"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 25. Februar 2017

Strandgut der Woche

Sonntag, 19. Februar 2017

Strandgut der Woche

Donnerstag, 16. Februar 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S01/E03: "Cygnus Alpha"

Wenn die zweite Episode von Blake's 7 vor allem dadurch zu beeindrucken versuchte, dass man praktisch das ganze für die erste Staffel vorgesehene Budget auf einen Schlag verbriet, fährt Episode 3 eine Art Geheimwaffe in Gestalt des unvergleichlichen Brian Blessed auf. Ohne Frage habe ich ihn schon sehr viel nuancierter und subtiler agieren sehen als hier, doch andererseits gibt es wenige Schauspieler, bei denen es mir soviel Spaß macht, sie im absoluten Overdrive zu erleben, wie den großen Brian.

Freilich taucht der gute Mann erst nach gut zwanzig Minuten auf.

Zuerst einmal bekommen wir zu sehen, wie Blake (Gareth Thomas), Jenna (Sally Knyvette) und Avon (Paul Darrow) ihr Raumschiff erkunden. Die Technologie scheint sehr viel fortgeschrittener als die der Terranischen Föderation. Als Jenna nach Zufallsprinzip einige der Steuerungstasten ausprobiert -- denn was bleibt unseren Helden schon anderes übrig, wenn sie deren Funktionsweise erlernen wollen? -- wird eine telepathische Verbindung zwischen ihr und dem Schiff hergestellt, was auf sie zuerest beängstigend, dann jedoch friedvoll und beglückend wirkt. Alsbald meldet sich der Schiffscomputer Zen (mit der Stimme von Peter Tuddenham) zu Worte, der sich bereit erklärt, den Befehlen der neuen Mannschaft zu gehorchen. Dabei erfahren wir auch, dass der neue Name des Schiffs, der aus der Gedankenverschmelzung von Jenna und Zen geboren wurde, "Liberator" lautet. Blake zögert nicht lange, sondern befiehlt Kurs auf Cygnus Alpha zu nehmen, wo er die übrigen Gefangenen zu befreien und als Crew zu rekrutieren gedenkt. Als hilfreich könnte sich dabei erweisen, dass die "Liberator" u.a. über eine Teleportationsvorrichtung verfügt, die in Aktion zwar nicht so hübsch ausschaut wie Star Trek's klassischer Transporter, aber dem gleichen Zweck dient -- der Notwendigkeit aus dem Weg zu gehen, aufwendige Landeszenen mit teuren Modellen und Spezialeffekten drehen zu müssen.
Zur selben Zeit müssen Vila (Michael Keating), Gan (David Jackson) und die übrigen Sträflinge, nachdem sie von der London auf Cygnus Alpha abgesetzt wurden, feststellen, dass der Planet in der Tat so unerfreulich zu sein scheint, wie man das von einer Sträflingskolonie erwarten würde. Etwas überraschend, wenn auch kaum aufmunternd, wirkt da höchstens, dass sie in der nebligen Einöde schon bald auf einen gekreuzigten Leichnam stoßen, dem ein Schild mit der ominösen, wenn auch informativen Aufschrift "So sterben Ungläubige" beigefügt wurde. Dazu passt ganz gut, dass die Neuankömmlinge wenig später einem Trupp in Mönchskutten begegnet, dessen Anführerin Kara (Pamela Salem) sie im Namen ihres "neuen Gottes" Willkommen heißt und in ein hübsch "gotisch"-gruseliges Klostergebäude führt.
Nachdem  auch die "Liberator" Cygnus Alpha erreicht hat, lässt sich Blake auf die Oberfläche teleportieren, obwohl Avon zu bedenken gibt, dass sie nicht wirklich wüssten, wie (und ob) der Transporter funktioniert. In der Folge gelangt auch unser Held zu dem wenig einladenden Tempelbau, von dem aus der offensichtlich größenwahnsinnige Vargas (Brian Blessed) als Hohepriester über einen bizarren Kult herrscht, der die einzige Form einer "geordneten Gesellschaft" auf dem Gefängnisplaneten darstellt. Als er von der Existzenz der "Liberator" erfährt, setzt er alles daran, in den Besitz des Schiffes zu gelangen, um seine {nicht wirklich} "frohe Botschaft" zu den Sternen zu tragen. Seine bevorzugten Mittel sind dabei Folter und Menschenopfer.

Das größte Highlight dieser Folge ist, wie schon gesagt, Brian Blessed als irrer Sektenführer. Doch daneben hat sie noch einiges anderes zu bieten.

Stellt man das minmale Budget in Rechnung, so ist Cygnus Alpha einer der atmosphärisch gelungeneren Planeten der ersten Staffel. Blake's 7 wird immer mal wieder Abstecher in leicht psychedelisch anmutende Gefilde unternehmen, und dies ist das erste Beispiel dafür. Dabei standen den Machern ganz offensichtlich nur einige primtive Sets, einige sehr hübsche Matte-Paintings und sehr viel Trockeneis zur Verfügung. Nicht zu vergessen das wirklich recht eindrucksvolle, mumifizierte Gesicht der gekreuzigten Leiche.

Für den weiteren Verlauf der Serie am wichtigsten sind natürlich die Charakterentwicklungen. Blake übernimmt wie selbstverständlich die Führungsrolle und macht deutlich, dass er abweichende Meinungen nur schwer akzeptieren kann. Entweder man schließt sich ihm an oder man ist in seinen Augen ein rückgratloser Feigling.
Gan erweist sich sowohl gegenüber Vila als auch gegenüber Blake als extrem loyal. Zudem zeigt er einmal mehr die Neigung, anderen mit physischer Gewalt zu drohen.
Avon hingegen macht keinen Hehl daraus, dass er Blake für einen gefährlichen Fanatiker hält. Er versucht Jenna dazu zu überreden, mit der "Liberator" das Weite zu suchen, während dieser sich auf dem Planeten befindet. Blake sei ein "crusader", der  in seinem hoffnungslosen Verlangen, das Föderationsregime zu stürzen, alle, die ihm folgen, mit ins Verderben reißen werde. Jenna ihrerseits lehnt es zwar ab, Blake und die anderen einfach im Stich zu lassen, weiß jedoch nicht wirklich etwas auf diese Charakterisierung ihres "Anführers" zu erwidern.

Besonders interessant fand ich jedoch die Idee der Kultgemeinde. Nicht dass die Episode sehr viel mit ihr anfangen würde, doch der kurze Abriss ihrer Geschichte, den Vargas in einem wilden Monolog zum Besten gibt, ist recht faszinierend. Den ersten Verbannten, die die Föderation nach Cygnus Alpha schickte, gelang es unter großen Opfern und Mühen eine halbwegs funktionierende Gemeinschaft aufzubauen. Doch als später immer mehr Sträflinge auf den Planeten deportiert wurden, drohte diese auseinanderzubrechen. Schließlich kam einer von Vargas' Vorfahren auf die Idee, eine religiöse Lehre zu kreieren, mit deren Hilfe es gelang, die immer heftigeren Konflikte unter den Verbannten zu unterdrücken und eine feste Disziplin einzuführen. Diese Ordnung basiert zwar auf Lügen, Furcht und Terror, doch immerhin erlaubt sie es den Deportierten unter den harschen Bedingungen von Cygnus Alpha zu überleben. Ein wenig hat mich das an die eigenartige "Mönchsgemeinschaft" von Fiorina "Fury" 161 aus Alien 3 erinnert, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob das ein gutes Zeichen ist, habe ich doch nur sehr wenig für diesen Flick übrig ...

Ich glaube, das war's für heute. Am Ende von Cygnus Alpha haben mit Blake, Jenna, Avon, Vila, Gan und Zen sechs der eponymischen Sieben ihren Platz auf der "Liberator" eingenommen. Das nächste Mal werden wir Nummer Sieben kennenlernen, und nebenbei demonstriert bekommen, dass eine verwässerte Version der berühmten Star Trek - Episode Space Seed keine gute Idee für einen B-Plot ist.

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Samstag, 11. Februar 2017

Strandgut der Woche

Mittwoch, 8. Februar 2017

Die Wunderbare Welt des Karel Zeman

Dem tschechischen Regisseur Karel Zeman gebührt ohne Zweifel ein ganz besonderer Platz in den Annalen des phantastischen Films. Ich kann allen Freundinnen & Freunden des Genres nur wärmstens ans Herz legen, sich unbedingt einmal einige seiner Werke wie Cesta do pravěku / Reise in die Urzeit (1955) oder seine grandiose Otfried Preußler - Adaption Krabat (1977) anzuschauen, falls sie noch nicht mit ihm und seinem Oeuvre vertraut sein sollten. 
Da wir heute den 189. Geburtstag Jules Verne feiern können, dachte ich mir allerdings, es sei angemessen, die Aufmerksamkeit meiner Leserschaft insbesondere auf Zemans Vynález zkázy / Die Erfindung des Verderbens aus dem Jahre 1958 zu lenken. Im Laufe seiner Karriere wandte sich der Filmemacher zwar immer wieder einmal dem Werk des großen Franzosen zu, den er tief verehrte, doch dieser Streifen gilt wohl zurecht als seine bedeutendste Verne - Adaption.

Für eine ausführlichere Besprechung fehlt mir die Zeit. Über den Inhalt des Films sei deshalb nur soviel gesagt, dass er eine Art Potpourri verne'scher Motive darstellt -- neben dem namengebenden Roman werden u.a. Robur der Eroberer, 20.000 Meilen unter dem Meer, In 80 Tagen um die Welt und Die 500 Millionen der Begum anzitiert --, wobei zugleich die humanistische Begeisterung für den Fortschritt der Technik mit einer Warnung vor deren möglichem Missbrauch verbunden wird. Die Entwicklung und der erste Einsatz der Atombombe sind als zeitgeschichtlicher Hintergrund stets präsent, ohne dass der Streifen dabei je zu einer plumpen politischen Parabel degenerieren würde. Vielmehr atmet er ganz den Geist verne'scher Romantik, und dabei spielt sein eigenwilliger filmerischer Stil eine zentrale Rolle.
Eines der großen Probleme, die ich mit dem heutigen Einsatz von Tricktechnik im Film habe, ist die ihm zugrundeliegende pseudo-naturalistische Ästhetik. Die Möglichkeiten, die sich durch die Entwicklung von CGI eröffnet haben, werden in erster Linie dazu genutzt, die möglichst perfekte Illusion einer vermeintlichen Realität zu erschaffen. Tricktechnik gilt dann am besten, wenn man sie nicht mehr als solche erkennen kann. Eine solche Herangehensweise kann selbstverständlich zu interessanten Ergebnissen führen, aber wenn sie zum alles beherrschenden Dogma wird, geht die Möglichkeit verloren, die Kunst der SFX-Magier als ein bewusstes Stilmittel einzusetzen -- als Stimulans für die Fantasie der Zuschauer oder als Mittel der Verfremdung. Vynález zkázy ist ein großartiges Beispiel für das, was wir dabei zu verlieren drohen.
Karel Zemans Werk ist eine höchst eigenwillige Mixtur aus Real- und Animationsfilm. Ein Großteil der Welt, in welcher sich seine Figuren bewegen, besteht nicht aus materiellen Sets, sondern ist dem Zeichenstift entsprungen. Und der Grund dafür ist nicht allein in den beschränkten tricktechnischen Ressorcen zu suchen, die den tschechischen Künstlern & Künstlerinnen zur Verfügung standen. Diese waren ohne Frage gegeben, doch wenn sie überhaupt eine Rolle bei der Entwicklung des Films gespielt haben sollten, macht Zeman aus der Not eine Tugend. Mehr noch, er kreiert eine ganz eigene Ästhetik, die ihre Inspiration aus den klassischen Jules Verne - Illustrationen von Édouard Riou und Léon Benett bezieht. Der Film erweckt den Eindruck, als sei er ein zum Leben erwachter Kupferstich. Sehr oft werden selbst "Requisiten" oder Teile der "Kulisse", welche man ohne Schwierigkeiten materiell hätte reproduzieren können, durch Zeichnungen ersetzt. Einzelne Szenen gehen dabei mitunter ins Surrealistische über (Fische verwandeln sich in Schmetterlinge) oder erinnern an die grotesken Animationen, die Terry Gilliam später für Monty Python's Flying Circus kreieren würde (die Wochenschau, die sich der böse Graf Artigas anschaut).

Ich fürchte, dass viele, deren Sehgewohnheiten durch den Pseudo-Naturalismus des zeitgenössischen phantastischen Films geprägt wurden, ein Werk wie Vynález zkázy als primitiv, vielleicht sogar als ein bisschen peinlich ansehen würden. Und das stimmt mich traurig. Denn während sie sich darüber amüsieren werden, wie offensichtlich "unecht" vieles in diesem Film ausschaut, geht ihnen der Genuss einer ganz eigenen Form der cineastischen Schönheit verloren -- träumerisch, idiosynkratisch und fantasievoll.   

Montag, 6. Februar 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S01/E02: "Space Fall"

Die Verantwortlichen bei der BBC waren sich bewusst, dass die ersten Folgen von Blake's 7 kurz nach dem Kinostart von Star Wars ausgestrahlt werden würden, und so entschied man sich dazu, den Großteil des Budgets, das für die erste Staffel zur Verfügung stand, bereits in der zweiten Episode zu verfeuern. Ob Produzent David Maloney und sein Team tatsächlich glaubten, etwas auf die Beine stellen zu können, was auch nur im Entferntesten ähnlich visuell beeindruckend sein würde wie George Lucas' Blockbuster? Schwer vorstellbar. ITV hatte einige Jahre zuvor mit Space 1999 die bis dahin teuerste Serie der britischen Fernsehgeschichte kreiert. Bei der BBC war niemand bereit, vergleichbare Summen für eine SciFi - Show bereitzustellen. Und so besitzt selbst Space Fall ein denkbar primtives Aussehen, auch wenn die Sets etwas aufwendiger sind als in späteren Episoden und wir immerhin ganze zwei Raumschiffmodelle zu sehen bekommen. So verständlich es ist, dass man an den durch den Überraschungserfolg von Star Wars* ausgelösten Hype anknüpfen wollte, so klar ist doch auch, dass den Machern von Blake's 7 die materiellen Ressourcen fehlten, um eine visuell beeindruckende Space Opera zu kreieren. Die Serie musste ihre Stärken an anderer Stelle entwickeln. Inwieweit ihr das gelungen ist, werden wir im Laufe unseres Rewatchs sehen.

Space Fall schließt unmittelbar an die Handlung von The Way Back an. Blake (Gareth Thomas), Jenna (Sally Knyvette) und Vila (Michael Keating) befinden sich zusammen mit einer Reihe weiterer Sträflinge auf dem Gefangenentransporter London mit Kurs auf Cygnus Alpha. Unser Held zögert nicht lange und beginnt mit den Vorbereitungen für eine Meuterei. 
Leider gelingt es der Folge nur schlecht, dem Zuschauer zu vermitteln, wieviel Zeit zwischen den einzelnen Szenen verstreicht, aber scheinbar sollen wir glauben, dass mehrere Monate vergangen sind, bis Blake seinen Plan zur Übernahme des Schiffs in die Tat umsetzt. Zum engsten Kreis der Verschwörer gehören neben Jenna und Vila nun auch der bärenstarke Olag Gan (David Jackson) und der enthusiastische Nova (Tom Kelly). Das Gelingen des Unternehmens ist jedoch von der Mithilfe des brillanten Computerspezialisten Kerr Avon (Paul Darrow) abhängig, dessen Intelligenz und technisches Geschick nur noch von seiner Arroganz und Egozentrik übertroffen werden. Das Schicksal seiner Leidensgenossen ist ihm herzlich gleichgültig. Eine Zeit lang spielt er sogar mit dem Gedanken, einen Deal mit der Crew zu schließen, der allen übrigen Gefangenen das Leben kosten würde. Doch letztlich gelangt er zu der Überzeugung, dass Blakes Plan auch für ihn die beste Chance auf ein Entkommen darstellt, und ist bereit, seinen Beitrag zu leisten. 
Als die London in eine Reihe von Raumturbulenzen gerät, deren Ursache ein in der Nähe tobender Kampf zwischen irgendwelchen mysteriösen Raumschiffen zu sein scheint, ist der Zeitpunkt zum Handeln gekommen. Blakes Plan scheint zuerst aufzugehen, nachdem Avon die Kontrolle über den Schiffscomputer übernommen hat. Doch als der skrupellose Sub-Commander Raiker (Leslie Schofield) mit der wahllosen Exekution von Gefangenen beginnt, sehen sich die Meuterer gezwungen, zu kapitulieren. Gegen Avons Protest ...
Nachdem die Ordnung wiederhergestellt ist, entdeckt die Crew der London ein in der Nähe treibendes Raumschiff unbekannter Herkunft. Das gewaltige Gefährt scheint verlassen, und so entschließt man sich dazu, einen Erkundungstrupp hinüberzuschicken. Als die Männer nicht zurückkehren, werden auf Drängen Raikers Blake, Jenna und Avon als "Freiwillige" rekrutiert. Nicht unbedingt die allerklügste Idee, denn nachdem die drei die telepathischen Attacken des Sicherheitssystems überstanden haben, gelingt es ihnen sehr schnell, das Schiff flottzukriegen. Der sadistische Sub-Commander hat ihnen nicht nur ein Fluchtfahrzeug, sondern zugleich eine mächtige Waffe in die Hände gespielt. Nun denn, er hat nicht mehr viel Zeit, um seinen Fehler zu bereuen ...

Einer der interessantesten Aspekte von Space Fall ist die Charakterisierung der Mannschaft der London. Raiker ist ohne Frage ein skrupelloses, brutales Arschloch, zu dessen Lieblingsbeschäftigungen es außerdem gehört, sexuelle Gefälligkeiten von weiblichen Gefangenen zu erpressen. Alle übrigen Crewmitglieder jedoch erscheinen in einem gar nicht so unsympathischen Licht.
Der ältliche Commander Leylan (Glyn Owen) macht einen im Grunde gutmütigen Eindruck, doch er ist müde und desillusioniert. Alles, was er sich wünscht, ist, seinen Job ohne gar zu viele Komplikationen zu erledigen. Ganz offensichtlich verabscheut er Raikers Verhalten, besitzt jedoch nicht länger die Kraft, seinem Ersten Offizier Einhalt zu gebieten. Ein kurzer Wortwechsel zu Beginn der Episode bringt das Verhältnis zwischen den beiden sehr gut auf den Punkt. Leylan lässt eine Bemerkung darüber fallen, dass sich unter den Sträflingen eine Frau (Jenna) befindet. Raiker erklärt, dass er darüber Bescheid wisse, worauf der Kommandant erwiedert: "Be discrete". Leylan weiß, dass sein Erster Offizier regelmäßíg weibliche Gefangene sexuell missbraucht, und es gefällt ihm wohl nicht. Aber er ist zu schwach, um das zu verhindern. Und so will er es bloß selbst nicht offen miterleben müssen.
Navigator Artix (Norman Tipton) ist ein junger, ehrgeiziger Offizier, der jede freie Minute damit verbringt, für seine "Kommandoprüfung" zu büffeln, da er nicht den Rest seines Lebens auf einem altersschwachen Kahn wie der London verbringen will. Er wirkt naiv, aber keineswegs rücksichtslos oder bösartig.
Selbst die Wachen machen keinen sonderlich brutalen Eindruck, was es beinah etwas verstörend wirken lässt, wenn Olag während der Meuterei einem von ihnen damit droht, ihm die Hand abzuschlagen. Auch im Kampf um Freiheit bleibt Gewalt Gewalt, und sie ist nicht schön.

Ziemlich beeindruckend ist auch der völlig sinnlose Tod Novas, der zudem eine zumindest implizit sehr unangenehme Form besitzt, auch wenn dies aufgrund der technischen Limits nicht wirklich rüberkommt. Erstaunlicherweise kommt keiner unserer Helden später noch einmal auf das traurige Schicksal des jungen Enthusiasten zu sprechen. Zum ersten Mal erleben wir hier, dass Blake ein Talent dafür besitzt, Menschen zu begeistern, was jedoch für einige von ihnen keine besonders erfreulichen Folgen hat.

Sehr schön ist es zu sehen, wie kühl und selbstbewusst Jenna auf Raikers sexuellen Erpressungsversuch reagiert. Zwar hören wir nicht, was sie ihm zuflüstert, doch in Anbetracht seiner Reaktion dürfte es nicht viel netter als "Fuck yourself, you pathetic pervert" gewesen sein. Auch ist es ihre Expertise als Pilotin, die den drei am Ende das Entkommen sichert.

Doch am wichtigsten für die Zukunft der Serie ist ganz ohne Frage die Einführung von Avon. Schon bei seinem ersten Auftritt beglückt uns das arrogante Computergenie mit den schneidend sarkastischen Bemerkungen, die in der Folge zu seinem Markenzeichen werden sollen. Schlau und extrem kompetent, doch zugleich zynisch, kaltblütig, eingebildet und egoistisch stellt er augenblicklich den Gegenpol zu Blake mit seinem leidenschaftlichen Idealismus dar. Und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass er sich niemals ganz der Autorität des Freiheitskämpfers unterordnen wird. Wenn er ihm für den Moment folgt, so nur, weil dies seinen eigenen Interessen dient. . 

Das wär's für heute. Das nächste Mal werden wir in den Genuss von Brian Blessed in Hochform gelangen, und zugleich ein paar Worte über Alien 3 verlieren müssen.

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* Bereits im November 1977 hatte Star Wars Steven Spielbergs Jaws vom Thron gestoßen und war zum finanziell erfolgreichsten Film aller Zeiten avanciert.

Samstag, 4. Februar 2017

Strandgut der Woche

Sonntag, 29. Januar 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S01/E01: "The Way Back"

Es ist soweit, stürzen wir uns also ohne viel Vorgeplänkel in die phantastische Welt von Blake's 7. Was umso angemessener erscheint, da es die erste Episode im Grunde genauso hält.

Ohne irgendeinen einführenden Monolog oder ähnliches, welcher uns mit Setting und Hintergrund der Geschichte vertraut machen würde, startet die Handlung in medias res mit unserem Helden Roj Blake (Gareth Thomas), der ähnlich verwirrt zu sein scheint wie wir selbst, während er sich eher widerwillig von einer Freundin durch die von allgegenwärtigen Videokameras überwächten Korridore einer futuristischen Stadt führen lässt. Schließlich erreichen die beiden eines der elektronisch versiegelten Tore, die aus der Stadt hinausführen, wo sie von einem jungen Mann erwartet werden. Blake ist entsetzt, als ihm klar wird, dass er die Siedlung verlassen soll. Schließlich ist dies strengstens verboten. Doch die Aussicht, wichtige Neuigkeiten über seine Verwandten zu erhalten, die auf einer der "outer planets" leben, überzeugt ihn davon, das Risiko einzugehen. Seine Begleiter betonen zugleich, dass alles so arrangiert wurde, dass er selbst als Mitschuldiger erscheinen werde, falls er später dennoch eine Meldung bei den Autoritäten machen sollte.
Auch wenn wir den größeren Kontext noch nicht überschauen können, vermitteln uns bereits diese ersten paar Minuten einen recht guten Eindruck von der Welt, in der Blake's 7 spielt. Auf der einen Seite haben wir eine diktatorische Gesellschaft mit Anklängen an 1984 (allgemeine  Überwachung) und Brave New World (Blakes Freundin erwähnt, dass allen Bürgern & Bürgerinnen permanent irgendwelche Drogen verabreicht würden). Auf der anderen Seite eine Untergrundsbewegung, die realistisch genug ist, um in der Wahl ihrer Mittel nicht gar zu zimperlich zu sein. Wenn die drei schließlich die Stadt verlassen und wir den gewaltigen Kuppelbau hinter ihnen in der Nacht aufragen sehen, stellen sich außerdem gewisse Assoziationen zu Logan's Run ein. Offenbar leben die Menschen in riesigen Mega-Städten, gänzlich abgeschottet von der natürlichen Umwelt. Wenn Blake aufgefordert wird, frisches Wasser aus einem nahegelegenen Bach zu trinken, wirkt dies auf ihn extrem irritierend.
Schließlich erreichen die drei eine Art verlassenen Bunkerkomplex, in dessen Hallen sich eine Gruppe von Dissidenten zu einer ihrer regelmäßigen illegalen Zusammenkünfte unter der Leitung von Bran Foster (Robert Beathy) versammelt hat. Foster klärt Blake {und uns} über einen Teil der Hintergrundsgeschichte auf: Blake war einmal selbst ein führender Oppositioneller. Als sein Einfluss gefährliche Ausmaße zu erreichen begann, wurde er von der Regierung verhaftet, gefoltert und einer Gehirnwäsche unterzogen. Nachdem er seinen einstigen Idealen öffentlich abgeschworen und seine Loyalität zum Regime bekundet hatte, wurde auch diese Erinnerung aus seinem Gehirn gelöscht. Alle seine Verwandten seien nach ihrer Ankunft auf den "outer planets" umgehend hingerichtet worden.
Zwar gelangen einige von Blakes künstlich unterdrückten Erinnerungen – visualisiert in einer Reihe ziemlich eindringlicher Flashbacks – während des Gesprächs mit Foster wieder an die Oberfläche, dennoch weiß er nicht so recht, ob er der Story glauben und sich der Untergrundsbewegung erneut anschließen soll. Die Entscheidung wird ihm in gewisser Weise abgenommen, als ein Trupp militarisierter Polizisten, die von dem Verräter Dev Tarrant (Jeremy Vilkin) hierher gelotst wurden, in dem Bunker auftaucht und ein Massaker unter den Dissidenten veranstaltet. Blake überlebt als einziger und wird verhaftet.
Als nächstes bekommen wir eine Gruppe von Politikern & Politikerinnen zu sehen, die offenbar dem Innen- und Justizministerium angehören und über Blakes weiteres Schicksal beraten. Ihn hinrichten zu lassen wäre unklug, da man damit bloß einen Märtyrer schaffen würde. Eine Wiederholung der Farce vom "bekehrten Dissidenten" erscheint gleichfalls unklug, weil unglaubwürdig. Also beschließt man stattdessen, einen öffentlichen Gerichtsprozess zu inszenieren, dessen Ziel darin besteht, Blakes Reputation für immer zu zerstören. Man wird ihn nicht irgendwelcher politischer Vergehen anklagen, sondern ihn des sexuellen Missbrauchs von Kindern bezichtigen.
Trotz aller Bemühungen der staatlichen Psychologen gelingt es nicht, Blake selbst von seiner "Schuld" zu "überzeugen", doch das ist ein vernachlässigbares Ärgernis, hat man die "Beweise" doch so glaubwürdig gefälscht, dass selbst Blakes naiver und grundehrlicher Verteidiger Tel Varon (Michael Halsey) nicht an ihnen zweifelt. Entsprechend reibungslos läuft Blakes Prozess über die Bühne, und unser Held wird zu lebenslanger Verbannung in der Sträfligskolonie von Cygnus Alpha verurteilt.
Während der verzweifelte Blake zusammen mit anderen Sträflingen auf seinen Abtransport wartet, und dabei den fingerfertigen Dieb Vila Restal (Michael Keating) und die Weltraumschmugglerin Jenna Stannis (Sally Knyvette) kennenlernt, kommen Tel Varon nachträgliche Zweifel an der Korrektheit des Verfahrens. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Maja (Pippa Steel) beginnt er Nachforschungen anzustellen. Die beiden stoßen schon bald auf Belege dafür, dass die Beweise und Zeugenaussagen manipuliert wurden. Tel beantragt ein Aussetzen des Strafvollzugs, worüber er Blake informiert. Dennoch wird dieser zusammen mit den anderen Sträflingen auf das wartende Transportschiff gebracht.
Tel und Maja setzen ihre Suche fort, wobei sie nach und nach den ganzen Umfang des Komplotts aufdecken. Sollte es ihnen doch noch gelingen, Blake in letzter Minute zu befreien?
Natürlich nicht! In der Schlussequenz sehen wir erneut den riesigen Kuppelbau der Mega-Stadt. In der Ferne startet das Raumschiff. Im Vordergrund steht die Gestalt Dev Tarrants. Die Kamera schwenkt nach unten. Zu seinen Füßen liegen die Leichen von Tel und Maja im Gras. Blake derweil schaut durch das Fenster des Schiffs zurück auf die allmählich hinter dem Transporter zurückbleibende Erde.

The Way Back ist in mancherlei Hinsicht eine erstaunliche Episode. Immerhin ist dies der Auftakt für eine Space Adventure - Show, und so überrascht es, dass die Handlung vollständig auf der Erde spielt. Auch lernen wir von den späteren Hauptcharakteren – den eponymischen Sieben – außer Blake selbst nur Vila & Jenna kennen – und selbst diese bloß am Rande.
Stattdessen stehen für einen Gutteil der Folge Tel & Maja im Zentrum der Aufmerksamkeit, und was Terry Nation mit ihnen anstellt ist wirklich provokant. Er zeichnet sie als sympathisch, mutig und kompetent, zeigt uns jeden Schritt ihrer Nachforschungen, lässt uns mehrfach miterleben, wie sie die Vertreter des Regimes austricksen, nur um sie am Ende vollständig scheitern und auf denkbar unzeremonielle Weise sterben zu lassen. Dass sie "off screen" ermordet werden, macht die Provokation noch größer. Nation gönnt den beiden nicht einmal einen ordentlichen Heldentod. Ihr Schicksal wirkt wie eine Kombination aus Herausforderung und Warnung in Bezug auf das, was uns in Blake's 7 erwartet. Nur weil jemand unsere Sympathien genießt, heißt das noch lange nicht, dass er oder sie das Ende einer Episode lebend erreichen wird.
Terry Nations berühmtester Beitrag zur Science Fiction dürfte die Erfindung der Daleks in den frühen 60er Jahren gewesen sein, doch unmittelbar vor Blake's 7 hatte er für die postapokalyptische TV-Serie Survivors (1975/76) verantwortlich gezeichnet. Ich kenne sie nicht aus eigener Anschauung, doch scheint sie von einem harschen Realismus gekennzeichnet gewesen zu sein. Etwas von diesem Geist findet sich auch in The Way Back. Nach heutigen Maßstäben sind die Szenen von Folter und Massenmord natürlich ziemlich harmlos und unblutig, aber wenn man zum Vergleich eine zeitnahe SciFi-Serie wie ITVs Space 1999 (1975-77) heranzieht, wirkt das Ganze doch immer noch recht schockierend. Immerhin finden außer Blake, Jenna und Vila alle sympathischen Charaktere, die in der Episode eingeführt werden, sehr schnell einen gewaltsamen Tod.
Natürlich dient dies vor allem dazu, von vornherein klarzustellen, dass die Terranische Föderation eine blutige Diktatur ist. Doch auch dieses Element der Story besitzt seinen quasi-realistischen Zug. Eine Woche vor der Erstausstrahlung von The Way Back war Star Wars in den britischen Kinos angelaufen, und es macht durchaus Sinn die beiden miteinander zu vergleichen. Schließlich geht es auch in George Lucas' Sterenenkriegerepos um die Rebellion gegen eine unmenschliche Tyrannei. Doch sein Werk ist ist ganz vom leicht märchenhaften Geist der alten Pulps und Serials durchtränkt. Sein Galaktisches Imperium ist deshalb im wahrsten Sinne des Wortes eine Ausgeburt des Bösen. Nicht so die Terranische Föderation in Blake's 7. Wie in späteren Folgen noch deutlicher werden wird, trägt sie äußerlich die Züge einer bürgerlichen Demokratie, auch wenn sie in Wahrheit längst zu einem faschistischen Regime geworden ist. Vorerst allerdings noch zu einem Faschismus ohne Führerfigur. An ihrer Spitze steht nicht ein dunkler Herrscher im Kapuzenmantel, sondern ein Klüngel intriganter Politiker und Bürokraten.
Trotz aller SciFi - Elemente wie "Gehirnwäsche" und "implantierte Erinnerungen" wirkt das Schicksal Blakes deshalb auch sehr viel realitätsnäher als alles, was sich im Star Wars - Universum abspielen würde. Die "öffentliche Selbstkritik", das "Abschwören falscher Ideen" durch Oppositionelle und Dissidenten gehörte z.B. zum Alltag in den stalinistischen Regimen. Und die Idee, den Ruf einer politisch unliebsamen Person zu zerstören, indem man ihr sexuelle Vergehen unterstellt, ist gleichfalls eine altbekannte Taktik. Emotional extrem aufgeladene Themen wie Kindesmissbrauch eignen sich vorzüglich dazu, die öffentliche Meinung zu manipulieren.
Diese quasi-realistische Herangehensweise zeigt sich auch darin, dass keineswegs alle Vertreter des herrschenden Regimes ausgemachte Bösewichter sein müssen. Viele von ihnen sind vermutlich bloß naiv und gutgläubig wie Tel Varon. Sie sehen sich selbst nicht als Helfershelfer einer Diktatur, sondern erblicken in der Terranischen Föderation ganz einfach die "legitime Ordnung". Wir dürfen davon ausgehen, dass die Welt von Blake's 7 sehr viel mehr Grautöne aufweisen wird als ein Pulp-Universum des Star Wars - Typs.

Soviel für heute. Nächste Woche werden wir dann endgültig zu den Sternen aufbrechen, eine der faszinierendsten Charaktere der Serie kennenlernen und erstmals tatsächlich die Brücke der Liberator betreten.

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Samstag, 28. Januar 2017

Strandgut der Woche

Freitag, 27. Januar 2017

Die charmante Arroganz des Randolph Carter (II)

Als Jean-Paul Ouellette vier Jahre nachdem er The Unnamable (vgl. hier) in die Wildnis des VHS-Marktes entlassen hatte, daranging, ein Sequel zu seinem Flick zu drehen, scheint er ein ziemlich klares Bild davon gehabt zu haben, worin die Stärken seines Regiedebüts bestanden hatten. Dieser Eindruck stellt sich zumindest ein, wenn man sich The Return of the Unnamable aka The Unnamable II: The Statement of Randolph Carter anschaut. Mark Kinsey Stephenson war wenn schon nicht der Protagonist, so doch auf jedenfall der eigentliche Star des ersten Films gewesen. Dementsprechend rückt sein Randolph Carter nun ganz ins Zentrum der Handlung. Dieselbige erhält zugleich einen noch deutlicher selbstironischen Ton, ohne dass der Streifen deshalb gänzlich ins Genre der Horrorkomödie überwechseln würde. Gewürzt wird das Ganze mit einer Reihe neckisch geekiger Anspielungen auf Lovecrafts Cthulhu-Mythos. Ein schmackhaftes Gericht? Kosten wir mal.



Ungefähr das erste Drittel des Films mundet in der Tat ausgezeichnet.

Die Handlung beginnt vor dem Winthrop-Haus, am Morgen nach den Ereignissen von The Unnamable. Die Polizei schafft die grausig verstümmelten Leichen der Studenten & Studentinnen fort. Tanya befindet sich in einem Schockzustand und wird rasch ins nächste Krankenhaus {und aus der Handlung hinaus} befördert. Randolph Carter derweil benutzt seinen verletzten Freund Howard, der gleichfalls abtransportiert werden soll, als unwilligen Kurier, um das Necronomicon unter den Nasen der Cops fortzuschmuggeln. Zugleich deutet ein kurzer Wortwechsel zwischen Sheriff und Gerichtsmediziner darauf hin, dass Arkhams Autoriäten sehr viel mehr über die übernatürlichen Mächte wissen, die in Stadt und Umland ihr Unwesen treiben, als sie öffentlich zugeben wollen. Dabei fällt ganz nebenbei auch der Name Dunwich.
Als Carter in seiner unnachahmlich selbstherrlichen Art in das Büro des Direktors der Miskatonic University marschiert und diesen auffordert, die Allgemeinheit über die Existenz der sie umgebenden übernatürlichen Bedrohungen aufzuklären, erhält er eine harsche Abfuhr. Erstens habe Carter keine handfesten Beweise für seine Behauptungen und zweitens sei Arkham schon immer ein verfluchter Flecken Erde gewesen, woran niemand etwas ändern könne. Aber so schnell lässt sich unser Held natürlich nicht entmutigen. Nachdem er ein wenig im Necronomicon herumgestöbert hat, macht er sich daran, die Hilfe des Folkloristik-Professors Warren (John Rhys-Davies) zu rekrutieren. Was sich als gar nicht so schwierig erweist, denn kaum legt er ihm sein Fundstück vor, bei dem es sich um Cotton Mathers verloren geglaubtes Exemplar des Verbotenen Buches handelt, ist der leidenschaftliche Gelehrte auch schon Feuer und Flamme. Nicht ganz so begeistert ist der arme Howard (Charles Klausmeyer), der als zusätzliche Hilfskraft mitgeschleppt wird. Wenigstens nötigt man ihn nicht dazu, zusammen mit Carter und dem Professor in die Tunnel unter dem Winthrop-Anwesen hinabzuklettern. Seine Aufgabe ist es vielmehr, die Stellung am Eingang der Katakombe zu halten und in regelmäßigen Abständen via Funk einen Lagebericht seines Freundes entgegegnzunehmen. {Das ist übrigens der einzige Punkt in der Story, der irgendwie an Lovecrafts The Statement of Randolph Carter erinnert}.
Nach einigem Rumgekrieche erreichen unsere wackeren Forscher eine Kaverne, in der sie auf eine vorzeitliche Stele mit einer Runeninschrift "in der Sprache von R'lyeh" und das immer noch von dem "Baumzauber" aus dem ersten Teil gefangen gehaltene Monstrum stoßen. Ad hoc entwickeln sie eine auf Okkultismus und Quantenmechanik basierende Theorie, derzufolge die Kreatur aus einer Art Verschmelzungsprozess zwischen Winthrops Tochter und einem andersweltlichen Dämon hervorgegangen ist. Sich darauf stützend machen sie sich daran, die beiden Hälften mit Hilfe von einer Spritze Insulin und einigen Zuckerwürfeln voneinander zu trennen. Und tatsächlich -- wenig später sehen sie sich der sehr hübschen und sehr nackten {und nicht zu vergessen perfekt geschminkten} Alyda (Maria Ford) gegenüber. Dumm bloß, dass sie damit auch den Dämon wieder freigesetzt haben ...

Bis hierhin hat mir The Unnamable II wirklich einen Heidenspaß gemacht.
Randolph Carter ist ganz sein unwiderstehliches, charmant-arrogantes Selbst aus Teil 1, und mit Professor Warren bekommt er einen prima Partner an die Seite gestellt. Zwischen Stephenson und Rhys-Davies herrscht eine gute Chemie und zusammen geben die beiden ein äußerst charmantes Okkult-Forscher-Duo ab – zwei enthusiastische Cthulhu-Nerds auf Abenteuer. Dazu passt auch der Ton, in dem die Anspielungen auf Lovecrafts Werk gehalten sind. Und von diesen enthält der Flick erstaunlich viele, obwohl er noch weniger mit seiner literarischen Quelle zu tun hat als sein Vorgänger. Ein paar Beispiele: Wie erwähnt wird angedeutet, dass sich im Universum dieses Films die Ereignisse von The Dunwich Horror abgespielt haben. Die Idee, dass die von Carter gefundene Abschrift des Necronomicon einst Cotton Mather gehört habe, verweist auf Lovecrafts Kurzgeschichte The Unnamable zurück, in der der puritanische Chronist nicht nur namentlich erwähnt wird, sondern die auch von einer Passage aus dessen Magnalia Christi Americana inspiriert wurde. Wie selbstverständlich palavern Carter und Prof. Warren über Cthulhu, R'lyeh und andere vorzeitliche Schrecken. Und die von ihnen postulierte Beziehung zwischen Okkutlismus und Quantenmechanik greift ein Motiv auf, das sich wohl am deutlichsten in Dreams in the Witch-House findet.
Keine dieser Anspielungen macht The Unnamable II zu einem "lovecraftianischen" Film, weder in motivischer noch atmosphärischer Hinsicht. Vielmehr wirken sie wie die augenzwinkernd vorgetragenen Inider-Witze einiger Cthulhu-Fans, die bei Lovecraft weniger an kosmisches Grauen als vielmehr an vergnügliche Call of Cthulhu - Rollenspielabende denken. Doch um ehrlich zu sein, gerade diese humorvoll-lockere Herangehensweise hat auf mich ziemlich sympathisch gewirkt. Der Streifen besitzt eine Art geekigen Charme. Später findet sich gar eine Szene, in der Alyda Carter die korrekte Auspruche des Namens "Cthulhu" beibringt! Einfach großartig! – ist das doch seit Jahrzehnten eine der heftigst diskutierten Fragen im Lovecraft-Fandom!

Leider jedoch verliert The Unnamable II nach der "Befreiung" Alydas und der gleichzeitigen Entfesselung des Dämons viel von seinem anfänglichen Charme.
Der erste Schlag ist das tragische Ausscheiden von Professor Warren. Gut denkbar, dass man sich John Rhys-Davies nur für ein paar Drehtage leisten konnte, und sein Charakter deshalb als erster in den Orkus wandern musste, doch was auch immer die Gründe gewesen sein mögen, der Film verliert damit einen seiner charismatischsten Akteure.
Zugleich nimmt der Plot für den Rest des Streifens die gänzlich unoriginelle Form einer extrem in die Länge gezogenen Verfolgungsjagd zwischen Carter + Kumpels und dem Ungeheuer an, die in regelmäßigen Abständen von dem einen oder anderen Todesfall unterbrochen wird. Dabei hilft es auch nicht gerade, dass der nunmehr von Julie Strain gespielten Kreatur jene gruselige Grazie fehlt, die einen wichtigen Teil ihrer Ausstrahlung im ersten Teil ausmachte.
Mit Abstand am irritierendsten ist jedoch die Figur der Alyda.
Schaffen wir erst einmal das Positive aus dem Weg. Wenn ein VHS-Horrorfilm dieser Ära die Gestalt einer unbekleideten Frau in die Handlung einführt, erwartet man eigentlich, dass diese auf jede nur erdenkliche Weise sexualisiert würde. Erstaunlicherweise geschieht dies jedoch nicht – von einer etwas peinlichen Szene, in der sie sich "erotisch" auf Carters Bett herumwälzt, einmal abgesehen. Selbst die Sequenz, in der unsere Helden Alyda unbemerkt in das Wohnheim zu schmuggeln versuchen {was selbstredend misslingt}, läuft nicht darauf hinaus, dass sie von einer Bande hormonell überlasteter Studenten angeglotzt wird. Was diese sehr viel mehr in Aufregung versetzt, ist der Umstand, dass ausgerechnet Carter mit einem nackten Mädchen im Schlepptau hier aufkreuzt. Wer hätte gedacht, dass der ein Sexleben haben könnte!
Was Alyda im weiteren Verlauf der Handlung dann trotzdem zu einer äußerst problematischen Figur macht, ist ihre Beziehung zu Carter. Einerseits entspricht sie ganz dem Typus des "feral girl" – sie kann zu Anfang kaum sprechen, versteht nicht, warum sie Kleidung tragen sollte, und befindet sich ganz allgemein auf dem intellektuellen und emotionalen Niveau eines Kleinkindes. Zugleich jedoch will der Film uns unbedingt mit einer Art aufblühenden Liebesgeschichte zwischen ihr und Carter beglücken. Das Ergebnis ist, wie nicht anders zu erwarten, extrem creepy.
Ich verstehe ja, dass Carter – nun, da er der echte Protagonist geworden ist – nach den Regeln des Genres ein "love interest" braucht. {Nicht dass dich diese Regeln unbedingt gut fände ...} Doch muss es sich dabei ausgerechnet um eine Art Kindfrau handeln, die ihn anfangs als eine Vaterfigur anhimmelt und deren Dialog zu gefühlten 50% aus verliebt-ekstatischen "Carter" - Seufzern besteht? Wie cool wäre es z.B. gewesen, hätte man ihm eine Art weiblicher Version seiner selbst an die Seite gestellt – genauso intelligent, selbstbewusst, eingebildet und okkultismusbesessen wie er. Ich könnte mir Mark Kinsey Stephenson sehr gut in einer Mixtur aus Screwball Comedy und Horror vorstellen. Aber nein ...
Recht neckisch fand ich allerdings, dass Carter Alydas Gefühle erst dann erwiedert, als er realisiert, dass sie über ein enzyklopädisches okkultes Wissen verfügt. Mit anderen Worten – er verliebt sich nicht in sie als Person, sondern in sie als wandelnde Okkultismus-Bibliothek. Das passt wenigstens zu seinem Charakter ...
Doch da wir gerade dabei sind: Leider verliert auch Carter im weiteren Verlauf der Geschichte viel von seinem alten Charme. Was nicht verwunderlich ist, schließlich sind die blutigen Ereignisse nach der Befreiung des Dämons eine direkte Folge seiner Hybris. Und wir können eigentlich nicht wollen, dass ihm diese Lektion erteilt wird. Ein bescheiden gewordener Carter ist ein langweilig gewordener Carter!

Viel mehr fällt mir zu The Unnamable II  nicht ein. Bloß noch, dass der Film mit einer sehr hübschen Szene am Kaminfeuer ausklingt, die die immer schon vorhandene Ähnlichkeit zwischen Carter / Howard und Holmes / Watson noch einmal auf charmante Weise betont. Ein gelungenes Ende für einen leider nicht ganz so gelungenen Film.