"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 21. Oktober 2017

Strandgut der Woche

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S02/E04: "Horizon"

Zu den Drehbuchschreibern, die während der zweiten Staffel von Blake's 7 zum Team stießen, gehörte auch Allan Prior. 

Einen Namen hatte der Autor sich bis dahin vor allem durch seine prägende Mitarbeit an der Polizeiserie Z-Cars (1962-1978) gemacht. Die Serie darf als ein Produkt der von Hugh Carleton Greene als General Director der BBC zu Beginn der 60er Jahre eingeleiteten Wende gelten, in deren Verlauf der Sender sich von seiner traditionellen Orientierung an Geschmack und Moral der Mittelklasse distanziert, zahlreichen jüngeren {und oft politisch links stehenden} Talenten ein Betätigungsfeld eröffnet und ganz allgemein einen schärferen Blick auf die gesellschaftliche Realität und eine sehr viel größere Experimentierfreudigkeit kultiviert hatte.* Im Vergleich zu älteren Polizeiserien zeichnete sich Z-Cars durch einen härteren Realismus aus, der die soziale Wirklichkeit von nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstandenen Arbeitersiedlungen wie Kirby bei Liverpool beleuchtete. Prior selbst sagte einmal über seine Arbeit an ihr: "I prefer it to a prestige single play because it's topical and about the working class."

Das Szenario für Allan Priors erstes Blake's 7 - Script sollte sich angeblich an Uganda orientieren. Nun muss ich zugeben, dass ich mit der Geschichte dieser afrikanischen Nation in keiner Weise vertraut bin, aber auch eine kurze Lektüre der entsprechenden Wikipedia-Einträge hat mir keine direkten Berührungspunkte zeigen können. So weit ich das beurteilen kann, beschäftigt sich Horizon zwar ohne Frage mit Kolonialismus vielleicht auch mit einigen spezifischeren Charakteristika des britischen Imperialismus , doch irgendwelche Anspielungen auf das Schicksal eines bestimmten englischen "Protektorats" habe ich nicht entdecken können. Da das "einheimische" Herrscherpaar von Darien Angadi und Souad Faress gespielt wird er von teilweise indischer, sie von teilweise syrischer Abstammung –, war ich wenn schon eher geneigt, an die britische Kolonialherrschaft in Indien oder dem Nahen Osten zu denken.** Auch wenn das eigentliche Setting dafür gleichfalls kaum weitere Anknüpfungspunkte bietet.

Auf der Liberator herrscht ziemlich miese Stimmung. Zwar befindet sich das Schiff weit außerhalb der Grenzen der Föderation, und Verfolger sind nicht in Sicht, doch der permanente Stress, unter dem sich unsere Helden & Heldinnen nun schon seit geraumer Zeit befinden, hat in körperlicher wie psychischer Hinsicht deutliche Spuren hinterlassen. Ohne die schier unerschöpflichen Reserven an Aufputschmitteln, mit denen die Liberator gesegnet zu sein scheint, wären sie vermutlich alle längst zusammengebrochen. Ist die Crew schon an guten Tagen selten ein Herz und eine Seele, herrscht nun erst recht eine äußerst angespannte Atmosphäre unter ihnen. Als auf einmal ein Transporter der Föderation in der als unbewohnt geltenden Region aufkreuzt, und Blake beschließt, dem Schiff zu dem weit abgelegenen Planeten "Horizon" zu folgen, hebt das die allgemeine Stimmung nicht gerade, zumal der selbstherrliche Freiheitskämpfer es einmal mehr nicht für nötig empfindet, die Meinung seiner Kameraden & Kameradinnen einzuholen.
Obwohl sie sehr viel lieber in ihrer Kabine im Bett liegen würde, als auf neue Abenteuer auszuziehen, erklärt sich Jenna bereit, Blake auf die Oberfläche zu begleiten. Der Grund, warum er ausgerechnet sie dabei haben will, ist einfach: "Avon might run. But he probably won't without a first-class pilot."
Die beiden habe gerade genug Zeit, um eine Mine zu entdecken, in der Sklaven unter der Aufsicht von Föderationssoldaten malochen, als sie auch schon überwältigt und gefangengenommen werden. Sie treffen Ro (Darien Angadi), den Herrscher des Planeten. Auf die Frage, ob es sich bei seiner Welt um eine Kolonie der Föderation handele, antwortet er: "I dislike the word 'colony.'", aber es wird ziemlich schnell klar, dass "Horizon" genau das ist, wenn auch nicht dem Namen nach. Der Transporter, dem die Liberator gefolgt ist, hat Ros alten Föderations-Mentor, den "Kommissar" (William Squire), hierher gebracht, der augenblicklich die Leitung des Verhörs an sich reißt und Blake & Jenna foltern lässt. Ro scheint nicht wirklich glücklich mit dieser Entwicklung zu sein, aber er wagt es nicht, seinem ehemaligen Lehrmeister zu widersprechen, hat er doch die Lügen geschluckt, die ihm im "Central Educational Complex" eingetrichtert wurden. Er glaubt ermsthaft, dass die Föderation seinem Volk der "Wilden" Zivilisation und Kultur bringen wolle. Und wenn seine Untertanen im Ausgleich dafür in den Bergwerken schuften müssen, um ein äußerst seltenes Erz für die Föderation zu fördern, dann ist das wohl nur rechtens. Oder vielleicht doch nicht? Immerhin fühlt er sich dazu getrieben, auf die Behauptung des "Kommissars": "Without us you'd all be living in caves, as you were when the Federation first colonized you" zu erwiedern: "We may have lived in caves, but we did have our own culture." Auch wenn Ro seinem imperialen "Lehrer" nachplappert, dass die alte Kultur seines Volkes nichts wert und der alte Name seiner Heimat Silmareno deshalb zu Recht verboten worden sei, spricht doch einiges dafür, dass er im Innersten anders darüber denkt. Blakes provozierende und aufrüherische Reden verfehlen nicht ihre Wirkung, auch wenn der Marionettenkönig erst einmal brav "Ja" sagt und seine Gefangenen in die Minen schicken lässt, wie der "Kommissar" dies wünscht.
Während die beiden dort Ros ehemalige Verlobte Selma (Souad Faress) kennelernen, die aufgrunnd ihrer rebellischen Einstellung in Ungnade gefallen ist, werden Gan, Vila und Cally, die ihren Freunden zur Hilfe zu eilen versuchen, gleichfalls gefangengenommen. Avon, der als einziger auf der Liberator zurückgeblieben ist ("I am not expendable, I'm not stupid, and I'm not going."), spielt ernsthaft mit dem Gedanken, das Weite zu suchen, und lässt Orac vorsorglich ausrechnen, wie hoch seine Überlebenschancen wären, wenn er seine Gefährten im Stich lassen würde.

Horizon ist sicher keine tiefgreifende Analyse der Mechanismen des britischen Imperialismus, aber die Episode besitzt doch ihre interessanten Facetten.
Es war eine übliche Methode der Kolonialmächte, Teile der traditionellen einheimischen Elite zu {ungleichen} Verbündeten zu machen, um ihrer Herrschaft eine größere Stabilität zu verleihen und die wirtschaftliche Ausbeutung der Kolonialvölker damit zu erleichtern. Dazu gehörte auch das Bemühen, diese Eliten kulturell zu "europäisieren" {mitunter auch zu christianisieren}. Ihre Kinder holte man häufig in die imperialen Metropolen, um sie in den dortigen Eliteschulen und -universitäten {Eton, Oxford, Cambridge} ausbilden zu lassen. {Das ist auch der Grund, warum zum Personal jeder klassischen englischen "Schoolstory" ein indischer Mitschüler gehört, dessen Figur zwar hauptsächlich dazu dient, rassistische Witze zu reißen, der aber doch als Sohn eine Maharajah eingeführt wird}. Teil dieser Ausbildung war es natürlich, den Schülern das Gefühl zu vermitteln, ihre eigene Kultur sei minderwertig und die Herrschaft der Europäer über ihr Volk deshalb im Grunde ein Segen.
Die Ausbildung von Ro und Selma am "Central Educational Complex" der Föderation ist eine direkte Parallele hierzu. Entsprechend stark wirkt die Szene am Schluss, wenn Ro den traditionellen Herrscherschmuck seines Volkes anlegt und seinen ehemaligen Mentor mit der traditionellen Waffe seines Volkes – dem Blasrohr umbringt. Er bemächtigt sich erneut seines kulturellen Erbes, auf das herabzuschauen ihm eingeimpft wurde, und befreit sich damit aus der Unterwürfigkeit, die man ihm anerzogen hat. Erfreulicherweise bedeutet das jedoch nicht, dass er nun einfach zur überkommenen Lebensweise von Silmareno zurückzukehren wünscht. Auch am Ende nennt er den Planeten immer noch "Horizon", denn "you can't return to the past."

Was die Episode dennoch etwas problematisch macht ist zweierlei.
Durchaus realistisch werden Ro und Selma als Aristokraten dargestellt, die sich für etwas besseres als den "Pöbel" ihrer Heimatwelt halten. Doch man bekommt nicht das Gefühl, als halte Horizon diese Einstellung für irgendwie kritikwürdig. Sie erscheint vielmehr als geradezu selbstverständlich, zumal uns das "einfache Volk" von Silmareno tatsächlich als felletragende "Wilde" präsentiert wird. Die Befreiung vom Kolonialismus wird damit auf einen Akt der Loslösung vom Empire durch eine kulturell und politisch selbstbewusst gewordene einheimische Elite reduziert. In der historischen Realität jedoch war die Ära der Dekolonialisierung fast immer zugleich eine Ära heftiger Klassenkämpfe innerhalb der kolonialen Gesellschaften. 
Man könnte Blake in dieser Episode als eine "White Saviour" - Gestalt interpretieren. Schließlich hätte ohne sein Eingreifen Ro vermutlich niemals gegen die Föderation aufbegehrt. Freilich zeigt uns Selma, dass der Wunsch nach Freiheit auf "Horizon" auch schon vor dem Eintreffen der Liberator nicht unbekannt war. Und ganz allgemein kann diese Form der Kritik in sehr ungesunde Gefilde führen, wie uns letztes Jahr im Zusammenhang mit Gary Ross' Film Free State of Jones auf eindringliche Weise vorgeführt wurde. Dennoch hat vor allem eine Szene einen wirklich  unguten Nachgeschmack bei mir hinterlassen: Bei der Essensausgabe im Bergwerk stürzen sich die Sklaven wie wild auf die Schüssel, bis Blake brüllend dafür sorgt, dass die "Wilden" sich schön der Reihe nach ihre Portion Brei holen. Es bleibt unsicher, wie das zu interpretieren ist: Ein weiteres Beispiel für Blakes latenten Autoritarismus? Ein Zeichen dafür, dass die "Wilden" trotz allem die Leitung durch einen wohlmeinenden "weißen Mann" brauchen? Oder ein Ausdruck von Klassenarroganz? Schließlich muss die Aristokratin Selma nicht auf dieselbe Weise diszipliniert werden?        

      






    
* Im letzten Beitrag zu meiner mittendrin abgebrochenen Nigel Kneale - Tour habe ich mich etwas eingehender mit dieser Wende beschäftigt.
** Darien Angadi, der wenige Jahre später tragischerweise Selbstmord begehen sollte, war der Sohn von Ayana Angadi und Patricia Clare Fell-Clarke / Angadi, den Gründern des legendären Asian Music Circle (AMC). Der Zirkel spielte eine herausragende Rolle bei der Vermittlung von indischer Musik und Kultur in Großbritannien. Ayana Angadi war ein erklärter Gegner des britischen Kolonialismus und hatte in den 30er/40er Jahren dem Trotzkismus nahegestanden. Nach dem Weltkrieg wurde das Paar von den Behörden eine Zeit lang als "kommunistische Spione" beäugt. Der von den beiden 1946 gegründete AMC, dem sich in den 50ern u.a. der berühmte Violinist Yehudi Menuhin und der Komponist Benjamin Britten anschlossen, machte das britische Publikum mit so großen indischen Musikern wie Ravi Shankar, Ali Akbar Khan und Vilayat Khan bekannt. Als die Beatles Mitte der 60er die indische Musik für sich entdeckten, spielte der AMC dabei gleichfalls eine wichtige Rolle.

Freitag, 13. Oktober 2017

Strandgut der Woche

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S02/E03: "Weapon"

Schon während der Dreharbeiten an Orac hatte Stephen Greif in einigen Szenen durch ein Double ersetzt werden müssen, nachdem er sich beim Squashspielen eine schwere Verletzung der Achillessehne zugezogen hatte. Es war bald klar, dass die Rolle von Commander Travis in der zweiten Staffel nicht länger von ihm gespielt werden könnte. Doch man wollte nicht auf Blakes einäugigen Erzwidersacher verzichten, und so war man gezwungen, sich nach einem Ersatz für Greif umzuschauen. Die Wahl fiel auf Brian Croucher, aber wie sich sehr rasch zeigen solte, war dieser nicht in der Lage, Travis dieselbe Tiefe zu verleihen, die ihn bislang zu einer so interessanten Figur gemacht hatte. Greif war es stets gelungen, einem das Gefühl zu vermitteln, der Commander sei eine sehr viel komplexere und widersprüchlichere Persönlichkeit, als man bei oberflächlicher Betrachtung annehmen würde. Im Vergleich dazu wirkt Crouchers Travis leider sehr viel eindimensionaler. Das führt auch dazu, dass die Dynamik, die zwischen ihm und Jacqueline Pearce' Supreme Commander Servalan besteht, weit weniger intensiv rüberkommt, als dies bisher der Fall gewesen war. Dabei hat sich das Verhältnis zwischen den beiden noch einmal deutlich verschärft, ist sich Travis inzwischen doch bewusst geworden, dass er in den Augen seiner Vorgesetzten nichts mehr als ein nützliches Werkzeug darstellt, das sie ohne Bedenken entsorgen wird, sobald es seinen Zweck erfüllt hat: Was hätte Stephen Greif nicht aus einem kurzen Wortwechsel wie diesem gemacht:
Servalan: I'm capable of taking the one thing you have left if you persist with your impertinence, Travis.
Travis: My visits to the retraining therapist have left me ... I don't know. Is there anything of value that remains to me?
Servalan: Blake's death.
Jacqueline Pearce ist weiterhin großartig in ihrer Rolle, aber mit dem Ausscheiden Greifs fehlt ihr ein ebenbürtiger Sparring-Partner. In Weapon erhält sie mit dem selbstverliebten Psychostrategen (aka "Puppeteer") Carnell (Scott Fredericks) zwar noch einmal einen interessanten Partner, den sie anders als Travis wegen seiner egoistischen Schläue selbst dann noch respektiert, als er ihre Erwartungen enttäuscht, doch der gute Mann wird soweit ich mich erinnern kann nicht noch einmal in der Serie auftauchen.

Das Hervorstechende an Weapon ist denn auch nicht die Rückkehr von Servalan und Travis. Ebensowenig ist es der Plot, insoweit es dabei um geheime Superwaffen und Blake-Klone geht. {Auch wenn die Szenen mit Clonemaster Fen [Kathleen Byron] mir mit ihrem absurden Pathos und ihrer Stilisiertheit manch Lächeln entlockt haben}. Es ist vielmehr die Beziehung zwischen zwei Charakteren – Coser (John Bennett) und Rashel (Candace Glendenning).

Coser ist ein "Beta class" - Waffeningenieur der Föderation. Als er mit "Imipac" eine neues geniales Mordinstrument entwickelt hat, muss er erleben, wie seine Vorgesetzten sich die Früchte seiner Arbeit anzueignen versuchen, ohne dass ihm selbst auch nur die geringste Anerkennung entgegengebracht werden würde. Zutiefst verletzt in seinem Stolz, beschließt er, zu desertieren. Natürlich nicht, ohne den Prototyp von "Imipac" bei seiner Flucht aus der zentralem Waffenentwicklungs-Basis mitzunehmen. Obwohl er sich hauptsächlich in wüsten Visionen seiner kommenden Rache ergeht – "Just wait till senior echelon hears about this. They'll remember my name then." –, versteht er seine Handlung doch zugleich als einen Akt echter Rebellion. Seine Wut über die ungerechte Behandlung, die ihm widerfahren ist, hat ihm scheinbar die Augen geöffnet für die Ungerechtigkeit des gesamten Systems. Deshalb auch hat er wohl seine ehemalige Sklavin Rashel mitgenommen, der gegenüber er immer wieder betont, sie sei nun frei.
Was die Beziehung zwischen den beiden so faszinierend macht – und einmal mehr zeigt, welch brillante Dialoge Chris Boucher zu schreiben verstand –, ist, dass Cosers Verhalten gegenüber Rashel trotzdem immer noch ganz von einem Gefühl der Überlegenheit durchtränkt ist. Dass sich darin sicher auch Spuren eines männlichen Chauvinismus entdecken lassen, sei unbestritten, doch scheint mir Klassenarroganz die deutlich größere Rolle zu spielen. Wenn sie ihn gewohnheitsmäßig "Sir" nennt, reagiert er wütend "Don't call me, sir. You're not a slave anymore." –, doch ist er zugleich unfähig, sie als wirklich Gleichgestellte zu behandeln. Mitunter entschlüpfen ihm sogar Bemerkungen wie: "I should have known better. A labor-grade slave. You're pathetic." Er ereifert sich darüber, wie "bevormundend" ("patronizing") seine Vorgesetzten ihn und Leute seines Ranges behandeln würden, doch ganz genauso verhält er sich gegenüber Rashel, behandelt sie wie ein unvernünftiges kleines Kind. Zugleich gefällt er sich offenbar in seiner Rolle als "Befreier": "You're with me now. I set you free."

Wenn Coser sich trotz seiner Revolte nicht von den Verhaltensweisen und Vorurteilen seiner sozialen Klasse zu befreien vermag, gilt selbiges zumindest anfangs auch für Rashel. Sie kann einfach nicht anders, als sich gegenüber ihrem ehemaligen "Herrn" unterwürfig zu gebärden und nach seinem Wohlwollen zu streben. Doch anders als im Falle des selbsterklärten "Rebellen" erleben wir bei ihr im Verlaufe der Episode eine echte Emanzipation. Ein erstes Anzeichen dafür zeigt sich bereits, wenn die beiden ganz zu Beginn ein verlassenes Fabrikgelände betreten und sich folgender Wortwechsel zwischen ihnen entspinnt:
Coser: What do you suppose happened?
Rashel: People must have left.
Coser: I can see that, but why did they leave? This isn't a Federation colony planet, so who were they anyway?
Rashel: Perhaps they were free.
Coser: They probably were. So?
Rashel: That's why they left.
Die Worte der Ex-Sklavin wirken auf den ersten Blick fürchterlich naiv, doch bei näherer Betrachtung scheint sich mir in ihnen ein erwachendes Verständnis dafür auszudrücken, was Freiheit wirklich bedeutet. Coser hat sie für "frei" erklärt, erwartet aber ganz selbstverständlich, dass sie bei ihm bleibt und weiterhin auf ihn hört. Doch wenn sie wirklich frei ist, bedeutet das, dass sie tun und lassen kann, was sie will. Sie könnte ihn ebenso gut verlassen und ihrer eigenen Wege gehen.
Nicht, dass sie das tut. Trotz allem besteht zwischen den beiden offenbar ein Band gegenseitiger Zuneigung. Doch im Laufe der Handlung zeigt sie Schritt für Schritt ein immer selbstbewussteres Verhalten, bis sie nicht nur fähig ist, sich gegen Coser zu behaupten – "Stop treating me like a bond slave!" –, sondern sich am Ende sogar als diejenige erweist, die Servalans Pläne durchkreuzt und unseren Helden das Leben rettet. Verglichen mit ihr hinterlassen Blake & Co in dieser Episode keinen besonders kompetenten Eindruck!

Zum Abschluss kurz erwähnt sei außerem, dass uns Weapon einmal mehr eine ziemlich uneinige Liberator - Crew zeigt. Sehr schön ist dabei Avons Kommentar, als bekannt wird, dass Cally Blake dazu inspiriert hat, hinter dem Rücken seiner Kameradinnen & Kameraden einen Angriff auf die extrem gut beschützte Waffenentwicklungs-Basis der Föderation zu planen: "Auron may be different, Cally, but on Earth it is considered ill-mannered to kill your friends while committing suicide."

Samstag, 7. Oktober 2017

Strandgut der Woche

Mittwoch, 4. Oktober 2017

BuCon

Der BuCon ist die einzige Phantastik-Convention, die ich seit ein paar Jahren regelmäßig besuche, wenn mich nicht gerade wie 2015 ein besonders aggressiver Auftritt des Schwarzen Hundes lähmt und gänzlich funktionsuntüchtig macht. 

Conventions waren eigentlich nie Teil meines Fanlebens {und außerdem hatte ich für über ein Jahrzehnt mit Phantastik ohnehin nur relativ wenig am Hut}, doch die Veranstaltung in Dreieich gibt mir die Möglichkeit, eine Reihe netter Menschen zu treffen, denen ich ansonsten höchstens im Cyberspace begegne. Allerdings tue ich es mir oft ziemlich schwer damit, einfach auf Leute zuzugehen und sie anzuquatschen. Nicht unbedingt eine vorteilhafte Eigenschaft für Cons. 

100%ig sicher bin ich mir noch nicht, ob ich dieses Jahr dabei sein werde, aber doch 99%ig. Höchstens mein Brotjob könnte mir noch einen Strich durch die Rechnung machen, aber auch das ist ziemlich unwahrscheinlich. Sollte euch also in anderthalb Wochen dieser verdächtig ausschauende Geselle in Dreieich über den Weg laufen einfach anlabern. Wenn ihr denn Lust habt. Ich würde mich auf jedenfall freuen.     


Dienstag, 3. Oktober 2017

John the Balladeer

Where I've been is places and what I've seen is things, and there've been times I've run off from seeing them, off to other places and things. I keep moving, me and this guitar with the silver strings to it, slung behind my shoulder. Sometimes I've got food with me and an extra shirt maybe, but most times just the guitar, and trust to God for what I need else. [...]
Now I go here and go there, and up and down, from place to place and from thing to thing, here in among the mountains. Up these heights and down these hollows you'd best go expecting anything. Maybe everything. What's long time ago left off happening outside still goes on here, and the tales the mountain folks tell sound truer here than outside. About what I tell, if you believe it you might could get some good thing out of it. If you don't believe it, well, I don't have a gun out to you to make you stop and hark at it.

Manly Wade Wellman, John's My Name
 

Seine Liebe zur Folklore des amerikanischen Südens und zur Folk-Musik entdeckte Pulp-Autor Manly Wade Wellman bereits Mitte der 20er Jahre, als er in Witchita (Kansas), lebte. Dort schloss er Freundschaft mit Vance Randolph, der sich intensiv mit den Volksüberlieferungen und Traditionen der Ozarcs-Region beschäftigte und zu einem berühmten Folkloristen werden sollte. 
1934 übersiedelten Wellman und seine Frau, die spätere Pulp-Autorin Frances Obrist "Garfield", nach New York, wo der Schriftsteller zum stellvertretenden Direktor des New York Folklore Project wurde, einer der vielen kulturellen Einrichtungen, die von der im Rahmen des New Deal gegründeten Works Progress Administration (WPA) finanziert wurden.
Schon zuvor waren einige SciFi-Stories aus seiner Feder in Hugo Gernsbecks Wonder Stories veröffentlicht worden. Hier nun fand er direkten Zugang zur äußerst lebendigen Science Fiction - Szene der Zeit, in der er freilich eine etwas exzentrtisch anmutende Erscheinung gewesen sein muss, wie Alfred Bester später beschrieben hat:
Mort Weisinger introduced me to the informal luncheon gatherings of the working science fiction authors of the late thirties... The vivacious compère of those luncheons was Manley [sic] Wade Wellman, a professional Southerner full of regional anecdotes. It's my recollection that one of his hands was slightly shriveled, which may have been why he came on so strong for the Confederate cause. We were all very patient with that; after all, our side won the war. Wellman was quite the man-of-the-world for the innocent thirties; he always ordered wine with his lunch
Im selben Jahr 1934 konnte er erstmals eine seiner Stories an Weird Tales verkaufen, doch zu einem regelmäßigen Mitarbeiter des "Unique Magazine" wurde er erst vier Jahre später, als er mit Judge Pursuivant seinen ersten großen "okkulten Detektiv" kreierte. In gewisser Hinsicht trat er damit in die Fußstapfen von Seabury Quinn, der seinen Status als Star-Autor von Weird Tales zu einem guten Teil seinen Geschichten um Jules de Grandin verdankte, den bis dahin wohl erfolgreichsten Nachfolger von William Hope Hodgsons "Ghost-Finder" Carnacki und Algernon Blackwoods Dr. John Silence. Quinn und Wellman gehörten beide zu einem freundschaftlich verbundenen Kreis von Pulp-Autoren, die sich regelmäßig in einem deutschen Restaurant am Time Square trafen, Und als letzterer ab 1940 begann, mit John Thunstone einen Nachfolger für seinen "Richter" in den Seiten von Weird Tales zu etablieren, machten die beiden sich einen Spaß daraus, ihre jeweiligen "okkulten Detektive" kleine Gastauftritte in den entsprechenden Stories des Freundes machen zu lassen.
1951 sagte Manly Wade Wellman den New Yorker Kreisen dann endgültig Ade und übersiedelte von New Jersey nach North Carolina. Hier in den südlichen Appalachen fand er das "hinterwäldlerische" Milieu, das seinem Wesen und seinen Neigungen am besten entsprach. Er begann sofort, sich intensiv mit der Folklore der Region zu beschäftigen. Über Bascom Lamar Lunsford, den Organisator des Folk-Musik - Festivals von Chapel Hill, lernte er schon bald Obray Ramsey kennen "the best banjo player in the country." Zwischen den beiden entwickelte sich eine tiefe und lebenslange Freundschaft.*
Diese neuerliche {und diesmal endgültige} Wendung in Wellmans Leben fand schon bald ihren literarischen Niederschlag. In der Maiausgabe 1951 von Weird Tales erschien mit The Last Grave of Lill Warren die letzte John Thunstone - Geschichte. Sieben Monate später betrat auf den Seiten des 1949 gegründeten Magazine of Fantasy and Science Fiction John the Balladeer die Bühne.



An dieser Stelle sollte ich wohl anmerken, dass mir aus eigener Leseerfahrung nur die siebzehn John the Balladeer - Kurzgeschichten, nebst einer Reihe von Vignetten, bekannt sind, die 1988 von Baen Books in einem Sammelband herausgegeben wurden. Die fünf sog. "Silver John" - Romane, die zwischen 1979 und 1984 veröffentlicht wurden (The Old Gods Waken, After Dark, The Lost and the Lurking, The Hanging Stone und The Voice of the Mountain) habe ich nicht gelesen, und um ehrlich zu sein, habe ich auch kein besonders großes Verlangen danach, dies nachzuholen, da mir die Short Story für diese Art von Erzählungen die ideale Form zu sein scheint.

John the Balladeer lebt zwar in derselben Welt wie Pursuviant und Thunstone, und in The Hanging Stone (1982) kommt es offenbar sogar zu einer Begegnung zwischen ihm und "dem Richter". Doch unterscheidet er sich in vielem sehr deutlich von allen seinen Vorgängern.
Der "okkulte Detektiv" ist traditionellerweise ein Mann von umfassender Bildung und mehr als bescheidenem Wohlstand. Völlig anders John {dessen Familiennamen wir übrigens nie erfahren}. Es wäre wohl nicht ganz falsch, ihn als einen Hillbilly zu bezeichnen, wenn auch nicht in dem herabsetzenden Sinn, in dem der Begriff so häufig verwendet wird. Geboren und aufgewachsen im "Drowning Creek country" (Call Me From the Valley) der Region von North Carolina am Oberlauf des Lumber River , hat John am Krieg teilgenommen {die Kurzgeschichten sind da nicht eindeutig, aber gemeint ist wohl der Koreakrieg}, worüber er jedoch nicht mehr zu sagen hat, als "I'd soldiered in foreign parts and seen battle as the Bible prophet-book tells it, confused noises and garments rolled in blood" (Nine Yards of Other Cloth). Seit seiner Rückkehr in die heimatlichen Appalachen führt er ein unstetes Vagabundenleben. Wenn er mal ein paar Dollars in der Tasche hat, ist das schon eine seltene Ausnahme. Sein einziges wirkliches Besitztum ist seine Gitarre mit den silbernen Saiten. Das Instrument ist seine vielleicht wichtigste Waffe im Kampf gegen die finsteren Mächte und das nicht nur, weil Silber schon immer ein probates Mittel gegen die höllischen Heerscharen gewesen ist. Doch auch wenn John in vielerlei Hinsicht ein "einfacher" Bursche aus einem ländlichen Milieu ist, heißt das noch lange nicht, er wäre gänzlich ungebildet. Seine persönliche Weltsicht ist zwar stark von einem "volkstümlichen" Christentum geprägt, doch als der neugierige Kerl, der er ist, hat er manches von dem aufgeschnappt, was die "science men" so zu erzählen haben, sei es über die Expansion des Universums (One Other) oder den Doppler-Effekt (The Little Black Train). Zu seinen Freunden gehört nicht nur Prediger Frank Ricks (Nary Spell; Trill Coster's Burden, Owls Hoot in the Daytime), sondern auch College-Professor Deal (Old Devlins Was A-Waiting). Mit den okkulten Lehren ist er gleichfalls gut vertraut, kennt John George Hohmans Long Lost Friend und die magischen Schriften, die Albertus Magnus zugeschrieben wurden (Vandy, Vandy), den er auf familiäre Weise "Big Albert" nennt (The Desrick on Yandro).
Anders als sein Vorgänger Thunstone, der selbsterklärte "Enemy of Evil", ist John the Balldeer nicht der Typ des modernen Kreuzritters. Eher zufällig stolpert er auf seinen Wanderungen immer wieder über teuflische Mächte, die in den Bergen und Tälern der Appalachen ihr Unwesen treiben. Oft folgt er am Anfang einer Story den Spuren einer alten Ballade, die er irgendwo aufgeschnappt hat, und deren vollständige Form oder ursprüngliche Bedeutung er kennenlernen will. John ist selbst eine Art Folklorist. Doch wenn ihm dabei Hexen oder Teufelsbündler über den Weg laufen, ist er ohne zu zögern bereit, den Kampf gegen sie aufzunehmen. Erst recht, wenn er damit irgendwelchen einfachen und aufrechten "Mountain Folks" helfen kann.

 Von einer Ausnahme abgesehen, auf die wir noch zu sprechen kommen werden, sind alle John the Balladeer - Stories in der ersten Person und aus der Sicht unseres Helden verfasst. Wie gut Wellman dabei den regionalen Dialekt getroffen hat, kann ich naturgemäß nicht beurteilen, aber zumindest einige der Rezensionen, die ich gelesen habe, bescheinigen ihm in dieser Hinsicht eine ziemlich gute Leistung.
Doch wie auch immer es sich damit verhalten mag, die Geschichten selbst beziehen ihre Atmosphäre ganz ohne Frage aus der Landschaft der Appalachen ihren Bergen, Tälern, Wäldern und kleinen Siedlungen , sowie aus den volkstümlichen Überlieferungen der "Mountain People". Seien es die immer wieder aufgegriffenen Versatzstücke des Hexenglaubens; Rituale wie das "Dumb Supper" (Call Me From The Valley) oder das "Sin-Eating" (Trill Coster's Burden); Motive wie der "Zug zur Hölle" (The Little Black Train); Figuren wie der afroamerikanische Volksheld John Henry (Walk Like A Mountain); oder sagenhafte Gestalten wie die mysteriösen "Ancients", die lange vor den Siedlern des 19. Jahrhunderts im "Toe River Country" nach Gold gegraben haben sollen (Shiver in the Pines). Zwar fügt Wellman dem immer wieder auch selbst erfundene Elemente hinzu, doch bleibt der Boden, dem seine Geschichten entsprießen, stets durchtränkt von authentischer Folklore, was viel zu deren besonderem Reiz beiträgt.



Spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts galten die Appalachen bei vielen als ein "merkwürdiges Land", in dem in gewisser Weise die Vergangenheit Amerikas lebendig geblieben war. Wie es William Goddell Frost (1854-1938), der Präsident des liberalen Berea College (Kentucky), formulierte, betrachtete man die Bewohner der Bergregion als "our contemporary ancestors". Aus einer antimodernen, romantischen Perspektive betrachtet "Appalachia glimmers as a region uncontaminated by commerce and its excesses, a place where people know their neighbors, value their elders, live close to the land, and preserve old-time craft, music, and stories."** In den Augen vieler Konservativer galt die Region außerdem als der Landstrich, in dem sich das "angelsächsische" Erbe, von dem sie glaubten, dass es den Grundstein der amerikanischen Nation bilde und durch die Massenimmigration der Jahrhundertwende zerstört zu werden drohe, am reinsten erhalten habe.

Es fällt nicht ganz leicht, zu bestimmen, ob auch die John the Balladeer .- Geschichten in diesem romantisch-konservativen Kontext gesehen werden müssen.
Ohne Zweifel zeichnen sie ein alles in allem romanstisiertes Bild der überkommenen Lebensweise der Bergbewohner geprägt von Religion und Familie, den Werten von Gastfreundschaft und nachbarschaftlicher Solidarität. Doch wird diese Welt der traditionellen Tugenden kaum je in Gegensatz zur modernen Außenwelt gestellt. Wenn die Geschichten z.B. immer mal wieder erwähnen, dass die Handwerker in den kleinen Bergsiedlungen davon leben, ihre Erzeugnisse an Touristen zu verkaufen, geschieht dies ganz "matter-of-fact", ohne Bedauern oder Anklage. Und ganz sicher verkörpern die finsteren Mächte, mit denen sich John herumschlagen muss, nicht die "böse Moderne", die von außen in das "hinterwäldlerische" Idyll eindringt und es zu zerstören versucht.
Am nächsten kommen wir einer solchen Thematik vielleicht noch in The Desrick on Yandro, wenn unser Held dem reichen und herrschsüchtigen Mr. Yandro begegnet, dessen Großvater aus den Bergen stammte und seinen Reichtum dort auf äußerst unredliche Art erworben hatte. In ihm haben wir den Typus des "Verräters an den alten Werten" vor uns, und interessanterweise beschränkt sich Johns Rolle in dieser Geschichte beinah ganz darauf, als Zeuge der Strafe zu fungieren, die die Appalachen in Gestalt der Hexe Polly Wiltse an dem arroganten Kerl vollziehen.  
Abgesehen davon würde mir höchstens noch die Beschreibung von Miss Donnie aus The Little Black Train einfallen:
From the house she walked through the crowded-around folks, stepping so proud she looked taller than she was. A right much stripy skirt swished to her high heels; but she hadn't such a much dress above, and none at all on her round arms and shoulders. The butter yellow of her hair must have come from a bottle, and the doll pink of her face from a box.
Dem Typus des "sündigen Weibes" begegnen wir bedauerlicherweise immer mal wieder in den Stories, doch nur im Falle von Miss Donnie werden dessen Hauptmerkmale – Hochmut und sexuelle Promiskuität mit Attributen der "urbanen" Kultur (High Heels, getöntes Haar, Make-up) verknüpft.

Da wir grade dabei sind, kurz ein paar Worte zum Frauenbild der Geschichten. Dass es sich bei diesen nicht eben um strahlende Beispiele feministischer Fortschrittlichkeit handelt, wird wohl niemanden verwundern. Neben den "verdorbenen Frauen" à la Miss Donnie, die gerne auch mal echte Hexen sind (The Spring; Where Did She Wander?), bekommen wir eine ganze Reihe "unschuldiger Maiden" vorgesetzt, die nicht selten von John vor dem gierigen Zugriff der Bösewichter geschützt werden müssen, welche sich nichts erstrebenswerteres vorstellen können, als die "Reinheit" dieser holden Geschöpfe zu besudeln (Vandy, Vandy; Nine Yards of Other Cloth). Die miese alte Dichotomie von "Hure" und "Heiliger" also.
Zwar begegnet uns in Old Devlins Was A-Waiting eine selbstbewusste und intelligente Parapsychologin – und auch wenn es John im ersten Moment überrascht, dass Dr. McCoy eine Frau ist, wird ihre Kompetenz doch nie in Frage gestellt –, aber selbst hier kann Wellman nicht anders, als immer wieder zu betonen, wie hübsch die junge Wissenschaftlerin sei. Das gesamte männliche Personal der Story ist offenbar unfähig, sie anders als unter einem erotisch-sexuellen Blickwinkel zu betrachten, und der Autor scheint das völlig selbstverständlich zu finden. Letztenendes ist das Aussehen einer Frau eben doch wichtiger als ihre Intelligenz oder ihre Persönlichkeit! Ugghh!
Den positivsten Eindruck hat auf mich noch Page Jarrett aus Walk Like A Mountain hinterlassen. Sie beginnt die Geschichte als klassische Damsel-in-Distress, die von dem "Riesen" Rafe Enoch entführt wird. Doch wie sich schon bald herausstellt, ist dieser im Grunde gar kein so übler Bursche. Allerdings hat ihn sein lebenslanges Außenseitertum zu einem verbitterten Menschenfeind gemacht. {Ist es ein Zufall, dass die Geschichte Rafe mit John Henry in Verbidnung setzt, dem einzigen Schwarzen, der in den John the Balladeer - Stories auftaucht?} Schließlich ist es Page, die ihm die Wahrheit über sein ebenso selbstmitleidiges wie selbstgerechtes Gehabe offen ins Gesicht sagt: "I'm a woman, and I don't fear you or ary overgrown, sorry-for-himself giant ever drew breath!" Dass die beiden zuguterletzt als ein Paar enden, entspricht dem märchenartigen Charakter der Geschichte.

Damit gehört Walk Like A Mountain zu einer kleinen Gruppe von John the Balladeer - Geschichten, die von dem sonst üblichen Stil abweichen. Einige von ihnen knüpfen direkt an die folkloristischen Traditionen an, die Manly Wade Wellman als Vorbild dienten. Neben Walk Like A Mountain sind das vor allem die kurzen Vignetten sowie On the Hills and Everywhere, bei dem es sich um ein schlichtes, ohne jede Ironie erzähltes Weihnachtsmärchen handelt. Etwas anders verhält es sich mit One Other. Stärker als irgendwo sonst ist hier nämlich eine Art cthulhuider Vibe zu spüren..
Wie Wellman 1976 in einem Brief an den Verleger E.P. Berglund erklärte, war er nie Teil des sog. "Lovecraft Circle" der 30er Jahre gewesen:
 I was contemporary with him at old Weird Tales, but I never met or corresponded with him. I remember being urged to write to him. I didn't. It seemed to me that those who did visit him and swap letters with him were more or less his disciples and I never made a good disciple
Und obwohl er das Talent des alten Gentleman von Providence stets bewundert habe, sei dessen Einfluss auf sein eigenes Werk minimal gewesen. Bei One Other handele es sich um eine der ganz wenigen Ausnahmen. Er schreibt in Bezug auf die Geschichte:"One I wrote with something of the Lovecraftian notion of a What Is It from God Knows Where".

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Die ersten elf John the Balladeer - Geschichten wurden bereits einmal 1963 von Arkham House unter dem Titel Who Fears the Devil? gesammelt herausgegeben. Doch wie das bei August Derleth scheinbar häufiger vorkam, hatte der Verleger sich die Freiheit genommen, willkürliche Veränderungen an Wellmans Texten vorzunehmen, um dem Ganzen eine "einheitlichere" Gestalt zu verleihen. Dass der Autor darüber nicht eben glücklich war, lässt sich  leicht nachvollziehen.
Als Karl Edward Wagner ihn im selben Jahr besuchte, eröffnete ihm Wellman, "that he was all through writing about John". Und tatsächlich erschienen für anderthalb Jahrzehnte keine weiteren Geschichten mehr über den wandernden Barden der Appalachen. Erst Ende der 70er Jahre kehrte der Schriftsteller zu seiner vielleicht berühmtesten Schöpfung zurück. Dabei wandte er sich zwar vornehmlich der Romanform zu, aber er "always maintained that he preferred to write about John in short-story form rather than in novel length", und so entstanden zwischen 1979 und 1986 {dem Todesjahr des Autors} außerdem noch einmal sechs weitere John the Balladeer - Kurzgeschichten. 

Karl Edward Wagner schreibt im Vorwort zur Baen Books - Ausgabe, er habe die Stories "according to date of original publication" angeordnet. Dem scheint die Bibliographie auf der Internet Speculative Fiction Database in einigen Punkten zu widersprechen. Doch fest steht auf jedenfall, dass Where Did She Wander? die letzte Geschichte gewesen ist, die Wellman zu Papier brachte. Dass sie am Ende des Sammelbandes steht, ist darum sicher gerechtfertigt. Dennoch wäre die vorletzte Story Nobody Ever Goes There in meinen Augen sehr viel besser geeignet gewesen, den Zyklus abzuschließen.

Bei ihr handelt e sich um die einzige, die nicht aus Johns Sicht erzählt wird. Eigentlich ist Nobody Ever Goes There die Geschichte von Mark Banion und Ruth Covell, in die der Barde erst nach gut der Hälfte eintritt. Und es ist ein offensichtlich gealterter John, der den beiden begegnet:
A man sat at the ancient work bench, dressed in a blue hickory shirt and khaki pants and plow shoes, carefully shaping a slip of wood with a bright, sharp knife. He was lean, and as tall as Mark, say six feet. His long, thoughtful face was neither young nor old. In his dark hair showed silver dabs at the temples and in a brushed-back lock on top. 
Selbst seine Gitarre ist alt, "seasoned as dark brown as a nut".
Durch diese veränderte Perspektive entsteht der Eindruck, als sei der Barde dabei, allmählich selbst zu einem Teil jener Welt der Sagen und Mythen der Appalachen zu werden, über die wir so viel in seinen Geschichten gehört haben. Sein Zusammentreffen mit Mark und Ruth wirkt wie ein kurzer Besuch in der "wirklichen Welt", bevor er wieder {und diesmal für immer?} in der nebelverhagenen Welt der Geister und Dämonen verschwinden wird. Dieses Gefühl wird noch dadurch verstärkt, dass er bis zum Ende der Geschichte namenlos bleibt. Erst in den letzten Zeilen wird seine Identität enthüllt:
Mark held out a shaking hand. "We'll never be able to thank you, Mr. I don't even know your name."
"My name's John."
"John what?" Mark asked.
"Just call me John."
Hinzu kommt, dass in Nobody Ever Goes There noch einmal Musik eine wirklich zentrale Rolle spielt. Ja hier erscheint sie sogar als die wichtigste Waffe, die John zur Abwehr der finsteren Mächte einsetzen kann. Die von ihm gespielte und gesungene Ballade rettet Mark und Ruth im wahrsten Sinne des Wortes das Leben.

Und der besondere Charme des gesamten John the Balladeer - Zyklus beruht zu einem nicht geringen Teil auf der Rolle, die der Musik in ihm zukommt. Nicht eine Geschichte, die nicht wenigstens ein paar Strophen einer Ballade enthalten würde, die John einem Publikum vorträgt – sei es auf einer Party, am abendlichen Lagerfeuer oder während man gemeinsam unter einem Wellblechdach das Ende des Regens abwartet   oder die er sich selbst vorsingt, während er durch die Wälder wandert. Und ganz so wie stets, wenn Manly Wade Wellman sich der amerikanischen Folklore zuwendet, mischen sich dabei authentisches Liedgut und eigene Erfindungen des Schriftstellers. Musik erscheint hier als gemeinschaftsstiftend, als Medium der Volksüberlieferung – und nicht zuletzt als Waffe gegen das Böse.

Leider habe ich von den Vertonungen dieser Balladen (Who Fears The Devil?), die der 2014 gestorbene Folk - Sänger Joe Bethancourt kreiert hat, nur eine frei im Internet finden können. Mit dieser möchte ich diesen Post nun ausklingen lassen.





* Bascom Lamar Lunsfeld taucht dreimal in den John the Balladeer - Geschichten auf. Einmal unter seinem richtigen Namen (Old Devlins Was A-Waiting) und zweimal in der kaum verhüllten Form von "Luns Lamar" (Nary Spell & Where Did She Wander?).
** Mary Hufford: Folklore and Folklife in Appalachia.