"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 8. Dezember 2013

2. Advent: "Sir Gawain and the Green Knight"

Þis kyng lay at Camylot vpon Krystmasse
With mony luflych lorde, ledez of þe best,
Rekenly of þe Rounde Table alle þo rich breþer,
With rych reuel oryȝt and rechles merþes.
Þer tournayed tulkes by tymez ful mony,
Justed ful jolilé þise gentyle kniȝtes,
Syþen kayred to þe court caroles to make.
For þer þe fest watz ilyche ful fiften dayes,
With alle þe mete and þe mirþe þat men couþe avyse;
Such glaum ande gle glorious to here,
Dere dyn vpon day, daunsyng on nyȝtes

"Besagter König [Artus] hielt zur Weihnachtszeit in Camelot mit vielen edlen Herren, den besten unter den Rittern, Hof. Da waren nach höfischem Brauch all jene hervorragenden Mitglieder der Tafelrunde versammelt, und zu Recht gaben sie sich in sorgloser Freude den Festlichkeiten hin. Es fanden sehr häufig Tunierspiele statt, wobei jene edlen Ritter mit viel Freude tjostierten. Danach begaben sie sich an den Hof, um zu singen und zu tanzen. Nun dauerte das Fest hier volle vierzehn Tage, mit all dem Gaumenschmaus und den Vergnügungen, die man nur ersinnen konnte; das war ein Freudenlärm, herrlich anzuhören, tagsüber von den Festlichkeiten, nachts von der Tanzmusik."*

So beginnt die dritte Strophe von Sir Gawain and the Green Knight, der wohl berühmtesten mittelenglischen Artusdichtung, geschaffen von einem anonymen Künstler des 14. Jahrhunderts.** Und es ist eine recht ungewöhnliche Ausgangssituation für ein mittelalterliches Werk über die Abenteuer eines Ritters der Tafelrunde.
Im klassischen Artusroman, wie ihn Chrétien de Troyes im 12 Jahrhundert geschaffen hatte, beginnt die Handlung zwar ebenfalls sehr häufig mit einem Fest am Artushof, doch findet dieses grundsätzlich im Frühling statt, sei es an Ostern (Erec et Enide), Christi Himmelfahrt (Lancelot ou Le Chevalier de la Charrette) oder der traditionelle Normalfall Pfingsten (Yvain). Wie Wolfram von Eschenbach im Parzival schreibt: "Artûs der meienbære man,/ swaz man ie von dem gesprach,/ zeinen pfinxten daz geschach,/ odr in des meien bluomenzît." ("Artus, der maiengleiche Mann – was auch immer man von ihm erzählt, ereignete sich {stets} an Pfingsten oder in der blumenreichen Zeit des Mai." [281, 16-19]) Der Grund hierfür ist leicht nachzuvollziehen: Keine andere Jahreszeit schien den Dichtern geeigneter, um jene dem irdischen Dasein zugewandte, intensive Freude zu veranschaulichen, die Kernbestandteil des höfischen Lebensgefühls war. Nicht zufällig haben die Trobadore und Minnesänger den Frühling in unzähligen ihrer Lieder besungen. 
Warum die Handlung von Sir Gawain and the Green Knight stattdessen zur Julzeit beginnt? Ich habe keine Ahnung. Mit der Crône Heinrichs von dem Türlìn ist mir nur ein einziges weiteres Beispiel für einen derartigen Bruch mit der Tradition bekannt.*** Unwichtig dürfte die zeitliche Verortung der Geschichte jedenfalls nicht sein. Der Grüne Ritter selbst nennt seine Herausforderung "a Crystemas gomen,/ For hit is Ȝol and Nwe Ȝer" {"ein Weihnachtsspiel, denn es ist Jul- und Neujahrszeit"; V. 283/4), und dass Gawains Prüfung und Versuchung an Bertilaks Hof mit dem Fest der Geburt des Herrn zusammenfällt, verleiht den Ereignissen ohne Zweifel eine besonders ernsthafte Note. Im Zentrum der Erzählung scheint die Frage zu stehen, inwieweit höfische Wertvorstellungen und christliche Ethik miteinander zu vereinbaren sind. Welche Antwort der Dichter darauf gibt, ist allerdings umstritten. Haben wir Sir Gawain and the Green Knight als Kritik am Ideal der höfischen Liebe oder als Kritik an einem übertrieben rigorosen Verständnis christlicher Tugendhaftigkeit zu verstehen? Könnte der Umstand, dass die Geschichte gerade nicht in der Jahreszeit von höfischer Freude und Liebe beginnt, irgendetwas mit diesem zentralen Thema zu tun haben?

Ich habe nicht vor, mich in eine ernsthafte Analyse dieses faszinierenden Beispiels mittelenglischer Literatur zu stürzen. Es geht mir lediglich darum, klarzustellen, warum eine filmische Adaption von Sir Gawain and the Green Knight einen Platz in unserem Adventsprogramm verdient hat.

Keinen der beiden Kinofilme von Stephen Weeks (Gawain and the Green Knight [1973] & Sword of the Valiant [1984]) kenne ich aus eigener Anschauung. Und wenn ich ehrlich sein soll, bin ich auch nicht besonders erpicht darauf, diesen Zustand in absehbarer Zukunft zu ändern. {Allerdings dürfte letzterer im Rahmen einer seit längerem geplanten Expedition in die Gefilde des Fantasyfilms der 80er irgendwann wohl doch noch aufs Tapet kommen.} Sehr viel mehr würde mich da schon die Fernsehadaption aus dem Jahre 1991 interessieren, wurde das Drehbuch doch von David Rudkin verfasst, der mit Werken wie Penda's Fen (1974), The Ash Tree (1975) und Artemis 81 (1981) zu den wirklich faszinierenden Vertretern der britischen TV-Phantastik gehört. Unglücklicherweise hatte ich noch keine Gelegenheit, nähere Bekanntschaft mit ihr zu schließen. Dafür bin ich vor nicht all zu langer Zeit auf einen von den irischen Unternehmen Vinegar Hill und Moving Still produzierten Animationsfilm aus dem Jahr 2002 gestoßen.
Leider habe ich kaum nähere Informationen über den Streifen finden können. Weder der Regisseur Tim Feinee noch die Drehbuchautoren Martin Lamb und Penélope Middleboe scheinen an irgendwelchen bekannteren Projekten beteiligt gewesen zu sein. Gawain wird von James D'Arcy, der Grüne Ritter von Anton Lesser gesprochen. Und das wär's dann im Großen und Ganzen auch schon.

Was diese Adaption von Sir Gawain and the Green Knight meiner Meinung nach so interessant macht, ist vor allem die visuelle Ästhetik. Der Film will den Eindruck erwecken, ein zum Leben erwachtes mittelalterliches Buntglasfenster zu sein. Das ist nicht nur als Idee faszinierend, sondern verleiht dem Streifen auch ein äußerst stilisiertes Aussehen. Hier und da bekommt die Geschichte zwar einen etwas unglücklichen, leicht grotesken Touch, doch im Ganzen gesehen halte ich diese Herangehensweise für sehr gut geeignet, um einen literarischen Stoff des Mittelalters filmisch umzusetzen. Auf realen Sets gedrehte Adaptionen mit realen Schauspielern & Schauspielerinnen erwecken beinah automatisch einen Eindruck von "Realismus", der bei dieser Art von Literatur einfach unangemessen ist. Stilisierung {und wenn man so will Verfremdung} sind sehr viel besser geeignet, uns mittelalterliche Literatur nahezubringen, gerade weil sie eine Distanz zwischen Zuschauer und Geschichte schaffen. Ich will nicht behaupten, dass es dem Film gelingen würde, einen völlig korrekten Eindruck von Geist und Inhalt seiner literarischen Vorlage zu vermitteln. Zumindest aber gibt er uns das Gefühl, es mit etwas fremdartigem zu tun zu haben. Und das stellt bereits einen großen Schritt in die richtige Richtung dar ...








* Sir Gawain and the Green Knight. V. 37-47. Übersetzt von Manfred Markus. Wer eine neuenglische Übersetzung des Gesamttextes sucht, findet eine solche hier. Das mittelenglische Original in der Edition von E.V. Gordon & J.R.R. Tolkien kann man hier lesen.
** Erstaunlicherweise scheint das Werk zu seiner Zeit keine besonders weite Verbreitung gefunden zu haben. Der Mediävist Thomas Hahn schreibt: "Sir Gawain and the Green Knight is by acclamation the most subtle, learned, and enjoyable of poems about this chivalric hero, as well as one of the great narrative achievements in the English language. Yet there exists little evidence of its being read from the time of its composition in the later fourteenth century until the edition produced by Madden in 1839. Even if it did find readers [...] this profoundly literate text exercised little influence over the popular Gawain narratives". Von letzteren gab es eine ganze Menge, wie man in dem von Hahn herausgegebenen Sammelband Sir Gawain: Eleven Romances and Tales nachlesen kann. Zu diesen gehörte auch eine sehr viel kürzere und simplere Version der Geschichte vom Grünen Ritter. 
*** Interessanterweise findet sich in diesem wunderbar bizarren nachklassischen Artusroman (um 1230) – dem einzigen mittelhochdeutschen Werk, in dem Gawain der Hauptheld ist – auch eine weitere Variante des sehr alten Motivs der Köpfungsherausforderung, dem wir u.a. auch in der altirischen Heldendichtung Fled Bricrenn (Bricrius Fest) begegnen. Zu bedeuten hat das vermutlich nichts. {Allerdings könnte Fled Bricrenn der Grund dafür sein, warum T.H. Whites The Once and Future King Gawain mit Cúchulainn, dem Haupthelden des Ulster-Zyklus, identifiziert.}

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