"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 5. April 2014

Vampire in Amerika (IV): "Lemora"

Unglücklicherweise war die einzige Fassung von Lemora: A Child's Tale of the Supernatural (aka Lemora: The Lady Dracula & The Legendary Curse of Lemora), die ich auftreiben konnte, von geradezu unterirdischer Bild- und Tonqualität. Streckenweise konnte ich nicht viel mehr als Schemen im Dunkeln erkennen, und Teile des Dialogs waren so gut wie unverständlich. Auch handelte es sich natürlich nicht um die ungekürzte, 113 Minuten lange Version, sondern um die 85minütige Fassung, in der Richard Blackburns Film 1975 erstmals in die Kinos gelangte. Mein Urteil fußt also auf einer ziemlich eingeschränkten Grundlage. Dennoch besteht für mich kaum ein Zweifel, dass dies der beste, auf jedenfall aber der interessanteste der 70er Jahre - Vampirfilme gewesen ist, die ich den letzten Wochen gesehen habe. Wobei ich einschränkend hinzufügen will, dass es mir nicht möglich war, George A. Romeros Martin einen erneuten Besuch abzustatten. Andernfalls sähe die Lage vermutlich etwas anders aus.

Anders als die meisten anderen Streifen der Post-Yorga-Ära porträtiert Lemora die untoten Blutsauger nicht als fremdartige Eindringlinge in das Amerika der Gegenwart. Die Geschichte ist vielmehr in den 30er Jahren angesiedelt und besitzt mit ihren Motiven von Verfall, uralten Schrecken und unterdrückter Sexualität einen deutlichen Anhauch von Southern Gothic, mit einer kleinen Prise Lovecraft angereichert. Das Grauen kommt hier nicht von außen, es ist hausgemacht. Dabei fällt es schwer, klar auszumachen, wer genau eigentlich die Bösen und wer die Guten sind.



Lila Lee (Cheryl "Rainbeaux" Smith) ist die Tochter eines brutalen Gangsters, den sie jedoch seit ihrem neunten Lebensjahr nicht mehr gesehen hat. Die letzten Jahre hat sie in der Obhut eines Baptisten-Pastors (Richard Blackburn) verbracht, in dessen Augen das nunmehr dreizehnjährige Mädchen zu einer engelsgleichen Verkörperung von Reinheit und Unschuld geworden ist, lebendiger Beweis von Gottes Triumph über die Mächte des Bösen. Was nicht verhindert, dass er sich sexuell zu der allmählich zu einer jungen Frau heranreifenden und außergewöhnlich hübschen Lila hingezogen fühlt. {Gerüchten zufolge soll es in der 113minütigen Fassung des Filmes Szenen geben, in denen er sie sexuell bedrängt, was dem weiteren Verlauf der Handlung eine sehr viel eindeutigere Note verleihen würde. In der Kinoversion kommt es zu keinerlei Übergiffen.} 
Als Lila eines Tages einen Brief erhält, in dem sie aufgefordert wird, ihren im Sterben liegenden Vater aufzusuchen, um sich mit ihm "auszusöhnen", beschließt sie spontan, wegzulaufen und sich in das mysteriöse Dorf Astaroth {ich weiß, nicht eben subtil} zu begeben. Die Welt, die sie betritt, kaum dass sie die schützenden Mauern des Pfarrhauses hinter sich gelassen hat, ist ein schattenhaftes Alptraumuniversum voller Schmutz und Gewalt {vor allem Gewalt von Männern gegen Frauen}. Der Bus, der sie in das abgelegene und übel beleumundete Astaroth bringen soll, wird mitten im nächtlichen Sumpfland von einer Horde zerlumpter, tierhafter Vampir-Mutanten überfallen, und wenig später findet sich unsere Heldin eingesperrt im Keller eines der Häuser von Astaroth wieder. 
Spätestens an diesem Punkt {aber eigentlich bereits während der Szenen im Busbahnhof} bekommt der Film einen surreal-traumartigen Charakter. Cinematographie und Soundtrack schaffen eine verstörende und sehr dichte Atmosphäre. Von den Bewohnern Astaroths bekommen wir zuerst nur eine gruselige alte Greisin und einige noch gruseligere Kinder zu sehen, die die arme Lila erschrecken und verspotten. Schließlich jedoch lässt die geheimnisvolle Vampirlady Lemora (Lesley Gilb) das junge Mädchen in ihr Herrenhaus bringen. Im Verlauf des Abends macht sie Lila nicht nur mit solch "sündigen" Vergnügungen wie Tanz und Alkohol bekannt, sondern zeigt ihr auch auf andere Weise sehr deutlich ihre Zuneigung {wobei die homoerotischen Untertöne nicht zu überhören sind} und stellt ihr in Aussicht, dass sie am nächsten Tag vermittels einer geheimnisvollen Zeremonie zu ihrer "Blutschwester" werden soll, was ihr die Tür zum "wahren" Leben öffnen werde. Auf die ganz von den puritanischen Werten ihres "Ziehvaters" beherrschte Lila wirkt all dies äußerst verstörend und verwirrend. Als sie in derselben Nacht zu flüchten versucht, spitzen sich die Ereignisse auf dramatische Weise zu.

An einem kann kein Zweifel bestehen: Lemora ist ein ungewöhnlicher Film, der sich sehr deutlich von der Mehrheit der amerikanischen B-Movies jener Ära abhebt. Und dass er dennoch dieser oft nachwievor mit leichter Herablassung oder postmoderner Ironie behandelten Filmfamilie angehört, verdeutlicht nicht nur das offenbar sehr kleine Budget, das Blackburn und seinem Team zur Verfügung stand, Hauptdarstellerin Cheryl "Rainbeaux" Smith war auch eine Art Star des Exploitation-Films der 70er Jahre, deren Karriere und Leben freilich am Ende eine sehr tragische Wendung nehmen sollten. 
Was seine Ästhetik betrifft macht Lemora eher einen "europäischen" als amerikanischen Eindruck, und es verwundert mich nicht, dass der in seinem Heimatland offenbar ruhmlos untergegangene Streifen später eine Art Wiederauferstehung ausgerechnet in Frankreich erleben sollte. Eine ähnliche Mischung aus leicht surreal anmutender Filmpoesie und klassischen B-Movie-Stoffen finden wir ja nicht nur bei den Italienern {Dario Argento, Lucio Fulci, Mario Bava}, sondern z.B. auch in den besseren Werken des spanischen Exploitation-Meisters Jess Franco. Womit ich nicht gesagt haben will, dass der amerikanische B-Movie in dieser Hinsicht überhaupt nichts aufzuweisen hätte. So zeichnen sich Roger Cormans Poe-Klassiker der 60er Jahre trotz deutlicher stilistischer Unterschiede durch eine vergleichbare ästhetische Sensibilität aus, und noch enger verwandt erscheint mir z.B. ein Film wie Messiah of Evil (1973).*
Doch wie dem auch sei, auf jedenfall besitzt Lemora eine faszinierend poetische Qualität. Von wenigen Ausnahmen abgesehen spielt die Handlung nachts, was nicht nur die Möglichkeit zu einem streckenweise recht beeindruckenden Spiel mit Schatten und nur undeutlich auszumachenden Gesichtern und Gestalten eröffnet, sondern seinen Niederschlag auch in der eigenwilligen Farbgebung gefunden hat. Der Film wird beherrscht von kühlen Blautönen. Nur hie und da wird durch eine Kerze oder Fackel ein etwas wärmerer Farbton in ihn hineingetragen. Damit wird die alptraumhaft-unwirkliche Atmosphäre des Ganzen auf ebenso effektvolle wie subtile Weise verstärkt.
Vor allem was das Pacing betrifft hat der Film allerdings auch so seine Schwächen. Dass der Ablauf der Handlung nicht immer logisch erscheint, kann man einem Werk dieser Art nicht zum Vorwurf machen, aber das entschuldigt nicht einige unverkennbare Längen, bei denen der Rhythmus des Ganzen deutlich ins Stocken gerät.

Wie vielleicht nicht anders zu erwarten, fällt eine eindeutige Interpretation von Lemora nicht leicht. Es ist schwer auszumachen, wohin genau der offensichtliche Symbolismus des Films den Betrachter oder die Betrachterin führen soll.
Kim Newman vertritt in Nightmare Movies die Ansicht, Lemora benutze "the vampire as a force for libertarian feminism".** Und irgendwelche katholischen Organisationen verdammten ihn bei seinem Erscheinen offenbar als "leavened with a fierce anti-Catholicism". 
Letzteres ist offensichtlich Unsinn. Katholizismus spielt keine Rolle in Lemora. Die Kirchengemeinde, in der Lila aufwächst, ist eindeutig baptistisch. Wenn überhaupt, so ließe sich allerhöchstens von einem "antichristlichen" Inhalt sprechen, aber auch das wäre wohl ein etwas zu starker Ausdruck. Ohne Zweifel macht die Gemeinde keinen sonderlich sympathischen Eindruck und soll eine von repressiven Werten beherrschte, kleinbürgerlich-konservative Gesellschaft voller Missgunst und Heuchelei repräsentieren. Auch hinterlässt die Art, in der der Reverend aus Lila eine Ikone der Reinheit gemacht hat, ein unangenehmes Gefühl. Nicht nur wird man dabei an den alten Madonna-Hure-Komplex erinnert, der Pastor isoliert das junge Mädchen damit auch von allen übrigen Mitgliedern der Gemeinde. Wie Lila selbst sagt, wird sie von ihren Altersgenossinnen gehasst. Dennoch erscheint der Reverend nicht als ein "schlechter" Mensch.
Andererseits fällt es schwer, Lemora als eine wirkliche "feministische Befreierin" zu interpretieren. Ja, sie führt Lila in eine Welt sinnlicher Freuden ein, die ihr bislang als "sündig" und "unchristlich" verwehrt wurde. Doch zugleich macht sie einen herrschsüchtigen und mitunter grausamen Eindruck. Auch wirkt alles, was mit Lila  in Astaroth geschieht, eher unheimlich und verstörend, denn freudvoll und befreiend. Dass das Mädchen am Ende gezwungen ist, ihren eigenen, zum Monster mutierten Vater zu töten, ließe sich freilich als etwas krudes "Befreiungsmotiv" ("Tod dem Patriarchat") interpretieren. Erst recht, wenn man dabei in Betracht zieht, dass das Thema männlicher Gewalt im Verlauf des Filmes immer wieder aufgetaucht ist. Dennoch fällt es mir schwer, die Sache so klar zu sehen, wie Kim Newman dies offenbar getan hat.
Natürlich braucht ein Film keine explizite "Botschaft" zu haben, und wirklich guter Symbolismus lässt sich nie eindeutig aufschlüsseln. Andererseits ist diffuse Mehrdeutigkeit nicht per se eine Tugend. Dem Geist von Lemora kommt man vielleicht dann am nächsten, wenn man den Film als die Geschichte des sexuellen Erwachens eines Mädchens versteht, das in einem extrem sinnenfeindlichen Umfeld aufgewachsen ist. Aus ihrer Sicht wäre es dann nur zu verständlich, dass die neue Welt, die sich ihr dabei eröffnet, zugleich beunruhigend und verstörend, aber auch irgendwie verführerisch wirken muss. Mehr als einmal fühlte ich mich an Neil Jordans The Company of Wolves (1984) erinnert. 
Doch auch eine solche Interpretation erlaubt es einem nicht, alle Details der Geschichte zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen. Ob dies gegen den Film spricht? Ich bin mir nicht wirklich sicher. Auf jedenfall werde ich versuchen, mir die 2004 erschienene DVD von Lemora zu besorgen. Denn auch wenn Richard Blackburns Streifen seine Schwächen besitzen mag, so ist er doch ohne Zweifel ein faszinierendes Werk. Und das ist mehr, als man von den meisten amerikanischen Vampirflicks der 70er Jahre behaupten kann.  



* Allerdings gehörte zu den Inspirationsquellen für diesen Horrorflick interessanterweise Michelangelo Antonioni, der damals in Amerikas Gemeinde der Filmfreunde- und freundinnen gerade seine großen Triumphe feiern konnte. Wie Andrew Sarris es 1968 beschrieben hat: "Antonioni came, saw, and conquered the English-speaking market on his very first try." (The American Cinema. Directors and Directions 1929-1968. S. 147)
** Kim Newman: Nightmare Movies. A Critical History of the Horror Film, 1968-88. S. 28.

Strandgut der Woche

Samstag, 29. März 2014

Vampire in Amerika (III): "Grave of the Vampire"

Puh, das war anstrengender als ich gedacht hätte ... Nightmare in Blood ist billig, schludrig inszeniert, aber irgendwie charmant. Grave of the Vampire ist noch billiger, noch schludriger inszeniert und wirklich-wirklich mies. Wenn ich den Film als "erstaunlich brutal" beschrieben habe, so hat man dabei nicht an zerstückelte Körper und Eimer voller Blut zu denken. Vielmehr zeichnet er sich durch einen unangenehmen Vibe von sexueller Gewalt, gepaart mit einem nicht weniger unangenehmen Frauenbild aus. Dass er außerdem verdammt inkompetent konstruiert ist und mit peinlich schlechten Dialogen und ebenso hölzernen Darstellern aufwartet, hilft auch nicht gerade. Der Flick ist nicht eben lang, aber ihn in einem Anlauf ganz anzuschauen, war mir einfach unmöglich. Und das will was heißen ... 
Doch der Reihe nach: Was an John Hayes' 1972 in die Kinos gelangtem und auch unter dem Titel Seed of Terror bekannten Film zu allererst auffällt, ist seine reichlich bizarr anmutende Konstruktion. Das gute erste Drittel besteht aus einer Art Vorgeschichte. Irgendwann in den 50ern verdrücken sich Leslie (Kitty Vallacher) und ihr Liebster während einer Party auf den örtlichen Friedhof, um dort "intim" zu werden. Und weil wir in den 50ern sind, bedeutet das, dass er ihr einen Heiratsantrag macht. Dummerweise erwacht zur gleichen Zeit der ortsansässige Vampir (Michael Pataki) und kriecht aus seinem Sakrophag. Und auch wenn die nebelverhangene Landschaft mit ihren pittoresken Grabsteinen und die nett fette Tarantel, die über die bleiche Hand unseres Untonten krabbelt, an die Atmosphäre eines klassisch-gotischen Horrorfilms der 60er gemahnen, erweist sich unser Blutsauger nicht als der altmodische Aristokrat mit schwarzem Cape und diabolischem Charme, sondern als ein widerliches, bestialisches Monstrum, das ruckzuck den netten Jungen abschlachtet und seine Braut in spe in einem der reichlich vorhandenen offenen Gräber vergewaltigt. So weit, so unappetitlich. Doch wirklich bizarr wird's, wenn wir in der nächsten Szene einen Polizeibeamten präsentiert bekommen, dessen erster Gedanke angesichts dieser Verbrechen ist: Das muss ein Vampir gewesen sein! Moment mal, gehört es nicht zu den ungeschriebenen Gesetzen des Horrorgenres, dass die offiziellen Autoritäten erst einmal nicht an die Existenz des Übernatürlichen glauben und nur mühsam von ihrem Skeptizismus befreit werden können? Doch keine Angst, zehn Minuten später ist unser Möchtegernvampirjäger auch schon tot, und wir bekommen stattdessen erzählt, dass die arme Leslie schwanger ist. Und wie der {gleichfalls alles andere als skeptische} Doktor ihr erzählt: Das, was in ihrem Leib heranwächst "ist nicht lebendig". Unglücklicherweise weigert sie sich, eine Abtreibung vornehmen zu lassen und so kommen wir in den Genuss eines billigen Rosemary's Baby -Plagiats im Schnelldurchlauf, an dessen Ende mit James Eastman (William Smith) endlich unser eigentlicher Held die Bühne betritt.
Fünfunddreißig von neunundachtzig Minuten dieses grausigen Machwerks haben wir zu diesem Zeitpunkt bereits hinter uns, doch die eigentliche Story beginnt erst jetzt. Sprung vorwärts in die 70er Jahre. Unser Vampir hält inzwischen als Professor Lockwood abendliche Vorlesungen über Okkultismus. Warum er dies tut, erfahren wir nicht, aber für einen jahrhundertealten Untoten war so was in den esoterikbegeisterten 70ern vermutlich die Marktlücke. Zu seinen Studenten gehört allerdings auch James, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, seinen Erzeuger und den Vergewaltiger seiner Mutter zur Strecke zu bringen. 
Doch bevor es zum unausweichlichen Endkampf zwischen Papa Vampir und seinem Filius kommt, müssen wir erst einmal erleben, wie Lockwood eine Reihe junger Frauen ermordet. Und hier wird's so richtig unangenehm. Denn alle Opfer erwecken den Eindruck, als wollten sie von dem Untoten "genommen" werden. In Grave of the Vampire sehnen sich Frauen entweder dannach, sich "faszinierenden" Männern zu unterwerfen, oder sie machen auf flirtende "Verführerin" {und haben ihr blutiges Schicksal deshalb vielleicht sogar verdient?!?!?}. Nein, dieser Film macht wirklich keinen Spaß. Wenn freilich Anita (Diane Holden) Lockwood gegenüber erklärt: "I want you to make me a vampire", dann kippt das Ganze endgültig ins Groteske um. Das macht es nicht wirklich besser, hat mich aber doch laut auflachen lassen.
Mir noch mehr über diesen Streifen aus den Fingern zu saugen, halte ich für unnötig. Es sei bloß noch erwähnt, dass das "große Finale" mit einer Séance in Lockwoods Villa anhebt. Das macht zwar überhaupt keinen Sinn, darf jedoch als eine Kopie des Anfangs von Count Yorga gelten. Und der ist zwar beileibe kein Meisterwerk, doch nach dieser Tortur freue ich mich richtig darauf, dem Grafen wieder einen Besuch abzustatten. Ach ja, ganz interessant ist vielleicht auch noch, dass zu John Hayes' Oeuvre neben Grave of the Vampire so wohlklingende Titel wie Sweet Trash (1970), Convicts' Women (1970), Heterosexualis (1973), Mama's Dirty Girls (1974) und Jailbait Babysitter (1978) gehören. Muss ich noch mehr sagen ...?

Strandgut der Woche

Montag, 24. März 2014

Vampire in Amerika (II): "Nightmare in Blood"

So manches erscheint merkwürdig an John Stanleys Nightmare in Blood. Es fällt mir z.B. ziemlich schwer, zu entscheiden, ob dem Film das Label "Horrorkomödie", welches ihm sowohl bei Wikipedia als auch bei IMDB verpasst wird, wirklich gerecht wird. Ohne Zweifel enthält er eine Reihe parodistischer Elemente, doch eigentlich nicht genug, um ihn zu einer echten Komödie zu erklären. Noch sehr viel eigentümlicher finde ich allerdings, dass der Streifen seine Premiere 1978 erlebte, vier Jahre nach Tobe Hoopers The Texas Chainsaw Massacre und ein knappes Jahr vor dem US-Start von George Romeros Dawn of the Dead. Ein Jahrfünft früher hätte er sich vielleicht gar nicht so übel gemacht, doch beim Zeitpunkt seines Erscheinens muss er eigentlich extrem unzeitgemäß gewirkt haben. Ist der Horror, auf den er sich halb ironisch, halb liebevoll bezieht, doch eindeutig nicht der Horror der 70er, sondern der "gotische" Grusel der 60er Jahre.
Das Publikum scheint das freilich nicht gestört zu haben. Schenkt man Wikipedia Glauben, so gehörte der Flick für ein Jahrzehnt zum festen Programm der Autokinos und machte selbst auf dem Videomarkt der 80er noch einen ordentlichen Gewinn. Ganz unverständlich ist das nicht, denn auch wenn Nightmare in Blood ganz sicher kein "guter" Film ist, so besitzt er doch unleugbar einen gewissen Charme.
     


Schon die Eröffnungssquenz wirkt recht eigenwillig. Wir bekommen die Schlussszene aus dem neuesten Film des {fiktiven} Horrordarstellers Malakai (Jerry Walter) zu sehen. Und die ist nicht nur unterirdisch schlecht, sondern stellt auch einen eigentümlichen Mix aus Vampirflick und Mantel- und Degen - Film dar, untermalt von einem völlig unpassenden Soundtrack. Irritierenderweise musste ich dabei spontan an Christan-Jaques Fanfan la Tulipe (1952) denken. Ein wunderbarer Film, aber keiner, den ich normalerweise mit Horror in Verbindung bringen würde ... Dass wir im direkten Anschluss daran miterleben dürfen, wie einer jungen Frau die Kehle aufgeschlitzt wird, macht das Ganze nur noch verwirrender ...
Der eigentliche Plot ist schnell zusammengefasst: Professor Seabrook (Dan Caldwell), sein Kumpel Scotty (John Cochran) und ihre gemeinsame Freundin Cindy (Barrie Youngfellow) sind dabei, die erste San Franciscoer HorrorCon zu organisieren. Hauptattraktion der Veranstaltung soll der Auftritt des exzentrischen Malakai sein, der seine Vampirrolle so ernst zu nehmen scheint, dass er sich auch im Privatleben im Sarg durch die Gegend schippern lässt und äußerst ungehalten reagiert, wenn man in seiner Anwesenheit Kruzifix-Anhänger trägt. Etwas verkompliziert wird die Angelegenheit durch den fanatischen Moralapostel Dr. Unworth (Justin Bishop), der "zum Schutz der Jugend" Proteste gegen diese "abscheuliche Veranstaltung" organisiert. Das eigentliche Problem ist jedoch der Star der Convention, denn {wen wundert's?} bei dem guten Malakai handelt es sich in Wahrheit um einen echten untoten Blutsauger, dem freilich ein jüdischer Nazi- und Vampirjäger (Mark Anger) bereits dicht auf den Fersen ist ...
Ich habe keine Ahnung, wie das amerikanische Fandom Ende der 70er Jahre tatsächlich ausgesehen hat, aber ich finde es doch erstaunlich, dass unsere Horror-Aficionados zwar ausgiebigst die Namen von Bela Lugosi, Lon Chaney Jr, Boris Karloff, Vincent Price und Christopher Lee zitieren, Night of the Living Dead, The Exorcist und Texas Chainsaw Massacre hingegen in dieser Welt nicht zu existieren scheinen. Und warum tragen so viele der jugendlichen Fanboys Planet of the Apes - Masken? Sehr seltsam ...
Ganz neckisch wirkt die Figur des Dr. Unworth, der ganz offensichtlich als Karrikatur des Psychologen Fredric Wertham angelegt ist, dessen berüchtigtem Buch Seduction of the Innocent {im Film heißt Unworths Schmöker Rape of the Young Mind} wir den Comic Code von 1954 und u.a. den Untergang der EC-Horror-Comics verdanken. Auch hier muss man sich allerdings fragen, wie zeitgemäß eine solche Anspielung 1977/78 denn noch gewesen ist. Schließlich war der Code inzwischen deutlich aufgeweicht worden und Horror-Comics konnten wieder an den Zeitungsständen erworben werden. {Berühmtestes Beispiel: Marvels Tomb of Dracula}. Andererseits sollte einige Jahre später in Großbritannien die Video Nasties - Panik ausbrechen. Zensur war also in der Tat kein Thema der Vergangenheit ...
Einen aristokratischen Pseudo-Dracula ins Amerika der 70er Jahre zu schicken, war nichts neues. Dieselbe Idee hatte bereits Count Yorga (1970) zugrundegelegen, Aber während der Vampir sich dort recht erfolgreich in die vom Streben nach esoterischer Selbstfindung beherrschte Mittelklasse hatte einfügen können, verharrt Freund Malakai ganz in der Rolle des "Lugosi"-Draculas mit schwarzem Cape und Glaceé-Handschuhen. Jerry Walter hat offensichtlich riesigen Spaß, den Untoten mit "osteuropäischem" Akzent zu geben, doch immer dann, wenn er die Maske fallen lässt und zum blutgierigen Monster wird, wirkt er eher lächerlich als furchteinflößend. Absicht? Vielleicht. Aber welchen Sinn sollte eine Parodie auf den traditionellen Filmvampir Ende der 70er Jahre noch haben? Das Klischee war ohnehin längst überwunden. Und ganz ähnlich verhält es sich mit den übrigen offensichtlich satirisch gemeinten Elementen des Filmes. Was z.B. habe ich davon zu halten, wenn der Inhaber des örtlichen Comicladens ein mystisch veranlagter, Roben tragender Hippie ist? Witzig wirkt das nicht. Erfreulicherweise erweist sich der eigenwillige Typ am Ende sogar als einer unserer Helden, aber dennoch stellt sich die Frage, was seine Gestalt eigentlich parodieren soll. Gab es im damaligen Fandom tatsächlich Typen, die Comics für eine Art erleuchteter Weisheitsliteratur hielten? Ich kann mir das kaum vorstellen. Aber natürlich bin ich kein Geek im Amerika der 70er Jahre gewesen ...
Nein, als Satire {auf was auch immer} funktioniert Nightmare in Blood wirklich nicht. Und als echter Horrorfilm eigentlich auch nicht. Es ist kein böser Zufall gewesen, dass Regisseur Stanley im Laufe seiner {sehr kurzen} Karriere keinen einzigen weiteren Spielfilm gedreht hat, und so gut wie kein Mitglied seines Ensembles je über irgendwelche Nebenrollen hinausgekommen ist. Man braucht sich ja bloß das schludrig inszenierte "große Finale" im alten Kino anzuschauen, das nun wirklich sehr viel spannender hätte sein müssen, als es letztlich geworden ist ...
Und doch besitzt Nightmare in Blood seinen trashigen Reiz. Kim Newman hat den Film einmal als "slapdash but enthusiastic"* bezeichnet, und tatsächlich atmet er so etwas wie Leidenschaft. Inkompetente Leidenschaft vielleicht, aber dafür ehrliche. Außerdem finde ich es irgendwie nett, dass der Kern unseres Vampirjägertrupps aus einem Juden und einem Schwarzen (Scotty) besteht. Auch habe ich anderswo noch nie gesehen, wie einem Vampir mittels eines Davidssterns Saures gegeben wurde. Allein das macht Nightmare in Blood meiner Meinung nach einen kleinen Abstecher wert ...     


* Kim Newman: Nightmare Movies. A Critical History of the Horror Film, 1968-88. S. 28.

Samstag, 22. März 2014

Vampire in Amerika (I)

An der Wende von den 60er zu den 70er Jahren zeichnete sich auf beiden Seiten des Atlantiks immer deutlicher das Ende der Ära des klassisch-gotischen Horrorfilms ab. Roman Polanskis Rosemary's Baby und George A. Romeros Night of the Living Dead, die beide 1968 ihre Premiere erlebt hatten, waren die ersten deutlich sichtbaren Anzeichen für diese Veränderung im Genre gewesen. 
So wie Hammer und Amicus in England, sah sich auch American International Pictures gezwungen, eine Strategie zu entwickeln, um diesem Wandel im Publikumsgeschmack zu begegnen. Die erste Idee, auf die man dabei in der altehrwürdigen Schlockschmiede, die u.a. für die phantastischen Poe-Adaptionen Roger Cormans verantwortlich gewesen war, verfiel, war bizarrerweise der Versuch, das Vampirgenre im amerikanischen Horrorfilm wiederzubeleben. In den 60er Jahren hatte in dieser Provinz des klassischen Grusels beinah unangefochten Hammers Christopher Lee geherrscht, und Amerikas bekanntester Blutsauger des Jahrzehnts dürfte vermutlich Grandpa aus den Munsters gewesen sein. Dies sollte sich nun ändern. Zwar war Count Yorga, den AIP 1970 ins Rennen schickte, ursprünglich als Softporno geplant {was man einigen Szenen des Filmes noch ansehen kann}, aber Hauptdarsteller Robert Quarry hatte dafür gesorgt, dass das Ganze schließlich doch zu einem ernsthaften Vampirflick geworden war. Na ja, so ernsthaft wie die Abenteuer eines Dracula-Klons im Kalifornien der Zeit halt sein konnten. {Im Sequel findet sich z.B. eine grandiose Szene, in der sich Yorga die Vampire Lovers im Fernsehen anschaut.} Bei AIP schien man mit dem Ergebnis erst einmal recht zufrieden zu sein, und plante sogar, Quarry als neuen Horrorstar der Firma und Nachfolger von Altmeister Vincent Price aufzubauen. Doch auch wenn der Schauspieler mit The Return of Count Yorga (1971) und Deathmaster (1973) noch zweimal die Gelegenheit erhielt, den Blutsauger zu geben, zeigte sich doch recht bald, dass die Vampirtaktik nicht zu dem gewünschten Erfolg führte. {Wen wundert's?} AIP steckte sein Geld schon bald lieber in den boomenden Blaxploitation-Markt und Projekte wie Martin Scorseses' Boxcar Bertha (1972).
Erstaunlicherweise eröffnete Count Yorga dennoch eine kurzlebige Phase im amerikanischen Horrorfilm, in der sich verschiedene Produktionsfirmen und Filmemacher bemühten, den einst aristokratischen Blutsauger im Amerika der 70er heimisch zu machen. AIP selbst versuchte mit Blacula (1972) und dem Sequel Scream, Blacula, Scream (1973) eine Kreuzung aus Vampirfilm und Blaxploitation zu schaffen. {Aus Sicht eines B-Movie - Produzenten wie Mr. Arkoff naheliegend, oder?} Daneben kam das Publikum alsbald in den Genuss von Filmen wie The Velvet Vampire (1971) aus Roger Cormans neuer Werkstatt New World Pictures, dem erstaunlich brutalen Flick Grave of the Vampire (1972), Carl Kolchaks erstem TV-Abenteuer The Night Strangler (1973) und Richard Blackburns Lemora - A Child's Tale of the Supernatural (1975). Am Ende dieses kurzlebigen Trends standen die groteske "Komödie" Nightmare in Blood (1978) und George Romeros eigenwilliger Eintrag in das Vampirgenre Martin (1978).
In den nächsten zwei Wochen möchte ich einige dieser Filme hier etwas genauer vorstellen. Dabei strebe ich keine vollständige Präsentation des amerikanischen Vampirfilms der 70er Jahre an. Auch werde ich mich nicht an die chronologische Reihenfolge halten. Mal sehen, was bei diesem Projekt rauskommen wird.

       

Strandgut der Woche

Freitag, 21. März 2014

Sofia Samatar und die böse Moderne

Ich hätte nicht gedacht, dass es einmal dazu kommen würde, aber ich fühle mich gedrängt, eine Verteidigung des Steampunk zu schreiben. Dabei stehe ich selbst dem Subgenre mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber. Als ein Liebhaber von Jules Verne und altmodischen phantastischen Abenteuerfilmen kann ich nicht leugnen, dass seine Ästhetik mich irgendwie anspricht. Andererseits jedoch werde ich das unangenehme Gefühl nicht los, dass hier sehr oft eine Geschichtsepoche romantisiert wird, die nun wirklich alles andere als romantisch war. Doch wie dem auch sei, das ändert nichts daran, dass ich Sofia Samatars vor knapp einem Monat erschienen Blogeintrag Dreadful Objectivity: Steampunk in Africa für äußerst problematisch halte. Genaugenommen geht es dabei allerdings gar nicht so sehr um ein literarisches Subgenre, als vielmehr um sehr viel allgemeinere politische und weltanschauliche Fragen.

Ich bin das erste Mal vor über zwei Jahren auf Sofia Samatar gestoßen, als ihr veröffentlichtes Oeuvre aus nicht mehr als einer Handvoll Gedichten und Kurzgeschichten sowie einigen Rezensionen für Strange Horizons bestand. Mein erster Eindruck war sehr positiv, und ich nahm sie sogleich in eine Gruppe phantastischer Autorinnen auf, die ich ungefähr zur selben Zeit kennen- und liebengelernt hatte, und zu der u.a. Catherynne M. Valente, Amal El-Mohtar und C.S.E. Cooney gehörten.
Was mich an ihrem Werk angesprochen hatte war zum einen die Sprache – lyrisch, aber nicht so wuchernd und voll "ausgesuchter" Metaphern wie etwa bei Cat Valente –, zum anderen der Umstand, dass sie einen Gutteil ihrer Inspiration aus der Kunst und Kultur der arabisch-islamischen Welt zu beziehen schien, für die ich eine tiefe Faszination hege. So beschäftigt sich z.B. The Hunchback's Mother mit einer Episode aus alf laila wa-laila (Tausendundeine Nacht); in Qasida of the Ferryman versucht Samatar eine klassische arabische Versform ins Englische zu übertragen; in Burnt Lyric setzt sie sich mit der Poesie von Al-Andalus (dem maurischen Spanien) und ihrem Einfluss auf die okzitanische Trobadorlyrik auseinander; die Inspiration für The Sand Diviner stammte aus der Lebensgeschichte des mittelalterlichen Historikers Ibn-Khaldun; und  A Brief History of Nonduality Studies erwuchs aus ihrer Beschäftigung mit Sufiliteratur. Zu all dem finden sich in ihrem Blog sehr interessante Anmerkungen.*
Allerdings war bereits meine erste Begegnung mit Sofia Samatar nicht frei von Irritationen. Das galt insbesondere für ihre Short Story The Nazir. Einerseits gehört die Geschichte von Cynthia, die als Tochter eines britischen Kolonialbeamten im Kairo der Zwischenkriegszeit aufwächst und deren ganzes späteres Leben von der Sehnsucht beherrscht wird, ein einziges Mal das geheimnisvolle Ungeheuer Nazir (arab. "Der Beobachter") erblicken zu dürfen, zu meinen absoluten Favoriten in Samatars Oeuvre. Andererseits scheint mir in ihr so etwas wie die Idee einer "Kollektivschuld" der Weißen für die Verbrechen des Kolonialismus mitzuschwingen. Cynthia leidet offenbar unter der Tatsache, als Kind der europäischen herrschenden Kaste des kolonialen Ägypten angehört zu haben. Das damit verbundene Schuldgefühl verfolgt sie ihr Leben lang. Psychologisch gesehen ist das sicher gut vorstellbar, aber ich habe das beunruhigende Gefühl, die Geschichte wolle den Eindruck vermitteln, Cynthias Selbstquälereien seien irgendwie "gerechtfertigt", und ihre spätere Rebellion und die damit verbundenen politischen Aktivitäten** müssten deshalb irgendwie unehrlich wirken, als seien sie ausschließlich Ausdruck eines "weißen" Schuldkomplexes. Und eine solche Sichtweise halte ich für grundfalsch. Cynthia ist nicht verantwortlich für das kolonialistische System, in das sie hineingeboren wurde.
Vielleicht lese ich da etwas in The Nazir hinein, was gar nicht wirklich in der Geschichte angelegt ist. Vielleicht will uns Samatar in Wahrheit das Gefühl vermitteln, die Tragödie Cynthias bestehe gerade darin, sich nicht von dem zwar verständlichen, aber völlig ungerechtfertigten Schuldgefühl befreien zu können. Ich weiß nicht. All das ist bloß so ein vages Rumoren im Hinterkopf.

Im August 2012 versuchte Sofia Samatar in einem Blogeintrag zu umreißen, warum sie sich als Schriftstellerin der Phantastik zugewandt hat. Zu den von ihr angeführten Gründen gehören u.a.:
1) It puts you in touch with dreams and the unconscious. It can free up your language in certain ways. It can be beautiful. There’s a connection here with fantasy’s ability to express a sense of reality as shifting, untrustworthy, infused with the supernatural, or absurd.
Und 2) It provides an opportunity to think outside a particular, dominant cultural framework, one that is Western, heterosexual, white, college-educated and male. Fantasy has associations with folklore: with stories for women, children and the people in the flash of the ethnographer’s camera bulb. That makes it a fertile field for writers interested in reclaiming stories and types of narration that have been lost or suppressed.
Nun bin zwar auch ich der Ansicht, dass phantastische Kunst das Potential besitzt, überkommene Denkmuster aufzubrechen und einen frischen und ungewohnten Blick auf die Welt und den Menschen zu eröffnen. Doch wie der zweite Punkt sehr deutlich zeigt, ist Sofia Samatar wie die meisten Vertreter und Vertreterinnen der "linken", angloamerikanischen SFF-Gemeinde offensichtlich sehr stark von den Ideen der Identitätspolitik beeinflusst, der ich selbst äußerst kritisch gegenüberstehe.
Im Detail kann ich auf diese Frage jetzt zwar nicht eingehen, verweise jedoch gerne noch einmal auf Jonas Kyratzes' Statement of Principles, dem ich mich 100%ig anschließe. Auf jedenfall halte ich es für sehr fragwürdig, wenn man die "vorherrschenden kulturellen Rahmenbedingungen" als "westlich", "weiß", "heterosexuell" und "männlich" charakterisiert {als gäbe es eine mehr oder weniger einheitliche "westlich-weiß-heterosexuell-männliche" Kultur}, dabei jedoch völlig außer Acht lässt, dass die Gesellschaft, in der wir leben, vor allem eine Klassengesellschaft ist, was meiner Ansicht nach unsere Kultur in viel höherem Maße geprägt hat als irgendwelche anderen Kriterien. Und bürgerliche Ideologie kann ebensogut in "nicht-westlichem", "farbigem", "homosexuellem" und "weiblichem" Gewand auftreten, wie in den traditionell vorherrschenden Erscheinungsformen. Das wird uns tagtäglich in allen nur erdenklichen Medien sehr eindrücklich vorexerziert.

Ich gehöre nicht zu denen, die Kunstwerke nach den weltanschaulichen Überzeugungen ihrer Schöpferinnen und Schöpfer beurteilen. Aber genausowenig denke ich, das selbige keinen Einfluss auf ihre Werke hätten.
Von Sofia Samatars Debütroman A Stranger in Olondria, der in diesem Jahr für den Nebula Award nominiert wurde, habe ich nur die ersten sechs Kapitel gelesen, die man sich auf der entsprechende Website des Verlags runterladen kann. Es war eine wunderbare Lektüre, und bei nächster sich bietender Gelegenheit werde ich mir das Buch ganz sicher zulegen. Besonders angesprochen hat mich die Art, in der die Autorin sinnliche Eindrücke {Gerüche, Geschmäcker, Klänge} hervorhebt. Zugleich jedoch wurde ich beim Lesen  das beunruhigende Gefühl nicht los, der Roman könne sich in eine Richtung entwickeln, die mir ganz und gar nicht gefallen würde.
Samatars Protagonist Jevick stammt aus einem quasi-kolonialen Milieu. Als junger Mann wendet er sich von der Kultur seiner Heimat ab, die er als primitv und irrational empfindet, und verschreibt sich ganz der Kultur der "Metropole" Olondria. Dort angekommen muss er jedoch sehr bald feststellen, dass die meisten Bewohner der Stadt in ihm nachwievor den "Fremden" sehen, ganz gleich, wie sehr er sich auch anzugleichen versucht.
Hier eröffnet sich zweifellos eine sehr interessante und komplexe Thematik, und ich traue es Samatar ohne weiteres zu, diese in eine ebenso lebendige Geschichte zu kleiden.  Doch wird sich in dieser ganz sicher manches von ihren eigenen Ideen über Kultur und Kolonialismus wiederfinden. Wie könnte es anders sein? Auch wenn ich keinesfalls erwarte, dass sich A Stranger in Olondria am Ende als eine Art postkolonialistisches Lehrstück entpuppen wird. Dazu ist Samatar viel zu sehr Künstlerin. Dennoch bereitet mir diese Aussicht ein leichtes Bauchgrimmen, und warum dies so ist, lässt sich am Besten anhand des eingangs erwähnten Aufsatzes Dreadful Objectivity erläutern.

Der Blogeintrag beginnt mit einigen Gedanken zu Virtuoso, einem Webcomic von Jon Murger und Christa Brennan. Nun habe ich diesen zwar nicht gelesen {was ich bei Gelegenheit vielleicht mal nachholen sollte}, aber wenigstens einen von Samatars kritischen Anmerkungen kann ich sehr gut nachvollziehen. Die Protagonistin heißt Jnembi Osse,
and immediately I want to know what that name is, what it means, and where it's from, and I pray that it's not made up, and my mind rushes back to my African Linguistics class in search of the consonant cluster "jn." I just want so much for it to be real, and I'm terrified that it's not. And there would be no reason to be terrified over a webcomic we don't even have, except that these things are not isolated problems. The haphazard sprinkling of decorative "African-ness" over things is a regular practice
In Afrika angesiedelte phantastische Geschichten sollten sich in der Tat möglichst an realen Kulturen {inklusive deren Sprachen} orientieren, d.h. auf ernsthafter Recherche basieren, andernfalls ist der Weg nicht weit zu Exotismus und Klischee. Freilich weiß ich nicht, ob z.B. Charles R. Saunders' Sword & Sorcery - Klassiker Imaro und Dossouye, die ich sehr schätze, diesem Kriterium 100%ig gerecht werden. Ich will hier deshalb keine unumstößlichen Gesetze dekretieren.
Kann ich mit diesem Punkt in Samatars Artikel also durchaus sympathisieren, so gilt dies leider ganz und gar nicht für all das, was dann folgt. Sehr schnell stellt sich heraus, dass die Autorin dem Steampunk deshalb so kritisch gegenübersteht, weil er die "Moderne" rehabilitiere. Und die "Moderne" ist offensichtlich ihr großer Buhmann, die Inkarnation des Bösen. Wir alle sollten froh sein, dass wir sie {angeblich} hinter uns gelassen haben, und da kommt der Steampunk einher und versucht uns dazu zu verführen, wieder "modern" zu werden:
This got me thinking about the intensely modern spirit of steampunk--modern in the textbook sense of "Western Europe in the 19th and early 20th centuries." Steampunk, it seems to me, seeks to allow us to be joyfully modern again, to embrace Western modernity's positive aspects, to believe in our DIY ability to make things, and to make things better.
Noch deutlicher wird sie in einer ihrer Antworten in der Kommentarspalte zu ihrem Artikel:
I wonder if you could tell a story that did not celebrate progress (even a story about the Haitian Revolution, which is a great modern/anti-modern example), and have it still be steampunk. If you could tell a completely grim story that ended in despair and death, and have it be steampunk. If you could tell a story in which the triumph of technology, real or fantastical, did nothing but ruin lives, and have it be steampunk.
Lassen wir die Frage, wie die Haitianische Revolution einzuschätzen ist, einmal beiseite.*** Was mich wirklich irritiert, ist, warum irgendjemand eine Geschichte schreiben sollte, in der der Triumph der Technik zu nichts anderem führt als zu Elend und Zerstörung. Und warum eine solche Story irgendwie "fortschrittlicher" oder der geschichtlichen Wahrheit näher sein sollte, als das andere Extrem: die kritiklose Verherrlichung der Industriellen Revolution, wie wir sie in einer Reihe von Steampunkbüchern wohl wirklich antreffen.

Die Problematik beginnt für mich bereits mit der Begrifflichkeit. In meinen Augen ist der Begriff "Moderne" gänzlich ungeeignet, wenn es darum gehen soll, zu verstehen, was sich im 19. und 20. Jahrhundert abgespielt hat. Er umfasst so unterschiedliche Elemente wie die Philosophie der Aufklärung, die Bürger- und Menschenrechte, die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften, Technik und Industrialisierung, den bürokratischen Nationalstaat, den voll entfalteten Kapitalismus, Imperialismus & Kolonialismus, Sozialismus & Marxismus etc. Unbestritten existieren enge Zusammenhänge zwischen diesen Phänomenen, doch indem man sie allesamt unter dem Begriff "Moderne" zusammenfasst, verschleiert man die Natur dieser Beziehungen eher, als dass man sie erhellen würde.
Samatar selbst verwendet die Formulierung "project of modernity", welche sehr schön verdeutlicht, dass diesem Begriff ein idealistisches Geschichtsverständnis zugrundeliegt. Was sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert vor allem in Europa und Amerika abgespielt hat, sei demnach im Kern die Umsetzung einer bestimmten Idee gewesen. Genauer gesagt, der Überzeugung, dass wir Menschen kraft unserer Vernunft und der ihr entsprungenen Wissenschaft & Technik in der Lage wären, uns die Natur zu unterwerfen und die Welt nach unseren Wünschen zum Besseren umzugestalten.
Eine solche Betrachtungsweise der "Moderne" stellt für mich nicht bloß die realen kausalen Zusammenhänge auf den Kopf, sie macht es uns auch unmöglich, den widersprüchlichen Charakter aufzudecken, der jeder kulturellen Entwicklung seit der Entstehung von Klassengesellschaften eigen ist. Um Leo Trotzkis Essay Culture and Socialism zu zitieren:
[C]ulture grows out of man's struggle with nature for existence, for the improvements of living conditions, for the increase of his power. But it is on this basis that classes grow as well. In the process of adapting to nature, in the struggle with its hostile forces, human society develops into a complex class organization. It is the class structure of society which most decisively determines the content and form of human history, i.e., its material relations and their ideological reflections. By saying this, we are also saying that historical culture has a class character. [...] But does this then mean that we are against all culture of the past?
Natürlich nicht! Beinah alle bisherige Kultur ist das Produkt von Klassengesellschaften, und sie trägt sehr deutlich die Spuren ihrer Herkunft. Zugleich jedoch ist sie Ausdruck des Bestrebens der Menschheit, sich mehr und mehr von den Fesseln zu befreien, die ihr von der Natur angelegt wurden. Der "triumph of large machines", dem Sofia Samatar so ablehnend gegenübersteht, ist ein sehr schönes Beispiel für diesen widersprüchlichen Charakter der historischen Entwicklung.
Ohne Zweifel bedeutete die Industrielle Revolution für unzählige Menschen in erster Linie physisches und psychisches Elend. Aber war daran die Maschine an sich schuld? Nein! Schuld war das Wirtschaftssystem, in dessen Rahmen sich diese Umwälzung vollzog und notwendigerweise vollziehen musste. Für sich genommen ist die "Maschine" eine Befreierin. Nur durch sie ist es möglich, die gesellschaftliche Produktivität auf ein Niveau anzuheben, das die materielle Grundlage für eine Ordnung abgeben könnte, in der echte Freiheit und Gleichheit herrschen und jeder Mensch die Möglichkeit haben wird, seine individuellen Talente voll zu entfalten.
Noch leben wir nicht in einer solchen Gesellschaft,. aber selbst heute könnte niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat und sein Gehirn zu benutzen versteht, die immens positiven Auswirkungen der Industriellen Revolution leugnen können. Es sei denn, er oder sie würde es vorziehen, unter feudalen Herrschaftsverhältnissen zu leben und mit 30-40 Jahren zu sterben.  

Sofia Samatars Artikel beruht auf postmodernen Ideen, womit ich weniger eine spezifische philosophische Schule {da kenn ich mich im Detail zu wenig aus}, als vielmehr eine allgemeine Weltanschauung meine. Sie glaubt ganz offensichtlich, die "Moderne" sei eigentlich bereits überwunden, und der böse Steampunk wolle uns in sie zurückführen.
Das wirft die Frage auf, inwieweit man tatsächlich behaupten könne, dass wir heute nicht mehr in der "Moderne" leben? Wer dies glaubt, kann unmöglich die materiellen Grundlagen unserer Gesellschaft oder das ökonomische System meinen. Ganz offensichtlich basiert die Weltwirtschaft immer noch auf den Errungenschaften der Industriellen Revolution und ist kapitalistisch organisiert. Die Veränderungen können also ausschließlich ideologischer Natur sein.

Aus gutem Grund spielt der Begriff "Fortschritt" eine so wichtige, und durchweg negativ konnotierte Rolle in Samatars Ausführungen. Sie charakterisiert ihn als "westlich" und verbindet ihn mit den zerstörerischen Auswirkungen des Imperialismus auf die alten Gesellschaften Afrikas.
Selbstverständlich spricht nichts gegen eine kritische Auseinandersetzung mit dem Fortschrittsgedanken, wie er in der Zeit der Aufklärung formuliert wurde. Seine klassisch-liberale Form, die eine kontinuierliche, stets aufsteigende Entwicklung postuliert hatte, ist spätestens durch die Ereignisse des 20. Jahrhunderts ganz sicher gründlich widerlegt worden. Doch gibt es daneben auch andere Formen dieses Konzeptes. Marxistisch betrachtet etwa bedeutet Fortschritt zuerst einmal die Entfaltung der Produktivkräfte und damit die Steigerung der Produktivität menschlicher Arbeitskraft, was der Menschheit erlaubt, sich mehr und mehr von ihrer Unterwerfung unter die Naturkräfte zu befreien und zugleich eine immer reichere und komplexere Kultur zu entwickeln. Dieser Prozess verläuft keineswegs kontinuierlich, sondern ist vielmehr durch heftige Widersprüche gekennzeichnet, wozu sowohl zeitweilige Rückschläge als auch radikale Sprünge und Umbrüche gehören. Auch bedeutet der Fortschritt in der Entfaltung der Produktivkräfte nicht automatisch auch einen moralischen Fortschritt. Solange sich dieser Prozess im Rahmen einer auf Klassengegensätzen und Ausbeutung basierenden Ordnung vollzieht, wäre es naiv, anzunehmen, dass er automatisch zu mehr Freiheit und Gleichheit führen würde. Allerdings hätten z.B. die Ideen von politischer Gleichheit, Demokratie und allgemeinen Menschenrechten nicht anders als auf Grundlage des sich entfaltenden Kapitalismus entstehen können. So gesehen beinhaltet der ökonomisch-technische also sehr wohl auch einen politischen und moralischen Fortschritt. Oder genauer gesagt: Er macht diesen überhaupt erst möglich.
Was die Beziehung zwischen Fortschrittsidee und Imperialismus betrifft, um den es Samatar hauptsächlich geht, so stimmt es natürlich, dass die Kolonialmächte die Unterwerfung und Ausbeutung der Völker Afrikas, Asiens und Ozeaniens damit legitimierten, dass sie dazu berufen seien, den "Primitiven" die Segnungen einer "fortschrittlichen" Zivilisation zu bringen. Dennoch ist der Imperialismus kein Kind des Fortschrittsgedankens, sondern das notwendige Produkt der kapitalistischen Wirtschaftsentwicklung. Einmal mehr zeigt sich hier, dass Samatars Gedankengängen ein extrem idealistisches Geschichtsverständnis zugrundeliegt. Statt die realen ökonomischen Triebkräfte des Kolonialismus zu attackieren, beschäftigt sie sich ausschließlich mit dessen historisch bedingter ideologischer Ummäntelung.

Wenn die postmoderne "Linke" den Fortschrittsgedanken über Bord geworfen hat, so ist dies im Grunde nur ein Ausdruck dessen, was Jean-François Lyotard als "das Ende der großen Erzählungen" bezeichnet hat. Und die "Erzählung", um die es dem Guru des Postmodernismus dabei vor allem gegangen war, war der Marxismus gewesen.
Betrachtet man sich die historischen Rahmenbedingungen, unter denen sich diese Philosophie entwickelt hat, so fällt es nicht schwer, ihren sozialen Inhalt zu ergünden. Der Postmodernismus entfaltete sich in Reaktion auf das Scheitern der revolutionären Bestrebungen der 60er und frühen 70er Jahre. Er war in vielem Ausdruck eines Gefühls der Niedergeschlagenheit und Machtlosigkeit in den Reihen der radikalen Intelligenzija. Doch war das nur die eine Seite der Medaille. Den ehrlichen und tief empfundenen Pessimismus eines Arthur Schopenhauer etwa findet man nicht in dieser Philosophie. Vielmehr enthält sie unverkennbar ein Gefühl des "Befreitseins". Und wovon "befreit" fühlten sich viele der "linken" Intellektuellen der späten 70er und der 80er Jahre? Ganz einfach – von der selbstauferlegten Verpflichtung, sich mit der Masse der arbeitenden Bevölkerung zu solidarisieren und gegen den Kapitalismus zu kämpfen. {Das galt in besonders hohem Maße für Frankreich, das eigentliche Geburtsland des Postmodernismus.}
Das "Ende der großen Erzählungen" bedeutete das Ende jeden Versuches, die Gesellschaft in ihrer Totalität zu verstehen; die Auflösung der "Wahrheit" in unzählige subjektive "Narrationen" und "Diskurse"; und damit auch das Ende jedes Bemühens, die existierende Ordnung in ihrer Gesamtheit zu bekämpfen und zu überwinden. Die Vorstellung, die Menschheit sei in der Lage, eine von Ausbeutung und Unterdrückung freie, auf sozialer Gleichheit und Solidarität basierende Gesellschaft zu errichten, wurde zu einem Ausdruck des nun endlich überwundenen irrigen "Fortschrittsglaubens" erklärt und ad acta gelegt.
Im Kern ist der Postmodernismus und die aus ihm erwachsene Philosophie der Identitätspolitik eine Strategie der "radikalen" Mittelklasseintelektuellen, sich mit dem herrschenden System auszusöhnen und zugleich für sich Nischen im akademischen und kulturellen Betrieb zu schaffen, in denen es sich recht angenehm leben lässt, wobei man zugleich auch noch das moralisch erhebende Gefühl genießen kann, Fürsprecher unterdrückter und marginalisierter Gruppen zu sein.

Damit will ich keineswegs gesagt haben, dass es sich bei den Anhängern der Identitätspolitik ausnahmslos {oder auch nur in ihrer Mehrheit} um egoistische Heuchler handeln würde, denen es in Wahrheit nur um ihre materiellen Privilegien ginge. Das Verführerische an dieser politischen Philosophie ist es ja gerade, dass sie die idealistischen Bestrebungen von Menschen anzusprechen vermag, die ernsthaft wünschen, gegen die Ungerechtigkeiten der herrschenden gesellschaftlichen Ordnung vorzugehen.
So bin ich überzeugt davon, dass Sofia Samatar von einem ehrlichen Abscheu vor dem Kolonialismus und seinen kulturellen Ausdrucksformen beseelt ist. Das Problem ist, dass ihre Weltanschauung einer realen Überwindung des Imperialismus im Wege steht. Denn selbiger ist nicht Teil einer vergangenen Epoche (der "Moderne"), sondern eine aktuelle Realität. Er basiert nicht auf irgendwelchen Ideen (dem "westlichen Fortschrittsgedanken"), sondern auf materiellen Grundlagen. Er besteht in erster Linie nicht aus kulturellen Phänomenen, sondern aus ökonomischen Ausbeutungs- und politischen Abhängigkeitsverhältnissen. Um ihn zu überwinden, müsste der Kapitalismus überwunden werden. Und dies wäre nur auf der von der industriellen Entwicklung der letzten Jahrhunderte gelegten Basis möglich. 
Samatars Überzeugungen verweisen jedoch in die genau entgegengesetzte Richtung. Ihre Aversion gegen den "Triumph der großen Maschine" führt sie beinah zwangsläufig zu einer Idealisierung vormoderner Gesellschaftsformen.  Sie schreibt über den Inhalt von Virtuoso:
Jnembi Osse's job is making guns. She subverts the system by making something else: a printing press.
Steampunk expands, becomes "diverse," but what sort of diversity is this? Guns and writing.
Die Erfindung von Gewehr und Druckerpresse stellte einen objektiven Fortschritt in der Entwicklung der Menschheitskultur dar, unabhängig davon, wo sie zum ersten Mal gemacht wurde. Samatar kann dies nicht so sehen, da ja bereits die Idee "Fortschritt" für sie ein "westliches" Konstrukt ist. Wenn eine Steampunk-Geschichte die Erfindung dieser Kulturgüter nach Afrika verlegt, ist das für sie darum nichts anderes als "colonial mimicry".**** Echte "Diversität" würde für sie offenbar voraussetzen, dass wir den bloßen Gedanken, Technik sei etwas positives, verwerfen. Im Umkehrschluss fordert sie uns auf, die "ökologischen" und unspezifizierten "anderen" Vorzüge vormoderner schwarzafrikanischer Gesellschaften mit ihrer geringen Bevölkerungsdichte {und ihrer extrem primitiven Technologie} schätzen zu lernen.*****

Doch es ist nicht allein diese Technikfeindlichkeit und die postmoderne Diffamierung des Fortschrittsbegriffs, die Sofia Samatars Artikel für mich so problematisch machen. Hinzu kommt der anti-universalistische Geist; das für Anhängerinnen der Identitätspolitik so typische Beharren auf äußerst dubiosen Vorstellungen von kultureller "Reinheit" und "Authentizität"; das Einteilen von Ideen, Techniken und Kulturgütern nach "westlich" und "nicht-westlich" {in diesem Falle "afrikanisch"}; das Zementieren von Grenzen statt dem Niederreißen von Grenzen. Ich kann in diesem Bestreben, die Menschheit in festgefügte, einander entgegengesetzte Gruppen aufzuteilen, nichts wirklich positives erkennen. Was wir heute brauchen ist genau das Gegenteil: Eine globale, internationalistische Perspektive.
  


* Vgl. vor allem: The Sand Diviner, Writing a Qasida in English & Obsessed with the Kharja Controversy.
 ** "She has drunk ouzo and water. She has planted a bomb in a public garden. She has bathed nude in the Arno. She has marched and shouted. She has been jailed."
*** Als Einführung in dieses äußerst spannende Kapitel der Geschichte möchte ich am Rande aber doch C.L.R. James' Klassiker The Black Jacobins empfehlen.
**** Weder Schießpulver noch Buchdruck sind "westliche" Erfindungen, aber das tut hier nichts zur Sache. Erstaunlich finde ich allerdings, dass Samatars Formulierung den Eindruck erweckt, sie halte auch die Schrift für "unafrikanisch". Dabei existierten im vorkolonialen Afrika sehr wohl eine Reihe von Schriftkulturen. 
***** Nicht, dass es im vorkolonialen Schwarzafrika keine anderen Gesellschaftsformen gegeben hätte. Doch diese sind Samatar aufgrund ihrer hierarchischen, staatlich-zentralisierten Herrschaftsstrukturen offenbar bereits irgendwie suspekt.

Samstag, 15. März 2014

"Star Wars" - Bullshit - News der besonderen Art

Ein Artikel über Star Wars VII, der mit den Worten beginnt "Sources say ...". {Welche Quellen genau steht da natürlich nicht.} – Eigentlich Grund genug, gar nicht erst weiterzulesen. 

Gibt es derzeit irgendetwas Anödenderes in den phantastisch-geekig-cineastischen Gefilden des Netzes als irgendwelche Bullshit-News über JJ Abrams' kommenden Beitrag zum Universum der Sternenkrieger? Wer nimmt all diesen Blödsinn über "Insider-Informationen", angebliche Casting-Listen und ähnlichen Scheiß eigentlich noch ernst? Wozu werden diese nichtssagenden und peinlichen Beispiele von angeblichem "Netz-Journalismus" runtergetippt? Ist das irgendeine postmoderne Form von Humor, die ich nicht kapiere, weil ich dafür inzwischen zu alt bin? Oder ist das Fandom tatsächlich ein hirnloser Mob, der begeistert alles verschlingt, was mit dem Label seines Lieblingsfranchises versehen wurde? Ich möchte das eigentlich lieber nicht glauben ...

Wie dem auch sei, diesen Artikel des Hollywood Reporter finde ich trotzdem ganz interessant. Zwar ist mir im Grunde völlig egal, wer in Star Wars VII zuguterletzt tatsächlich mitwirken wird, aber das Gerücht, Lupita Nyongo'o könne die Rolle einer Nachfahrin von Obi-Wan Kenobi übernehmen, finde ich aus völlig anderen Gründen dennoch recht faszinierend.
Schon lange vor den kürzlich zelebrierten Oscar-Verleihungen hatte die offiziöse Kritikergemeinde 12 Years a Slave zu einem modernen "Klassiker" erklärt. Meine Ansicht über Steve McQueens Film ist zwar eine sehr viel weniger positive, doch das tut hier nichts zur Sache. Was Nyongo'o angeht, bedeutete dies jedenfalls, dass sie in Hollywood zu einer äußerst gefragten Schauspielerin geworden war. So gesehen wäre es nicht gar so erstaunlich, wenn sich Abrams um ihre Mitarbeit an Star Wars VII bemühen würde. Doch fällt es mir schwer, den Verdacht loszuwerden, dass dem Projekt damit auch ein "progressiveres" Antlitz verliehen werden soll. Ist 12 Years a Slave doch vor allem in liberalen, dem offiziellen "Antirassismus" huldigenden Kreisen besonders gut angekommen. Aber würde Lupita Nyongo'o in einer Hauptrolle Star Wars VII tatsächlich zu einer "demokratischeren" Geschichte machen?
Kurz gesagt: Nein! Sicher wäre es erfreulich, wenn wir in kommenden Star Wars - Flicks mehr farbige Protagonisten und weniger rassistische Stereotypen als in George Lucas'  Filmen zu sehen bekommen würden. Aber leider liegt dem ganzen Star Wars - Universum nun einmal ein gänzlich undemokratisches Konzept zu Grunde. Die Jedi sind waschechte Aristokraten mit allem was dazu gehört. Sie stammen aus besonders bevorzugten Blutlinien und verfügen über Kräfte, von denen der simple Pöbel bloß träumen kann. Sie sind eine Kreuzung aus Weltraum-Samurais, Zen-Mönchen und X-Men. Ihre bloße Existenz macht es unmöglich, Star Wars zu einer Geschichte mit "egalitären" Werten umzuschreiben. Und dabei ist es völlig egal, welche Hautfarbe diese von "der Macht" auserwählten Aristos haben. Nur blinde Jünger & Jüngerinnen der modischen Identitätspolitik könnten glauben, dass die positive Darstellung eines hierarchischen Systems dadurch akzeptabler würde, dass wir in den führenden Rängen ein paar mehr Schwarze und Frauen zu sehen bekommen. Mit wirklich demokratischen Idealen hat das nichts, aber auch gar nichts gemein.

Ich kann bloß noch einmal wiederholen, Star Wars hätte mit Return of the Jedi enden sollen!