- The Twilight Zone Podcast: The Hunt
- The Nasty Pasty Podcast: Theatrical Slashers
- SFFaudio Podcast: The Lathe of Heaven by Ursula K. Le Guin
- Hypnobobs - Microgoria 58: Scouts Guide to the Zombie Apocalypse
- NUTS4R2 bespricht Mission Impossible - Fallout * The Mismade Girl * Ant-Man and the Wasp * In Darkness
- Movies Silently: The Mayor of Casterbridge (1921) - A Silent Film Review von Fritzi Kramer
- Movies Silently: Theme Month! August 2018: 100 Years Ago… The Films of 1918
- Movies Silently: Cooking with the (Silent) Stars: Yola d’Avril’s French Dressing
- Movies Silently: Silent Movie Stars’ Smiles are Horrifying
- Cinetropolis: An Interview With Stanley Kubrick (1969) From “The Film Director As Superstar”
- Cinetropolis: The Empire Strikes Back Character Publicity Phone Messages
- Unexpectedly restrained: Matteo Garrone’s Dogman von Emanuele Saccarelli
- Overland: Mary Shelley: on body horror and biopics von Alexandra Heller-Nicholas
- Diabolique Magazine: Death and Art: A Conversation with Jörg Buttgereit
- Diabolique Magazine: Just One More Thing: The Rambling Lieutenant Columbo von James Evans
- Cinema Europa: Formula for a Murder (1985) by Alberto Di Martino & Erotic Nights of the Living Dead (1980) by Joe D’Amato
- FragmentAnsichten: [Liste] Internationale, nicht-englischsprachige Phantastik in deutschsprachiger Übersetzung & Juliansichten 2018 von Alessandra Reß
- Moyas Buchgewimmel: Liest du Bücher mit lesbischen Charakteren?
- A Year in the Country: James Herriot, Robert Macfarlane and Parallel Spaces/Methods for Escape and Repose
- Black Gate: Into the Night: She Is the Darkness by Glen Cook Part 2 von Fletcher Vredenburgh
- A (Black) Gat in the Hand: Black Mask – May, 1934 von Bob Byrne
- Clarkesworld Magazine: Augmentations, Assassins, and Soundtracks: A Conversation with Emily Devenport
- Lightspeed Magazine: Interview: JY Yang
- A Year in the Country: Folkloric Photography – A Lineage of Wanderings, Documentings and Imaginings
- Folklore on Friday: Moon Lore von Jim Moon
- The 'Orrible 'Ouse of Terrible Old Tat: Bags of Horror!
- Kickstarter: Cathulhu - Tails of Valor and Terror
Seiten
"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."
Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."
Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten
Sonntag, 5. August 2018
Strandgut der Woche
Samstag, 4. August 2018
Madam, will you walk, will you talk with me?
Richter George Jeffreys (1645-89), der "Hanging Judge", verdiente sich seinen finsteren Ruf als besonders rücksichtsloser und grausamer Verteidiger des Restaurationsregimes von Charles II. und James II., der eine führende Rolle bei der blutigen Unterdrückung der letzten Anhänger des "Good Old Cause" der Revolution spielte. Als Lord Chief Justice hatte er den Vorsitz sowohl 1683 bei dem Hochverratsprozess gegen den Republikaner Algernon Sidney, als auch 1685 bei den berüchtigten "Bloody Assizes" inne, in deren Verlauf Hunderte von Anhängern der gescheiterten Monmouth-Rebellion im Eilverfahren abgeurteilt wurden. Der König dankte es ihm, indem er ihn zum Lord Chancellor erhob. Beim einfachen Volk hingegen erwarb Jeffreys sich damit unsterblichen Hass, was er nach dem Staatsstreich von 1688 (der sog. "Glorious Revolution") deutlich zu spüren bekommen sollte. Sein Leben endete im Tower.
Wenn man erfährt, dass Judge Jeffreys eine prominente Rolle in einer der unheimlichen Geschichten spielt, die M.R. James 1911 in More Ghost Stories of an Antiquary herausgab, wird man vielleicht spontan annehmen, die blutige Reputation des Richters werde als Aufhänger für die Story benutzt. Überraschenderweise ist dem jedoch nicht der Fall. Ehrlich gesagt, hinterlässt der "Hanging Judge" hier gar keinen so unsympathischen Eindruck. Doch das ist nur einer der Gründe, warum ich Martin's Close so interessant finde.
Da wäre zuerst einmal das Format der Geschichte.
Die Eröffnungssequenz ist relativ typisch gehalten: Während einer Reise durch den Westen Englands stößt der Erzähler, in dem wir unschwer M.R. James selbst erkennen können, in einer ungenannten ländlichen Gemeinde auf eine kuriose kleine Gemarkung -- "a very few square yards, hedged in with quickset on all sides, and without any gate or gap leading into it" --, die von den Einheimischen "Martin's Close" genannt wird. Angeblich soll sich dort das Grab eines Mannes befinden, der nahebei im 17. Jahrhundert gehängt wurde. Von Alters her ranken sich um den Ort Geschichten von einer Geistererscheinung, doch die Details sind keinem der heute noch Lebenden mehr bekannt. Auch nach seiner Rückkehr in die heimatliche "neighbourhood of libraries" (Cambridge) gelingt es dem Erzähler voerst nicht, genaueres über das Schicksal des damals hingerichteten George Martin Esquire herauszufinden. Doch Jahre später gelangt zufällig das Protokoll der Gerichtsverhandlung in seinen Besitz. Der Hauptteil von Martin's Close besteht aus der gekürzten Wiedergabe dieses Protokolls, von der Verlesung der Anklageschrift bis zur Verkündung des Urteils durch Judge Jeffreys.
M.R. James war ein begeisterter Leser solch alter Gerichtsprotokolle, geben sie doch nicht nur einen Einblick in das Leben und Denken vergangener Generationen, sondern auch in die authentische Sprache des "einfachen Volkes" jener Zeiten, der wir in offiziellen Dokumenten und Chroniken nicht begegnen. Man kann sich gut vorstellen, wieviel Spaß es ihm gemacht haben muss, den Stil dieser Protokolle nachzuahmen. Ähnliche literarische Unternehmungen hatte er schon in jungen Jahren unternommen. Auf jedenfall erhält Martin's Close damit eine sehr eigene Form, besteht der Großteil der Erzählung doch aus dem Wortwechsel zwischen Richter, Ankläger und Zeugen.
Die Datierung der Verhandlung hat mir zuerst etwas Probleme bereitet. In der Anklageschrift heißt es, der Mord sei " upon the 15th day of May, in the 36th year of our sovereign lord King Charles the Second" begangen worden, und etwas später spricht der Ankläger von "Christmas of last year, that is the year 1683". Wie kann 1684 das sechsunddreißígste Jahr der Herrschaft Charles II. sein, wenn die Monarchie doch überhaupt erst 1660 wieder aufgerichtet wurde? Die Antwort ist denkbar simpel: Sein Vater Charles I. war 1649 hingerichtet worden, und nach der Restauration zählte man dies offenbar ganz einfach als das erste Regierungsjahr des neuen Königs, obwohl England für die nächsten elf Jahre in Wirklichkeit ein republikanischer Commonwealth gewesen war.
Man könnte meinen, solche antiquarischen Details seien ja nun wirklich nebensächlich, aber zumindest für mich tragen sie viel zum Charme von M.R. James bei. Sie verleihen seinen Geschichten eine Aura von Authentizität.
Der Angeklagte George Martin ist von Exeter nach London gebracht worden, da ein fairer Prozess mit unparteiischen Geschworenen in seiner Heimatgrafschaft nicht hätte durchgeführt werden können. Grund dafür ist Martins soziale Stellung als Mitglied der landbesitzenden Gentry.
Anfangs noch häufiger von dem ungeduldigen Judge Jefrreys unterbrochen, beginnt der Anklänger den Fall in aller nötigen Weitschweifigkeit darzulegen. Zu Beginn charakterisiert er das Mordopfers Ann Clark. "A poor country girl", aber mit durchaus respektablen und liebevollen Eltern, "[she] was one to whom Providence had not given the full use of her intellects, but was what is termed among us commonly an innocent or natural". Martin trifft sie zufällig bei einem abendlichen Tanzvergnügen in ihrem Heimatdorf, an dem Ann freilich nur als stumme Zuschauerin teilnimmt. Er macht sich einen Spaß daraus, die junge Frau zum Tanz aufzufordern, obwohl die Dorfbewohner ihn davon abhalten wollen. Ann realisiert nicht, dass sie eigentlich das Opfer eines ziemlich grausamen Scherzes geworden ist, sondern ist vielmehr "greatly tickled with having got hold (as she conceived it) of so likely a sweetheart". Zumal Martin in den folgenden Wochen immer wieder in das Dorf kommt und sich mit ihr trifft. Dabei dient die Melodie des Liedes, zu dem sie getanzt haben -- Madam will you walk, will you talk with me? -- als Erkennungszeichen zwischen den beiden. Die Situation ändert sich dramatisch, als Martin eine Heirat mit einer wohlhabenden Tochter seiner eigenen sozialen Kreise in Aussicht gestellt wird. Von nun an ist ihm die anhängliche Ann bloß noch lästig. Er schlägt sie sogar auf offener Straße mit seiner Reitpeitsche. Doch zu spät: Als die unziemliche "Affäre" in den Kreisen der Gentry bekannt wird, wird die bevorstehende Verlobung abgesagt. Einige Zeit später, genauer gesagt am 15. Mai, wird ein erneutes Treffen zwischen Martin und Ann Clark beobachtet: "Upon that day the prisoner comes riding through the village, as of custom, and met with the young woman: but in place of passing her by, as he had lately done, he stopped, and said some words to her with which she appeared wonderfully pleased, and so left her; and after that day she was nowhere to be found, notwithstanding a strict search was made for her."
An diesem Punkt setzt das übernatürliche Moment der Geschichte ein. Denn die ermordete und in einen Brunnen geworfene Ann Clark kehrt aus ihrem feuchten Grab zurück, um ihren Mörder zu verfolgen. Doch trotz einiger atmosphärisch recht gelungener Szenen, wird es dabei nie so richtig unheimlich, denn die Struktur der Erzählung schafft eine gar zu große Distanz zwischen dem Leser und dem gruseligen Geschehen. Wir hören von den Geistererscheinungen in den Zeugenaussagen eines Prozesses, dessen Protokoll der eigentliche Erzähler der Geschichte gefunden hat. Damit sind wir als Leserinnen & Leser zwei, wenn nicht gar drei "Schritte" weit von den Ereignissen entfernt.
Ein Detail möchte ich aber doch hervorheben: Ann Clarks "Geist" ist nicht so immateriell, wie man es von Vertretern dieser phantastischen Gattung vielleicht gewohnt ist. Die Indizien weisen eher auf eine Art Wandelnden Leichnam hin. Und das ist durchaus typisch für M.R. James, besitzen dessen "Gespenster" doch sehr oft eine beunruhigend körperliche, haptische Qualität.
Doch das unheimliche Element ist für mich nicht die wirkliche Stärke von Martin's Close.
Da wäre zuerst einmal die Lebendigkeit der protokollierten Wortwechsel.
Wir bekommen einen recht guten Eindruck von Judge Jeffreys Persönlichkeit. Zwar wirkt er weniger sadistisch, als sein Ruf ihn erscheinen lässt, aber er ist ohne Zweifel ein reichlich autoritärer Bursche mit einem Hang zur Einschüchterung. Als ein kleiner Junge als Zeuge aussagen soll, versucht der Ankläger ihn zu beruhigen -- "Now, child, don’t be frighted: there is no one here will hurt you if you speak the truth." --, doch Jeffreys hält nichts von solchen Nettigkeiten: "Ay, if he speak the truth. But remember, child, thou art in the presence of the great God of heaven and earth, that hath the keys of hell, and of us that are the king’s officers, and have the keys of Newgate; and remember, too, there is a man’s life in question; and if thou tellest a lie, and by that means he comes to an ill end, thou art no better than his murderer; and so speak the truth." Jeffreys' Zynismus und seine {historische verbriefte} Vorliebe für schwarzen Humor sind gleichfalls deutlich erkennbar. Als zum ersten Mal von der Tanzmelodie die Rede ist, gibt er folgenden Kommentar ab: "I doubt it is the first time we have had dance-tunes in this court. The most part of the dancing we give occasion for is done at Tyburn. [Looking at the prisoner, who appeared very much disordered.]" Tyburn war Londons Galgenstätte. Hinzu kommen einige neckische Momente, wenn Jeffreys Schwierigkeiten damit hat, den ländlichen Dialekt der Zeugen zu verstehen. Schließlich wird sogar ein "Übersetzer" zur Hilfe gerufen.
Der zweite Punkt ist der Charakter des Verbrechens. Anders als in den meisten Geschichten von M.R. James sind die übernatürlichen Ereignisse in Martin's Close eine Form der Strafe für den Missbrauch an einem Schwächeren. George Martin ist gleich in dreifacher Hinsicht Ann Clark gegenüber privilegiert: Er ist ein Mitglied der Gentry; er ist ein Mann; und sie ist offenbar in irgendeiner Form geistig behindert.
Wie Tina Rath in einem in Ghosts and Scholars erschienenen Artikel recht überzeugend darlegt, knüpft die Geschichte an ein verbreitetes folkloristisches Motiv an: Ein Edelmann verführt ein Bauernmächen und ermordet diese, nachdem sie schwanger geworden ist. Zur Untermauerung ihrer These zitiert sie Verse aus zwei Volksliedern, die in der Tat eine Menge Parallelen zur Handlung von Montys Story aufweisen:
"Ann Clark suffers the fate of "fair Susan":
With seeming kindness in his face which made poor Susan gay
He did appoint a lonely place to meet with her next day
The hour arriv'd, she hasten'd there to the appointment true
Where the deceitful murderer the lovely damsel slew.
When she beheld his deadly knife she rais'd her lovely face
Crying, Oh! spare, Oh! spare my life and leave me to disgrace
Have pity on your unborn babe tho' you have none for me;
Alas! a dark untimely grave my bridal bed will be.
And of the "Oxford Girl":
He pulled a dagger from his coat and laid her down to the ground
And there the blood came trickling a trickling from the wound
He grabbed her by her curly locks and he dragged her to the stream
There he bides a-thinking when at last he throws her in."
Freilich deutet Martin's Close nirgends offen an, dass Ann Clark schwanger geworden wäre. Wir können nicht einmal sicher sein, dass es eine sexuelle Beziehung zwischen ihr und Martin gegeben hat. Vielmehr betonen die Zeugen immer wieder ausdrücklich, wie wenig attraktiv das junge Mädchen gewesen sei.
Und doch scheint mir Tina Raths Argumentation sehr überzeugend zu sein: Wir wissen, dass sich die beiden immer wieder nicht nur im Dorf, sondern auch auf dem Moor getroffen haben. Ich kann mir schwerlich einen anderen Grund für diese Treffen denken, als dass Martin die naive Vernarrtheit Anns sexuell ausgenutzt hat. Und was die Schwangerschaft betrifft: Es ist in der Tat auffällig, dass der Mord keine impulsive Reaktion auf die Auflösung der standesgemäßen Verlobung ist, wie der öffentliche Peitschenschlag, sondern offenbar sehr kaltblütig geplant wurde. Eine Martin erst kurz zuvor bekannt gewordene Schwangerschaft Anns wäre für dieses Verhalten eine ausgezeichnete Erklärung.
Doch wie auch immer man über die Details des Falles denken mag, man wird ein zustimmendes Kopfnicken und Grinsen kaum unterdrücken können, wenn Judge Jeffreys den von panischer Angst vor der untoten Ann Clark erfüllten Martin mit folgenden Worten zum Galgen schickt: "And I hope to God, that she will be with you by day and by night till an end is made of you."
PS: Gäbe es Will Ross & Mike Taylors grandiosen A Podcast to the Curious nicht, würde auch dieser Blogpost nicht existieren.
PPS: Niemand anderes als der unvergleichliche Jess Franco hat einen Film über George Jeffreys gedreht. Mit Christopher Lee in der Hauptrolle! Ich denke, ich werde mir schon allein aus Bildungsgründen morgen The Bloody Judge (1970) anschauen müssen.
Wenn man erfährt, dass Judge Jeffreys eine prominente Rolle in einer der unheimlichen Geschichten spielt, die M.R. James 1911 in More Ghost Stories of an Antiquary herausgab, wird man vielleicht spontan annehmen, die blutige Reputation des Richters werde als Aufhänger für die Story benutzt. Überraschenderweise ist dem jedoch nicht der Fall. Ehrlich gesagt, hinterlässt der "Hanging Judge" hier gar keinen so unsympathischen Eindruck. Doch das ist nur einer der Gründe, warum ich Martin's Close so interessant finde.
Da wäre zuerst einmal das Format der Geschichte.
Die Eröffnungssequenz ist relativ typisch gehalten: Während einer Reise durch den Westen Englands stößt der Erzähler, in dem wir unschwer M.R. James selbst erkennen können, in einer ungenannten ländlichen Gemeinde auf eine kuriose kleine Gemarkung -- "a very few square yards, hedged in with quickset on all sides, and without any gate or gap leading into it" --, die von den Einheimischen "Martin's Close" genannt wird. Angeblich soll sich dort das Grab eines Mannes befinden, der nahebei im 17. Jahrhundert gehängt wurde. Von Alters her ranken sich um den Ort Geschichten von einer Geistererscheinung, doch die Details sind keinem der heute noch Lebenden mehr bekannt. Auch nach seiner Rückkehr in die heimatliche "neighbourhood of libraries" (Cambridge) gelingt es dem Erzähler voerst nicht, genaueres über das Schicksal des damals hingerichteten George Martin Esquire herauszufinden. Doch Jahre später gelangt zufällig das Protokoll der Gerichtsverhandlung in seinen Besitz. Der Hauptteil von Martin's Close besteht aus der gekürzten Wiedergabe dieses Protokolls, von der Verlesung der Anklageschrift bis zur Verkündung des Urteils durch Judge Jeffreys.
M.R. James war ein begeisterter Leser solch alter Gerichtsprotokolle, geben sie doch nicht nur einen Einblick in das Leben und Denken vergangener Generationen, sondern auch in die authentische Sprache des "einfachen Volkes" jener Zeiten, der wir in offiziellen Dokumenten und Chroniken nicht begegnen. Man kann sich gut vorstellen, wieviel Spaß es ihm gemacht haben muss, den Stil dieser Protokolle nachzuahmen. Ähnliche literarische Unternehmungen hatte er schon in jungen Jahren unternommen. Auf jedenfall erhält Martin's Close damit eine sehr eigene Form, besteht der Großteil der Erzählung doch aus dem Wortwechsel zwischen Richter, Ankläger und Zeugen.
Die Datierung der Verhandlung hat mir zuerst etwas Probleme bereitet. In der Anklageschrift heißt es, der Mord sei " upon the 15th day of May, in the 36th year of our sovereign lord King Charles the Second" begangen worden, und etwas später spricht der Ankläger von "Christmas of last year, that is the year 1683". Wie kann 1684 das sechsunddreißígste Jahr der Herrschaft Charles II. sein, wenn die Monarchie doch überhaupt erst 1660 wieder aufgerichtet wurde? Die Antwort ist denkbar simpel: Sein Vater Charles I. war 1649 hingerichtet worden, und nach der Restauration zählte man dies offenbar ganz einfach als das erste Regierungsjahr des neuen Königs, obwohl England für die nächsten elf Jahre in Wirklichkeit ein republikanischer Commonwealth gewesen war.
Man könnte meinen, solche antiquarischen Details seien ja nun wirklich nebensächlich, aber zumindest für mich tragen sie viel zum Charme von M.R. James bei. Sie verleihen seinen Geschichten eine Aura von Authentizität.
Der Angeklagte George Martin ist von Exeter nach London gebracht worden, da ein fairer Prozess mit unparteiischen Geschworenen in seiner Heimatgrafschaft nicht hätte durchgeführt werden können. Grund dafür ist Martins soziale Stellung als Mitglied der landbesitzenden Gentry.
Anfangs noch häufiger von dem ungeduldigen Judge Jefrreys unterbrochen, beginnt der Anklänger den Fall in aller nötigen Weitschweifigkeit darzulegen. Zu Beginn charakterisiert er das Mordopfers Ann Clark. "A poor country girl", aber mit durchaus respektablen und liebevollen Eltern, "[she] was one to whom Providence had not given the full use of her intellects, but was what is termed among us commonly an innocent or natural". Martin trifft sie zufällig bei einem abendlichen Tanzvergnügen in ihrem Heimatdorf, an dem Ann freilich nur als stumme Zuschauerin teilnimmt. Er macht sich einen Spaß daraus, die junge Frau zum Tanz aufzufordern, obwohl die Dorfbewohner ihn davon abhalten wollen. Ann realisiert nicht, dass sie eigentlich das Opfer eines ziemlich grausamen Scherzes geworden ist, sondern ist vielmehr "greatly tickled with having got hold (as she conceived it) of so likely a sweetheart". Zumal Martin in den folgenden Wochen immer wieder in das Dorf kommt und sich mit ihr trifft. Dabei dient die Melodie des Liedes, zu dem sie getanzt haben -- Madam will you walk, will you talk with me? -- als Erkennungszeichen zwischen den beiden. Die Situation ändert sich dramatisch, als Martin eine Heirat mit einer wohlhabenden Tochter seiner eigenen sozialen Kreise in Aussicht gestellt wird. Von nun an ist ihm die anhängliche Ann bloß noch lästig. Er schlägt sie sogar auf offener Straße mit seiner Reitpeitsche. Doch zu spät: Als die unziemliche "Affäre" in den Kreisen der Gentry bekannt wird, wird die bevorstehende Verlobung abgesagt. Einige Zeit später, genauer gesagt am 15. Mai, wird ein erneutes Treffen zwischen Martin und Ann Clark beobachtet: "Upon that day the prisoner comes riding through the village, as of custom, and met with the young woman: but in place of passing her by, as he had lately done, he stopped, and said some words to her with which she appeared wonderfully pleased, and so left her; and after that day she was nowhere to be found, notwithstanding a strict search was made for her."
An diesem Punkt setzt das übernatürliche Moment der Geschichte ein. Denn die ermordete und in einen Brunnen geworfene Ann Clark kehrt aus ihrem feuchten Grab zurück, um ihren Mörder zu verfolgen. Doch trotz einiger atmosphärisch recht gelungener Szenen, wird es dabei nie so richtig unheimlich, denn die Struktur der Erzählung schafft eine gar zu große Distanz zwischen dem Leser und dem gruseligen Geschehen. Wir hören von den Geistererscheinungen in den Zeugenaussagen eines Prozesses, dessen Protokoll der eigentliche Erzähler der Geschichte gefunden hat. Damit sind wir als Leserinnen & Leser zwei, wenn nicht gar drei "Schritte" weit von den Ereignissen entfernt.
Ein Detail möchte ich aber doch hervorheben: Ann Clarks "Geist" ist nicht so immateriell, wie man es von Vertretern dieser phantastischen Gattung vielleicht gewohnt ist. Die Indizien weisen eher auf eine Art Wandelnden Leichnam hin. Und das ist durchaus typisch für M.R. James, besitzen dessen "Gespenster" doch sehr oft eine beunruhigend körperliche, haptische Qualität.
Doch das unheimliche Element ist für mich nicht die wirkliche Stärke von Martin's Close.
Da wäre zuerst einmal die Lebendigkeit der protokollierten Wortwechsel.
Wir bekommen einen recht guten Eindruck von Judge Jeffreys Persönlichkeit. Zwar wirkt er weniger sadistisch, als sein Ruf ihn erscheinen lässt, aber er ist ohne Zweifel ein reichlich autoritärer Bursche mit einem Hang zur Einschüchterung. Als ein kleiner Junge als Zeuge aussagen soll, versucht der Ankläger ihn zu beruhigen -- "Now, child, don’t be frighted: there is no one here will hurt you if you speak the truth." --, doch Jeffreys hält nichts von solchen Nettigkeiten: "Ay, if he speak the truth. But remember, child, thou art in the presence of the great God of heaven and earth, that hath the keys of hell, and of us that are the king’s officers, and have the keys of Newgate; and remember, too, there is a man’s life in question; and if thou tellest a lie, and by that means he comes to an ill end, thou art no better than his murderer; and so speak the truth." Jeffreys' Zynismus und seine {historische verbriefte} Vorliebe für schwarzen Humor sind gleichfalls deutlich erkennbar. Als zum ersten Mal von der Tanzmelodie die Rede ist, gibt er folgenden Kommentar ab: "I doubt it is the first time we have had dance-tunes in this court. The most part of the dancing we give occasion for is done at Tyburn. [Looking at the prisoner, who appeared very much disordered.]" Tyburn war Londons Galgenstätte. Hinzu kommen einige neckische Momente, wenn Jeffreys Schwierigkeiten damit hat, den ländlichen Dialekt der Zeugen zu verstehen. Schließlich wird sogar ein "Übersetzer" zur Hilfe gerufen.
Der zweite Punkt ist der Charakter des Verbrechens. Anders als in den meisten Geschichten von M.R. James sind die übernatürlichen Ereignisse in Martin's Close eine Form der Strafe für den Missbrauch an einem Schwächeren. George Martin ist gleich in dreifacher Hinsicht Ann Clark gegenüber privilegiert: Er ist ein Mitglied der Gentry; er ist ein Mann; und sie ist offenbar in irgendeiner Form geistig behindert.
Wie Tina Rath in einem in Ghosts and Scholars erschienenen Artikel recht überzeugend darlegt, knüpft die Geschichte an ein verbreitetes folkloristisches Motiv an: Ein Edelmann verführt ein Bauernmächen und ermordet diese, nachdem sie schwanger geworden ist. Zur Untermauerung ihrer These zitiert sie Verse aus zwei Volksliedern, die in der Tat eine Menge Parallelen zur Handlung von Montys Story aufweisen:
"Ann Clark suffers the fate of "fair Susan":
He did appoint a lonely place to meet with her next day
The hour arriv'd, she hasten'd there to the appointment true
Where the deceitful murderer the lovely damsel slew.
Crying, Oh! spare, Oh! spare my life and leave me to disgrace
Have pity on your unborn babe tho' you have none for me;
Alas! a dark untimely grave my bridal bed will be.
And of the "Oxford Girl":
And there the blood came trickling a trickling from the wound
There he bides a-thinking when at last he throws her in."
Freilich deutet Martin's Close nirgends offen an, dass Ann Clark schwanger geworden wäre. Wir können nicht einmal sicher sein, dass es eine sexuelle Beziehung zwischen ihr und Martin gegeben hat. Vielmehr betonen die Zeugen immer wieder ausdrücklich, wie wenig attraktiv das junge Mädchen gewesen sei.
Und doch scheint mir Tina Raths Argumentation sehr überzeugend zu sein: Wir wissen, dass sich die beiden immer wieder nicht nur im Dorf, sondern auch auf dem Moor getroffen haben. Ich kann mir schwerlich einen anderen Grund für diese Treffen denken, als dass Martin die naive Vernarrtheit Anns sexuell ausgenutzt hat. Und was die Schwangerschaft betrifft: Es ist in der Tat auffällig, dass der Mord keine impulsive Reaktion auf die Auflösung der standesgemäßen Verlobung ist, wie der öffentliche Peitschenschlag, sondern offenbar sehr kaltblütig geplant wurde. Eine Martin erst kurz zuvor bekannt gewordene Schwangerschaft Anns wäre für dieses Verhalten eine ausgezeichnete Erklärung.
Doch wie auch immer man über die Details des Falles denken mag, man wird ein zustimmendes Kopfnicken und Grinsen kaum unterdrücken können, wenn Judge Jeffreys den von panischer Angst vor der untoten Ann Clark erfüllten Martin mit folgenden Worten zum Galgen schickt: "And I hope to God, that she will be with you by day and by night till an end is made of you."
PS: Gäbe es Will Ross & Mike Taylors grandiosen A Podcast to the Curious nicht, würde auch dieser Blogpost nicht existieren.
PPS: Niemand anderes als der unvergleichliche Jess Franco hat einen Film über George Jeffreys gedreht. Mit Christopher Lee in der Hauptrolle! Ich denke, ich werde mir schon allein aus Bildungsgründen morgen The Bloody Judge (1970) anschauen müssen.
Sonntag, 29. Juli 2018
Neues von Mansfield Dark
In der Vergangenheit habe ich auf diesem Blog schon zweimal die Werbetrommel für die außergewöhnlichen phantastischen Kurzfilme des britischen Indie-Filmemacher-Paares Richard und Daniel Mansfield gerührt. Vor gut zweieinhalb Jahren habe ich hier ihre Adaptionen von Amelia B. Edwards The Phantom Coach und E. F. Bensons The Room in the Tower vorgestellt. Und vor etwas mehr als einem Jahr folgte hier ihre Version von M.R. James' Count Magnus.
Inzwischen haben die beiden zwei weitere ihrer Adaptionen klassischer Horrorgeschichten auf Youtube frei zugänglich gemacht:
undnach der Kurzgeschichte von M.R. James
The Upper Berth
nach der Erzählung von F. Marion Crawford
Beide sind in dem für Richard Mansfields phantastische Scherenschnittfilme typischen Stil gehalten, in The Upper Berth allerdings vermischt mit menschlichen Silhouetten.
Ich halte beide Filme für äußerst sehenswert, aber mein persönlicher Favorit ist ohne Frage die James-Adaption. In einem Interview mit John Guy Collick hat der Filmemacher erzählt:
I chose Disappearance as my second adaptation [neben Count Magnus] partly because it has always been one of my favourite MRJ tales and I felt I could see it working well as a shadow film. He writes the nightmare wonderfully and I wanted to be able to bring it to life.
Auch für mich hat diese Story immer einen besonderen Platz unter Montys Spukgeschichten besessen. Und Mansfields Visualisierung der Traumsequenz mit ihrer extrem makabren Version einer Punch & Judy - Show ist wirklich großartig und ziemlich verstörend.
Stilistisch etwas anders, aber nicht weniger faszinierend, istSpring Heeled Jane
eine Kooperation zwischen den Mansfields und der Londoner Geschichtenerzählerin Vanessa Woolf aus dem Jahre 2012. Die ursprüngliche Fassung der während des "Blitz" angesiedelten Story findet sich hier.
Das Repertoire von Richard & Daniels Produktionsfirma Mansfield Dark besteht aber nicht nur aus relativ kurzen Scherenschnittfilmen, sondern umfasst auch eine Reihe von längeren LGBT - und Horrorfilmen. Von diesen habe ich mir vor kurzem endlich wenigstens einen angeschaut:
Angesichts des Titels wird es kaum verwundern, zu erfahren, dass neben Herk Harveys legendärem Low Budget - Horrorflick Carnival of Souls (1962) Piers Haggards Folk Horror - Klassiker Blood on Satan's Claw (1971) zu Richard Mansfields absoluten Genrelieblingen zählt.
Allerdings hat der Film selbst, trotz des wundervollen Soundtracks von Cunning Folk, nicht wirklich etwas von Folk Horror an sich, sieht man einmal vom Setting {ländliches England} und einigen herumflatternden Krähen ab, die mich denn doch an die Eröffnungssequenz von Haggards Film erinnert haben. Ursprünglich sollte der Streifen scheinbar Scare Bear heißen, was dem Inhalt deutlich näher gekommen wäre.
Allerdings hat der Film selbst, trotz des wundervollen Soundtracks von Cunning Folk, nicht wirklich etwas von Folk Horror an sich, sieht man einmal vom Setting {ländliches England} und einigen herumflatternden Krähen ab, die mich denn doch an die Eröffnungssequenz von Haggards Film erinnert haben. Ursprünglich sollte der Streifen scheinbar Scare Bear heißen, was dem Inhalt deutlich näher gekommen wäre.
Damit will ich nichts über dessen Qualität ausgesagt haben, denn alles in allem ist Blood on Satan's Paw ein wirklich faszinierendes, eigenwilliges und berührendes Werk. Wer von einem Horrorfilm in erster Linie Jump Scares und Gore erwartet, wird zwar sicher enttäuscht werden, aber Freundinnen & Freunden einer leicht surrealen Weirdness kann ich den Streifen nur wärmstens ans Herz legen.
Wir befinden uns in den 70er Jahren. Der etwas wunderliche Tommy (Henry Regan) begibt sich mit einem Metalldetektor und einer Handkamera bewaffnet in einem Wald auf "Schatzsuche", dabei dokumentiert er sein Unternehmen mit Hilfe eines Kassettenrekorders.
Wie er selbst erklärt, hat er diese Örtlichkeit seit langem gemieden, und schon bald wird klar, dass Tommys Wanderung durch den Wald in Wirklichkeit eine Reise in die Vergangenheit des jungen Mannes ist, die {anfangs ungewollte} Konfrontation mit einem äußerst schmerzhaften Erlebnis aus seiner Kindheit -- dem Verschwinden seiner kleinen Schwester Grace.
Der Wald selbst erhält durch die allenthalben im Boden steckenden bunten Lollies, die Tommy offenbar nicht wahrnimmt, sofort einen unwirklichen Charakter. Einmal taucht in der Ferne auch schon erstmals eine bizarre Gestalt im Kaninchenkostüm auf. Die "Schätze", die Tommy ausgräbt, entpuppen sich allesamt als Gegenstände, die ihn an seine Kindheit und an Grace erinnern: Spielzeugroboter, ein Spielzeugtelefon und schließlich ein Teddybär. Spätestens als er im Rauschen des Windes Grace' Stimme zu hören vermeint, die den alten Nursery Rhyme Ringa Ring o' Roses vor sich hin singt {eine Anspielung auf Sapphire and Steel?}, ist er sich sicher, dass seine verschwundene {entführte? ermordete?} Schwester, Kontakt zu ihm aufnehmen will. Allerdings sieht sich Tommy sehr bald schon auch mit dem finsteren "Mr. Bones" konfrontiert -- Grace' Entführer und "Freund", der die Gestalt eines riesigen, alles andere als niedlichen Teddybären besitzt. Was folgt sind u.a. eine surreale "Drogenrauschszene", in der Tommy den "Acid Rabbits" begegnet; ein äußerst verstörendes Marionettenspiel in einem winzigen Puppenhäuschen und ein verdammt düsteres Finale.
Die Handlung von Blood on Satan's Paw lässt sich nicht auf simple Weise, Szene für Szene, aufschlüsseln. Doch ganz offenbar geht es in dem Film um Trauer, Schmerz, Verdrängung und das Gefühl von Schuld.
Was bleibt mir zu sagen? Ich kann allen Freundinnen & Freunden der Phantastik wirklich nur empfehlen, sich einmal ein paar Filme von Mansfield Dark anzuschauen. Die beiden haben ein weitaus größeres Publikum verdient, als sie bisher zu haben scheinen.
Strandgut der Woche
- Hypnobobs - Hypnogoria 95: Rituals Unlimited: The Novels of Adam Nevill Part II
- The Black Dog Podcast: Godzilla 1998
- SFFaudio Podcast: Kim by Rudyard Kipling
- The Nasty Pasty Podcast: Classic Monsters
- Lovecraft eZine Videocast: Mike Thorn
- Trekabout - Episode 308: Alice / Riddles
- Geek's Guide to the Galaxy: Emily Calandrelli
- The Great Derelict: Wibbly Wobbly Timey Wimey Stuff
- The Slumgullion - Episode 49: Areolas of the Undead!
- Hypnobobs - From the Great Library of Dreams 48: The Wailing Well by M.R. James
- NUTS4R2 bespricht The Endless * Green Lantern/Green Arrow * Searching
- Movies Silently: Ivanhoe (1913) - A Silent Film Review von Fritzi Kramer
- Movies Silently: Silent Movie People Say, “Curses! Foiled Again!”
- Medleyana: Fates Worse Than Death: Adventures of Captain Africa
- House of Freudstein: The Mystery Of The Elusive Auteur… The Case of the Scorpion's Tail Reviewed
- House of Freudstein: “There were never any problems with Edwige”… The Barbara Bouchet Interview.
- Charlie Brigden: The Fog * Martin * Reappraising The Music of Star Wars Episode I
- Cinetropolis: Scene Is Believing: The Wild Bunch
- A Year in the Country: Welcome to the Village Green Non-Preservation Society – The Avengers and Further Visitings of Villages as Anything but Idyll
- Boots Riley’s Sorry to Bother You: A “ladder-climber” in the corporate world von Matthew Brennan
- A new film version of Fahrenheit 451 von David Walsh
- Horrorliteratur: Alles was du über das Genre wissen musst Teil 1 & Teil 2 von Markus Mäurer
- Black Gate: Next Year in Khatovar: She Is the Darkness by Glen Cook Part 1 von Fletcher Vredenburgh
- Nightmare Magazine: Interview: Linda D. Addison
- Walk Beneath the Canopy of Eight Fictional Forests von Thoraiya Dyer
- Lloyd Alexander’s Chronicles of Prydain Tells a Fresh Story with Old Tropes von James A. Moore
- Folklore on Friday: Blood Moon Doom von Jim Moon
- Diabolique Magazine: Legacies of Sade: Libertine Black Metal and the Sadeian World of Carpathian Forest von Jerome Reuter
- The anniversary of Grenfell Tower: Some musical reappraisals von Paul Bond
Donnerstag, 26. Juli 2018
Weiden
After leaving Vienna, and long before you come to Budapest, the Danube
enters a region of singular loneliness and desolation, where its waters
spread away on all sides regardless of a main channel, and the country
becomes a swamp for miles upon miles, covered by a vast sea of low
willow-bushes.
Ich habe vor ein paar Tagen wieder einmal Algernon Blackwoods Novelle The Willows gelesen.
Nun kann ich zwar nicht von mir behaupten, mit dem literarischen Gesamtwerk des Autors aufs Innigste vertraut zu sein, und von den Erzählungen aus seiner Feder, die ich kenne, haben mich beileibe nicht alle vom Hocker gerissen. Aber The Willows bleibt für mich – auch und gerade nach meiner erneuten Lektüre – eines der unbestreitbaren Meisterwerke der Weird Fiction.
Wie ich vor Zeiten in einem Post, der hauptsächlich seiner Story Ancient Sorceries {der mit den Katzen!} gewidmet ist, etwas ausführlicher beschrieben habe, wuchs Blackwood (1869-1951) in einem geistig engen und stark vom Calvinismus geprägten Milieu auf. Mit sechzehn Jahren schickten ihn seine Eltern nach Königsfeld im Schwarzwald, wo er eine Zeit lang die Schule der Herrenhuter Brüdergemeine besuchte. Gegen diese kleingeistige Welt rebellierte er schließlich auf zwei recht unterschiedlichen Wegen: Der eine führte ihn hinaus in die Natur – zuerst in den Schwarzwald, später u.a. in die Alpen, das Tal der Donau und die wilden Wälder Kanadas. Der andere erschloss sich ihm in der religiösen Philosophie Indiens, der Weisheit der Upanischaden, der Bhagavad-Gita und der buddhistischen Sutren, die er freilich nicht unmittelbar, sondern vermittelt über die synkretistische Heilslehre der Theosophie kennenlernte. Beide Formen der inneren Revolte verschmolzen am Ende zu einer sehr eigenen Form von Pantheismus, in der die Natur und das Numinose zu einer Einheit geworden sind, die zugleich Ehrfurcht und Staunen, als auch Furcht und Schrecken hervorrufen kann.
The Willows ist eine der Erzählungen Algernon Blackwoods, in denen diese Weltanschauung einen äußerst beeindruckenden und verstörenden literarischen Ausdruck gefunden hat.
Eine Inhaltsangabe zu liefern, die auch nur andeutungsweise die besondere Atmosphäre von The Willows einzufangen vermag, erscheint mir unmöglich. Darum begnüge ich mich damit, das Szenario knapp zu skizzieren
Der Erzähler befindet sich zusammen mit seinem schwedischen Freund {beide bleiben namenlos} auf einer Kanu-Tour die Donau hinab – von der Quelle bis zur Mündung. {Ein Unternehmen, das Blackwood selbst einmal unternommen hatte, wenn ich mich recht erinnere.}
In seiner Schilderung ihrer bisherigen Reise erscheint der Fluss als ein lebendiges Wesen mit einer individuellen Persönlichkeit. Das ist natürlich bloß als poetisches Bild gedacht. Doch als die zwei Pressburg (Bratislava) hinter sich lassen und in die jenseits der Stadt gelegene menschenleere Au- und Sumpflandschaft vorstoßen, wird dieses Bild in gewisser Weise beunruhigende Wirklichkeit.
Die beiden beschließen auf einer der zahllosen kleinen Inselchen, die von buschartigen Weiden bewachsen sind und durch die steigende Flut ständig an Umfang verlieren, zu übernachten. Schon bald stellt sich bei dem Erzähler das Gefühl ein, dass er und sein Freund eine Welt betreten haben, in die sie nicht hineingehören und die ihnen feindlich gesonnen ist:
Und in der Tat: Was die menschlichen Eindringlinge auf diesem kleinen Inselchen erwartet, ist ein sich ständig steigernder Alptraum, der die beiden in den nächsten 36 Stunden beinahe in den Wahnsinn treiben wird.
Das Konzept des "kosmischen Horrors" wird für gewöhnlich mit dem Namen H.P. Lovecraft verknüpft. Doch was uns in The Willows entgegentritt, ist im Grunde ganz dasselbe. Kein Wunder, dass der Gentleman von Providence {und auch sein Freund Clark Ashton Smith} die Geschichte zu seinen absoluten Favoriten zählte.
Zwar interpretiert Blackwoods Erzähler die unheimlichen Ereignisse am Ende als Folge eines zeitlich begrenzten Eindringens einer fremden, andersweltlichen Realität in unser Universum. {Der Autor hatte leider einen Hang dazu, all zu oft "okkulte" Erklärungen für das von ihm Geschilderte zu liefern.} Doch zum einen müssen wir als Leser uns dieser Interpretation ja nicht unbedingt anschließen. Und zum anderen entspringt die besondere Atmosphäre von The Willows meiner Ansicht nach gerade nicht der Konfrontation mit etwas völlig fremdem, andersweltlichen, sondern der menschenleeren Landschaft, in der unsere Reisenden unerwünschte Eindringlinge sind. Dabei wird die Natur zum Numinosen, das oberflächlich Bekannte zum Fremden und Unheimlichen, das scheinbar Friedvolle zum Bedrohlichen.
Wie gesagt, ich finde es schwer, den besonderen Reiz dieser Erzählung in Worte zu fassen. Man muss sie gelesen haben.
PS: Warum hat sich eigentlich noch niemand an einer Verfilmung von The Willows versucht? Abendfüllend könnte der Streifen zwar sicher nicht sein, aber wenn man es richtig anpacken würde, gäbe Blackwoods Erzählung ganz sicher den Stoff für einen faszinierenden kleinen Film von sagen wir mal einer Stunde Länge her. Voraussetzung wäre freilich eine möglichst zurückhaltende und ganz auf Atmosphäre konzentrierte Herangehensweise.
{Eine Drehbuchbearbeitung von Wayne K. Spitzer existiert offenbar sogar.}
PPS: Kuriosum am Rande: In Ingeborg Bachmanns Roman Malina kann man ganze Passagen aus Friedrich Polakovics' Übersetzung von The Willows entdecken. Nicht dass sie als solche gekennzeichnet wären ...
Wie ich vor Zeiten in einem Post, der hauptsächlich seiner Story Ancient Sorceries {der mit den Katzen!} gewidmet ist, etwas ausführlicher beschrieben habe, wuchs Blackwood (1869-1951) in einem geistig engen und stark vom Calvinismus geprägten Milieu auf. Mit sechzehn Jahren schickten ihn seine Eltern nach Königsfeld im Schwarzwald, wo er eine Zeit lang die Schule der Herrenhuter Brüdergemeine besuchte. Gegen diese kleingeistige Welt rebellierte er schließlich auf zwei recht unterschiedlichen Wegen: Der eine führte ihn hinaus in die Natur – zuerst in den Schwarzwald, später u.a. in die Alpen, das Tal der Donau und die wilden Wälder Kanadas. Der andere erschloss sich ihm in der religiösen Philosophie Indiens, der Weisheit der Upanischaden, der Bhagavad-Gita und der buddhistischen Sutren, die er freilich nicht unmittelbar, sondern vermittelt über die synkretistische Heilslehre der Theosophie kennenlernte. Beide Formen der inneren Revolte verschmolzen am Ende zu einer sehr eigenen Form von Pantheismus, in der die Natur und das Numinose zu einer Einheit geworden sind, die zugleich Ehrfurcht und Staunen, als auch Furcht und Schrecken hervorrufen kann.
The Willows ist eine der Erzählungen Algernon Blackwoods, in denen diese Weltanschauung einen äußerst beeindruckenden und verstörenden literarischen Ausdruck gefunden hat.
Eine Inhaltsangabe zu liefern, die auch nur andeutungsweise die besondere Atmosphäre von The Willows einzufangen vermag, erscheint mir unmöglich. Darum begnüge ich mich damit, das Szenario knapp zu skizzieren
Der Erzähler befindet sich zusammen mit seinem schwedischen Freund {beide bleiben namenlos} auf einer Kanu-Tour die Donau hinab – von der Quelle bis zur Mündung. {Ein Unternehmen, das Blackwood selbst einmal unternommen hatte, wenn ich mich recht erinnere.}
In seiner Schilderung ihrer bisherigen Reise erscheint der Fluss als ein lebendiges Wesen mit einer individuellen Persönlichkeit. Das ist natürlich bloß als poetisches Bild gedacht. Doch als die zwei Pressburg (Bratislava) hinter sich lassen und in die jenseits der Stadt gelegene menschenleere Au- und Sumpflandschaft vorstoßen, wird dieses Bild in gewisser Weise beunruhigende Wirklichkeit.
Die beiden beschließen auf einer der zahllosen kleinen Inselchen, die von buschartigen Weiden bewachsen sind und durch die steigende Flut ständig an Umfang verlieren, zu übernachten. Schon bald stellt sich bei dem Erzähler das Gefühl ein, dass er und sein Freund eine Welt betreten haben, in die sie nicht hineingehören und die ihnen feindlich gesonnen ist:
Great revelations of nature, of course, never fail to impress in one way or another, and I was no stranger to moods of the kind. Mountains overawe and oceans terrify, while the mystery of great forests exercises a spell peculiarly its own. But all these, at one point or another, somewhere link on intimately with human life and human experience. They stir comprehensible, even if alarming, emotions. They tend on the whole to exalt.Als die beiden im schwindenden Licht erst eine vorbeischwimmende Leiche zu entdecken glauben, die sich dann aber doch als ein Otter entpuppt {oder vielleicht auch nicht?}, und kurz darauf ein Boot erblicken, dessen Insasse warnend mit den Armen herumzugestikulieren scheint, um sich schließlich zu bekreuzigen, heitert das die Stimmung auch nicht eben auf.
With this multitude of willows, however, it was something far different, I felt. Some essence emanated from them that besieged the heart. A sense of awe awakened, true, but of awe touched somewhere by a vague terror. Their serried ranks, growing everywhere darker about me as the shadows deepened, moving furiously yet softly in the wind, woke in me the curious and unwelcome suggestion that we had trespassed here upon the borders of an alien world, a world where we were intruders, a world where we were not wanted or invited to remain – where we ran grave risks perhaps!
Und in der Tat: Was die menschlichen Eindringlinge auf diesem kleinen Inselchen erwartet, ist ein sich ständig steigernder Alptraum, der die beiden in den nächsten 36 Stunden beinahe in den Wahnsinn treiben wird.
Das Konzept des "kosmischen Horrors" wird für gewöhnlich mit dem Namen H.P. Lovecraft verknüpft. Doch was uns in The Willows entgegentritt, ist im Grunde ganz dasselbe. Kein Wunder, dass der Gentleman von Providence {und auch sein Freund Clark Ashton Smith} die Geschichte zu seinen absoluten Favoriten zählte.
Zwar interpretiert Blackwoods Erzähler die unheimlichen Ereignisse am Ende als Folge eines zeitlich begrenzten Eindringens einer fremden, andersweltlichen Realität in unser Universum. {Der Autor hatte leider einen Hang dazu, all zu oft "okkulte" Erklärungen für das von ihm Geschilderte zu liefern.} Doch zum einen müssen wir als Leser uns dieser Interpretation ja nicht unbedingt anschließen. Und zum anderen entspringt die besondere Atmosphäre von The Willows meiner Ansicht nach gerade nicht der Konfrontation mit etwas völlig fremdem, andersweltlichen, sondern der menschenleeren Landschaft, in der unsere Reisenden unerwünschte Eindringlinge sind. Dabei wird die Natur zum Numinosen, das oberflächlich Bekannte zum Fremden und Unheimlichen, das scheinbar Friedvolle zum Bedrohlichen.
Wie gesagt, ich finde es schwer, den besonderen Reiz dieser Erzählung in Worte zu fassen. Man muss sie gelesen haben.
PS: Warum hat sich eigentlich noch niemand an einer Verfilmung von The Willows versucht? Abendfüllend könnte der Streifen zwar sicher nicht sein, aber wenn man es richtig anpacken würde, gäbe Blackwoods Erzählung ganz sicher den Stoff für einen faszinierenden kleinen Film von sagen wir mal einer Stunde Länge her. Voraussetzung wäre freilich eine möglichst zurückhaltende und ganz auf Atmosphäre konzentrierte Herangehensweise.
{Eine Drehbuchbearbeitung von Wayne K. Spitzer existiert offenbar sogar.}
PPS: Kuriosum am Rande: In Ingeborg Bachmanns Roman Malina kann man ganze Passagen aus Friedrich Polakovics' Übersetzung von The Willows entdecken. Nicht dass sie als solche gekennzeichnet wären ...
Samstag, 21. Juli 2018
Strandgut der Woche
- The Black Dog Podcast: Ladyhawke
- Hypnobobs - Hypnogoria 95: Rituals Unlimited: The novels by Adam Nevill Part I
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- Virtually Corrupt Podcast: Konstantinos Dimopoulos
- Trekabout - Episode 307: Barge of the Dead / Tinker Tenor Doctor Spy
- The Outer Limits Podcast: The Human Factor
- The Nasty Pasty Podcast: Typical Nazisploitation
- The Cromcast: REH Days 2018
- Tuning In - Episode 105: The X-Files: Arcadia / Alpha
- Reel Ripe & Reel Rotten: Denzel Washington – Heart Condition (0%)
- NUTS4R2 bespricht Skyscraper * The Secret Of Marrowbone * Incredibles 2
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- Movies Silently: 100 Years Ago, These Were the Tropes and Mistakes that Annoyed Moviegoers
- Movies Silently: Silent Movies Fight Piracy
- Movies Silently: News from the Silent Movie Front: Women Filmmakers on the Big Screen and New Edison Talkies Release
- Fantasia 2018, Days 1 and 2: Five Fingers of Death von Matthew David Surridge
- Fantasia 2018, Day 3, Part 1: Maquia: When the Promised Flower Blooms and Unity of Heroes
- Fantasia 2018, Day 3, Part 2: Boiled Angels: The Trial Of Mike Diana
- Diabolique Magazine: Legacies of Sade: Justine and Juliette, Vice and Virtue von Joseph E. Dwyer
- Diabolique Magazine: Lynch Mobs and Monk: Facing Face of Fire (1959) von Lee Gambin
- Diabolique Magazine: “Spawnie, Spawnie, He’s Our Man”: A Love Letter to a Maligned Superhero Movie von Kieran Fisher
- Cinetropolis: Entitled: The Terminator
- The Yellow Birds: Damaged or destroyed by the Iraq War von Joanne Laurier
- A Year in the Country: The Midwich Cuckoos and The Day of the Triffids – John Wyndham, Dystopian Tales, Celluloid Cuckoos and the Village as Anything but Idyll
- Once Upon A Screen: Laurel and Hardy in Tiembla y Titubea
- 4:3 Film: Lost Gully Road – An Interview with Donna McRae
- Senses of Cinema - Issue 86 (Alice in Wonderland)
- Senses of Cinema - Issue 87 (Stardust Memories: Cinephilia and Nostalgia)
- Moyas Buchgewimmel: Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden – Genki Kawamura
- Black Gate: A Ball of Confusion: Bleak Seasons by Glen Cook von Fletcher Vredenburgh
- A (Black) Gat in the Hand: Back Deck Pulp #1 von Bob Byrne
- Dust & Corruption: The Mansion in the Mist by John Bellairs
- Strange Horizons: Sergeant Bothari and Disability Representation in the Early Vorkosiverse von Rose Lemberg
- Weird Fiction Review: Lost Objects: Stories by Marian Womack
- Adventures Fantastic: A Look at Kings of the Wyld von Keith West
- Black Gate: The Beloved Battling Robot Dinosaurs von Steve Carper
- The 'Orrible 'Ouse of Terrible Old Tat: Taste the Lolly of Dracula! von Jim Moon
- The Public Domain Review: The Dancing Plague of 1518 von Ned Pennant-Rea
Dienstag, 17. Juli 2018
Unter dem Schatten der Sense
Bis vor kurzem war ich mit nur drei Werken aus dem Oeuvre des britischen Bühnen- und Drehbuchautors David Rudkin vertraut: Mit seinem Fernsehspiel Penda's Fen (1974), das ich vor über fünf Jahren hier besprochen habe; der M.R. James - Adaption The Ash Tree (1975), Rudkins Beitrag zur A Ghost Story for Christmas - Serie; sowie dem eigenartigen Film Artemis 81 (1981), an den ich zugegebenermaßen nur noch recht verschwommene Erinnerungen habe.
Alle drei hatten mir zu ihrer Zeit ziemlich gut gefallen. Und was ich sonst so über Rudkin in Erfahrung bringen konnte, klang gleichfalls recht interessant.
So war z.B. sein erstes Theaterstück Afore Night Come in einer Inszenierung der Royal Shakespeare Company 1962 nicht öffentlich aufgeführt worden, da dies die Zensurbehörden unmöglich zugelassen hätten. Die Premiere hatte deshalb im Londoner "members-only" - Art Theatre stattgefunden, das 1927 genau zu dem Zweck gegründet worden war, der Zensur derartige kleine Streiche zu spielen.
Was unausweichlich den Zorn der staatlichen Hüter der öffentlichen Moral heraufbeschworen hätte, wäre nicht nur die homosexuelle Thematik des Stücks gewesen, sondern auch dessen extreme Brutalität. Wie Rudkin später einmal erzählt hat:
Einige weitere spannende Punkte aus Rudkins Karriere: Er arbeitete am Drehbuch für François Truffauts großartige Adaption von Ray Bradburys Fahrenheit 451 (1966) mit, schrieb das Script für eine Version von Sir Gawain and the Green Knight (1991) und erarbeitete eine Bühnenfassung von Michail Bulgakows Der Meister und Margarita (2004).
Man kann sich denken, wie begeistert ich war, als ich letzte Woche via Twitter erfuhr, dass irgendein freundlicher Zeitgenosse David Rudkins kurzes Fernsehspiel White Lady (1986) auf Youtube hochgeladen hat. Bild- und Tonqualität sind zwar ziemlich bescheiden. Ganz offensichtlich handelt es sich um eine alte Videoaufzeichnung. Aber jede Gelegenheit, einen weiteren Einblick in das Oeuvre dieses faszinierenden Künstlers zu erhalten, ist überaus begrüßenswert. Auch ist dies der einzige Film, bei dem der Autor zugleich auch der Regisseur war.
Eines gleich vorweg: White Lady reicht nicht an die anderen Werke Rudkins heran, die ich kenne. Der Film besitzt weder die Vielschichtigkeit und tiefe Humanität von Penda's Fen, noch die verstörende Qualität von The Ash Tree oder die schiere Weirdness von Artemis 81. Sehenswert ist er dennoch ganz sicher. Und vielleicht auch etwas komplexer, als man auf den ersten Blick meinen könnte.
Der Film macht keinen Hehl daraus, dass er als Parabel verstanden werden will. Und zumindest, soweit es dabei um die Gefahr geht, die Pestizide für Mensch und Umwelt darstellen, geht er dabei nicht eben subtil vor. Ein Thema, das in den 80er Jahren im öffentlichen Bewusstsein glaube ich sehr viel präsenter war, als heutzutage, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt. Doch wie gesagt: In White Lady mag mehr verborgen liegen, als diese offensichtliche Öko-Botschaft.
Irgendwo im ländlichen England versucht Gil (Cornelius Garrett), eine neue Existenz für sich und seine beiden kleinen Töchter Amy (Sophie Tompson) und Tess (Jessica Martin) aufzubauen. Wir wissen nicht, wie die drei in diese Situation geraten sind, aber Gils Ehrgeiz scheint darin zu bestehen, ein bäuerliches Leben zu führen. Er bemüht sich, ein herunter gekommenes Cottage auf Vordermann zu bringen, und das verwilderte Grundstück mit der Sichel von wild wucherndem Gras und Unkraut zu befreien. Es ist eine ärmliche Existenz, und die beiden kleinen Mädchen sind nicht unbedingt glücklich, zumal das Verhalten ihres Vaters ständig zwischen Zärtlichkeit, Strenge und cholerischer Wut hin und her schwankt.
Die Handlung wird unvermittelt immer wieder von Röntgenaufnahmen mutierter Versuchstiere und ähnlichem Bildmaterial unterbrochen, womit einerseits das ökologische Thema eingeführt wird, was dem ganzen andererseits aber auch ein beunruhigend surreales Flair verleiht. Daneben bekommen wir Luftaufnahmen von einer in monotonen Baum- oder Buschreihen angelegten Obstplantage zu sehen, die zusammen mit dem knatternden Geräusch eines Helikopters einmal mehr auf die Pestizid-Thematik verweisen.
Mit dem ersten Auftritt der Weißen Lady (Meg Wynn Owen), die eine Sense haltend die Kinder erst aus der Ferne beobachtet, um dann nächtens in ihrer Kammer aufzutauchen, erhält der Film zudem eine an Penda's Fen erinnernde symbolistische Qualität. Wenn dabei der Schatten der Sense über die Gestalten der schlafenden Mädchen fällt, zitiert Rudkin außerdem Carl Theodor Dreyers Klassiker Vampyr (1932) an, den er offensichtlich tief verehrt.
Schließlich zeigt sich die Weiße Lady den beiden Kindern in einem benachbarten Wäldchen, wobei ihr Verhalten ganz dem einer übelwollenden Feenkönigin aus der keltischen Folklore gleicht. Sie lockt die Mädchen mit von prachtvollem Obst und Gemüse überquellenden Tischen an, verführt sie dazu, von den magischen Früchten zu kosten, und erklärt ihnen daraufhin, sie werde sie mit in ihr Reich nehmen und an ihrer Statt zwei Wechselbälger bei ihrem Vater zurücklassen, die das "Mal meines Kusses" tragen werden.
Wenn wir gezeigt bekommen, dass sich unter den blütenweißen Tischdecken in Wirklichkeit metallene Pestizid-Fässer verbergen, wird überdeutlich, was die Weiße Lady verkörpert, und dass wir beim "Mal ihres Kusses" an die Aufnahmen der verkrüppelten und mutierten Tiere denken sollen.
Wie gesagt, die Öko-Botschaft ist nicht eben subtil. Doch ich denke, man wird dem kurzen Film nicht ganz gerecht, wenn man ihn auf eine simple Warnung vor den Gefahren der Agrochemie reduziert. Vor allem die Figur des Vaters scheint mir mit komplexeren sozialen Themen verknüpft zu sein.
Gil ist ganz offensichtlich kein "echter" Bauer. Die Gründe dafür bleiben zwar ungenannt, doch sein Bemühen, zu einem ländlichen Leben zurückzukehren, war eine bewusste Entscheidung. Als seine Töchter ihn fragen, ob die Familie "arm" sei {was sie ohne Zweifel ist}, antwortet er, sein Ziel sei es, seine Kinder dazu zu erziehen, "to need very little. - strong against all harm". Die Weiße Lady wiederum sagt später über ihn: "Poor sheep of a man. Once, long ago, he lost the land he lived from. Next he lost his country."
Soll Gil den Arbeiter verkörpern, der vor Jahrhunderten gewaltsam von seinem Grundbesitz und damit von der bäuerlichen Welt getrennt wurde {was in England ein besonders brutaler Akt war}, und der nun auch im modernen bürgerlichen Staat zu einer macht- und stimmlosen Existenz verdammt ist? Und ist sein Handeln als der verzweifelte Versuch zu interpretieren, diese verlorene Verbundenheit zum Land {und damit seine Würde und Freiheit} wieder zurückzugewinnen? Ein Bemühen, das schon deshalb zum Scheitern verurteilt ist, weil er nicht erkennt, dass die eigentliche Wurzel seiner momentanen Lage im Privateigentum zu suchen ist? Ermahnt er seine Töchter doch immer wieder wütend, dass sie nicht "auf anderer Leute Land" spielen sollen?
Zieht man zum Vergleich Penda's Fen heran, scheint mir eine derartige Interpretation nicht gar zu weit hergeholt. Aber auch wenn man sich in dieser Frage nicht endgültig festlegen will {und ich selbst würde das auch nicht tun}, hat White Lady in seiner für Rudkin so typischen surreal-symbolistischen Art auf jedenfall mehr zu bieten als eine simple Öko-Message.
Alle drei hatten mir zu ihrer Zeit ziemlich gut gefallen. Und was ich sonst so über Rudkin in Erfahrung bringen konnte, klang gleichfalls recht interessant.
So war z.B. sein erstes Theaterstück Afore Night Come in einer Inszenierung der Royal Shakespeare Company 1962 nicht öffentlich aufgeführt worden, da dies die Zensurbehörden unmöglich zugelassen hätten. Die Premiere hatte deshalb im Londoner "members-only" - Art Theatre stattgefunden, das 1927 genau zu dem Zweck gegründet worden war, der Zensur derartige kleine Streiche zu spielen.
Was unausweichlich den Zorn der staatlichen Hüter der öffentlichen Moral heraufbeschworen hätte, wäre nicht nur die homosexuelle Thematik des Stücks gewesen, sondern auch dessen extreme Brutalität. Wie Rudkin später einmal erzählt hat:
[T]he logical moral outcome of the play's process would be a climactic act of violence of a sort that I don't think had been done on an English stage since the Jacobeans. So I had to choose: back off and not follow the logical implications of the play; or go through with it and be damned. If I was going to be a writer, there wasn't any choice.Ich habe Afore Night Come ja leider noch nicht selbst gelesen, aber schon sein Theaterdebüt scheint viel von dem enthalten zu haben, was einem immer wieder in Rudkins Oeuvre begegnet. Zumindest soweit ich das beurteilen kann. Themen von Außenseitertum, unterdrückter Sexualität und gesellschaftlicher Grausamkeit. Eine symbolistisch-surreale Ästhetik. Elemente aus Mythos und Folklore. Das Stück gipfelt offenbar in einem bizarren Ritualmord, der als eine Art Fruchtbarkeitsopfer gedacht ist. Um Clive Barnes' Rezension einer amerikanischen Inszenierung aus dem Jahre 1975 zu zitieren:
The play starts with hints of some kind of ritual murder of the outsider, the hints become stronger and stronger until the play erupts into an Artaud‐like scene of pure horror. The tramp is captured, his body bloodily slashed with the sign of the cross, stabbed to death and then decapitated. Through all this grisly scene an airplane is spraying the orchard with insecticide. After the murder one of the murderers slobbers over the dead man's head (like some all too credible Salome) drinking the dead man's blood as a cure for his impotence. It is more shocking in a Genet‐like fashion than even the climax of “Oedipus Rex.”Das Motiv des Menschenopfers, mit dessen Hilfe die Fruchtbarkeit der Felder wiederhergestellt werden soll, würde sich ein paar Jahre später im Folk Horror - Film großer Beliebtheit erfreuen. Man denke nur an J. Lee Thompsons Eye of the Devil (1966), John Bowens & James MacTaggarts Robin Redbreast (1970; hier besprochen) und natürlich Robin Hardys The Wicker Man (1973). Aber es scheint ziemlich klar, dass es bei David Rudkin mit einer sehr modernen Thematik verknüpft wurde: der Brutalität und Grausamkeit, die sich unter der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft verbirgt. Es verwundert nicht, dass Rudkin scheinbar immer mal wieder mit Harold Pinter verglichen wurde.
Einige weitere spannende Punkte aus Rudkins Karriere: Er arbeitete am Drehbuch für François Truffauts großartige Adaption von Ray Bradburys Fahrenheit 451 (1966) mit, schrieb das Script für eine Version von Sir Gawain and the Green Knight (1991) und erarbeitete eine Bühnenfassung von Michail Bulgakows Der Meister und Margarita (2004).
Man kann sich denken, wie begeistert ich war, als ich letzte Woche via Twitter erfuhr, dass irgendein freundlicher Zeitgenosse David Rudkins kurzes Fernsehspiel White Lady (1986) auf Youtube hochgeladen hat. Bild- und Tonqualität sind zwar ziemlich bescheiden. Ganz offensichtlich handelt es sich um eine alte Videoaufzeichnung. Aber jede Gelegenheit, einen weiteren Einblick in das Oeuvre dieses faszinierenden Künstlers zu erhalten, ist überaus begrüßenswert. Auch ist dies der einzige Film, bei dem der Autor zugleich auch der Regisseur war.
Eines gleich vorweg: White Lady reicht nicht an die anderen Werke Rudkins heran, die ich kenne. Der Film besitzt weder die Vielschichtigkeit und tiefe Humanität von Penda's Fen, noch die verstörende Qualität von The Ash Tree oder die schiere Weirdness von Artemis 81. Sehenswert ist er dennoch ganz sicher. Und vielleicht auch etwas komplexer, als man auf den ersten Blick meinen könnte.
Der Film macht keinen Hehl daraus, dass er als Parabel verstanden werden will. Und zumindest, soweit es dabei um die Gefahr geht, die Pestizide für Mensch und Umwelt darstellen, geht er dabei nicht eben subtil vor. Ein Thema, das in den 80er Jahren im öffentlichen Bewusstsein glaube ich sehr viel präsenter war, als heutzutage, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt. Doch wie gesagt: In White Lady mag mehr verborgen liegen, als diese offensichtliche Öko-Botschaft.
Irgendwo im ländlichen England versucht Gil (Cornelius Garrett), eine neue Existenz für sich und seine beiden kleinen Töchter Amy (Sophie Tompson) und Tess (Jessica Martin) aufzubauen. Wir wissen nicht, wie die drei in diese Situation geraten sind, aber Gils Ehrgeiz scheint darin zu bestehen, ein bäuerliches Leben zu führen. Er bemüht sich, ein herunter gekommenes Cottage auf Vordermann zu bringen, und das verwilderte Grundstück mit der Sichel von wild wucherndem Gras und Unkraut zu befreien. Es ist eine ärmliche Existenz, und die beiden kleinen Mädchen sind nicht unbedingt glücklich, zumal das Verhalten ihres Vaters ständig zwischen Zärtlichkeit, Strenge und cholerischer Wut hin und her schwankt.
Die Handlung wird unvermittelt immer wieder von Röntgenaufnahmen mutierter Versuchstiere und ähnlichem Bildmaterial unterbrochen, womit einerseits das ökologische Thema eingeführt wird, was dem ganzen andererseits aber auch ein beunruhigend surreales Flair verleiht. Daneben bekommen wir Luftaufnahmen von einer in monotonen Baum- oder Buschreihen angelegten Obstplantage zu sehen, die zusammen mit dem knatternden Geräusch eines Helikopters einmal mehr auf die Pestizid-Thematik verweisen.
Mit dem ersten Auftritt der Weißen Lady (Meg Wynn Owen), die eine Sense haltend die Kinder erst aus der Ferne beobachtet, um dann nächtens in ihrer Kammer aufzutauchen, erhält der Film zudem eine an Penda's Fen erinnernde symbolistische Qualität. Wenn dabei der Schatten der Sense über die Gestalten der schlafenden Mädchen fällt, zitiert Rudkin außerdem Carl Theodor Dreyers Klassiker Vampyr (1932) an, den er offensichtlich tief verehrt.
Schließlich zeigt sich die Weiße Lady den beiden Kindern in einem benachbarten Wäldchen, wobei ihr Verhalten ganz dem einer übelwollenden Feenkönigin aus der keltischen Folklore gleicht. Sie lockt die Mädchen mit von prachtvollem Obst und Gemüse überquellenden Tischen an, verführt sie dazu, von den magischen Früchten zu kosten, und erklärt ihnen daraufhin, sie werde sie mit in ihr Reich nehmen und an ihrer Statt zwei Wechselbälger bei ihrem Vater zurücklassen, die das "Mal meines Kusses" tragen werden.
Wenn wir gezeigt bekommen, dass sich unter den blütenweißen Tischdecken in Wirklichkeit metallene Pestizid-Fässer verbergen, wird überdeutlich, was die Weiße Lady verkörpert, und dass wir beim "Mal ihres Kusses" an die Aufnahmen der verkrüppelten und mutierten Tiere denken sollen.
Wie gesagt, die Öko-Botschaft ist nicht eben subtil. Doch ich denke, man wird dem kurzen Film nicht ganz gerecht, wenn man ihn auf eine simple Warnung vor den Gefahren der Agrochemie reduziert. Vor allem die Figur des Vaters scheint mir mit komplexeren sozialen Themen verknüpft zu sein.
Gil ist ganz offensichtlich kein "echter" Bauer. Die Gründe dafür bleiben zwar ungenannt, doch sein Bemühen, zu einem ländlichen Leben zurückzukehren, war eine bewusste Entscheidung. Als seine Töchter ihn fragen, ob die Familie "arm" sei {was sie ohne Zweifel ist}, antwortet er, sein Ziel sei es, seine Kinder dazu zu erziehen, "to need very little. - strong against all harm". Die Weiße Lady wiederum sagt später über ihn: "Poor sheep of a man. Once, long ago, he lost the land he lived from. Next he lost his country."
Soll Gil den Arbeiter verkörpern, der vor Jahrhunderten gewaltsam von seinem Grundbesitz und damit von der bäuerlichen Welt getrennt wurde {was in England ein besonders brutaler Akt war}, und der nun auch im modernen bürgerlichen Staat zu einer macht- und stimmlosen Existenz verdammt ist? Und ist sein Handeln als der verzweifelte Versuch zu interpretieren, diese verlorene Verbundenheit zum Land {und damit seine Würde und Freiheit} wieder zurückzugewinnen? Ein Bemühen, das schon deshalb zum Scheitern verurteilt ist, weil er nicht erkennt, dass die eigentliche Wurzel seiner momentanen Lage im Privateigentum zu suchen ist? Ermahnt er seine Töchter doch immer wieder wütend, dass sie nicht "auf anderer Leute Land" spielen sollen?
Zieht man zum Vergleich Penda's Fen heran, scheint mir eine derartige Interpretation nicht gar zu weit hergeholt. Aber auch wenn man sich in dieser Frage nicht endgültig festlegen will {und ich selbst würde das auch nicht tun}, hat White Lady in seiner für Rudkin so typischen surreal-symbolistischen Art auf jedenfall mehr zu bieten als eine simple Öko-Message.
Samstag, 14. Juli 2018
Strandgut der Woche
- The Black Dog Podcast: Wargames
- SFFaudio Podcast: Exhibit Piece by Philip K. Dick
- Trekabout - Episode 306: Equinox, Part II / Survival Instinct
- Lovecraft eZine Videocast: Jeffrey Ford
- The Nasty Pasty Podcast: Terrestrial Animals
- Tuning In - Episode 104: The X-Files: Agua Mala / Monday
- Hypnobobs - From the Great Library of Dreams 57: The Story of the Spaniards Hammersmith by E. and H. Heron
- NUTS4R2 bespricht Lost Girls * The First Purge * Resolution * Hotel Artemis
- Movies Silently: Nicholas Nickleby (1912) - A Silent Film Review von Fritzi Kramer
- Movies Silently: Dance of the Seasons: Winter, Snow Dance (1900) - A Silent Film Review
- Movies Silently: Silent Movie Stars in Caves
- Celluloid Wicker Man: Horror’s Pleasure of Distance von Adam Scovell
- A Year in the Country: No Blade of Grass and Z.P.G. – A Curious Dystopian Mini-Genre
- Alliance of Women Film Journalists: Let the Corpses Tan - Review von Alexandra Heller-Nicholas
- Diabolique Magazine: So Sweet, So Perverse: The Giallo Films of Umberto Lenzi, Part 1 von Samm Deighan
- Diabolique Magazine: Blood Feast (1963): Herschell Gordon Lewis’ Blood-Soaked Carnival Show von Jermoe Reuter
- Diabolique Magazine: Legacies of Sade: To Succubus (1968), With Love von Samm Deighan
- Diabolique Magazine: The Stalking Of Rita: Looking Back at Maniac (1980) von Cherease Kingdon
- Cinetropolis: Birdman Or (The Unexpected Vertigo Of One Seeming Take)
- Medleyana: Fates Worse Than Death: Drums of Fu Manchu
- Cyberpunk: Alles, was du über das Genre wissen musst von Alessandra Reß
- Moyas Buchgewimmel: Death of a Clone – Alex Thomson
- Nightmare Magazine: The H Word: The Charm of the Old-Fashioned Ghost Story von Halli Villegas
- Strange Horizons: 100 African Authors of SFF - Part Ten: Abuja
- 11 Stories of Sea Songs, Tragic Romances, and Selkies
- A (Black) Gat in the Hand: Dime Detective – August, 1939 von Bob Byrne
- The 'Orrible 'Ouse of Terrible Old Tat: The Blob from the Haunted House von Jim Moon
Samstag, 7. Juli 2018
Strandgut der Woche
- Lost in the Omniverse: Guardians of the Galaxy
- Screaming Queenz: Malabimba, The Malicious Whore
- Lovecraft eZine Videocast: The Endless, Penpal, Harlan Ellison, and more
- The Twilight Zone Podcast: Dead Man’s Shoes & The Twilight Zone Escape Room
- Trekabout - Episode 305: Warhead / Equinox
- The Nasty Pasty Podcast: Extraterrestrials
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- Diabolique Magazine: The Monster and the Stripper: “My God… His Guts are Torn Out” or How I Stopped Worrying and Learned to Embrace What I Love von Mike Hauss
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Sonntag, 1. Juli 2018
Willkommen an Bord der "Liberator" – S02/E10: "Voice From the Past"
Ein Blake's 7 - Rewatch
Wie ich in meiner Besprechung von Hostage schon einmal angemerkt habe, wussten die Blake's 7 - Autoren scheinbar nicht so recht, was sie im letzten Drittel der zweiten Staffel mit der Figur von Space Commander Travis anfangen sollten. Es war eine coole Idee gewesen, ihn in Trial auf Servalans Betreiben hin vor ein Kriegsverbrechertribunal gestellt zu sehen, und seine anschließende Verwandlung in einen flüchtigen Renegaten hätte das Potential für manch interessante Stories gehabt. Stattdessen machte man ihn am Ende von Hostage erneut zu einem Verbündeten der Obersten Befehlshaberin, ohne dass er offiziell rehabilitiert worden wäre. Doch selbst diese eher einfallslose Wendung zog man im Rest der Staffel nicht wirklich konsequent durch. Von Episode zu Episode wandelt sich seine Position und seine Beziehung zu Servalan, ohne dass es dafür andere Gründe gäbe als die Bedürfnisse der jeweiligen Story. Dabei hätte es einer sehr viel folgerichtigeren und geschlosseneren Charakterentwicklung bedurft, um die Rolle zu erklären, die er im Finale der Staffel spielen würde. Doch soweit sind wir noch nicht. Für den Moment reicht es aus, festzuhalten, dass Travis der größte Schwachpunkt des Schlussteils ist. Und das gilt auch für die Episode, mit der wir uns heute beschäftigen wollen.
Voice From the Past war das erste Drehbuch, das Roger Parkes zu Blake's 7 beisteuerte. Am Anfang von Parkes' Karriere hatte ein Beitrag zu The Prisoner (1967) gestanden, und mit Terry Nation hatte er schon bei Survivors (1976/77) zusammengearbeitet. Auch war er eine Zeit lang Script Editor der Anthologienserie Out of the Unkown (1969-71) gewesen, u.a. für eine Cyril M. Kornbluth (The Little Black Bag) und eine John Brunner (The Last Lonely Man) - Adaption. Kein Neuling im SciFi-Metier also.
In seiner Komposition wirkt Parkes' Script zwar etwas unausgewogen. So nimmt der Eröffnungsteil, der für sich genommen durchaus interessant ist, im Vergleich zur eigentlichen Haupthandlung deutlich zu viel Zeit in Anspruch. Aber davon einmal abgesehen hält die Episode das hohe Niveau ihres Vorgängers Countdown und lässt einen recht zuversichtlich auf den abschließenden Teil der Staffel vorausschauen.
Zum dringend benötigten Abbau von Stress versucht es die Gang unter Callys Anleitung einmal mit Space Yoga. Das Resultat ist nicht unbedingt vielversprechend.
Blake glaubt plötzlich, einen seltsamen, vibrierenden Ton zu hören, der aus dem Nichts zu kommen scheint. Wenig später begibt er sich auf die Brücke und ändert eigenmächtig den Kurs der Liberator. Als die anderen davon Wind bekommen, dass die Reise nicht länger zu dem paradiesisch anmutenden Planeten Del Ten, sondern zu irgendeinem Asteroiden mit einer seit langem aufgegebenen Bergwerksstation gehen soll, reagieren sie entsprechend ungehalten. Blake kehrt das autoritäre Arschloch heraus: "I command this ship", So recht beeindrucken tut dies allerdings niemanden. Jenna: "You lead. We don't take commands." Die Kurskorrektur wird aufgehoben.
Freilich muss selbst Avon eingestehen, dass dieses Verhalten für Blake denn doch etwas ungewöhnlich ist. Also versucht er zusammen mit Cally herauszufinden, was vor sich geht.
So wie es aussieht, hat es irgendwer geschafft, auf telepathische Weise einen psychischen Trigger auszulösen, der Blake während seiner Verhöre und Folterungen von der Föderation eingepflanzt wurde. Cally weiß zwar zu berichten, dass man auf ihrer Heimat Auron mit Techniken zur Fernübertragung telepathischer Botschaften herumexperimentiert hat, aber wirklich hilfreich ist diese Information nicht. Sicher scheint bloß, dass Blake nicht mehr Herr seiner selbst ist, weshalb man ihn auf einem Stuhl festschnallt.
Doch es dauert nicht lange und der gefesselte Blake hat Vila davon überzeugt, dass die Situation in Wahrheit ganz anders aussähe. Tatsächlich seien Avon und Cally dabei, die Liberator zu kapern und wollten ihn deshalb loswerden.
Nun mag unser sympathischer Feigling und Langfinger nicht der hellste Kopf in der Milchstraße sein, aber wie schnell Blake ihn herumkriegt, könnte dennoch etwas unglaubwürdig wirken. Tatsächlich jedoch macht sein Verhalten durchaus Sinn. Dass Avon am liebsten das Kommando übernehmen würde, dürfte unter der Crew inzwischen kein Geheimnis mehr sein. Und dass Vila keine sonderlich hohe Meinung von dem arroganten Computergenie hat und ihm eine solche Intrige jederzeit zutrauen würde, ist nur zu verständlich, behandelt ihn dieser doch selten anders als mit Spott und Verachtung. Auch deutet Blake an, Cally und Avon seien ein Paar. Das stimmt zwar nicht, aber zwischen den beiden hat von Anfang an eine Art von Intimität geherrscht, die bisweilen sehr wohl leicht erotisch-romantische Untertöne besitzt. Auch das also nicht so weit hergeholt. Klugerweise stellt Blake Jenna, der sich Vila vermutlich am nächsten fühlt, als ein unschuldiges Opfer der Manipulationen des Schurkenpärchens dar.
Wie dem auch sei. Jedenfalls setzt Vila den Rest der Crew in ihrer Kabine fest und steuert die Liberator erneut zu dem Asteroiden. Dort sollen die "Meuterer" nach Blakes Willen ausgesetzt werden. Zuvor will er sich allerdings vergewissern, dass das Lebenserhaltungssystem in dem alten Minenkomplex noch funktioniert und teleportiert auf die Oberfläche. Als kurz darauf die Funkverbindung abbricht, bekommt Vila sehr schnell kalte Füße und wendet sich hilfesuchend an seine gefangengesetzten Kameraden. Die ganze "Verräter" - Geschichte kommt ihm plötzlich doch nicht mehr so glaubhaft vor.
Und das ist der Punkt, an dem die eigentliche Story beginnt.
Blake wird auf dem Asteroiden von einer kleinen Gruppe von Verschwörern empfangen, zu der nicht nur der totgeglaubte Freiheitskämpfer Shivan gehört, der aufgrund zahlloser Verletzungen eher wie eine wandelnde Mumie aussieht, sondern überraschenderweise auch Ven Glynd (Richard Bebb), ehemaliger General Arbiter (~Oberster Richter) der Föderation. Glynd war einer der Politiker, die in der Pilotfolge The Way Back den Schauprozess gegen Blake organisieren, wurde damals allerdings nicht von Bebb, sondern von Robert James gespielt. Im Geheimen schon immer ein Dissident, ist er nun endgültig in den Untergrund gegangen. Allerdings nicht ohne einen ganzen Stapel von Akten mitgehen zu lassen, die den unwiderlegbaren Beweis für all die verbrecherischen Machenschaften Servalans enthalten. Diese Informationen sollen von Gouverneurin Le Grand (Frieda Knorr) auf einer bevorstehenden Versammlung aller Gouverneure der Föderationskolonien bekannt gemacht werden, was zum Sturz der Obersten Befehlshaberin und zur Wiederherstellung der Demokratie führen werde. Das zumindest ist die Geschichte, die man Blake erzählt.
Dieser ist sofort Feuer und Flamme. Endlich scheint sich eine realistische Chance eröffnet zu haben, das Regime zu stürzen. Avon und Cally bleiben jedoch misstrauisch. Dass die Verschwörer Blake telepathisch manipuliert haben, um das Treffen zu arrangieren, ist unbestreitbar und wird von diesen auch gar nicht geleugnet. Wer sagt, dass sie ihn nicht auch weiterhin kontrollieren?
Dennoch befindet sich die Liberator schon bald auf dem Weg nach Atlay, wo Le Grand auf sie wartet und die Versammlung der Gouverneure zusammentreten soll.
Was mir an Voice From the Past so gut gefällt, ist der Abstecher ins Reich politischer Intrigen.
Blake's 7 hat die Föderation nie als ein monolithisches "Reich des Bösen" dargestellt, sondern immer als ein ursprünglich bürgerlich-demokratisches Regime, das sich Schritt für Schritt in eine faschistische Diktatur verwandelt hat. Selbst in der Armee finden sich noch integre Persönlichkeiten wie Fleet-Warden General Samor aus Trial, und die Revolutionärin Kasabi aus Pressure Point war sogar selbst einmal Ausbilderin an der Militärakademie. Auch wissen wir, dass in der Elite ständige Machtkämpfe zwischen unterschiedlichen Fraktionen und besonders ehrgeizigen Individuen wie Servalan toben. Bislang stand die Liberator - Crew stets außerhalb dieser Kämpfe und Intrigen. Zwar diente die "Blake - Affäre" den Gegnern der Obersten Befehlshaberin stets als ein Mittel, um ihre Position zu untergraben, aber bislang hatte keiner von ihnen versucht, Blake selbst als Waffe gegen Servalan zu verwenden. Nun ist es soweit.
Die Verschwörer um Le Grand und Ven Glynd sehen in dem inzwischen legendären Freiheitskämpfer eine nützliche Symbolfigur, die verhindern soll, dass Servalans geplanter Sturz zum Auslöser für gewaltsame Unruhen wird. Seine Autorität soll zugleich dabei helfen, die Macht der neuen Führung zu konsolidieren. Denn auch wenn viel von einer Rückeroberung der Freiheit die Rede ist, wird doch klar, dass nach dem Fall der Obersten Befehlshaberin ein Triumvirat die Macht übernehmen soll, bestehend aus Blake, Le Grand und Shivan.
Die beiden Führer der Verschwörung sind sehr unterschiedliche Charaktere.
Frieda Knorr als Le Grand hinterlässt leider einen alles andere als überzeugenden Eindruck. Jede ihrer Zeilen wirkt so, als lese sie sie von einem Teleprompter ab, derweil sie ihr Gesicht zu einem krampfhaft bemühten Lächeln verzieht. Im Nachhinein habe ich mich allerdings gefragt, ob es sich dabei um eine bewusste schauspielerische Entscheidung gehandelt haben könnte? Nicht Knorr ist eine schlechte Schauspielerin, sondern Le Grand? Die Gouverneurin ist im Herzen zu naiv für dieses Intrigenspiel. Ihre "Liebe zur Freiheit" scheint ehrlich, aber mehr ein Gefühl als ein politisches Programm zu sein. Die Konspiration verfolgt handfeste machtpolitische Ziele und bedient sich recht zweifelhafter Methoden, aber in Le Grands Fantasie ist sie ein heroischer Kampf für die "Freiheit". Als der Staatsstreich schließlich scheitert, wirkt sie denn auch weniger wie eine Politikerin, der eine Niederlage beigebracht wurde, sondern eher wie jemand, dem man einen hübschen Traum kaputt gemacht hat. Da ist es vielleicht gar nicht so unpassend, dass sie zuvor den Eindruck einer wenig überzeugenden Phrasendrescherin gemacht hat.
Ganz anders Ven Glynd, das eigentliche Hirn der Verschwörung. Der Mann ist ein Meister des Intrigenspiels, der die naive Le Grand und den zu einer Marionette degradierten Blake benutzen will, um zur grauen Eminenz hinter dem "revolutionären" Triumvirat zu werden. Er weiß ganz genau, dass seine Position innerhalb der Konspiration unangreifbar ist, da der Coup ohne die Dokumente über Servalans Verbrechen, die sich in seinem Besitz befinden, nicht die geringste Erfolgschance hat. Weshalb er seine Ambitionen dem misstrauischen Shivan gegenüber auch gar nicht groß zu verhehlen versucht.
Apropos Shivan: Ich nehme an, meine Leserinnen und Leser können sich denken, wer zum Vorschein kommt, als dessen Mumienmaske schließlicht fällt ...
Am Ende von Voice From the Past hat sich die Hoffnung auf einen friedlichen Umsturz als Illusion erwiesen, und Blake konzentriert sich einmal mehr ganz auf die Suche nach "Star One", mit dessen Zerstörung er die Föderationsgesellschaft ins Chaos zu stürzen und die Revolution einzuleiten hofft.
Voice From the Past war das erste Drehbuch, das Roger Parkes zu Blake's 7 beisteuerte. Am Anfang von Parkes' Karriere hatte ein Beitrag zu The Prisoner (1967) gestanden, und mit Terry Nation hatte er schon bei Survivors (1976/77) zusammengearbeitet. Auch war er eine Zeit lang Script Editor der Anthologienserie Out of the Unkown (1969-71) gewesen, u.a. für eine Cyril M. Kornbluth (The Little Black Bag) und eine John Brunner (The Last Lonely Man) - Adaption. Kein Neuling im SciFi-Metier also.
In seiner Komposition wirkt Parkes' Script zwar etwas unausgewogen. So nimmt der Eröffnungsteil, der für sich genommen durchaus interessant ist, im Vergleich zur eigentlichen Haupthandlung deutlich zu viel Zeit in Anspruch. Aber davon einmal abgesehen hält die Episode das hohe Niveau ihres Vorgängers Countdown und lässt einen recht zuversichtlich auf den abschließenden Teil der Staffel vorausschauen.
Zum dringend benötigten Abbau von Stress versucht es die Gang unter Callys Anleitung einmal mit Space Yoga. Das Resultat ist nicht unbedingt vielversprechend.
Blake glaubt plötzlich, einen seltsamen, vibrierenden Ton zu hören, der aus dem Nichts zu kommen scheint. Wenig später begibt er sich auf die Brücke und ändert eigenmächtig den Kurs der Liberator. Als die anderen davon Wind bekommen, dass die Reise nicht länger zu dem paradiesisch anmutenden Planeten Del Ten, sondern zu irgendeinem Asteroiden mit einer seit langem aufgegebenen Bergwerksstation gehen soll, reagieren sie entsprechend ungehalten. Blake kehrt das autoritäre Arschloch heraus: "I command this ship", So recht beeindrucken tut dies allerdings niemanden. Jenna: "You lead. We don't take commands." Die Kurskorrektur wird aufgehoben.
Freilich muss selbst Avon eingestehen, dass dieses Verhalten für Blake denn doch etwas ungewöhnlich ist. Also versucht er zusammen mit Cally herauszufinden, was vor sich geht.
So wie es aussieht, hat es irgendwer geschafft, auf telepathische Weise einen psychischen Trigger auszulösen, der Blake während seiner Verhöre und Folterungen von der Föderation eingepflanzt wurde. Cally weiß zwar zu berichten, dass man auf ihrer Heimat Auron mit Techniken zur Fernübertragung telepathischer Botschaften herumexperimentiert hat, aber wirklich hilfreich ist diese Information nicht. Sicher scheint bloß, dass Blake nicht mehr Herr seiner selbst ist, weshalb man ihn auf einem Stuhl festschnallt.
Doch es dauert nicht lange und der gefesselte Blake hat Vila davon überzeugt, dass die Situation in Wahrheit ganz anders aussähe. Tatsächlich seien Avon und Cally dabei, die Liberator zu kapern und wollten ihn deshalb loswerden.
Nun mag unser sympathischer Feigling und Langfinger nicht der hellste Kopf in der Milchstraße sein, aber wie schnell Blake ihn herumkriegt, könnte dennoch etwas unglaubwürdig wirken. Tatsächlich jedoch macht sein Verhalten durchaus Sinn. Dass Avon am liebsten das Kommando übernehmen würde, dürfte unter der Crew inzwischen kein Geheimnis mehr sein. Und dass Vila keine sonderlich hohe Meinung von dem arroganten Computergenie hat und ihm eine solche Intrige jederzeit zutrauen würde, ist nur zu verständlich, behandelt ihn dieser doch selten anders als mit Spott und Verachtung. Auch deutet Blake an, Cally und Avon seien ein Paar. Das stimmt zwar nicht, aber zwischen den beiden hat von Anfang an eine Art von Intimität geherrscht, die bisweilen sehr wohl leicht erotisch-romantische Untertöne besitzt. Auch das also nicht so weit hergeholt. Klugerweise stellt Blake Jenna, der sich Vila vermutlich am nächsten fühlt, als ein unschuldiges Opfer der Manipulationen des Schurkenpärchens dar.
Wie dem auch sei. Jedenfalls setzt Vila den Rest der Crew in ihrer Kabine fest und steuert die Liberator erneut zu dem Asteroiden. Dort sollen die "Meuterer" nach Blakes Willen ausgesetzt werden. Zuvor will er sich allerdings vergewissern, dass das Lebenserhaltungssystem in dem alten Minenkomplex noch funktioniert und teleportiert auf die Oberfläche. Als kurz darauf die Funkverbindung abbricht, bekommt Vila sehr schnell kalte Füße und wendet sich hilfesuchend an seine gefangengesetzten Kameraden. Die ganze "Verräter" - Geschichte kommt ihm plötzlich doch nicht mehr so glaubhaft vor.
Und das ist der Punkt, an dem die eigentliche Story beginnt.
Blake wird auf dem Asteroiden von einer kleinen Gruppe von Verschwörern empfangen, zu der nicht nur der totgeglaubte Freiheitskämpfer Shivan gehört, der aufgrund zahlloser Verletzungen eher wie eine wandelnde Mumie aussieht, sondern überraschenderweise auch Ven Glynd (Richard Bebb), ehemaliger General Arbiter (~Oberster Richter) der Föderation. Glynd war einer der Politiker, die in der Pilotfolge The Way Back den Schauprozess gegen Blake organisieren, wurde damals allerdings nicht von Bebb, sondern von Robert James gespielt. Im Geheimen schon immer ein Dissident, ist er nun endgültig in den Untergrund gegangen. Allerdings nicht ohne einen ganzen Stapel von Akten mitgehen zu lassen, die den unwiderlegbaren Beweis für all die verbrecherischen Machenschaften Servalans enthalten. Diese Informationen sollen von Gouverneurin Le Grand (Frieda Knorr) auf einer bevorstehenden Versammlung aller Gouverneure der Föderationskolonien bekannt gemacht werden, was zum Sturz der Obersten Befehlshaberin und zur Wiederherstellung der Demokratie führen werde. Das zumindest ist die Geschichte, die man Blake erzählt.
Dieser ist sofort Feuer und Flamme. Endlich scheint sich eine realistische Chance eröffnet zu haben, das Regime zu stürzen. Avon und Cally bleiben jedoch misstrauisch. Dass die Verschwörer Blake telepathisch manipuliert haben, um das Treffen zu arrangieren, ist unbestreitbar und wird von diesen auch gar nicht geleugnet. Wer sagt, dass sie ihn nicht auch weiterhin kontrollieren?
Dennoch befindet sich die Liberator schon bald auf dem Weg nach Atlay, wo Le Grand auf sie wartet und die Versammlung der Gouverneure zusammentreten soll.
Was mir an Voice From the Past so gut gefällt, ist der Abstecher ins Reich politischer Intrigen.
Blake's 7 hat die Föderation nie als ein monolithisches "Reich des Bösen" dargestellt, sondern immer als ein ursprünglich bürgerlich-demokratisches Regime, das sich Schritt für Schritt in eine faschistische Diktatur verwandelt hat. Selbst in der Armee finden sich noch integre Persönlichkeiten wie Fleet-Warden General Samor aus Trial, und die Revolutionärin Kasabi aus Pressure Point war sogar selbst einmal Ausbilderin an der Militärakademie. Auch wissen wir, dass in der Elite ständige Machtkämpfe zwischen unterschiedlichen Fraktionen und besonders ehrgeizigen Individuen wie Servalan toben. Bislang stand die Liberator - Crew stets außerhalb dieser Kämpfe und Intrigen. Zwar diente die "Blake - Affäre" den Gegnern der Obersten Befehlshaberin stets als ein Mittel, um ihre Position zu untergraben, aber bislang hatte keiner von ihnen versucht, Blake selbst als Waffe gegen Servalan zu verwenden. Nun ist es soweit.
Die Verschwörer um Le Grand und Ven Glynd sehen in dem inzwischen legendären Freiheitskämpfer eine nützliche Symbolfigur, die verhindern soll, dass Servalans geplanter Sturz zum Auslöser für gewaltsame Unruhen wird. Seine Autorität soll zugleich dabei helfen, die Macht der neuen Führung zu konsolidieren. Denn auch wenn viel von einer Rückeroberung der Freiheit die Rede ist, wird doch klar, dass nach dem Fall der Obersten Befehlshaberin ein Triumvirat die Macht übernehmen soll, bestehend aus Blake, Le Grand und Shivan.
Die beiden Führer der Verschwörung sind sehr unterschiedliche Charaktere.
Frieda Knorr als Le Grand hinterlässt leider einen alles andere als überzeugenden Eindruck. Jede ihrer Zeilen wirkt so, als lese sie sie von einem Teleprompter ab, derweil sie ihr Gesicht zu einem krampfhaft bemühten Lächeln verzieht. Im Nachhinein habe ich mich allerdings gefragt, ob es sich dabei um eine bewusste schauspielerische Entscheidung gehandelt haben könnte? Nicht Knorr ist eine schlechte Schauspielerin, sondern Le Grand? Die Gouverneurin ist im Herzen zu naiv für dieses Intrigenspiel. Ihre "Liebe zur Freiheit" scheint ehrlich, aber mehr ein Gefühl als ein politisches Programm zu sein. Die Konspiration verfolgt handfeste machtpolitische Ziele und bedient sich recht zweifelhafter Methoden, aber in Le Grands Fantasie ist sie ein heroischer Kampf für die "Freiheit". Als der Staatsstreich schließlich scheitert, wirkt sie denn auch weniger wie eine Politikerin, der eine Niederlage beigebracht wurde, sondern eher wie jemand, dem man einen hübschen Traum kaputt gemacht hat. Da ist es vielleicht gar nicht so unpassend, dass sie zuvor den Eindruck einer wenig überzeugenden Phrasendrescherin gemacht hat.
Ganz anders Ven Glynd, das eigentliche Hirn der Verschwörung. Der Mann ist ein Meister des Intrigenspiels, der die naive Le Grand und den zu einer Marionette degradierten Blake benutzen will, um zur grauen Eminenz hinter dem "revolutionären" Triumvirat zu werden. Er weiß ganz genau, dass seine Position innerhalb der Konspiration unangreifbar ist, da der Coup ohne die Dokumente über Servalans Verbrechen, die sich in seinem Besitz befinden, nicht die geringste Erfolgschance hat. Weshalb er seine Ambitionen dem misstrauischen Shivan gegenüber auch gar nicht groß zu verhehlen versucht.
Apropos Shivan: Ich nehme an, meine Leserinnen und Leser können sich denken, wer zum Vorschein kommt, als dessen Mumienmaske schließlicht fällt ...
Am Ende von Voice From the Past hat sich die Hoffnung auf einen friedlichen Umsturz als Illusion erwiesen, und Blake konzentriert sich einmal mehr ganz auf die Suche nach "Star One", mit dessen Zerstörung er die Föderationsgesellschaft ins Chaos zu stürzen und die Revolution einzuleiten hofft.
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