"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 11. Februar 2012

Spooky Yuletide

Ich liebe die Spukgeschichten von Montague Rhodes James – ihre dichte Atmosphäre, ihr ‘antiqua-risches’ (oft mediävistisches) Element, den meist geradezu perfekten Spannungsaufbau, den nicht selten ironischen Unterton, das im besten Sinne Groteske seiner Dämonen und Geister.
China Miéville hat MR James in einem – insgesamt etwas wirren – Essay einmal als einen Schriftsteller auf der Grenze zwischen der klassischen Gespenstergeschichte und der modernen ‘weird fiction’ beschrieben. Eine sehr interessante Idee, die ich bei einem künftigen Wiederlesen seiner Stories mal am Text zu überprüfen versuchen werde.

Ich schätze Christopher Lee als einen ebenso charismatischen wie intelligenten Schauspieler (auch wenn der größte Dracula aller Zeiten für mich stets Bela Lugosi bleiben wird; dafür ärgere mich, dass ich bisher noch keine Gelegenheit hatte, The Wicker Man zu sehen).

Man kann sich vorstellen, wie begeistert ich war, als ich entdeckte, dass die BBC im Jahre 2000 vier jeweils halbstündige Bearbeitungen von MR James - Geschichten mit Lee produziert hat. Zwei von ihnen habe ich bei Youtube entdecken können. Mein Favorit ist eindeutig A Warning to the Curious:




Es handelt sich nicht eigentlich um eine Verfilmung der Geschichte, die von den unheim-lichen Ereignissen erzählt, die durch die Entdeckung der letzten Krone des frühmittelalter-lichen Königreichs von East Anglia in der Nähe des kleinen Küstenortes Seaburgh ausgelöst werden. Der alte 'Monty' war Professor am King's College in Cambridge und erzählte vieler seiner Spukgeschichten – einer englischen Yuletide-Tradition folgend – einer ausgewählten Gruppe von Freunden und Studenten. Diese Situation ist hier nachempfunden worden. Die akademische (und natürlich rein männliche) Zuhörerschaft versammelt sich bei Kaminfeuer und Kerzenschein im Studierzimmer des Gelehrten. Man macht es sich bequem. Der Port wird herumgereicht. Und dann beginnt Christopher Lee zu erzählen.

Hierzulande hat das Geschichtenerzählen (meines Wissens nach) nie eine solch respektable Stellung als Unterhaltungsform besessen, wie dies in England seit der viktorianischen Ära der Fall war. Das dürfte wohl auch der Grund dafür sein, warum ich mir ein Format wie Ghost Story for Christmas von einem deutschen Fernsehsender nicht vorstellen kann. Um so erfreulicher, dass die BBC diese schöne alte englische Tradition seit den 70er Jahren (mit Unterbrechungen) in gewisser Weise am Leben erhalten hat. Und gerade James' Stories sind aufgrund ihrer Länge und ihres Aufbaus dafür ganz ausgezeichnet geeignet.

Das Ganze lebt in erster Linie von Christopher Lees beeindruckender Vortragskunst: Theatralisch, aber nicht zu theatralisch; manchmal leicht ironisch; mit großem Feingefühl für den Rhythmus der Erzählung; ruhig, wie es einem bereits ergrauten Gelehrten geziemt, aber zugleich von mitreißender Intensität. Wie jeder gute Geschichtenerzähler packt er uns und zieht uns hinein in das Universum seiner Erzählung. Dies wird noch verstärkt durch die eher sparsam eingesetzten, aber höchst wirkungsvollen 'szenischen Einspielungen', die nicht so sehr Teile der Handlung wiedergeben, als vielmehr die entsprechende Atmosphäre evozieren: Wir sehen die menschenleere, öde Küstenlandschaft, das Meer, Miniaturen aus einem mittelalterlichen Codex, die Grabsteine auf einem alten Friedhof, die schemenhafte Gestalt des schrecklichen 'Wächters' der Krone in der Ferne. A Warning to the Curious eignet sich besonders gut für diese Form der Präsentation, da der Erzähler hier (anders als in vielen von 'Montys' Geschichten) dem Übernatürlichen nie direkt gegenübersteht. Dem Geist oder Dämon am nächsten kommt er beim Anblick von Fußspuren im Sand ...

Für alle Freundinnen und Freunde stilvollen, 'altmodischen' Horrors sollte dieser kleine Film ein echter Leckerbissen sein. Wer die Geschichte im Original nachlesen will, findet sie auf The Literary Gothic. Andere Quellen für die Spukgeschichten von Montague Rhodes James sind Project Gutenberg und HorrorMasters. Und wer sich für die Ghost Stories for Christmas der BBC interessiert, findet auf The MOONlens eine recht informativen Post.

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