"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 15. April 2015

Guter Wille allein ist nicht genug

Vor einiger Zeit bin ich bei Den of Geek über einen kurzen Post gestolpert, in dem es um ein mögliches Remake von Alien Nation geht. 
Im Grunde handelt es sich bei dem Ganzen um eines jener vagen Gerüchte, die man am Besten ignoriert. Eine offizielle Bestätigung durch 20th Century Fox oder einen der angeblich beteiligten Drehbuchschreiber scheint nicht vorzuliegen. Klickt man sich ein Bisschen durchs Netz landet man früher oder später bei diesem Artikel aus dem Hollywood Reporter. Konkreter wird's nicht.
Dennoch hat mich die "Nachricht" kurz aufhorchen lassen, und dass aus einem sehr einfachen Grund: Wie zuwider mir die momentane Reboot- und Remake-Schwemme im Allgemeinen auch ist, in diesem speziellen Fall erschien mir die Aussicht im ersten Moment nicht ohne Reiz.

Um ehrlich zu sein, zu dem Zeitpunkt, als ich auf den Artikel stieß, wusste ich nicht mehr viel über Alien Nation. Auch jetzt noch bin ich mir nicht einmal sicher, welchen Teil des Franchises ich vor einer halben Ewigkeit mal im Fernsehen gesehen habe: Den Kinofilm von 1988, ein-zwei Episoden der TV-Serie von 1989/90 oder einen der Fernsehfilme aus den 90ern? Was ich noch wusste war bloß, dass Alien Nation im Rahmen einer SciFi - "Buddy Cops" - Story Themen wie Immigration, Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung zu behandeln versucht hatte. Und allein aus diesem Grund schien mir ein Reboot gar keine so schlechte Idee zu sein. Schließlich sind diese Themen nach wie vor sehr aktuell, haben in ihrer Bedeutung im Vergleich zu den späten 80ern und frühen 90ern vielleicht sogar eher noch zugenommen.

In den USA spielt die "Frage" der Immigration eine nicht unwichtige Rolle in der politischen Auseinandersetzung. Beide Big Business - Parteien betreiben eine brutale Antiimmigranten - Politik, zu der u.a. großangelegte Polizeirazzien, Massenabschiebungen und die Militarisierung der Grenze zu Mexiko gehören. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Republikaner weit offener rassistische Hetze gegen die "Illegalen" betreiben, während die Demokraten ihre rechte Politik mit partiellen Reformvorschlägen verbinden, die in erster Linie den Interessen der US-Industrie dienen, welche den Pool ultrabilliger Arbeitskräfte, den die Immigranten darstellen, selbstredend nicht missen will.
Vor diesem Hintergrund, denke ich, wirkt die Idee einer Wiederauferstehung von Alien Nation zumindest potentiell interessant. Eine der Voraussetzungen für eine gelungene Umsetzung dieser Idee wäre freilich, dass die neue Version {wie alle guten Remakes & Reboots} die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich seit dem Erscheinen der ersten Inkarnation vollzogen haben, widerspiegeln würde. Im gegebenen Fall wäre dies vor allem der sog. "Krieg gegen den Terror". Ein amerikanischer Film, der sich heute mit Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung auseinandersetzen will, darf nicht die Augen verschließen vor dem von offizieller Seite geförderten Klima des allgemeinen Misstrauens und der Islamophobie, die mit Washingtons Hinwendung zu einer immer aggressiveren militaristischen Außenpolitik einerseits und dem Aufbau autoritärer Herrschaftsstrukturen in der "Heimat" andererseits einhergegangen ist. So gesehen müsste die Story von Alien Nation ganz sicher gründlich überarbeitet und den neuen Zeitumständen angepasst werden. Ob ein großes Studio wie Fox ein solches Unternehmen finanzieren würde, ist sicher äußerst fraglich, aber man soll die Hoffnung ja nie aufgeben. Selbst Hollywood sorgt ab und an immer noch für angenehme Überraschungen.

Nachdem mir all diese Gedanken durch den Kopf gegangen waren, dachte ich mir, es wäre vielleicht ganz nett, dem Original einmal einen Besuch abzustatten, waren meine diesbezüglichen Erinnerungen doch, wie gesagt, äußerst verschwommen und konnten sich ganz sicher nur auf ein sehr schmales Fundament stützen. Und so entschied ich mich dazu, mir einige Episoden der alten TV-Serie anzuschauen.

Ein Unternehmen, das sich leider schon sehr bald als ziemlich anstrengend herausstellen sollte. 



Die ursprüngliche Storyidee und das Drehbuch des Kinofilms stammten von Rockne S. O'Bannon, dem Schöpfer von Farscape. Die Fernsehserie hingegen war eine Kreation von Kenneth Johnson, der SciFi-Fans vermutlich in erster Linie aufgrund von V - The Visitors (1983) bekannt sein dürfte. Und leider weist sie ganz ähnliche Schwächen auf wie die ältere Miniserie {die ich ganz gerne Mal im Detail hier besprechen würde}, allerdings in deutlich geballterer Form

Johnson ist ganz offenbar ein äußerst wohlmeinender Linksliberaler. Seine SciFi-Produktionen sind als Statements gegen Intoleranz, Rassismus und Autoritarismus gedacht. Was selbstverständlich äußerst begrüßenswert ist. Leider jedoch entpuppen sie sich dabei als besonders extreme Beispiele für "message television". Vor allem im Pilotfilm wird einem die politisch-moralische Botschaft auf so penetrante und simplistische Weise eingehämmert, dass es bald schon unerträglich wird.
Johnson verzichtet wirklich auf kein Klischee, wenn es darum geht, Parallelen zwischen der Situation der außerirdischen "Newcomer" und der der Afroamerikaner zu ziehen. {Trotz des Immigrationsmotivs scheint Alien Nation auffällig selten das Vorbild der hispanischen Einwanderer heranzuziehen}.
Da haben wir z.B. die rassistische Bewegung der "Purists" (=White Supremacists), die Demonstrationen veranstalten, um zu verhindern, dass "Newcomer"-Kinder auf dieselben Schulen wie ihre eigenen Kinder gehen dürfen. In einer Szene plazieren ihre Anhänger sogar einen brennenden Kreis/Reifen im Vorgarten des "Newcomer"-Polizisten George Francisco, eine offensichtliche Anspielung auf das brennende Kreuz des Ku Klux Klan. Die Feindseligkeit, die George und seiner Ehefrau Susan entgegenschlägt, als sie in einen bisher rein "menschlichen" Vorort ziehen, soll offensichtlich widerspiegeln, was viele Schwarze erleben mussten {und vielleicht immer noch erleben müssen}, wenn sie in einen der "weißen" Suburbs umsiedelten. Eine der menschlichen Hausfrauen geht wie selbstverständlich davon aus, dass Susan ein Hausmädchen sein muss. Warum sonst sollte sich eine "Newcomer" - Frau in diesem Mittelklasseviertel herumtreiben? Und als wäre die Botschaft nicht jetzt schon offensichtlich genug, müssen wir dann auch noch miterleben, wie eine bereits etwas ältere schwarze Frau von den Zeiten der Bürgerrechtsbewegung erzählt, um Susan davon zu überzeugen, dass sie ihre Tochter Emily trotz des rassistischen Mobbings nicht von der Schule nehmen sollte.
Dass George und sein menschlicher Partner Matthew Sikes dem gewohnten Klischee vom überkorrekten, stets den Regeln gehorchenden Polizisten einerseits, dem tough "Underdog" - Bullen andererseits entsprechen, will ich nicht groß beklagen. Letztendlich handelt es sich halt um eine "Buddy Cops" - Story, und die würde ohne diese Klischees nicht funktionieren. Doch muss Georges Sohn Buck dann auch noch unbedingt der "rebellische Teenager" sein, der mit irgendeiner "Newcomer"-Gang abhängt, alle Menschen verachtet und seinen Vater für einen "Race Traitor" hält?!
Und es wird noch schlimmer: Kenneth Johnson hielt es offenbar für einen besonders schlauen und subversiven Dreh, gerade Vertreter von in der realen Welt unterdrückten oder marginalisierten Gruppen zu besonders intoleranten Arschlöchern zu machen. Als sich George endlich einmal deutlich gegen Matthews rassistische Sprüche zur Wehr setzt, kommentiert dies der afroamerikanische Cop Dobbs ungefähr wie folgt: "Das passiert, wenn man denen zuviele Rechte einräumt, sie werden 'uppity'." Für jeden US-Amerikaner dürfte der Begriff "uppity" eine sehr deutliche rassistische Konnotation besitzen: "Uppity nigger". Im Sprachgebrauch weißer Rassisten ist das ist ein Schwarzer, der "aufmüpfig" geworden ist, der nicht mehr weiß, "wo sein Platz ist" -- mit anderen Worten: der wie ein Gleichberechtigter behandelt werden will. Denselben gar zu offensichtlichen Trick zieht Johnson noch einmal durch, wenn er den Anführer der Kinder, die Emily in der Schule mobben, zu einem Jungen im Rollstuhl macht.
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Es ist mir wirklich nicht leicht gefallen, den Pilotfilm zu Alien Nation bis zum Ende durchzuhalten. Allerdings möchte ich nicht verschweigen, dass die folgenden Episoden nicht mehr ganz so penetrant auf mich gewirkt haben. Auch gelingt es vor allem Eric Pierpont seinem George Francisco echtes Charisma zu verleihen, und einige der kulturellen und biologischen Eigenheiten der "Newcomer" {vergorene Milch als Äquivalent zu Alkohol; exzentrisch anmutende Sexpraktiken etc.} wirken ohne Frage recht neckisch. Dennoch denke ich nach Episode 6, dass ein gelungenes Reboot von Alien Nation nicht bloß aus den oben genannten Gründen eine umfassende Überarbeitung der Originalstory erfordern würde.

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