"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Donnerstag, 27. Februar 2014

Viermal Monty (II)


#3 The Treasure of Abbot Thomas (1974)
(Literarische Vorlage - Vgl.: Episode 8 von A Podcast to the Curious)

Wenn die Unterschiede zwischen literarischer Vorlage und filmischer Adaption bei Lost Hearts den Kern der Geschichte kaum berührten, kann selbiges nicht über die ein Jahr später ausgestrahlte Version von The Treasure of Abbot Thomas gesagt werden, für die John Bowen das Drehbuch geschrieben hatte. {Eine  Aufgabe, die er auch bei The Ice House [1978], der allerletzten klassischen Ghost Story for Christmas, übernehmen sollte.} Nicht nur sind die Abweichungen hier sehr viel umfangreicher, sie sind substanzieller Natur. Im Grunde erzählen Bowen und Regisseur Lawrence Gordon Clark eine völlig neue Geschichte, für die die Story von M.R. James lediglich das Gerüst geliefert hatte. Diese Feststellung darf jedoch nicht als Urteil missverstanden werden. Adaptionen literarischer Werke dürfen sich meiner Ansicht nach beliebig weit von ihren Vorlagen entfernen, solange sie selbst eine interessante Geschichte auf gelungene Weise erzählen. Und das trifft auf The Treasure of Abbot Thomas ohne Frage zu.
Von Montys Story übriggeblieben ist nicht viel mehr, als dass es auch in dem Film um die Suche nach einem Schatz geht, den Abt Thomas im 16. Jahrhundert auf dem Grund seines Klosters versteckt hat, nicht ohne verschlüsselte Hinweise auf den Aufbewahrungsort in einer Gruppe von Glasmalereien zu hinterlassen.
Doch bereits der Inhalt dieser kodierten Botschaft ist im Film ein anderer als bei James. Stellen besagte Malereien bei ihm Hiob, den Evangelisten Johannes und den Propheten Sacharja dar, so besteht die Gruppe hier aus Bartholomäus, Judas, Simon und Matthäus, und auch die ihnen zugeordneten Schriftzüge sind zum Teil andere. Grund für diese Veränderungen war wohl, dass der Aufbewahrungsort des Schatzes im Film kein Brunnen sein konnte, da man über keinen entsprechenden Drehort verfügte. Doch so nebensächlich diese Abweichung auch erscheinen mag, sie ist die einzige, die mich wirklich gewurmt hat. Bei James sind den Figuren abgewandelte Zitate aus den entsprechenden biblischen Büchern zugeordnet. Ein Detail, das angesichts des veränderten Ensembles natürlich nicht beibehalten werden konnte. Doch solche antiquarischen, oft mediävistischen Elemente, die sich in vielen der Stories von M.R. James finden, tragen für mich sehr stark zu deren Reiz bei. Sie verleihen den Erzählungen so etwas wie historische Tiefe und Authentizität. Ein Eindruck, der durch die willkürliche Zuordnung von Sprüchen und Figuren zerstört wird. Ein zugegeben kleinerer, aber ich denke nicht ganz unwichtiger Kritikpunkt.
Nachdem das aus dem Weg wäre: Um was genau geht es in The Treasure of Abbot Thomas? – Versuchen wir es möglichst knapp zusammenzufassen: Unser Protagonist ist Reverend Justin Somerton (Michael Bryant). Trotz seines geistlichen Standes ist der Oxford-Don ein überzeugter Rationalist. So bereitet es ihm offenbar großes Vergnügen, ein Spiritisten-Ehepaar, das sich bei der Mutter seines aristokratischen Schülers Peter (Paul Lavers) eingenistet hat und deren Trauer um ihren verstorbenen Gatten ausbeutet, als Scharlatane zu entlarven. Als er in einem alten Codex einen Hinweis auf den Schatz des Abtes Thomas und bald darauf in einer benachbarten Kapelle auch die dazugehörigen Glasmalereien entdeckt, macht er sich zusammen mit Peter daran, das jahrhundertealte Rätsel zu lösen. Welche Motive ihn dabei antreiben, scheint ihm selbst nicht ganz klar zu sein. Peter, der im Laufe der Unternehmung eine zunehmend ironische, mitunter beinah spöttische Haltung gegenüber seinem Mentor einnimmt, spielt mehr als einmal auf den ungeheuren Reichtum an, den der Schatz darstellen muss. Somerton weist die Vorstellung, er könnte ein profaner "Schatzjäger" sein, zwar empört von sich, doch je näher die beiden der Lösung kommen, desto stärker wird offensichtlich auch seine Gier. Schließlich schleicht er sich nachts und allein in den unterirdischen Tunnel, in dem Thomas seine Reichtümer versteckt hat. Er hätte die Warnung des Abtes vor einem Wächter, den dieser über das Gold eingesetzt habe, wohl besser ernst nehmen sollen ...
Das Motiv des Skeptikers, der mit dem Übernatürlichen konfrontiert wird, ist nicht eben neu, und man mag sich fragen, warum Bowen und Clark es in ihre Adaption von The Treasure of Abbot Thomas  eingebaut haben. Fügt es der Geschichte irgendetwas Essenzielles hinzu? Ich denke ja. {Auch wenn man sich fragen kann, ob die Séance-Szenen nicht etwas zu viel Platz in dem gerade einmal 36 Minuten langen Film einnehmen.} Zum einen wird dadurch noch verständlicher, warum Somerton durch seine Begegnung mit dem "Wächter" offensichtlich an den Rand des Wahnsinns getrieben wird, zertrümmert sie doch sein ganzes bisheriges Weltbild. Zum anderen wird uns auf diese Weise demonstriert, dass eine skeptisch-"aufklärerische" Einstellung nicht automatisch auch eine höhere Moral bedeutet. Wenn Somerton die "Medien" entlarvt, wirkt dies – trotz der selbstverliebten Arroganz des Skeptikers – erst einmal sympathisch, schließlich haben die beiden auf skrupellose Weise den Schmerz einer Witwe ausgenutzt. Doch im weiteren Verlauf des Filmes zeigt sich sehr schnell, dass der rationalistische Reverend in seinem eigenen Verhalten alles andere als frei von niederen Beweggründen ist.
Michael Bryant muss ein großartiger Schauspieler gewesen sein. Auf der Bühne gab er u.a. den Teddy in der Premiere von Harold Pinters The Homecoming (1965). Seine berühmteste Filmrolle dürfte Matthieu in der BBC-Adaption von Sartres Les chemins de la liberté (The Roads to Freedom [1970]) gewesen sein. Fans des Phantastischen mögen ihn am ehesten aus Nigel Kneales The Stone Tape (1972) kennen. In The Treasure of Abbot Thomas brilliert er in der Rolle eines Mannes, der sich selbst für einen überlegenen Intellektellen hält, in Wahrheit jedoch von dem banalen Verlangen nach Reichtum zu immer manischerem und unüberlegterem Verhalten getrieben wird, nur um am Ende einen völligen psychischen Zusammenbruch zu erleiden.
Aber auch wenn The Treasure of Abbot Thomas in meinen Augen vor allem ein Film über intellektuellen Hochmut und profane Gier ist, handelt es sich in erster Linie natürlich nicht um eine Charakterstudie, sondern um eine Geistergeschichte – und zwar um eine ziemlich effektvolle.
Eine gelungene Geistergeschichte zeichnet sich nach M.R. James u.a. durch folgende Charakteristika aus:
[T]wo ingredients most valuable in the concocting of a ghost story are, to me, the atmosphere and the nicely managed crescendo. I assume, of course, that the writer will have got his central idea before he undertakes the story at all. Let us, then, be introduced to the actors in a placid way; let us see them going about their ordinary business, undisturbed by forebodings, pleased with their surroundings; and into this calm environment let the ominous thing put out its head, unobtrusively at first, and then more insistently, until it holds the stage.
Der Film hält sich ziemlich genau an diese beiden Regeln. Beim Heraufbeschwören der richtigen Atmosphäre beweisen Clark und Kameramann MacGlashan einmal mehr ihr Talent, Landschaft und Architektur in Szene zu setzen. Das gilt vor allem für die gotische Kathedrale von Wells mit ihren filigranen Wucherungen und grotesken Skulpturen. Mit ebenso großem Geschick ist das schrittweise Eindringen einer übernatürlichen Gefahr in die zu Beginn so geordnet und friedlich wirkende Welt der Gelehrten und Aristokraten ausgeführt. Die düster-mysteriösen Mönche in der Bibliothek, ein sich bewegender Schatten hinter einem Kirchenfenster, Somertons Anfall von Höhenangst auf dem Dach der Kathedrale, eine den Reverend attackierende Krähe – keines dieser Ereignisse kann mit letzter Gewissheit als "übernatürlich" beschrieben werden, doch zusammen erwecken sie den Eindruck einer sich allmählich steigernden Bedrohung. Und dann kommt der dramatische Höhepunkt – der Auftritt des "Wächters".
Clark scheint aus seinem Fehler in The Stalls of Barchester Cathedral gelernt zu haben. Keine Gummiklaue zerstört diesmal die Atmosphäre. Vielmehr vermittelt uns die äußerst kurze Szene nicht mehr als den vagen Eindruck von etwas Schwarzem, Schleimigen, das dem gierigen Reverend aus einem Loch in der Wand entgegenquillt und ihm über das Gesicht fährt. Doch genau das macht den "Wächter" so ungeheuer effektvoll. Abgesehen von den hübsch verstörenden Spinnenmonstern aus The Ash Tree halte ich ihn für das eindrucksvollste Ungeheuer der klassischen Ghost Stories for Christmas.
Und dann wäre da natürlich noch die grandiose Schlussszene des Filmes. "Very spooky", wie der gute Mark Gatiss einmal gesagt hat. Mehr will ich darüber jedoch nicht verraten. Schaut ihn euch selbst an! The Treasure of Abbot Thomas ist ein echtes Juwel des phantastischen Fernsehens!
 
PS: Einmal mehr trägt die großartige Musik, diesmal von Geoffrey Burgon komponiert, sehr viel zur Atmosphäre des Filmes bei.

PPS: Die Verfilmung verzichtet auf alle Bezüge zu der ehemaligen Prämonstratenserabtei Steinfeld in der Eifel und deren berühmten Glasmalereien, die sich seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts in England befinden und M.R. James zu seiner Geschichte inspirierten. Dennoch möchte ich an dieser Stelle auf eine Reihe sehr lesenswerter Artikel hinweisen, die die Schriftstellerin und Monty-Verehrerin Helen Grant über dieses Thema geschrieben hat: (1) The Treasure of Steinfeld Abbey (in: Ghosts & Scholars Nr. 5); (2) A haunting masterpiece: the Steinfeld glass; (3) Lingering memories of the treasure.


#4 Number 13 (2006)
(Literarische Vorlage - Vgl.: Episode 5 von A Podcast to the Curious)

The Treasure of Abbot Thomas zeigt, dass es nichts schlechtes sein muss, wenn sich eine filmische Adaption sehr weit von ihrer literarischen Vorlage entfernt, vorausgesetzt sie selbst erzählt auf kompetente Weise eine interessante Geschichte. Number 13 – der zweite und letzte Teil eines kurzlebigen Versuchs der BBC, das Format der Ghost Stories for Christmas wiederzubeleben – ist ein anschauliches Beispiel dafür, was passiert, wenn diese Voraussetzung nicht erfüllt wird. Genau genommen entfernt sich der Film gar nicht so weit von Montys Geschichte und ist für sich genommen auch nicht grottenschlecht. Er ist bloß reichlich konventionell und uninspiriert. Doch das reicht bereits aus. Denn da er selbst nicht recht zu fesseln vermag, zwingt er einen förmlich dazu, ihn mit seiner Vorlage zu vergleichen. Und der Eindruck, der dabei entsteht, macht in gewisser Weise aus einem mittelmäßigen einen schlechten Film.
James' Geschichte spielt im dänischen Viborg und nutzt als historischen Hintergrund für die unheimlichen Ereignisse die Ära des letzten katholischen Bischofs Jørgen Friis und seines Konfliktes mit den Lutheranern. Der Film verlegt die Handlung nach England und ersetzt die Reformationszeit durch die Cromwell-Ära. Auch wenn die Gründe für diese Veränderung nachvollziehbar sind – man denke bloß an die sprachlichen Probleme – geht für mich allein dadurch bereits viel vom Flair der ursprünglichen Story verloren. Aber das ist nicht das größte Problem. Was ich einfach nicht verstehen kann, ist, warum Drehbuchautor Justin Hopper und Regisseur Pier Wilkie genau das aus ihrer Adaption gestrichen haben, was meiner Meinung nach den besonderen Reiz der Geschichte ausmacht:
Montys Protagonist Mr. Anderson ist in erster Linie Beobachter. Das Auftauchen und Verschwinden des eigentlich nicht existenten Zimmers Nr. 13 im Hotel Zum Goldenen Löwen wird weder von ihm ausgelöst, noch hat es unmittelbar etwas mit ihm zu tun. Im Grunde ist er einfach bloß der erste, dem es auffällt. In der großartigsten Szene der ganzen Geschichte schaut er nachts aus dem Fenster seines Zimmers und sieht an der gegenüberliegenden Hauswand seinen eigenen Schatten und den Schatten des "Bewohners" von Nr. 13. Aus gutem Grund erwähnen Will Ross und Mike Taylor von A Podcast to the Curious an dieser Stelle Alfred Hitchcocks Rear Window (1954). In der Tat hat die Szene etwas leicht voyeuristisches. Vor allem aber kreiert das "Schattenspiel" eine ganz eigene, wirklich gespenstische Atmosphäre. So etwa, wenn die geheimnisvolle Person in Nr. 13 plötzlich zu tanzen beginnt:
The shadow from the next room evidently showed that he was. Again and again his thin form crossed the window, his arms waved, and a gaunt leg was kicked up with surprising agility. He seemed to be barefooted, and the floor must be well laid, for no sound betrayed his movements.
Es dauert nicht lange, und dem gesellt sich ein unmenschlicher Gesang hinzu:
It was a high, thin voice that they heard, and it seemed dry, as if from long disuse. Of words or tune there was no question. It went sailing up to a surprising height, and was carried down with a despairing moan as of a winter wind in a hollow chimney, or an organ whose wind fails suddenly.
Was genau sich in Nr. 13 abspielt, erfahren wir in der Geschichte nicht. Alles bleibt auf das "Schattenspiel" reduziert, das dadurch nur noch suggestiver und unheimlicher wirkt.
Leider jedoch waren Hopper und Wilkie offenbar der Meinung, dass ein modernes Publikum dramatischeres von einer Geistergeschichte erwartet. Also fügen sie zuerst einmal eine Szene ein, die auf recht platte Weise andeutet, dass Anderson den ganzen Spuk selbst auslöst, indem er das Siegel eines alten Dokuments in der bischöflichen Bibliothek erbricht. Damit ließe sich leben, aber warum in Drei-Teufels-Namen haben sie außerdem das "Schattenspiel" – dieses Herzstück der Geschichte – gestrichen?! Das heißt, Schatten bekommen wir schon zu sehen, doch nicht auf der gegenüberliegenden Hauswand, sondern an der Wand zwischen Andersons Zimmer und Nr. 13.
Im Kontext der Geschichte, die sie erzählen, macht das in gewisser Weise Sinn, denn ihr Protagonist ist kein bloßer Beobachter, er wird von dem "Bewohner" des Phantomzimmers aktiv bedroht. Wenn wir den Schatten auf der Zimmerwand sehen, symbolisiert das also den Versuch der dämonischen Mächte, in Andersons Realität einzudringen. Schön und gut, bloß ist das bei weitem nicht so gruselig und stimmungsvoll wie die entsprechenden Szenen in Montys Geschichte.
Und auch der Versuch, eine direkte Beziehung zwischen Anderson und den Ereignissen in Nr. 13 herzustellen, wirkt wenig geglückt. James erzählt uns nicht mehr über Magister Nicolas Francken – den "Bewohner" von Nr. 13 –, als dass die Lutheraner im 16. Jahrhundert von ihm behaupteten, er praktiziere "secret and wicked arts, and had sold his soul to the enemy." Bei Hopper und Wilkie wird er zum Oberhaupt eines Hexenzirkels, und bei dem, was sich in dem Phantomzimmer abspielt, sollen wir ganz offensichtlich an sexuelle Orgien denken. Mr. Anderson seinerseits wird uns als versnobter und verklemmter Puritaner vorgeführt, und in den dämonischen Mächten, die ihn bedrohen, sollen wir offensichtlich eine symbolische Verkörperung seiner unterdrückten Sexualität sehen. Verdeutlicht wird dies u.a. durch ein Bild an der Wand seines Zimmers, das einen Ausschnitt aus Hiernoymus Boschs berühmtem Gemälde Der Garten der Lüste darstellt.
Jonathan Miller hatte 1968 mit seiner Adaption von Oh, Whistle, And I'll Come To You, My Lad sehr eindrucksvoll demonstriert, dass eine derartige psychologische Interpretation einer James-Geschichte sehr wohl funktionieren kann. Auch hatten 1974  Lawrence Gordon Clark und David Rudkin mit The Ash Tree bewiesen, dass die Hexe als Symbol für "heidnische" Sinnlichkeit kein langweiliges Klischee sein muss. Leider aber wirken beide Elemente im Falle von Hoppers und Wilkies Number 13 aufgesetzt und darum wenig überzeugend und letztlich uninteressant, wenn nicht gar nervig.
Wer eine wirklich gelungene filmische Bearbeitung dieser Geschichte sucht, sollte sich lieber nach der zweiten Episode der sechs Jahre zuvor gleichfalls von der BBC produzierten Miniserie umschauen, in der der große Christopher Lee in die Rolle von M.R. James geschlüpft war und einige von Montys Geschichten voregetragen hatte. Eine wirklich exzellente Mischung aus Vortrag und Adaption!*

      
Die klassischen Ghost Stories for Christmas waren Produkt einer Ära, die man zurecht als das Goldene Zeitalter des britischen Fernsehens bezeichnen kann. Wie Lawrence Gordon Clark 2012 erklärte: "The BBC at that time gave you the space to fail, and generously so too. They backed you up with marvellous technicians, art departments, film departments and so forth." Die heutigen Zeiten sehen anders aus. Und das nicht nur, weil kein Fernsehsender mehr seinen Angestellten einen echten Misserfolg verzeihen würde. Ist damit von vornherein die Möglichkeit verbaut, an die großen Traditionen der Vergangenheit anzuknüpfen? Ich bin mir da nicht hundertprozentig sicher.
Wie gesagt versuchte die BBC im Jahr 2005 das Format der Ghost Stories for Christmas wiederzuleben. Und auch wenn Luke Watsons A View from a Hill nicht die Qualität der besten seiner Vorgänger erreicht, handelt es sich doch um ein recht ansehnliches Filmchen, das ich bei Gelegenheit vielleicht einmal etwas genauer besprechen werde. Number 13 stellte meiner Ansicht nach zwar einen Misserfolg dar, aber das sagt nichts darüber aus, ob die Serie nicht doch noch zu etwas sehr interessantem hätte werden können. Leider wurde dem Sender das Budget gekürzt, was zum vorzeitigen Ende des Projektes führte. Dennoch durften wir im Jahr 2008 mit Mark Gatiss' Episodenhorror Crooked House einen weiteren, meiner Meinung nach allerdings nicht ganz gelungenen, Versuch erleben, an die alten Traditionen anzuknüpfen. Dem folgte 2010 eine Neuverfilmung von Whistle, And I'll Come To You mit John Hurt, der ich bisher wohlweislich aus dem Wege gegangen bin. {Vgl. NUTS4R2s Besprechung}. Und letzte Weihnachten schließlich startete Mark Gatiss mit The Tractate Middoth einen weiteren Versuch, die Gespenstergeschichte via Telly erneut zu einem festen Bestandteil der Julfeierlichkeiten seiner Landsleute zu machen. {Vgl.: Episode 33 von A Podcast to the Curious}.
Alles in allem mag es zwar unwahrscheinlich erscheinen, dass wir in absehbarer Zukunft etwas von der Qualität der klassischen Serie vorgesetzt bekommen werden. Doch zumindest versuchen eine ganze Reihe von Filmemachern, inspiriert von dem Werk ihrer Vorgänger, etwas vergleichbares zu schaffen. Und das ist doch schon einmal etwas ...

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*  Nebenbei bemerkt war Lee M.R. James 1935 noch "im Fleische" begegnet, als er sich im Alter von dreizehn Jahren um ein Stipendium für Eton {dem James als Provost vorstand} bemüht hatte. Er schreibt darüber in seiner Autobiographie: "James was at that time nick-named 'Black Mouse', derived in part from his faintly sinister black cape and mortar board, and part from his habit of mewing unexpectedly at recalcitrant pupils. I cannot in all honesty say that at the time I was wholly displeased in failing to secure a scholarship; in many ways it was a relief. But I do know this: few men have created such a profound impression upon me, and I partially attribute my lifelong interest in the occult to my subsequent discovery of the horror stories penned by that most intriguing and intimidating of men."

Mittwoch, 26. Februar 2014

Endlich hat's jemand kapiert

Ich bin kein großer Freund des scheinbar nicht enden wollenden Superhelden-Booms in den Kinos. Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie Alan Moore, der letztes Jahr in einem Interview mit dem Guardian erklärte: "I think it's a rather alarming sign if we've got audiences of adults going to see the Avengers movie and delighting in concepts and characters meant to entertain the 12-year-old boys of the 1950s." Aber auch ich denke, es ist ein Zeichen der anhaltenden intellektuellen und künstlerischen Krise in Hollywood, wenn uns die großen Studios Sommer für Sommer mit einem gefühlten halben Dutzend Marvel- und DC-Adaptionen bombardieren. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Neben Warner Bros. bisher wenig überzeugend wirkenden Versuchen, mit Superman, Batman und der Justice League ein Konkurrenzteam zu Marvels Avengers aufzubauen, plant Sony, seinen Amazing Spiderman mit drei Sequels und Filmen über Venom und die Sinister Six offenbar gleichfalls zu einem Monster-Franchise aufzublähen.
Superhelden-Filme passen perfekt zu einer Ära, in der permanent die Oberfläche über den Inhalt triumphiert. Hollywood wehrt sich nach wie vor mit Händen und Füßen dagegen, die Augen zu öffnen und sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Verständlich, dass sich Studiobosse und Filmemacher in den Comicuniversen von DC und Marvel offenbar so wohl fühlen.
Man verstehe mich bitte nicht falsch, Superhelden-Flicks können äußerst unterhaltsam sein, aber sie sind von Natur aus nicht das richtige Format, um sich auf differenzierte Weise mit ernstzunehmenden Themen auseinanderzusetzen. Und solche Filme hätten wir wirklich bitter nötig! Schlimmer noch als die allmählich bloß noch ermüdend wirkende Menge der Marvel- und DC-Adaptionen ist für mich deshalb auch der offenbar recht weit verbreitete Irrglaube, sie könnten oder sollten mehr sein als farbenfroher Unsinn. Ich hasse solch prätentiöse Streifen wie Christopher Nolans Dark Knight - Trilogie oder Zack Snyders Man of Steel! Um so glücklicher macht es mich, dass wir mit James Gunns Guardians of the Galaxy in diesem August endlich einen Marvel-Flick zu sehen bekommen könnten, der so verrückt und absurd ist, wie Filme dieser Art meiner Meinung nach sein sollten. Vorausgesetzt das Endprodukt hält was der wunderbar pulpmäßige Trailer verspricht:


Ich will jetzt schon ein Poster von Rocket Racoon mit Maschinengewehr!

Montag, 24. Februar 2014

R.I.P. Harold Ramis

Heute verstarb im Alter von neunundsechzig Jahren in einem Vorort von Chicago der Komiker, Schauspieler, Drehbuchschreiber und Regisseur Harold Ramis. 
Ich war elf Jahre alt als Ghostbusters 1984 in die Kinos kam. Und für mich war der Film, dessen Drehbuch Ramis zusammen mit Dan Aykroyd geschrieben hatte und in dem er selbst Dr. Egon Spengler spielte, die coolste Sache auf der Welt. Mag sein, dass sein wahres Meisterwerk Groundhog Day (Und täglich grüßt das Murmeltier) von 1993 gewesen ist, doch kindlicher Enthusiasmus hinterlässt nun einmal oft die intensivsten Erinnerungen. 
Möge der Geisterjäger in Frieden ruhen!

   

Samstag, 22. Februar 2014

Strandgut der Woche

Sonntag, 16. Februar 2014

Viermal Monty (I)

The peculiar genius of M.R. James, and his greatest power, lies in the convincing evocation of weird, malignant and preternatural phenomena [...]. It is safe to say that few writers, dead or living, have equaled him in this formidable necromancy and perhaps no one has excelled him.
Clark Ashton Smith: The Weird Works of M.R. James

Ein kurzer Blick in die deutsche Wikipedia hinterlässt den erschreckenden Eindruck, dass dem breiteren Publikum hierzulande offenbar schon seit längerem keine auch nur ansatzweise vollständige Sammlung der Gespenstergeschichten des großen Montague Rhodes James mehr zugänglich gemacht worden ist. Welche Schande! Muss ich daran erinnern, dass H.P. Lovecraft ihn neben Arthur Machen, Algernon Blackwood und Lord Dunsany zu den vier Großmeistern des modernen Grauens zählte? Ich zitiere den Beginn des entsprechenden Abschnitts aus der deutschen Ausgabe seines berühmten Essays Supernatural Horror in Literature:
Eine Lord Dunsanys Genius diametral entgegengesetzte Position nimmt der gelehrte Montague Rhodes James ein, Rektor des Eton College, Altertumsforscher von hohen Graden und anerkannte Autorität auf dem Gebiet mittelalterlicher Handschriften und der Geschichte der Kathedralen, der die fast diabolische Gabe besitzt, das Grauen Schritt für Schritt mitten im prosaischen Alltagsleben entstehen zu lassen. Dr. James, der es seit langem liebt, in der Weihnachtszeit Gespenstergeschichten zu erzählen, ist nach und nach zu einem literarischen Phantasten allerersten Ranges geworden und hat einen charakteristischen Stil und eine unverwechselbare Methode entwickelt, die wahrscheinlich einer langen Reihe von Schülern als Vorbild dienen werden.*
So wie ich es verstehe, hat es bis heute keine einzige Gesamtausgabe von M.R. James' Werk in deutscher Übersetzung gegeben, selbst wenn man darunter nur die zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Stories verstehen will. Dabei ist sein Oeuvre nun wirklich nicht unüberschaubar. Freunde & Freundinnen des klassischen literarischen Horrors, die der englischen Sprache nicht in ausreichendem Maße mächtig sind, haben es hierzulande in der Tat nicht leicht ...

In seiner britischen Heimat freilich genießt der gute Monty auch knapp acht Jahrzehnte nach seinem Tod immer noch eine für einen phantastischen Autor beachtliche Bekanntheit und ein ebenso großes Ansehen, wofür u.a. die zahlreichen Radio- und Fernsehadaptionen seiner Werke verantwortlich sein dürften. 
Wie ich vor einem halben Jahr hier schon einmal kurz geschildert habe, war es der große Erfolg von Jonathan Millers faszinierender Adaption von James' Oh, Whistle, And I'll Come To You, My Lad aus dem Jahre 1968, der die BBC dazu bewog, ihrem Publikum in den 70er Jahren eine ganze Reihe klassischer Horrorstories in televisionärer Fassung zu präsentieren, wobei man an die alte englische Tradition anknüpfte, sich zur Julzeit mit dem Erzählen unheimlicher Geschichten zu unterhalten. Ein Brauch, dem – wie uns Mr. Lovecraft bereits mitgeteilt hat – auch Monty im Kreis seiner Kollegen und Freunde gehuldigt hatte. Fünf der acht Ghost Stories for Christmas, mit denen man zwischen 1971 und 1978 alle Freunde & Freundinnen des gepflegten Grusels zur Weihnachtszeit beglückte, basierten auf Kurzgeschichten von M.R. James.
Im letzten August waren mir leider nur zwei von ihnen – A Warning to the Curious (1972) und The Ash Tree (1975) – zugänglich, doch ist es mir inzwischen gelungen, dieses Manko zu beseitigen, so dass ich nunmehr in der Lage bin, meiner geneigten Leserschaft auch die restlichen drei kurz vorzustellen. {Achtung: Spoiler!}


I wrote these stories at long intervals, and most of them were read to patient friends, usually at the season of Christmas.
M.R. James: Vorwort zu Ghost Stories of an Antiquary

#1 The Stalls of Barchester Cathedral (1971)
(Literarische Vorlage – Vgl.: Episode 13 von A Podcast to the Curious

Die Eröffnung des spukigen Reigens war zugleich der erste Spielfilm des bis dahin nur als Dokumentarfilmer tätigen Lawrence Gordon Clark, der bis auf die letzte Episode bei allen klassischen Ghost Stories for Christmas die Regie übernehmen würde. In Zusammenarbeit mit Kameramann John McGlashan, der gleichfalls ein fester Bestandteil des Teams werden sollte, bewies er schon in diesem seinem Debüt ein ungewöhnliches Talent für das Kreieren einer gespenstischen Atmosphäre, ohne dabei auf ausgefeilte Tricktechnik oder platte Schockeffekte zurückgreifen zu müssen. Das Budget war mager (£8000), die Drehzeit äußerst beschränkt (10 Tage), aber dafür konnten Clark und McGlashan "vor Ort" drehen, was für eine britische TV-Produktion dieser Zeit ungewöhnlich war. Anders als etwa in A Warning to the Curious (1972) und The Signalman (1976) war es hier allerdings nicht die Landschaft, die dem Heraufbeschwören der erwünschten unheimlichen Stimmung dienstbar gemacht wurde, sondern vielmehr die gotische Kathedrale von Norwich. Daneben eröffnete sich für McGlashan die Möglichkeit, echte Nachtaufnahmen zu machen, was dem Spiel mit Schatten und düsteren Winkeln eine Intensität verleiht, die bei einer reinen Studioproduktion unerreichbar gewesen wäre. Dass Clark wie bei allen Ghost Stories for Christmas ein vorzügliches Schauspielerensemble zur Verfügung stand, soll gleichfalls nicht unerwähnt bleiben.
Von allen mir bekannten M.R. James - Adaptionen hält sich The Stalls of Barchester Cathedral am engsten an ihre literarische Vorlage. Abgesehen von einigen eher nebensächlichen Details, folgt der Film ziemlich genau Montys Geschichte des ehrgeizigen Archidiakons Haynes, der für das Ableben seines Vorgängers sorgt {welcher offenbar ein methusalemsches Alter zu erreichen gedachte}, um drei Jahre später auf übernatürliche Weise für seine Bluttat bestraft zu werden, wobei die grotesken Schnitzereien im Chorgestühl ("Stalls") zu den ausführenden Organen der (göttlichen? satanischen?) Gerechtigkeit werden. Wie die Story konzentriert sich auch der Film auf die Darstellung des allmählichen psychischen Verfalls des Archidiakons, der sich von körperlosen Stimmen, einer gespenstischen Katze und einem klauenbewehrten Ungeheuer verfolgt glaubt, und vergeblich versucht, seiner zunehmenden Depressivität und Paranoia mit Hilfe seiner beträchtlichen Willensstärke Herr zu werden, nur um schließlich einen ebenso grausigen wie mysteriösen Tod zu erleiden. Robert Hardy (u.a. Siegfried Farnon in All Creatures Great and Small & Cornelius Fudge in den Harry Potter - Filmen) gibt in der Rolle des Archidiakons eine beeindruckende Leistung ab.
Der einzige echte Schwachpunkt des Filmes ist Haynes' Todesszene. Wenn aus einem gänzlich absurden Winkel plötzlich eine gar zu offensichtlich aus Gummi bestehende Klauenhand auftaucht, dem Archidiakon über das Gesicht fährt und ihn mit einem spitzen Aufkreischen die Treppe herunterstürzen lässt, so ist dies leider eher geeignet, hysterisches Gekicher als eisige Schauer hervorzurufen. Warum Clark offenbar der Meinung war, den Höhepunkt der Erzählung auf so drastische Weise darstellen zu müssen, ist mir schleierhaft. Hätte er nicht wissen müssen, dass es {vor allem angesichts der sehr beschränkten tricktechnischen Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung standen} sehr viel klüger gewesen wäre, das brutale Ende des Archidiakons genauso zurückhaltend zu inszenieren wie den Rest der Geschichte? Ein wirklich ärgerlicher Missgriff, denn was könnte fataler für eine Spukgeschichte sein, als ein lächerliches Finale?
Nichtsdestoweniger bleibt The Stalls of Barchester Cathedral ausgesprochen sehenswert und lässt bereits sehr deutlich erkennen, warum die Ghost Stories for Christmas zu echten Klassikern des phantastischen Fernsehens werden sollten.
  

#2 Lost Hearts (1973)
(Literarische Vorlage – Vgl.: Episode 2 von A Podcast to the Curious & Hypnobobs 138: Ghost Stories for Christmas Eve)

Für mich persönlich ist Lost Hearts eine der verstörendsten und unheimlichsten Geschichten von M.R. James. Andere mögen mich aufgrund ihrer intensiven Atmosphäre, ihrer antiquarischen Komponente oder ihres geschickten Spannungsaufbaus stärker faszinieren, doch kaum eine kommt in ihrer alptraumhaften Qualität der Erzählung von den unheimlichen Erlebnissen des elfjährigen Waisen Stephen Elliott auf dem Landsitz seines ältlichen Cousins Mr. Abney gleich.
Anders als bei den ersten beiden Ghost Stories for Christmas schrieb Lawrence Gordon Clark für die dritte Episode nicht selbst das Drehbuch. Diese Aufgabe fiel dem nicht ganz unbekannten Schriftsteller Robin Chapman zu, und er entfernte sich dabei deutlicher von seiner Vorlage als Clark dies bei The Stalls of Barchester Cathedral getan hatte. Allerdings nicht so weit, dass er der Geschichte einen gänzlich anderen Inhalt oder Charakter verliehen hätte.
Drei Unterschiede zwischen Story und Film stechen für mich besonders deutlich hervor:
Der möglicherweise nach dem realen Vorbild des Neoplatonisten Thomas Taylor (1758-1835) gezeichnete Abney wird von James als "tall", "thin" und "austere" bezeichnet, und auch wenn er bei Stephens Ankunft "sich vergnügt die Hände reibend" aus seinem Studierzimmer geeilt kommt, bekommt man eher den Eindruck, es mit einem normalerweise ziemlich ernsthaften und verschlossenen Mann zu tun zu haben. Ganz anders in der Verfilmung. Hier ist Abney (Joseph O'Conor) ein beständig vor sich hin summender und kichernder, etwas kindisch wirkender Exzentriker, dessen Begeisterung für gnostische Geheimlehren und Magie wie ein nicht ganz ernstzunehmender Spleen wirkt. Im ersten Moment hat mich diese Darstellung ziemlich irritiert, doch bald schon  wurde mir bewusst, um wieviel verstörender es wirkt, wenn ein "nett-verrückter Onkel" Kinder kaltblütig ermordet, ihnen die Herzen herausschneidet und diese in eingeäscherter Form zu sich nimmt, um auf diese Weise Unsterblichkeit zu erlangen. {Ein Bisschen enttäuschend fand ich allerdings, dass Abney anders als in der Erzählung keine antike Darstellung von Mithras und dem Stier in der Eingangshalle seines Herrenhauses stehen hat, führt M.R. James so doch auf subtile Weise gleich zu Beginn seiner Geschichte das Opfermotiv ein.}
Leider enthält uns der Film die mumifizierte Leiche vor, die Stephen während eines Traumes in einem seit langem ungenutzten Badezimmer erblickt, und die James wie folgt beschreibt:
His description of what he saw reminds me of what I once beheld myself in the famous vaults of St Michan's Church in Dublin, which possesses the horrid property of preserving corpses from decay for centuries. A figure inexpressibly thin and pathetic, of a dusty leaden colour, enveloped in a shroud-like garment, the thin lips crooked into a faint and dreadful smile, the hands pressed tightly over the region of the heart. As he looked upon it, a distant, almost inaudible moan seemed to issue from its lips, and the arms began to stir.
Ein kurzer Blick auf die Mumien von St. Michan lässt einen erahnen, welch gruselige Szene dies hätte sein können. Allerdings muss man fairerweise bedenken, dass das zur Verfügung stehende Budget für eine wirklich überzeugende Darstellung vermutlich nicht ausgereicht hätte. Auch ist es bereits erstaunlich, dass wir stattdessen die aufgeschlitzten Brustkörbe der toten Kinder mit ihren fehlenden Herzen zu sehen bekommen. Für das britische Fernsehen der Zeit eine äußerst drastische Szene.
Der dritte markante Unterschied besteht in dem Verhältnis der kindlichen Geister zu Stephen (Simon Gipps-Kent). Bei James bleibt dieses äußerst ambivalent. Wollen sie ihn vor der drohenden Gefahr warnen oder giert es auch sie nach seinem Herzen, als Ersatz für ihre eigenen? Der Film wirkt hier auf den ersten Blick sehr viel eindeutiger. In keiner der Szenen scheinen die Geister Stephen unmittelbar zu bedrohen. Vielmehr sind sie ihm offenbar freundlich gesonnen. Und doch ist dieser spontane Eindruck nicht ganz zutreffend. Mehr als einmal z.B. wird ihr Auftauchen vom fröhlich anmutenden Gelächter des Mädchens begleitet. Und eben dies macht die beiden wieder auf beunruhigende Weise undurchschaubar. Sie haben keinen Grund, fröhlich zu sein. Warum lachen sie? In Vorfreude auf ihre kommende Rache an Abney? Das scheint als Erklärung nicht völlig befriedigend.
Es sind vor allem diese beiden Geisterkinder – das Zigeunermädchen Phoebe (Michelle Foster) und der Italienerjunge Giovanni (Christopher Davis) –, die Lost Hearts zu einem großartigen Filmerlebnis machen. Nicht nur sind ihre Auftritte ausnahmslos sehr effektvoll in Szene gesetzt. Sei es, dass wir sie als Silhouetten im abendlichen Park erblicken. Sei es, dass sie durch eines der Fenster hereinschauen und mit ihren langen, krallenartigen Fingernägeln auf die Scheibe trommeln. Sei es, dass wir ihre wispernden, körperlosen Stimmen im Herbstwind hören. Sei es, dass sie sich in halb schlafwandlerisch, halb tänzerisch anmutender Art durch die Gänge und Räume des nächtlichen Herrenhauses bewegen. Vor allem der Junge strahlt außerdem eine unheimliche Mischung aus Schmerz, Trauer und sadistischem Vergnügen aus. Gespenstische Kinder sind ein fester Bestandteil der Traditionen des Horrorfilms {man denke z.B. an Flora & Miles aus The Innocents [1961], Jack Claytons großartiger Adaption von Henry James' The Turn of the Screw}, doch diesen beiden gebührt ohne Zweifel ein sehr ehrenwerter Platz in der Gallerie ihrer Genossinnen und Genossen.
Nicht unerwähnt bleiben soll die Musik, die einen wichtigen Beitrag zur Atmosphäre des Films leistet. An wenigstens einer Stelle wird dabei Ralph Vaughan Williams' English Folk Song Suite anzitiert, doch leider ist es mir unmöglich gewesen, herauszufinden, wer für den Rest des Soundtracks – insbesondere die äußerst effektvolle Leierkastenlmelodie – verantwortlich war.
In meinen Augen gehört Lost Hearts zu den allerbesten der klassischen Ghost Stories for Christmas.


Fortsetzung folgt ...


* H.P. Lovecraft: Die Literatur der Angst. Zur Geschichte der Phantastik. S. 129.

Samstag, 15. Februar 2014

Strandgut der Woche

Mittwoch, 12. Februar 2014

Wuff wuff fhtagn !


Cats are the runes of beauty, invincibility, wonder, 
pride, freedom, coldness, self-sufficiency, 
and dainty individuality.

H.P. Lovecraft: Cats and Dogs


Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass es ein Weiser aus der Stadt Ulthar jenseits des Flusses Skai gewesen ist, der die Menschheit als erster in Hunde- und Katzenmenschen einteilte. Doch wie auch immer es sich damit verhalten haben mag, mir scheint diese Einteilung sehr viel vernünftiger zu sein als all jene Kategorisierungen nach Geschlecht, Hautfarbe, Nation, Religion oder sexueller Orientierung, denen Konservative wie "Progressive" heutzutage eine so große Bedeutung beizumessen scheinen. Ich gebe zu, Leute, die nichts für Katzen übrig haben, sind mir irgendwie suspekt. Andererseits fühle ich mich all jenen, die gleich mir am liebsten Weihrauch am Altar der göttlichen Bastet opfern würden, erst einmal spontan nahe. Ja, auch das ist ein irrationales Vorurteil, und die Rechnung geht beileibe nicht immer auf {Akif Pirinçci *Schauder*}, aber ich gehöre nun einmal zu den frommen Verehrern des felinen Geschlechts.

Wie ich hier schon etliche Male ausgeführt habe, hege ich starke künstlerische wie ideologische Vorbehalte gegenüber H.P. Lovecraft. Zugleich jedoch fühle ich mich dem Gentleman von Providence auf innigere Weise verbunden, als mir eigentlich lieb sein kann. Die Tatsache, dass er ein ganz ausgesprochener Katzenliebhaber war, ist dafür wohl nicht der wichtigste Grund, aber ganz unwichtig ist sie auch nicht.*
Bei all seinem elitären Nietzscheanertum wird z.B. sein 1926 verfasster Essay Cats and Dogs für jeden Verehrer der aristokratischen Felidae eine ausgesprochen anregende Lektüre bleiben. Zumal Lovecraft hier wieder einmal beweist, dass er nicht der humorlose Knochen war, als der er manchmal dargestellt wird.
Oder man schaue sich folgenden Abschnitt aus einem Brief des alten Gentleman an Fritz Leiber an:
I learn with great interest of Messrs. Nemo & Murphet Leiber, & wish my own household were able to harbour their counterparts. [...] I am forced to content myself with playing occasional host to varied felidae of the neighbourhood [...] For this purpose I always have a supply of catnip on hand, & many an afternoon as I sit writing I have some black or tiger or grey or black-&-white caller racing around the floor after spools or chewing the papers on my desk or alternately purring & dozing in a neighbourung easy-chair, according to his age and temperament.
Lovecarft erklärte die Katzen von Fritz und Jonquil Leiber allsogleich zu Mitgliedern der weltumspannenden Gesellschaft Kappa Alpha Tau,
an institution whose initials may be interpreted as the words Κομπσον Αιλυρον Ταξις (band of elegant or well-dress'd cats), though low punsters persist in reading a shorter & more phonetic meaning into our corporate initials K.A.T. Of this band, notwithstanding the inapplicability of the adjective to me, I consider myself an honorary member by virtue of my lifelong regard for the feline species. I am sure that Nemo & Murphet are high officials of the Southern California Chapter just as Mother Simaetha, the incredibly aged coal-black witch-cat of Clark Ashton Smith, heads the Ladies' Auxiliary of the Central California Chapter.**
Lovecraft schickte den Leibers {genauer gesagt ihren Katzen} als kleinen Willkommensgruß der K.A.T.s von Providence die Kopie einer seiner Geschichten. ("I trust that its new furry owners will permit you to glance through it at least once or twice").  Dabei handelte es sich wohl um seine Dreamland-Story The Cats of Ulthar, die man sich hier von Sarah Jennings vortragen lassen kann:



Nebenbei bemerkt teilte Fritz Leiber Lovecrafts Liebe zu den "cool, lithe, cynical, and unconquered lord(s) of the housetops". Katzen und katzenartige Kreaturen spielen eine wichtige Rolle in einer ganzen Reihe seiner Werke, wie z.B. The Green Millenium, The Wanderer, The Swords of Lankhmar und natürlich den Stories um den Kater Gummitch (vgl.: Space-Time for Springers & Kreativity for Kats).

Angesichts der tiefen Verehrung, die der alte Gentleman dem felinen Geschlecht entgegenbrachte, ist es wenig erstaunlich, dass nicht er es war, der das hündische Element in die Welt des Cthulhu-Mythos einführte, sondern sein Freund Frank Belknap Long. Die beiden hatten sich 1920 über die Amateur-Schriftsteller-Bewegung kennengelernt, in der Lovecraft seit 1914 aktiv war. Zu Longs frühen Werken, die Lovecraft in seiner selbst verlegten Zeitschrift The Conservative veröffentlichte, gehörte auch Felis: A Prose Poem, welches der Katze seines Freundes gewidmet war. Offenbar gehörte auch Long zu den Katzenmenschen. Während Lovecrafts New Yorker Jahren 1925/26 war Frank Belknap Long der wohl engste Freund des alten Gentleman, doch gelang es auch ihm nicht, diesem das Leben in der kosmopolitischen Metropole am Hudson auf Dauer erträglich zu machen. Longs 1930 in Weird Tales erschienene Story The Hounds of Tindalos gilt als die erste, nicht von Lovecraft selbst verfasste Cthulhu-Mythos-Erzählung, obwohl keine der offensichtlichsten Versatzstücke des Mythos (die Großen Alten, das Necronomicon etc.) in ihr vorkommt. Dafür jedoch besagtes hündische Element, das in späteren Jahrzehnten so unterschiedliche Autoren wie Elizabeth Bear, William S. Burroughs, Ramsey Campbell, Michael Cisco, Brian Lumley, Sarah Monette und Roger Zelazny wieder aufnehmen sollten.
Freilich sind die "Hounds of Tindalos", die dem Mystiker Chalmers bei seiner mit Hilfe einer exotischen Droge initiierten Reise durch die Zeit begegnen, um sich sogleich auf seine "Fährte" zu setzen und schließlich für sein verfrühtes und reichlich unappetitliches Ableben zu sorgen, genaugenommen keine richtigen "Hunde". Chalmers' unzusammenhängendem Bericht ist nur wenig genaues über diese grausigen Kreaturen aus einer Region jenseits von Raum und Zeit zu entnehmen:
I stood on the pale grey shores beyond time and space. In an awful light that was not light, in a silence that shrieked, I saw them.
All the evil in the universe was concentrated in their lean, hungry bodies. Or had they bodies? I saw them only for a moment; I cannot be certain. But I heard them breathe. Indescribably for a moment I felt their breath upon my face. They turned toward me and I fled screaming. In a single moment I fled screaming through time. I fled down quintillions of years.
But they scented me. Men awake in them cosmic hungers.
Dieser kurze Abschnitt lässt bereits erahnen, warum die Story wohl zurecht dem Cthulhu-Mythos zugerechnet wird. Grund hierfür sind nicht die in ihr beschriebenen Ereignisse oder Kreaturen, sondern ihr kosmischer Charakter. Wie Lovecrafts Erzählungen eröffnet auch Longs Geschichte den Blick auf ein unüberschaubares und dem Menschen gänzlich fremdes, wenn nicht gar feindlich gesonnenes Universum. Die "Hounds of Tindalos" aber sind die Inkarnationen all der unmenschlichen, zerstörerischen Kräfte, die es in sich birgt. Wird der Mensch mit ihnen unmittelbar konfrontiert, so kann das Ergebnis nur fürchterlich sein.

Wer The Hounds of Tindalos einmal selbst lesen will, kann sich die Geschichte als PDF bei SFFaudio herunterladen. Und zum Abschluss jetzt rasch noch Childe Rolands von Longs Story inspirierter Song:




* Im Gegenzug ist mir der alte Tolkien schon ein Bisschen verdächtig, wenn er z.B. schreibt, Siamkatzen gehörten für ihn "zur Fauna von Mordor"! (Brief an Allen & Unwin vom 14.10.1959. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 219. S. 393.) Sollte der "Professor" ein Verächter der edlen Felidae gewesen sein? Immerhin wird in der ersten Fassung der Geschichte von Beren und Lúthien der später Sauron zukommende Part von einer riesigen Katze, Tevildo, gespielt ... 
** H.P. Lovecraft an Fritz Leiber (19. Dezember 1936). In: Ben J.S. Szumskyj & S.T. Joshi (Hg.): Fritz Leiber and H.P. Lovecraft: Writers of the Dark. S. 54.

Montag, 10. Februar 2014

The Book of the Lost - Folk Horror, der nie gedreht wurde

Ich bin ein bekennender Fan des klassischen Brit-Horrors. Aber so sehr ich die Produktionen von Hammer und Amicus auch liebe, seinen unvergleichlichen Höhepunkt erreichte das Genre in meinen Augen in jener Handvoll Filme vom Ende der 60er und Beginn der 70er Jahre, die man unter dem Begriff "Folk Horror" zusammenfasst, und als deren bekannteste und bedeutendste Vertreter Michael Reeves' Witchfinder General (1968), Piers Haggards Blood on Satan's Claw (1971) und Robin Hardys The Wicker Man (1973) gelten dürfen. In ihrer atmosphärischen Dichte bilden diese Filme, in denen ein spezifisch ländlich-englisches Setting mit historischen und folkloristischen Elementen verschmolzen wurde, so etwas wie den goldenen Herbst des Brit-Horror. Es ist ein Jammer, dass es ihnen nicht gelang, den Niedergang des Genres wenigstens um einige Jahre hinauszuzögern, beweisen sie doch, dass es das Potential für einen "neuen" britischen Horror jenseits von Hammer-Gothic und Amicus-Portmanteaus gegeben hätte.
Für alle, die ihn nicht kennen, als kleiner Appetitanreger der Anfang von Blood on Satan's Claw mit der großartigen Musik von Marc Wilkinson:



Phantastisch, oder?!

Meine große Liebe zum "Folk Horror" dürfte erklären, warum mich eine Mischung aus Begeisterung und Melancholie überkam, als ich kürzlich auf das Projekt The Book of the Lost stieß.
Die Website erweckt den Eindruck, vier verschollene Klassiker dieses Genres – The Marsh Thing, The Villagers, A Necklace of Shells und Middlewitch Lake – vorzustellen, inklusive Inhaltsangaben, Besetzungslisten und Infos über Produktion und (mangelnden) Erfolg. Eine kleine Bildgallerie präsentiert uns außerdem eine Reihe von Szenenfotos aus anderen Episoden der gleichnamigen Fernsehserie, in deren Rahmen die vier Streifen angeblich gezeigt wurden. Tatsächlich jedoch hat es keinen dieser Filme je gegeben. Und das ist wirklich sehr sehr traurig. Wie gerne würde ich Lord Edwards fatalen Versuch, seine verstorbene Verlobte ins Leben zurückzurufen; den dörflichen Lynchmob aus der Zeit des Englischen Bürgerkriegs; das grausige Schicksal des zynischen Hippie-Gurus Galahad Ruby; und Leahs Rache an dem sadistischen Sohn des Squire auf der Leinwand oder am Bildschirm miterleben dürfen!  
The Book of the Lost ist eine wunderschöne und fantasievolle Liebeserklärung an den "Folk Horror" und bildet zugleich den Hintergrund für ein Alt-Folk-Album von The Rowan Amber Mill (Stephen Stannard) und Emily Jones, von dem man sich drei Songs hier anhören kann. Käuflich zu erwerben ist die Scheibe hier.


Samstag, 8. Februar 2014

Der Tramp

Leider war es mir nicht möglich, diesen Blogeintrag in der vorgesehenen Zeit fertigzustellen. Man möge sich darum bitte denken, er sei bereits gestern erschienen. 

Vor einhundert Jahren, am 7. Februar 1914, hatte Charlie Chaplins Tramp seinen ersten Kinoauftritt, und die Menschheit war von einem Moment zum anderen ein Stück reicher.



Genaugenommen war Henry Lehmans Kid Auto Races at Venice überhaupt nicht die Geburtsstunde der ikonischen Figur. Chaplin hatte mit ihrer Entwicklung bereits in dem zuvor gefilmten Streifen Mabel's Strange Predicament begonnen. Doch gelangte dieser erst am 9. Februar zur Vorführung, und so war dies das Szenario, welches das Publikum zum allerersten Mal mit dem Tramp bekannt machte.
In einem Interview aus dem Jahre 1933 erzählt Chaplin, wie es zur Geburt der Figur gekommen sei:
I was hurriedly told to put on a funny make-up. This time I went to the wardrobe and got a pair of baggy pants, a tight coat, a small derby hat and a large pair of shoes. I wanted the clothes to be a mass of contradictions, knowing pictorially the figure would be vividly outlined on the screen. To add a comic touch, I wore a small mustache which would not hide my expression. My appearance got an enthusiastic response from everyone, including Mr. Sennett {dem Chef der Keystone Studios}. The clothes seemed to imbue me with the spirit of the character. He actually became a man with a soul—a point of view. I defined to Mr. Sennett the type of person he was. He wears an air of romantic hunger, forever seeking romance, but his feet won't let him.
Die Behauptung, der Charakter der Figur sei quasi spontan mit dem Anlegen der Kleidung enstanden, ist freilich eine Übertreibung. Eine jener romantischen Legenden, von denen die Geschichte des Kinos so viele kennt. Tatsächlich dauerte es einige Zeit, bis Chaplin der äußeren Erscheinung die ihr entsprechende Seele eingehaucht hatte. Eine bedeutende Rolle spielte dabei, dass er ab Caught in the Rain (4. Mai 1914) bei so gut wie jedem Film, in dem er auftrat, die Regie übernahm. Wie kaum einem anderen Filmkünstler der Zeit, gelang es ihm, nach und nach die völlige Kontrolle über seine Produktionen zu erlangen, bis er schließlich 1919 gemeinsam mit Douglas Fairbanks, Mary Pickford und D.W. Griffith United Artists gründete und sich damit endgültig der Kontrolle und Bevormundung durch die Produzenten entzog.
Von 1914 bis 1919 spielte Chaplin den Tramp in rund sechzig Filmen, von denen keiner länger als eine Stunde war. Dem folgten seine großen Meisterwerke The Kid (1921), The Gold Rush (1925), The Circus (1928), City Lights (1931) und Modern Times (1936).
Es fällt nicht leicht, genau zu definieren, worin der unwiderstehliche Zauber von Chaplins Tramp eigentlich besteht. Der ungarische Schriftsteller und Filmkritiker Béla Balázs schrieb in den 20er Jahren dazu:
Er wackelt auf seinen verträumten Plattfüßen wie ein Schwan auf dem Trockenen. Er ist nicht von dieser Welt und wirkt vielleicht nur in dieser lächerlich. Die Wehmut eines verlorenen Paradieses dämmert hinter der Komik seines Jammers. Er ist wie ein ausgestoßenes Waisenkind unter fremden und unverwandten Dingen und kennt sich nicht aus. Er hat ein rührendes, verwirrtes Lächeln, das um Entschuldigung bittet, dass er lebt. Doch wenn seine unbeholfene Schwäche unser Herz schon ganz für sich gewonnen hat, dann stellt es sich heraus, dass diese Plattfüße einem verteufelt geschickten Akrobaten gehören, sein verlorenes Lächeln zugleich verschmitzt und seine Naivität mit genialer Schlauheit begabt ist. Er ist der Schwache, der nicht unterliegt. Er ist der dritte, der jüngste Sohn des Volksmärchens, den alle verachtet haben und der zuletzt doch König wird. Das ist das Rätsel der tiefen Freude und Genugtuung, die seine Kunst den Völkern aller Länder gibt. Er spielt die siegreiche Revolution der "Erniedrigten und Beleidigten".
Chaplins Kunst ist Volkskunst im besten Sinne alter Volksmärchen. [...] Das Rührend-Menschliche seiner ganzen verträumten Einfältigkeit besteht darin, dass er ein kindlich-ursprüngliches Menschentum inmitten einer "verdinglichten", maschinentoten Zivilisation darstellt [...]
Bedeutender als Chaplin der Filmschauspieler ist Chaplin der Filmdichter. Seine Kindlichkeit gibt ihm hier jene Perspektive der Welt, durch die sie filmmäßig poetisch wird. Das ist die Poesie des kleinen Lebens, das ist das stumme Leben der kleinen Dinge, bei dem nur Kinder und ziellose Strolche verweilen. Und gerade dieses Verweilen ergibt die reichste Filmpoesie.*    
Das mag nun nicht der universale, alles erklärende Schlüssel zum Geheimnis Chaplin sein, aber ohne Zweifel besteht ein Gutteil seiner Anziehungskraft in der {im besten Sinne} romantischen Poesie und befreienden, zutiefst menschlichen Kraft seiner Filme.
Es erscheint mir deshalb in gewisser Weise nur folgerichtig, dass der Tramp seinen letzten Auftritt in The Great Dictator (1940) hatte, und dass im Grunde er es ist, der am Ende dieser vernichtenden Parodie auf Hitler und den Faschismus jene leidenschaftliche Rede für Freiheit und Humanität hält:




* Béla Balász: Chaplin, der amerikanische Schildbürger. In: Dorothee Kimmich (Hg.): Charlie Chaplin. Eine Ikone der Moderne. S. 73ff.

Zum 186. Geburtstag von Jules Verne


Denke immer daran, dass es nur ein einziges menschenwürdiges Ziel gibt: die Gerechtigkeit; einen einzigen Hass: die Sklaverei; eine einzige Liebe: die Freiheit!

Aus dem Abschiedsbrief des Kaw-djer
In: Die Schiffbrüchigen der "Jonathan" (Les Neufragés du Jonathan)

Strandgut der Woche

Montag, 3. Februar 2014

Tolkien als Trashspaß?

Nein, ich habe mir "Schmaugs Trostlosigkeit", Peter Jacksons zweiten Hobbit-Streich, nicht im Kino angeschaut. Und nach dem, was ich im Laufe der letzten anderthalb Monate so über den Streifen gehört und gelesen habe, denke ich, dass das eine weise Entscheidung gewesen ist. Vor einigen Tagen allerdings bin ich in der Molochronik auf eine Besprechung gestoßen, die zuerst einmal vielleicht etwas exzentrisch wirkt, mich aber auch ins Grübeln gebracht hat. Ich zitiere die ersten zwei Absätze:
Bisher mein liebster Mittelerde-Rambazamba & endgültiger Beweis, dass Verfilmungen mitunter wohl besser als die Originalwerke sein können. 
Hier wird endlich das deftige Maß naiver Ausgelassenheit erreicht, mit der dieser Stoff eigentlich inszeniert gehört (die zweite ästhetisch redliche Weise, Tolkien zu verfilmen, bestünde in der Beschwörung hölzerner Bibel-Dramatisierungen des alten Hollywood a la »Die Zehn Gebote«). Die Äktschn-Sequenz entlang des Waldflusses veranschaulicht deutlich, wie man drögen europäischen Heldenpathosplunder mit einer pepigen Portion Wuxia-Akkrobatik veredelt.
Wie nicht selten bei Molo ist man auch hier versucht, dem Autor zu unterstellen, er wolle um jeden Preis eine möglichst eigenwillige Meinung vertreten, da er sich selbst als mutigen Rebellen gegen den Mainstream sieht. Doch auch wenn der gute Mann in seiner Rolle als Gonzo-ArnoSchmidt der deutschen Phantastikgemeinde ohne Zweifel sehr oft eine irritierend prätentiöse Attitüde an den Tag legt, wäre es vermutlich etwas ungerecht, behaupten zu wollen, was er schreibt, entspräche nicht seinen wirklichen Ansichten.
Um seinen Lobgesang auf "Donkey Kong Country - The Dwarf Edition" – wie Black Dogs Lee Medcalf den zweiten Teil des Hobbit getauft hat – richtig einzuschätzen, muss man, denke ich, zweierlei wissen. Zuersteinmal: Molosovsky hält nur sehr sehr wenig von Tolkien. Er gehört zu jenen "Progressiven", die glauben, dass mit Michael Moorcocks Epic Pooh bereits alles nötige über das Werk des "Professors" gesagt worden sei. Jacksons Film spricht ihn offenbar vor allem an, weil er in ihm eine {ungewollte} Parodie auf dessen literarische Vorlage zu erkennen glaubt. Was uns sofort zum zweiten Punkt führt: Wie ein kurzer Blick auf seine filmische "Geschmackslandkarte" offenbart, zählt Molo u.a. auch Attack of the Clones zu den "überwiegend exzellenten" Filmen. Daraus schließe ich, dass er derartige Strerifen vor allem als absurden Trash goutiert.
Auch wenn ich selbst die Moorcock-Miéville-Schule der "linken" Tolkienbasherei für reichlich oberflächlich halte, kann ich Molosovsky natürlich nicht vorschreiben, was er von Hobbit und Herr der Ringe zu halten hat. Darum kann ich zum ersten Punkt im Grunde auch nichts sagen. Der zweite jedoch hat mich nachdenklich gestimmt, gehöre ich selbst doch zu denen, die ein unterhaltsames Schlockfest in vollen Zügen zu genießen verstehen. Auch befürworte ich ganz ausdrücklich die Rückkehr des abenteuerlichen Unsinns in die Gefilde des phantastischen Films, kränkelt dieser doch schon seit etlichen Jahren an einer viel zu großen "Ernsthaftigkeit", hinter der sich meist bloß der modisch-misanthrope Zynismus unserer Zeit verbirgt. Sollte ich mir The Desolation of Smaug also doch einmal anschauen? Würde ich dort das wiederfinden, was ich an alten Harryhausen-Flicks oder dem "McClure - Quartet" so sehr liebe und in der heutigen Kinolandschaft so sehr vermisse?
Ich denke nicht! Zuersteinmal würde es mir meine tiefe Liebe zu Tolkiens Werk vermutlich unmöglich machen,  das Ganze einfach als "Rambazamba" zu genießen. Anders als Molo würde ich darin ganz sicher keine "Aufwertung" des Stoffes, sondern dessen Erniedrigung sehen. Sehr viel wichtiger jedoch: Attack of the Clones war für mich kein neckischer Trashspaß, sondern eine der ödesten und frustrierendsten Blockbustermonstrositäten, die ich je das Unglück hatte, über mich ergehen lassen zu müssen. Und ich fürchte, bei Jacksons Hobbit-Verwurstung würde es nicht viel anders aussehen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dieses Megaprojekt jene fröhliche Naivität atmen soll, die ich an altmodischen Abenteuerstreifen und gelungenen B-Movies so sehr schätze.
Dass dies auch bei einem ausgewachsenen Blockbuster nicht per se unmöglich ist, haben Andrew Stanton mit John Carter of Mars (2012) und vor allem Guillermo del Toro mit Pacific Rim (2013) zwar bewiesen, aber dem ollen Jackson würde ich ein solches Kunststück einfach nicht zutrauen.* Dazu nimmt sich der neuseeländische Regisseur einfach viel zu ernst. Vor allem aber ist er in meinen Augen ein bestenfalls mittelmäßiger Filmemacher, dessen spezifische Schwächen durch seinen ungeheuren Erfolg von Mal zu Mal immer unerträglichere Dimensionen angenommen haben. 
Die größten davon sind meiner Meinung nach
a) Fehlende Selbstdisziplin und ein Hang zur Maßlosigkeit;
b) Ein mangelndes Gefühl für den Rythmus einer Geschichte;
c) Die Tendenz, Action mit Dynamik zu verwechseln, was sich u.a. in einem ständigen Hin- und Herspringen zwischen verschiedenen Handlungssträngen äußert.
Der gigantische kommerzielle Erfolg seiner Lord of the Rings - Filme hat unglücklicherweise dazu geführt, dass Peter Jackson von Studioseite her offenbar keinerlei Beschränkungen mehr auferlegt werden. Und so mussten wir in King Kong (2005) z.B. nicht enden wollende Kämpfe zwischen unser aller liebstem Riesenaffen und etlichem Urzeitgetier durchstehen. Das einzig sinnvolle, was man angesichts solch unerträglich langweiliger "Action"-Sequenzen tun kann, ist, sie als Pinkelpausen zu nutzen. Bei der gargantuanen Überlänge von Jacksons Filmen eine vernünftige Strategie.
Im Falle des Hobbit traf sich Jacksons ganz persönlicher Hang zur Maßlosigkeit mit dem Interesse seiner Geldgeber, für die drei LotR - Prequel-Filme natürlich dreimal soviel Profit bedeuten. Und so durfte sich der Regisseur diesmal erst recht austoben. Und selbst wenn The Desolation of Smaug besser als An Unexpected Journey sein sollte, fürchte ich, dass sich dies für mich nicht in dreimal soviel Spaß, sondern in dreimal soviel Langeweile {und einen schmerzenden Arsch} umsetzen würde.

* Auch ist Tolkiens  Kinderbuch anders als die Pulpromane von Edgar Rice Burroughs oder ein Mix aus alten Kaiju-Filmen und Stuart Gordons Robot Jox (1990)  nicht die geeignete Grundlage für einen echten Schlockspaß.

R.I.P. John Cacavas & Arthur Rankin Jr.

Schnitter Tod hat im letzten Monat wahrlich reiche Ernte gehalten. Neben den von mir bereits erwähnten Riz Ortolani und Maximilian Schell fielen seiner Sense u.a. der Komponist John Cacavas (28. Januar) und Animations-Legende Arthur Rankin Jr. (30. Januar) zum Opfer. 
Ersterem verdanken wir unter anderem die großartig atmosphärische Musik zu Horror Express (1972) von Eugenio Martín und Bernard Gordon::



Letzterer braucht wohl kaum eine Einführung. Ich denke, viele Freunde & Freundinnen des Phantastischen werden wie ich intensive Kindheitserinnerungen mit The Last Unicorn verbinden.



Arthur Rankin Jr. begann seine Karriere als Art Director bei ABC. Im September 1960 gründeten er und Jules Bass dann eine gemeinsame Produktionsfirma mit dem Namen Videocraft International, besser bekannt als Bass/Rankin Productions, die für die nächsten gut zweieinhalb Jahrzehnte eine wichtige Rolle in der Geschichte des phantastischen Animationsfilms in den USA spielen sollte.
Beginnend mit Rudolph the Red-Nosed Reindeer (1964) schufen sie eine lange Reihe von Weihnachts- {später auch Oster} - Specials fürs Fernsehen, wobei sie sich einer "Animagic" genannten Form der Stop-Motion-Technik bedienten. Als Sprecher & Sänger wirkten dabei über die Jahre so bedeutende Künstler wie z.B. Fred Astaire, James Cagney, Burl Ives, Vincent Price und Mickey Rooney mit. Aus eigener Anschauung kenne ich leider nur den allerletzten Eintrag der beiden in diese Abteilung ihres Oeuvres: Den großartigen, 1985 unter Rankins Regie produzierten Film The Life and Adventures of Santa Claus, basierend auf dem gleichnamigen Buch von L. Frank Baum. Dieselbe "Animagic"-Technik kam auch bei Mad Monster Party von 1967 zum Einsatz, einer neckischen Hommage an die ikonischen Monster des Universal-Horrors:



In den 70ern versuchten sich Rankin & Bass auch als Produzenten im Live-Action-Bereich, was mit The Last Dinosaur (1976) und The Bermuda Depths (1978) immerhin zu zwei recht unterhaltsamen B-Movies führte. Ihr bedeutendster Beitrag zum Genrefilm war in diesem Jahrzehnt jedoch zweifelsohne die charmante Zeichentrickadaption von J.R.R. Tolkiens The Hobbit aus dem Jahre 1977, bei der sie gemeinsam Regie führten. Mit Peter Jacksons Blockbustern droht dieser Streifen nun endgültig in Vergessenheit zu geraten, was wirklich eine Schande wäre.



Das nächste Jahrzehnt eröffneten Rankin & Bass dann bedauerlicherweise mit ihrem wahrscheinlich größten cineastischen Verbrechen: The Return of the King (1980), einem Film, für den es vermutlich am besten ist, wenn man den barmherzigen Mantel des Schweigens über ihn ausbreitet. Zwei Jahre später freilich rehabilierten sie sich auf grandiose Weise mit ihrer Adaption von Peter S. Beagles The Last Unicorn. Über die Jahre ist meine Meinung über diesen Film einigen heftigen Wandlungen unterworfen gewesen, doch sehe ich in ihm inzwischen wieder einen der unbestreitbaren Klassiker des Fantasyfilms der 80er Jahre.
The Last Unicorn dürfte der Höhepunkt in Arthur Rankins künstlerischer Karriere gewesen sein. Mit Produktionen wie ThunderCats (1985) begann dann der allmähliche Niedergang. Doch auch wenn es ihm und Jules Bass in späteren Jahren nie wieder gelingen sollte, an die großen poetischen und fantasievollen Leistungen ihrer Blütezeit anzuknüpfen, ihr Beitrag zum Genre des phantastischen Animationsfilms wird unvergessen bleiben.

Samstag, 1. Februar 2014

Ein paar ungeordnete Gedanken zum Tod von Maximilian Schell

In der letzten Nacht verstarb in einem Krankenhaus in Innsbruck im Alter von dreiundachtzig Jahren Maximilian Schell. Wollte ich mich an einer ernsthaften Würdigung des Schauspielers versuchen, so würde dies voraussetzen, dass ich mir zuerst einmal eine ganze Reihe Filme wie Edward Dmytryks The Young Lions (1958), Vittorio de Sicas I sequestrati di Altona (Die Eingeschlossenen von Altona; 1962), Jules Dassins Topkapi (1964), Sidney Lumets The Deadly Affair (1966) oder Sam Peckinpahs Cross of Iron (1977) erneut oder zum ersten Mal anschauen müsste. Da mir dies nicht möglich ist, will ich mich auf einige kurze Bemerkungen zu zwei seiner Filme beschränken, die ich oft genug gesehen habe, um auf einen erneuten Besuch verzichten zu können.

Maximilian Schells Durchbruch in Hollywood, der auch gleich mit einem Oscar gekrönt wurde, kam mit Stanley Kramers Judgment at Nuremberg (1961). Ein Film über die Kriegsverbrecherprozesse gegen führende Nazis, an dem neben ihm so vorzügliche Schauspieler und Schauspielerinnen wie Spencer Tracy, Marlene Dietrich, Burt Lancaster, Montgomery Clift, Judy Garland und Richard Widmark {außerdem Werner Klemperer und William Shatner} mitwirkten. 
Schell spielt den jungen Strafverteidiger Hans Rolfe, der mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, einen Freispruch für die von ihm vertretenen Chefjuristen des Dritten Reiches zu erwirken. Er tut dies nicht, weil er irgendwelche Sympathien für das gefallene faschistische Regime hegen würde, sondern weil er den Hauptangeklagten Ernst Janning für einen Vertreter des "guten" Deutschland hält, der nur durch die widrigen Zeitumstände dazu gezwungen worden sei, eine führende Position im Justizapparat der Nazis zu übernehmen. Ihn zu verurteilen, würde für Rolfe bedeuten, ganz Deutschland zu verurteilen.
Alle an dem Projekt Beteiligten gingen ohne Zweifel mit großer Ernsthaftigkeit und viel Leidenschaft an den Stoff heran. Leider jedoch war Stanley Kramer ein Filmemacher von eher beschränktem Talent. Der große Kritiker Andrew Sarris schrieb 1968 über ihn:   
If Stanley Kramer had not existed, he would have had to have been invented as the most extreme example of thesis or message cinema. Unfortunately, he has been such an easy and willing target for so long that his very ineptness has become encrusted with tradition. He will never be a natural, but time has proved that he is not a fake.*
Die meisten Filme Kramers, die es überhaupt noch wert sind, heute gesehen zu werden, zeichnen sich durch eine steife und trockene Inszenierung, einen liberal-moralisierenden Tonfall und eine häufig eher ungelenk wirkende Cinematographie aus. Bloß schauspielerische Großleistungen wie die von Sidney Portier und Tony Curtis in The Defiant Ones (1958) oder von Spencer Tracy und Fredric March in Inherit the Wind (1960) retten sie vor der Mittelmäßigkeit. Judgement in Nuremberg bildet da leider keine Ausnahme. Wie David Walsh 2001 in seinem Nachruf auf den Regisseur geschrieben hat:
Much of the film is stodgy and predictable. The zooms in the courtroom scenes are disastrous and look almost parodic today. There is a great deal of discussion about collective guilt, but none of the historical issues that gave rise to fascism are even mentioned.**
Was nicht heißt, dass es nicht einige wirklich berührende Sequenzen gäbe. Das gilt insbesondere für die Zeugenaussagen des Eisenbahners Peterson (Montgomery Clift), der einer Zwangssterilisierung unterzogen wurde, und der jungen Irene Wallner (Judy Garland), die in einem Schauprozess der "Rassenschande" angeklagt wurde. 
Maximilian Schells Spiel ist zugegebenermaßen sehr beeindruckend, doch die von ihm verkörperte Figur des Anwalts Rolfe ist aufs engste mit den problematischen Grundideen des Filmes verknüpft. Wie Walsh ganz richtig bemerkt, weicht der Film einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Wurzeln des Faschismus aus. Er konzentriert sich ganz auf Fragen der individuellen Schuld und verbindet diese letztenendes mit der fatalen Theorie der "Kollektivschuld", die im Grunde alle Deutschen für die Verbrechen des Nationalsozialismus verantwortlich machte und damit die Rolle des Nazismus als eines blutigen Retters des Kapitalismus verschleierte.
Trotz all seiner Mängel bleibt Judgment in Nuremberg sehenswert und hätte sicher eine detailliertere Besprechung verdient, als ich sie hier geben kann.

In die Gefilde des Phantastischen hat sich Maximilian Schell im Laufe seiner Karriere nur sehr selten begeben. Am bekanntesten dürfte wohl sein Auftritt als Dr. Hans Reinhardt in Gary Nelsons The Black Hole (1979) sein, jenem merkwürdig hybrid wirkenden SciFi-Film, mit dem Disney sich von seinem alten keimfrei-quietschbunten Image zu lösen und in "ernsthaftere" und düsterere Dimensionen vorzustoßen versuchte. Beileibe kein Klassiker, aber ein Film, der diese surreale Sequenz enthält, verdient es auf jedenfall, nicht ganz in Vergessenheit zu geraten.
Sehr viel beeindruckender freilich ist die von Maximilian Schell und dem bedeutenden Theaterregisseur Rudolf Noelte 1968 kreierte Adaption von Franz Kafkas Das Schloss. Schell war dieses Projekt offenbar eine echte Herzensangelegenheit, und um das nötige Geld für die Produktion aufzubringen, ließ er sich "für Filme engagieren, die er 'gar nicht nennen will'", wie ein zeitgenössischer Spiegel - Artikel berichtete. Das Ergebnis rechtfertigt diese Opfer voll und ganz. 
Der karg und zurückhaltend in Szene gesetzte Film besitzt eine faszinierende Intensität. Die Welt, die der von Schell gespielte Landvermesser K.betritt ist bedrückend, unmenschlich und grotesk. Aber das Groteske nimmt hier nicht die dekadenten, überbordenden Formen an, wie wir sie z.B. aus den Filmen von Terry Gilliam oder Guillermo del Toro kennen. Ebensowenig findet sich hier der stilisierte Symbolismus von Orson Welles Kafka-Adaption The Trial. In ihrer Monstrosität wirken der verschneite Mikrokosmos und seine Bewohner, die uns in Das Schloss präsentiert werden, dennoch auf perverse Weise "natürlich" und "normal". Doch gerade dadurch hinterlassen sie einen extrem verstörenden Eindruck. Selbst das auf groteske Weise witzige wirkt hier vor allem unheimlich und inhuman. Das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Und auch wenn unsere Sympathie natürlich dem armen K. gehört, der sich gegen eine undurchdringliche Bürokratie durchzusetzen versucht, hinter der sich eine grausame und willkürliche Macht zu verbergen scheint, so verleiht Maximilian Schell dem Landvermesser doch nicht nur sympathische Züge.
Das Schloss ist ganz sicher nichts für Leute, die mit Action und bunten Bildern unterhalten werden wollen. Doch wer bereit ist, sich auf diesen eher spröden Film einzulassen, wird dabei einen kleinen Klassiker der Phantastik entdecken dürfen. 


* Andrew Sarris: The American Cinema, Directors and Directions 1929-1968. S. 260.
** David Walsh: Why was Stanley Kramer so unfashionable at the time of his death?