"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 13. Juni 2016

Tarantella

Der Horror/SciFi - B-Movie Mesa of Lost Women aus dem Jahre 1953 gilt als einer der miesesten Filme, die jemals auf Celluloid gebannt wurden. Und auch wenn solche Behauptungen stets mit Vorsicht zu genießen sind {man begegnet verdammt vielen "miesesten Filmen aller Zeiten", wenn man nur genug Leute fragt}, haftet ihnen doch stets etwas verführerisches an. Wenn man dann außerdem noch erfährt, dass der Streifen seinerzeit mit diesem grandiosen Foto von Tandra Quinn und einer Riesenspinne beworben wurde, sollte es eigentlich kein Halten mehr geben. Doch alle Freundinnen und Freunde abstrusen Phantastik-Trashs, die diesen Flick noch nicht gesehen haben und das nun so schnell wie möglich nachholen wollen, seien gewarnt: Mesa of Lost Women ist ohne Zweifel eine Art Schlock-Klassiker und in seiner Mischung aus abstrusem Plot, unterirdischer Schauspielerei und enervierender Flamenco - Free Jazz - Musik auf perverse Weise recht faszinierend, doch zugleich ist er ein wirklich mieser Film. Und damit meine ich, er ist nicht nur völlig inkompetent zusamengestoppelt, sondern auch verdammt zäh. Jeder echte B-Movie - Fan sollte diesen Flick zumindest ein Mal gesehen haben, aber ich bezweifle, dass es eine besonders unterhaltsame Stunde sein wird, die er oder sie mit ihm verbringt. 


Wo beginnen? Überspringen wir den grandios pompösen, von Lyle Talbot vorgetragenen Prolog, und die bizarre doppelte Rahmenerzählung. Wir hätten da zuerst einmal den verrückten Wissenschaftler Dr. Aranya (Jackie Coogan), der in seinem Refugium in der mexikanischen Muerto-Wüste den üblichen Beschäftigungen seiner Profession nachgeht. Das heißt, er injeziert einer Tarantel menschliche Hormone und lässt sie zu gigantischer Größe heranwachsen, um anschließend den Prozess umzukehren und Menschen mit Spinnengift zu behandeln. Klar, warum auch nicht? Auf diese Weise kreiert er eine ganze Schar hübscher und tödlicher "Spinnenfrauen", unter denen die verführerische Tarantella (Tandra Quinn) sein Meisterwerk darstellt, sowie ein paar missgestaltete männliche Zwerge. Selbstverständlich ist dies bloß der erste Schritt auf seinem Weg zur Weltherrschaft. 
Soweit ist das alles noch völlig logisch, oder? Etwas verwirrend wird es, als der weltberühmte Wissenschaftler Leland Masterson (Harmon Stevens) dem Mesa - Labor des guten Doktors einen Besuch abstattet. Nicht wirklich begeistert von den Experimenten Aranyas wird er von dessen "Spinnenfrauen" überwältigt und mit irgendeiner Substanz behandelt, die offenbar dazu führt, dass er den Verstand verliert. Wie er seinen Weg in eine amerikanische Irrenanstalt findet, ist damit zwar nicht geklärt, aber in der nächsten Szene sehen wir ihn nach seiner Flucht aus besagtem Hospital in irgendeiner Stadt an der mexikanischen Grenze einen Nachtclub betreten, in dem kurioserweise Tarantella als Tänzerin auftritt. In demselben Etablissement finden sich auch der reiche Geschäftsmann Jan van Croft (Nico Lek) und seine junge Verlobte Doreen Culbertson (Paula Hill) ein. Bald darauf stößt außerdem noch der Krankenpfleger George (George Barrows) zu der Gruppe, der Masterson bis hierhin verfolgt hat. Die Situation eskaliert, als der irre Masterson Tarantella zu erschießen versucht, und schon bald finden wir uns in Van Crofts von Pilot Grant Phillips (Robert Knapp) gesteuertem Flugzeug auf dem Weg Richtung Süden wieder. Doch dummerweise ist Van Crofts chinesischer Diener Wu (Samuel Wu) in Wirklichkeit ein Agent Aranyas, der dafür sorgt, dass unsere eigenartige Truppe auf dem Mesa-Refugium des verrückten Doktors notlanden muss. Während George im nächtlichen Dschungel von Aranyas Riesenspinne ins Jenseits befördert wird und Grant und Doreen ihre unsterbliche Liebe füreinander entdecken, schlurft der Film unerbittlich seinem absurd lahmen Finale entgegen.

Dass diese Plotzusammenfassung vermutlich nur wenig Sinn macht, ist echt nicht meine Schuld. Wie gelangt Masterson von Dr.Aranyas Labor in ein US-Hospital? Keine Ahnung. Warum hat die hübsche Tarantella einen Nebenjob als Tänzerin in einem schmierigen Nachtclub angenommen? Keine Ahnung. Welche Verbindung besteht zwischen Wu und dem irren Doktor? Keine Ahnung. Warum hat Masterson eine so große Vorliebe für leicht abgewandelte Bibelzitate? Keine Ahnung. Warum besteht der Film darauf, Spinnen als Hexapoden ("Sechsfüßer") zu bezeichnen? Ich hab wirklich keine Ahnung!

Wir verdanken die Existenz von Mesa of Lost Women in erster Linie dem obskuren Regisseur und Drehbuchschreiber Herbert Tevos, der es 1951 irgendwie bewerkstelligte, die Verantwortlichen bei Pergor Productions dazu zu überreden, ihn sein Tarantula betiteltes Script verfilmen zu lassen. Es sollte sein einziger Film bleiben. Und selbst über diesen wurde ihm die Kontrolle entzogen, als 1952 die legendäre B-Movie - Schmiede Howco Productions die Rechte an dem Flick erwarb und den zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich für seine billigen Western bekannten Ron Ormond beauftragte, einige zusätzliche Szenen zu drehen. Ziel war es vermutlich, das Ganze etwas verständlicher zu machen. Eine Aufgabe, der sich der spätere Exploitation-Meister augenscheinlich nicht gewachsen sah.
Doch wie dem auch sei, Tevos ist auf jedenfall eine ziemlich faszinierende Gestalt und auch heute noch etwas von einem Rätsel. Sein wirklicher Name war Herbert von Schöllenbach. Erste Verbindungen zur Welt des Films nahm er vermutlich in den 20er/30er Jahren im heimatlichen Deutschland auf. Doch wie genau diese aussahen und wie intensiv sie waren bleibt bis heute schleierhaft. Schließlich übersiedelte er im Auftrag seines Arbeitgebers Agfa in die Vereinigten Staaten. Bei seinen dortigen Mitarbeitern fiel er schon bald durch seine münchhausenhaften Erzählungen auf:   
At our gatherings Schoellenbach regaled us with his biography; his experiences as a motion picture cameraman, his expeditions to the Amazon, and his association with Richthofen, the World War I German aviation ace. He had been the cameraman on an expedition up the Amazon River when everyone became ill with fever. He was able to escape, alone, back to civilization but had buried several thousand meters of exposed motion film in the jungle.
Bei seinen Versuchen, als Drehbuchschreiber in Hollywood Fuß zu fassen, bediente er sich offenbar ähnlicher Methoden. So behauptete er u.a. der wahre Regisseur von Der Blaue Engel (1929/30) zu sein. Ganz schön dreist! {Auch wenn er seinerzeit scheinbar tatsächlich in Briefkontakt mit Karl Volmöller, dem Autor des Drehbuchs für den Josef von Sternberg & Marlene Dietrich - Klassiker, gestanden hatte.} Große Erfolge konnte er mit dieser Masche allerdings nicht erzielen. Die Studios hielten seine Scripts offenbar für "unverfilmbar" {was angesichts von Mesa of Lost Women nicht verwunderlich erscheint}.
Dies hielt ihn freilich nicht davon ab, sich gegenüber der jungen Tandra Quinn als großer Förderer aufzuspielen, der der bisher erfolglosen Schauspielerin zu einer Hollywoodkarriere verhelfen könnte. Wie die 1931 als Derline Jeanette Smith zur Welt Gekommene einmal in einem Interview erzählt hat: "He tried to be my Svengali, and kinda dominate my every move. He wanted to make this exotic character out of me, and came up with the screen name 'Tandra Nova' for me". Am Ende kam "Tandra Quinn" dabei heraus, doch war die junge Frau niemand, die sich auf Dauer hätte herumkommandieren lassen. Immerhin hatte sie Anfang der 50er sogar den berühmt-berüchtigten Howard Hughes abblitzen lassen: "I was probably the only girl ever to stand up the big shot Howard Hughes!" Mit Mesa of Lost Women endete nicht nur Herbert Tevos' erträumte Regiekarriere, sondern auch die eigenartige Beziehung, die er mit Tandra Quinn unterhielt.
Quinns weitgehend improvisierte Tanzszene ist die vermutlich bekannteste Sequenz des ganzen Films. Sie als seinen "Höhepunkt" zu bezeichnen, wäre allerdings dennoch etwas übertrieben. Dieser Flick hat keine Höhepunkte. Und da wir gerade dabei sind: Die von dem späteren Hanna-Barbera-Hauskomponisten Hoyt Curtin kreierte Musik gehört zu den irritierendsten Elementen von Mesa of Lost Women. Für sich genommen ist das eigenartige Gitarre & Piano - Stück mit seinen Flamenco- und Free Jazz - Einflüssen zwar gar nicht uninteressant, doch beinah jeder Szene des Films unterlegt gewinnt es schon bald eine nervtötende Penetranz.
Abgesehen von ihrem Tanz macht Tarantella zwar nicht viel mehr als die übrigen "Spinnenfrauen" {unter denen sich auch Ed Woods Freundin & Mitarbeiterin Dolores Fuller befindet}, d.h. sie steht hauptsächlich stumm in der Gegend herum. {Darstellern & Darstellerinnen, die keinen Dialog hatten, musste eine deutlich geringere Gage bezahlt werden}. Dennoch ist Tandra Quinn so etwas wie der Star von Mesa of Lost Women. Was freilich viel damit zu tun hat, dass beinah alle beteiligten Schauspieler & Schauspielerinnen wahrhaft unterirdische Leistungen abliefern. Der ehemalige Kinderstar Jackie Coogan, der später als Onkel Fester in der Addams Family brillieren sollte, wirkt beinah so als stände er unter Valium. Harmon Stevens irre vor sich hin starrender Masterson ist zwar nicht ohne einen bizarren Reiz, aber dieser verliert sich schon relativ bald. Der legendäre Gorilla-Darsteller George Barrows strahlt ein gewisses Charisma aus, ist jedoch bloß eine ohne Sinn und Verstand in die Handlung eingebaute Nebenfigur. Am ehesten noch zeigt Paula Hill verhaltene Anzeichen von echtem schauspielerischem Talent.

Wer mehr über Mesa of Lost Women und vor allem über die faszinierende Phalanx mehr oder weniger bekannter Leute, die an seiner Produktion mitgewirkt haben, erfahren will, sei auf diesen Artikel verwiesen. Ich will zum Abschluss bloß noch einmal betonen, dass dieses bizarre cineastische Machwerk selbst unter den an irrem Schlock nicht eben armen phantastischen B-Movies der 50er Jahre als besonders absurd und inkompetent gemacht hervorragt. Er ist der schlagende Beweis dafür, dass Plan 9 From Outer Space ganz sicher nicht, wie oft behauptet, der "schlechteste Film aller Zeiten" ist.

1 Kommentar:

  1. Danke für das Shoutout, hoffentlich finden Sie mehr interessante Lesung auf meinem Blog, es ist ein Leidenschaft Projekt für mich.
    Grüss, Janne //Scifist.

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.