"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 3. November 2013

Von monströsen Spinnengöttern und stilistischen Mixturen

Letzte Nacht hatte ich mal wieder Besuch von einem guten alten Bekannten – Schlaflosigkeit. Ein lästiger Geselle, aber was soll man machen? Nachdem ich keine Lust mehr hatte, mich noch länger sinnlos im Bett hin- und herzuwälzen, raffte ich mich auf, um mir irgendeine nette Ablenkung in den frühen Morgenstunden zu verschaffen. Nach einigem sinnlosen Rumgesurfe, stieß ich schließlich in der Lovecraft eZine auf den italienischen Horrorfilm The Spider Labyrinth (Il nido del ragno [Das Nest der Spinne]):


Gianfranco Giagnis Kindodebüt aus dem Jahre 1988 erzählt eine denkbar einfache Geschichte. Der junge amerikanische Professor Alan Whitmore (Roland Wybenga) reist nach Budapest, um seinen Kollegen Professor Roth zu Besuchen. Beide arbeiten im Rahmen eines internationalen Projektes an der Erforschung eines jahrtausendealten religiösen Kultes. In der ungarischen Hauptstadt angekommen begegnet unser Held Roths Assistentin Genevieve Weiss (Paola Rinaldi) und wird im Hotel der mysteriösen Mrs. Kuhn (Stéphane Audran) einquartiert. Roth allerdings wird noch am selben Tag ermordet, konnte Whitmore zuvor aber noch ein uraltes Votivtäfelchen mit einer geheimnisvollen Inschrift zukommen lassen. Es dauert nicht lange, da ist auch das Leben unseres Helden in höchster Gefahr. Oder vielleicht weniger sein Leben, als vielmehr seine Seele. Denn die Anhänger eines monströsen Spinnengottes sehen es überhaupt nicht gern, wenn man den Namen ihrer Gottheit der Welt bekannt machten will. Eher schon steht ihnen der Sinn danach, die Herrschaft über selbige zu übernehmen.
Das klingt nun nicht gerade nach der originellsten aller Gruselgeschichten, doch ich denke, dass vor allem Liebhaber & Liebhaberinnen des klassischen italienischen Horrorfilms Il nido del ragno zumindest interessant finden werden. Ein vergessenes Genrejuwel ist der Streifen in meinen Augen allerdings nicht, auch wenn manche da anderer Meinung zu sein scheinen.


Recht spannend liest sich allein schon die Liste der Leute, die an der Entwicklung des Drehbuchs beteiligt waren. Neben dem mir unbekannten Gianfranco Manfredi liefern sich da drei recht markante Namen ein Stelldichein. 
Da hätten wir zuerst einmal Tonino Cervi, der gleichzeitig einer der Produzenten des Flicks war. Der 2002 verstorbene Cervi ist eine nicht unbedeutende Figur in der Geschichte des italienischen Kinos gewesen. In den 50ern & 60ern produzierte er u.a. Mauro Bologninis La notte brava (Wir von der Straße; 1959), Florestano Vancinis La lunga notte del '43 (Die lange Nacht von 43; 1960), Boccaccio 70 (1962) – einen Film, der Episoden von Mario Monicelli, Federico Fellini, Luchino Visconti & Vittorio De Sica enthält –, Bernardo Bertoluccis Debüt La commare secca (1962) und Michelangelo Antonionis Il deserto rosso (Rote Wüste; 1964). Gegen Ende der 60er Jahre nahm seine Karriere dann eine eigenartige Wendung und er wandte sich den wüsten {aber vermutlich kommerziell erfolgversprechenderen*} Gefilden des B-Movies zu. So produzierte er in den 70ern u.a. zwei Nunsploitation-Flicks von Domenico Paolella, für die er auch die Drehbücher geschrieben hatte. Zugleich versuchte er sich als Regisseur, u.a. mit der Peyrefitte-Adaption Ritratto di borghesia in nero (Die nackte Bourgeoisie; 1977).
Als nächster wäre Riccardo Aragno zu nennen, am bekanntesten vielleicht durch seine lange Freundschaft mit Stanley Kubrick, dessen Filme er für den italienischen Markt bearbeitete.
Der vierte im Bunde schließlich ist Cesare Frugoni, der als Drehbuchautor das italienische Kinopublikum seit den 70ern mit Werken wie La montagna del dio cannibale (Die weiße Göttin der Kannibalen), L'isola degli uomini pesce (Die Insel der neuen Monster), Il fiume del grande caimano (Der Fluss der Monsterkrokodile) und Vai alla grande (Die flotten Teens von Rimini) beglückt hat. Interessanterweise arbeitete er aber auch am Drehbuch für Cervis Ritratto di borghesia in nero mit.
Eine faszinierende Combo, das wird man zugeben müssen. Allerdings könnte The Spider Labyrinth ein klassisches Beispiel dafür sein, dass zuviele Köche oft genug den Brei verderben. Doch bevor wir uns der Kritik des Streifens zuwenden, rasch noch ein paar Worte über den Regisseur.
Mir war Gianfranco Giagni bisher kein Begriff, und das wenige, was man bei Wikipedia über ihn findet, hat mich kaum schlauer gemacht. Er begann seine Karriere mit dem Filmen von Musikvideos, schuf später u.a. eine TV-Adaption von Monteverdis Oper Orfeo und scheint hauptsächlich für seine Dokumentarfilme bekannt zu sein, unter denen Rosabella, la storia italiana di Orson Welles hervorsticht, in dem er sich anscheinend mit Welles' Arbeit an Othello und Don Quixote auseinandersetzt. Warum er sich für sein Kinodebüt dem Horrorgenre zugewandt hat, lässt sich daraus nicht ableiten.

Allerdings glaube ich nicht, dass es Giagni in erster Linie darum ging, dem breiten Publikumsgeschmack zu schmeicheln. Er wollte mit Il nido del ragno ganz offensichtlich an die Tradition des klassischen italienischen Giallos und Horrorfilms anknüpfen. Und "anknüpfen" ist noch milde ausgedrückt. Einige Sequenzen wirken beinah wie Plagiate der alten Meisterwerke von Dario Argento (vor allem Suspiria [1977]). Dem beigefügt sind einige Motive aus völlig anderen Traditionszusammenhängen. So habe selbst ich in meinem übermüdeten Zustand die "Anspielungen" auf Robert Siodmaks The Spiral Staircase (1945) und Carol Reeds The Third Man (1949) mitbekommen. Von literarischer Seite wurde dem Ganzen dann außerdem noch eine kleine Prise Lovecraft hinzugemischt. Nicht der schlechteste Mix, und doch bin ich nicht völlig zufrieden damit.
Der Film ist immer dann am Besten, wenn er den Argento-Ton besonders gut nachahmt. Höhepunkt ist dabei ganz ohne Zweifel die Sequenz, in der das Zimmermädchen Maria (Claudia Muzi) ermordet wird. Hier gewinnt der Streifen in bester Argento-Manier eine zugleich unwirklich-alptraumhafte und düster-poetische Qualität. Und Giagni versteht die Kunstgriffe des Meisters {Farben, Kameraführung, die Verwandlung des Hotels in eine phantasmagorische Traumwelt voller wehender Vorhänge und museal anmutender Interieurs, die Beimischung erotischer Elemente etc.} in der Tat sehr kompetent zu kopieren. Einzig störend hat auf mich dabei gewirkt, dass an einer Stelle wieder einmal das inzwischen arg überstrapazierte Psycho-Motiv nachgeahmt wird. Eine vergleichbare atmosphärische Intensität erreicht der Film nur noch einmal im Finale, wenn die gruselige Gottheit des Kultes ihren großen Auftritt hat – eine in ihren symbolischen Implikationen sehr verstörende Erscheinung. Daneben finden sich hier und da noch einige im besten Sinne gruselige Details – so etwa der kleine Junge auf der quietschenden Schaukel im Hof von Professor Roths Haus oder einige der Szenen in der Kanalisation.
Doch leider hält Il nido del ragno dieses Niveau nicht über längere Strecken. Da wären zuerst einmal einige Szenen, die zwar gleichfalls die unheimliche Atmosphäre der Klassiker nachzuahmen versuchen, dabei jedoch vollständig scheitern. Wenn z.B. sämtliche Gäste des Hotels nacheinander aufstehen und den Speisesaal verlassen, während Whitmore, Ms. Weiss und Mrs. Kuhn sich unterhalten, wirkt dies eher irritierend als verstörend, da die Szene nichts von der traumhaften Qualität besitzt, die dieses Verhalten unheimlich  erscheinen lassen könnte. Noch schlimmer jedoch ist, dass man bei einigen Sequenzen das Gefühl bekommt, der Regisseur sei sich nicht ganz sicher gewesen, in welchem Stil er seine Geschichte eigentlich erzählen wollte. Am deutlichsten zeigt sich dies, wenn man zwei Morde, die relativ kurz hintereinander geschehen, miteinander vergleicht. Der Mord an Maria ist wie gesagt als surrealer Alptraum in Szene gesetzt worden. Doch wenn wenig später ein Antiquitätenhändler ins Jenseits befördert wird, geschieht dies im Stil eines billigen Monsterflicks. Urplötzlich verzichtet Giagni auf jede Form der Stilisierung. Und die von dem Spinnengott besessene Mörderin, deren fratzenhaftes Gesicht eben noch so wirkte, als sei es einem Alptraum entsprungen, hinterlässt nun einen eher lächerlichen Eindruck

Es ist diese eigentümliche und schwer erklärliche stilistische Mixtur, die es mir unmöglich macht, The Spider Labyrinth zu einem wirklich gelungenen Film zu erklären. Dennoch würde ich allen Freunden und Freundinnen eines leicht surrealen Horrors empfehlen, sich den Flick einmal anzuschauen. Falls er wirklich so unbekannt sein sollte, wie meine kurze Netzrecherche nahelegt, denke ich, dass er es verdient hat, diesem Schattendasein entrissen zu werden.


* Was gar nicht abwertend gemeint ist. Tonino Cervi hatte zwischen 1955 und 1961 sage und schreibe vier Produktionsgesellschaften gegründet, und war jedesmal pleite gegangen. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er sein Schiff endlich in sicherere Gewässer lenken wollte.

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