"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 6. Februar 2012

Boys Only


Eine kleine Zeitreise mit den Tripods


Ein riesiges, dreibeiniges Metallungetüm ragt über einem von Bäumen umstandenen Turnierplatz auf. Man hat den Eindruck, als schaue es voller Verachtung auf das Treiben der Menschen herab, die sich zu seinen Füßen in mittelalterlich anmutenden Kampfspielen messen. Seine Anwesenheit gleicht einer stummen Drohung.


Dieses Bild war beinahe alles, was sich von der Jugend-SF-Serie Die dreibeinigen Herrscher, die das ZDF 1988 ausstrahlte, in meiner Erinnerung erhalten hatte. Aber dafür war es ein sehr eindringliches Bild. Eigentümlicherweise ist mir die Ähnlichkeit zwischen dem Dreibeiner und den marsianischen Kampfmaschinen nicht aufgefallen, als ich später H. G. Wells’ War of the Worlds las. Vielleicht weil diese ständig in Aktion waren, während sie durch Englands grüne Gauen stakten und das Herz des britischen Empire in Schutt und Asche legten. Der Dreibeiner hingegen blieb für mich immer jene bewegungslose, ominöse, bedrohliche Präsenz über dem Kampfplatz mit seinen sich bewegenden Pferden und Menschen, obwohl ich wusste, dass er gleichfalls eine von einem Außerirdischen gelenkte Maschine sein sollte.

Die unergründlichen Schatzgewölbe von YouTube enthalten zahllose Juwelen, und so machte ich mich vor knapp einem Monat von einer Art sentimentalen Wehmut beflügelt auf, um nachzuschauen, ob sich nicht vielleicht auch die dreibeinigen Herrscher meiner Kindheit dort finden ließen. Und siehe da – ein paar Clicks später lagen alle 25 halbstündigen Episoden der BBC-Serie The Tripods vor mir, wenn auch bereits ein wenig vom Zahn der Zeit angenagt und zum Teil nur in deutscher Synchronisation. Einer Reise in die Tage, als ich noch vierzehn Jahre alt war, stand nichts mehr im Wege.

Die Serie ist eine Verfilmung der ersten beiden Bände der 1967/68 erschienenen Tripods-Trilogie von John Christopher. Die für ihre Zeit äußerst aufwendige Produktion überstieg offenbar das Budget der BBC, und so fand der dritte Band The Pool of Fire nie seinen Weg auf die TV-Schirme. Was jedoch kein Anlass zur Trauer ist, denn bereits die zweite Staffel (basierend auf The City of Gold and Lead) besitzt kaum mehr etwas vom Charme der ersten dreizehn Episoden. Und ein Blick in die Wikipedia-Zusammenfassung des dritten Bandes hat mich sehr schnell davon überzeugt, dass eine weitere Staffel im Großen und Ganzen vermutlich nur einen weiteren Abstieg bedeutet hätte.

Heutzutage gibt es postapokalyptische Geschichten ja wie Sand am Meer. Wie es sich damit verhielt, als sich Christopher Ende der 60er Jahre an seine Schreibmaschine setzte, weiß ich nicht. Als die BBC mit der Prodution der TV-Serie begann, gab es jedoch zumindest The Last Man on Earth (1964) mit Vincent Price, The Omega Man (1971) mit Charlton Heston und natürlich Franklin J. Schaffners ikonischen Planet of the Apes (1968), nebst seinem Nachfolger Beneath the Planet of the Apes (1970), sowie Michael Andersons Logan’s Run (1976). Wirklich originell war das Setting der Tripods also wohl nicht: Die menschliche Zivilisation ist von außerirdischen Invasoren zerstört worden, und die Reste der Menschheit leben auf einem frühneuzeitlichen Industrieniveau in einer quasifeudalen Gesellschaft. Sie verehren die Dreibeiner als eine Art Götter und erhalten von diesen in ihrer Jugend eine ‘Kappe’ (ein Gehirnimplantat), die alle widerspenstigen Gefühle, ebenso wie Neugier und Aggressivität in ihnen unterdrückt.

Die Serie beginnt mit einer Szene, die ehrlich gesagt sehr viel eindrucksvoller ist als jene aus meiner Erinnerung. Die Bewohner eines englischen Dorfes bereiten sich auf die Zeremonie vor, bei der eines ihrer Kinder die ‘Kappe’ erhalten soll. Sie versammeln sich im Sonntagsstaat am Ufer eines Mühlteichs. Wir sehen den jungen Jack mit geschorenem Kopf inmitten seiner Familie. Das örtliche Oberhaupt (der Squire?) gratuliert ihm zu diesem ‘besonderen Tag’. Um Punkt zwölf Uhr mittags ertönt plötzlich ein markerschütternder, unmenschlicher Schrei. Die Leute verstummen, treten zurück und schauen hinaus aufs Wasser und nach oben. Während im Hintergrund die Kirchturmsuhr schlägt, sieht man, wie sich ein riesiger metallener ‘Fuß’ in den Teich hinabsenkt. Dann ragt der Dreibeiner über der Gemeinde auf. Sein ‘Kopf’ neigt sich leicht nach vorn, so als beäuge er die Versammelten. Eine Luke öffnet sich und ein langer, tentakelartiger Roboterarm fährt heraus. Seine Krallenhand umfasst Jack und hebt ihn hoch, hinein in den Dreibeiner, aus dem ein grüner Lichtschein fällt. Die Tricktechnik hat nach bald dreißig Jahren verständlicherweise Rost angesetzt, und die Musik gemahnt an die echt üblen Seiten der 80er Jahre, dennoch besitzt diese Szene auch heute noch unbestreitbar Atmosphäre. Sich erneut mit den Dreibeinigen Herrschern zu beschäftigen, verspricht vielleicht doch ein wenig mehr zu werden als eine Übung im Wiederbeleben und gleichzeitigen Entwerten von Kindheitserinnerungen.

Die Story ist denkbar gradlinig. Von dem geheimnisvollen Vagabunden Ozymandias angestachelt, machen sich die beiden Jungen Will und Henry auf, um den ‘Weißen Berg’ im Süden Frankreichs zu finden, wo sich angeblich eine Gruppe von Widerstandskämpfern, die ‘Freien Menschen’, eine Zufluchtsstätte aufgebaut hat. Nachdem sie den Kanal überquert haben, schließt sich ihnen als Dritter im Bunde der Franzose Jean-Paul an, von den beiden Engländern wegen seiner hochgewachsenen, schlaksigen Gestalt und der klanglichen Ähnlichkeit mit seinem richtigen Namen Beanpole (Bohnenstage) genannt. Ständig bedroht von den Dreibeinern und ihren ‘schwarzen Garden’ wandern die drei durch Frankreich in Richtung Alpen.

Die Szenen im verödeten Paris wecken Reminiszenzen an die Ruinen von New York in Beneath the Planet of the Apes und das zerfallene Washington in Logan’s Run. Wenn rotangemalte Dreibeiner mit Lasern durch die Gegend schießen, werden die Parallelen zu War of the Worlds (dem Buch, nicht dem Film von 1953) dann doch sehr deutlich. Und der Zwischenstopp bei einer Winzerfamilie wird in Sachen Weinberge & Frankreichklischees vielleicht nur noch von Picards Heimaturlaub in der TNG-Episode Family getoppt. Auch wundert man sich, wie viele Franzosen der englischen Sprache mächtig sind – in einer Welt, in der kaum jemand mehr weite Reisen unternimmt. In der zweiten Staffel wurde dieses Problem behoben, indem man plötzlich alle Bewohner Europas, egal ob Franzosen, Schweizer oder Deutsche, Albions Idiom benutzen lässt.

Die erste Staffel endet mit der Ankunft unserer Helden am ‘Weißen Berg’ (dem Montblanc) und ihrer Aufnahme in die Gemeinschaft der Freien.

Der in meinen Augen erfreulichste Zug an den Tripods ist die erfrischend positive Sicht auf die Errungenschaften der Zivilisation. Im Unterschied zu den meisten postapokalyptischen Geschichten ist es hier ja nicht die Menschheit selbst, die mittels Atomkrieg oder Umweltkatastrophe den Untergang ihrer Kultur herbeigeführt hat. Vielmehr wurde diese von fremden Eroberern zerstört, die die Menschen nun zwangsweise auf einem Zivilsationsniveau halten, das ironischerweise ziemlich genau dem gleicht, was sich radikale Ökos und antimoderne Romantiker herbeisehnen. Die von den Dreibeinern in Umlauf gebrachten Parolen über die ‘Sünden’ der alten Ordnung ähneln darum auch nicht zufällig so manchem, was Vertreter dieser Kreise oft von sich geben. Unsere Helden sehen das selbstverständlich völlig anders. Insbesondere der selbsterklärte ‘Erfinder’ Beanpole legt eine umgebremste Begeisterung für Technik und Wissenschaft an den Tag. Dampfmaschinen, Eisenbahnen, ein altes Grammophon – für ihn sind das Wunderwerke, deren Funktionsweise es zu ergründen gilt. Anders als die Jung-Machos Will und Henry ist er ein intellektueller Held. Doch nicht nur für ihn ist der Stolz auf die technischen Leistungen der ‘Vorfahren’ ein starkes Motiv im Kampf gegen die Dreibeiner. Die meisten ‘Freien Menschen’ erachten es offenbar als eines der größten Verbrechen der Invasoren, dass diese der Menschheit das Wissen um ihre alte Zivilisation genommen haben und Neugier und Erfindergeist mittels der ‘Kappe’ unterdrücken.

Leider entwerten die Tripods diese sympathisch humanistische Botschaft durch ihre unerträgliche Darstellung der weiblichen Hälfte der Menschheit. Am Tor zum großen Abenteuer hängt offensichtlich ein riesiges Schild mit der Aufschrift ‘Mädchen müssen draußen bleiben’. Nicht ohne Grund wurden Christophers Bücher zu Beginn der 80er Jahre zu einer Comicserie für das Magazin der amerikanischen Pfadfinder Boys’ Life verarbeitet. Das allein ist für ein heutiges Publikum bereits irritierend, aber das wirkliche Ärgernis besteht in der Rolle, die die in der Serie auftauchenden Mädchen spielen. Während des Aufenthaltes der drei Jungs auf einem Chateau (wo auch das Turnier aus meiner Erinnerung stattfindet), verliebt sich Will in Eloise, die Tochter des Schlossherrn. Seine Gefühle werden erwidert, und er ist verständlicherweise nicht wild darauf, so schnell wie möglich weiter zu wandern. Darüber kommt es zum Streit mit Henry, der sich schließlich zusammen mit Beanpole ohne den Freund auf den Weg macht. ‘Glücklicherweise’ wird Eloise kurz darauf von den Dreibeinern in ihre Stadt aus Gold entführt, so dass Will seinen Kameraden folgen und den Dreibund erneuern kann. Frauen, dass macht diese Episode deutlich, sind Versuchungen am Wegesrand, die den männlichen Helden von der Erfüllung seiner Aufgabe abzubringen versuchen. Ironischerweise wird diese Botschaft durch die rein weibliche Winzerfamilie noch einmal bestätigt, die die BBC-Leute extra in die Handlung einbauten, weil ihnen die Buchvorlage zu wenige weibliche Charaktere enthielt. Die Töchter des Hauses erfüllen in Bezug auf Henry und Beanpole genau dieselbe Funktion wie Eloise in Bezug auf Will. Sie drohen sie von ihrer Reise zum ‘Weißen Berg’ abzuhalten.
Ein ‘Boys Only’-Abenteuer muss nicht notwendigerweise offensiv frauenfeindlich sein (ich denk da z.B. an Tolkiens Hobbit), aber die Tripods sind es. Dieser Eindruck wird in der zweiten Staffel gleich auf dreifache Weise vestärkt. (1) Eine Gruppe von Widerständlern beobachtet heimlich die ‘Kappen’-Zeremonie in einem Alpendorf. Das dazugehörige Mädchen ist erschüttert über die Gefühlskälte, mit der die Eltern ihre Tochter den Dreibeinern übergeben. Als der Trupp sich wieder ins Gebirge zurückziehen will, zögert sie deshalb, was dazu führt, dass sie und ihre Kameraden entdeckt werden und ihr Bruder von dem Dreibeiner getötet wird. Frauen stellen offenbar aufgrund ihrer Emotionalität eine Belastung und Bedrohung für den Widerstand dar! (2) In der Goldenen Stadt der Dreibeiner erfüllen weibliche Sklaven ausschließlich niedere Arbeiten. Einzige Ausnahme ist die Leiterin einer Gartenanlage (Frauen verstehen halt was von Pflanzen; ‘Mutter Erde’ und so). Sexismus ist offenbar etwas so selbstverständliches, dass selbst krakenartige Aliens kein weibliches Personal in verantwortungsvollen Posten sehen wollen! (3) Als Will seine geliebte Eloise wiederfindet, befindet sich diese in einer Art künstlichem Koma und wartet darauf, als ein besonders schönes ‘Beutestück’ auf den Heimatplaneten der Dreibeiner gebracht zu werden. Die Szene ist deshalb so gruselig, weil die Macher der Serie die junge Frau im Grunde genauso behandelt haben wie es jetzt die Außerirdischen tun – als einen hübsch anzusehenden Gegenstand!

Ich bin beinah versucht, meinen Post hier zu beenden, denn auch für eine 1984 erstmals ausgestrahlte TV-Serie erscheint mir ein solches Frauenbild nicht bloß ‘altmodisch’, sondern schlicht unverzeihlich. Dennoch möchte ich noch einige kurze Bemerkungen über die zweite Staffel anfügen. Diese spielt hauptsächlich in der Goldenen Stadt, in die sich Will und der deutsche Junge Fritz als Sklaven eingeschlichen haben. Für ihre Zeit war die Tricktechnik vermutlich sehr aufwendig, insbesondere, wenn man bedenkt, dass die BBC drei Jahre später eine Narnia-Verfilmung in die Welt setzte, in der Aslan von zwei Typen im Löwenkostüm gespielt wird und die Biber so aussehen . Auf einen heutigen Betrachter wirkt die Metropole jedoch leider keineswegs so beeindruckend, wie sie das müsste. Die Handlung selbst ist reichlich unoriginell. Es wird ein bisschen spioniert, und das war’s dann auch schon. Eine der gravierendsten inhaltlichen Schwächen der ersten Staffel bestand darin, dass nur schwer einzusehen war, welchen Nutzen die Dreibeiner davon haben sollten, über eine quasimittelalterliche Gesellschaft zu herrschen. Diese Frage wird nun auf eine so unbefriedigende Weise beantwortet, dass man darüber lieber im Dunkeln gelassen worden wäre. Der technische Fortschritt der Menschen bedeutete kombiniert mit deren natürlicher Aggressivität eine potentielle Bedrohung nicht nur für den Planeten, sondern auch für alle anderen intelligenten Rassen in der Galaxis. Deshalb führten die Dreibeiner eine Art Präventivschlag durch. Das ist nicht nur hanebüchen (verfolgten nicht die Aliens in Ed Woods Plan 9 from Outer Space ein ähnliches Ziel?), sondern untergräbt auch die sympathisch positive Einstellung der ersten Staffel zu Technik und Zivilisation. Die überflüssigerweise gegenüber der Buchvorlage neu eingeführten ‘Cognoscs’ – körperlose Intelligenzen, die ihrerseits die Dreibeiner beherrschen – lassen die Geschehnisse in der Stadt nur noch abstruser erscheinen. Zwar erhalten wir mit dem ebenso rücksichtslosen wie tapferen Fritz – einem echten ‘Berufsrevolutionär’ (und Klischeedeutschen) – einen einigermaßen interessanten neuen Charakter, doch da ich schon in der ersten Staffel mit dem Strahlemann Will herzlich wenig anfangen konnte, musste mir die Abwesenheit des sympathischen Beanpole um so schmerzlicher auffallen.

Was also steht am Ende meiner kleinen Zeitreise? Erstens: Es muss nicht immer zu katastrophalen Offenbarungen kommen, wenn man sich Filme aus seiner Kindheit anschaut – die Tripods sind keine ausgemachte Gurke. Zweitens: In den 80er Jahren waren bei der BBC einige Leute beschäftigt, die sehr eigentümliche Ideen über Frauen hatten.*

* Die Hauptschuld tragen natürlich Christophers Bücher, aber alle Versuche der BBC-Leute, in diesem Punkt modernisierend einzugreifen, enden bloß in einer noch stärkeren Betonung des sexistischen Geistes der Vorlage. So gehören zu den Widerstandskämpfern, die zu Beginn der 2. Staffel losgeschickt werden, um an einer Art Olympiade teilzunehmen, deren Gewinner in die Stadt aus Gold gebracht werden, auch einige Mädchen. Doch werden diese bereits in der nächsten Episode von den Dreibeinern umgebracht. Schuld daran ist ganz offensichtlich ihr unvorsichtiges Verhalten. Dumme Mädels ...


Wie Locus Online mitteilt, ist Samuel Youd alias John Christopher in der Nacht von Freitag auf Samstag vergangener Woche (3./4. Februar 2012) im Alter von 89 Jahren verstorben. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.