"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Dienstag, 19. März 2013

Ein nicht eingelöstes Versprechen

Als ich vor einigen Wochen die letzte Seite von Susanna Clarkes Jonathan Strange & Mr. Norrell gelesen und das Buch bei Seite gelegt hatte, war ich irgendwie irritiert. Der Eindruck, den der Roman bei mir hinterlassen hatte, ließe sich vielleicht am Ehesten mit dem eines nicht eingelösten Versprechens vergleichen.
Hatte mein Fehler darin bestanden, mich zu stark von irgendwelchen übermäßig euphorischen Rezensionen beeinflussen zu lassen, und war ich deshalb mit unfair hohen Erwartungen an das Buch herangegangen? Sicher, ich hätte es wohl gar nicht erst zur Hand genommen, wenn mir auf meinen Spaziergängen durch das Netz nicht von verschiedenen Seiten immer wieder suggeriert worden wäre, dass die Erzählung über die Rückkehr der Englischen Zauberei vor dem Hintergrund der Napoleonischen Kriege eines der großartigsten phantastischen Werke der jüngeren Vergangenheit sei. Dennoch war hier mehr im Spiel als die unselige Dialektik von Hype und Enttäuschung.
Wie mir meine Besuche im Forum der wunderbaren Bibliotheka Phantastika inzwischen recht deutlich vor Augen geführt haben, gibt es neben den begeisterten Verehrern von Susanna Clarkes Roman offenbar auch genug Leute, die ihn totlangweilig gefunden und deshalb frustriert in die Ecke gepfeffert oder sogar öffentlich ermordet haben. Und zu letzteren gehöre ich nicht. Trotz einiger recht dröger Passagen, empfand ich Jonathan Strange & Mr. Norrell vielmehr als eine recht angenehme, amüsant-unterhaltende Lektüre. Meine Frustration wurzelt eher darin, dass die Erzählung selbst die Erwartung in mir geweckt hatte, mehr zu sein als das. Und diese Erwartung wurde letztlich nicht erfüllt.

Doch beginnen wir mit den Stärken des Buches. Da wären zuerst einmal die beiden Protagonisten Gilbert Norrell und Jonathan Strange. Es hat mich nicht gewundert, zu erfahren, dass sie und ihre Beziehung zueinander am Anfang des Schreibprozesses standen. In einem Interview mit Steven H. Silver erzählt Susanna Clarke darüber: "What came to me originally were the two characters. I knew their relationship, foremost their difficult relationship or a lot about their relationship from the beginning". Die beiden Zauberer sind lebendig gezeichnete Persönlichkeiten, wobei der in vielem eher unsympathischer wirkende Norrell in seiner Mischung aus Arroganz und Unsicherheit beinahe Hilflosigkeit die eindeutig interessantere Figur abgibt. Ihre sich zwischen den Extremen von Freundschaft und wütender Konkurrenz bewegende Beziehung bildet nicht nur das erzählerische Rückgrat des Romans, sondern war zumindest für mich auch eines seiner ansprechendsten Elemente – vermutlich weil mir in ihr die Verschmelzung von individuell-psychologischer, gesellschaftlicher und metaphorischer Ebene besonders gelungen erscheint.  
Beide gehören der Gentry des ländlichen England an, wobei Norrell mehr dem Typus des liberal gesonnenen Gentleman entspricht, während Norrell eher die Züge eines bourgeoisen Aufsteigers trägt (wohl nicht zufällig erfährt man nichts über seinen familiären Hintergrund). Ihre unterschiedliche Herangehensweise an die Magie, welche schließlich zu einer langjährigen Fehde und zur dauerhaften Spaltung der englischen Zauberergemeinde in zwei Parteien führt, spiegelt etwas von der sich herausbildenden Weltsicht des viktorianischen Bürgertums wider. Norrells verbissenes Streben, alles, was mit den Feen und dem "Rabenkönig" John Uskglass zu tun hat, aus der Zauberei herauszuhalten, wurzelt in der Angst vor dem Geheimnisvollen, Fremden, Irrationalen. Sie stellen Kräfte dar, die sich von der "Vernunft" nicht wirklich durchschauen und beherrschen lassen, und deshalb erscheinen sie Norrell "unenglisch" und bedrohlich. Er sieht in ihnen sogar eine Gefahr für die gesellschaftliche Ordnung (schließlich war John Uskglass ein Usurpator). Der liberale Strange hingegen ist gewillt, sich ihnen zuzuwenden, weil er um ihre Mächtigkeit weiß. Doch in Wahrheit steht er ihnen beinah ebenso fern wie sein einstiger Lehrer. Letztlich gelingt es ihm nur durch die Hingabe an den Wahnsinn, Zugang zu ihnen zu finden.
Ohne sich damit in eine simple Allegorie aufzulösen, schwingt in diesem Motiv doch etwas von der durch Empirismus, Utilitarismus und Positivismus geprägten Weltanschauung des bürgerlichen England mit. Einer Philosophie, in der der "gesunde Menschenverstand" des Kleinbürgers für sich in Anspruch nimmt, die höchste, alles beherrschende Instanz zu sein, während er das, was er nicht zu begreifen vermag, entweder verleugnet und unterdrückt oder in das Schattenreich des Mystizismus abdrängt.
Zu diesem Themenkomplex gehört auch das mir sehr gelungen erscheinende Gegenüberstellen der letztlich ziemlich bornierten Welt der englischen Gentlemen und Bourgeois und des grotesken, morbiden und amoralischen Reiches der Feen, das durch den "Herrn mit dem Haar wie Distelwolle" (den "Gentleman with Thistledown Hair") repräsentiert wird.

So weit ist das alles recht ansprechend und zeigt außerdem, dass wir es bei Susanna Clarke mit einer talentierten und intelligenten Schriftstellerin zu tun haben. Um so ärgerlicher wirken deshalb jedoch die fundamentalen Schwächen ihres Debütromans.
In so gut wie jeder Besprechung von Jonathan Strange & Mr. Norrell bekommen wir zu hören, wie überaus geschickt Clarke mit dem Stil und den Konventionen der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts (insbesondere der Romane von Jane Austen und Charles Dickens) gespielt habe. Manches davon mag in der Übersetzung von Anette Grube & Rebekka Göpfert, mit der Vorlieb zu nehmen ich gezwungen war, verloren gegangen sein, aber auf jedenfall hat sich genug erhalten, um auch mir aufzufallen. Der Roman ist in der Tat ein elegant und geschickt gemachtes Pastiche mit leicht ironischem Unterton. Das liest sich sehr nett und amüsant, und doch beginnt für mich hier die eigentliche Problematik des Buches.
Ich habe so meine Schwierigkeiten mit dem Konzept der "Metaliteratur". Das Nachahmen literarischer Stile der Vergangenheit ist in meinen Augen ein Stilmittel, und als solches bleibt es in letzter Konsequenz dem Inhalt der Erzählung untergeordnet, wobei ich unter letzterem allerdings nicht bloß den Plot oder irgendeine "Botschaft" verstehe. Geschickt angewandt kann das Pastiche der Herausarbeitung und Akzentuierung von Ideen und Motiven dienen. Fehlt ihm jedoch die inhaltliche Unterfütterung, so wird es zu einer bloßen stilistischen Spielerei oder – schlimmer noch – zum Ausdruck der meiner Ansicht nach grundfalschen Idee der sog. "Selbstreferentialität" von Kunst.
Nun scheint Susanna Clarke dieser ärgerlichen intellektuellen Mode glücklicherweise nicht verfallen zu sein, auch wenn sich hier und da Spuren von ihr in ihrem Roman finden mögen. Der subversive Ansatz, der sich im ironischen Umgang mit ihren Vorbildern ausdrückt, richtet sich nicht allein gegen literarische Konventionen der Vergangenheit, sondern auch gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, denen diese entwachsen sind. Recht gelungen erscheint mir dies in Bezug auf die Figur der Lady Pole ausgeführt. Den finanziellen Interessen ihres Mannes und Norrells Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg zum Opfer gebracht, ist sie zu einem "stummen" Dasein verurteilt, in dem sie tagsüber die Rolle des gefügigen (wenn auch neurotischen) Eheweibs und nachts die der "Edeldame" in der pervertiert-romantischen Welt der Feen spielen muss. Ihre Situation kann als Kommentar zur Stellung der Frau sowohl in der gesellschaftlichen Realität wie in der literarischen Fantasie jener Zeit gelesen werden.
Doch leider beschränkt sich Susanna Clarkes Erzählung nicht auf diesen engen, sozusagen "häuslichen" Rahmen. Sie spielt vor einem weiten historischen Panorama und ist bemüht, entsprechende Themen zu behandeln, scheitert dabei jedoch auf sehr deutliche Weise.

Das zentrale Motiv der "englischen Zauberei" soll ganz offensichtlich in einem metaphorischen Bezug stehen zur Frage des "Englischseins", d.h. zum Selbstverständnis der englischen Nation. Dafür finden sich mehr als genug Hinweise im Text, so etwa, wenn eine der Großtaten von Norrell & Strange darin besteht, die Küsten Britanniens gegen alle Unbill von Außen abzuschotten. Doch so interessant diese metaphorische Ebene am Anfang auch erscheint, sie gelangt zu keiner befriedigenden Entfaltung. Sie erschöpft sich in episodischen Andeutungen, die bei näherer Betrachtung erschreckend banal und nichtssagend wirken. Den Grund hierfür sehe ich in erster Linie in einer äußerst oberflächlichen Herangehensweise an die englische Geschichte jener Periode.
Die Gesellschaft, in der sich Clarkes Figuren bewegen, wirkt ausgesprochen statisch. Unruhe und Chaos werden nur von außen, durch den "Herrn mit dem Haar wie Distelwolle", in sie hineingetragen. Nun könnte man einwenden, dass uns die zu jener Zeit entstandenen Romane Jane Austens ja ein ganz ähnliches Bild vermitteln. Doch spielen Austens Bücher in einer sozial klar abgegrenzten, relativ überschaubaren kleinen Welt – den Kreisen der Gentry. Die Bewohner dieser Welt und ihre Beziehungen untereinander schildert die Autorin mit viel Feingefühl, ironischem Scharfblick und Humanität. Über ihre Grenzen hinaus schaut sie jedoch fast nie. Dieser soziale Mikrokosmos mochte tatsächlich relativ statisch erscheinen, doch Clarkes Erzählung spielt in einem sehr viel weiter gespannten Rahmen. Sie erfordert deshalb auch ein sehr viel grundsätzlicheres Verständnis der historischen Entwicklungen zu Beginn des 19. Jahrhundert. (Einmal ganz abgesehen davon, dass man eine Autorin der Zeit ohnehin nicht mit einer Autorin vergleichen kann, die über diese Zeit schreibt.)
Das in dieser Hinsicht vielleicht erstaunlichste an Jonathan Strange & Mr. Norrell ist, dass in diesem mehr als 1000seitigen Roman, in dem die Napoleonischen Kriege eine wichtige Rolle spielen, die Französische Revolution nicht ein einziges Mal Erwähnung findet. Unter Auslassung dieses gewaltigen Ereignisses aber lässt sich die Epoche, in der die Erzählung angesiedelt ist, nicht einmal ansatzweise verstehen.

Der Roman beginnt im Jahr 1806. Ein Jahrzehnt zuvor war England in der Folge der französischen Ereignisse selbst von gewaltigen sozialen und politischen Kämpfen erschüttert worden. Der Sturm auf die Bastille hatte einen mächtigen Widerhall vor allem unter fortschrittlichen Intellektuellen und Dichtern wie Thomas Paine, William Godwin, Mary Wollstonecraft, William Blake, Robert Burns, William Wordsworth und Samuel Taylor Coleridge sowie unter den in den Corresponding Societies organisierten Handwerken und Arbeitern gefunden. Der Tuleriensturm im August 1792 und der Sturz der Monarchie hatten diese revolutionäre Stimung nur noch weiter angeheizt. Es war zu öffentlichen Massendemonstrationen zur Unterstützung der jungen Republik gekommen, und Tom Paines Kampfschrift The Rights of Man erreichte eine Auflage von ungefähr einer Millionen. Seit den Tagen des Bürgerkriegs in der Mitte des 17. Jahrhunderts hatte kein politisches Pamphlet mehr eine so weite Verbreitung gefunden. Robert Burns brachte den Geist der Stunde auf den Punkt, als er schrieb:


To-day 'tis theirs. To-morrow we
Shall don the Cap of Libertie!*
Englands herrschende Klasse hatte mit Paranoia und brutaler Unterdrückung auf diese Bedrohung reagiert. Zahllose Demokraten waren ins Gefängnis gewandert, und die Regierung Pitts des Jüngeren hatte den royalistischen Mob gegen die Radikalen aufgehetzt. Bekannte Oppositionelle waren auf offener Straße zusammengeschlagen, ihre Druckereien verwüstet, ihre Häuser in Brand gesteckt worden. Nicht nur der unermüdliche Revolutionär Tom Paine, sondern auch Liberale wie der berühmte Chemiker Joseph Priestley hatten sich gezwungen gesehen, außer Landes zu fliehen. Politische Vereinigungen und Gewerkschaften waren verboten worden, und schließlich hatte man den irischen Volksaufstand von 1798 in Strömen von Blut ertränkt.
Die Zeit, in der Jonathan Strange & Mr. Norrell spielt (1806-17), war eine Ära bleierner Reaktion. Besser vielleicht als irgendwelche Worte geben William Blakes zwischen 1805 und 1810 entstandene Illustrationen zur Offenbarung des Johannes – die sog. Great Red Dragon Paintings – die Atmosphäre jener Jahre wieder. Während auf dem Kontinent der Krieg gegen Napoleon tobte, unterdrückte das Tory-Regime mit eiserner Faust jeden Ansatz zur Opposition im Inneren. Doch unter der Oberfläche brodelte es weiter. Der erste heftige Ausbruch erfolgte 1811/12 in Gestalt der Ludditen (Maschinenstürmer). Die Regierung reagierte mit Hinrichtungen und Massendeportationen. Der endgültige Sieg über Napoleon 1815 führte wie überall in Europa so auch in England zur Verstärkung der reaktionärsten Kräfte. Für die Masse der Bevölkerung bedeutete das Ende des Kriegs vor allem eine drastische Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage aufgrund explodierender Arbeitslosigkeit und steigender Kornpreise. Die Proteste von Spa Fields 1816 und die Pentridge-Revolte von 1817 waren sozusagen das Vorspiel zur Massendemonstration von St. Peter's Field bei Manchester am 16. August 1819, bei der sich die für die damalige Zeit ungeheure Menge von 60-80.000 Menschen versammelte und die Einführung des allgemeinen Wahlrechts sowie die Abschaffung der Korngesetze forderte. Englands herrschende Klasse statuierte ein blutiges Exempel an ihnen, das als Peterloo-Massaker in die Geschichte eingegangen ist.

Von dieser bewegten Geschichte ist so gut wie nichts in Jonathan Strange & Mr. Norrell zu spüren. Einzig die Maschinenstürmer werden kurz einmal erwähnt, doch indem Susanna Clarke ihre Bewegung mit der Gestalt des Rabenkönigs in Verbindung bringt, nimmt sie ihr viel von ihrer realen Bedeutung. Dass die Regierung, der die beiden Zauberer sich andienen, an der Spitze eines Polizeistaates stand, der mit einem ausgedehnten Spitzelnetzwerk und brutaler Gewalt jede Form von Opposition im Keim zu ersticken suchte, wird nicht einmal angedeutet. Politiker wie Lord Liverpool und Lord Castlereagh erscheinen als arrogante Persönlichkeiten, nicht aber als die Despoten, die sie in Wirklichkeit gewesen sind. Und die Napoleonischen Kriege? Die Kapitel, die von Stranges Abenteuern in Spanien und bei Waterloo erzählen, gehören nicht nur deshalb zu den am deutlichsten misslungenen, weil der Mix aus "realer Geschichte" und Zauberei hier eher lächerlich, als interessant wirkt, sondern vor allem, weil man das Gefühl bekommt, die Autorin sei sich über die historische Bedeutung dieser Kriege überhaupt nicht im Klaren. Männer wie Wellington bekämpften in Bonaparte nicht bloß einen Rivalen Englands, sondern den Erbwalter der Französischen Revolution. Aus gutem Grund widmete Lord Byron dem Triumphator von Waterloo die folgenden sarkastischen Verse:


You are ‘the best of cut-throats.' Do not start;
The phrase is Shakespeare's and not misapplied.
War's a brain-spattering, windpipe-slitting art,
Unless her cause by right be sanctified.
If you have acted once a generous part,
The world, not the world's masters, will decide,
And I shall be delighted to learn who,
Save you and yours, have gained by Waterloo?
**
Und da wir gerade bei Byron sind. Was mich persönlich an Jonathan Strange & Mr. Norrell am meisten geärgert hat, war die Art, in der Susanna Clarke den großen romantischen Dichter dargestellt hat. Ist ihr zu dieser faszinierenden Persönlichkeit wirklich nicht mehr eingefallen, als eine billige Karrikatur aus ihm zu machen?  Dabei verkörperte doch gerade er in all seinen Widersprüchen wie kaum ein zweiter den revolutionären Charakter der Epoche. Für mich ein sehr übles Zeichen.***
Es geht mir nicht so sehr um ein "korrektes" Geschichtsbild. Mein Problem besteht vielmehr darin, dass Susanna Clarke ein Buch über Geschichte geschrieben hat, in dem das fehlt, was Geschichte eigentlich ausmacht: Entwicklung und Veränderung. Und zu allem Überfluss hat sie ihre Erzählung auch noch ausgerechnet in einer Ära dramatischer gesellschaftlicher Umwälzungen angesiedelt.

Das mangelnde Verständnis für historische Entwicklung führt leider auch dazu, dass die subversiven Ansätze in Clarkes Erzählung letztenendes einen sehr abstrakten Charakter annehmen. Dies zeigt sich am deutlichsten an der Figur von Sir Poles schwarzem Diener Stephen Black, der vom "Herrn mit dem Haar wie Diestelwolle", der ihn zu einem König machen will, mit einem Zauber belegt und immer wieder ins Feenreich entführt wird. Der Sohn einer Sklavin, die während des Transports nach Amerika ums Leben gekommen ist, wird im Laufe der Erzählung mehr und mehr zur Verkörperung des absoluten Außenseiters, der nie ein echter Teil der englischen Gesellschaft werden kann und sie deshalb quasi von außen zu betrachten vermag. Grund hierfür ist ausschließlich seine Hautfarbe. Was als eine Kritik am Rassismus gedacht war, wird dabei jedoch zu einer ahistorischen Konstruktion.
Die Situation eines Schwarzen im Großbritannien des beginnenden 19. Jahrhunderts lässt sich nicht einfach auf ewiges Außenseitertum reduzieren. Rassistische Vorurteile waren natürlich weit verbreitet, vor allem unter den Mitgliedern der Mittel- und Oberschicht. Anders sah es in der Unterschicht aus, wie Dr. Sukhdev Sandhu in seinem Aufsatz The First Black Britons schreibt:

The black and white poor of this period were friends, not rivals. So much so, in fact, that Sir John Fielding, a magistrate and brother of the novelist Henry Fielding, complained that when black domestic servants ran away and, as they often did, found '... the Mob on their side, it makes it not only difficult but dangerous to the Proprietor of these Slaves to recover the Possession of them, when once they are sported away'.
Doch auch abgesehen von dieser spontanen Solidarität der Unterdrückten, begann sich die öffentliche Einstellung spätestens im Zuge der in den 1780er Jahren entstandenen Abolitionistenbewegung allmählich zu verändern. Auf britischem Boden galt Sklaverei seit 1772 als ungesetzlich, dies galt jedoch nicht für die Kolonien.  Als ersten Schritt zu deren vollständiger Abschaffung kämpften die Abolitionisten, deren bekanntester Führer William Wilberforce war, für den Verbot des Sklavenhandels. Sie erreichten ihr Ziel schließlich im Jahre 1807. Ganz selbstverständlich war damit auch das Bestreben verbunden, die Menschenwürde der Schwarzen gegen die rassistische Vorstellung einer "natürlichen Minderwertigkeit" Farbiger zu verteidigen. Ein eindringliches Beispiel für diesen Kampf ist das von Wilberforces Freund William Cowper möglicherweise bereits 1778 verfasste Gedicht The Negro's Complaint
Forced  from home and all its pleasures,
Afric’s coast I left forlorn;
To increase a stranger’s treasures,
O’er the raging billows borne.
Men from England bought and sold me,
Paid my price in paltry gold;
But, though slave they have enroll’d me,
Minds are never to be sold.

Still in thought as free as ever,
What are England’s rights, I ask,
Me from my delights to sever,
Me to torture, me to task?
Fleecy locks and black complexion
Cannot forfeit nature’s claim;
Skins may differ, but affection
Dwells in white and black the same.

Why did all-creating Nature
Make the plant for which we toil?
Sighs must fan it, tears must water,
Sweat of ours must dress the soil.
Think, ye masters iron-hearted,
Lolling at your jovial boards,
Think how many backs have smarted
For the sweets your cane affords.

Is there, as ye sometimes tells us,
Is there One who reigns on high?
Has he bid you buy and sell us,
Speaking from his throne, the sky?
Ask him, if your knotted scourges,
Matches, blood-extorting screws,
Are the means that duty urges
Agents of his will to use?

Hark! he answers—wild tornadoes,
Strewing yonder sea with wrecks;
Wasting towns, plantations, meadows,
Are the voice with which he speaks.
He, foreseeing what vexations
Afric’s sons should undergo,
Fix’d their tyrants’ habitations
Where his whirlwinds answer—no.

By our blood in Afric wasted,
Ere our necks received the chain;
By the miseries that we tasted,
Crossing in your barks the main;
By our sufferings, since ye brought us
To the man-degrading mart,
All sustain’d by patience, taught us
Only by a broken heart;

Deem our nation brutes no longer,
Till some reason ye shall find
Worthier of regard, and stronger
Than the colour of our kind.
Slaves of gold, whose sordid dealings
Tarnish all your boasted powers,
Prove that you have human feelings,
Ere you proudly question ours!****
Zu den führenden Abolitionisten gehörte auch der ehemalige Sklave Olaudah Equiano*****, dessen erstmals 1789 veröffentlichte Autobiographie The Interesting Narrative of the Life of  Olaudah Equiano in fünf Jahren neun Auflagen erlebte, was auf ein deutlich verändertes Bewusstsein in Teilen des gebildeten Publikums hindeutet. Zu noch größerer Berühmtheit war bereits vor ihm der schwarze Komponist, Schauspieler und Schriftsteller Ignatius Sancho (+1780) gelangt, zu dessen Freunden u.a. Laurence Sterne – der Autor des Tristram Shandy – gehört hatte.
Die Bewegung gegen die Sklaverei war Teil der allgemeinen revolutionären Entwicklung der Zeit. Mit seinem Beitritt zur London Corresponding Society in den 1790er Jahren bildete Equiano zwar eine Ausnahme unter den führenden Abolitionisten, doch die Entscheidung des französischen Nationalkonvents von 1792, William Wilberforce zusammen mit Jeremy Bentham, Thomas Paine, Friedrich Schiller und George Washington zum Ehrenbürger der Republik zu erklären, ist ein schönes Symbol für diesen inneren Zusammenhang.
Natürlich will ich hier nicht den absurden Eindruck erwecken, man habe damals bereits kurz vor der Überwindung des Rassismus gestanden. Es geht mir vielmehr darum, zu zeigen, dass der simplistische Gedankengang "Stephen Black ist ein Schwarzer, also ist Stephen Black im Kern für immer ein Fremder in der englischen Gesellschaft" eine völlige Abstraktion von der realen geschichtlichen Entwicklung voraussetzt – einer Entwicklung, die einen bedeutenden Schritt auf dem Weg zur Überwindung des Rassismus darstellte. {Dass dieses Ziel bis heute nicht erreicht ist und meiner Ansicht nach in den Grenzen der kapitalistischen Gesellschaft auch niemals erreicht werden wird, tut dabei nichts zur Sache.} Die traurige Ironie dabei ist, dass Susanna Clarke Stephen Black damit letztlich zu genau dem macht, was sie eigentlich zu kritisieren versucht: Zur Verkörperung des "Anderen", der ausschließlich über seine Hautfarbe definiert wird. Und selbiges hat auch erzählerische Konsequenzen.
Die Figur des Stephen Black ist am interessantesten, solange er als Person in der ihn umgebenden Gesellschaft verankert bleibt. Hier spüren wir noch historisch-menschliche Wahrheit. So etwa wenn der als Leibdiener eines Lords relativ privilegierte Stephen verachtungsvoll auf den armen "Straßenneger" herabschaut und bloß fürchtet, dass die Weißen ihn wegen seiner Hautfarbe auf dieselbe Stufe stellen könnten wie ihn. Oder wenn uns von der Beziehung zwischen ihm und der Ladenbesitzerin Mrs. Brandy erzählt wird – ein Motiv, das Susanna Clarke irgendwann einfach nicht mehr weiter verfolgt. Eine sich anbahnende Liebesbeziehung zwischen einem Schwarzen und einer Weißen würde ja auch nicht in ihr Konzept passen, während in der Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts Mischehen in England absolut nichts ungewöhnliches waren, mochten die Vertreter der oberen Mittelklasse und der Aristokratie darüber noch sehr die Nase rümpfen.
Je mehr aber Stephen Black zur bloßen Verkörperung "des Anderen" wird, desto "unschärfer" wird er auch als Charakter. Im Grunde ist es nur folgerichtig, dass er am Ende der Geschichte ins Feenland übersiedelt (wenn auch aus anderen Gründen, als den von der Autorin vermutlich beabsichtigten).


* Robert Burns: Why Should We Idly Waste Our Prime. In: The Poetry of Robert Burns. Bd. 4. S. 57.
** George Gordon Byron: Don Juan. Canto IX, 4.
*** Vgl. David Walshs Aufsatz Why we need Byron
**** In: William Cowper: The Complete Works. Miscellaneous Poems.

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