"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 13. Juni 2016

Tarantella

Der Horror/SciFi - B-Movie Mesa of Lost Women aus dem Jahre 1953 gilt als einer der miesesten Filme, die jemals auf Celluloid gebannt wurden. Und auch wenn solche Behauptungen stets mit Vorsicht zu genießen sind {man begegnet verdammt vielen "miesesten Filmen aller Zeiten", wenn man nur genug Leute fragt}, haftet ihnen doch stets etwas verführerisches an. Wenn man dann außerdem noch erfährt, dass der Streifen seinerzeit mit diesem grandiosen Foto von Tandra Quinn und einer Riesenspinne beworben wurde, sollte es eigentlich kein Halten mehr geben. Doch alle Freundinnen und Freunde abstrusen Phantastik-Trashs, die diesen Flick noch nicht gesehen haben und das nun so schnell wie möglich nachholen wollen, seien gewarnt: Mesa of Lost Women ist ohne Zweifel eine Art Schlock-Klassiker und in seiner Mischung aus abstrusem Plot, unterirdischer Schauspielerei und enervierender Flamenco - Free Jazz - Musik auf perverse Weise recht faszinierend, doch zugleich ist er ein wirklich mieser Film. Und damit meine ich, er ist nicht nur völlig inkompetent zusamengestoppelt, sondern auch verdammt zäh. Jeder echte B-Movie - Fan sollte diesen Flick zumindest ein Mal gesehen haben, aber ich bezweifle, dass es eine besonders unterhaltsame Stunde sein wird, die er oder sie mit ihm verbringt. 


Wo beginnen? Überspringen wir den grandios pompösen, von Lyle Talbot vorgetragenen Prolog, und die bizarre doppelte Rahmenerzählung. Wir hätten da zuerst einmal den verrückten Wissenschaftler Dr. Aranya (Jackie Coogan), der in seinem Refugium in der mexikanischen Muerto-Wüste den üblichen Beschäftigungen seiner Profession nachgeht. Das heißt, er injeziert einer Tarantel menschliche Hormone und lässt sie zu gigantischer Größe heranwachsen, um anschließend den Prozess umzukehren und Menschen mit Spinnengift zu behandeln. Klar, warum auch nicht? Auf diese Weise kreiert er eine ganze Schar hübscher und tödlicher "Spinnenfrauen", unter denen die verführerische Tarantella (Tandra Quinn) sein Meisterwerk darstellt, sowie ein paar missgestaltete männliche Zwerge. Selbstverständlich ist dies bloß der erste Schritt auf seinem Weg zur Weltherrschaft. 
Soweit ist das alles noch völlig logisch, oder? Etwas verwirrend wird es, als der weltberühmte Wissenschaftler Leland Masterson (Harmon Stevens) dem Mesa - Labor des guten Doktors einen Besuch abstattet. Nicht wirklich begeistert von den Experimenten Aranyas wird er von dessen "Spinnenfrauen" überwältigt und mit irgendeiner Substanz behandelt, die offenbar dazu führt, dass er den Verstand verliert. Wie er seinen Weg in eine amerikanische Irrenanstalt findet, ist damit zwar nicht geklärt, aber in der nächsten Szene sehen wir ihn nach seiner Flucht aus besagtem Hospital in irgendeiner Stadt an der mexikanischen Grenze einen Nachtclub betreten, in dem kurioserweise Tarantella als Tänzerin auftritt. In demselben Etablissement finden sich auch der reiche Geschäftsmann Jan van Croft (Nico Lek) und seine junge Verlobte Doreen Culbertson (Paula Hill) ein. Bald darauf stößt außerdem noch der Krankenpfleger George (George Barrows) zu der Gruppe, der Masterson bis hierhin verfolgt hat. Die Situation eskaliert, als der irre Masterson Tarantella zu erschießen versucht, und schon bald finden wir uns in Van Crofts von Pilot Grant Phillips (Robert Knapp) gesteuertem Flugzeug auf dem Weg Richtung Süden wieder. Doch dummerweise ist Van Crofts chinesischer Diener Wu (Samuel Wu) in Wirklichkeit ein Agent Aranyas, der dafür sorgt, dass unsere eigenartige Truppe auf dem Mesa-Refugium des verrückten Doktors notlanden muss. Während George im nächtlichen Dschungel von Aranyas Riesenspinne ins Jenseits befördert wird und Grant und Doreen ihre unsterbliche Liebe füreinander entdecken, schlurft der Film unerbittlich seinem absurd lahmen Finale entgegen.

Dass diese Plotzusammenfassung vermutlich nur wenig Sinn macht, ist echt nicht meine Schuld. Wie gelangt Masterson von Dr.Aranyas Labor in ein US-Hospital? Keine Ahnung. Warum hat die hübsche Tarantella einen Nebenjob als Tänzerin in einem schmierigen Nachtclub angenommen? Keine Ahnung. Welche Verbindung besteht zwischen Wu und dem irren Doktor? Keine Ahnung. Warum hat Masterson eine so große Vorliebe für leicht abgewandelte Bibelzitate? Keine Ahnung. Warum besteht der Film darauf, Spinnen als Hexapoden ("Sechsfüßer") zu bezeichnen? Ich hab wirklich keine Ahnung!

Wir verdanken die Existenz von Mesa of Lost Women in erster Linie dem obskuren Regisseur und Drehbuchschreiber Herbert Tevos, der es 1951 irgendwie bewerkstelligte, die Verantwortlichen bei Pergor Productions dazu zu überreden, ihn sein Tarantula betiteltes Script verfilmen zu lassen. Es sollte sein einziger Film bleiben. Und selbst über diesen wurde ihm die Kontrolle entzogen, als 1952 die legendäre B-Movie - Schmiede Howco Productions die Rechte an dem Flick erwarb und den zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich für seine billigen Western bekannten Ron Ormond beauftragte, einige zusätzliche Szenen zu drehen. Ziel war es vermutlich, das Ganze etwas verständlicher zu machen. Eine Aufgabe, der sich der spätere Exploitation-Meister augenscheinlich nicht gewachsen sah.
Doch wie dem auch sei, Tevos ist auf jedenfall eine ziemlich faszinierende Gestalt und auch heute noch etwas von einem Rätsel. Sein wirklicher Name war Herbert von Schöllenbach. Erste Verbindungen zur Welt des Films nahm er vermutlich in den 20er/30er Jahren im heimatlichen Deutschland auf. Doch wie genau diese aussahen und wie intensiv sie waren bleibt bis heute schleierhaft. Schließlich übersiedelte er im Auftrag seines Arbeitgebers Agfa in die Vereinigten Staaten. Bei seinen dortigen Mitarbeitern fiel er schon bald durch seine münchhausenhaften Erzählungen auf:   
At our gatherings Schoellenbach regaled us with his biography; his experiences as a motion picture cameraman, his expeditions to the Amazon, and his association with Richthofen, the World War I German aviation ace. He had been the cameraman on an expedition up the Amazon River when everyone became ill with fever. He was able to escape, alone, back to civilization but had buried several thousand meters of exposed motion film in the jungle.
Bei seinen Versuchen, als Drehbuchschreiber in Hollywood Fuß zu fassen, bediente er sich offenbar ähnlicher Methoden. So behauptete er u.a. der wahre Regisseur von Der Blaue Engel (1929/30) zu sein. Ganz schön dreist! {Auch wenn er seinerzeit scheinbar tatsächlich in Briefkontakt mit Karl Volmöller, dem Autor des Drehbuchs für den Josef von Sternberg & Marlene Dietrich - Klassiker, gestanden hatte.} Große Erfolge konnte er mit dieser Masche allerdings nicht erzielen. Die Studios hielten seine Scripts offenbar für "unverfilmbar" {was angesichts von Mesa of Lost Women nicht verwunderlich erscheint}.
Dies hielt ihn freilich nicht davon ab, sich gegenüber der jungen Tandra Quinn als großer Förderer aufzuspielen, der der bisher erfolglosen Schauspielerin zu einer Hollywoodkarriere verhelfen könnte. Wie die 1931 als Derline Jeanette Smith zur Welt Gekommene einmal in einem Interview erzählt hat: "He tried to be my Svengali, and kinda dominate my every move. He wanted to make this exotic character out of me, and came up with the screen name 'Tandra Nova' for me". Am Ende kam "Tandra Quinn" dabei heraus, doch war die junge Frau niemand, die sich auf Dauer hätte herumkommandieren lassen. Immerhin hatte sie Anfang der 50er sogar den berühmt-berüchtigten Howard Hughes abblitzen lassen: "I was probably the only girl ever to stand up the big shot Howard Hughes!" Mit Mesa of Lost Women endete nicht nur Herbert Tevos' erträumte Regiekarriere, sondern auch die eigenartige Beziehung, die er mit Tandra Quinn unterhielt.
Quinns weitgehend improvisierte Tanzszene ist die vermutlich bekannteste Sequenz des ganzen Films. Sie als seinen "Höhepunkt" zu bezeichnen, wäre allerdings dennoch etwas übertrieben. Dieser Flick hat keine Höhepunkte. Und da wir gerade dabei sind: Die von dem späteren Hanna-Barbera-Hauskomponisten Hoyt Curtin kreierte Musik gehört zu den irritierendsten Elementen von Mesa of Lost Women. Für sich genommen ist das eigenartige Gitarre & Piano - Stück mit seinen Flamenco- und Free Jazz - Einflüssen zwar gar nicht uninteressant, doch beinah jeder Szene des Films unterlegt gewinnt es schon bald eine nervtötende Penetranz.
Abgesehen von ihrem Tanz macht Tarantella zwar nicht viel mehr als die übrigen "Spinnenfrauen" {unter denen sich auch Ed Woods Freundin & Mitarbeiterin Dolores Fuller befindet}, d.h. sie steht hauptsächlich stumm in der Gegend herum. {Darstellern & Darstellerinnen, die keinen Dialog hatten, musste eine deutlich geringere Gage bezahlt werden}. Dennoch ist Tandra Quinn so etwas wie der Star von Mesa of Lost Women. Was freilich viel damit zu tun hat, dass beinah alle beteiligten Schauspieler & Schauspielerinnen wahrhaft unterirdische Leistungen abliefern. Der ehemalige Kinderstar Jackie Coogan, der später als Onkel Fester in der Addams Family brillieren sollte, wirkt beinah so als stände er unter Valium. Harmon Stevens irre vor sich hin starrender Masterson ist zwar nicht ohne einen bizarren Reiz, aber dieser verliert sich schon relativ bald. Der legendäre Gorilla-Darsteller George Barrows strahlt ein gewisses Charisma aus, ist jedoch bloß eine ohne Sinn und Verstand in die Handlung eingebaute Nebenfigur. Am ehesten noch zeigt Paula Hill verhaltene Anzeichen von echtem schauspielerischem Talent.

Wer mehr über Mesa of Lost Women und vor allem über die faszinierende Phalanx mehr oder weniger bekannter Leute, die an seiner Produktion mitgewirkt haben, erfahren will, sei auf diesen Artikel verwiesen. Ich will zum Abschluss bloß noch einmal betonen, dass dieses bizarre cineastische Machwerk selbst unter den an irrem Schlock nicht eben armen phantastischen B-Movies der 50er Jahre als besonders absurd und inkompetent gemacht hervorragt. Er ist der schlagende Beweis dafür, dass Plan 9 From Outer Space ganz sicher nicht, wie oft behauptet, der "schlechteste Film aller Zeiten" ist.

Samstag, 11. Juni 2016

Strandgut der Woche

Freitag, 10. Juni 2016

Wenn weniger wirklich mehr ist

Das Label Indie-Film ist ebensowenig ein automatisches Gütesiegel, wie das Label Blockbuster notwendig einem Verdammungsurteil gleichkommt. Doch gibt es in der Tat Filme, bei denen man mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, dass sie wohl nie von einem großen Studio produziert worden wären, und bei denen die Gründe dafür zugleich die Gründe für die besondere Qualität des Streifen sind. Und ich meine damit jetzt nicht politischen Radikalismus oder avantgardistische Experimentierfreude, sondern sehr viel unscheinbarere Elemente. Ein besonders hübsches Beispiel dafür ist Sebastián Corderos SciFi-Film Europa Report von 2013.    


Ungefähr zur selben Zeit wie Alfonso Cuaróns Gravity erschienen, hatte der für weniger als ein Zehntel des $100 Mio. - Budgets produzierte Streifen des ecuadorianischen Regisseurs keine Chance, sich besonders lange in den Kinos zu halten, und fand sein Publikum hauptsächlich über das Internet. Doch auch wenn man ihm natürlich ansieht, dass Cordero und seinem Team sehr viel weniger Geld zur Verfügung stand als den Leuten bei Warner Bros., halte ich Europa Report dennoch für den sehr viel interessanteren Film.

Sich des Found Footage - Formats bedienend erzählt er die Geschichte eines von dem Unternehmen Europa Ventures ausgerichteten bemannten Raumflugs zum Jupiter-Mond Europa, dessen Hauptziel darin besteht, den unter einem dicken Eismantel verborgenen Ozean des Mondes nach Anzeichen von Leben zu untersuchen. Der Film besitzt keine chronologisch lineare Struktur, und wir wissen von Anfang an, dass die Expedition offenbar ein tragisches Ende gefunden hat, was eine Art bedrohlichen Schatten über alles wirft, was wir von nun an zu sehen bekommen. 
Im ersten Drittel des Films lernen wir die multinationale Crew der Europa One kennen, bestehend aus Captain William Xu (Daniel Wu), Pilotin Rosa Dasque (Anamaria Marinca), dem Wissenschaftler Daniel Luxembourg (Christian Camargo), Meeresbiologin Katya Petrovna (Karolina Wydra) sowie den Ingenieuren Andrei Blok (Michael Nyqvist) und James Corrigan (Sharlto Copley). Wir bekommen einen Einblick in den Alltag der Astronauten und die klaustrophobische Atmosphäre des Raumschiffs, das für Jahre die Heimat der Sechs sein wird. "So little space in here, and so much space out there." Wir werden Zeugen sowohl von der Kameraderie, die unter den Mitgliedern der Besatzung herrscht, als auch von ersten Anzeichen der psychischen Belastung,die das Leben unter solch extremen Bedingungen auf Dauer darstellen muss.
Als ein unerwartet ausgebrochener Sonnensturm zum Zusammenbruch der Kommunikation mit der Erde führt, und bei den anschließenden Reperaturarbeiten an der Außenhülle einer der Sechs zu Tode kommt, beginnt die Expedition eine tragische Wendung zu nehmen. Dennoch setzt die Europa One --  nunmehr ganz auf sich allein gestellt -- ihren Flug zum Jupiter fort. Und tatsächlich gelingt nach Erreichen des Gasriesen die Landung auf dem Eismond. Doch schon bald stellt sich nicht nur heraus, dass hier möglicherweise sehr viel spektakulärere Entdeckungen auf die Crew warten, als es sich diese je erträumt hätte. Es kommt auch zu einer Kette immer katastrophalerer Ereignisse, die schließlich das Schicksal der Forscher besiegeln.

Auch wenn die durch das relativ kleine Budget auferlegten Beschränkungen in Sachen Tricktechnik mitunter deutlich zu erkennen sind, besitzt Europa Report auch in visueller Hinsicht eine recht beindruckende Qualität. Dabei spielen die verwendeten Kamerawinkel eine nicht unbedeutende Rolle. SFX-Künstler John Bair hat darüber in einem Interview erzählt:
The main goal was to make it appear as real as possible. Technically, it's a found footage film but it feels more like a documentary. The camera angles inside were really placed in a way that mimicked the International Space Station and the Shuttle so they can see the science officer or pilot doing specific things. We did the same thing on the exterior where we picked camera angles on the ship that would make sense from a mission standpoint - angled down the entire body of the ship or on the lander.   
Doch was Europa Report in meinen Augen zu einem so außergewöhnlichen SciFi-Film macht, ist in erster Linie all das, worauf der Film verzichtet:

Die Katastrophe wird nicht von irgendwelchen bewusst bösartigen Kräften herbeigeführt. Sie besteht ganz einfach aus einer Reihe unglücklicher Ereignisse und technischer Probleme, kombiniert mit der extremen Lebensfeindlichkeit der Umwelt, in die unsere Helden & Heldinnen vorgestoßen sind. Europa Report ist verschiedentlich als ein SF-Horror-Film bezeichnet worden, doch eine solche Beschreibung, die einen an Streifen wie Alien (1979) oder Event Horizon (1997) denken lassen könnte, halte ich letztlich für irreführend. Zwar gibt es einige Sequenzen, die eine entsprechende Atmosphäre besitzen, doch verbirgt sich hinter ihnen nicht das, was man vielleicht erwarten würde. Und mir persönlich hat es sehr gut gefallen, dass das, was wir in der letzten Szene des Films zu sehen bekommen, weder eine überirdische Lichtgestalt noch ein lovecraftianisches Monstrum ist.
Es kommt zu keinerlei eskalierenden Konflikten innerhalb der Crew. Natürlich brechen immer wieder Meinungsverschiedenheiten zwischen den Astronauten aus, und die durch die extremen Umstände bedingte psychische Belastung hat bei allen von ihnen Spuren hinterlassen. Doch am Ende erweisen sie sich als eine professionell agierende, in tiefer Kameradschaft verbundene Gruppe, die die Probleme gemeinsam zu bewältigen versucht und dabei zu den größten Opfern bereit ist.
Europa Report verzichtet völlig darauf, die Krisen, mit denen sich unsere Heldinnen & Helden konfrontiert sehen, als Ausgangspunkt für irgendwelche individuellen Selbsterkenntnistrips zu verwenden. Hier bekommt niemand quasi-mystische Erleuchtungen über den "wahren Sinn des Daseins" oder beginnt sich plötzlich mit seinem verkorksten Familienleben auseinanderzusetzen. Übermäßige Introspektiertheit und selbstmitleidige Nabelschau sind den Sechs fremd, was sie keinsfalls weniger menschlich, aber dafür um einiges sympathischer macht, als so manche andere heutige Filmhelden und -heldinnen.

Letztenendes feiert Europa Report den Mut, die Leidenschaft und Opferbereitschaft von sechs Menschen, die bereit sind, alles zu wagen, um das Wissen der Menschheit, unsere Erkenntnis des Kosmos zu erweitern. Wie wir Rosa mehrfach sagen hören: "Compared to the breadth of knowledge yet to be known, what does your life actually matter?" Ein SciFi-Film, der eine solche Botschaft vermittelt, ist heutzutage eine so große Seltenheit, dass Sebastián Corderos Werk schon allein aus diesem Grund sehr viel mehr Aufmerksamkeit verdient hat, als ihm bisher zugekommen ist.

Montag, 6. Juni 2016

Ein Reisebericht aus den Vier Ländern - Teil 5

Teil 1 * Teil 2 * Teil 3 * Teil 4

Es ist vollbracht. Die letzte Seite ist umgeblättert, die letzte Zeile gelesen. Ich habe das Ende meines vor beinah zwei Monaten aus undefinierbaren Gründen angetretenen Rereads von Terry Brooks' The Sword of Shannara erreicht. Zeit, einen letzten Rapport abzugeben und ein paar abschließende Worte zu finden.

Kurz vorweg: Die vage Hoffnung, Shirl Ravenlock könnte im Verlauf der Belagerung von Tyrsis vielleicht doch noch eine etwas aktivere Rolle übernehmen, hat sich nicht bestätigt. Die junge Frau hatte nur noch einen einzigen kurzen Auftritt, in dem sie die Funktion einer Trösterin für den vom Tod seines Kameraden Höndel zutiefst erschütterten Menion erfüllt: 
"O Menion", flüsterte sie. "Was haben sie getan?" 
Seine Augen zuckten, seine Lippen bewegten sich stumm, als er nach Worten rang, die nicht kommen wollten. Shirl schlang die Arme um ihn und presste ihr Gesicht an seine Brust. Sie spürte seine starken Arme an ihren Schultern, dann löste sich die furchtbare Qual in seinem Inneren und überflutete sie, um sich in ihrem Schweigen und ihrer Wärme aufzulösen. 
Ich denke, zu dem Thema habe ich bereits alles nötige  gesagt. Auch versuche ich lieber gar nicht erst, die Frage zu klären, wie Menions "innere Qual" ihn und seine Geliebte "überfluten" können.

Der Fairness halber sei jedoch gesagt, dass die Schilderung des blutigen Kampfes um die Hauptstadt von Callahorn, welche einen Gutteil der letzten 80 Seiten in Anspruch nimmt, alles in allem zu den gelungeneren Partien des Romans gehört. Wenn es um Action und Kampf geht, scheint Terry Brooks eher in seinem Element zu sein, als wenn er lebendige und etwas vielschichtigere Charaktere erschaffen soll.
Beim Lesen kam mir allerdings folgender Gedanke: Wenn ein angehender amerikanischer Schriftsteller sich Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre hinsetzt und eine Geschichte zu Papier bringt, die in der Beschreibung einer gewaltigen Schlacht mit unzähligen Toten gipfelt, ist es überhaupt vorstellbar, dass er dabei in keiner Weise von den Ereignissen des Vietnamkriegs beeinflusst wurde? Nun habe ich keine Ahnung, welche Position der junge Brooks gegenüber dem imperialistischen Gemetzel in Indochina bezogen hat, und ich habe in der Schlacht um Tyrsis in der Tat so gut wie nichts finden können, was auf eine derartige Verbindung hindeuten würde. Allerhöchstens könnte einen der Umstand, dass die Belagerer wiederholt mit riesigen Feuern aufgehalten werden und dabei in Scharen bei lebendigem Leib verbrennen, an den mörderischen Einsatz von Napalm durch das US-Militär denken lassen, für den der Vietnamkrieg berüchtigt war. Doch ich gebe zu, dass das etwas weit hergeholt ist.. Nichtsdestoweniger finde ich die Frage an sich spannend.
Der kurioseste Aspekt der Schlacht um Tyrsis ist allerdings ihr Ende. Wie ich zu Beginn meines letzten Reiseberichtes angedeutet hatte, wird die Elfenreiterei König Eventines im letzten Teil des Buches in Stellung gebracht, um die Rolle der Rohirrim zu spielen, d.h. als Entsatz für die beinah schon eroberte Stadt zu dienen. Doch im selben Augenblick als sie endlich über die Ebenen herangaloppiert kommt, vernichtet Shea im fernen Schädelreich den Dämonen-Lord. Es kommt zu einem quasi-apokalyptischen Erdbeben, die Pferde der Elfenkrieger gehen durch, das Heer wird zersprengt. Was freilich nicht länger wichtig ist, denn mit dem Untergang des Dunklen Herrschers scheint die Schlacht automatisch beendet zu sein! Eine wahrlich bizarre Wendung, war der hörnerschmetternde Auftritt des Elfenheeres doch das Ende eines Handlungsstrangs, in dessen Verlauf sich Flick in das Heerlager des Feindes eingeschlichen und auf abenteuerliche Weise den gefangen genommenen Elfenherrscher befreit hatte, ohne den das Heer sich gar nicht erst in Bewegung gesetzt hätte. Flicks mutige Aktion erscheint im Rückblick nun völlig sinnlos, denn für den Ausgang der Schlacht um Tyrsis spielen Eventine und seine Krieger absolut keine Rolle. Miserables Plotting oder bewusste Ironie?

Wenden wir uns nun den Ereignissen im Nordland zu.
Ich hatte in meinem vorletzten Bericht angekündigt, dass ich mich noch etwas genauer mit Ersatz-Gollum Orl Fane beschäftigen wollte, doch wie sich herausgestellt hat, gibt es nicht wirklich mehr über ihn zu berichten. Der verrückte kleine Gnomen-Deserteur ist weniger ein Charakter als vielmehr ein Plot-Mechanismus. Er ist nur deshalb in der Geschichte, weil Terry Brooks einen Weg finden musste, Shea ins Schädelreich zu befördern und gleichzeitig zu verhindern, dass dieser das Schwert von Shannara schon zuvor in die Finger bekommt. Das große Finale setzt voraus, dass unser Held unmittelbar, nachdem er selbst zum ersten Mal Hand an die magische Klinge gelegt hat, dem Dämonen-Lord gegenübersteht. Um dies zu arrangieren, führte Brooks Orl Fane in die Handlung ein, der wohl nur deshalb wahnsinnig ist, weil er kein vernüftiges Motiv dafür hat, dass Schwert ins Schädelreich zu schleppen und so dem Finale die Bühne zu bereiten.
Doch wenn wir diese spätestens auf den zweiten Blick etwas ungeschickt und schwerfällig anmutenden Plotmechanismen einmal beiseite lassen, ist die Konfrontation zwischen Shea und dem Dämonen-Lord im Herzen des Schädelbergs ohne Zweifel eine der originellsten Szenen des Romans. 
Wie unser Held erkennen muss, als er endlich das Schwert von Shannara aus seiner abgewetzten Scheide zieht, handelt es sich bei ihm nicht eigentlich um eine Waffe. Die besondere Eigenschaft der Klinge besteht vielmehr darin, dass sie jeden, der mit ihr in Berührung kommt, dazu zwingt, die ungeschminkte Wahrheit über sich selbst zu sehen. Sheas erste große Herausforderung ist es deshalb, mit dieser gnadenlosen Selbsterkenntnis fertigzuwerden. Er muss sich selbst "als den armseligen, unbedeutenden Funken kurz aufleuchtenden Lebens" erkennen, der er -- wie jeder Mensch -- ist. Er wird mit all jenen Seiten seiner Selbst konfrontiert, die er nicht wahrhaben will. Seiner Angst, seiner Selbstsucht, seiner Arroganz, seinen Vorurteilen, seinem Selbstmitleid usw. 
Hier war der Shea Ohmsford, der aus dem Tal geflüchtet war, nicht, um Familie und Freunde zu beschützen und zu retten, sondern aus Angst um sein eigenes Leben, auf der Suche nach irgendeiner Ausrede für seine Panik -- der Shea Ohmsford, der aus Eigensucht zugelassen hatte, dass Flick vom Alptraum mit betroffen wurde, dait die Qual sich vermindere. Hier war der Shea, der den Moralkodex von Panamon Creel verächtlich und hochmütig verdammt, gleichzeitig aber zugelassen hatte, dass der Dieb sein Leben riskierte, Sheas Leben zu retten.
Natürlich wäre diese Szene sehr viel berührender und eindrucksvoller gewesen, wenn es Terry Brooks zuvor im Laufe der Handlung gelungen wäre, uns Shea als einen wirklich lebendigen und komplexen Charakter nahezubringen. Dennoch ist sie ohne Zweifel ziemlich interessant. 
Wirklich faszinierend wird es jedoch, wenn wir erfahren, warum das Schwert die Kraft besitzt, den Dämonen-Lord mit einer einzigen Berührung zu vernichten. Für den Dunklen Herrscher bedeutet wahre Selbsterkenntnis den Tod, weil er in Wahrheit schon lange aufgehört hat, zu existieren!
Schon vor langer Zeit hatten die Mittel, mit denen es ihm gelungen war, sein sterbliches Leben zu verlängern, versagt, und sein Körper war gestorben. Seine besessene Überzeugung, dass er nicht vergehen konnte, hielt jedoch einen Teil von ihm am Leben [...] Seinen eigenen Tod bestreitend, hielt er seinen leblosen Körper zusammen, um die Unsterblichkeit zu erlangen, die ihm  versagt worden war [...] Aber nun zwang das Schwert ihn, sich als das zu erkennen, was er in Wirklichkeit war -- eine verrottete, leblose Hülle, aufrechterhalten nur durch einen irrigen Glauben an seine eigene Wirklichkeit, nichts als Schein, eine Vorspiegelung, allein von Willenskraft geschaffen, so flüchtig wie das körperliche Wesen, das zu sein er vorgab. Es war eine Lüge, die in den Ängsten und Zweifeln sterblicher Menschen existiert hatte und gediehen war, eine Lüge, die er geschaffen hatte, um die Wahrheit zu verhüllen.
Diese überraschende finale Wendung macht The Sword of Shannara natürlich nicht zu einem besseren Roman, aber ich finde sie ausgesprochen spannend. Mit ihr kehrt Terry Brooks zu dem Motiv zurück, dass er schon einmal im Zusammenhang mit Sheas Auserwähltenrolle angeschnitten hatte. So wie diese nicht auf Schicksal oder göttlicher Berufung, sondern auf aus Missverständnissen erwachsenen Mythen basiert, die aufgrund des Glaubens der Menschen zu einer realen Macht geworden sind, ist auch der Dämonen-Lord keine Verkörperung eines metaphysischen, realen "Bösen", sondern das Produkt irriger Überzeugungen. Im Grunde sind sie beide Lügen!
Soweit ich weiß, hat Terry Brooks diese faszinierende Idee in keinem seiner späteren Shannara - Bücher noch einmal aufgenommen. Was ich sehr schade finde. 
Völlig zurecht gilt The Sword of Shannara als ein ziemlich unverschämtes Tolkien - Rip-off, doch in "philosophischer" Hinsicht steht Brooks' Erstling dem Lord of the Rings ferner als Elfstones und Wishsong. Die finale Konfrontation zwischen Shea und dem Dämonen-Lord offenbart uns, dass der ganze epische Kampf "Gut gegen Böse" in Wahrheit kein Ringen zwischen real existierenden Mächten, sondern das Produkt von Lügen, Missverständnissen, Fehleinschätzungen ist. Nur weil die Menschen an die Existenz von "Auserwählten" und "Dunklen Herrschern" glauben wollen, existieren diese auch! 

Diese Expedition begann mit der Frage, ob der Umstand, dass Terry Brooks in seinem Debütroman viele Figuren und Plotelemente des Lord of the Rings nachahmt, ausreicht, um daraus schließen zu können, dass die Geschichte auch von dem gleichen konservativen, romantisch-feudalen Geist erfüllt ist. Ich denke, ich kann diese nun mit einem deutlichen "nein" beantworten. The Sword of Shannara liegt vielmehr eine mehr oder weniger liberale, humanistische Weltanschauung zu Grunde. Ob es dem Autor besonders gut gelungen ist, diese auf erzählerische Weise umzusetzen, ist natürlich eine ganz andere Frage, aber die Werte, die er in seiner Geschichte auszudrücken versucht, sind der Wunsch nach Frieden und das Verlangen, Vorurteile und Missverständnisse zu überwinden. Der Weg dorthin führt nicht über das Sich-Einfügen in eine ewige gottgegebene Weltordnung, wie bei Tolkien, sondern über den Mut zur Selbsterkenntnis. Es ist kein gerader oder einfacher Weg, doch es ist ein Weg, den die Menschen aus eigener Kraft zurücklegen können, wenn sie denn nur wollen.

Samstag, 4. Juni 2016

Strandgut der Woche

Mittwoch, 1. Juni 2016

Ein Reisebericht aus den Vier Ländern - Teil 4

Teil 1 * Teil 2 * Teil 3

Nur noch achtzig Seiten trennen uns vom Ende der Geschichte, und so dachte ich mir, ich sollte vor dem großen Finale rasch noch einen weiteren Bericht von meiner Expedition durch die Welt von The Sword of Shannara einschieben. Denn neben den inzwischen obligatorischen Parallelen zum Lord of the Rings – die gerade begonnene Belagerung von Tyrsis spiegelt die Belagerung von Minas Tirith wider; Eventines Elfenarmee bereitet sich darauf vor, die Rolle der Rohirrim in der Schlacht auf den Pelennor-Feldern zu übenehmen; Shea wandelt weiter auf Frodos Spuren und ist zusammen mit Panamon Creel und Keltset in das Schädelreich vorgestoßen – hatte dieser vierte Abschnitt meiner Lesereise doch auch einige durchaus erwähnenswerte Momente zu bieten.

Die Etappe begann gleich mit einer erstaunlichen Enthüllung:  Anders als einen die ersten dreihundertvierzig Seiten von Terry Brooks' Roman vielleicht hätten vermuten lassen können, sind die Vier Länder nicht nur von Männern bevölkert! Ohne Witz, abgesehen von Sheas toter Mutter, die gegen Anfang des Buches eine kurze Erwähnung findet, waren Frauen bisher nicht einmal am Rande oder auch nur in Gesprächen aufgetaucht! Während z.B. Vater Ohmsford einen kurzen Auftritt in Shady Vale hat, scheint seine Gattin – Flicks Mutter & Sheas Adoptivmutter – nicht zu existieren. {Oder ist auch sie tot?} Ebensowenig begegnen wir in Culhaven oder Storlock irgendwelchen weiblichen Personen – und sei es bloß als Statistinnen.
Das ändert sich auf Seite 151 des zweiten Bandes {mein alter Goldmann-Schmöker spiegelt noch immer das ursprüngliche Splitting der deutschen Ausgabe wider}, wenn Shirl Ravenlock {Fantasynamen!} die Bühne betritt. Nun ja, das ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck, um die Art zu beschreiben, in der sie in die Handlung eingeführt wird. Der heldenhafte Menion Leah rettet die von einem Verräter gekidnappte Schönheit {"Es war keine gewöhnliche Frau. Sie war von außerordentlicher Schönheit – dunkel gebräunte Haut über den edel geschnittenen Zügen des runden Gesichts, eine schlanke graziöse Gestalt, gekleidet in Seide, und ihre Haare ...! So etwas hatte er noch nie gesehen."} aus den Klauen eines Trolltrupps und bringt sie unter Lebensgefahr zurück in ihre Heimatstadt Kern. Ich denke, es ist nicht nötig, im Detail auszuführen, mit welch problematischem ideologischem Ballast eine Szene wie diese verbunden ist. Und in der Tat erweist sich die gute Shirl im weiteren Handlungsverlauf als extrem passiv. Die gar nicht unwichtige Rolle, die sie für den Plot spielt, ergibt sich ausschließlich aus ihren Beziehungen zu Männern. Als Tochter eines der Ratsherren von Kern ermöglicht sie es Menion, die Evakuierung der von den Nordlandarmeen bedrohten Stadt zu organisieren. Als Angebete von Balinors psychisch labilem Bruder Palance ist sie der Grund, warum der Prinz von Leah problemlos in den Königspalast von Tyrsis vordringen kann. Und für Menion selbst wird sie zum vielleicht wichtigsten Anreiz, in Callahorn zu bleiben und bei der Verteidigung des Landes mitzuhelfen, statt seiner impulsiven Ader nachzugeben und sich auf die Suche nach dem verschwundenen Shea zu machen.
Der Eindruck, den eine der alten Illustrationen der Brüder Hildebrandt von ihr erweckt, wird durch den Text leider ganz und gar nicht bestätigt. Zieht man zum Vergleich den Lord of the Rings heran – was wohl nur fair ist –, dann schneidet The Sword of Shannara in Bezug auf die Darstellung weiblicher Charaktere wirklich schlecht ab. Nun war Tolkien auch in Genderfragen ein äußerst konservativer Mann, doch das hielt ihn nicht davon ab, mitunter ziemlich starke Frauenfiguren zu erschaffen. Im Lord of the Rings sind das vor allem Galadriel und Eowyn. Bei Gelegenheit möchte ich mich einmal etwas ausführlicher mit der "Schildmaid von Rohan" und der meiner Ansicht nach sehr komplexen Rolle, die sie in Tolkiens Roman spielt, beschäftigen. Für den Moment muss es genügen, festzustellen, dass Shirl Ravenlock ihr auch nicht im Entferntesten das Wasser reichen kann. Was wirklich erstaunlich ist, wurde The Sword of Shannara doch Jahrzehnte nach dem Lord of the Rings von einem Autor geschrieben, der im Unterschied zum "Professor" offensichtlich eher liberale Ansichten hegte. Vergessen wir außerdem nicht, dass auch die Sword & Sorcery schon von ihren Anfängen her starke weibliche Charaktere wie Robert E. Howards Dark Agnes oder C.L. Moores Jirel von Joiry gekannt hatte. Die Welt der modernen Fantasy war zu keiner Zeit eine rein männliche Domäne gewesen. So gesehen stellt The Sword of Shannara beinahe eine Art Rückschritt dar.

Was gibt es noch zu berichten? Der Roman hat sich an dieser Stelle sehr deutlich in einen nördlichen (Shea) und einen südlichen (alle anderen) Handlungsstrang aufgeteilt. Auch darin ähnelt er natürlich dem Lord of the Rings, doch zeigt sich vor allem in letzterem nun immer deutlicher die von mir schon mehrfach erwähnte Liebe von Terry Brooks zum klassischen Abenteuerroman des 19. Jahrhunderts. Die Ereignisse in Callahorn mit ihren Verrätereien, Verliesen, Feldlagern und mutigen Befreiungsaktionen gemahnen in der Tat eher an Ivanhoe, Quentin Durward oder Die drei Musketiere, denn an Tolkiens Epos. Dabei sind die Szenen, in denen sich Balinor und sein verrückter Bruder gegenüberstehen, in Sachen Charakterzeichnung vielleicht die gelungensten des ganzen Romans. Hier zeigt Brooks, dass er sehr wohl in der Lage ist, menschlich berührendes zu schreiben. Auch fühle ich mich insofern bestätigt, als Menion Leah in diesem Handlungsstrang tatsächlich zum Protagonisten herangewachsen ist.

Über Sheas Marsch ins Schädelreich gibt es nicht so viel zu erzählen. Und mein Eindruck war, dass diesem {doch eigentlich zentralen} Teil der Geschichte von Brooks schon rein quantitativ eine geringere Bedeutung beigemessen wurde. 
Recht cool war die schwarze, Wahnsinn und Tod hervorrufende Nebelwand, die unser Held und seine Gefährten durchqueren müssen, um das Reich des Dämonen-Lords zu betreten. 
Panamon Creel hingegegn tut mir inzwishen nur noch leid. In Fritz Leibers Nehwon würde sich ein Kerl wie er sicherlich sehr viel heimischer fühlen als in den Vier Ländern – einer High Fantasy - Welt, die einem an sich so farbenfrohen Charakter wie ihm einfach keine Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Wenn wir zu lesen bekommen, wie er Shea "von seiner Jugend und dem schweren Leben, das den Menschen in seiner Umgebung beschieden gewesen war" berichtet, dann wünscht man sich beinah, die Story aus seiner Perspektive erzählt zu bekommen. Wie würde ein Mensch wie er diesen ganzen "epischen Kampf zwischen Gut und Böse" betrachten? Doch so wie die Dinge stehen, wird er wohl bis zum Ende in der Rolle des eher blassen Sidekicks gefangen bleiben.
Etwas anders schaut es da mit Trollkumpel Keltset aus. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass es sich bei dem stummen Gesellen um einen wahren Helden des Trollvolks handelt – ausgezeichnet mit dem "Schwarzen Irix", dem höchsten Orden seiner Nation. Seine Familie wurde von den Handlangern des Dämonen-Lords abgeschlachtet, die das Massaker flugs den Zwergen in die Schuhe geschoben haben, um die Trolle gegen die Völker des Südens aufzuhetzen. Eine extrem untolkiensche Wendung der Ereignisse, die mir eigentlich gefallen sollte, mit der ich mich aber dennoch nicht so ganz anfreunden kann.
Einerseits ist die Botschaft, die Terry Brooks hier herüberzubringen versucht, ohne Zweifel sympathisch: Missverständnisse und Vorurteile werden von machthungrigen Individuen wie dem Dämonen-Lord ausgenutzt, um Hass zwischen den Völkern zu säen und diese in blutige Konflikte zu stürzen. Zugleich jedoch wirkt die Art, in der der Autor seinen verschwommenen Liberalismus erzählerisch umzusetzen versucht, irgendwie zu platt. Die Keltset-Szene wirkte auf mich wie etwas, was ich selbst im Alter von fünfzehn oder sechzehn Jahren geschrieben hätte: Wohlmeinend, aber etwas gar zu offensichtlich.

Fortsetzung folgt ...  

   
  


Sonntag, 29. Mai 2016

Cthulhuide Vibes aus Tokio

Auf Anregung meiner lieben Freundin Beth – für deren Blog Magical Horror ich hier noch einmal die Werbetrommel rühren will – habe ich mir vor ein paar Wochen vorgenommen, meine Bekanntschaft mit dem asiatischen Horrorkino ein Bisschen zu vertiefen. Nicht dass mir diese Provinz des cineastischen Grauens bisher völlig unbekannt gewesen wäre, aber ich muss zugeben, dass mein Wissen in dieser Hinsicht unglücklicherweise ziemlich bescheiden ist.

Wo sollte ich beginnen? Nun ja, der offensichtlichste Einstiegspunkt war natürlich Japan.

Zu Beginn der 2000er fand der sogenannte J-Horror plötzlich einen erstaunlich starken Widerhall bei einem breiteren Publikum im Westen, und für einige Jahre war es nichts ungewöhnliches, Kommentare wie diesen hier zu lesen: "When it comes to the finer points of modern horror, nobody does the genre better and with more skill than the Japanese." Viele westliche Kritiker erblickten im Land der Aufgehenden Sonne "the primary spawning ground for some of the most disconcerting, atmospheric and pessimistic horror offerings for years". Verantwortlich dafür waren in erster Linie Ringu / The Ring (1998) und Honogurai Mizu no soko kara / Dark Water (2002) von Hideo Nakata sowie Takashi Shimizus Ju-on / The Grudge (2002). Von allen drei Filmen wurden schon bald US-Remakes angefertigt.
Das Ironische an diesem Phänomen war, dass das, was auf viele im Westen an diesen Filmen frisch und innovativ wirkte, im Kontext der Geschichte des japanischen Horrorkinos eigentlich eine Art Rückgriff auf ältere Formen des cineastischen Grauens darstellte. Verglichen mit vielen Werken der ihnen unmittelbar vorausgegangenen Epoche haftete ihnen deshalb etwas Traditionalistisches, beinah schon Nostalgisches an. Christopher Brown hat das in der entsprechenden Episode  seines History of Horror Podcasts sehr schön dargelegt. Was natürlich nicht heißen soll, diese Streifen hätten nicht mehr zu bieten gehabt, als das simple Aufwärmen überkommener Motive. Sie alle verbinden das traditionelle, der Shinto-Mythologie entstammende Motiv des "rachsüchtigen Geistes" (onryō) mit Elementen, die auf die eine oder andere Weise gesellschaftliche Spannungen und Verunsicherungen im Japan der Jahrtausendwende widerzuspiegeln scheinen.
Ein wenig anders verhält es sich übrigens mit Kiyoshi Kurosawas Kairo / Pulse (2001), der gleichfalls ein US-Remake erhielt. Seine Geister sind keine onryōs, und der Film als Ganzes ist sehr viel eindeutiger {vielleicht ein Bisschen zu eindeutig} als eine Parabel auf Vereinsamung und die Unmöglichkeit echter zwischenmenschlicher Kontake in der modernen, technisierten Massengesellschaft angelegt. Im Grunde bin ich mir nicht einmal sicher, ob ich ihn dem Horrorgenre zurechnen würde. {Nebenbei bemerkt: Kairo ist ein zutiefst pessimistischer, aber kein misanthroper Film. Für mich ein sehr wichtiger Unterschied.  Er ist erfüllt von absoluter Hoffnungslosigkeit, aber weitgehend frei von Zynismus. Bei Gelegenheit sollte ich mal einen eigenen Post über ihn schreiben.}

Wie auch immer, jedenfalls hat mich die erste Etappe meiner kleinen Expedition {eher zufällig} zurück in die Zeit dieses kurzlebigen internationalen Booms des J-Horrors und zurück zu einem seiner Hauptakteure – Takashi Shimizu – geführt.
Der gewaltige Erfolg von Ju-on (2002)* hatte den 1972 in Maebashi geborenen Filmemacher zu einem der großen Stars des J-Horrors gemacht. Nachdem Sam Raimis Ghost House Pictures die Remake-Rechte an dem Film erworben hatte, versuchte das Studio, ihn als Regisseur für die amerikanisierte Fassung der Story zu gewinnen, doch Shimizu war anfangs eher skeptisch: "At first I wasn't interested in doing the remake, because I'd done the original and thought I was done". Aber schließlich ließ er sich doch überzeugen, bei der Hollywood-Version seines eigenen Werkes Regie zu führen. 
Zur selben Zeit, als er sich daranmachte, das $10 Mio. - Projekt zu übernehmen, kehrte er mit Marebito in gewisser Weise zu seinen Low Budget - Wurzeln zurück. Der Streifen war Shimizus Beitrag zu einer elfteiligen Filmreihe – "a collaboration between the Film School of Tokyo and the Eurospace cinema in Tokyo's Shibuya district". In gerade einmal acht Tagen mit einer Digitalkamera gedreht, erweist sich der Film als ein ausgesprochen faszinierendes und ehrgeiziges, wenn auch vielleicht nicht hundertprozentig erfolgreiches Werk.

 
Kameramann Masuoka (Shinya Tsukamoto) ist besessen von der Idee der Angst. Als er sich immer wieder die Filmaufnahme eines bizarren Selbstmords anschaut, bei dem sich ein Mann ein Messer ins Auge bohrt, glaubt er auf einmal, am Blick des Selbstmörders ablesen zu können, dass dieser etwas so Fürchterliches gesehen haben muss, dass er es nicht länger ertragen konnte, zu leben. 
Masuoka begibt sich an den Ort des Ereignisses – eine U-Bahnstation – und beginnt, in immer tiefer gelegne Tunnel und Gewölbe hinabzusteigen. Er betritt eine Art geheime Anderswelt unterhalb von Tokio, in der er dem Geist des Selbstmörders (Kazuhiro Nakahara) begegnet, der ihn u.a. vor den "Deros" warnt, die hier hausen und Jagd auf Menschen machen sollen. Schließlich stößt er auf eine riesige Kaverne und eine bizarre, unmenschliche Ruinenstadt. Dort findet er eine nackte junge Frau (Tomomi Miyashita), die in einer Höhle angekettet ist.
Er nimmt sie mit und bringt sie in sein Appartment, doch alle Versuche, mit ihr zu kommunizieren, scheitern. "F", wie er das Mädchen tauft, scheint mehr ein triebgesteuertes Tier, denn ein vernunftbegabtes Wesen zu sein. Masuoka installiert eine Reihe von Videokameras in der Wohnung, um sie jederzeit über sein Handy beobachten zu können. Doch da "F" sich weigert, zu essen oder zu trinken, verschlechtert sich ihr Zustand zusehends. Auch nimmt ein mysteriöser "Mann in Schwarz" (Shun Sugata) mehrmals Kontakt mit Masuoka auf und drängt ihn dazu, sie in das unterirdische Reich zurückzubringen. Außerdem begegnet er einer Frau (Miho Ninagawa), die behauptet seine Ex-Gattin zu sein und die ihm vorwirft, er halte ihr gemeinsame Tochter Fuyumi in seiner Wohnung gefangen.
Als Masuoka durch Zufall entdeckt, dass "F" menschliches Blut trinken muss, um am Leben zu bleiben, verliert er sich endgültig in einem Strudel aus Mord und Wahnsinn, in dessen Verlauf sich die Scheidewand zwischen der "normalen" Welt und dem unterirdischen Reich mehr und mehr auflöst.

Der Film entzieht sich einer eindeutigen Interpretation.
Am naheliegendsten ist es natürlich, ihn als die Geschichte eines Mannes zu verstehen, der schrittweise dem Wahnsinn verfällt. Eine Reihe von Rezensionen verweisen in diesem Zusammenhang auf den Umstand, dass Masuoka vor seinem Abstieg in die "Anderswelt" aufgehört hat, seine Medikamente (Prozac) zu nehmen. Doch so interessant dieses Detail auch ist, letztlich erklärt es wenig, denn Prozac/Fluoxetin ist ein Antidepressivum. Auch ohne den Wirkstoff sollte Masuoka nicht plötzlich unter wilden Halluzinationen leiden. Überhaupt scheint mir eine solche, sozusagen "klinische" Herangehensweise an Marebito wenig erhellend zu sein, denn selbst wenn wir die Ereignisse des Films als bloße Ausgeburten einer kranken Psyche interpretieren wollten, besteht doch kein Zweifel, dass wir die Wahnvorstellungen des Protagonisten zugleich auf eine "symbolische" oder "allegorische" Weise verstehen sollen.
Masuoka befindet sich offensichtlich in einem Zustand tiefster sozialer Entfremdung. Es ist ihm beinah unmöglich, mit seiner Umwelt anders als durch die Linse seiner Kamera zu interagieren. (Der Film springt immer wieder zwischen der Perspektive seiner Kamera und einer "objektiven" Außenansicht hin und her.) Und die Szene, in der er mehr oder weniger auf offener Straße zusammengeschlagen wird, ohne dass irgendeiner der Passanten darauf reagieren würde, zeigt, dass es sich bei dieser Isolation nicht bloß um ein individuelles Problem handelt.
Masuokas obsessives Verlangen, den Zustand reiner Furcht erleben zu dürfen, ist im Kern der pervertierte Ausdruck seines Wunsches nach authentischen, menschlichen Empfindungen.
Dass sein Abstieg in die "Unterwelt" symbolisch für einen Abstieg in das eigene Unterbewusste steht, ist ziemlich offensichtlich. Takashi Shimizu selbst hat es so in einem Interview beschrieben. Etwas schwerer fällt es, zu ergründen, was genau er dabei findet. Seine Beziehung zu "F" besitzt ohne Frage eine morbid-erotische Dimension, die im Laufe des Films an Intensität immer weiter zunimmt und dabei zugleich sehr verstörende, inzestuöse Untertöne besitzt. {Interessanterweise wollte Shimizu "F" ursprünglich von einer Kinderdarstellerin spielen lassen.} Doch heißt das, dass wir in ihr tatsächlich seine Tochter Fuyumi sehen sollen? Oder haben wir sie als Verkörperung seiner eigenen animalisch-triebhaften Seite zu verstehen, die er bei seinem Ausflug in die Welt des Unterbewussten entdeckt hat, doch zu der er kein gesundes Verhältnis aufbauen kann?
Wie gesagt, eine zweifelsfreie Deutung von Marebito ist meiner Ansicht nach unmöglich, doch scheint mir klar zu sein, dass wir in den Ereignissen mehr als das individuelle Schicksal eines offensichtlich psychisch labilen Mannes zu sehen haben. Was Masuoka in der "Unterwelt" entdeckt besitzt universelleren Charakter. Der Zustand der Furcht, nach dem es ihn verlangt, erscheint zugleich als eine Art Einsicht in den wahren Charakter der Welt. Der Film besitzt einen deutlich ctulhuiden Vibe. Und dass mit der unterirdischen Ruinenstadt, in der Masuoka "F" findet, fraglos auf Lovecrafts Nameless City und At the Mountains of Madness angespielt wird, erscheint mir dabei eher von nebensächlicher Bedeutung zu sein. Schließlich zitiert der Streifen auch die berühmt-berüchtigten Shaver Mysteries**, aus denen die "Deros" (="Detrimental Robots") stammen, das tibetisch-buddhistische (und theosophische) Shambala sowie die Geschichten vom unterirdischen Wunderreich Agartha.*** Was dem Film in meinen Augen einen lovecraftianischen Charakter verleiht ist vielmehr die Idee einer Wirklichkeit, die sich hinter der Welt unserer Alltagserfahrungen verbirgt, und die so monströs und unmenschlich ist, dass ihre Erkenntnis uns in den Wahnsinn stürzen würde.

Dass mir nichts besseres zu Marebito einfällt, als in ziemlich unzusammenhängender Weise einige meiner Eindrücke und Gedanken niederzuschreiben, vermittelt glaube ich ein recht gutes Bild des Films. Er ist ein faszinierendes Werk mit einer ungemein dichten und verstörenden Atmosphäre. Horror im Stil von Ju-on / The Grudge darf man freilich nicht erwarten. Und die verwirrende Mehrdeutigkeit der Geschichte trägt zwar einerseits zum Reiz des Streifens bei, scheint mir andererseits aber auch ein Indiz dafür zu sein, dass Shimizu und seine Mitarbeiter selbst nicht recht wussten, was genau sie mit ihrem Film eigentlich ausdrücken wollten.

Wie man Marebito im Gesamtwerk des Regisseurs einzuordnen hat, fällt mir schwer zu beurteilen. Und dass nicht nur, weil mir dieses nur sehr bruchstückhaft vertraut ist.
Takashi Shimizu hat sich selbst immer mal wieder als eine Art "Prankster" beschrieben, der mit seinen Filmen kein anderes Ziel verfolge, als seinem Publikum auf geschickte Weise Angst einzuflößen. So gesehen scheint es mir ziemlich wahrscheinlich, dass der eigenwillige Charakter von Marebito weniger auf den Regisseur als vielmehr auf den Drehbuchautor Chiaki J. Konaka und den – übrigens brillanten – Hauptdarsteller Shinya Tsukamoto zurückzuführen ist. Konaka besitzt offenbar ganz allgemein ein Faible für lovecraftianische Themen, und Tsukamoto gehört als Regisseur zu den bekanntesten Vertretern des japanischen Cyberpunk-Films.**** Sein Underground-Streifen Tetsuo: The Iron Man von 1988 – ein surrealer, fetischistischer Cyberpunk - & Bodyhorror - Alptraum, dessen manische Energie mich bei einer Spielzeit von 67 Minuten allerdings irgendwann ermüdet hat – gehört nicht nur zu den bedeutendsten Gründungswerken des Genres, sondern erregte auch beträchtliches internationales Aufsehen.
Andererseits will ich nicht verschweigen, dass ich Marebito zwar sehr faszinierend finde, Shimizus ein Jahr später entstandener und sehr viel konventionellerer Horrorstreifen Rinne / Reincarnation aber dennoch einen stärkeren Eindruck bei mir hinterlassen hat. Doch dazu das nächste Mal {hoffentlich} mehr ... 


* Der Kinofilm ist eigentlich bereits der dritte Teil einer Serie, dem zwei für den Videomarkt produzierte Streifen vorangegangen waren.
** Vgl. Episode 182 von Geek's Guide to the Galaxy.
***  Die "Frühgeschichte" Agarthas ist übrigens äußerst faszinierend. Sie beginnt mit Edward Bulwer-Lyttons Roman The Coming Race, führt über den französischen Okkultisten Joseph Alexandre Saint-Yves d’Alveydre und seine eigenartige Gesellschaftstheorie der "Synarchie"zum Ordre Martiniste, vermischt sich auf diesem Weg im frühen 20. Jahrhundert mit den Geschicken der dekadenten, esoterikbegeisterten zaristischen Hofkamarilla, um schließlich nach Revolution und Bürgerkrieg bei dem polnischen weißgardistischen Schriftsteller Ferdynand Ossendowski zu enden, dessen Buch Tiere, Menschen und Götter – eine wüste Mixtur aus antibolschewistischer Propaganda, wild ausgeschmückten Reiseberichten und mystizistischem Unsinn – den Namen des Geheimen Reiches einem breiteren Publikum bekannt machte. Nichts von alledem tut hier etwas zur Sache, aber was soll's ...  
**** Einen guten Überblick über die Entwicklung des Genres bietet der Artikel Post-Human Nightmares - The World of Japanese Cyberpunk Cinema. 

Samstag, 28. Mai 2016

Strandgut der Woche