"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 22. Mai 2021

Dan Dare - The Audio Adventures

Dan Dare ist britisches SciFi-Urgestein, älter noch als selbst Doctor Who. Die Abenteuer des "Pilot of the Future", die seit April 1950 als Comic Strips in The Eagle erschienen, bildeten für mehrere Generationen von Kindern im Vereinigten Königreich die Eingangspforte in das Genre. Selbst ein späterer New Wave - Ikonoklast wie M. John Harrison begann mit ihnen seine lebenslange Reise in die Welt des Phantastischen.
 
Spiritus rector des Eagle war der anglikanische Reverend Marcus Morris. Sein Magazin war als eine Art Antidot gegen die "fürchterlichen", "amoralischen", "gewalttätigen" US-Horror-Comics gedacht, die sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit auch in England großer Beliebtheit erfreuten. Kein Wunder also dass Dan Dare ganz den Typus des aufrechten, moralisch einwandfreien Actionhelden verkörperte -- eine Art britischer Buck Rogers, der zugleich Vertreter der "ehrenhaften" Traditionen des Empire ist. Aus gutem Grund wird der Comic manchmal als "Biggles in Space" beschrieben. Daneben waren es die äußerst detaillierten Zeichnungen von Frank Hampson, sowie verhältnismäßig komplexe, oft viele Ausgaben des Eagle überspannende Handlungsbögen, die Dan Dares Abenteuer charakterisierten. Als Morris 1959 den Posten des Herausgebers aufgab und das Magazin an Odhams Press überging, drängten die neuen Besitzer das kreative Team, die Geschichten um den "Pilot of the Future" stromlinienförmiger und "moderner" zu gestalten. Woraufhin auch Hampson seinen Abschied nahm und Frank Bellamy die Leitung übernahm. 

Der ursprüngliche Comic fand 1967 sein Ende, doch über die Jahrzehnte kehrte Dan Dare immer mal wieder in neuen Inkarnationen zurück, u.a. auf den Seiten von 2000 A.D. (1977-79). Dabei änderten sich Ton und Stil zum Teil drastisch. Am krassesten vielleicht in Grant Morrisons Dare von 1990, einem finster-nihilistischen Kommentar auf die bleierne Zeit der Thatcher-Ära.
 
Verglichen mit so extremen "Neuinterpretationen" nimmt sich das Hörspiel The Voyage to Venus, das man sich derzeit bei BBC Radio 4 zu Gemüte führen kann, beinahe "klassisch" aus. Was jedoch in meinen Augen keineswegs etwas schlechtes ist. 
2016 brachte das Studio B7 Media, das u.a. auch für eine ganze Reihe von Blake's 7 - Hörspielen verantwortlich zeichnet, eine erste Staffel von Dan Dare - Adaptionen heraus, von der Voyage to Venus das Eröffnungskapitel ist. The Red Moon Mystery und Marooned on Mercury werden im Laufe der nächsten Wochen gleichfalls bei der BBC zugänglich gemacht werden. 2018 folgte eine zweite Staffel.
Nun kenne ich bislang ja nur den Auftakt des Ganzen, doch der hat mir ausgesprochen gut gefallen. Story und Figuren wurden auf unaufdringliche und geschickte Weise modernisiert, ohne dass die abenteurliche Geschichte dadurch etwas von ihrem Pulp-Charme eingebüßt hätte. Ein Riesenspaß ganz nach meinem Geschmack! 
 
Die Handlung wurde in die Gegenwart oder nahe Zukunft verpflanzt. Im Zentrum steht das ursprüngliche Trio Dan Dare, Professor (Jocelyn Mabel) Peabody und Digby. Allerdings wurden alle drei Figuren mehr oder weniger stark umgeformt.
Col. Dan Dare (Ed Stoppard) ist ein wagemutiger Testpilot für die Royal Air Force. Doch seit sein Vater vor Jahren bei einem Testflug ums Leben gekommen ist und von der RAF-Führung anschließend zum Sündenbock für das Unglück gestempelt wurde, ist sein Verhältnis zu den Militärs gespannt. Sein größter Traum ist es, einmal am Vorstoß in den Weltraum teilzunehmen. Aber da das britische Raumfahrtprogramm offiziell eingemottet wurde, scheinen die Chancen dafür ziemlich schlecht zu stehen. Doch dann wird er eines Tages überraschend zum militärischen Leiter der eigentlich gar nicht mehr aktiven Abteilung beordert. Es stellt sich heraus, dass vor einiger Zeit ein UFO von der Venus in England abgestürzt ist. In der Folge  wurde das Raumfahrtprogramm im Geheimen wieder gestartet. Angesichts staatlicher Budgetkürzungen allerdings weitgehend in privatisierter Form. Neben dem Militär hat darum nun vor allem die Eagle Corporation (Zwinker! Zwinker!) das Sagen.
Deren Repräsentantin ist Prof. Peabody (Heida Reed). Wenn Dan anfangs ziemliche Probleme mit ihr hat, so nicht, weil ihm eine Frau als Vorgesetzte zugeteilt wurde, sondern weil er ganz allgemein  wenig für Befehlshierarchien übrig hat und ihm außerdem die Idee, die Erforschung des Weltraums zu einem profitgetriebenen Geschäft zu machen, gehörig gegen den Strich geht. Trotzdem sagt er natürlich nicht nein, als man ihm anbietet, an einer Expedition zur Venus teilzunehmen. Auch wenn die Gründe, warum man ausgerechnet ihn für diesen Posten ausgewählt hat, nicht unbedingt schmeichelhaft klingen. Dans überragende Fähigkeiten als Testpilot waren dabei natürlich schon von Bedeutung, doch wie Peabody ganz offen erklärt, ging es der Eagle Corporation auch darum, der Öffentlichkeit eine werbewirksame Heldenfigur präsentieren zu können. Und dafür stellte der wagemutige Col. Dare eine ideale Wahl dar, nicht zuletzt, weil er "easy on the eyes" ist!
Digby (Geoff McGivern) hat die stärksten Veränderungen erfahren. Im ursprünglichen Comic war er Dan Dares "Batman" (~ "Offiziersbursche") und spielte in erster Linie die Rolle eines Comic Relief - Charakters. Davon hat sich nichts erhalten, außer seinem Working Class - Background. Lieutenant und in Ehren ergrauter Veteran mit zwanzig Jahren Diensterfahrung, wird der ruppige Digby dem Team als "militärischer Berater" zugeteilt. Gegen Ende von Voyage to Venus deutet sich allerdings an, dass ihn seine Vorgesetzten noch mit einer anderen, wahrscheinlich etwas zwielichtigeren Mission betraut hatten.
 
Und damit wären wir auch schon bei der wahrscheinlich deutlichsten tonalen Veränderung gegenüber dem Original: Es steht zwar nicht im Zentrum, doch schwingt in der ganzen Story ein unverkennbares Misstrauen gegenüber Autoritäten, dem Militär und der Großíndstrie mit. 
Die eigentliche Handlung ist trotzdem feinster, "traditioneller" Pulp-Spaß. Den in dem abgestürzten UFO angegebenen Koordinaten folgend, erreichen unsere Held*innen mit ihrem Raumschiff Anastasia die Venus. Auf der Oberfläche des Planeten könnte es selbstverständlich kein Leben geben, doch im dichten Wolkenmeer der Atmosphäre entdecken sie eine gewaltige fliegende Stadt. Aber die erwartete freundliche Begrüßung bleibt aus, stattdessen werden sie umgehend gefangen genommen und vor den Mekon (Raad Rawi) geführt -- Dan Dares traditionellen Erzwidersacher. Der hyperintelligente Diktator herrscht mit eiserner Faust und eiskalter Logik über das Volk der Treen. Doch Sondar (Bijan Daneshmand) und seine mutigen Rebellen wollen seiner Tyrannei ein Ende setzen und hoffen dabei auf die Unterstützung der Erdlinge.
Das Regime des Mekon erinnert zwar recht deutlich an antikommunistische Klischees aus der Ära des Kalten Krieges, aber das gehört für mich beinahe zum Flair einer solchen Geschichte. Viel wichtiger fand ich es, dass unsere Held*innen wirkliche Held*innen sein dürfen. Peabody spielt anfangs zwar mit dem Gedanken, ob man nicht zu einer profitablen Übereinkunft mit dem Mekon gelangen könnte. Und Digby fragt sich, ob der Diktator nicht im Recht ist, wenn er Sondars "Terroristen" das Handwerk zu legen versucht. Doch am Ende schlagen alle drei Befehle und Profit in den Wind und entscheiden sich, das zu tun, was richtig ist: Den unterdrückten Treen in ihrem Kampf um die Freiheit beizustehen.
 
Ich bin schon sehr gespannt, welche Abenteuer unser Trio in The Red Moon Mystery erleben wird. Für den Moment kann ich bloß noch einmal betonen, dass alle Freund*innen hübsch pulpiger SciFi auf jedenfall die Gelegenheit nutzen sollten, sich die erste Staffel von Dan Dare - The Audio Adventures zu Gemüte zu führen, solange sie auf BBC Radio 4 zugänglich ist. Es lohnt sich!

Dienstag, 11. Mai 2021

Sword, Sorcery & Psychedelia

In der Welt der Sword & Sorcery - Comics ist Zeichner Esteban Maroto vielleicht am bekanntesten dafür, dass er Red Sonja ihren berühmt-berüchtigten Chainmail Bikini verpasste. Zuerst in einem Pin-up, das im Januar 1973 in der "Giant Sword & Sorcery" - Ausgabe von Comixscene erschien, dann ein Jahr später in einer Standalone - Zeichnung für Band 3 von Savage Tales. (1) Ob man ihn dafür feiern oder verfluchen sollte, muss jede*r für sich selbst entscheiden. In der Folge arbeitete er auch am allerersten Soloabenteuer des She-Devils mit, das im August 1974 unter dem simplen Titel Red Sonja in Band 1 von The Savage Sword of Conan abgedruckt wurde. Es sollten zwei Jahrzehnte vergehen, bis Maroto zu Red Sonja zurückkehren würde, um die Adaption von David C. Smiths und Richard L. Tierneys Roman The Ring of Ikribu für Savage Sword of Conan #230-233 zu zeichnen. Zu dieser Zeit war der Chainmail Bikini aus der Mode gekommen, was Maroto überhaupt nicht gefiel. Wie er in Letter to a Redheaded Goddess schreibt:

They asked me to do a story with you dressed in a steal breastplate and some leather straps, which made you look like a Roman centurion or a transvestite disguised as a drag queen. I'm a contractor who must work for money, so I accepted the job. It was like making love with a street hooker, some episodes I'd rather forget and hope you can forgive me. (2)
Über Marotos Kostümgeschmack (und seine Ausdrucksweise) kann man sicher geteilter Meinung sein, aber dass die Zeichnungen in The Ring of Ikribu tatsächlich von ziemlich mieser Qualität sind, lässt sich nicht leugnen. Savage Sword of Conan lag Mitte der 90er in den letzten Zügen, und das sieht man dem Magazin auch an.
Der optisch beeindruckendste Beitrag, den Esteban Maroto zum Red Sonja - Universum geleistet hat, ist ohne Zweifel der 2018 bei Dynamite erschienene Band The Ballad of the Red Goddess. Exquisite Schwarz-Weiß-Zeichnungen, in denen hier und da einzelne Elemente durch eine blutrote Farbgebung akzentuiert werden. Allerdings ist die von Roy Thomas geschriebene Geschichte ein sehr bewusster Rückgriff auf die "klassische" Ära und wirkt darin beinah wie eine gewollte Provokation. Zum x-ten Mal wird Sonjas Origin Story erzählt, wobei all die fragwürdigen Elemente (Vergewaltigung, Göttererscheinung, "Keuschheitsschwur"), die seit Gail Simones Run (2013-15) aus den Comics verschwunden waren, eine Wiederauferstehung erleben. Das zentrale Motiv von Ballad of the Red Goddess ist die Verwandlung vom "Opfer" zur "Heldin", und bizarrerweise fällt der Höhepunkt dieser Metamorphose mit Sonjas Wahl des Chainmail Bikinis als Rüstung zusammen. So visuell großartig der Band auch ist, hinterlässt die Lektüre deshalb einen etwas unangenehmen Beigeschmack.
Aber genug jetzt von Red Sonja. Denn eigentlich wollen wir heute einen Blick in einen ganz anderen Comic werfen, der in den frühen Tagen von Marotos Karriere entstand, Jahre bevor die hyrkanische Abenteurerin aus dem Stadttor von Makkalet auf die Bühne von Conan the Barbarian stürmte. 
 
Geboren 1942 in Madrid gehörte Esteban Maroto zusammen mit Carlos Giménez zu den Schülern von Manuel López Blanco, dem Gründer der sog. "Escuela de Madrid". Sein erster richtig großer Erfolg war die SciFi-Comicreihe Cinco por Infinito (hierzulande anscheinend als Die Fünf von Terra bekannt), die ab 1967 im Magazin Delta 99 erschien. Wie viele spanische Comics-Künstler der Zeit, arbeitete auch Maroto schon bald stark für den ausländischen Markt. Die Verbindungen wurden u.a. von Joseph Toutains berühmter Agentur Selecciones Illustradas (S.I.) hergestellt, über die er 1971 dann zu Warren Publishing gelangte. (3) Seine Mitarbeit an Creepy, Eerie und Vampirella etablierte ihn in der amerikanischen Szene und führte ihn schließlich auch zu Marvel und DC. Die britische Leserschaft hatte seine Zeichnungen allerdings schon früher kennengelernt -- unter anderem auf den Seiten eines Magazins mit dem verführerischen (aber etwas irreführenden) Titel Dracula.
 
Eigentlich ein spanisches, von dem Verlag Buru Lan de Ediciones herausgebenes Magazin, erschienen die ersten zwölf Ausgaben von Dracula doch auch in englischer Übersetzung bei der New English Library. Gemessen an den Standards britischer Comics jener Zeit, müssen die gerade einmal vierundzwanzig Seiten starken Hefte ein recht ungewöhnlicher, aber auch ziemlich teurer, Spaß gewesen sein. Wie man auf Blimey! nachlesen kann:

With just 24 pages for 13p it was considerably more expensive than other comics. (Most IPC comics were 3p for 32 pages back then, whilst Mighty World of Marvel was 40 pages for 5p.) However this was no ordinary comic. [...] it was full colour throughout (at a time when most British comics were mainly black and white) and was printed on quality paper stock. Dracula was closer in format to the partwork magazines that were increasing in number around that time 
Der Graf selbst hat übrigens nur einen einzigen Auftritt in den Heften, und selbst die Bezeichnung "Horror-Comic" ist eigentlich nicht ganz zutreffend, denn nur ungefähr die Hälfte der abgedruckten Stories lassen sich tatsächlich diesem Genre zuordnen. 
Von wenigen Ausnahmen abgesehen, enthält jede Ausgabe von Dracula vier Geschichten von vier verschiedenen Künstlern. 
Am eigenwilligsten wirkten auf mich dabei die Arbeiten von Enric Sió. In einem eher skizzenhaften Stil gehalten und mitunter beinah völlig auf Text und Dialoge verzichtend, entfalten viele seiner Stories einen wirklich verstörenden Effekt oder sind schlicht bizarr. 
José Beá konzentriert sich stark auf die Figur des okkulten Detektivs Sir Leo Wooldrich, dessen Abenteuer zwar in viktorianischen Zeiten angesiedelt sind, der aber auch -- wie John Coulthart ganz richtig bemerkt -- leichte Anklänge an Michael Moorcocks Jerry Cornelius aufweist. Wofür Zeichenstil und Farbgebung eine nicht unwichtige Rolle spielen. 
In Alberto Solsonas Agar-Agar wird's dann richtig Sixties - psychedelisch, wenn sich eine blauhaarige Hippie-Elfe ("sprite") vom Planeten Xanadu auf eine abenteuerliche Reise zu anderen Welten begibt. Dabei begegnet sie nicht nur allerlei mythischen und phantastischen Kreaturen, sondern auch einem eingebildeten Superhelden, fernsehsüchtigen Marsianern und dem Prinzen aus Schneewittchen. Eigentlich soll es bei ihrer Expedition irgendwie um die Rettung ihres Volkes gehen, aber die fröhlich-freizügige Agar-Agar nutzt den Trip in erster Linie dazu, sich immer neue Liebhaber zu angeln. Alle Gefahren, denen sie auf ihrer Odyssee begegnet, weiß sie mit Klugheit, Witz und Magie zu überwinden. Nebenbei watscht sie dabei die Übel von Kapitalismus und Konsumgesellschaft ab. Für mich stellten die acht Episoden Agar-Agar den absoluten Höhepunkt von Dracula dar. Grund dafür sind in erster Linie die prachtvollen, hübsch bunten und stark psychedelisch angehauchten Zeichnungen. Der ganze Comic wirkt wie ein putziges Zeitfenster in die Swinging Sixties. Sicher gibt's den einen oder anderen Cringe-Moment, wenn die Sexual Politics der Zeit hervorlugen. Doch alles in allem fand ich die Stories amüsant und sympathisch. Und dann ist da noch der historische Kontext. Immerhin entstand Agar-Agar einige Jahre vor dem Ende der Franco-Diktatur. Meine Kenntnisse sind da zwar sehr oberflächlich. So  kam es offenbar in den 60ern selbst unter dem faschistischen Regime zu einer zaghaften Liberalisierung und die Zensur wurde etwas gelockert. Aber die katholische Hierarchie und ihre erzkonservativen Moralvorstellungen (u.a. natürlich auch patriarchale Geschlechterordnung und "Heiligkeit der Ehe") hatten ja immer eine wichtige Rolle im repressiven System des Francoismus gespielt. Vor diesem Hintergrund müssen Hedonismus und fröhliche Promiskuität der Hippie-Elfe noch etwas subversiver und rebellischer wirken.
Den Anfang jeder Ausgabe von Dracula aber bildet eine Episode von Esteban Marotos Sword & Sorcery - Comic Wolff. Und den wollen wir uns jetzt einmal etwas genauer anschauen.
 
Der barbarische Held der Geschichte ist ein klassischer Clonan. Wie groß dabei der Einfluss der frühen Roy Thomas / Barry Smith - Comics war, kann ich nicht beurteilen, aber ganz sicher war Maroto mit den berühmten Frank Frazetta - Covern vertraut. Die Ähnlichkeiten mit dem Cimmerier gehen so weit, dass auch Wolff regelmäßig den Gott Crom anruft, obwohl das im Kontext der Geschichte überhaupt keinen Sinn macht. Auch die Namen anderer Götter des Hyborian Age wie Mitra und Set werden ab und an fallengelassen. Dabei ist das Setting der Geschichte erstaunlicherweise gar keine Kopie der howard'schen Welt. Wie wir gleich zu Anfang erzählt bekommen, lebt Wolff vielmehr in einer postapokalyptischen Zukunft. Die alte Welt ist in einem gewaltigen Kataklysmus, dem "Day of Doom", untergangen, "when the sky itself wept blood". Auch wenn das nie ausdrücklich gesagt wird, sollen wir dabei vermutlich an einen weltweiten Atomkrieg denken. Ein klein wenig erinnert das Szenario an Fred Saberhagens Empire of the East - Bücher. Denn hier wie dort wurden durch das apokalytpische Ereignis die Gesetze der Realität selbst verändert, Magie und phantastische Kreaturen ins Leben gerufen. Allerdings war der dritte Band Changeling Earth, in dem die wahre Natur des 'großen Wandels' ("The Change") enthüllt wird, zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht erschienen. Wie dem auch sei, jedenfalls wandert Wolff durch eine Welt, in der nur sehr wenige Menschen, dafür aber um so mehr Monster zu leben scheinen. Hier gibt's keine stolzen Burgen oder brodelnden Fantasymetropolen, ja nicht einmal eine schmierige Taverne, in der sich ein durstiger Barbar einen hinter die Binde kippen könnte. 
Gleich zu Anfang wird Wolffs Stamm in genreklassischer Weise von den Handlangern der bösen "Witches" (hier als geschlechtsneutraler Begriff verwendet) abgemetztelt. Ziel unseres Helden ist es, seine Ehefrau Bruma, die mit den übrigen Überlebenden in irgendwelche teuflischen Sümpfe verschleppt wurde, zu retten. Diese Queste stellt den übergreifenden Handlungsbogen des Ganzen dar. Tatsächlich jedoch besitzt Wolff einen äußerst episodischen und ziemlich erratischen Charakter. In beinahe jeder Folge trifft der Barbar auf einen neuen Antagonisten (häufig eine Antagonistin!) und darf sich nebenbei noch mit irgendwelchen Monstern herumprügeln. Nur selten wird der Handlungsfaden von einer zur nächsten Episode fortgeführt. Zum Teil erreicht diese sprunghafte Erzählweise geradezu groteske Höhen. So wird unser Barbar zwischendurch mal zu einem Werwolf (!), was im übernächsten Heft dann aber auch schon wieder vergessen ist. Oder er macht sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen "fourth manuscript of Rep-tah", das den Schlüssel zur Vernichtung der "Witches" enthalten soll, findet dieses zwar nie, triumphiert am Ende aber doch über seine diabolischen Widersacher. Ganz krass wird es, wenn Wolff in einem Heft endlich die sadistische, peitschenschwingende Hexe Sadya erschlägt, wir die Gute im nächsten dann aber wieder putzmunter auf ihrem Drachen durch die Gegend fliegen sehen!
Aber um ehrlich zu sein, es ist ohnehin nicht die Story, die die Lektüre von Wolff zu einem Vergnügen macht. Sicher, es gibt zahllose wunderhübsch bizarre Details. So etwa, wenn Wolff sich in Wolfsgestalt mit einer Werwölfin paart. (Trotz seiner angeblich so unsterblichen Liebe zu Bruna hat der Barbar keine Probleme damit, immer wieder kurzlebige sexuelle Beziehungen zu allerlei Hexen, Werwölfinnen & Prinzessinnen einzugehen). Oder wenn ein Zauberer seine Beschwörung mit den Worten schließt: "In long-dead R'lyeh where mighty Rep-tah lies sleeping" (Cthulhu fhtagn!) Oder wenn leichte Zardoz - Vibes aufkommen, als der virile Barbar einem unfruchtbar gewordenen Magiergeschlecht zu einem Nachkommen verhelfen soll.
Alles nett kurios, aber letztenendes sind es Esteban Marotos zum Teil wirklich atemberaubend schöne Zeichnungen, von denen Wolff lebt. Auch hier sind die Einflüsse der Sixties-Psychedelia deutlich spürbar. Allein schon in der Farbgebung. Doch anders als in Solsonas Agar-Agar haftet dem Stil nichts Pop Art - mäßiges an. Vielmehr fühlt man sich an Décadence und Fin de Siècle erinnert. Dazu passt es sehr gut, dass der Barbar auf seiner Queste immer wieder überlebensgroßen Femme Fatales begegnet, von Sadya und der "Sorceress of the Red Mist" über Hohepriesterin Tanit (bei der eindeutig Alphonse Muchas Salammbô als Vorbild diente) und Werwölfin Rulah bis zur göttlichen "Mother of All Waters". Neben diesen grandios in Szene gesetzten Frauengestalten wirkt Möchtegern-Conan Wolff blass und langweilig. Sie und die zum Teil einfach wunderbar bizarr anzuschauende Welt, die sie bevölkern, sind es, was Wolff zu so viel mehr macht als einem schlampig konstruierten Clonan-Comic.

 

(1) Glaubt man Esteban Marotos Bemerkungen im Vorwort zu Ballad of the Red Goddess, so war es eine ausdrückliche Order von Stan Lee, Sonja noch mehr Sex Appeal zu verleihen: "In his own words: 'Show as much skin as possible'"

(2) In: Red Sonja: The Ballad of the Red Goddess. S. 10. 

(3) Über die Geschichte des Verlags habe ich mich im Zusammenhang mit Amazonia schon einmal etwas genauer ausgelassen.

  

Strandgut

Dienstag, 20. April 2021

Strandgut

Sonntag, 18. April 2021

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure

Amazons II, hg. von Jessica Amanda Salmonson

1980 gewann Jessica Amanda Salmonsons im Vorjahr bei DAW Books erschienene Anthologie Amazons! den World Fantasy Award. Ein Zeichen der Zeit? Schließlich wurde die Auszeichnung im selben Jahr in der Roman-Kategorie Elizabeth A. Lynns Watchtower verliehen, dem ersten Teil ihrer Chronicles of Tornor. Und in dem spielen ja zwei lesbische Kriegerinnen eine nicht unwichtige Rolle. In der Tat begannen Anfang der 80er immer mehr Heldinnen in die Gefilde der Sword & Sorcery vorzustoßen. Salmonson hat diese Entwicklung in der Vergangenheit wiederholt ganz unmittelbar auf den von ihr zusammengestellten Sammelband zurückgeführt. So erklärte sie z.B. in einem Interview mit G.W. Thomas, das auf Dark Worlds veröffentlicht wurde:

Before Amazons!, if you looked really hard, you might very occasionally find a sword & sorcery tale with swordfighting women, & nine times out of ten she’d be more of a sex goddess than heroic figure. But after Amazons!, which was extremely well received & topped the Locus list & such like, a veritable floodgate opened, so that soon after Amazon heroic fantasies were practically the dominant form. 
Amazons! fand ohne Zweifel begeisterte Aufnahme in der Szene (beim World Fantasy Award schlug der Band immerhin die erste Thieves' World - Anthologie aus dem Rennen) und hatte einen gewaltigen Einfluss auf die Entwicklung des Genres. Dennoch dürfte der Wandel auch unabhängig davon einfach "in der Luft gelegen" haben. Wie ich in meiner Besprechung der Anthologie dargelegt habe, muss Amazons! vor dem Hintergrund der feministischen Bewegung der 60er/70er gesehen werden, die ihrerseits Teil der sehr viel breiteren rebellischen Massenbewegungen der Zeit war. Dass der damit verbundene gesellschaftliche und kulturelle Umbruch sich irgendwann auch in der Fantasyliteratur widerspiegeln würde, war nur logisch. 
Wie dem auch sei, der Trend ist jedenfalls unverkennbar. So erschienen 1980 u.a. die erste Jaquerel-Story von Janet Fox (How Jaquerel Fell Prey to Ankarrah), Janrae Franks The Hawk That Hunted Lions und In the Darkness, Hunting (Teil ihres Zyklus um Chimquar the Lionhhawk), Phyllis Ann Karrs Roman Frostflower and Thorn sowie der dritte Teil von Lynns Tornor - Chroniken The Northern Girl. Im darauffolgenden Jahr veröffentlichte Ace Books den ersten Band von Jessica Amanda Salmonsons eigener Sword & Sorcery - Trilogie Tomoe Gozen.
 
Ungefähr zur selben Zeit dürfte Salmonson auch an der Zusammenstellung ihrer zweiten Amazons - Anthologie gearbeitet haben, die 1982 erneut bei DAW Books erschien. Mit der wollen wir uns heute ein wenig beschäftigen. Dabei verzichte ich auf jede weitere Einleitung, da ich alles Wichtige bereits im Zusammmenhang mit dem Vorgängerband gesagt zu haben glaube. Erneut hatte ich nur Zugang zur deutschsprachigen Fassung, die 1983 bei Bastei Lübbe unter dem Titel Neue Amazonen-Geschichten veröffentlicht wurde. Die Übersetzung von Eva Eppers hinterlässt allerdings einen sehr viel sorgfältiger gemachten Eindruck als Andrea Dorfmüllers Arbeit am Vorgängerband.
 
* Das Vorwort Art, History, and Amazons (Amazonen in Geschichte und Kunst) enthält diesmal kaum politisch-programmatische Erklärungen. Salmonson beschränkt sich darauf, Beispiele für Amazonengestalten aus der Literaturgeschichte anzuführen (u.a. Camilla aus Vergils Aeneis, Bradamante & Marfisa aus Ariosts Orlando Furioso und Clorinda aus Tassos Gerusalemme liberata) und den wichtigen Beitrag hervorzuheben, den Frauen schon immer zur "Entstehung von phantastischen Abenteuergeschichten" geleistet hätten. Dabei betont sie vor allem deren zentrale Rolle bei der Weitergabe von Märchen und Volksüberlieferungen. Der größte Teil der Einleitung besteht aus einer Aufzählung aller möglichen historischen "Amazonen", von Palmyras Königin Zenobia und Kiews Königin Olga über Alexanders Halbschwester Cynane, die chinesische "Piratenkönigin" Hsi Kai / Ching Shih, Jamaikas Nanny of the Maroons, "La Maupin" Julie d'Aubigny und Running Eagle (Pi'tamaka) bis zu "Nonnen-Shogun" Hōjō Masako und Razia Sultana von Dehli.
 
* For a Daughter (Für eine Tochter) von F. M. Busby: Kurioserweise wird in den einleitenden Bemerkungen davon ausgegangen, Busby sei eine Autorin. Dabei war der zu diesem Zeitpunkt bereits über sechzigjährige Francis Marion "Buz" Busby seit Jahrzehnten eine prominente Figur in der amerikanischen SFF-Szene und von 1974-76 Vizepräsident der SFWA (Science Fiction Writers of America). Keine Ahnung, was da schiefgelaufen ist. Die Novelle selbst gehört jedoch sicher zu den interessantesten Beiträgen in der Anthologie. 
Das Motiv der Kriegerin, die nur mit dem Mann Sex hat, der sie im Kampf besiegt, gehört spätestens seit Marvels Red Sonja zu den Klischees der Sword & Sorcery. Und im Allgemeinen ist das sicher ein eher unangenehmes Klischees. Aus guten Gründen ist es seit 2013 auch aus den Red Sonja - Comics verschwunden. Um so faszinierender ist es, wie Busby eben dieses Motiv auf eine ganz ungewohnte und überraschende Weise verwendet und daraus eine ziemlich komplexe Erzählung webt. 
For a Daughter spielt in einer bronzezeitlich anmutenden Welt, in der die Menschen in kleinen, voneinander unabhängigen Dorfgemeinschaften leben. Unsere Heldin Atla entstammt einer Gemeinde, die ausschließlich aus Frauen besteht. Wenn sie ein entsprechendes Alter erreicht haben, verlassen die jungen Kriegerinnen das Dorf, ziehen durch die umliegenden Lande und fordern vielversprechend erscheinende Männer zu einem Duell heraus. Sollte der Mann obsiegen, schläft die Kriegerin mit ihm. Wird sie im Verlauf des nächsten Monats schwanger, bleibt sie bis zur Geburt des Kindes bei dem Mann. Andernfalls trennen sich die beiden wieder. Töchter, die aus einer solchen Verbindung hervorgehen, werden Teil der mütterlichen Dorfgemeinschaft, Söhne der väterlichen. Im Rahmen der geschilderten Welt macht dieses System durchaus Sinn und hat nichts mit männlich-chauvinistischen Fantasien vom "Zähmen" der "wilden Frau" zu tun. Auch wenn einige der Männer, denen Atla begegnet, das vielleicht schon so sehen. Tatsächlich geht es darum, dem Amazonenstamm möglichst starke Nachkommen zu sichern. Das mutet vielleicht etwas "sozialdarwinistisch" an, kommt mir im Kontext dieser Welt aber nicht unrealistisch vor.
Wirklich interessant wird die Geschichte vor allem durch ihren Antagonisten. Solange Atla und Firalc nach ihrem Zweikampf gemeinsam durch die Lande ziehen, behandelt er sie respektvoll und man bekommt beinah den Eindruck, zwischen den beiden könnte sich ein echtes emotionales Band entwickeln. Die Lage ändert sich drastisch, nachdem sie in seinem Dorf Flusstal angekommen sind und sich herausgestellt hat, dass er in Wahrheit der dortige Häuptling Clarif ist. In Flusstal herrscht eine streng patriarchalische Ordnung und es zeigt sich schon bald, dass Clarif nicht vorhat, Atla nach der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter gehen zu lassen, wie die Regeln es eigentlich vorschreiben. Doch das macht ihn nicht zu einem eindimensionalen Bösewicht. Ohne Frage, er hintergeht sie mehrmals und versucht sie ihrer Freiheit zu berauben. Er hat das blutige Ende verdient, das ihn erwartet. Aber er ist nicht einfach ein chauvinistisches Monster. Seine Motivation ist es nicht, sie zu einem "gefügigen Eheweib" machen zu wollen. Wie wir erfahren, stammte er ursprünglich aus einer weit entfernten Region, in der ein größeres Reich existiert hatte, das unter dem Ansturm von Reiternomaden zusammengebrochen ist. Nun träumt er davon, die Dorfgemeinden des Umlandes unter seiner Führung zu vereinigen und ein ähnliches Reich zu schmieden. Er glaubt, dass er dieses Ziel nur erreichen kann, wenn er seine gesamte Dorfgemeinschaft in einen Heerhaufen verwandelt – einschließlich der Frauen. Atla soll deren Ausbildung übernehmen. Dabei übersieht er allerdings völlig, dass sich zuerst einmal die gesellschaftliche Stellung der Frauen in Flusstal radikal verändern müsste, wenn diese Kriegerinnen wie Atla werden sollen. Clarifs unterwürfig-verängstigt-eifersüchtige Ehefrau Thyris demonstriert recht plastisch den Typ Frau, der durch die patriarchalische Ordnung von Flusstal geformt wurde. Kriegerinnen könnten sich nur in Rebellion gegen dieselbe herausbilden.         
 
* Tochter der Kriegsgöttin (The Battle Crow's Daughter) von Gillian Fitzgerald: Die Geschichte spielt im Irland des 9. Jahrhunderts,  einige Jahrzehnte nach der Gründung der ersten Wikingersiedlungen auf der Grünen Insel. Um einen langen und blutigen Krieg zu beenden, verheiratet ein irischer Häuptling seine Tochter Maeve mit dem jüngeren Sohn des Dänenhäuptlings Torvald. Obwohl sie davon nicht gerade begeistert ist, fügt sie sich pflichtbewusst in diese Ehe und versucht das Beste daraus zu machen. Unglücklicherweise ist Harald Torvaldson ein grober Klotz, der keinen Hehl daraus macht, wie sehr er die ihm aufgezwungene Gattin verachtet. Um den Ausbruch eines neuerlichen Krieges zwischen den beiden Volksgruppen zu verhindern, erträgt die stolze Maeve alle Respektlosigkeiten ihres Gemahls, weiß dabei aber stets, ihre Würde zu wahren. So setzt sie gegen Haralds Willen ihr regelmäßiges Fechttraining mit dem alten Krieger Hrolf fort. Doch nach dem Tod von Torvald eskaliert die Lage und schließlich ist ein Punkt erreicht, an dem Maeve die permanenten Kränkungen nicht länger ertragen kann und beschließt, zu ihrem Volk zurückzukehren. Als sie im Wald auf ein verlassenes Heiligtum der Morrigu stößt und spontan ein Gebet an die alte Göttin sendet, eröffnet ihr diese eine Möglichkeit, sich an Harald zu rächen, ohne einen Krieg auszulösen.
Ein klein wenig schwingt in dieser Geschichte die zu jener Zeit sehr populäre Vorstellung mit, Frauen hätten in der altirischen Gesellschaft einen überraschend egalitären Status genossen. Was zumindest umstritten ist. Andererseits hat mich etwas verwundert, warum Harald die Idee von bewaffneten Frauen für derart "widernatürlich" hält. Was ist mit den "Schildmaiden"? Aber letztlich sind solche historischen Fragen nur von untergeordneter Bedeutung. Denn erfreulicherweise stellt The Battle Crow's Daughter das ganze nicht als einen Konflikt zwischen zwei Kulturen dar, von denen dann die eine das "gute" Matriarchat, die andere das "böse" Patriarchat vertreten würde. Der alte Torvald etwa behandelt seine Schwiegertochter stets mit Respekt und Hochachtung. Nicht anders sein älterer Sohn Ingvar, der gegen Ende der Geschichte von einer langen Wikingfahrt zurückkehrt. Das Problem liegt nicht in einem unauflösbaren Gegensatz zwischen zwei Völkern, sondern in dummen, brutalen und eingebildeten Männern wie Harald, der Maeve darin nur zu sehr an ihren eigenen Bruder erinnert.      
   
* Southern Lights (Südlichter) von Tanith Lee: Die Geschichte ist eine Art Fortsetzung zu Northern Chess, Tanith Lees Beitrag zur ersten Amazons - Anthologie. In einem Anfall von Heimweh hat sich die fahrende Ritterin Jaisel zurück in die Südlande begeben. Doch muss sie sehr schnell feststellen, dass man ihr dort wie ehedem bloß mit Spott und Feindseligkeit begegnet. "Alles in allem, was sich in dem Land nicht hätte ändern sollen, hatte sich geändert. Was sich besser geändert hätte, war sich gleich geblieben." Also zieht sie eher ziellos immer weiter hinauf in das Gebirge im Süden, obwohl der Winter hereingebrochen ist und sie besser Ausschau nach einem Unterschlupf für die kalte Jahreszeit halten sollte. Schließlich muss sie einsehen, dass es wohl an der Zeit ist, umzukehren, als in der Dämmerung des hereinbrechenden Abends plötzlich unzählige Lichter aufflammen, die sich als die Fenster einer kleinen Stadt entpuppen. Dort wird offenbar gerade ein Fest – die "Lichter-der-Engel-Nacht" – gefeiert. Aber für Jaisel öffnet sich keine Tür und es scheint nicht einmal ein Gasthaus zu geben. Doch dann begegnet sie am Dorfbrunnen einer wunderschönen jungen Frau, die sie überraschenderweise dazu einlädt, die Nacht im Haus ihres Vaters, des Gelehrten Parrivot, zu verbringen. Vielleicht noch seltsamer ist allerdings, dass Ghisanne nicht zu realisieren scheint, dass Jaisel eine Frau ist. Unsere Heldin tut gut daran, auf der Hut zu bleiben. Es erwarten sie ein Alchimist mit Glasaugen, magische Automaten, verdächtige Geräusche aus dem Dachgeschoss und die Einladung, das Bett mit der Tochter des Hauses zu teilen.
Ich habe noch nichts von Tanith Lee gelesen, was mich enttäuscht hätte. Und Southern Lights bildet da keine Ausnahme. Sehr ansprechend fand ich es, dass Jaisel von keiner der Wendungen in der Story wirklich überrumpelt wird. Sie ist gedanklich stets genauso weit wie ein aufmerksam Lesender. Hinzu kommt ein guter Schuss E.T.A. Hoffmann, eine ziemlich düster-traurige finale Enthüllung und der hübsche Satz: "In einer Welt, wo die meisten Frauen nicht besser sind als Puppen, mag eine Puppe als Mensch gelten. Aber eines Tages, alter Mann, eines Tages ..."        
 
* Zroya's Trizub (Zroyas Trizub) von Gordon Derevanchuk: In ihren einleitenden Bemerkungen beklagt Jessica Amanda Salmonson, dass ein Gutteil aller Fantasygeschichten immer noch in schlampig recherchierten und klischeehaften pseudo-westeuropäisch-mittelalterlichen Settings angesiedelt seien. Als positives Gegenbeispiel nennt sie Charles R. Saunders' phantastisch-afrikanisches Nyumbani. Gordon Derevanchuk seinerseits habe auf seine slawischen Wurzeln zurückgegriffen, um uns "Welten, Themen und Personen von ungewöhnlicher Tiefe und Glaubwürdigkeit vorzustellen." 
In der Tat sind die aus slawischen Mythen, Märchen und Heldenepen entlehnten Elemente sicher das Interessanteste an Zroya's Trizub. Allerdings geht Derevanchuk bei deren Präsentation nicht immer besonders geschickt vor. Man nehme z.B. folgenden Absatz:
Die frühesten Fabeln und Legenden Antyas sind voller seltsamer und wunderbarer Gestalten. Zu den am meisten ehrfurchtgebietenden dieser überlebensgroßen Helden gehörten die weiblichen Krieger, die man unter dem Namen Polyanitzas kannte. Sie waren den männlichen Kriegern der Sagen, den Bogatyrs, ebenbürtig und manchmal sogar überlegen. Sie waren übermenschlich. 
Dieser Einschub folgt dem furchterfüllten Aufschrei "Polyanitza!", den eine Schar von "Waldtrollen" (Lisovyki) ausstößt, die gerade von unserer Heldin abgemetzelt wird.
Dass der Autor es für nötig hielt, seiner Leserschaft die aus der altrussischen Heldenepik stammenden Begriffe "Polyanitza" und "Bogatyr" zu erklären, ist nachvollziehbar. Dennoch macht dieser Absatz, der wie ein Auszug aus einem Lexikon über slawische Folklore wirkt, mitten in einer blutig-dramatischen Kampfszene einen etwas ungelenken Eindruck.
Auch könnte der Umstand, dass Heldin Tindira wiederholt als "Zigeunerin" bezeichnet wird, auf heutige Leser*innen irritierend wirken. Allerdings ist die Geschichte frei von antiziganistischen Klischees. Tindiras Volkszugehörigkeit dient ausschließlich dazu, ihren Außenseiterinnenstatus zu unterstreichen.
Die Erzählung selbst ist eine ziemlich typische Rachegeschichte, die sich allerdings durch einige besonders finstere und verstörende Elemente auszeichnet. Als die schwangere Tindira eines Abend einer Horde "Lisovyki" in die Hände fällt, schneiden diese in einer Opferzeremonie zu Ehren des dämonischen "Chernobog" ("Schwarzer Gott") das ungeborene Kind aus ihrem Leib und foltern es über Stunden zu Tode. Die junge Frau überlebt die grausige Tortur und begegnet wenig später einer Baba Yaga (inklusive klassischem "Haus-auf-Hühnerbeinen"). Die alte Hexe bietet Tindira eine Möglichkeit zur Rache an, für die sie freilich einen nicht genauer definierten "Preis" wird zahlen müssen. Ohne zu zögern macht sich unsere Heldin auf, den Dreizack der Zroya (alternativer Name der altslawischen Göttin Zorya) zu erringen. Nach einer Auseinandersetzung mit einem "Vodyanik" kehrt sie so bewaffnet in den Wald der "Lisovyki" zurück und richtet ein furchtbares Blutbad unter ihnen an, wobei im Kampfesrausch die Kräfte einer "Polyanitza" in ihr erwachen. Die Geschichte endet auf einer weiteren verstörenden Note, als Tindira nach dem Vollzug ihrer Rache zur Hütte der Baba Yaga zurückkehrt und sich zeigt, wie der "Preis" aussieht, den sie zu zahlen hat.
Die Wahl eines Dreizacks als Waffe der Heldin mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen. Meines Wissens nach gibt es dafür keine Vorbilder in der slawischen Heldenepik. Doch der "Tryzub" ist ein wichtiges Symbol des ukrainischen Nationalismus, das auf (vermutlich falsch interpretierte) Siegel aus der Ära der Kiewer Rus zurückgeht. Es wurde sowohl von der antibolschewistischen "Ukrainischen Volksrepublik" (1918/19) als auch von der faschistischen OUN-M der 40er Jahre benutzt. Ob seine Verwendung in der Story als ein Hinweis auf Gordon Derevanchuks politische Überzeugungen gedeutet werden muss, sei dahingestellt.   
 
* The Robber Girl (Das Räubermädchen) von Phyllis Ann Karr: Heldin dieser Geschichte ist das Räubermädchen aus Hans Christian Andersens Die Schneekönigin, das dort bloß eine Nebenfigur gewesen war. Nun muss ich zugeben, dass ich mit Andersens Werk nur unzureichend vertraut bin. Wenn es um Kunstmärchen des 19. Jahrhunderts geht, ist und bleibt mein Favorit Hauff mit seinen Sammlungen Die Karawane, Das Wirtshaus im Spessart usw. Darum kann ich auch nicht sagen, ob Phyllis Ann Karrs Story – über einige nebenbei fallen gelassenen Bemerkungen der Ich-Erzählerin  hinaus – irgendwelche direkten Anspielungen auf Andersen enthält. Auf jedenfall ist sie in einem hübsch märchenhaften Ton gehalten. Der allerdings mit einer ordentlichen Prise Ironie gewürzt ist, denn unser Räubermädchen ist nicht unbedingt die klassische Märchenheldin. 
Nachdem sie einen reichen Reisenden um sein Pferd und seine Geldbörse erleichtert hat, wird sie den Großteil ihrer Beute schon in der nächsten Ortschaft beim Kartenspiel mit drei honorigen Bürgern wieder los. Doch während man reichlich "rotem Wein und braunem Schnaps" zuspricht, erzählen die Drei vom "Palast der Ewigen Freude", der sich ganz in der Nähe auf einer magischen Insel befinden soll. Also macht sich unsere Heldin unverzüglich auf, um die dort lebenden unsterblichen Aristos auszuplündern. Insel und Palast werden in guter Märchenmanier von drei Schwänen, drei Hunden und drei Hähnen bewacht. Kein Problem für unser gewitztes Räubermädchen. Dumm bloß, dass sie beim Plündern vom örtlichen Prinzen überrascht wird. Während des folgenden Handgemenges schießt sie mit ihrer Pistole ein Loch in die magische Kristallkuppel, die wie eine Käseglocke über dem Palast liegt, und verschafft damit dem Tod Zugang. Allsogleich haucht der arme Prinz sein Leben aus. Dass sich das Räubermädchen nach einigem hin und her schließlich aufmacht, den Prinzen aus dem Totenreich zurückzuholen, hat wenig mit Edelmut oder einem schlechten Gewissen zu tun:    
Ich überdachte die Angelegenheit, während ich meinen Frühstücksspeck briet. Die Graue Burg des Todes war bestimmt recht interessant anzusehen und gut geeignet, um später damit zu prahlen. Und wenn mein blasses Gretchen losziehen konnte, um ihren albernen Karl vor der Schneekönigin zu retten, konnte ich ja wohl den närrischen Prinzen von der verzauberten Insel dem Tod abjagen.
Ein magischer Rubin, den sie aus dem Palast entwendet hat und der alle Sinneswahrnehmungen übernatürlich verschärft, erweist sich bei dieser Queste als äußerst nützlich – besitzt aber auch seine Nachteile: So reitet sie sich z.B. den Arsch wund, als sie ihn eine Zeit lang in der Hosentasche trägt ... Alles in allem ist The Robber Girl ganz sicher – "Schnipp-Schnapp-Schnuff!" – einer der charmantesten Beiträge zu der Anthologie.

* Lady of the Forest End (Lady vom Ende des Waldes) von Gael Baudino: In ihrer Einleitung vergleicht Jessica Amanda Salmonson die Story mit Jack Vance und Fritz Leiber, was die Verbindung des "Dramatischen mit dem Komischen" angehe. Das scheint mir zwar etwas hochgegriffen und wir werden in dieser Anthologie noch auf eine Kurzgeschichte stoßen, der das meiner Ansicht nach besser gelungen ist. Aber unterhaltsam ist es ganz sicher, die Kriegerin Avdoyta auf ihrer Fahrt zum Palast der Zauberin Cynthia von den Leuchtenden Bergen zu begleiten, der sie ein magisches Medaillon zurückgeben will, das diese ihrem Liebhaber verliehen hatte, der sein Leben auf der Klinge unserer Heldin ausgeröchelt hat. Ihr nicht ganz freiwillige Begleiter ist dabei der Magiermönch Monmouth. Trotz einiger netter Szenen, wie dem ersten Auftritt der leidenschaftlichen Gärtnerin Cynthia in ihrem riesigen Treibhaus oder Monmouths Bemühungen, bei der Flucht einen Sarg mit kostbaren Reliquien mitzuschleppen, hinterlässt die Story keinen tieferen Eindruck. Amüsant, aber eben auch nicht mehr.    
 
* The Ivory Comb (Der Elfenbeinkamm) von Eleanor Arnason: Ganz anders schaut es da mit Eleanor Arnasons Beitrag aus. Für mich ist The Ivory Comb einer der absoluten Höhepunkte von Amazons II. Und das vor allem, weil es der Autorin beinah perfekt gelungen ist, Ton, Inhalt und Sprache eines authetischen Volksmythos nachzuahmen. 
Dass es sich bei den Bewohnern ihrer Welt zwar eindeutig um Menschen handelt, ihre Körper jedoch offensichtlich fellbedeckt sind, ist zwar bloß ein nebensächliches Detail, verleiht dem Ganzen aber trotzdem einen ganz eigenen Touch. 
Hoch im Norden lebt eine Alte Frau, deren Zelt im Himmel steht. Täglich kämmt sie ihr Fell, und dabei purzeln aus diesem all die Tiere auf die Erde herab, so dass diese stets voller Leben bleibt und die Jagdbeute nie ausgeht. Doch eines Tages entwendet "Unheilsstifter", ein übelwollender Trickstergott, ihren Elfenbeinkamm und Hunger und Elend kommen über das Volk. Und so muss sich "Seilmacher", selbst wahrscheinlich eine der Töchter von "Unheilsstifter", in den Norden aufmachen, um die Ordnung wieder herzustellen.
Sehr gut gefallen hat mir auch, dass The Ivory Comb jene Deftigkeit und Unverklemmtheit besitzt, durch die sich viele authentische Volksüberlieferungen auszeichnen. So versteckt sich "Unheilsstifter" mit dem gestohlenen Kamm zwischenzeitlich in der Vagina der Alten Frau. Und der Trick, auf den "Seilmacher" verfällt, um ihn da raus zu bekommen, ist gleichfalls nichts für prüde Gemüter.  
 
* The Borders of Sabazel (Die Grenzen von Sabazel) von Lillian Steward Carl: Ich fürchte, zu dieser Story habe ich nur wenig zu sagen. Angesiedelt in einem pseudohistorischen Kleinasien, erzählt sie von dem Bemühen der Amazonenkönigin Danica, die Unabhängigkeit ihres Reiches Sabazel zu bewahren, indem sie ein Bündnis mit dem "Welteroberer" Bellasteros schließt, der sehr deutlich Züge Alexanders des Großen trägt. Sie bietet ihm ihre Hilfe bei der Erstürmung einer vermeintlich uneinnehmbaren Festung an und gewinnt im Laufe dieser Kampagne allmählich den Respekt des Herrschers. 
Ich habe nicht wirklich etwas an der Story auszusetzen. Sie ist kompetent geschrieben und auch die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren ist nicht ohne Reiz. Aber zumindest aus heutiger Sicht wirkt sie einfach nicht besonders originell. Bei Erscheinen der Anthologie mag das freilich noch anders ausgesehen haben, und tatsächlich bildete die Kurzgeschichte den Startpunkt für eine spätere Sabazel - Romanserie.
 
* Who Courts A Reluctant Maiden (Der Widerspenstigen Rache) von Ardath Mayhar: Im Vergleich zu Lady of the Forest End scheint mir in Ardath Mayhars Geschichte die Verbindung von Humor und Abenteuer sehr viel besser gelungen. Das liegt vor allem an der äußerst sympathischen Hauptfigur und Ich-Erzählerin. Die zwei Meter große Grittel Sundotha, mit Schultern und Muskeln, die "auch einen Schmied neidisch machen könnten", ist jemand, dem man nicht krumm kommen sollte. Denn wenn ihr Zorn einmal geweckt ist, bleibt kein Auge trocken. Mit einer bemerkenswerten Unbekümmertheit wandert sie durch eine recht grausame Welt und scheint vor nichts und niemandem Angst zu haben. Dabei verfügt sie über einen scharfen Gerechtigkeitssinn, der Hauptgrund dafür gewesen sein dürfte, dass ihre Eltern sie irgendwann vor die Tür gesetzt haben.
Nun bin ich meistens ziemlich friedfertig, meistens. Allerdings habe ich eine Eigenart, die meine Mutter wild machte. Ungerechtigkeit bringt mein Blut zum Kochen, und ich habe das Bedürfnis, alle die zu verprügeln, die sich ihrer schuldig machen. Tatsächlich gibt es Menschen in der Burg meines Vaters, die meine Faust oder meinen Stock zu spüren bekamen, weil sie ihre Frauen oder Kinder schlugen. Vielleicht war dies der Grund, dass mein Vater schließlich meiner Mutter erlaubte, mich fortzuschicken, obwohl er den Verlust meiner Arbeitskraft auf den Feldern bedauerte.
Es ist vor allem ihr Charakter und ihre Erzählstimme, die der Geschichte etwas wunderbar humoriges verleihen. Denn eigentlich ist nichts spaßiges an der Situation, die Grittel in Burg Kranold vorfindet, als sie sich dort für etwas "ehrliche Arbeit" verdingen will. Der örtliche Westentaschendespot Lord Darin ist nicht nur ebenso lüstern wie sadistisch, sondern ein regelrechter Dämonenbündler. Was unsere Heldin nicht davon abhält, alsbald wüste Kinnhaken zu verteilen. Zwar landet sie für kurze Zeit in der Folterkammer des fiesen Feudalherren, aber auch schmiedeeiserne Ketten können eine Grittel Sundotha nicht lange aufhalten. Erst recht nicht, wenn sie aus Bequemlichkeitsgründen nur von minderer Qualität sind:
Sekunden später hing ich an Hand- und Fußgelenken an der Wand seiner Folterkammer, die er sich aus Bequemlichkeitsgründen in einer fensterlosen Spülküche, in der Nähe seines Schlafzimmers eingerichtet hatte. [...]Die Küche war nicht so fest gebaut, wie eine wirkliche Folterkammer. Als ich meinen Unterarm anspannte, bewegten sich die Bolzen in dem alten Mörtel zwischen den Steinen.

Und so bekommt am Ende nicht unsere Heldin, sondern Lord Darin die Peitsche zu spüren. Nachdem sie noch einen "Staring Contest" mit dem Dämonen Azatoth (!) gewonnen und ein paar Gefolgsleute des bösen Lords vermöbelt hat, befreit sie die Sklavinnen von Burg Kranold und zieht lächelnd weiter ihres Weges. 

* The Soul Slayer (Der Seelenräuber) von Lee Killough: Dies war für mich die schwächste Geschichte der Anthologie. Der Plot ist denkbar simpel: Heldin macht sich auf, den von einem Warlord gefangen genommenen Ehemann zu befreien – Sie dringt in das Lager der bösen Horde ein – Es kommt zur Konfrontation mit dem Oberbösewicht – Nach einigem hin und her erschlägt sie ihn – The  End. Weder die Heldin, noch der Warlord sind besonders interessante Charaktere. 
Doch mein Hauptproblem liegt woanders: Die Ruinen eines postapokalyptischen New York als Setting hatten bereits zu dieser Zeit eine lange Tradition in der amerikanischen Science Fiction: Angefangen bei J.A. Mitchells The Last American (1889) über Nelson S. Bonds Magic City (1941) bis zu Comics wie Mighty Samson (ab 1964) oder Filmen wie Beneath the Planet of the Apes (1970). Das Problem bei The Soul Slayer ist nun, dass man beim Lesen gar nicht realisieren wird, dass das tabubehaftete Gol Manaan, in dessen Ruinen die böse Horde ihr Lager aufgeschlagen hat, das ehemalige Manhattan sein soll. Denn wer an New York denkt, denkt natürlich an Skyscraper. Doch die zerfallenen Gebäude von Gol Manaan werden nie als "titanisch" beschrieben. Und so stellt sich auch keine entsprechend unheimlich-verstörende Atmosphäre ein. Warum dann aber überhaupt dieses Setting? Das einzig interessante Motiv, dass Lee Killough dem postapokalyptischen Szenario abgewinnt, ist das Tabu gegenüber Eisen. Denn dieses Metall wird mit der industriellen Welt der Vergangenheit und ihrem Untergang identifiziert. Es gilt deshalb als "teuflisch" und eiserne Waffen im wahrsten Sinne des Wortes als "Seelenräuber".     

* Nightwork (Nachtarbeit) von Jo Clayton: Beinah das genaue Gegenteil gilt von Nightwork. Hier ist es gerade das Worldbuilding, das einen Gutteil der Qualität der Story ausmacht. Auch wenn vieles nur angedeutet wird, bekommt man beim Lesen doch das Gefühl einer sehr komplexen und faszinierenden Welt, durch die sich unsere Heldin Yassim – eine Mischung aus wandernder Kriegerin, Priesterin und Zauberin – bewegt: Die fremdartigen Vierlo-Reittiere; die Szenerie weiter Getreidefelder, durch die sich eine Dammstraße zieht; eine "Alte Religion", die verstärkt Verfolgungen ausgesetzt ist; eine Feudalordnung, die aus der Eroberung des Landes und der Unterwerfung seiner Urbevölkerung erwachsen ist; streng geometrisch angelegte Festungen, von denen aus despotische Grundbesitzer über die Bauernschaft herrschen usw. Die eigentliche Handlung erzählt davon, wie unsere Heldin ihre offizielle Mission für eine Nacht unterbricht, um die junge Tochter einer Bäuerin aus der Festung des lokalen Feudalherren zu befreien, dessen Sohn seinen unangreifbaren Status dazu ausnutzt, seinen pädophilen Gelüsten nachzugehen. Ich habe keine Ahnung, ob Jo Clayton später noch einmal in diese Welt zurückgekehrt ist, aber ich hätte nichts dagegen, Yassim noch auf ein paar weiteren Abenteuern zu begleiten.

* In the Lost Lands (Das verlassene Land) von George R. R. Martin: "Man kann alles, was man sich je wünschen mag, bei Alys der Grauen kaufen. Aber es ist besser, dies nicht zu tun." 
Die Anthologie schließt auf einer sehr starken Note. Lady Melange wünscht sich die Fähigkeit, Wolfsgestalt annehmen zu können. Die Graue Alys hat noch niemanden abgewiesen, und so schickt sie auf mysteriösen Wegen Botschaften in alle Welt. Es dauert nicht lange und der geheimnisvolle Boyce taucht bei ihr auf. Der Jäger mit dem schlohweißen Haar behauptet, sie zu einem Werwolf führen zu können, der im Verlassenen Land jenseits des Gebirges lebt. Gemeinsam machen sich die beiden auf den Weg. Doch sowohl Boyce als auch die Graue Alys sind mehr, als sie zu seien scheinen. Und zumindest für einen von ihnen wird diese Reise ein äußerst grausiges Ende nehmen.
George R.R. Martins Kurzgeschichte lebt in erster Linie von ihrer düsteren Atmosphäre, die ganz der Szenerie des Verlassenen Landes entspricht, in das das Paar vorstößt:
Von Zeit zu Zeit sahen sie eine Gruppe von Bäumen, die knorrig und verdreht in den Himmel ragten, die Früchte an ihren Ästen waren indigoblau und hatten einen eigenartigen Schimmer. Dann wieder schauikelten sie durch einen seichten Bach, aber niemals war das Wasser mehr als knöcheltief. An manchen Stellen überzogen weiße Flechten die unfruchtbare graue Erde. Aber all das war selten. Zumeist gab es nur Leere, die trostlose tote Ebene auf allen Seiten und den Wind. Der Wind war schrecklich in dem Verlassenen Land. Er wehte unablässig und war kalt und bitter, und manchmal roch er nach Asche, und manchmal heulte und kreischte er, wie eine arme, auf ewig verdammte Seele.  
Und doch besitzt diese Ödnis mitunter eine merkwürdige Schönheit. Vor allem, wenn des Nachts das Nordlicht über dem Horizont aufflammt. 
Und wie das Land, so auch die beiden Protagonisten. Kalt und mitleidlos, doch zugleich von einer tiefen Melancholie und einer gefährlichen Leidenschaft erfüllt.  

Alles in allem ist Amazons II ähnlich lesenswert wie der Vorgängerband und bietet einen guten Einblick in die Zeit der frühen 80er, als immer mehr Heldinnen die vermeintlich so "männlichen" Gefilde der Sword & Sorcery zu bevölkern begannen. Auffällig ist allerdings, dass die Anthologie keine Beiträge enthält, die ähnlich experimentell anmuten würden wie Josephine Saxtons quasi-surrealistische Jaine Saint's Travails in Amazons! Man hat das Gefühl, dass die Zeiten des New Wave - Avantgardismus endgültig vorbei sind. Die stilistische Bandbreite der hier versammelten Geschichten ist immer noch recht groß, hält sich aber doch in einem sehr viel klarer abgesteckten Rahmen. 

 

Freitag, 2. April 2021

Strandgut