"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 6. Mai 2015

Die bleibende Herausforderung des Orson Welles




Orson Welles, dessen einhundertsten Geburtstag wir heute feiern können, ist ohne Zweifel einer der großen Titanen der internationalen Filmkunst. In meinem persönlichen Pantheon der Regisseure besitzt er einen festen Platz im allerhöchsten Rang – sozusagen im cineastischen Empyreum. Und anders als etwa Robert Altman, Abbas Kiarostami oder Jafar Panahi, die ich in erster Linie für einen zeitlich klar abgrenzbaren Teil ihres Oeuvres verehre {die 70er; die 90er; die 90er und frühen 2000er), gehört meine Bewunderung bei ihm dem gesamten Werk sowie der mächtigen, leidenschaftlichen, genialen Künstlerpersönlichkeit, die sich in ihm ausdrückt.

Mich wirklich eingehend mit Orson Welles oder auch nur einem einzigen seiner Filme auf diesem Blog auseinanderzusetzen, dazu fehlt mir nicht nur die Zeit und Kraft, sondern vor allem auch der nötige Mut. Und so werde ich mich auf einen einzigen Punkt beschränken, der mir allerdings sehr wichtig erscheint.

Anlässlich seines Geburtstages werden heute vermutlich unzählige Artikel erscheinen, die Welles in glühenden Worten als einen großen Künstler und als eine der bedeutendsten Figuren in der Geschichte des Kinos feiern. Doch schaut man auf die letzten Jahrzehnte zurück, so zeigt sich sehr schnell, dass große Teile der offiziellen Intelligenzija in Amerika wie in Europa ein äußerst zwiespältiges Verhältnis zu dem Filmemacher haben. 

Sein unbezweifelbares Genie wird zwar nie geleugnet und Citizen Kane gilt bei vielen immer noch als "der beste Film aller Zeiten", was freilich oft mehr wie die Wiederholung einer durch die Tradition geheiligten Formel und weniger wie ein Ausdruck ehrlicher persönlicher Wertschätzung wirkt. Doch zur gleichen Zeit wird von vielen immer wieder ein leicht verächtliches und ziemlich negatives Bild von Welles gezeichnet: Er sei ein rücksichtloser und größenwahnsinniger Egoist gewesen, stets bereit, alles und jeden seinem eigenen Ehrgeiz zu opfern, nur um durch seine blinde Selbstverliebtheit schließlich die eigene Karrier zu zerstören und als gescheiterter Künstler mit einer Unzahl unvollendeter Projekte zu enden.
Dieses Bild findet sich mehr oder weniger deutlich in Benjamin Ross' RKO 281 (1999), Tim Robbins' The Cradle Will Rock (2000) und Richard Linklaters Me and Orson Welles (2010). Filmhistoriker und Welles-Experte Joseph McBride führt in einem Interview aus dem Jahr 2009 weitere Beispiele an:
The actor Vincent D’Onofrio made a little film [Five Minutes, Mr. Welles (2005)] in which he also stars as Welles working on The Third Man, and again he plays him as an egomaniac. At the Locarno film festival a few years ago, I saw another short film that had Welles as a Faust figure being tempted by Mephistopheles, represented by the African-American actor Jack Carter, who played the lead in his “Negro Macbeth.” Welles makes a deal where he sells his soul for success, winds up damned and all that. It was ridiculous. I said to the filmmaker: why did you feel the need to claim that Welles sold his soul to the devil? He couldn’t answer, so I think he just picked up what’s in the air about Welles without thinking.
Einer gelungenen Einschätzung von Person und Bedeutung des großen Filmemachers am nächsten kommt vielleicht noch Tim Burton mit jener kurzen Szene in Ed Wood (1994), wenn sich der "mieseste Regisseur aller Zeiten" und der Schöpfer des "besten Films aller Zeiten" zufällig in einer Kneipe begegnen: Zwei Künstler, die unterschiedlicher kaum sein könnten, und die doch eines verbindet – der ungebrochene Wille gegen alle Widerstände ihre eigenen Visionen zu realisieren.

Warum Welles in den Köpfen so vieler Künstler und Intelektueller unserer Zeit offenbar zu einer Karrikatur seiner selbst geworden ist, hat sicher eine Reihe von Gründen. Die nachwievor sehr stark von allgemeinem Pessismus und Zynismus geprägte Atmosphäre, die es nahelegt, sich stets auf die Schwächen und nicht auf die Stärken großer Persönlichkeiten der Vergangenheit zu konzentrieren. Die mit der ungebrochenen Vorherrschaft von Identitätspolitik und "Political Correctness" einhergehende Fixierung auf das "Persönliche", das als die eigentliche Sphäre des "Politischen" verstanden wird, unter gleichzeitiger Ausblendung des weiteren gesellschaftlichen Kontextes. Der erschreckende Mangel an historischem Verständnis in weiten Teilen der Intelligenzija usw. 
Doch der wichtigste Grund scheint mir anderswo zu liegen: Welles muss in mancherlei Hinsicht fremd und unverständlich auf den Großteil der heutigen Filmemacher und Intellektuellen wirken. Kritiker David Walsh hat einmal über ihn geschrieben:
No one in cinema besides Welles continued to work over in such a serious manner the themes of personal and social morality and corruption and the temptations of power and greatness as they played themselves out under the specific conditions of the 1950s and 1960s (in Macbeth, Othello, Touch of Evil, Mr. Arkadin, The Trial and Chimes at Midnight). There is something heroic about Welles's efforts in a time of reaction and conformism to persevere in making critical and personal films.
Wo ließe sich in der heutigen Filmwelt eine vergleichbare künstlerische Integrität finden? Wer von den heutigen Regisseuren & Regisseurinnen wäre bereit, auf ähnliche Weise seine Karriere in Hollywood dem Verfolgen der eigenen filmerischen Visionen zu opfern? Und vielleicht noch wichtiger: Wer im heutigen Mainstream- oder Indie-Kino verfügt über Visionen, die ein solches Opfer rechtfertigen würden?

Verantwortlich für diese Situation sind weniger die individuellen Künstler & Künstlerinnen, als vielmehr die allgemeinen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Orson Welles war ohne Zweifel mit einem immensen Talent gesegnet und verfügte über eine sehr starke und eigenwillige Persönlichkeit, doch fand er zumindest am Anfang seiner Karriere außerdem eine gesellschaftliche Atmosphäre vor, die seiner künstlerischen Entwicklung äußerst zuträglich war. 
Seine Arbeiten am Theater – der "schwarze" Macbeth (1935), die Inszenierung von Marc Blitzsteins "proletarischem" Musical The Cradle Will Rock (1937), der im faschistischen Italien angesiedelte Julius Caesar (1937) – waren Teil einer allgemeineren künstlerischen und politischen Radikalisierung. Welles bewegte sich zu dieser Zeit in Kreisen, die sehr stark von sozialistischen und revolutionären Ideen beeinflusst waren. Und auch wenn er selbst nie einer politischen Partei beitrat und für Agitprop und "didaktische" Kunst nur wenig übrig hatte, teilte er doch viele der Überzeugungen seiner Freunde und Kollegen. Nur vor diesem Hintergrund lässt sich sein furioses Filmdebüt Citizen Kane wirklich verstehen. 
Im April 1941 legte das FBI eine Akte über Welles an, die bis 1956 auf über 200 Seiten anwachsen sollte. Sein Name gelangte auch auf den berüchtigten "Security Index" – die Liste "subversiver Elemente", welche nach dem Willen von FBI-Boss J. Edgar Hoover im Falle einer "nationalen Krise" in Internierungslager wandern sollten. Joseph McBride hat überzeugend dargelegt, dass Welles während der McCarthy-Ära auf die Schwarzen Listen gelangte und seine Übersiedelung nach Europa 1947 vermutlich in diesem Kontext gesehen werden muss.
Was Welles von den meisten im Zuge der Großen Depression radikalisierten Künstlern und Intellektuellen unterschied, war, dass er auch nach dem brutalen reaktionären Umschwung der späten 40er und 50er Jahre zu keinerlei Kompromissen bereit war. Unbeirrt setzte er fort, was er in den 30er Jahren begonnen hatte.

Orson Welles' angebliche Egomanie verdient noch aus einem anderem Grund eine etwas differenziertere Betrachtung als heute sehr oft üblich. Andrew Sarris schreibt in seinem klassischen Buch The American Cinema: 
The Wellesian persona looms large in Wellesian cinema. Apart from The Magnificient Ambersons, in which his presence was exclusively vocal narration, every Welles film is designed around the massive presence of the artist as autobiographer. Call him Hearst or Falstaff, Macbeth or Othello, Quinlan or Arkadin, he is always at least partly himself, ironic, bombastic, pathetic, and, above all, presumptuous. [...]*
Als direkte Antwort auf diese Passage finden wir in David Walshs äußerst lesenswertem Essay Touch of Evil: That Ticking Noise in Our Heads folgende Überlegungen:
These points are no doubt true, but I think they miss something essential. [...]  
Welles, it seems to me, brings out both the necessity of corruption, its inevitability given the nature of contemporary society, and at the same time, its non-necessity. [...] He is fascinated above all by the human personality and its almost infinite capacities. His concern with his own personality, although not untouched by self-aggrandizement, is of a relatively objective character. He studies himself, his responses to people and events, his progress, even his own degeneration, as a scientist-artist-autobiographer, and presents his results in the form of the characters he creates.   
I think Welles, like an Oscar Wilde, was not so much enamored of his own powers, as he was deeply concerned by the problem of engendering such powers in others, so that the general public could "make itself artistic." There is a deeply democratic streak in his work. He believed that everyone could feel what he felt, see what he saw. [...] 
I think Welles was deeply disturbed and intrigued by the degree to which breadth of personality tends to be bound up in the present social order with corruption and moral depravity. So many of his works seem to involve a tragic acceptance that one can't be grand and ambitious in this world without doing evil.
"The less you are, the more you have; the less you express your own life, the greater is your alienated life – the greater is the store of your estranged being." This is Marx on Welles's characters, or it might as well have been. For all of his protagonists – Kane, Arkadin, Quinlan – the piling up of success or power at one pole inevitably involves a psychic and sexual shriveling up at the other. 
Welles is not moralizing. It's the human cost, the waste that drives him crazy. It's the disproportion between the capacities of his heroes and the pettiness of their actual pursuits and accomplishments – accumulating money, power, fame – that wounds him to the quick.
Blicken wir am heutigen Tag zurück auf Orson Welles und sein Werk, so zeigt uns dies zugleich wie miserabel es um das Kino heutzutage bestellt ist, als auch welch großartiges Potential in dieser Kunstform steckt. Welles schuf den Großteil seines Werkes unter den Bedingungen einer von Reaktion und Konformismus geprägten Zeit. – Welch großartige Früchte wird die Filmkunst erst hervorbringen, wenn sie sich endlich in einem ihr günstigen Klima entfalten darf!


* Andrew Sarris: The American Cinema. Directors and Directions 1929-1968. S. 78ff.

Montag, 4. Mai 2015

À cause du sommeil et à cause des chats


No decided action or sharp personal effort would be 
looked for from him. It was the very reverse of the 
train. He walked quietly out into the street feeling 
soothed and peaceful. He realised that he was in 
a milieu that suited him and stroked him the 
right way. It was so much easier to be obedient. 
He began to purr again, and to feel that all the 
town purred with him.

Algernon Blackwood: Ancient Sorceries


H.P. Lovecraft, der selbst ein überzeugter Materialist und leidenschaftlicher Verächter aller Formen des Mystizismus war, schreibt in seinem berühmten Essay Supernatural Horror in Literature,
dass Okkultisten das Gespenstische und Phantastische wohl weniger wirkungsvoll beschreiben können als Materialisten, da ihnen die Geisterwelt so real vorkommt, dass sie sich mit geringerer Ehrfurcht und Distanziertheit sowie weniger eindrucksvoll darauf beziehen als jene, die darin eine absolute und ungeheuerliche Verletzung der natürlichen Ordnung erblicken.*
Erstaunlicherweise zählt der alte Gentleman in demselben Essay eben einen solchen Okkultisten zu den vier modernen Großmeistern des Genres: Algernon Blackwood.

Am 14. März 1869 in Shooter's Hill / Kent als Sohn des späteren "Secretary of the Post Office" Sir Stevenson Arthur Blackwood geboren, wuchs der spätere Schriftsteller in einem geistig sehr engen, von extremem Calvinismus geprägten Umfeld auf. Mit sechzehn Jahren schickten ihn seine Eltern nach Königsfeld im Schwarzwald, wo er eine Zeit lang die Schule der Herrenhuter Brüdergemeine besuchte.
Auf Dauer musste diese stickige Atmosphäre dem sensiblen jungen Mann immer unerträglicher werden. Das Bemühen, ihr zu entkommen, führte ihn schließlich dazu, sich dem religiösen Schrifttum des alten Indien, der Philosophie des Vedanta, der Bhagavad Gita, der buddhistischen Sutren zuzuwenden. Doch wie so viele Europäer und Amerikaner dieser Ära, die ihr Heil im "Licht aus dem Osten" zu finden versuchten, erreichten auch ihn diese mystischen Lehren nicht in ihrer originären Form, sondern vermittelt über die synkretistische Heilslehre der Theosophie, die Helena Blavatsky im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts geschaffen hatte.
Der zweite Fluchtweg führte Blackwood hinaus in die Natur – zuerst in den Schwarzwald, später u.a. in die Alpen, das Tal der Donau und die wilden Wälder Kanadas.
In Blackwoods Weltsicht und Empfinden kam es zu einer gegenseitigen Befruchtung und partiellen Verschmelzung dieser beiden Pfade der Befreiung oder Rebellion. An ihrem Ende stand eine eigentümliche Form des Pantheismus, in der das Numinose und die Natur zu einer Art Einheit geworden waren, die im Menschen sowohl Ehrfurcht und Sehnsucht als auch Beunruhigung und Schrecken hervorrufen kann.
Nach einigem Hin und Her machte sich Algernon Blackwood 1890 nach Kanada auf. Versuche eine Kariere als Farmer oder Hotelier zu beginnen, scheiterten schon sehr bald. Noch frustrierender müssen seine Erfahrungen in New York gewesen sein, wo er sich als Journalist zu etablieren versuchte, nur um von einem Bekannten betrogen und ausgeplündert zu werden. Erst 1895, als er von der New York Times engagiert wurde, gelang es ihm endlich, eine finanziell einigermaßen abgesicherte Existenz zu gründen. Zwar Jahre später begann er als Privatsekretär für den Bankier James Speyer zu arbeiten.
Parallel zu diesen wenig erfreulichen Abenteuern verfolgte er weiterhin seine beiden Fluchtwege. Noch in Europa war er der Theosophischen Gesellschaft beigetreten und wurde 1891 zu einem der Mitbegründer der ersten kanadischen Loge in Toronto. Daneben zog es ihn immer wieder für längere Zeit hinaus in die Wildnis von Kanada oder Upstate New York zum Jagen, Fischen, Kanufahren. James Machin schreibt in seinem bei Weird Fiction Review veröffentlichten Essay:
By his late thirties he had acquired the deeply tanned and lived-in skin of the trapper, a sun-lightened and piercing gaze, and a skill at expertly holding the listeners’ attention with a hunting anecdote or an allegedly authentic ghost story, or the combination thereof upon which his reputation as an acknowledged master was eventually built.
Irgendwann allerdings konnte Blackwood das korrupte Milieu von New York mit den prinzipienlosen politischen Machinationen der Bosse von Tammany Hall und der nicht weniger prinzipienlosen Profitgier der Wall Street - Magnaten einfach nicht mehr länger ertragen. "I seemed covered with sore and tender places into which New York rubbed salt and acid every hour of the day".** 1890 kehrte er nach England zurück.
Im darauffolgenden Jahr trat er dem "Hermetic Order of the Golden Dawn" bei – jener berühmten okkulistischen Vereinigung, die zu ihren Mitgliedern u.a. auch William Butler Yeats, Arthur Machen und Aleister Crowley zählte. Ungefähr zur selben Zeit begann er mit dem Verfassen unheimlicher und phantastischer Geschichten. Eher durch Zufall gelangten einige von ihnen schließlich in die Hände der Verlegerin Eveleigh Nash, die einige Jahre später übrigens auch William Hope Hodgsons magnum opus The Night Land und seinen Carnacki, the Ghost-Finder veröffentlichen sollte. 1906 erschien der erste Band mit unheimlichen Erzählungen von Algernon Blackwood unter dem Titel The Empty House and Other Ghost Stories. Ihm folgte 1907 The Listener and Other Stories, die u.a. auch die wohl berühmteste Erzählung des Autors – The Willows – enthielt. Die dritte Anthologie John Silence – Physician Extraordinaire "was promoted by an innovative advertising campaign which saw the beatific gaze of that most pleasant of occult detectives emanating from vast advertising hoardings across London"***, und wurde zu einem so großen Erfolg, dass Blackwood die Schriftstellerei endgültig zu seinem Hauptberuf machen und sich 1908 in der Schweiz niederlassen konnte.
Sein Interesse am Okkulten blieb auch in späteren Jahren ungebrochen. So besuchte er z.B. in den 20er Jahren die Prieuré des Basses Loges in Fontainebleau, wo die russischen Gurus Gurdjieff und Uspenski eine Schar von Jüngern um sich geschart hatten, und trat in den 30er Jahren dem Londoner "Ghost Club" bei, der sich der Erforschung des "Paranormalen" verschrieben hatte.

In großen Teilen von Algernon Blackwoods literarischem Werk finden sich sehr deutliche Spuren sowohl von seiner ebenso intensiven wie zwiespältigen Beziehung zur Natur, als auch von seinen okkultistischen Überzeugungen. Er selbst hat einmal erklärt:
My fundamental interest, I suppose, is signs and proofs of other powers that lie hidden in us all; the extension, in other words, of human faculty. So many of my stories, therefore, deal with extension of consciousness; speculative and imaginative treatment of possibilities outside our normal range of consciousness. ... Also, all that happens in our universe is natural; under Law; but an extension of our so limited normal consciousness can reveal new, extra-ordinary powers etc., and the word "supernatural" seems the best word for treating these in fiction. I believe it possible for our consciousness to change and grow, and that with this change we may become aware of a new universe. A "change" in consciousness, in its type, I mean, is something more than a mere extension of what we already possess and know.
Doch während u.a. so großartige Erzählungen wie The Willows und The Wendigo beredtes Zeugnis dafür ablegen, dass sich Blackwoods eigenwilliger Pantheismus als literarisch äußerst fruchtbar erweisen konnte, lässt sich dasselbe meiner Meinung nach nur mit Vorbehalten über seinen Okkultismus sagen. Meine Gründe für diese Einschätzung sehen allerdings etwas anders aus als die von H.P. Lovecraft.
Bei aller Sehnsucht nach dem Numinosen und Übersinnlichen haftet dem modernen Mystizismus doch sehr oft etwas pseudorationalistisches an. Seine Gründer & Gründerinnen entstammten sämtlichst einem von Aufklärung und Wissenschaft geprägten Milieu, und wie groß ihr Abscheu vor der "Seelenlosigkeit" der modernen Zivilisation auch immer war, nie gelang es ihnen, dieses Erbe völlig abzuschütteln. So kleideten sie ihre Überzeugungen sehr oft in pseudowissenschaftliche Formen und priesen sie als eine Verschmelzung "uralter Weisheiten" und "moderner Erkenntnisse" an. Madame Blavatskys The Secret Doctrine – die schmerbäuchige "Bibel" der Theosophie – ist dafür ein ausgezeichnetes Beispiel. Fließen Elemente dieses modernen Mystizismus in phantastische Erzählungen ein, so kommen dabei nicht selten Passagen heraus, die merkwürdig trocken und prosaisch wirken. Da wird dann das Übernatürliche auf geradezu pedantische Weise zergliedert, klassifiziert und erläutert, was für die Atmosphäre der Geschichte ähnlich fatale Folgen haben kann, wie irgendwelche rationalistischen Erklärungen à la Ann Radcliffe, mit denen der ganze Spuk am Ende auf irgendwelche mundanen Tricks zurückgeführt wird. Pseudowissenschaftlich zerpflückt und in ein eindeutig formulierbares Regelwerk gezwängt verliert das Phantastische sehr viel an Faszinationskraft.
Leider findet sich Vergleichbares auch bei Algernon Blackwood immer mal wieder, und seine John Silence - Stories bilden da keine Ausnahme.

John Silence gilt nach Sheridan Le Fanus Dr. Hesselius als eine der frühesten Verkörperungen des "okkulten Detektivs". Anders als sein unmittelbarer Nachfolger Carnacki, in dem der Typus seine erste "klassische" Ausformung fand, ist er freilich noch kein Detektiv oder Geisterjäger im eigentlichen Sinne, sondern ein Arzt mit einer besonderen Vorliebe für Krankheitsfälle
of that intangible, elusive, and difficult nature best described as psychical afflictions; and, though he would have been the last person himself to approve of the title, it was beyond question that he was known more or less generally as the “Psychic Doctor.”****
Mit einer besonderen Sensibilität für alles Okkulte begabt, die er in fünf Jahren voller geheimnisvoller Studien und Experimente aufs Äußerste geschärft und fokussiert hat, bemüht sich der zutiefst humane Doktor, all jenen zu helfen, deren geistige und körperliche Gesundheit von den mysteriösen Mächten jenseits der sichtbaren Welt bedroht wird. Anders als etwa Carnacki bedient er sich dabei keiner technischen oder magischen Hilfsmittel, sondern ausschließlich seines tiefen Verständnisses für die menschliche Psyche und seiner unerschütterlichen Geisteskraft. Es mag deshalb auch nicht verwundern, dass Ancient Sorceries – die Story, mit der wir uns jetzt kurz beschäftigten wollen – weniger wie die Schilderung eines Kriminalfalls, sondern eher wie das Protokoll eines Patientengesprächs oder einer psychotherapeutischen Sitzung wirkt.

In seinem kurzen Essay The Tale of Macrocosmic Horror schreibt Clark Ashton Smith,
In authors such as Algernon Blackwood and Walter de la Mare, it seems to me that the accent is primarily on human character. But in their work (at least, in any of it that I have read) one fails to find the highest imaginative horror, the overwhelming sweep of black, gulf-arisen wings, such as is conveyed in the best tales of Ambrose Bierce, Poe and H. P. Lovecraft, where human character is treated more briefly and subversively.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mich dieser Einschätzung in ihrem zweiten Teil anschließen würde, aber dass die menschlichen Charaktere, ihre psychischen Eigenheiten und ihre Empfindungen, bei Blackwood eine sehr viel zentralere Rolle spielen als etwa bei Lovecraft, ist ohne Zweifel richtig. Doch macht für mich gerade das den besonderen Reiz von Geschichten wie Ancient Sorceries aus.

Arthur Vezin ist ein unauffälliger und äußerst schüchterner Mann in den mittleren Jahren –  "a timid, gentle, sensitive soul, rarely able to assert himself, tender to man and beast, and almost constitutionally unable to say No, or to claim many things that should rightly have been his." In der Gesellschaft energischer auftretender Menschen fühlt er sich ausgesprochen unwohl, weckt deren Verhalten doch jedesmal ein Gefühl von Scham und Minderwertigkeit in ihm. Sollte nicht auch er ein vergleichbares Durchsetzungsvermögen an den Tag legen können? Doch nein, stattdessen lässt er sich wie willenlos herumschubsen und verkriecht sich in irgendeinen Winkel! Kurz gesagt, der gute Mr. Vezin leidet an tiefen Minderwertigkeitskomplexen, verstärkt vielleicht noch durch das Gefühl, nicht "männlich" genug zu sein. {Er ist ein in die Jahre gekommener Junggeselle, der mit seiner gleichfalls unverheirateten Schwester zusammenlebt, und die Story deutet zumindest an, dass er in seinem ganzen Leben keine einzige sexuelle Beziehung gehabt hat.}
Als er sich auf der Rückfahrt von einem Frankreichurlaub von einer ganzen Schar lauter und ziemlich vulgärer englischer Touristen umgeben sieht, überkommt ihn auf einmal das übermächtige Verlangen, den Zug in einem kleinen französischen Städtchen zu verlassen. Und tatsächlich macht die mittelalterlich anmutende Ortschaft mit ihrer alten Kathedrale und ihren verwinkelten Gässchen zuerst einmal einen beinah paradiesischen Eindruck auf ihn. Hier muss er kein Durchsetzungsvermögen an den Tag legen. Niemand zwingt ihn, eigene Entscheidungen zu fällen. Er muss nichts weiter tun, als sich ganz der verschlafenen, beinah unwirklich und zeitlos anmutenden Atmosphäre des Ortes hinzugeben.
Ganz großartig gelingt es Algernon Blackwood, den verführerischen Zauber dieser kleinen Stadt fühlbar zu machen. Bald schon allerdings mischt sich in das idyllische Bild ein Element des Unheimlichen und Verstörenden. Ähneln der Ort und seine Bewohner nicht einer scheinbar ganz friedvoll vor sich hin schlummernden Katze, die in Wirklichkeit hellwach ist und nur auf den geeigneten Augenblick wartet, um sich auf ihr argloses Opfer zu stürzen?

Die besondere Qualität dieser Geschichte besteht aus dem Zusammenspiel zwischen der zwar nur in wenigen Strichen, aber dennoch äußerst sensibel gezeichneten Persönlichkeit des Protagonisten und der traumartigen Atmosphäre des geheimnisvollen Städtchens. Die finstere Verführung, der Mr. Vezin am Ende beinah anheimfällt, spiegelt seine eigenen Unsicherheiten und unterdrückten Sehnsüchte wider. In dieser Hinsicht bewies Lovecraft großes Feingefühl, wenn er über Algernon Blackwoods erzählerisches Talent schrieb:
Er begreift mehr als jeder andere, wie vollständig einige empfindsame Gemüter ewig im Grenzland der Träume verweilen und wie gering der Unterschied zwischen jenen Bildern ist, die auf realen Objekten basieren, und jenen, die durch das Spiel der Phantasie erzeugt werden.***** 
Oder wie Blackwood selbst in Ancient Sorceries über die wachsende Furcht seines Protagonisten schreibt: "Of course it was nonsense, but then it haunted him, and once an idea begins to do that it ceases to be nonsense. It has clothed itself in reality." Nicht zufällig besteht die Gefahr, in der viele von Blackwoods Protagonisten schweben, in dem drohenden Verlust des eigenen Ich.
Um so ärgerlicher muss es freilich wirken, wenn wir am Ende von Ancient Sorceries aus dem Munde von Dr. John Silence erfahren, dass Verzins verstörendes Abenteuer letztenendes auf Reinkarnation und irgendwelche überlappenden Zeitsphären zurückzuführen sei. Solche läppischen, "esoterischen" Erklärungen, vorgetragen in einem trockenen, "akademischen" Tonfall zerstören unglücklicherweise etwas von dem faszinierenden Zauber der bis dahin äußerst kunstvoll gewobenen Erzählung und hinterlassen einen etwas schalen Nachgeschmack.



* H..P. Lovecraft: Das übernatürliche Grauen in der Literatur. S. 133.
** Zit. nach: Donald Clarke: Algernon Blackwood.
*** James Machin: Strange Wilderness in "The Willows". 
**** Algernon Blackwood:  A Psychical Invasion.
***** H..P. Lovecraft: Das übernatürliche Grauen in der Literatur. S. 151.

Sonntag, 3. Mai 2015

Strandgut der Woche

Dienstag, 28. April 2015

"You have opened the door to hell and invited the devil into England"

Wie ich vor über zwei Jahren hier schon einmal ausführlich beschrieben habe, hat mich Susanna Clarkes Roman Jonathan Strange & Mr. Norrell seinerzeit eher etwas entäuscht. Was mich besonders stark an dem Buch irritierte, war das in meinen Augen falsche oder zumindest sehr undifferenzierte Verständnis der geschichtlichen Entwicklung Englands im beginnenden 19. Jahrhundert, das sich in ihm ausdrückte. Während die Ära, in der die Geschichte von den beiden rivalisierenden Magiern angesiedelt ist, in Wirklichkeit von heftigen gesellschaftlichen Kämpfen geprägt war, zeichnet Susanna Clarke das Bild einer weitgehend statischen Gesellschaft, in die Unruhe und Chaos von außen (durch den " Gentleman with the thistle-down hair") hineingetragen werden. Doch auch wenn ich nicht in den Chor der Bewunderer, die das Buch zu einem der bedeutensten Werke der phantastischen Literatur unserer Zeit erklärt hatten, einzustimmen vermochte, war es doch ohne Frage auch für mich eine angenehme, unterhaltsame und interessante Lektüre gewesen.

Als mir zum ersten Mal zu Ohren kam, dass die BBC dabei sei, aus Jonathan Strange & Mr. Norrell eine TV-Serie zu machen, ließ mich diese Nachricht ziemlich kalt. Zum einen wegen der Probleme, die ich mit dem Buch gehabt hatte. Zum anderen, weil eines der reizvollsten Elemente des Romans in Susanna Clarkes sehr gelungenem, zugleich liebevollem und subversivem Spiel mit sprachlichen, stilistischen und motivischen Eigenheiten der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts besteht -- etwas, was in einer filmischen Adaption notwendigerweise ganz oder doch größtenteils verloren gehen muss, selbst wenn das Drehbuch von einem so talentierten Autor wie Peter Harness geschrieben wird.

Der neueste Trailer für die siebenteilige Serie, die meines Wissens nächsten Monat auf BBC1 anlaufen wird, hat zwar keine meiner Bedenken beseitigt, dennoch stehe ich dem Projekt auf einmal etwas anders gegenüber. Susanna Clarkes Roman mag seine Schwächen besitzen und eine filmische Umsetzung mag ihm nie gerecht werden können, aber wenn die Serie hält, was der Trailer verspricht, dann könnten wir es mit einem visuell sehr schönen, coolen und unterhaltsamen Stück Filmphantastik zu tun bekommen. Ich bin gespannt ...  
 


Samstag, 25. April 2015

Strandgut der Woche

Sonntag, 19. April 2015

Strandgut der Woche

Samstag, 18. April 2015

Here we go again

Ich stehe zwar immer noch zu dem, was ich vor über zwei Jahren in diesem Blog geschrieben habe: Star Wars hätte mit dem Abspann von Return of the Jedi enden sollen, aber dennoch habe ich mir vorgestern, kaum dass er online gegangen war, den neuen Teaser-Trailer für Episode VII: The Force Awakens angeschaut. Und ja, ich gebe zu, er sieht gar nicht so übel aus:


Ganz offensichtlich bemühen sich Disney und J.J. Abrams schon rein visuell, an die ursprüngliche Trilogie anzuknüpfen und die sterile CGI - und Green Screen - Bombastik der Prequels vergessen zu lassen. Unsere "weit weit entfernte Galaxis" wirkt wieder etwas erdiger, dreckiger und "verbrauchter" – ganz, wie es sich für einen guten Star Wars - Film gehört. Dennoch kann ich nicht so recht in die allenthalben im Internet ausbrechende Begeisterung einstimmen. Und dass nicht nur, weil man vergleichbare Jubelschreie auch im Vorfeld von The Phantom Menace vernehmen konnte – und wir alle wissen, was dann kam ...
Der Trailer enthält ohne Zweifel einige wirklich coole Bilder, wie z.B. den abgestürzten Sternzerstörer, aber über den Plot von The Force Awakens wissen wir nach wie vor so gut wie nichts. Um Brad Brevet von Rope of Silicon zu zitieren:
What we learned from the Force Awakens panel [bei dem der Trailer vorgestellt wurde] is it seems the three lead characters meet on the desert planet of Jaku (not Tatooine as was assumed when set pictures leaked online). Those three characters are Finn played by John Boyega who confirmed he is a stormtrooper, though whether he's good or bad is not revealed; another is Rey (Daisy Ridley) a scavenger and the third is Poe Dameron (Oscar Isaac) an X-Wing pilot sent on a mission by "a certain princess" who comes in contact with Finn.
Das ist ziemlich nichtssagend, und der Trailer selbst enthält keinerlei weitere Informationen. Dafür jedoch mindestens zwei Elemente, die mich etwas skeptisch gestimmt haben.
Da ist zum einen der kuriose Umstand, dass der gute Chewbacca um keinen Tag gealtert zu sein scheint. Zugegebenermaßen eine vielleicht etwas pedantisch anmutende Kritik, aber ich finde es ehrlich gesagt eigentümlich, dass scheinbar niemand in J.J. Abrams' Team aufgefallen ist, wie seltsam es wirken muss, wenn man dem greisen Harrison Ford einen haarigen Kumpel zur Seite stellt, der aussieht, als habe die Schlacht von Endor vorgestern stattgefunden. Sind die Wookiees eine "kanonisch" äußerst langlebige Rasse? Selbst wenn dem der Fall sein sollte, hätte es meiner Meinung nach besser zu dem oben erwähnten "erdigen" Touch gepasst, wenn wir einen Chewie mit ergrautem Fell zu sehen bekommen hätten. {Oder befürchtete man damit unangenehme Erinnerungen an Itchy aus dem Star Wars Holiday Special wachrufen zu können? Wenn ja, dann will ich nichts gesagt haben.}
Mein zweites und etwas ernsthafteres Problem mit dem Trailer ist der Bösewicht. Schon sein "Kreuz - Lichtschwert", das wir im ersten Teaser zu sehen bekommen haben, wirkt etwas lächerlich. Hier nun begegnen wir ihm erstmals "von Angesicht zu Angesicht", und ich kann mir nicht helfen, aber auf mich hinterlässt er mit seiner Maske und seiner schwarzen Rüstung {inklusive Mantel} den Eindruck, ein etwas agilerer Abklatsch des guten alten Darth Vader zu sein. Was mich ehrlich gesagt nicht wirklich überrascht, denn wie ich ich in dem oben verlinkten Blogpost bereits einmal erklärt habe: So wie ich es sehe, war das Potential von Star Wars – dieser neckischen Hommage an die alten SciFi-Serials  – bereits nach den ersten drei Filmen erschöpft. Was jetzt kommt kann darum bestenfalls ein kompetent gemachtes und leicht modernisiertes Wiederaufwärmen der alten Ideen sein. Was alles in allem immer noch sehr viel besser wäre als manch anderes, was uns von Hollywood heute so vorgesetzt wird.

Womit wir auch schon bei dem zweiten "spektakulären" Trailer dieser Woche wären: Batman V Superman: Dawn of Justice:      


 
Okay, wir alle haben kapiert, dass Warner Bros / DC auch weiterhin nicht bereit sein werden, von ihrer Grimdark - Version des Superheldenfilms abzuweichen. Christopher Nolans Dark Knight - Flicks waren einfach zu erfolgreich und zu einträglich. Und dennoch: Wird diese Masche allmählich nicht selbst dem ollen Zack Snyder etwas langweilig? Immer die gleiche düster-apokalyptische Ästhetik mit den gleichen finster vor sich hin brütenden "Helden".
Hier und da bin ich über Kommentare gestolpert, deren Verfasser aufgrund dieses Trailers die verwegene These aufstellen, Batman V Superman könne eine Art "Dekonstruktion" des Superman - Mythos werden. Sorry, aber das ist in meinen Augen absoluter Bullshit. Dieser Streifen soll der Startpunkt für Warner Bros "Justice League" - Universum werden, und schon allein deshalb wird er keine ernstzunehmende "Dekonstruktion" liefern können. Am Ende einer solchen bestände einfach keine Möglichkeit mehr für ein "heroisches" Sequel.
Und außerdem: Brauchen wir bald dreißig Jahre nach Alan Moores & Dave Gibbons' Watchmen wirklich noch eine weitere "Dekonstruktion" des Superhelden-Typus? {Dass Zack Znyder selbst für die filmische Adaption dieses epochalen Werkes verantwortlich gezeichnet hat, macht die ganze Angelegenheit nur noch lächerlicher.} Manche Leute sehen in Watchmen ja den Vorläufer der heute so beliebten düsteren und pseudorealistischen Superheldengeschichten. Im Rahmen der historischen Entwicklung des Comics mag das sogar stimmen. Aber zugleich zeigt das bloß, dass viele offenbar nicht verstanden haben, was Alan Moore mit seinem Werk eigentlich ausdrücken wollte. Überspitzt formuliert: Nach Watchmen hätte es keine Superheldenstories mehr geben dürfen. Und erst recht keine, die sich als "realistisch" zu geben versuchen.

Mittwoch, 15. April 2015

Guter Wille allein ist nicht genug

Vor einiger Zeit bin ich bei Den of Geek über einen kurzen Post gestolpert, in dem es um ein mögliches Remake von Alien Nation geht. 
Im Grunde handelt es sich bei dem Ganzen um eines jener vagen Gerüchte, die man am Besten ignoriert. Eine offizielle Bestätigung durch 20th Century Fox oder einen der angeblich beteiligten Drehbuchschreiber scheint nicht vorzuliegen. Klickt man sich ein Bisschen durchs Netz landet man früher oder später bei diesem Artikel aus dem Hollywood Reporter. Konkreter wird's nicht.
Dennoch hat mich die "Nachricht" kurz aufhorchen lassen, und dass aus einem sehr einfachen Grund: Wie zuwider mir die momentane Reboot- und Remake-Schwemme im Allgemeinen auch ist, in diesem speziellen Fall erschien mir die Aussicht im ersten Moment nicht ohne Reiz.

Um ehrlich zu sein, zu dem Zeitpunkt, als ich auf den Artikel stieß, wusste ich nicht mehr viel über Alien Nation. Auch jetzt noch bin ich mir nicht einmal sicher, welchen Teil des Franchises ich vor einer halben Ewigkeit mal im Fernsehen gesehen habe: Den Kinofilm von 1988, ein-zwei Episoden der TV-Serie von 1989/90 oder einen der Fernsehfilme aus den 90ern? Was ich noch wusste war bloß, dass Alien Nation im Rahmen einer SciFi - "Buddy Cops" - Story Themen wie Immigration, Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung zu behandeln versucht hatte. Und allein aus diesem Grund schien mir ein Reboot gar keine so schlechte Idee zu sein. Schließlich sind diese Themen nach wie vor sehr aktuell, haben in ihrer Bedeutung im Vergleich zu den späten 80ern und frühen 90ern vielleicht sogar eher noch zugenommen.

In den USA spielt die "Frage" der Immigration eine nicht unwichtige Rolle in der politischen Auseinandersetzung. Beide Big Business - Parteien betreiben eine brutale Antiimmigranten - Politik, zu der u.a. großangelegte Polizeirazzien, Massenabschiebungen und die Militarisierung der Grenze zu Mexiko gehören. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Republikaner weit offener rassistische Hetze gegen die "Illegalen" betreiben, während die Demokraten ihre rechte Politik mit partiellen Reformvorschlägen verbinden, die in erster Linie den Interessen der US-Industrie dienen, welche den Pool ultrabilliger Arbeitskräfte, den die Immigranten darstellen, selbstredend nicht missen will.
Vor diesem Hintergrund, denke ich, wirkt die Idee einer Wiederauferstehung von Alien Nation zumindest potentiell interessant. Eine der Voraussetzungen für eine gelungene Umsetzung dieser Idee wäre freilich, dass die neue Version {wie alle guten Remakes & Reboots} die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich seit dem Erscheinen der ersten Inkarnation vollzogen haben, widerspiegeln würde. Im gegebenen Fall wäre dies vor allem der sog. "Krieg gegen den Terror". Ein amerikanischer Film, der sich heute mit Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung auseinandersetzen will, darf nicht die Augen verschließen vor dem von offizieller Seite geförderten Klima des allgemeinen Misstrauens und der Islamophobie, die mit Washingtons Hinwendung zu einer immer aggressiveren militaristischen Außenpolitik einerseits und dem Aufbau autoritärer Herrschaftsstrukturen in der "Heimat" andererseits einhergegangen ist. So gesehen müsste die Story von Alien Nation ganz sicher gründlich überarbeitet und den neuen Zeitumständen angepasst werden. Ob ein großes Studio wie Fox ein solches Unternehmen finanzieren würde, ist sicher äußerst fraglich, aber man soll die Hoffnung ja nie aufgeben. Selbst Hollywood sorgt ab und an immer noch für angenehme Überraschungen.

Nachdem mir all diese Gedanken durch den Kopf gegangen waren, dachte ich mir, es wäre vielleicht ganz nett, dem Original einmal einen Besuch abzustatten, waren meine diesbezüglichen Erinnerungen doch, wie gesagt, äußerst verschwommen und konnten sich ganz sicher nur auf ein sehr schmales Fundament stützen. Und so entschied ich mich dazu, mir einige Episoden der alten TV-Serie anzuschauen.

Ein Unternehmen, das sich leider schon sehr bald als ziemlich anstrengend herausstellen sollte. 



Die ursprüngliche Storyidee und das Drehbuch des Kinofilms stammten von Rockne S. O'Bannon, dem Schöpfer von Farscape. Die Fernsehserie hingegen war eine Kreation von Kenneth Johnson, der SciFi-Fans vermutlich in erster Linie aufgrund von V - The Visitors (1983) bekannt sein dürfte. Und leider weist sie ganz ähnliche Schwächen auf wie die ältere Miniserie {die ich ganz gerne Mal im Detail hier besprechen würde}, allerdings in deutlich geballterer Form

Johnson ist ganz offenbar ein äußerst wohlmeinender Linksliberaler. Seine SciFi-Produktionen sind als Statements gegen Intoleranz, Rassismus und Autoritarismus gedacht. Was selbstverständlich äußerst begrüßenswert ist. Leider jedoch entpuppen sie sich dabei als besonders extreme Beispiele für "message television". Vor allem im Pilotfilm wird einem die politisch-moralische Botschaft auf so penetrante und simplistische Weise eingehämmert, dass es bald schon unerträglich wird.
Johnson verzichtet wirklich auf kein Klischee, wenn es darum geht, Parallelen zwischen der Situation der außerirdischen "Newcomer" und der der Afroamerikaner zu ziehen. {Trotz des Immigrationsmotivs scheint Alien Nation auffällig selten das Vorbild der hispanischen Einwanderer heranzuziehen}.
Da haben wir z.B. die rassistische Bewegung der "Purists" (=White Supremacists), die Demonstrationen veranstalten, um zu verhindern, dass "Newcomer"-Kinder auf dieselben Schulen wie ihre eigenen Kinder gehen dürfen. In einer Szene plazieren ihre Anhänger sogar einen brennenden Kreis/Reifen im Vorgarten des "Newcomer"-Polizisten George Francisco, eine offensichtliche Anspielung auf das brennende Kreuz des Ku Klux Klan. Die Feindseligkeit, die George und seiner Ehefrau Susan entgegenschlägt, als sie in einen bisher rein "menschlichen" Vorort ziehen, soll offensichtlich widerspiegeln, was viele Schwarze erleben mussten {und vielleicht immer noch erleben müssen}, wenn sie in einen der "weißen" Suburbs umsiedelten. Eine der menschlichen Hausfrauen geht wie selbstverständlich davon aus, dass Susan ein Hausmädchen sein muss. Warum sonst sollte sich eine "Newcomer" - Frau in diesem Mittelklasseviertel herumtreiben? Und als wäre die Botschaft nicht jetzt schon offensichtlich genug, müssen wir dann auch noch miterleben, wie eine bereits etwas ältere schwarze Frau von den Zeiten der Bürgerrechtsbewegung erzählt, um Susan davon zu überzeugen, dass sie ihre Tochter Emily trotz des rassistischen Mobbings nicht von der Schule nehmen sollte.
Dass George und sein menschlicher Partner Matthew Sikes dem gewohnten Klischee vom überkorrekten, stets den Regeln gehorchenden Polizisten einerseits, dem tough "Underdog" - Bullen andererseits entsprechen, will ich nicht groß beklagen. Letztendlich handelt es sich halt um eine "Buddy Cops" - Story, und die würde ohne diese Klischees nicht funktionieren. Doch muss Georges Sohn Buck dann auch noch unbedingt der "rebellische Teenager" sein, der mit irgendeiner "Newcomer"-Gang abhängt, alle Menschen verachtet und seinen Vater für einen "Race Traitor" hält?!
Und es wird noch schlimmer: Kenneth Johnson hielt es offenbar für einen besonders schlauen und subversiven Dreh, gerade Vertreter von in der realen Welt unterdrückten oder marginalisierten Gruppen zu besonders intoleranten Arschlöchern zu machen. Als sich George endlich einmal deutlich gegen Matthews rassistische Sprüche zur Wehr setzt, kommentiert dies der afroamerikanische Cop Dobbs ungefähr wie folgt: "Das passiert, wenn man denen zuviele Rechte einräumt, sie werden 'uppity'." Für jeden US-Amerikaner dürfte der Begriff "uppity" eine sehr deutliche rassistische Konnotation besitzen: "Uppity nigger". Im Sprachgebrauch weißer Rassisten ist das ist ein Schwarzer, der "aufmüpfig" geworden ist, der nicht mehr weiß, "wo sein Platz ist" -- mit anderen Worten: der wie ein Gleichberechtigter behandelt werden will. Denselben gar zu offensichtlichen Trick zieht Johnson noch einmal durch, wenn er den Anführer der Kinder, die Emily in der Schule mobben, zu einem Jungen im Rollstuhl macht.
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Es ist mir wirklich nicht leicht gefallen, den Pilotfilm zu Alien Nation bis zum Ende durchzuhalten. Allerdings möchte ich nicht verschweigen, dass die folgenden Episoden nicht mehr ganz so penetrant auf mich gewirkt haben. Auch gelingt es vor allem Eric Pierpont seinem George Francisco echtes Charisma zu verleihen, und einige der kulturellen und biologischen Eigenheiten der "Newcomer" {vergorene Milch als Äquivalent zu Alkohol; exzentrisch anmutende Sexpraktiken etc.} wirken ohne Frage recht neckisch. Dennoch denke ich nach Episode 6, dass ein gelungenes Reboot von Alien Nation nicht bloß aus den oben genannten Gründen eine umfassende Überarbeitung der Originalstory erfordern würde.

Sonntag, 12. April 2015

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