"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 8. Februar 2014

Der Tramp

Leider war es mir nicht möglich, diesen Blogeintrag in der vorgesehenen Zeit fertigzustellen. Man möge sich darum bitte denken, er sei bereits gestern erschienen. 

Vor einhundert Jahren, am 7. Februar 1914, hatte Charlie Chaplins Tramp seinen ersten Kinoauftritt, und die Menschheit war von einem Moment zum anderen ein Stück reicher.



Genaugenommen war Henry Lehmans Kid Auto Races at Venice überhaupt nicht die Geburtsstunde der ikonischen Figur. Chaplin hatte mit ihrer Entwicklung bereits in dem zuvor gefilmten Streifen Mabel's Strange Predicament begonnen. Doch gelangte dieser erst am 9. Februar zur Vorführung, und so war dies das Szenario, welches das Publikum zum allerersten Mal mit dem Tramp bekannt machte.
In einem Interview aus dem Jahre 1933 erzählt Chaplin, wie es zur Geburt der Figur gekommen sei:
I was hurriedly told to put on a funny make-up. This time I went to the wardrobe and got a pair of baggy pants, a tight coat, a small derby hat and a large pair of shoes. I wanted the clothes to be a mass of contradictions, knowing pictorially the figure would be vividly outlined on the screen. To add a comic touch, I wore a small mustache which would not hide my expression. My appearance got an enthusiastic response from everyone, including Mr. Sennett {dem Chef der Keystone Studios}. The clothes seemed to imbue me with the spirit of the character. He actually became a man with a soul—a point of view. I defined to Mr. Sennett the type of person he was. He wears an air of romantic hunger, forever seeking romance, but his feet won't let him.
Die Behauptung, der Charakter der Figur sei quasi spontan mit dem Anlegen der Kleidung enstanden, ist freilich eine Übertreibung. Eine jener romantischen Legenden, von denen die Geschichte des Kinos so viele kennt. Tatsächlich dauerte es einige Zeit, bis Chaplin der äußeren Erscheinung die ihr entsprechende Seele eingehaucht hatte. Eine bedeutende Rolle spielte dabei, dass er ab Caught in the Rain (4. Mai 1914) bei so gut wie jedem Film, in dem er auftrat, die Regie übernahm. Wie kaum einem anderen Filmkünstler der Zeit, gelang es ihm, nach und nach die völlige Kontrolle über seine Produktionen zu erlangen, bis er schließlich 1919 gemeinsam mit Douglas Fairbanks, Mary Pickford und D.W. Griffith United Artists gründete und sich damit endgültig der Kontrolle und Bevormundung durch die Produzenten entzog.
Von 1914 bis 1919 spielte Chaplin den Tramp in rund sechzig Filmen, von denen keiner länger als eine Stunde war. Dem folgten seine großen Meisterwerke The Kid (1921), The Gold Rush (1925), The Circus (1928), City Lights (1931) und Modern Times (1936).
Es fällt nicht leicht, genau zu definieren, worin der unwiderstehliche Zauber von Chaplins Tramp eigentlich besteht. Der ungarische Schriftsteller und Filmkritiker Béla Balázs schrieb in den 20er Jahren dazu:
Er wackelt auf seinen verträumten Plattfüßen wie ein Schwan auf dem Trockenen. Er ist nicht von dieser Welt und wirkt vielleicht nur in dieser lächerlich. Die Wehmut eines verlorenen Paradieses dämmert hinter der Komik seines Jammers. Er ist wie ein ausgestoßenes Waisenkind unter fremden und unverwandten Dingen und kennt sich nicht aus. Er hat ein rührendes, verwirrtes Lächeln, das um Entschuldigung bittet, dass er lebt. Doch wenn seine unbeholfene Schwäche unser Herz schon ganz für sich gewonnen hat, dann stellt es sich heraus, dass diese Plattfüße einem verteufelt geschickten Akrobaten gehören, sein verlorenes Lächeln zugleich verschmitzt und seine Naivität mit genialer Schlauheit begabt ist. Er ist der Schwache, der nicht unterliegt. Er ist der dritte, der jüngste Sohn des Volksmärchens, den alle verachtet haben und der zuletzt doch König wird. Das ist das Rätsel der tiefen Freude und Genugtuung, die seine Kunst den Völkern aller Länder gibt. Er spielt die siegreiche Revolution der "Erniedrigten und Beleidigten".
Chaplins Kunst ist Volkskunst im besten Sinne alter Volksmärchen. [...] Das Rührend-Menschliche seiner ganzen verträumten Einfältigkeit besteht darin, dass er ein kindlich-ursprüngliches Menschentum inmitten einer "verdinglichten", maschinentoten Zivilisation darstellt [...]
Bedeutender als Chaplin der Filmschauspieler ist Chaplin der Filmdichter. Seine Kindlichkeit gibt ihm hier jene Perspektive der Welt, durch die sie filmmäßig poetisch wird. Das ist die Poesie des kleinen Lebens, das ist das stumme Leben der kleinen Dinge, bei dem nur Kinder und ziellose Strolche verweilen. Und gerade dieses Verweilen ergibt die reichste Filmpoesie.*    
Das mag nun nicht der universale, alles erklärende Schlüssel zum Geheimnis Chaplin sein, aber ohne Zweifel besteht ein Gutteil seiner Anziehungskraft in der {im besten Sinne} romantischen Poesie und befreienden, zutiefst menschlichen Kraft seiner Filme.
Es erscheint mir deshalb in gewisser Weise nur folgerichtig, dass der Tramp seinen letzten Auftritt in The Great Dictator (1940) hatte, und dass im Grunde er es ist, der am Ende dieser vernichtenden Parodie auf Hitler und den Faschismus jene leidenschaftliche Rede für Freiheit und Humanität hält:




* Béla Balász: Chaplin, der amerikanische Schildbürger. In: Dorothee Kimmich (Hg.): Charlie Chaplin. Eine Ikone der Moderne. S. 73ff.

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