"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Freitag, 18. Januar 2013

Wie aus dem Rezeptbuch?

Was tun, wenn wieder einmal der schwarze Hund der Depression zu heulen beginnt? – Eine meiner Strategien, um über diese Phasen hinwegzukommen, ist es, mir einen guten alten B-Movie anzuschauen. Die Lösung ist das sicher nicht, aber es hilft. Vorgestern Nacht fiel meine Wahl dabei auf einen echten Klassiker – einen Klassiker, den ich allerdings schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte: William Cameron Menzies' Invaders from Mars aus dem Jahr 1953.


Spaß hat er mir auf jedenfall bereitet, aber was denke ich wirklich über diesen Film?

Auf IMDB findet man einen ganzen Haufen überraschend positiver Rezensionen. Doch bei aller Liebe zum B-Movie kann ich mich ihnen leider nicht aus vollem Herzen anschließen. Da hilft es auch nichts zu wissen, dass Menzies an The Thief of Bagdad (1940) mitgewirkt hat – einem der absoluten Lieblingsfilme meiner Kindheit. Und die vielgepriesene H.G. Wells - Adaption Things to come (1934), bei der er gleichfalls seine Finger im Spiel hatte, habe ich sowieso noch nicht gesehen.

In vielen der Rezensionen ist von "surrealen Szenen" und dem "Blickwinkel des Kindes" die Rede.
Ja, auch mir sind in dieser Hinsicht einige interessante Ansätze aufgefallen. Die Geschichte wird aus der Sicht des kleinen David (Jimmy Hunt) erzählt, der erst ein UFO hinter seinem Haus landen sieht; dann erleben muss, wie seine Eltern in bösartige Marionetten der Marsianer verwandelt werden; und schließlich alles daransetzt, um die Menschheit auf die Bedrohung durch die außerirdischen Invasoren  aufmerksam zu machen. So gesehen ließe sich der Film tatsächlich als eine Auseinandersetzung mit kindlichen Alpträumen und Angstvorstellungen interpretieren. Dafür spricht vor allem auch die bizarre, US-amerikanische Schlusssequenz.* Doch leider hat man nicht den Eindruck, als wäre es den Filmemachern darum gegangen, diesen Gedanken konsequent zu verfolgen. Viel zu vieles passt dabei einfach nicht ins Konzept.
Ebensowenig konnten mich die vereinzelten Szenen überzeugen, in denen durch eigenwillige Kameraperspektiven oder ungewöhnliche Sets tatsächlich eine leicht surreale Atmosphäre heraufbeschworen wird. Zwar wirken vor allem die Passagen in der Polizeistation in dieser Hinsicht faszinierend bizarr, aber auch in diesem Fall fügen sich die interessanten Einzelteile nicht zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Zwar bekommt man ein Gefühl dafür, dass hier Intelligenz und Talent am Werke waren, letztlich scheinen diese jedoch eher verschwendet worden zu sein.

Der Gedanke, der mich nach einiger Zeit vor allem beherrschte, war vielmehr: Mein Gott, dieser Film erfüllt bis ins Detail jedes einzelne Klischee der 50er Jahre - SciFi - Flicks!
  1. Die amerikanische Kleinstadt als Setting. (Ländliche Gefilde wurden im Hollywood-Kino traditionell als Orte der Unschuld dem Sündenbabel Großstadt entgegengesetzt. Wollte man die Bedrohung des "amerikanischen Idylls" in Szene setzen, war hier also genau der richtige Ort.)
  2. Die zentrale Rolle der Kleinfamilie. (Brauche ich wirklich auf die Bedeutung der Familie als Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft eingehen? Wenn sie durch die Marsianer, die Mom und Dad zu Davids gruseligsten Gegnern machen, zerstört wird, bedeutet dies deshalb einen Angriff auf das Herzstück des American Way of Life.)
  3. Die Bedrohung durch eine fremde Macht von außen. (Wie so oft auch hier in Gestalt einer Anleihe aus dem seiner ursprünglichen subversiven Bedeutung beraubten War of the Worlds.)
  4. Das Motiv der Unterwanderung der amerikanischen Gesellschaft durch Agenten des Feindes. (Red Scare!)
  5. Die semi-unabhängige, akademisch gebildete Frau als weibliche Hauptfigur. (Man könnte vielleicht glauben, der Unterhaltungsfilm der 50er Jahre habe für Frauen nur die Rollen Eheweib, Mutter oder Sexobjekt vorgesehen. Dem war aber nicht so. Möglicherweise hatte es etwas damit zu tun, dass während des 2. Weltkriegs sehr viele Amerikanerinnen in den Arbeitsmarkt vorgestoßen waren. Jedenfalls finden wir in den klassischen phantastischen B-Movies meist eine Ärztin, Lehrerin oder Wissenschaftlerin in einer führenden Rolle. Bei Invaders from Mars ist dies die von Helena Carter sehr sympathisch verkörperte Dr. Pat Blake. Dem üblichen Schicksal, am Ende dem männlichen Protagonisten in die Arme zu sinken, entgeht sie zwar, doch muss sie im Finale trotzdem die Rolle der "damsel in distress" übernehmen.)
  6. Die männliche Autoriätsperson, meist in Gestalt eines Wissenschaftlers. (In diesem Fall der von Arthur Franz gespielte Astronom Dr. Stuart Kelston, der in der zentralen Szene im Observatorium den Plot so haargenau erklärt, als habe er das Drehbuch gelesen.)
  7. Patriotismus & Militarismus. (Hier in besonders massiven Dosen. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir minutenlang irgendwelche Panzerkolonnen über die Leinand rollen sehen. Nicht, dass die Tanks irgendeine erkennbare Funktion im Plot des Filmes besitzen würden ...)
Wie aus dem Rezeptbuch also. Grund hierfür mag allerdings sein, dass Invaders from Mars selbst dieses Rezeptbuch war. Menzies' Film war zwar weder der erste "Außerirdische Invasions" - Streifen aus Hollywood noch das erste Beispiel für die Verschmelzung von SciFi - Motiven mit der paranoiden Atmosphäre der McCarthy - Zeit (man denke z.B. an Mikel Conrads unverhüllt antikommunistischen Untertassen-Flick The Flying Saucer von 1950), aber dennoch stellte er das vermutlich einflussreichste Vorbild für einen Großteil des SciFi-Schlocks dar, der in den folgenden Jahren über die Leinwände der Autokinos flimmern sollte.    

Das Motiv der außerirdischen Infiltration konnte der Ausgangspunkt für sehr interessante filmische Erzählungen sein, wie u.a. Nigel Kneales Quatermass II (1955) und Don Siegels Invasion of the Body Snatchers (1956) zeigen würden. In Invaders from Mars wirkt es jedoch wie verschwendet. Seine unheimliche Wirkung entfaltet es nur in den ersten fünfundzwanzig Minuten des Films (wirklich gruselig ist dabei vor allem das kleine Nachbarsmädchen), danach ist es nur noch ein "technisches Detail" im Kampf zwischen den heroischen US-Militärs und den Marsianern. Anders als bei Siegel oder Kneale kann es darum auch nicht zur Metapher für gesellschaftliche Entfremdung oder Verunsicherung werden. Vielmehr wird man es auf die übliche Weise als eindeutiges Symbol für die "rote Gefahr" lesen müssen.

Als Invaders from Mars gedreht wurde, erreichte die antikommunistische Hysterie der Nachkriegsjahre gerade ihren Höhepunkt. Das beginnende atomare Wettrüsten, der Koreakrieg und die von Politik & Medien aufgepeitschte Angst vor allgegenwärtigen "roten" Agenten prägten das öffentliche Leben in den USA. "Hexenjäger" Joseph McCarthy befand sich auf dem Gipfel seiner politischen Laufbahn. In Hollywood herrschte das Regime der Schwarzen Listen.

Ein Plot-Detail ließ mich in diesem Zusammenhang besonders aufhorchen. Das unmittelbare Ziel der Marsianer besteht nämlich überhaupt nicht in der Vorbereitung einer Invasion, sondern in der Sabotage eines geheimen Raketenprojektes der US-Regierung, an dem auch Davids Vater mitarbeitet. Selbiges Projekt wiederum stellt den ersten Schritt zum Bau einer Raumstation dar, von der aus die USA jeden potentiellen Angreifer auf der Erde mit Raketen ins Visier nehmen könnten. Dass sie damit auch den ins All übergesiedelten Marsbewohnern in die Quere kommen, ist bloß ein dummer Zufall.
Dieses Raketenprojekt mag wie reine Science Fiction klingen. Tatsächlich jedoch warb Wernher von Braun seit 1952 u.a. mit Artikeln im auflagenstarken Magazin Collier für genau diese Idee:  Den Bau einer Orbitalstation als Abschussplattform für mit atomaren Sprengköpfen ausgerüstete Raketen – wie er markschreierisch erklärte die "endgültige Waffe":
Äußerste Zielgenauigkeit des Geschosses ist damit gewährleistet. Der Kernsprengkopf läßt sich exakt über dem Ziel zur Explosion bringen, während das Geschoß noch mit Überschallgeschwindigkeit fliegt. Abwehrmaßnahmen erscheinen nach Lage der Dinge gänzlich unwirksam.
Einer der Hauptvorteile von Raketen, die aus der Umlaufbahn abgefeuert werden, besteht, wenn man so will, in ihrer Uneingeschränktheit. Wie ein Arsenal der Sterne kreisen sie am Himmel, sichtbar für den potentiellen Gegner und dennoch unerreichbar. Wir hoffen, daß ihr Einsatz sich erübrigen wird, aber wenn es zum Schlimmsten kommt, dann soll sich zum maximalen Abschreckungseffekt ein Höchstmaß an Zerstörungswirkung gesellen.**

1953 erschien in der Bundesrepublik der unter von Brauns Anleitung entstandene Roman Menschen zwischen den Planeten aus der Feder des ehemaligen Nazischriftstellers Ernst Ludwig Neher, in dessen einleitenden Kapiteln diese Idee gleichfalls propagiert wird.
Vor diesem Hintergrund betrachtet erscheint die Story von Invaders from Mars nicht bloß als Ausdruck der allgemeinen Kalte-Kriegs-Atmosphäre, sondern konkreter noch der Hysterie um sowjetische "Atomspione". Die Tatsache, dass der Film im selben Jahr in die Kinos kam, in dem auch das Ehepaar Julius und Ethel Rosenberg hingerichtet wurde***, erhält dadurch eine makabere symbolische Bedeutung. 

Doch so wichtig es meiner Meinung nach auch ist, sich diesen historischen Kontext klarzumachen, sollte das nicht dazu führen, dass man den Film als bloßes Produkt des hysterischen Antikommunismus der 50er Jahre verwirft. Die erwähnten stilistischen Eigenheiten, auch wenn es ihnen an konsequenter Durchführung mangelt, reichen allein schon aus, um eine Begegnung mit Invaders from Mars zu einem lohnenden Erlebnis zu machen. Vom simplen Vergnügen, den einem ein ordentlich gemachter B-Movie in seiner charmanten Naivität bereiten kann, einmal ganz abgesehen. Zu den echten Glanzstücken seiner Art würde ich ihn jedoch ganz sicher nicht zählen. Als eine Art Vorläufer zu Invasion of the Body Snatchers verdient er ohne Zweifel Beachtung, doch davon einmal abgesehen gehört er eher zur breiten Mittelschicht der Fifties-SciFi. Zur Illustration dessen mag es genügen darauf hinzuweisen, dass im selben Jahr 1953 auch It Came from Outer Space seine Premiere erlebte. Und der nach einer Kurzgeschichte von Ray Bradbury gechaffene Alien-Flick des B-Movie-Meisters Jack Arnold  ist sicher sehr viel besser geeignet, einen die verborgenen Qualitäten alter Genrefilme spüren zu lassen.


* Für den britischen Markt wurde ein konventionelleres Ende gedreht.
** Zit. nach: Rainer Eisfeld: Mondsüchtig. Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei. S. 186f.

Sonntag, 13. Januar 2013

Erheben wir unser Glas auf Klarkash-Ton

Am heutigen Tag jährt sich zum einhundertundzwanzigsten Mal die Geburt eines der ganz Großen der Phantastik: Clark Ashton Smith.

Die meisten werden ihn – wenn überhaupt – vermutlich als Mitglied des legendären Triumvirats der Weird Tales kennen, dem er neben H.P. Lovecraft und Robert E. Howard angehörte.

Lesergunst und Literaturmarkt sind oft ungerechte Götter. Der schleimige Cthulhu und der muskelbepackte Conan sind längst zu Bestandteilen der Popkultur geworden, aber wer kennt schon die Erzmagier Malygris und Namirrha; den falschen Erzbischof Azédarac; die dem Leben zurückgegebenen Mönche Ambrose und Anselme mit ihren Geliebten Moriamis und Sephora; die Nekromanten Mmatmuor und Sodosma; die Despoten Zotulla, Adompha und Euvoran; die Haudegen Zobal und Cushara; oder die tragische Liebhaberin Morthylla und ihren dekadenten Verehrer Valzain?

Zum Objekt der Verehrung für eine riesige Fangemeinde wird Clark Ashton Smith im Unterschied zu Lovecraft und Howard freilich wohl nie werden. Dazu ist er ein zu eigenwilliges Gewächs im Garten der Musen. Er wird stets ein Autor für Liebhaber & Liebhaberinnen bleiben, die die Schönheit seiner kunstvoll gearbeiteten, barocken Sprache zu genießen verstehen; für Freunde & Freundinnen des Bizarren und Exzentrischen, die etwas ihnen Verwandtes in seinem sardonischen Humor und der schmerzlichen Melancholie entdecken können, von denen viele seiner Gedichte und Erzählungen durchtränkt sind; für all jene, denen die dekadente Mischung aus Morbidität und Sinnlichkeit mundet wie ein exotischer Gewürzwein. Ray Bradbury, selbst ein Meister des Wortes, hat einmal über ihn gesagt: "Man schreite über die Schwelle seiner Erzählungen, und man stürzt in Farbe, Laute, Geschmack, Geruch und Textur: in die Sprache."

Wenn man sich zum ersten Mal Smiths Oeuvre zuwenden möchte – womit sollte man beginnen?

Ist man dabei auf eine deutsche Übersetzung angewiesen, so bleibt die Auswahl eingeschränkt. Mit Die Stadt der Singenden Flamme und Die Grabgewölbe von Yoh-Vombis hat der Festa-Verlag inzwischen die ersten beiden Bände seiner geplanten Gesamtausgabe des erzählerischen Werkes vorgelegt. Darüberhinaus kann man sich auf die Jagd nach den alten Suhrkamp-Bänden Saat aus dem Grabe, Planet der Toten, Poseidonis und Das Haupt der Medusa begeben. Über die Qualität der Übersetzungen – in diesem Fall eine besonders wichtige Frage –  kann ich leider nichts sagen. Ich sollte mir wenigstens mal die Leseproben auf der Festa-Website anschauen ...
Wer Klarkash-Ton im englischen Original lesen will, der findet den größten Teil seines literarischen Oeuvres – Lyrik, Prosagedichte und Kurzgeschichten – auf der wunderbaren Website The Eldritch Dark. Dort kann er oder sie mittels einer recht umfangreichen Bildgallerie außerdem Bekanntschaft mit dem Maler und Bildhauer Smith schließen.

Einen guten Einstieg bietet meiner Ansicht nach der Zothique-Zyklus.
The Black Abbot of Puthuum; The Charnel God; The Dark Eidolon; The Death of Ilalotha; The Empire of the Necromancers; The Garden of Adompha; The Isle of the Torturers; The Last Hieroglyph; The Master of the Crabs; Morthylla; Necromancy in Naat; The Tomb-Spawn; The Voyage of King Euvoran; The Weaver in the Vault; The Witchcraft of Ulua;Xeethra
In ihrer Mischung aus Décadence, Wortmagie, Sinnlichkeit, Morbidität und Exotik vermitteln die Geschichten vom Letzten Kontinent unter einer sterbenden Sonne mit ihren sadistischen Despoten, vampirischen Hofdamen und finsteren Nekromanten; ihren prachtvollen Palästen, perversen Wundergärten und uralten Nekropolen einen ausgezeichneten Eindruck von Clark Ashton Smiths höchst eigenwilligem Charme. Daneben zählen die meisten von ihnen außerdem zu seinen unbestreitbaren literarischen Meisterwerken. Ein Jammer, dass er die Zothique-Novelle The Scarlet Succubus nie fertiggeschrieben hat. Freilich hätte ihr erotischer Charakter sie mit ziemlicher Sicherheit unverkäuflich gemacht, hatte es aus demselben Grund doch bereits bei den zum Averoigne-Zyklus gehörigen Stories Mother of Toads und The Satyr heftige Probleme gegeben.
Was Smith hingegen tatsächlich fertiggestellt hat, ist das gleichfalls in Zothique angesiedelte Drama The Dead Will Cuckold You. Wie sein Freund George F. Haas erzählt, wünschte er es sich von der Musik Ravi Shankars untermalt. Darum finde ich es irgendwie passend, diesen kurzen Geburtstags-Post mit einem Raga des indischen Meisters zu beenden. Und zu den Klängen der Sitar könnte man dann vielleicht Klarkash-Tons Gedicht Zothique lesen:




He who has trod the shadows of Zothique
And looked upon the coal-red sun oblique,
Henceforth returns to no anterior land,
But haunts a later coast
Where cities crumble in the black sea-sand
And dead gods drink the brine.


He who has known the gardens of Zothique
Were bleed the fruits torn by the simorgh's beak,
Savors no fruit of greener hemispheres:
In arbors uttermost,
In sunset cycles of the sombering years,
He sips an amaranth wine.


He who has loved the wild girls of Zothique
Shall not come back a gentler love to seek,
Nor know the vampire's from the lover's kiss:
For him the scarlet ghost
Of Lilith from time's last necropolis
Rears amorous and malign.


He who has sailed in galleys of Zothique
And seen the looming of strange spire and peak,
Must face again the sorcerer-sent typhoon,
And take the steerer's post
On far-poured oceans by the shifted moon
Or the re-shapen Sign.

Samstag, 12. Januar 2013

Strandgut der Woche

Dienstag, 8. Januar 2013

Christopher Lee als Baumbart

Lange bevor er das Schicksal vieler anderer talentierter Schauspieler & Schauspielerinnen teilte und in Peter Jacksons Lord of the Rings im Kampf gegen Drehbuch und Regie versuchte, einer tolkienschen Gestalt Leben einzuhauchen, war Christopher Lee als großer Fan des "Professors" bekannt. Wer genau hinschaut, kann ihn in The House That Dripped Blood – einem Amicus-Episoden-Horror-Flick aus dem Jahr 1970 – sogar den Lord of the Rings lesen sehen. Und dass Mr. Lee  auch zu singen versteht, durften wir spätestens 1973 in The Wicker Man erleben. Insofern erscheint es vielleicht nicht ganz so verwunderlich, dass er an der dritten CD (2002) des aus Dänemark stammenden Tolkien Ensembles mitgewirkt hat. Besonders beeindruckend finde ich dabei seine Interpretation von Treebeard's Song: 


In the willow-meads of Tasarinan I walked in the Spring.
Ah! the sight and the smell of the Spring in Nan-tasarion!
And I said that was good.
I wandered in Summer in the elm-woods of Ossiriand.
Ah! the light and the music in the Summer by the Seven Rivers of Ossir!
And I thought that was best.
To the beeches of Neldoreth I came in the Autumn.
Ah! the gold and the red and the sighing of leaves in the Autumn in Taur-na-neldor!
It was more than my desire.
To the pine-trees upon the highland of Dorthonion I climbed in the Winter.
Ah! the wind and the whiteness and the black branches of Winter upon Orod-na-Thôn!
My voice went up and sang in the sky.
And now all those lands lie under the wave.
And I walk in Ambaróna, in Tauremorna, in Aldalómë.
In my own land, in the country of Fangorn,
Where the roots are long,
And the years lie thicker than the leaves
In Tauremornalómë.

Sonntag, 6. Januar 2013

Englands green & pleasant Land

Vor einiger Zeit habe ich hier im Zusammenhang mit Ingrid Pitt schon einmal den 1981 erstmals ausgestrahlten Fernsehfilm Artemis '81 erwähnt, in dem die Vampirlady in einer kleinen Nebenrolle als "Hitchcock Blonde" zu sehen ist. Dabei erklärte ich auch, dass ich mir aufgrund seines eigenartigen Charakters kein echtes Urteil über den Streifen erlauben werde, bevor ich ihn nicht wenigstens ein weiteres Mal gesehen habe.
Das ist bisher noch nicht geschehen, doch habe ich dafür einiges über den Drehbuchautor David Rudkin hinzugelernt, was eine erneute Beschäftigung mit Artemis '81 erst recht interessant erscheinen lässt. Rudkin gehört offenbar zu den bedeutenden Vertretern der britischen Phantastik – sowohl in der Welt des Theaters {er schuf u.a. eine Bühnenfassung von Bulgakows Der Meister und Margarita}, als auch in der des Kinos {das Drehbuch für François Truffauts Fahrenheit 451 stammte aus seiner Feder}, vor allem aber in der des Fernsehens. So zeichnete er u.a. für die hübsch verstörende Adaption von M.R. James' The Ash-Tree verantwortlich, die 1975 im Rahmen der traditionellen Ghost Stories for Christmas gesendet wurde. Noch sehr viel faszinierender aber ist sein Fernsehspiel Penda's Fen aus dem Jahre 1974.

Regisseur Alan Clarke, der eher für sozialrealistische und explizit politische Werke bekannt ist, hat einmal erklärt, ihm selbst sei nicht ganz klar, worum es in Penda's Fen eigentlich gehe. Tatsächlich macht es einem der Film nicht unbedingt leicht. Folgende Szenen mögen einen ungefähren Eindruck von seiner eigenwilligen, symbolistischen Ästhetik vermitteln:



Verglichen mit Artemis '81 scheint mir Penda's Fen dennoch sehr viel zugänglicher zu sein. Hatte ich dort das Gefühl, höchstens ab und an einige Grundthemen erahnen zu können, so fügt sich hier nach und nach alles zu einem einigermaßen verständlichen Bild zusammen. Manche Einzelteile wirken zwar auch dann noch mysteriös, aber alles in allem hinterlässt der Film einen zwar vielschichtigen, aber nicht unnötig verwirrenden Eindruck. Nichtsdestotrotz bleibt er offen für unterschiedliche Interpretationen, und ich würde meine eigene weder als die einzig mögliche noch notwendigerweise als die "korrekte" bezeichnen. Dem Werk von Rudkin und Clarke wäre eine wiederholte Betrachtung und eine ebenso detaillierte wie ausführliche Auseinandersetzung angemessen. Alles, was ich hier leisten kann, ist, ein paar der Gedanken zu skizzieren, die mir nach meiner allerersten Begegnung mit ihm gekommen sind. Und ich fürchte, auch das wird mir nicht besonders gut gelingen.

Der siebzehnjährige Stephen (Spencer Banks), Sohn eines Pastors und Schüler an einer Art Kadettenanstalt, ist aufgrund seines Mangels an "Männlichkeit", seines Desinteresses an Rugby und ähnlichen Sportarten, seiner Liebe zur klassischen Musik usw. ein von Lehrern wie Mitschülern verachteter und verspotteter Außenseiter. Zu Beginn des Filmes versucht er seine Einsamkeit durch ein krampfhaftes Hochhalten der traditionellen Werte von Patriotismus, Autorität und christlicher Religion sowie durch eine ungemein irritierende Arroganz zu kompensieren. Im Laufe der Geschichte gelingt es ihm, diesen Panzer aufzubrechen und seine Stellung zu sich selbst, seinen Mitmenschen und der Welt neu zu definieren, um am Ende als ein selbstbewusstes Individuum ins Erwachsenendasein hinaustreten zu können. Wichtige Wendepunkte sind dabei u.a., dass er seine eigene Homosexualität anzunehmen lernt, und mit der Erkenntnis konfrontiert wird, dass er ein Adoptivkind ist. Im Laufe dieser Entwicklung stellt er nach und nach all die Werte in Frage, die er so lange mit Feuereifer vertreten hat, um sie schließlich zu verwerfen.

Im Zentrum des Filmes scheint mir das Thema Tradition zu stehen, das jedoch nicht auf einseitig ablehnende, sondern auf differenziertere Weise angegangen wird. Viele der in dieser Hinsicht bedeutungsvollen Details werden mir vermutlich schon allein deshalb entgangen sein, weil es um explizit englische Traditionen geht  – nicht unbedingt mein Spezialgebiet. So bin ich z.B. nur sehr unzureichend vertraut mit dem musikalischen Werk von Edward Elgar (1857-1934), das eine wichtige Rolle in Penda's Fen spielt. Zwar habe ich mir inzwischen eine Aufführung seines Oratoriums The Dream of Gerontius angehört, aber das lässt sich wohl kaum als "Vertrautheit" bezeichnen. Dennoch glaube ich, dass selbst mein bescheidenes Wissen ausreicht, um zu verstehen, warum gerade Elgar eine so prominente Stellung in der Erzählung einnimmt.  Einerseits ist er von patriotischen Kreisen zu einer Art nationalen Ikone gemacht worden und gilt dort als der "englische" Komponist schlechthin. Eine Passage aus Pomp and Circumstance ist heute vermutlich vor allem in Form der jingoistischen Hymne Land of Hope and Glory* bekannt. Andererseits sah sich Elgar selbst stets als eine Art Außenseiter in der britischen Gesellschaft. Künstlerisch stand er ganz in der Tradition der kontinentaleuropäischen klassischen Musik. Sozial fühlte er sich – als ein aus einfachen Verhältnissen stammender Mann – im extrem standesbewussten und versnobten britischen Establishment nie wirklich heimisch. Und religiös blieb er als gläubiger Katholik immer der misstrauisch beäugte und heimlich verachtete "Papist".  Seine Person und sein Werk verkörpern darum sehr gut den ambivalenten Charakter der Tradition, um den es in Penda's Fen geht.

Die Tradition, der sich Stephen zu Beginn vepflichtet fühlt, ist die "offizielle" Tradition der herrschenden Elite: Nationaler Chauvinismus, Autoritarismus und die Bigotterie der organisierten Religion. Aber es gibt auch eine andere Tradition. Eine Tradition des Nonkonformismus, der Rebellion. Letztere findet ihre symbolische Verkörperung in der Gestalt von König Penda. Die Geschichte spielt in dem Dorf Pinvin in Worcestershire, dessen Name ursprünglich "Penda's Fen" bedeutet haben soll. Der historische Penda von Mercia (gest. 655) war der letzte große heidnische angelsächsische Herrscher. Bei Rudkin wird er zum Vertreter all jener Kräfte, die der modernen, kapitalistischen Gesellschaft Widerstand leisten.
In der Schlussszene des Films findet sich Stephen auf den Höhen der Malvern Hills wieder. Der "Vater" und die "Mutter" Englands treten an ihn heran und wollen ihn zum "reinen" und "unschuldigen" Erben ihres Reiches einsetzen. In deutlicher Anspielung auf die Versuchung Christi in der Wüste zeigen sie ihm das "grüne Land", das ihm untertan sein werde. Doch Stephen weist sie zurück. Er sei nicht "rein" und wolle auch nicht "rein" sein. Stattdessen wendet er sich König Penda zu, der ihn zum Erben der geheimen Flamme der Rebellion erklärt, die im wahren Herzen Englands brenne.

Was haben wir uns unter dieser Flamme vorzustellen? Welches sind die Kräfte, auf die Rudkin im Kampf gegen die heutige Gesellschaft zählt? Man wird von einem Film wie Penda's Fen keine eindeutige Antwort auf diese Fragen erwarten können.
Relativ früh ist in einer Szene einmal von landesweiten Streiks die Rede. Ein Fingerzeig auf den historischen Kontext, in dem man die Geschichte sehen muss. Seit 1971/72 wurde Großbritannien von einer sich immer weiter verstärkenden Welle militanter Arbeitskämpfe erschüttert, die sich gegen die erst 1970 ins Amt gelangte Tory-Regierung von Premierminister Heath richteten. Erstmals seit dem Generalstreik von 1926 war es dabei zu landesweiten Arbeitsniederlegungen im Bergbau gekommen. Fünfmal rief die Regierung den nationalen Notstand aus, bis sie sich 1974 schließlich gezwungen sah, Neuwahlen anzuberaumen. Mit dem Slogan "Who runs Britain, the government or the unions?" hoffte Heath, Teile der Mittelklasse gegen die Arbeiterbewegung mobilisieren zu können. Stattdessen erlitt er eine klare Niederlage an den Wahlurnen, war jedoch für mehrere Tage nicht bereit, 10 Downing Street zu räumen. Wie inzwischen bekannt geworden ist,  spielten Teile der britischen Elite zu diesem Zeitpunkt ernsthaft mit dem Gedanken an einen Militärputsch. Soweit kam es nicht, und Labours Harold Wilson bildete eine Minderheitsregierung.
Diesen aufgewühlten Hintergrund sollte man sich vergegenwärtigen, wenn man sich Penda's Fen anschaut. Unmittelbar zu sehen bekommt man allerdings nichts von der quasi vorrevolutionären Stimmung, die in vielen Teilen des Landes damals herrschte. Das erklärt sich zum einen aus der ländlichen Umgebung, in der die Geschichte spielt. Doch zugleich drückt sich darin wohl auch etwas von Rudkins eigener Sicht auf die Gesellschaft aus.
Als Vertreter der älteren Generation, die in gewisser Weise die Tradition des Nonkonformismus an Stephen weitergeben, bekommen wir mit dem Pastor und einem linken Schriftsteller zwei reichlich pessimistische Charaktere präsentiert. Ersterer hat sein Buch über den Verrat der Evangelisten an den revolutionären Ideen Jesu nie veröffentlicht und ist entgegen seiner Überzeugung ein offizieller Diener der Kirche geblieben, letzterer hält in erster Linie leicht paranoide Reden über die allgegenwärtigen Verschwörungen der Mächtigen und hofft nur noch darauf, dass die ganze Zivilisation eines Tages zusammenbrechen werde, damit auf ihren Trümmern eine neue Ordnung erstehen könne. Man geht wohl nicht völlig fehl, wenn man in diesen beiden Figuren etwas von Rudkin selbst zu erkennen glaubt. Sein König Penda erklärt am Ende, England stehe am Beginn eines dunklen Zeitalters. Von Hoffnung auf eine baldige Veränderung zum Besseren ist nichts zu spüren. Es geht nur darum, die schwache Flamme der Rebellion nicht ganz verlöschen zu lassen. Angesichts dieses Pessimismus ist es nicht verwunderlich, dass man in Penda's Fen deutliche Spuren eines allgemeinen Antimodernismus erkennen kann, der die Zivilisation an sich für den großen Feind hält. Dafür sprechen sowohl die Figur des linken Stückeschreibers als auch das Heraufbeschwören der heidnischen Vergangenheit als Gegenentwurf zur modernen, bürgerlichen Gesellschaft.

Vor allem letzteres lässt an jenen damals gerade in Mode kommenden antimodernen und ökologisch angehauchten Neopaganismus denken, der mir bei The Moon Stallion so unangenehm aufgestoßen ist. Dass ich im Falle von Penda's Fen weniger allergisch reagiere, hat mehrere Gründe.
Zuersteinmal lässt sich der Film nicht auf dieses Thema reduzieren. Kein echtes Kunstwerk besteht nur aus seiner "Botschaft", erst recht nicht, wenn es sich in so hohem Maße symbolhafter und bildlicher Ausdrucksformen bedient wie Penda's Fen. Und selbst wenn man sich auf die deutlicher auszumachenden Motive beschränkt, wird man neben dem antimodernen Zug noch sehr viel mehr entdecken können. Eine wichtige Rolle spielt z.B. die Auseinandersetzung mit einer christlich-manichäischen Moral und Weltsicht, die die Realität in "gut" und "böse", "rein" und "unrein", "tugendhaft" und "sündig" einteilt. Aus gutem Grund erscheinen Stephen in seinen Visionen oder Träumen Engel und Dämonen, und in seinem finalen Befreiungsakt weist er vor allem das Attribut der "Reinheit" zurück, in dem sich moralische, sexuelle und rassisch-nationale Elemente vermischen.
Was meine Reaktion jedoch vor allem bestimmt hat ist das erwähnte Motiv der Tradition. Auch wenn sich in Penda's Fen ohne Zweifel Elemente jener demoralisierten, zivilisationsmüden Mentalität ausmachen lassen, die sich in den 70er Jahren in Teilen der "linken" Intelligenzija breitmachte, knüpft der Film doch zugleich an eine Traditionslinie an, die mir selbst sehr am Herzen liegt. Ich meine damit jenen romantischen Antikapitalismus, dessen Ursprung sich {wie könnte es anders sein} unter den Dichtern der Englischen Romantik findet; dessen größte Vertreter im 19. Jahrhundert Thomas Carlyle, John Ruskin und in gewisser Hinsicht William Morris waren; und zu dessen letzten großen Nachkommen ich u.a. J.R.R. Tolkien zähle.
Direkt vor der Schlussszene auf den Malvern Hills sehen wir den Direktor von Stephens Schule auf der Abschlussfeier die ersten Zeilen von William Blakes berühmtem Gedicht And did those feet in ancient time vortragen. Er bezeichnet es als die "zweite Nationalhymne aller Engländer", und tatsächlich ist es seit Hubert Parrys Vertonung im Ersten Weltkrieg als ein nationalistisches Lied missbraucht worden. Ursprünglich aber war es Ausdruck eben jenes romantischen Antikapitalismus, zu dessen bedeutendsten Gründervätern der revolutionäre Dichter, Maler und Visionär Blake gehörte:

And did those feet in ancient time.
Walk upon Englands mountains green:
And was the holy Lamb of God,
On Englands pleasant pastures seen!

And did the Countenance Divine,
Shine forth upon our clouded hills?
And was Jerusalem builded here,
Among these dark Satanic Mills?

Bring me my Bow of burning gold;
Bring me my Arrows of desire:
Bring me my Spear: O clouds unfold!
Bring me my Chariot of fire!

I will not cease from Mental Fight,
Nor shall my Sword sleep in my hand:
Till we have built Jerusalem,
In Englands green & pleasant Land
*
Einmal mehr weist Rudkin hier also auf den zwiespältigen Charakter der Tradition hin. Dasselbe Gedicht kann sowohl der Verherrlichung des nationalen Chauvinismus dienen als auch den Geist der Rebellion in uns anfeuern. Der Blick über die grünen Hügel von Worcestershire in der sich unmittelbar anschließenden Schlussszene wirkt wie ein bildgewordener Kommentar zu Blakes Versen: Dies ist "Englands green & pleasant Land". Hierfür gilt es zu kämpfen, aber nicht so wie es uns die nationalen Chauvinsten einreden wollen. Es gibt zwei Britannien. Das eine ist unser Feind (verkörpert in "Vater und Mutter"), das andere unsere Heimat und unser Erbe.
An anderer Stelle habe ich mich schon einmal etwas ausführlicher über den romantischen Antikapitalismus ausgelassen. Wenn ich dort  geschrieben habe, dass er im Grunde schon bei Ruskin in einer Sackgasse angelangt war, so meinte ich damit, dass er als politische Philosophie bereits zur Zeit der Präraffaeliten seine Ohnmacht bewiesen hatte. Künstlerisch konnte er sich auch danach noch als durchaus fruchtbar erweisen. Sich dieses Erbe bewusst zu machen und es sich kritisch anzueignen, halte ich für ein äußerst lohnenswertes Unterfangen. Tradition bedeutet nicht automatisch Konservatismus. Natürlich darf man sich ihr nicht einfach blind anschließen. Eben darauf weist auch Rudkin hin, wenn er seinen König Penda zu Stephen sagen lässt, "Vater und Mutter Englands" wollten, dass er für immer ein Kind bleibe. Doch wenn wir diese kindliche Unselbstständigkeit im Umgang mit der Tradition überwunden haben, kann sie eine große Quelle der Kraft und der Inspiration für uns sein.


PS: So weit meine Schreibereien über Penda's Fen. Ob es mir gelungen ist, auszudrücken, was ich an diesem Film so faszinierend finde? Ich fürchte nicht. Und so kann ich meine Leserinnen & Leser nur auffordern, sich den Streifen selbst einmal anzuschauen. Es lohnt sich wirklich!   

 
* "Land of Hope and Glory, Mother of the Free,/ How shall we extol thee, who are born of thee?/ Wider still and wider shall thy bounds be set;/ God, who made thee mighty, make thee mightier yet,/ God, who made thee mighty, make thee mightier yet." Elgar war nicht glücklich über diese Verwendung seiner Musik und soll einmal eine Aufführung, in der der ursprünglich nicht zu dem Stück gehörende Gesang vorgetragen wurde, wütend verlassen haben.
** aus dem Vorwort zu Milton a Poem

Samstag, 5. Januar 2013

Freitag, 4. Januar 2013

"They come with the mist"

An Tagen wie heute, wenn dichter Nebel aus den Wäldern und Hügeln der Umgebung aufsteigt und sich in milchigen Schwaden über die Wiesen und Äcker legt, passiert es mir oft, dass ich an John McTiernans The 13th Warrior denken muss. Und ich bin jedesmal aufs Neue irritiert, denn es gibt so viele Gründe, warum ich diesen Film eigentlich überhaupt nicht leiden kann. Dennoch muss McTiernan irgendetwas richtig gemacht haben. Warum sonst käme mir immer wieder diese Assoziation?


Sehen wir einmal davon ab, dass The 13th Warrior zum x-ten Mal die wenig sympathische Geschichte erzählt, wie durch Kampf und Töten aus einem "Weichling" ein "echter Mann" wird, und konzentrieren wir uns auf all die übrigen Punkte, die gegen diese Adaption eines Schmökers von Michael Crichton (Eaters of the Dead) sprechen.
Zuerst einmal bin ich kein großer Freund davon, wenn sich Drehbuchschreiber & Filmemacher irgendwelche Versatzstücke aus Historie und Heldenepos schnappen, um aus ihnen eine oberflächliche Action-Fantasy-Story zusammenzuschustern. Erst recht nicht, wenn dabei sehr deutlich wird, dass sie keinerlei Gefühl für das von ihnen verwendete Material besitzen.
Okay, ich gebe zu, ein Trupp bärtiger und brüllender Klischeewikinger macht auch mir Spaß. Klischeewikinger sind cool. Aber wozu dem Ganzen ein paar leichte Anklänge an das Beowulf-Epos beimischen? Als Crichton Eaters of the Dead schrieb, wollte er damit angeblich beweisen, dass man den Beowulf-Stoff auf spannende Weise neuerzählen kann. Wenn es erlaubt ist, Rückschlüsse von der Verfilmung (an der Crichton mitgearbeitet hat) auf das Buch zu ziehen, dann kann ich nur sagen, dass mir eine Lektüre des Originals geeigneter erscheint, um dessen bleibende Qualität unter Beweis zu stellen. Das altenglische Gedicht ist sehr viel faszinierender und fantastischer als diese banale "Neuerzählung". Wie der alte Tolkien sehr gut begriffen hatte, ist der Stoff ohne echte Ungeheuer wie Grendel oder den Drachen nur halb soviel wert.
Sehr viel enttäuschender als Buliwyf, Hrothgar und ihre Mannen aber ist die Figur des von Antonio Banderas gespielten Ahmad Ibn Fadlan. Sein historisches Vorbild war ein berühmter arabischer Reisender und Religionsgelehrter, der mit einer Gesandtschaft des Kalifen al-Muqtadir im Jahr 921 zu den Wolgabulgaren zog. Die Aufzeichnungen, die er über diese Reise anfertigte, enthalten u.a. einen Bericht über seine Begegnung mit den Russiyah, in denen viele Historiker die warägischen Rus (also Wikinger) sehen. An diese Episode knüpft Crichton an. Tatsächlich besäße die Begegnung eines Vertreters der islamischen Hochkultur des Mittelalters mit der Welt der heidnischen Nordmänner das Potential für eine wirklich interessante und spannende Erzählung. Doch nichts davon materialisiert sich in The 13th Warrior. Keiner der Beteiligten hat sich offenbar die Mühe gemacht, sich ein Bisschen eingehender mit der Kultur des abbasidischen Kalifats vertraut zu machen. Nicht für einen Moment nimmt man Banderas' Ibn Fadlan ab, dass er ein mittelalterlicher Muslim oder auch nur ein Araber ist. Alles, was sich in dieser Hinsicht findet, sind ein paar Witzchen über gekrümmte Schwerter und das koranische Alkoholverbot.
Bleiben noch die monströsen "Wendols" – kannibalistische Höhlenmenschen, die offenbar dem steinzeitlichen Bärenkult anhängen und zugleich einer gigantischen Version der Venus von Willendorf huldigen. Sie erinnern an die degenerierten Überbleibsel vergangener "Rassen", denen wir in den Geschichten von Robert E. Howard oder auch Arthur Machen begegnen. Übergehen wir für den Moment die unappetitlichen sozialdarwinistischen und rassistischen Assoziationen, die sich einem bei diesem Motiv aufdrängen könnten, so sind sie es, die für mich den Reiz von The 13th Warrior ausmachen. Allerdings nur solange ihnen noch etwas Geheimnisvolles anhaftet. Und damit kommen wir zum eigentlichen Problem des Films.
Grob gesprochen lässt sich der Streifen in drei Kapitel aufteilen. Das erste erzählt von der Begegnung Ibn Fadlans mit den zwölf Wikingern und ihrer Reise in den Norden. So weit akzeptabel, wenn auch nicht wirklich fesselnd. Das zweite beginnt mit ihrer Ankunft in Hrothgars Siedlung und erzählt von der Auseinandersetzung mit dem Sohn des Königs und der ersten Begegnung mit den "Wendols". Dieser Abschnitt enthält die positivsten Sequenzen des ganzen Films. Die Szenen, in denen wir den Nebel aus der nordischen Wald- und Heidelandschaft aufsteigen sehen, mit dem die grauslichen "Wendols" kommen, umgibt eine wirklich gespenstische Atmosphäre. Zugleich sorgen die Bemühungen der Wikinger, ihr Dorf gegen die scheinbar übernatürliche Bedrohung zu verteidigen, für echte Spannung. Doch leider wird das Geheimnis um die nächtlichen Angreifer viel zu schnell gelüftet, und es folgt Kapitel 3, dem ich den Titel "Kommandoeinsatz Bärenhöhle" geben will. Von der unheimlichen Atmosphäre bleibt nichts übrig, sobald unsere Helden in die unterirdische Behausung der "Wendols" eindringen, um deren "Mutter" und ihren Kriegshäuptling zu töten. Das Szenario erinnert vielmehr an ein altmodisches D&D - Abenteuer wie den Klassiker Festung im Grenzland.
Filmkritiker Roger Ebert hat im Laufe seiner langen Karriere viel Unsinn von sich gegeben, aber in Bezug auf The 13th Warrior hat er leider recht: Der Film "lumber[s] from one expensive set-piece to the next without taking the time to tell a story that might make us care". McTiernan und Crichton scheinen nicht recht gewusst zu haben, welche Geschichte sie eigentlich erzählen wollten. Das Pacing ist entsprechend fürchterlich.
Und dennoch überkommt mich gerade die Lust, mir den Streifen wieder einmal reinzuziehen. Denn in diesem ganzen banalen und unausgewogenen Mix verbirgt sich der Keim zu einem Film, den ich gern gesehen hätte. Immer dann, wenn die Nebel aufziehen ...

Samstag, 29. Dezember 2012

Strandgut der Woche

Montag, 24. Dezember 2012

Happy Hogswatch

allen Leserinnen und Lesern, allen zufälligen Besuchern und Besucherinnen!


Wie alle Pratchett-Verfilmungen gilt auch Vadim Jeans Adaption von Hogfather bei vielen als nicht besonders gelungen. Mir persönlich hat sie viel Vergnügen bereitet, und ich denke, dass sie den Geist des Buches recht gut wiedergibt.

Wer eine andere, sehr viel ältere, jedoch gleichfalls ziemlich eigenwillige Version der Geschichte vom Weihnachtsmann kennenlernen will, dem sei die Rankin/Bass-Version von The Life & Adventures of Santa Claus des Freidenkers und Oz-Schöpfer L. Frank Baum aus dem Jahre 1985 empfohlen. Bridget McGovern hat den Film einmal als "The World’s Most Bizarre Animated Christmas Special ... EVER." beschrieben. Und das könnte sogar stimmen.
Weihnachtsmärchen trifft High Fantasy, wenn Santa Claus mit einer Löwin und einem polyglotten Elfen an der Seite und unterstützt von einem ganzen Team ebenso phantastischer wie grotesker Unsterblicher gegen die bösen Awgwas antritt. Ein Weihnachtsfilm mit dreiäugigen Ogern, bösen Drachen und Riesenspinnen, der dennoch warmherzig und im besten Sinne "weihnachtlich" ist? Was will man mehr:

Samstag, 22. Dezember 2012

"Weil man sonst kein Mensch ist"

Wenn ich aus dem Fenster des Zimmers schaue, in dem ich mich gerade befinde, so fällt mein Blick meist auf die beiden weißen Pferde, die auf dem Nachbargrundstück herumstehen. Um ehrlich zu sein, handelt es sich bei ihnen um etwas traurig anmutende Kreaturen. Der eine war einst ein stolzer (und verflucht teurer) Edelhengst aus irgendeinem berühmten, zentralasiatischen Gestüt, doch schon seit einer halben Ewigkeit hat die zwei niemand mehr ausgeritten, und so verbringen sie ihre Tage damit, herumzustehen, sich im Sommer aufdringlicher Fliegenschwärme zu erwehren und beinahe unablässig Gras zu rupfen. Vielleicht täusche ich mich ja, und einem in die Jahre gekommenen Ross erscheint solch ein Dasein paradiesisch, auf mich jedenfalls wirkt es reichlich öde.
Obwohl die beiden also einen eher melancholischen Eindruck machen, erinnern sich mich doch zugleich jedesmal an Astrid Lindgrens Die Brüder Löwenherz. Warum kann ich mir nicht recht erklären, sind Grim und Fjalar im Buch doch keine Schimmel, und auch in Olle Hellboms Verfilmung ist nur Jonathans Pferd weiß. Das Gehirn funktioniert eben manchmal auf etwas wunderliche Weise.

Nun, wie dem auch sei, jedenfalls haben mich die nachbarlichen Zossen schließlich dazu gebracht, nach langer Zeit einmal wieder Lindgrens berühmtes Werk hervorzuholen. Es gehört zu einer Handvoll Büchern, die in mir als Kind die Liebe zum Phantastischen weckten. {Auch wenn die Grundlage dazu sicher bereits durch Märchen und kindgerechte Nacherzählungen germanischer Heldensagen gelegt worden war}. Auf manche von ihnen hat sich mein Blick über die Jahre & Jahrzehnte hin stark gewandelt, wie wohl nicht anders zu erwarten war. So habe ich inzwischen eine eher ablehnende Haltung zu Michael Endes Unendlicher Geschichte, und jede erneute Beschäftigung mit Tolkiens Herr der Ringe macht mein Bild von ihm komplexer {und wohl auch widersprüchlicher}. Mit Lindgrens Brüder Löwenherz und Ronja Räubertochter verhält es sich anders. Als Erwachsener habe ich sie Jahrzehnte lang nicht noch einmal gelesen, und so blieben sie stets umgeben vom warmen, nostalgischen Schein alter Kindheitserinnerungen. Erst in diesem, nun zu Ende gehenden Jahr habe ich sie endlich einmal wieder zur Hand genommen.
Das erste und vielleicht wichtigste Ergebnis dieser neuerlichen Begegnung war, dass meine alte Liebe zu ihnen in keiner Weise darunter gelitten hat. Der Unterschied zwischen den beiden besteht allerdings darin, dass ich im Falle Ronjas hauptäschlich meine alten Eindrücke bestätigt gefunden habe {auch wenn ich zu ihrer Beschreibung heute natürlich "erwachsenere" Begriffe benutzen würde}, während sich mir bei der Lektüre der Brüder Löwenherz eine Reihe von Dimensionen eröffneten, die ich als kindlicher Leser überhaupt nicht wahrgenommen hatte. Meine Bewunderung für das Buch und vor allem für Astrid Lindgren als einer Autorin, die es auf brillante Weise verstand, gewichtige Themen in einer kindgerechten Erzählung mit großer Ernsthaftigkeit und erstaunlicher Differenziertheit zu behandeln, ist dadurch noch einmal immens gewachsen.

Eines der zentralen Themen des Buches ist bekanntlich der Tod. Lindgren selbst hat darüber einmal erzählt:
Die Brüder Löwenherz sind auf verschiedene Weise entstanden. Erstens bin ich immer viel auf Friedhöfen herumgewandert. Und auf dem Friedhof von Vimmerby las ich einmal die Inschrift auf einem Grabstein: "Hier ruhen die Brüder Fahlén, gestorben im zarten Alter 1860 ..." Da wusste ich plötzlich, dass mein nächstes Buch vom Tod und von diesen beiden kleinen Brüdern handeln sollte. Und dann fing ich an, darüber nachzudenken, was nun mit diesen Brüdern war, die dort lagen, was sie in ihrem Leben erlebt hatten. Aber das war erst der Anfang ...
Die Geschichte beginnt damit, dass Jonathan Löwe seinem kleinen, todkranken Bruder Karl  – genannt "Krümel" ("Skorpan") – von dem wunderbaren Reich Nangijala erzählt, in das die Menschen nach ihrem Tod kommen, um ihm damit die Angst vor dem Sterben zu nehmen. Allerdings ist es Joanthan selbst, der zuerst stirbt, als er "Krümel" aus dem brennenden Mietshaus rettet, in dem die beiden zusammen mit ihrer Mutter leben. Wenig später erliegt Karl seiner Krankheit. In Nangijala finden sich die beiden als Brüder Löwenherz wiedervereinigt, und dort spielt auch die eigentliche Handlung. An ihrem Ende bittet der schwerverletzte, durch Drachenfeuer zu völliger Lähmung verdammte Jonathan seinen Bruder, nun seinerseits ihm beim Sterben zu helfen. Der gemeinsame Freitod der beiden bildet den Schluss des Buches.

Zum Zeitpunkt ihres Erscheinens 1973 lösten Die Brüder Löwenherz heftige Kontroversen in Schweden aus, nicht nur wegen der positiven Darstellung eines Selbstmords, sondern auch, weil viele Kritiker der Meinung waren, dass solche Themen für ein Kinderbuch nicht angemessen seien.
Vor allem Letzteres ist natürlich Unsinn. Gute Kinderliteratur sollte nicht vor der Beschäftigung mit den schwierigeren und leidvollen Erfahrungen des menschlichen Lebens zurückschrecken. Es kommt ausschließlich darauf an, wie dies geschieht, und Astrid Lindgren verstand es, über solche Themen in einer einfühlsamen, zugänglichen und ihre kindlichen Leser & Leserinnen ernst nehmenden Weise zu schreiben. Als Atheist, der nicht an eine Weiterexistenz nach dem Tode glaubt, erscheint mir ihre Antwort auf die Frage des Sterbens freilich zu einfach. Und hierin vor allem besteht für mich auch die Problematik der Freitodszene. Statt sich mit der grausamen Realität des Verlustes eines geliebten Menschen auseinandersetzen zu müssen, eröffnet sich Karl durch den gemeinsamen Sprung von der Klippe die Möglichkeit, mit seinem Bruder vereint zu bleiben. In der Wirklichkeit haben wir diese Chance nicht.

Andererseits glaube ich, dass gerade diese Szene sehr deutlich zeigt, dass der Tod ein zwar bedeutendes, aber keineswegs das wichtigste Thema der Brüder Löwenherz ist. Wenn der gemeinsame Selbstmord auch keine adäquate Antwort auf das Problem von Tod und Verlust darstellt, so ist er doch der ultimative Beweis der Liebe zwischen den beiden Brüdern. Und diese unverbrüchliche Bruderliebe steht denke ich in Wirklichkeit im Zentrums der Erzählung.
Zu Beginn verhält sich der ältere Jonathan wie eine Art Ersatzvater, der den kleinen "Krümel" vor allem Übel und allem Leid zu behüten versucht. Doch im Laufe der Erzählung lernt er, ihn als eine gleichberechtigte Persönlichkeit zu respektieren.  Als Jonathan in das von dem finsteren Tengil beherrschte Heckenrosental aufbricht, lässt er Karl im Kirschtal zurück, weil er ihn dort sicher weiß. Später jedoch ist er ohne Protest bereit, ihn nach Karmanjaka – das Land des Tyrannen – mitzunehmen. Karl will ihn auf diese gefährliche Reise begleiten und er respektiert diese Entscheidung:
"Nicht ohne mich", rief ich. "Noch einmal darfst du mich nicht allein lassen! Wo du hingehst, da gehe ich auch hin."
Er sah mich lange an, und dann lächelte er.
"Ja, wenn du wirklich willst, dann will ich es auch", sagte er. (S. 137)
Jemanden zu lieben, bedeutet eben nicht, ihn auf Dauer von allem Unangenehmen abzuschirmen.
Wie an dem Zitat zu sehen, ist es "Krümel", der die Geschichte erzählt. Das sollte man sich immer dann ins Bewusstsein zurückrufen, wenn einem Jonathan als eine gar zu makellose Heldenfigur erscheint. Wir sehen ihn durch die liebenden und bewundernden Augen eines Kindes. Es ist darum nur zu verständlich, dass jede seiner Entscheidungen und Handlungen als hundertprozentig richtig beschrieben wird. Dabei zeigt gerade die Wandlung im Verhalten Jonathans gegenüber Karl, dass auch der ältere Bruder dazulernt und eine Entwicklung durchmacht. Als Leser & Leserinnen können wir es uns deshalb durchaus erlauben, eine etwas kritischere Haltung gegenüber ihm einzunehmen als dies dem Erzähler möglich ist.  Wir werden darauf noch zurückkommen.

Neben Tod und Bruderliebe bilden Märchen & Abenteuer das dritte Hauptthema der Erzählung.
Einerseits sind Die Brüder Löwenherz selbst ein Märchen, auch wenn der Bezug zu den Konventionen des Genres nicht ganz so deutlich ausfällt wie etwa in Mio, mein Mio. Zur Beurteilung der Erzählung ist dies dennoch sehr wichtig. So mag es auf den ersten Blick billig und unrealistisch erscheinen, wenn die Brüder entgegen aller Wahrscheinlichkeit den geheimen Zugang zur Katlahöhle mit Hilfe eines Fuchses entdecken. Im Rahmen eines Märchens aber ist diese Wendung völlig in Ordnung, worauf Karl in gewisser Weise auch hindeutet, wenn er erzählt:
Vielleicht war alles schon vorherbestimmt, seit der Urzeit der Märchen und Sagen? Vielleicht wurde Jonathan schon damals um des Heckenrosentals willen zu Orwars Retter bestimmt? Vielleicht gab es unsichtbareMärchenwesen, die, ohne dass wir es ahnten, unsere Schritte lenkten? Wie sonst hätte Jonathan gerade dort, wo wir unsere Pferde abgestellt hatten, einen Zugang zur Katlahöhle finden können? Es war rätselhaft, genauso rätselhaft, wie es gewesen war, dass ich bei all den vielen Häusern im Heckenrosental gerade auf dem Matthishof gelandet war und nicht woanders.(S. 179f.)
Zugleich aber sind Die Brüder Löwenherz eine Geschichte über Märchen. Als Jonathan seinem Bruder zum ersten Mal von Nangijala erzählt, beschreibt er es als ein Land, in dem "noch die Zeit der Lagerfeuer und der Sagen" sei, von dort "stammten alle Märchen und Sagen, [...] denn gerade dort passiere ja all so was. Wenn man dort hinkomme, erlebe man von früh bis spät und sogar nachts Abenteuer" (S. 7).  Was könnte sich ein Kind Großartigeres wünschen? Und erst recht ein Kind, das ans Bett gefesselt ist, wie der kranke Karl? In Nangijala angekommen zeigt sich allerdings sehr schnell, dass Abenteuer nicht nur aus Schwimmen, Reiten und Lagefeuer machen bestehen. Jedes Märchen setzt die Existenz von Gewalt, Schmerz, Tod und Verlust voraus. Und es bedeutet ganz etwas anderes, ob man eine solche Geschichte selbst erlebt oder sie erzählt bekommt. Kein Wunder, dass "Krümel" am Ende des Buches die Aussicht, dass im nächsten Jenseitsreich Nangilima gleichfalls die "Zeit der Lagerfeuer und Sagen" herrschen soll, alles andere als erfreulich findet. Jonathan versichert ihm jedoch sofort, dort seien "böse und grausame Sagen" keine Wirklichkeit mehr, sondern lebten nur in den Erzählungen fort.
Indem wir Karls Erfahrungen unmittelbar teilen und auf diese Weise sehr eindringlich vor Augen geführt bekommen, was es bedeuten würde, Teil eines Märchens zu sein, eröffnet sich uns ein neuer Zugang zu dieser Art Erzählungen. Nicht, dass Astrid Lindgren dem Märchen damit seinen magischen Reiz nehmen wollte. Sei zeigt uns vielmehr, dass es dabei um sehr viel mehr geht als bloß um farbenfrohe und spannende Geschichten. Es geht um die ganze Bandbreite der menschlichen Erfahrung, und dazu gehören eben auch Schmerz, Gewalt und Tod. Gleichzeitig weist sie auf das Zwiespältige der Sehnsucht nach dem Abenteuer hin.

Und damit kommen wir zum vierten großen Thema der Brüder Löwenherz: Revolution.
Keine Angst, ich werde jetzt nicht versuchen, aus einem vielgeliebten Kinderbuch ein kommunistisches Pamphlet zu machen. Das ist Astrid Lindgrens Erzählung nicht, und in meinen Augen ist das auch verdammt gut so.
Eher zufällig habe ich ungefähr zur selben Zeit wie die Brüder Löwenherz auch einmal wieder Geoffrey Treases Die Verschwörung gegen den Hunger (Comrades for the Charter) aus dem Jahre 1934 gelesen – gleichfalls ein Kinderbuch, das sich mit dem Thema Revolution beschäftigt. Doch welch himmelweiter Unterschied besteht zwischen diesen beiden Werken! Nun ist Treases Erzählung nicht phantastisch, sondern historisch-realistisch  – sie spielt vor dem Hintergrund der englischen Chartisten-Bewegung der 1840er Jahre*  –, und deshalb mag ein Vergleich nicht ganz fair erscheinen.  Aber so sehr ich es auch begrüße, wenn ein Autor versucht, seiner kindlichen Leserschaft historisches Wissen zu vermitteln, dieses Buch schmeckt mir einfach zu sehr nach Agitprop – und Agitprop kann ich nur dann leiden, wenn er sich entweder mit dem Grotesken verbindet, wie in Wladimir Majakowskis Mysterium Buffo, oder wenn er so harsch und ehrlich daherkommt, wie in einigen von Ernst Busch gesungenen Liedern.
Von so etwas sind Die Brüder Löwenherz dankenswerterweise meilenweit entfernt. Und doch – die eigentliche Geschichte dreht sich um einen revolutionären Kampf, und ich denke, es ist kein Zufall, dass das Buch Anfang der 70er Jahre geschrieben wurde, zu einer Zeit also, als weltweit revolutionäre Kämpfe tobten. Und Astrid Lindgren, die seit den 30er Jahren Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Schwedens war, stand schon immer auf der Linken.
Wie auch immer die bewussten Intentionen der Autorin ausgesehen haben mögen, auf jedenfall behandelt sie das Thema Revolution auf bewundernswert differenzierte Weise.
Nangijala besteht aus zwei Tälern. Im Kirschtal herrschen Friede und Gemeinschaftsgeist: "[H]ier [...] ist alles umsonst. Wir geben und helfen einander, wann und wo es nötig ist" (S. 38). Das Heckenrosental aber ist von dem Tyrannen Tengil und seinen Gefolgsleuten erobert worden, die seine Bewohner versklavt haben. Den Kampf gegen ihn führen Sophia und Orvar. Jonathan hat sich ihnen angeschlossen. Als er auszieht, um den in der Katlahöhle gefangen gesetzten Orvar zu befreien, kann Karl zuerst nicht verstehen, warum sein Bruder sich ins Lebensgefahr begibt, um einen Mann zu retten, den er noch nie gesehen hat:
Ich fragte Jonathan, warum er sich in eine solche Gefahr begeben müsse. Ebenso gut könnte er doch zu Hause am Feuer sitzen und es sich gut gehen lassen. Aber da antwortete mir Jonathan, es gebe Dinge, die man tun müsse, selbst wenn es gefährlich sei.
"Aber warum bloß?", fragte ich.
"Weil man sonst kein Mensch ist, sondern nur ein Häuflein Dreck", erwiederte er. (S. 59)
Es gibt Situationen, in denen man Stellung beziehen und sich engagieren muss, wenn man seine eigene Menschenwürde behalten will. Im Laufe der Erzählung lernt auch Karl, dies zu verstehen. Die Geschichte läuft jedoch nicht auf eine simple, romantische Verherrlichung des Freiheitskampfes hinaus. Astrid Lindgren lässt keinen Zweifel daran, dass auch der Kampf der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker hart und grausam ist. Als "Krümel" seinen Bruder fragt, ob es stets "böse Sagen" wie die von Tengil geben müsse, antwortet dieser:
"Nein, [...] wenn der Kampf einmal vorüber ist, wird Nangijala wohl wieder ein Land, wo Sagen und Märchen schön sind und das Leben leicht und einfach ist wie früher. [...] Aber dieser letzte Kampf, Krümel, kann nur ein böses Märchen sein, eine Sage vom Tod und nichts als dem Tod. Und deshalb muss Orwar diesen Kampf leiten, nicht ich. Denn ich tauge nicht dazu, einen Menschen zu töten." (S. 166)
Orvar erscheint als ein harter, leidenschaftlicher Mann, dessen ganzer Wille auf den kommenden Aufstand ausgerichtet ist, und der keinerlei Bedenken hat, im Namen der Freiheit Menschenleben zu opfern. Karls Haltung wirkt nicht ohne Grund  stets etwas distanziert, wenn er von ihm erzählt. Was  jedoch nicht bedeuten soll, dass Orvar der altbekannten Karrikatur des 'fanatischen Revolutionärs' entsprechen würde, hinter dessen Freiheitspathos sich bereits der kommende neue Diktator ankündigt. Er besitzt ganz einfach all die Eigenschaften, die man braucht, um der Führer eines bewaffneten Aufstands zu sein. Und Lindgren lässt keinen Zweifel daran, dass zum Sturz einer Despotie Gewalt notwendig und legitim ist.  Die Verantwortung für das Blutvergießen liegt eindeutig auf Seiten der Unterdrücker, was die folgende Szene auf eindrucksvolle und beinahe unheimliche Weise deutlich macht:
Wir kamen an einem von Apfelbäumen umgebenen Häuschen vorbei, und Matthias sagte:
"Da wohnt der, den sie vorhin erschlagen haben."
Auf der Türschwelle saß eine Frau. Ich erkannte sie vom Marktplatz her wieder, ihr Schreien, als Tengil auf ihren Mann wies, klang mir noch in den Ohren. Jetzt hatte sie eine Schere in der Hand und war dabei, ihr langes blondes Haar abzuschneiden.
"Was tust du, Antonia?", fragte Matthias. "Was machst du mit deinem Haar?"
"Bogensehnen", sagte Antonia.
Mehr sagte sie nicht. Doch nie werde ich den Ausdruck ihrer Augen vergessen, als sie dies sagte." (S. 134)
Doch damit ist die Problematik der revolutionären Gewalt nicht gelöst. Sie bleibt Gewalt. Wir wissen, das Tengils Soldaten keine 'abscheulichen Orks' und keine gesichtslosen 'Stormtroopers' sind, sondern Menschen. Kader, Veder und Dodik sind sicher keine besonders sympathischen Zeitgenossen, aber sie sind dennoch Menschen.
Jonathans Weigerung, mit der Waffe in der Hand am Aufstand teilzunehmen, wirkt darum erst einmal verständlich und fast bewundernswert. Dennoch ist Orvars Argument nicht so leicht von der Hand zu weisen: "Wenn alle wären wie du, dann würde das Böse ja bis in alle Ewigkeit herrschen!" (S. 213). Und hatte Jonathan nicht selber gesagt: "Eines Tages schlägt auch für Tengil die Stunde." Und als "Krümel" ihn gefragt hatte, was genau er damit meine, hatte da er nicht geantwortet: "Dass es ihm genauso geht, wie es allen Tyrannen früher oder später ergeht [...] Dass er wie eine Laus zerquetscht wird und für immer verschwindet." (S. 57)
Und tatsächlich ist am Ende er es, der Tengils Tod herbeiführt, indem er ihm die Kriegslure entwindet und die fürchterliche Katla seinem eigenen Willen unterwirft. Nach allem, was wir über das Verhältnis des Drachenweibchens zu der Lure und ihrem Träger wissen, muss Jonathan ihr eigentlich befohlen haben, den Tyrannen zu töten, auch wenn dies nicht ausdrücklich gesagt wird. Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass Katlas Hass auf ihren ehemaligen Herrn so groß ist, dass sie sich – kaum von ihm befreit – sofort auf ihn stürzt, unabhängig von den Befehlen ihres neuen Meisters. Doch auch dann bliebe zumindest die Tatsache bestehen, dass Jonathan nichts versucht, um dies zu verhindern. So oder so – er trägt die Verantwortung für den Tod des Despoten.
Ziel dieser Schilderung ist es sicher nicht, Jonathans Ideal der Gewaltlosigkeit als verlogen darzustellen. Vielmehr wird uns damit deutlich gemacht, dass es für moralische Konflikte wie diesen keine einfachen Lösungen gibt.
Angesichts dieser differenzierten Auseinandersetzung mit dem Problem der revolutionären Gewalt fühlte ich mich bei meiner erneuten Lektüre von  Die Brüder Löwenherz mehr als einmal an die Zeilen aus Bert Brechts Gedicht An die Nachgeborenen erinnert:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir,
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit,
Konnten selber nicht freundlich sein.
Ihr aber, wenn es so weit sein wird,
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist,
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.
**
Zum Abschluss noch ein paar Worte über die Verfilmung aus dem Jahre 1977.


Astrid Lindgren hatte das große Glück, an vielen der frühen – und heute klassischen – Filmadaptionen ihrer Werke unmittelbar mitwirken zu können und dabei auf einen kongenialen, und ihr bald schon in tiefer Freundschaft verbundenen Regisseur zu treffen: Olle Hellbom. Produkt ihrer berühmteste Zusammenarbeit sind sicher die Pippi Langstrumpf - Filme mit Inger Nilsson, doch daneben zeichnete Hellbom u.a. für Ferien auf Saltkrokan, eine Reihe von Episoden von Michel aus Lönneberga und eben Die Brüder Löwenherz verantwortlich. Ursprünglich sollte er auch bei Ronja Räubertochter die Regie führen, doch erlag er anderthalb Jahre vor Drehbeginn einem Krebsleiden, woraufhin Tage Danielsson die Aufgabe übernahm.
Ich weiß nicht so recht, was ich über Hellboms Brüder Löwenherz anderes sagen soll, als dass es sich um eine Adaption des Buches handelt, die diesem voll und ganz gerecht wird, ohne dabei zu vergessen, dass der Film eigene Stilmittel besitzt, um eine Geschichte zu erzählen. Keine bloß buchstabengetreue Umsetzung also, sondern eine sehr gelungene cineastische Anverwandlung des Stoffes. An einigen Stellen (Katla; die Schlacht) spürt man zwar die durch das Budget gesetzten Grenzen, doch davon einmal abgesehen, handelt es sich meiner Meinung nach um einen der wirklich großen phantastischen Kinderfilme, und wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte dies schleunigst nachholen.*** Für seine überragende Qualität verantwortlich sind neben dem Regisseur Hellbom und der Drehbuchautorin Lindgren vor allem der Chefkameramann Rune Ericson, der denselben Job auch in Danielssons Ronja übernehmen sollte, sowie ein Team ausgezeichneter Schauspieler & Schauspielerinnen. Neben Lars Söderdahl als Karl und Staffan Götestam als Jonathan seien genannt: der Theaterexzentriker Allan Edwall als Matthias; die zu ihrer Zeit sehr berühmte Bühnendarstellerin Gunn Wållgren als Sophia (sie sollte 1982 die Großmutter in Ingmar Bergmans Fanny und Alexander spielen); sowie der v.a. durch seine Titelrolle in der Knut Hamsun - Adaption Hunger (1966) bekannte Per Oscarsson als Orvar (er sollte 1984 als Borka in das Lindgren-Universum zurückkehren). 

 

* Allen Fantasyfreunden & -freundinnen, die nicht wissen, wer die Chartisten waren, empfehle ich wärmstens Freedom and Necessity von Emma Bull & Steven Brust. Und dem Rest auch.
** Bertolt Brecht: Werke. Bd. 12: Gedichte 2. S. 87.
*** Auf Youtube findet sich das schwedische Original mit englischen Untertiteln.

Strandgut der Woche

Samstag, 15. Dezember 2012

Weihnachtliche Metaphysik

Was ist der beste Beweis dafür, dass es keine göttliche Vorsehung gibt? Ganz einfach: Die Existenz von
Und wer mir nicht glaubt, der möge auf obigen Link drücken und dabei eine Flasche Wodka in Reichweite bereit halten. Es versteht sich hoffentlich von selbst, dass ich für etwaige psychologische Folgeschäden nicht aufkomme.

Vielen Dank auch an Lee & Darren vom BlackDog Podcast, die mich dazu verführt haben, mir diese Monstrosität anzuschauen! Das nächste Mal  lade ich lieber Yog-Sothoth und Shub-Niggurath auf ein paar Plätzchen und ein Glas Glühwein ein. Fürchterlicher können die auch nicht sein.

PS: Dieses eine Mal bin ich der Copyright-Polizei wirklich dankbar. Sie hat mich davor bewahrt, diesen "Film" in seiner Gänze ertragen zu müssen  ...

Strandgut der Woche

Donnerstag, 13. Dezember 2012

A Christmas Carol

Hin und wieder wird der Oscar sogar Leuten verliehen, die ihn wirklich verdient haben. So z.B. 1972 Richard Williams für seine Adaption von Charles Dickens' A Christmas Carol: