"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 1. Mai 2013

Motivmix am Ende einer Epoche

Am Wochenende habe ich mir zum ersten (und wahrscheinlich letzten) Mal Stanley Donens Saturn 3 aus dem Jahr 1980 angeschaut. Ein über weite Strecken peinlicher und unangenehmer Film, der nach meinem kleinen Ausflug in die Geschichte des SciFi-Kinos letzte Woche bei mir jedoch vor allem den Eindruck einer unglücklichen Mixtur aus so gut wie allen prominenten Themen und Motiven einer ganzen Dekade filmischer SF hinterlassen hat. Was ihn dann irgendwie doch wieder interessant macht, wirkt er doch wie der traurige Schlusspunkt unter eine Epoche.


Auf dem Saturnmond Titan arbeiten Adam (Kirk Douglas) und Alex (Farrah Fawcett) an der verbesserten Herstellung von Nahrungsmitteln, auf die die völlig überbevölkerte Erde dringend angewiesen ist. Eines Tages taucht Captain Benson (Harvey Keitel) auf der Station auf. Er hat den Auftrag, die Effizienz ihrer Arbeit zu steigern. Ein Ziel, das vor allem mit Hilfe des neuen Superroboters Hector erreicht werden soll, dessen Gehirn mit dem Wissen (aber auch den Emotionen) Bensons gefüttert wird. Doch wie wir bereits ganz zu Anfang erfahren haben, handelt es sich bei dem Captain in Wirklichkeit um einen psychopathischen Killer. Eine Charaktereigenschaft die der gute Hector ebenso übernimmt wie Bensons sexuelle Fixierung auf die reizende Alex. Die Treibjagd durch düstere Korridore kann beginnen.

Es ist wirklich erstaunlich, wie vollständig der Motivkatalog des 60er/70er Jahre - SciFi - Films in Saturn 3 durchgegangen wird. Da hätten wir
(1) Umweltkatastrophe, Überbevölkerung und Nahrungsmangel aus Silent Running (1972) und Soylent Green (1973);
(2) Allgemein üblicher Konsum von Drogen/Antidepressiva ("Blue Dreamers") aus Fahrenheit 451 (1966);
(3) Hedonistischer Lebensstil mit besonderer Betonung auf sexueller Promiskuität aus Logan's Run (1976);
(4) Eine Künstliche Intelligenz, die Menschen tötet, um den Erfolg ihrer Mission sicherzustellen, aus 2001 (1968);
(5) Das düstere Ambiente und die Vermischung von SF und Horror aus Alien (1979);
(6) Und selbst Star Wars darf nicht fehlen: Die Eröffnungsszene ist ganz offensichtlich ein Rip-off der Eröffnungsszene von A New Hope.
In dieser Lückenlosigkeit ist mir so etwas bisher noch nicht untergekommen.*
Für sich alleine wäre das natürlich noch kein Grund, den Stab über den Film zu brechen. Es ist sehr wohl möglich, aus bekannten Versatzstücken etwas neues und interessantes oder wenigstens unterhaltsames zusammenzubasteln. Im Falle von Saturn 3 sieht das Ergebnis jedoch eher so aus, als habe sich ein Kleinkind irgendwelche unterschiedlich gefärbten Bauklötzchen gegriffen und völlig wahllos aneinandergefügt. Und was bei einem trashigen B-Movie vielleicht amüsant wirken kann, muss bei einem Streifen, der ganz offenbar größere Ambitionen besitzt, den Eindruck von Faulheit und Inkompetenz hinterlassen. Von gähnenden Logiklöchern einmal ganz zu schweigen: Wenn die Erzeugung von Nahrungssmitteln tatsächlich so brennend wichtig ist, warum betraut man damit irgendwelche Zwei-Personen-Teams in Stationen am "Arsch der Welt" (wie der Film selbst sich ausdrückt)? Sollten nicht Aberhunderte von Wissenschaftlern an der Lösung dieses Problems arbeiten? Und überhaupt: Warum betreibt man hydroponische Zuchtversuche auf einem Saturnmond? Wegen der hübschen Aussicht? Welche Funktion soll Hector bei dieser Arbeit übernehmen? In Anbetracht seiner Titanengestalt scheint er eher für körperliche Schwerstarbeit und nicht für Botanik konstruiert worden zu sein? Wenn große Teile der Erde durch eine ökologische Katastrophe verwüstet wurden, ist es da wirklich so wahrscheinlich, dass sich auf ihr ein sexbesessener Hedonismus durchgesetzt hat, bei dem es als Verbrechen gegen die Gesellschaft gilt, wenn man nicht mit jedem x-beliebigen ins Bett steigt? Usw. usf.

Wie Gregory Moss' ausführlichem Essay Something Is Wrong On Saturn 3 zu entnehmen ist, war die Idee für den Film schon über ein halbes Jahrzehnt alt. Das erste Script war von Production Designer John Barry (A Clockwork Orange, Star Wars, Superman) geschrieben und von Schriftsteller Martin Amis überarbeitet worden, bevor es 1978 Produzent Lew Grade vorgelegt wurde. Amis war es außerdem gelungen, Farrah Fawcett für das Projekt zu gewinnen, die vor allem durch ihre Rolle in Charlie's Angels zu einem Star und Sexsymbol geworden war, mit Logan's Run aber auch schon Erfahrungen im SciFi-Genre gesammelt hatte. Sie erklärte dazu sehr viel später: "Originally they had a very good script, it was called ‘The Helper’, and it was a lot different from what we ended up shooting." Man möchte ihr nur zu gerne glauben, vor allem, wenn man sich anschaut, was für eine fürchterliche Rolle sie schließlich gezwungen war, zu spielen. Auf jedenfall wurde das Drehbuch noch mehrfach umgeschrieben. In den Worten von Steve Gallagher, der 1979 beauftragt wurde, eine Romanfassung von Saturn 3 zu verfassen:
The script was terrible. I thought it was bad then but in retrospect, and with experience, I can see how truly inept it was. That may not be Amis’ fault. Years later I met someone who’d worked on the production and she told me that every script doctor in town had taken an uncredited swing at it, so it’s impossible to say whether it was stillborn or had been gangbanged to death.
Gut möglich, dass dies der Grund für den wilden Motivmix war, als der Saturn 3 sich heute darstellt. Und dass Barry zwei Wochen nach Drehbeginn gezwungen war, den Regieposten an Produzent Stanley Donen zu übergeben, hat sicher auch nicht zur Kohärenz des Ganzen beigetragen. Doch was hilft's? Wir Zuschauer & Zuschauerinnen haben uns mit dem Endprodukt zu arrangieren, und es hilft uns wenig, zu wissen, auf welch traurigen Wegen sich das Desaster zuvor angebahnt hatte.

Das mit Abstand Positivste an Saturn 3 ist das Design der Sets und des Roboters. Hierbei hat das Team um Stuart Craig und Colin Chilver, die beide bereits bei Superman mit Barry zusammengearbeitet hatten, wirklich großes geleistet, und sowohl das labyrinthische Innere der Station als auch die monströse Riesengestalt Hectors werden in einigen der spannendsten Sequenzen des Films tatsächlich auch sehr effektvoll in Szene gesetzt.
Etwas anders schaut es da schon bei den drei Hauptdarstellern aus. Harvey Keitel überzeugt voll und ganz als Psychopath Benson {auch wenn sein Part aus scheinbar nicht eindeutig geklärten Gründen von Roy Dotrice nachsynchronisiert wurde}. Farrah Fawcett hatte aufgrund des Drehbuchs ohnehin keine Chance, schauspielerisch zu glänzen. Doch der Auftritt von Kirk Douglas ist ein echtes Trauerspiel. Es ist nie schön, den Niedergang eines einst großen Künstlers miterleben zu müssen, doch selten habe ich ein so qualvolles und peinliches Beispiel dafür gesehen wie in diesem Film. Der zu Drehbeginn 62jährige Schauspieler war wie besessen davon, das Image seiner jugendlichen Männlichkeit und Virilität aufrechtzuerhalten, und hatte die Rolle {wie Gregory Moss vermutet} wohl nur deshalb angenommen, weil er dabei halbnackt mit der 32jährigen Farrah Fawcett herumturnen konnte. Als diese sich weigerte, eine {Beinah}-Nacktszene zu drehen, soll er erwiedert haben: "What do you mean she won’t take her clothes off. She’s only a fucking TV actress. I’ll rip her clothes off!" Mr. Douglas bekam seinen Willen. Besitzt der Film schon aufgrund seiner Story einen unangenehmen sexuellen Vibe, so wurde dieser durch die traurigen Allüren seines alternden Stars sicher noch weiter verstärkt. Auch steht zu bezweifeln, ob es ein Verlust für die Filmgeschichte gewesen wäre, hätte man Douglas' nackten Altmännerarsch nicht auf Celluloid verewigt.

Und damit kommen wir zur eigentlichen Crux: Der Story. Oder besser gesagt den Stories, denn in Wirklichkeit besitzt Saturn 3 deren zwei, die man auf ziemlich unglückliche Weise zu einer Einheit verrührt hat.
Da wäre zum einen der amoklaufende Roboter, dem unsere Helden in den düsteren Korridoren und unübersichtlichen Räumen der Station zu entkommen versuchen, stets fürchtend, dass der mörderische Hector plötzlich von irgendwoher aus dem Dunkel auftaucht und seine stählernen Klauen zum Einsatz bringt. Dieser Teil des Films ist passagenweise sogar wirklich spannend und stimmungsvoll. Allerdings lässt sich kaum verhindern, dass man dabei ständig an Alien denken muss. Und Ridley Scotts Klassiker hat gezeigt, wie man ein vergleichbares Szenario sehr viel packender und intensiver auf der Leinwand umsetzen kann.
Die zweite und eigentliche Hauptstory von Saturn 3 ist die Dreiecksbeziehung zwischen Adam, Alex und Benson. Und diese ist nicht nur für sich genommen fürchterlich, sondern verleiht auch der ersten Story einen leicht unappetitlichen Unterton. Der Film will den Eindruck vermitteln, das Leben von Adam und Alex sei eine Art Idyll gewesen, das durch das plötzliche Auftauchen Bensons zerstört wird. Dabei soll Adam der Vertreter der "alten Werte", Benson der Abgesandte der "neuen Welt" sein, was durch den Altersunterschied noch zusätzlich hervorgehoben wird. Für Alex bleibt bei dieser Konstellation nichts übrig, als die Rolle des Beutestücks zu spielen, um das sich die beiden Alpharüden balgen. So weit, so schlimm. Doch wie genau sehen eigentlich die "alten Werte" aus, die durch den dekadenten Benson bedroht werden? Scheinbar sollen wir darunter vor allem eine auf gegenseitiger Zuneigung basierende monogame Beziehung verstehen, was zwar möglicherweise einen leicht konservativen Touch besitzt, für sich genommen aber noch nicht problematisch ist. Doch so wie uns die Story das darstellt, ist eine solche Beziehung offenbar nur möglich, wenn der weibliche Teil des Paares in einem Zustand permanenter Hilflosigkeit und Unselbstständigkeit gehalten wird. Adam spielt die Rolle des großen Beschützers, der die fürchterlich naive und kindliche Alex von den Versuchungen und Gefahren der "bösen Welt" da draußen abzuschirmen versucht, und diese kann nicht anders auf irgendwelche Bedrohungen reagieren, als indem sie nach dem "großen, starken Mann" schreit, der sie verteidigen muss.** Sich das anzuschauen, ist mitunter wirklich qualvoll. Nicht dass Benson irgendwie sympathischer rüberkommen würde als "White Knight" Adam. Er sieht in der jungen Frau ein simples Sexobjekt, das er benutzen will. Nun könnte man vielleicht einwenden, der Film sei bewusst darauf angelegt, die beiden Männer als Vertreter unterschiedlicher Formen des Chauvinismus darzustellen, und ab und an könnte man wirklich diesen Eindruck bekommen. Doch leider bietet auch das keine Lösung, denn zum einen ist Bensons Position von Anfang an dadurch entwertet, dass er als Killer eingeführt wird, und zum anderen führt die Story um Hector zwangsläufgig dazu, dass Adam am Schluss tatsächlich als der heroische Retter seiner bedrohten Bettgefährtin dasteht. Und immer dann, wenn man vielleicht verhaltene Ansätze zu einer echten Emanzipation bei Alex auszumachen glaubt, wird dies durch die nächste Szene, in der der böse Hector sie erneut zur kreischenden Kindfrau reduziert hat, sofort wieder rückgängig gemacht.
Was all dies vielleicht noch schlimmer macht, ist, dass der Roboter Bensons sexuelle Fixierung übernimmt. Wenn er Alex beobachtet, verfolgt und schließlich attackiert wirkt er deshalb nicht nur wie eine außer Kontrolle geratene Maschine, sondern wie ein sexueller Gewalttäter. Und das ist wirklich creepy! Mehr als einmal hatte ich den Eindruck, jetzt müsste der Blechmann eigentlich gleich seinen riesigen Stahlpenis ausfahren. Das bekommen wir glücklicherweise nicht zu sehen, aber die Atmosphäre des Films ist entsprechend.

Was bleibt zu sagen? Saturn 3 verkörpert auf merkwürdige Weise einen Wendepunkt in der Geschichte des SciFi-Films. Er zitiert einerseits alle relevanten Motive der 70er Jahre - SF und weist zugleich bereits einige Züge jener "Weltraumproleten"-Ästhetik auf, die durch Alien im Genre verankert wurde. Doch keines von beidem macht der Streifen auf interessante Weise fruchtbar. Wer sich für die historische Entwicklung des SciFi-Kinos interessiert, mag ihm deshalb vielleicht etwas abgewinnen können. Allen übrigen Freundinnen & Freunden des phantastischen Films würde ich jedoch eher davon abraten, sich diesen eigenartigen und ziemlich unangenehmen Streifen anzutun. Die beste Szene ist übrigens die letzte. Aber sie ist nicht so überwältigend, dass man sich dafür durch den Rest quälen müsste.***



* Punkt 2 und 3 könnte man natürlich mindestens bis zu Aldous Huxleys Brave New World zurückverfolgen, und ich nehme an, für die meisten der anderen Motive ließen sich gleichfalls sehr viel ältere Vorlagen in der literarischen SF finden. Es geht mir hier jedoch ausschließlich um ihr Auftauchen im Film.
** Wie es überhaupt kommen konnte, dass Alex so unwissend und naiv geblieben ist (sie kennt nicht einmal die "Blue Dreamers", die sich die Menschen dieser Welt offenbar bei jeder sich bietenden Gelegenheit reinpfeifen), versucht der Film damit zu erklären, dass sie im Weltraum geboren wurde und bisher nie auf der Erde war. Tatsächlich jedoch erklärt das überhaupt nichts, denn wie wir ebenfalls erfahren, halten sich Adam und sie erst seit drei Jahren auf der isolierten Titan-Station auf. Und dort, wo Alex zuvor gelebt hat, wird sie doch wohl die Möglichkeit gehabt haben, andere Menschen und andere Männer kennenzulernen.
*** Alex' kinky Outfit mit Lederkorsett und Strapsen, das man ganz kurz im Trailer zu sehen bekommt, sucht man im Film übrigens vergeblich. Die entsprechende Szene – eine Drogenrauschsequenz, in der sie und Adam sich ausmalen, wie es wäre, Benson zu ermorden – wurde auf Farrah Fawcetts Drängen hin aus der Kinoversion herausgeschnitten.

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