen. Dazu wäre es u.a. nötig, sich mit Lovecrafts Liebe zu Lord Dunsany und mit seinen eigenen ‘Traumland’ - Geschichten auseinanderzusetzen. Es ist mir jedoch wichtig, zumindest andeutungsweise darzulegen, warum ich denke, dass sich in den Geschichten um die Großen Alten genau dieselbe Weltsicht ausdrückt wie in The Street und The Horror at Red Hook. Die Rückkehr Lovecrafts aus New York nach Providence leitete die vielleicht kreativste Phase seines Lebens ein, in deren Verlauf auch die berühmte Kurzgeschichte The Call of Cthulhu (1926) entstand. Einzelne Elemente des Mythos waren zwar auch schon in früheren Werken wie Nyarlathotep und Rats in the Walls (1923) aufgetaucht, doch zurecht gilt sie als der Beginn einer neuen Etappe in seinem Schaffen. Eigentlich wäre es nötig, sich an dieser Stelle mit Lovecrafts berühmtem ‘Kosmizismus’ zu beschäftigen, doch spare ich mir das für andermal auf. Ich will jetzt nur jene Elemente in der Geschichte hervorheben, die die Kontinuität in seiner Weltsicht verdeutlichen.

Die Stärke von The Call of Cthulhu zeigt sich vor allem im ersten Kapitel. Es ist das beunruhigende Gefühl einer vagen, unterirdischen Bedrohung, das Lovecraft hier heraufbeschwört, das die besondere Faszination der Story ausmacht. Hinter der Fassade einer scheinbar sicheren und geordneten Welt lauert eine furchterregende Macht, die jederzeit hervorbrechen und alles ins Chaos stürzen kann. Nur einige wenige, besonders sensible Menschen nehmen unterbewusst das Knirschen und Knacken in den Fundamenten war, als diese elementare, zerstörerische Gewalt zu erwachen beginnt. Doch ihr Warnruf verhallt unverstanden. Die Menschheit steht am Abgrund und weiß es nicht einmal.
Der Unterschied zu der allgemein spürbaren Atmosphäre einer aus der Bahn geworfenen Welt, wie sie in Nyarlathotep existierte, erklärt sich meiner Meinung nach aus den veränderten Zeitumständen, unter denen die Geschichte geschrieben wurde. Mitte der 20er Jahre befinden wir uns auf dem Höhepunkt des Nachkriegsbooms. Die USA erlebten einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung und nichts schien den Siegeszug des amerikanischen Kapitalismus aufhalten zu können. Wer wollte bezweifeln, dass die Zukunft Ford und dem Fließband gehörte? Selbstbewusstsein, Dynamik, Optimismus waren der Geist der Stunde und Amerikas Mittelklasse berauschte sich an der goldenen Perspektive eines grenzenlos wachsenden Wohlstands. Es waren, wie sich der Dichter William Carlos Williams ausdrückte, die „fetten republikanischen Jahre, als das Geld gedieh wie die Stinkende Zehrwurz im April in den Sümpfen". (7) Erst vor diesem Hintergrund offenbart sich uns die eigentliche Bedeutung von Lovecrafts Geschichte über den erwachenden Monstergott. Der Autor spürte das unterirdische Beben, das diese ganze selbstgefällige Ordnung zum Einsturz bringen konnte. Es sind nicht wie oft angenommen die ‘kosmischen’ Fragen über die Situation des Menschen in einem sinnlosen und inhumanen Universum, die den Kern der Erzählung ausmachen. Das Schreckliche ist kein Zustand, sondern ein Ereignis; nicht dass eine Kreatur wie Cthulhu tatsächlich existiert, sondern dass er eines Tages wieder erwachen wird. Was aber repräsentiert der schlafende Herrscher von R’lyeh? Die Antwort findet sich in den Reden des alten Kultisten Castro, wenn dieser vom kommenden Erwachen des Großen Cthulhu und seiner Brüder erzählt:
"The time would be easy to know, for then mankind would have become as the Great Old Ones; free and wild and beyond good and evil, with laws and morals thrown aside and all men shouting and killing and revelling in joy. Then the liberated Old Ones would teach them new ways to shout and kill and revel and enjoy themselves, and all the earth would flame with a holocaust of ecstasy and freedom."
Ganz eindeutig wird die Rückkehr der Großen Alten hier mit dem Zusammenbruch von Moral und gesellschaftlicher Ordnung in Zusammenhang gebracht. Der rasende Cthulhu – das ist der Triumph der Anarchie. In The Horror at Red Hook hatte Lovecraft seiner Überzeugung Ausdruck verliehen, „that modern people under lawless conditions tend uncannily to repeat the darkest instinctive patterns of primitive half-ape savagery". Eben diesen Zustand der Zügellosigkeit verkörpern die Großen Alten. Sie stehen für die tiefste Furcht des Gentlemans von Providence, für den Untergang der Zivilisation. Wie er selbst es in seinem 1919 geschriebenen Essay At the Root formuliert hatte: "[C]ivilisation is but a slight coverlet beneath which the dominant beast sleeps lightly and ever ready to awake." Im Mythos ist Cthulhu diese Bestie, in der Realität – der ‘Mob’. Würde dieser sich der Bande entledigen, die ihm von Moral, Tradition und Autorität auferlegt wurden, so wäre das Ergebnis blutiges Chaos, „and all the earth would flame with a holocaust of ecstasy and freedom." Denn im Gegensatz zum Aristokraten sind die einfachen Leute triebgesteuerte Wesen – ganz wie die Großen Alten. Freiheit würde für sie lediglich die Freiheit bedeuten, „to shout and kill and revel and enjoy themselves". Man erinnere sich an Stoddards Charakterisierung der Revolution des ‘Untermenschen’ als einer ‘atavistischen Revolte’: „The complex fabric of society, slowly and painfully woven, is torn to tatters; the social controls vanish, and civilization is left naked to the assaults of anarchy. [...] Not only is society in the grip of its barbarians, but every individual falls more or less under the sway of his own lower instincts." Diese Bedrohung verbirgt sich hinter der Gestalt Cthulhus, der kreischend und vor Lust rasend aus seinem Tempelgrab in R’lyeh hervorbricht. In späteren Mythos-Geschichten sind es dann verstärkt die Shoggothen, die diese Rolle übernehmen, bis Lovecraft 1931 – unter den Verhältnissen der Großen Depression – mit At the Mountains of Madness eine Erzählung zu Papier bringen wird, die so unverhüllt wie seit The Street nicht mehr seine Angst vor einer Arbeiterrevolution zum Ausdruck bringt. (8) Die rassistischen Elemente sind zwar auch in Call of Cthulhu noch sehr augenfällig – die Kultisten sind „men of a very low, mixed-blooded, and mentally aberrant type", hauptsächlich „negroes", „mulattoes" und andere „half-castes" –, aber sie stehen nicht mehr im Zentrum. Die Geschichte würde ebensogut auch ohne sie funktionieren. Ich halte China Miévilles Ansicht, Lovecrafts gesamtes Werk sei „deeply structured with race hatred" deshalb auch für nicht ganz richtig. Weniger Hass als vielmehr Angst liegt seinem Werk zugrunde, eine geradezu panische Angst vor allem, was die überkommene Ordnung der Gesellschaft zu vernichten droht. Dabei verschmilzt die Furcht vor dem rebellierenden ‘Pöbel’ mit einer ebenso großen Furcht vor der animalischen, triebhaften, sinnlichen Seite des Menschen (und letztlich des Autors selbst). Womit ich nicht sagen will, dass damit der ganze Inhalt des Cthulhu-Mythos bereichts ausreichend charakterisiert wäre.

Jetzt wird vielleicht klarer, warum ich die Konzentration auf Lovecrafts Rassismus für gefährlich halte. Eine solche Herangehensweise kann zu dem Irrglauben führen, man könne das lovecraftsche Erbe ‘retten’, indem man einfach die offen rassistischen Elemente entfernt, was bei seinen reiferen Geschichten letztlich nicht so schwierig wäre. Doch damit hätte man das wirklich Reaktionäre an Lovecraft und seinem Cthulhu-Mythos gar nicht beseitigt. Dieses ist sehr viel tiefer verwurzelt. Keiner der großen Lovecraftianer der Gegenwart ist ein Rassist, und dennoch halte ich die anhaltende Begeisterung für den Gentleman von Providence für ein zumindest problematisches Phänomen. Lovecrafts unangenehmste Seiten lassen sich auch ‘politisch korrekt’ fortführen. Thomas Ligotti etwa gilt als einer der größten zeitgenössischen Verfasser lovecraftschen Horrors. Ich kann das nicht wirklich beurteilen (dazu habe ich zuwenig von ihm gelesen), aber sein tiefer Pessimismus und seine extreme Misanthropie wirken auf mich eher beunruhigend – und das nicht im positiven Sinn.



(1) Christian Matzke verarbeitete Nyarlathotep 2001 zu einem 13minütigen Kurzfilm, der zwar ganz beeindruckend ist (bloß die Mumienszene finde ich ziemlich daneben), die Atmosphäre einer aus den Fugen geratenen Welt jedoch eher mit dem 1. Weltkrieg in Verbindung bringt.
(2) Erika & Klaus Mann: Rundherum. Abenteuer einer Weltreise. S. 14.
(3) Zit. nach: Lin Carter: Lovecraft: A Look Behind the Cthulhu Mythos. S. 45.
(4) H. P. Lovecraft: Selected Letters. Bd. I, S. 333f. Zit. nach: Bruce Lord: The Genetics of Horror: Sex and Racism in H.P. Lovecraft’s Fiction.
(5) Zit. nach: scottedelman
(6) ‘Mongrels’ (‘Bastarde’) scheint eines von Lovecrafts Lieblingsworten gewesen zu sein, wenn es darum ging, den ‘Pöbel’ zu beschreiben. Das Motiv der ‘grauenhaften Rassenmischung’ zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk – von Arthur Jermyn über Medusa’s Coil bis zu Shadows over Innsmouth.
(7) William Carlos Williams: Die Autobiographie. S. 317.
(8) Auf Lovecrafts vielzitierte Linkswende in den 30er Jahren, die ihn zu einem Anhänger Roosevelts machte, kann ich jetzt nicht eingehen. Man sollte jedenfalls nicht glauben, er sei dadurch ein progressiver Demokrat geworden. Sehr viel treffender ist seine eigene Selbstcharakterisierung als "a cross betwixt a fascist & an old-time non-bolshevik socialist." (Zit. nach: L. Sprague De Camp: Lovecraft. S. 375.)