"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Donnerstag, 31. März 2016

Ein Blick zurück auf Shannara

Es war das Jahr 1965, als The Lord of the Rings seinen Triumphzug auf dem amerikanischen Büchermarkt antrat. Tolkiens Werk war zwar schon seit einem Jahrzehnt in gebundener Form in den USA erhältlich gewesen, doch erst als Ace Books eine erste Taschenbuchausgabe herausbrachte, geriet die Lawine ins Rollen. Bei selbiger handelte es sich freilich um eine Art "Raubkopie", weshalb Ballantine Books rasch mit einer "autorisierten" Fassung nachlegte, die den unter der Piratenflagge operierenden Konkurrenten schon bald aus dem Feld schlug. Vor allem, da Tolkien seine inzwischen ziemlich zahlreichen Kontakte im Fandom nutzte, um das Verhalten von Ace Books anzuprangern und für die Ballantine - Ausgabe zu werben. Ace kapitulierte schließlich und erklärte sich bereit, dem Autor einen Gewinnanteil zu bezahlen und nach dem Ausverkauf ihrer Lagerbestände auf einen Nachdruck zu verzichten.
Ein Vertrag wurde unterzeichnet, und "der Krieg um Mittelerde", wie ein Journalist es getauft hatte, ging zu Ende. Doch die wichtigste Folge kam erst noch: Der Streit hatte beträchtliches Aufsehen erregt, und Tolkiens Name und die Titel seiner Bücher waren dabei in Amerika weithin bekannt geworden. Von der Ace-Ausgabe des Herrn der Ringe waren 1965 annähernd einhunderttausend Taschenbücher verkauft worden, doch diese Zahl wurde von der "autorisierten" Ausgabe, die schnell die Millionengrenze erreichte, bald überholt.*   
Es dauerte nicht lange und der "Tolkien-Kult" trieb in den Vereinigten Staaten vor allem unter Studenten immer wildere Blüten, was "den Professor" übrigens eher irritierte.

Kein Wunder, dass man bei Ballantine schon bald darüber nachdachte, wie man den Erfolg des Lord of the Rings wiederholen könnte. 1967 veröffentlichte man E.R. Eddisons The Worm Ouroboros, 1968 Mervyn Peakes Gormenghast, und 1969 schließlich begann der Verlag seine berühmte Ballantine Adult Fantasy - Serie herauszugeben. Aber auch wenn dem Lesepublikum damit eine ganze Reihe vorzüglicher Werke der Phantastik von so großen Autoren & Autorinnen wie Poul Anderson, Peter S. Beagle, William Beckford, James Branch Cabell, Joy Chant, Lord Dunsany, William Hope Hodgson, David Lindsay, H.P. Lovecraft, George MacDonald, Arthur Machen, Hope Mirrlees, William Morris, Clark Ashton Smith und Evangeline Walton (erneut) zugänglich gemacht wurden, wollte sich das Tolkien-Phänomen einfach nicht wiederholen. Die Serie blieb alles in allem ein Verlustgeschäft und wurde nach der Übernahme durch Random House 1974 eingestellt. 

Trotz des gewaltigen  Erfolgs von The Lord of the Rings gehörte die Vorherrschaft über die amerikanische Fantasy für ein gutes Jahrzehnt nicht den Erben des "Professors", sondern den Vertretern der Sword & Sorcery. 
Die ersten Bücher der post-tolkienschen Ära, die wir heute vielleicht der High Fantasy zuordnen würden, galten zu ihrer Zeit als Kinder- oder Jugendliteratur: Lloyd Alexanders Prydain - Zyklus (1964-68), Ursula K. Le Guins Earthsea - Trilogie (1968-72), und wohl auch Joy Chants bei Ballantine erschienener Roman Red Moon and Black Mountain (1970).** 
Als eines der ersten zaghaften Anzeichen für eine Veränderung dessen könnte man möglicherweise die Veröffentlichung von Patricia A. McKillips The Riddle-Master of Hed durch Atheneum Books im Jahre 1976 ansehen. Die drei Jahre später abgeschlossene Riddle Master - Trilogie stand ohne Zweifel in der tolkienschen Tradition, wurde aber nicht als Lektüre für junge Leser & Leserinnen verkauft. 
Leider jedoch war es nicht McKillips wundervoll poetische, intelligente und sogar leicht subversive Interpretation der High Fantasy, die diesem Subgenre den Weg zum Erfolg ebnen sollte, sondern eines der wohl schamlosesten Tolkien - Rip-offs, das jemals das Licht der Bücherwelt erblickt hat: Terry Brooks' The Sword of Shannara.

Als Lester del Rey Mitte der 70er Jahre im Auftrag von Random House die Leitung der Phantastik-Abteilung von Ballantine Books übernahm, war es sein erklärtes Ziel, eine Art LotR Lite zu kreieren – ein Buch, das sich eng an der tolkienschen Vorlage orientieren, dabei jedoch leicht zugänglich und "marketable" sein sollte. Den Grundstoff dafür brachte er in Gestalt von Terry Brooks' ursprünglichem Manuskript mit. Um die {leider nicht mehr im Netz abrufbaren} "Author Notes" zu zitieren: 
[I]n November of 1974 a letter arrived from Lester del Rey. Lester was about to be hired as Fantasy Editor at Ballantine and would accept the book if I was willing to do revision work, some of it extensive. 
Brooks war mehr als bereit, auf dieses Angebot einzugehen, und so machten sich Lester und Judy-Lynn del Rey daran, The Sword of Shannara in jenes maßgeschneiderte Fantasybuch zu verwandeln, das ihnen vorschwebte. Nicht nur verliehen sie der Story einen noch stromlinienförmigeren Charakter, die beiden sorgten auch dafür, dass das Design genau darauf abgestimmt wurde, dem angepeilten Zielpublikum den Eindruck zu vermitteln, eine Art zweiten Lord of the Rings angeboten zu bekommen. Dazu engagierten sie die Brüder Greg und Tim Hildebrandt. Wie Greg in einem Interview erzählt hat:
[T]he Del Reys called us because we already had a large fandom with our success with the Lord of the Rings calendars. They knew this would aid the sales of the book. They were the editors on our Lord of the Rings calendars in 1976, 1977 and 1978.
Vieles an der Veröffentlichung von The Sword of Shannara im Jahre 1977 erinnert an die Methoden, die sich zur selben Zeit mit der Entwicklung des Blockbuster - Formats in der amerikanischen Filmindustrie durchzusetzen begannen. Der Erfolg war durchschlagend. Schon im ersten Monat wurden 125.000 Exemplare verkauft, und als erstem Fantasyroman überhaupt gelang dem Buch schließlich der Einzug in die Bestseller - Liste der New York Times.

Zwar erschien parallel zu The Sword of Shannara auch der erste Band von Stephen R. Donaldsons Thomas Covenant, doch kann wohl kaum ein Zweifel daran bestehen, dass es in erster Linie der gewaltige finanzielle Erfolg von Brooks' Roman war, der die wenige Jahre später einsetztende Welle der tolkienesken High Fantasy einleitete, welche für mehr als ein Jahrzehnt das Genre dominieren sollte: ab 1982 Raymond Feists Midkemia & David Eddings' Belgariad; ab 1984 Guy Gavriel Kays Fionavar & Weis-Hickmans Dragonlance; ab 1985 Dennis L. McKiernans Mithgar; ab 1988: Tad Williams' Osten Ard und ab 1990 Robert Jordans Wheel of Time.
Für Terry Brooks selbst war The Sword of Shannara der Startpunkt für eine lange und erfolgreiche Schriftstellerkarriere. 1982 erschien das erste Sequel The Elfstones of Shannara, dem 1985 The Wishsong of Shannara folgte. Die drei Bücher wurden später zur Original Shannara Trilogy erklärt, der ersten von vielen solcher Trilogien. Daneben startete der Autor 1986 mit Magic Kingdom for Sale – SOLD seine zweite, in ihrem Umfang sehr viel bescheidenere Fantasyserie – den eher humoristischen {und zumindest am Anfang ein klein wenig autobiographischen} Landover - Zyklus.

Doch beenden wir jetzt unseren kleinen Ausflug in die Geschichte der Fantasyliteratur. 
Vor einigen Wochen kam es zu folgendem, etwas merkwürdigen Ereignis: Aus Gründen, die mir selbst nicht ganz klar sind, kramte ich plötzlich meine alte dreiteilige Goldmann-Ausgabe von Wishsong in der Übersetzung von Sylvia Brecht-Pukallus –  bestehend aus Das Zauberlied/Der König/Die Erlösung von Shannara*** – hervor und begab mich nach knapp drei Jahrzehnten einmal wieder selbst in die "Vier Länder".**** Vermutlich hatte die von MTV produzierte TV-Serie The Chronicles of Shannara meine Gedanken in diese Richtung wandern lassen. {Obwohl ich bisher noch keine einzige Folge davon gesehen habe}. Dass meine Wahl dabei auf Brooks' dritten Roman fiel, erklärt sich dadurch, dass mir dieser am positivsten in Erinnerung geblieben war. {Was nicht viel bedeuten muss, war ich bei meiner ersten Lektüre doch schätzungsweise vierzehn Jahre alt.}

Was mir zuallererst ins Auge stach, war die aus heutiger Sicht geradezu absurd generisch anmutende Art, mit der Brooks seinen Plot ins Rollen bringt: Kaum haben Wil und Eretria Ohmsford {zwei inzwischen glücklich verheiratete Protagonisten aus Elfstones} ihre Kinder Brin (♀) und Jair (♂) zusammen mit deren Freund Rone Leah im heimatlichen Shady Vale zurückgelassen, um eine mehrmonatige Heiler-Tour durch die benachbarten Dörfer zu unternehmen, da taucht auch schon der Druide Allanon – Brooks' Gandalf, der freilich etwas düsterer und verbitterter anmutet als sein Vorbild –– in dem kleinen Dorf auf und berichtet von einem erneuten Erwachen der finsteren Mächte, die einzig von der jungen Brin und der ihr eigenen magischen Fähigkeit des "Wünschlieds", welches die Wirklichkeit beliebig zu verändern vermag, niedergerungen werden könnten. 
So weit, so klischeehaft. Recht neckisch fand ich allerdings, dass Brooks sich offenbar bewusst war, wie repetitiv dies auf Leser & Leserinnen seiner Bücher inzwischen wirken musste. So lässt er Rone Leah an einer Stelle sagen:    
Es ist immer das gleiche. Er [Allanon] taucht unerwartet auf, warnt vor einer Gefahr, welche die Rassen bedroht und zu deren Ausräumung nur ein Mitglied der Familie Ohmsford beitragen kann. Denn die Ohmsfords sind die Erben des Elfenhauses von Shannara und der Zauberei, die damit zusammenhängt. Erst das Schwert von Shannara, dann die Elfensteine und jetzt das Wünschlied.*****
Und in gewisser Weise versucht Brooks sogar, diesem klischeehaften Anfang seiner Story einen leicht subversiven Dreh zu verleihen. Schon bald stellt sich nämlich heraus, dass Allanon falsch damit lag, nur Brin und Rone, nicht aber Jair, auf seinen Kreuzzzug gegen das Böse mitzunehmen.
Im Aufbau der Story führt dies freilich bloß dazu, dass wir zwei parallel verlaufende, aber gleicherweise traditionelle Questen erzählt bekommen. Der dummerweise zurückgelassene Jair, der erst von dem eigentlich ganz sympathischen Gnom Spinkser {im Original: Slanter} gefangen genommen, wenig später jedoch von Superkämpfer & Waffenmeister Garet Jax wieder befreit wird, erhält von dem mysteriösen "König vom Silberfluss" den Auftrag, gleichfalls in die von den finsteren "Mordgeistern"****** beherrschten Ostlande aufzubrechen, um seiner Schwester in ihrer finalen Konfrontation mit dem Ildatch, der buchförmigen Quelle aller Schwarzen Magie, beizustehen.
Nicht wirklich innovativ also. Aber auf einer Art "Meta-Ebene" besitzt diese Doppel-Questen-Struktur dennoch ihren Reiz. Als LotR - Rip-off verfügte The Sword of Shannara selbstverständlich auch über die klassische "Heldengruppe", bestehend aus Vertretern aller "guten/freien Völker", die gemeinsam gegen das Böse antreten. In Elfstones of Shannara hingegen sah das ganz anders aus. Dort konzentrierte sich die Story auf zwei, drei Charaktere {Will, Amberle, Eretria}, die nicht länger als die archetypischen Vertreter irgendwelcher Völkerschaften, sondern als echte Individuen dargestellt wurden.{So zumindest mein aus verschwommenen Erinnerungen und der Lektüre irgendwelcher Sekundär - Artikel zusammengesetzter Eindruck}. In Wishsong haben wir beides. Brins Handlungsstrang entspricht eher den Elfstones, denn obwohl auch sie im Laufe ihrer abenteuerlichen Reise einige Gefährten hinzugewinnt, handelt es sich bei diesen doch um recht exzentrische Gestalten. Jair hingegen wird mit einer geradezu archetypischen Heldengruppe, bestehend aus zwei Menschen (Garet Jax & Helt), einem Elf (Edain Elessedil), einem Zwerg (Elb Foraker) und einem Gnom (Spinkser/Slanter), ausgestattet.

Doch Moment  – so "archetypisch" ist Jairs Heldengruppe vielleicht dann doch nicht. Klar, Helt, Edain und Foreker sind bloße Klischeefiguren, aber zum einen hätten wir da den Waffenmeister Garet Jax, dem der ganze Kampf zwischen Gut und Böse letztlich völlig egal ist, und der Jair nur deshalb begleitetet, weil ihm in einer Vision versprochen wurde, dass er dabei endlich auf einen ihm ebenbürtigen Gegner stoßen werde. Und dann ist da natürlich Spinkser/Slanter.

In The Sword of Shannara spielten die Gnomen die Rolle der tolkienschen Orks. Zwar gab es auch dort schon einige "gute" Gnomen – die Heiler von Storlock –, doch bildeten diese eine vom Rest ihres Volkes deutlich abgegrenzte Gemeinschaft. Alle Gnomen, die nicht zu ihr gehörten, waren bloß hirnloses Kanonenfutter für den Dämonen-Lord. Das ändert sich mit Spinkser/Slanter.
In Tolkiens Universum galt ganz unironisch die Parole "Nur ein toter Ork ist ein guter Ork" Gegen diese Regel hatte Brooks zwar schon in The Sword of Shannara mit dem Troll Keltset verstoßen. Doch war dieser, so weit ich das beurteilen kann, letztenendes bloß ein Sidekick für den Glücksritter Panamon Creel gewesen. {Selbst eine recht "untolkiensche" Figur, die auf Brooks' große Liebe zu den klassischen Abenteuergeschichten von Walter Scott, Alexandre Dumas, Arthur Conan Doyle usw. zurückzuführen ist.} Der gnomische Fährtensucher in Wishsong hingegen ist ein völlig eigenständiger Charakter. Und obwohl er immer wieder lauthals erklärt, dass er eigentlich überhaupt nicht an dieser hirnverbrannten Queste teilnehmen will, erscheint er letztenendes doch als derjenige, dessen Zuneigung und Loyalität für Jair am natürlichsten und menschlichsten wirkt. Damit ist er die für mich einnehmendste Figur des Romans {und war das erstaunlicherweise auch schon vor 30 Jahren}
Freilich hat Brooks die Möglichkeiten, die sich mit der Figur von Spinkser eröffnet hätten, nur unzureichend ausgenutzt. Immerhin sieht sich der Fährtensucher gezwungen, gegen sein eigenes Volk zu kämpfen.Wie innerlich zerrissen muss Spinkser sein! Aber leider erfahren wir nichts von seinen Gewissensqualen. Nur in einer Kampfszene, ziemlich gegen Ende des Buches, wird zumindest kurz angedeutet, was sich im Kopf des Gnomen wohl abspielen mag: "Spinkser hielt sich dicht hinter  ihnen allen mit gezückten Langmessern und qualvollem Ausdruck in den schwarzen Augen."******** 
Auch scheint sich Brooks nicht der Problematik bewusst zu sein, die dadurch entstehen muss, dass einerseits einer unserer sympathischsten Charaktere ein Gnom ist, wir andererseits in "den Gnomen" als Volk/Rasse weiterhin  eine gesichtslose Masse von Bösewichtern sehen sollen, die von unseren Helden ohne viel Getue gleich im Dutzend niedergemetzelt werden.

Ein weiteres recht interessantes Element des jair'schen Handlundlungsstrangs ist, dass von der Heldengruppe kaum einer die Queste überlebt. Damit setzte Brooks etwas um, was er eigentlich schon für seinen Erstling geplant hatte. Damals freilich war es ihm nicht möglich gewesen, seine Vorstellungen gegen Lester del Rey durchzusetzen: "Del Rey coached Brooks at this point, advising that readers 'would not put up with having that many characters killed off.'"

Was Brins Teil der Geschichte betrifft, so hat er mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen. Einerseits ist es natürlich recht sympathisch, dass wir eine weibliche Hauptfigur besitzen. {Freilich ließe sich argumentieren, dass dies schon bei Elfstones mit Amberle der Fall war.} Doch vor allem im ersten Drittel des Buches bleibt sie äußerst blass. Auch bekommt sie mit Rone Leah einen männlichen "Beschützer" an die Seite gestellt, der von Allanon zu genau diesem Zweck auch noch mit einem magischen Schwert ausgestattet wird.
Allerdings muss man Terry Brooks zugestehen, dass er auch diesem Klischee zumindest ansatzweise einen leicht subversiven Dreh zu verleihen versucht. Rone will unbedingt ein Held wie sein berühmter Vorfahr Menion aus The Sword of Shannara sein. Entsprechend begeistert stürzt er sich in seine Rolle als Brins "Beschützer". Als ihm seine Wunderwaffe zwischenzeitlich abhanden kommt, scheint es ihm wichtiger zu sein, diese wieder in die Hände zu bekommen, als ihre gemeinsame Queste fortzuführen. Und auch wenn er im Laufe der Handlung ein paar Mordgeister ins Jenseits befördern darf, bleibt es ihm doch verwehrt, wirklich die Beschützerrolle für Brin zu spielen. Den entscheidenden Teil ihrer Queste tritt diese allein an.
Wie so oft in Wishsong lassen sich auch hier die Ansätze für einige recht interessante Ideen ausmachen, die von Brooks jedoch leider nicht konsequent weiterverfolgt werden.
Auch hinterlässt das große Finale, in dem Brin beinahe ihren wachsenden Allmachtsfantasien erliegt und nur durch ihren Bruder vor der Verwandlung in die nächste Dunkle Herrscherin bewahrt wird, einen zumindest zwiespältigen Eindruck. Im Grunde versucht Brooks hier bloß einmal mehr sein Lieblingsthema zu behandeln: "At the heart of every book I have written is the notion that absolute power corrupts absolutely". Doch leider Gottes existiert nun einmal das alte sexistische Klischee, dass Frauen mit all zu großer Macht nicht vernünftig umzugehen verstehen würden. Und auch wenn das sicher nicht Brooks' Absicht war, schrammt seine Geschichte am Ende doch gefährlich nah an selbigem vorbei.

Was beibt zu sagen? Terry Brooks mag der Initiator des High Fantasy - Booms der 80er Jahre gewesen sein, einer seiner interessantesten Vertreter war er ganz sicher nicht. Andererseits wäre es unfair, wollte man in ihm bloß den Tolkien-Plagiator sehen. Eine regelrechte Empfehlung für The Wishsong of Shannara auszusprechen, käme mir nicht in den Sinn. Doch ebensowenig kann ich das Buch guten Gewissens verdammen. Letztenendes ist es eine passabel geschriebene, streckenweise sogar ganz spannende Abenteuerstory mit der einen oder anderen ganz interessanten Idee. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.




* Humphrey Carpenter: J.R.R. Tolkien. Eine Biographie. S. 261.
** Ich habe vor einigen Jahren einmal einen kurzen Blogpost über Joy Chant veröffentlicht.
*** Ganz stimmt das ehrlich gesagt nicht. Schon vor ein paar Jahren habe ich mich mal an einem Re-read von Das Schwert von Shannara versucht, das Experiment jedoch nach einem Drittel des Buches abgebrochen. Was ich inzwischen fast ein wenig bedauere, scheinen sich die interessanter und orginelleren Bestandteile doch eher im letzten Drittel des Romanes zu befinden.
**** Amüsanterweise kommt kein König oder auch nur künftiger König in dem Buch vor ...
***** Terry Brooks: Das Zauberlied von Shannara. S. 58f.
****** Im englischen Original heißen die bösen Kuttenträger übrigens "Mord Wraiths". Ihr Name hat also nichts mit dem Killen von Leuten, sondern vermutlich eher etwas mit Tolkiens "Ringwraiths" zu tun.
******* Terry Brooks: Die Erlösung von Shannara. S. 110.

Sonntag, 27. März 2016

Strandgut der Woche

Mittwoch, 23. März 2016

Das Auge des Bösen

Die meisten Horrorfans werden bei Lucio Fulci vermutlich zuallererst an Zombi 2 aka Zombie Flesh Eaters (1979) – das erste der bald schon kaum mehr zu zählenden Pseudo-Sequels zu George A. Romeros Dawn of the Dead (1978)* – sowie an die sog. "Gates of Hell" - Trilogie denken müssen: Paura nella città dei morti viventi / City of the Living Dead (1980),  L'aldilà / The Beyond (1981) und Quella villa accanto al cimitero / The House by the Cemetery (1981).  
In späteren Jahren reagierte der Regisseur oft ziemlich ungehalten, wenn man diese Filme als den Höhepunkt seines Oeuvres darzustellen versuchte:
Massimo F. Lavagnini: Your golden time has been that of the famous trilogy started with Gates of Hell.
Fulci: (angry) I'm bored with all the critics who talk of a "Trilogy". I think my real golden time was in the early seventies, with Perversion Story, Don't Torture a Duckling ...
Nun käme es in der Tat einem Verbrechen gleich, wollte man über Fulcis berühmtesten Werken seine diesen vorangegangenen Arbeiten im Giallo-Genre vernachlässigen. Andererseits lässt sich kaum leugnen, dass er in der "Gates of Hell" - Trilogie seinem Ziel, einen "absoluten" Film "with all the horrors of our world", "a visual rendering of the metaphysical side of bad dreams" zu erschaffen, wohl am nächsten gekommen ist.
Bei seinem Versuch, der Essenz eines Alptraums filmische Gestalt zu verleihen, warf Fulci viele der üblichen erzählerischen Konventionen des Kinos über Bord. Auf viele Betrachter wirken die drei Filme deshalb zuerst einmal ziemlich verwirrend, und manch einer hat aus ihnen sogar den Schluss ziehen wollen, Fulci sei im Grunde ein schludrig arbeitender Hack-Meister gewesen, der die offensichtliche Absurdität seiner Scripts durch extreme Gore-Szenen zu überspielen versucht hätte. Doch eine solche Einschätzung würde dem Werk des großen Horror-Maestros wirklich nicht gerecht. In der Tat gehorchen die "Gates of Hell" - Filme keiner konventionellen erzählerischen Logik, weshalb der Plot nicht selten unsinnig, undurchsichtig oder widersprüchlich erscheint. Doch ist das kein Beleg filmerischer Inkompetenz, sondern ein bewusst eingesetztes künstlerisches Stilmittel. Fulci verfolgte in diesen Filmen nicht das Ziel, eine kohärente Geschichte zu erzählen. Wie er selbst über The Beyond gesagt hat: "It's a plotless film: a house, people, and dead men coming from The Beyond. There's no logic to it, just a succession of images." Diese Szenen und Bilder fügen sich zwar nicht zu einer stringenten Story, dafür aber zu einer extrem verstörenden und sinnlich überwältigenden Alptraumvision zusammen.** Ihre scheinbare Inkohärenz ist Teil des traumartigen, andersweltlichen Charakters der Filme. Bei allem Gore besteht die "Gates of Hell" - Trilogie nicht aus Horrorflicks im herkömmlichen Sinne, sie ist ein surrealistisches Triptychon des Grauens.
Diese Technik birgt natürlich gewisse Risiken. Wenn ein auf diese Weise konstruierter Film nicht die nötige Intensität besitzt, um die einzelnen Szenen gewissermaßen zu einer größeren Vision zu verschmelzen, droht er in seine Einzelteile zu zerfallen, die dann in der Tat bloß noch inkohärent und unsinnig wirken müssen.
Ein gutes Beispiel dafür ist meiner Meinung nach Fulcis Manhattan Baby aus dem Jahre 1982.


Die Versatzstücke, aus denen Fulci seinen Film zusammengebaut hat, sind altbekannt: Ein fluchbeladenes ägyptisches Grab, das unvorsichtigerweise von dem amerikanischen Archäologen George Hacker (Christopher Connelly) geöffnet und betreten wird, was diesem zumindest für einige Zeit das Augenlicht kostet. Ein ebenso fluchbeladenes Amulett, das Hackers Tochter Susie (Brigitta Boccoli) von einer mysteriösen blinden Frau erhält. Die Verwandlung von Susie und ihrem kleinen Bruder Tommy (Giovanni Frezza) in von Dämonen besessene "creepy kids", die nicht nur Au-pair - Mädchen Jamie Lee (Cinzia de Ponti) terrorisieren, sondern offenbar auch nächtliche Ausflüge in eine andere Dimension unternehmen. Ein exzentrischer Antiquitätenhändler und Okkultist (Cosimo Cinieri), der zuguterletzt eine Art Exorzismus an Susie durchführt.
Wie gesagt, nichts hiervon ist wirklich neu, und dem Film ist verschiedentlich vorgeworfen worden, motivisch gleich mehrere erfolgreiche amerikanische Horrorstreifen wie Rosemary's Baby, The Exorcist und Poltergeist geplündert zu haben. Doch ehrlich gesagt, habe ich damit keinerlei Probleme. Für mich ist die Frage bloß: Hat Lucio Fulci aus diesen Elementen etwas interessantes und eigenständiges kreiert? Und ich muss zugeben, dass ich mir da nicht so sicher bin.
Der Film trägt ohne Zweifel die Handschrift des großen Auteurs. So erreicht z.B. Fulcis legendärer Augen-Fetischismus in Manhattan Baby ganz neue Dimensionen. Der gesamte Streifen ist von ihm durchtränkt. Angefangen bei den milchig weißen Augen der blinden Frau, die Susie das Amulett gibt, über Hackers zeitweilige Erblindung, die noch dadurch besonders hervorgehoben wird, dass der Mann bizarrerweise seine Brille über den mit Binden verdeckten Augen trägt, bis hin zu unzähligen Close-ups der Augenpartien aller beteiligten Schauspieler und Schauspielerinnen. Und natürlich besitzt das "Amulett des Bösen" selbst die Form eines Auges.
Ich habe die große Rolle, die das Augenmotiv in Fulcis Filmen spielt, immer im Zusammenhang damit gesehen, dass seine Werke vor allem auf einer sinnlich-unmittelbaren Ebene operieren. Nicht ohne Grund habe ich in Bezug auf die "Gates of Hell" - Trilogie von "Visionen" gesprochen. Und tatsächlich enthält auch Manhattan Baby einige wirklich großartige, faszinierende und verstörende Szenen. So ist z.B. ein Gutteil der in Ägypten spielenden Anfangssequenz wirklich exzellent, vor allem, wenn es um Susie geht. Und auch später finden sich immer wieder Szenen, die erfüllt sind von einer beunruhigenden Atmosphäre des Bösen, der Bedrohung durch finstere, unerklärliche Mächte. Doch zumindest für mich reichten diese letztlich nicht aus, um den Streifen als Ganzes auf jene visionäre Ebene zu heben, die Fulcis beste Filme zu echten Meisterwerken des phantastischen Kinos macht.
Aus diesem Grund hatte ich bei Manhattan Baby auch sehr viel größere Probleme mit dem inkohärenten und widersprüchlichen Charakter des Plots. Freilich erreichte meine Irritation nie den Grad, an dem sie in offene Frustration umgeschlagen wäre. Auch wenn ich anders als bei der "Gates of Hell" - Trilogie nicht bereit war, über die mangelnde Logik der Story hinwegzusehen, konnte ich doch spüren, dass viele der scheinbaren Widersinnigkeiten des Plots einem Zweck dienen: Dem Heraufbeschwören einer Atmosphäre des Bösen, vor dem es kein Entrinnen gibt. Einmal mehr verleiht Fulci hier seinem tief empfundenen und gänzlich hoffnungslosen Pessimismus Ausdruck. Und ja, die mangelnde erzählerische Logik spielt dabei eine wichtige Rolle. So etwa, wenn Susies Exorzismus mit einer Szene parallelisiert wird, in der wir ihren offensichtlich nach wie vor besessenen Bruder sehen, der in seinem Zimmer sitzt, während der mumifizierte Arm der zuvor verschwundenen Jamie Lee durch die Wand bricht. Auf einer rein logischen Ebene macht schon Tommys Besessenheit keinen Sinn, noch viel weniger das Auftauchen des untoten Au pair - Mädchens. Dennoch funktioniert die Szene sehr gut, vermittelt sie uns doch das Gefühl, dass das Böse nicht an das Amulett und damit an Susie gebunden, sondern schier allgegenwärtig ist.
Nicht unerwähnt bleiben darf auch die von dem großen Fabio Frizzi komponierte Musik, die einen wichtigen Beitrag zur Atmosphäre des Filmes leistet.

 
Aber selbst hier war mein Genuss nicht frei von gewissen Irritationen, sind einige Szenen des Films doch mit Stücken aus Frizzis grandiosem Soundtrack für The Beyond unterlegt, was den Eindruck erweckt, als habe es dem Komponisten entweder an Zeit oder an Inspiration gemangelt. 

Alles in allem würde ich Manhattan Baby als eine Art "noble failure" bezeichnen. Ganz sicher nicht der Film, den ich als Einstieg in Lucio Fulcis Oeuvre empfehlen würde. Andererseits besitzt er ohne Zweifel einige recht interessante Momente. Und hey, selbst ein echter Meister kann nicht immer Meisterwerke erschaffen.                                                                                                                                                                      

* Die von Dario Argento neu geschnittene und mit dem vollständigen Goblin - Soundtrack versehene italienische Fassung von Romeros Klassiker trug den Titel Zombi - L'alba dei morti viventi, daher Zombi 2, obwohl Fulcis Film, der selbst ein unbestrittener Klassiker des Zombiekinos ist, inhaltlich rein gar nichts mit Romeros Werk zu tun hat.
** Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt bei den ersten beiden Filmen in diesem Zusammenhang natürlich auch die großartige Musik von Fabio Frizzi: City of the Living Dead * The Beyond.

Samstag, 19. März 2016

Strandgut der Woche

Samstag, 12. März 2016

Strandgut der Woche

Donnerstag, 10. März 2016

Kontaminiert

Die ländliche Gemeinde kann im phantastischen Film – und nicht nur dort – sehr unterschiedliches repräsentieren.
Da wir traditionell dazu neigen, das Dorf mit Rückständigkeit und Primitivität zu assoziieren, in ihm eine Art Überbleibsel historisch überlebter Gesellschäftszustände zu sehen, verwundert es nicht, dass es oft als Refugium vorzeitlicher Schrecken, alter Kulte, monströser Kreaturen usw. dargestellt wird.
Doch daneben lassen sich vor allem in der britischen Filmphantastik der 50er bis 70er Jahre auch ganz andere Tendenzen ausmachen. Dort kann das Dorf mitunter zur Vertreterin einer kommunalen Gemeinschaft werden, die durch das Eindringen von Industrie, Militär, staatlicher Bürokratie etc. bedroht wird.
Im ersten Fall wird das Grauen also mit einem Fortleben vormoderner Elemente verknüpft, im zweiten entspringt es selbst der Moderne. {Und hat bei britischen Produktionen natürlich auch sehr viel mit den gesellschaftlichen Entwicklungen jener Zeit zu tun.*}
So gesehen könnte man meinen, die zweite Variante sei im Kern konservativ, wenn nicht gar reaktionär. Doch dem muss nicht so sein. Sie läuft nicht automatisch auf eine Idealisierung der "guten, alten Zeit" hinaus. Schließlich können die Entwicklungen, die man unter dem verschwommenen Begriff "Moderne" zusammenfasst, nicht in allen Punkten vorbehaltlos als "positiv" bezeichnet werden. Auich wenn sie im Ganzen den historischen Fortschritt verkörpern, besitzen sie doch auch ihre zerstörerische Seite. Und sich mit dieser kritisch auseinanderzusetzen ist durchaus lohnenswert, wenn dabei eine unangemessene Schönfärberei  älterer gesellschaftlicher Zustände vermieden wird.
Ein relativ frühes und meiner Meinung nach sehr gelungenes Beispiel für diese zweite Variante ist Nigel Kneales SciFi-Serie Quatermass II aus dem Jahre 1955, die ich vor Zeiten hier schon einmal etwas ausführlicher besprochen habe. Der inmitten der "grünen Hügel Englands" wie ein monströses Krebsgeschwür anmutende Fabrikkomplex, der sich am Ende als Brückenkopf einer außerirdischen Invasion entpuppt, gibt ein eindringliches Bild der zerstörerischen Kräfte der Moderne ab, während der örtliche Pub, in dem die offene Revolte gegen die Aliens beginnt, sehr hübsch die "kommunale Gemeinschaft" verkörpert. Freilich bleibt Kneale nicht bei dieser simplen Dichotomie stehen, präsentiert er uns mit seinem Helden Prof. Quatermass doch zugleich einen Vertreter des Besten, was die Moderne hervorgebracht hat – einen Mann, der zugleich wissenschaftliche Rationalität und echte Humanität verkörpert.

Wie dem auch sei, all dies Geschwafel hat keine andere Funktion als die, eine etwas überernste Einleitung für eine kurze Besprechung der BBC-Serie The Nightmare Man (1981) abzugeben, die ich mir kürzlich – angeregt von meiner Twitter-Bekannten Abigail – zu Gemüte geführt habe. 


Fans des klassischen Dotcor Who dürfte der Name Robert Holmes nicht ganz unbekannt sein, war dieser als Drehbuchautor und Script Editor bis 1978 doch eine der prägenden Kräfte in der Ära des Vierten Doktors Tom Baker. Der ehemalige Polizist und Reporter hatte Ende der 50er Jahre begonnen Drehbücher für Fernsehserien zu schreiben. Sein Einstieg in die Phantastik kam 1965 mit zwei Episoden für die ITV-Serie Undermind. Daneben lieferte er die Storyidee für den SciFi - B-Movie Invasion (1966), den mein guter Twitter-Kumpel NUTS4R2 hier besprochen hat. 1968 begann er für Doctor Who zu schreiben. Als er sechs Jahre später zusammen mit Produzent Philip Hinchcliffe die Kontrolle über die Serie übernahm, steuerten die beiden Doctor Who in Gefilde, die sehr viel düsterer und surrealer waren, als man das von den Abenteuern des Time Lords bis dahin gewohnt war. Wie Holmes selbst sich ausdrückte: "[T]he secret of good Doctor Who was to walk the line between 'Grand Guignol gothic horror on one side and Monty Python on the other'". Diese Herangehensweise rief allerdings schon sehr bald den Zorn der berüchtigten christlich-konservativen Aktivistin Mary Whitehouse** hervor, die alles daransetzte, den in ihren Augen perversen Machenschaften von Holmes und Hinchcliffe ein Ende zu bereiten. In wie weit ihre rastlosen Hetzkampagnen dazu beitrugen, dass Holmes 1977 schließlich den Hut nahm und sich für ein gutes halbes Jahrzehnt von Doctor Who trennte, sei dahingestellt. Auf jedenfall lehnte er das Angebot von Produzent David Maloney ab, als Script Editor für Blake's 7 zu arbeiten, da er sich offenbar ausgepowert fühlte. Holmes schrieb schließlich vier Drehbücher für die SciFi-Serie (S02E07: Killer; S02E11 Gambit; S04E03 Traitor; S04E11 Orbit). Ungefähr zur selben Zeit beauftragte ihn die BBC auch, das Script für eine TV-Adaption von David Wiltshires Roman Child of Vodyanoi anzufertigen, welche dann 1981 als vierteilige Fernsehserie unter dem Titel The Nightmare Man ausgestrahlt wurde. Die Regie führte dabei mit Douglas Camfield ein weiterer Doctor Who - Veteran.

Auf einer kleinen Insel vor der schottischen Küste gehen unheimliche Dinge vor sich. Ein bestialischer Killer, der seine Opfer beinah in Stücke reißt, treibt sein Unwesen. Schlimm genug, doch handelt es sich bei dem Täter überhaupt um einen Menschen? Die Bissspuren in einer der Leichen weisen in eine sehr viel mysteriösere Richtung, weisen sie nach Aussage des örtlichen Zahnarztes Michael Gaffkin (James Warwick) doch nur teilweise menschliche Charakteristika auf. Ähnlich verwirrend ist der Umstand, dass sich am Ort des Verbrechens eine erhöhte radioaktive Strahlung ausmachen lässt. Und hat einer der Inselbewohner nicht ungefähr zur selben Zeit eine angebliche UFO-Sichtung gemeldet? So schnell freilich ist Inspector Inskip (Maurice Roëves) nicht bereit, den Boden allgemein anerkannter Tatsachen zu verlassen und sich wilden Spekulationen über mordlüsterne Besucher aus dem All hinzugeben. Zumal an der vermeindlichen UFO-Absturzstelle bloß ein Fallschirm gefunden wird. Ohne Zweifel seltsam, aber sicher nicht außerirdisch. Als bald darauf ein geheimnisvolles, futuristisch anmutendes Gefährt an den Strand der Insel gespült wird, gerät allerdings auch er ins Grübeln. An einen außerirdischen Serienkiller will er freilich auch jetzt noch nicht glauben. Sehr viel verdächtiger erscheint ihm da der kurz vor dem ersten Mord auf der Insel angekommene Colonel Howard (Jonathan Newth). Handelt es sich bei den blutigen Ereignissen vielleicht um die Folgen irgendeines fehlgeschlagenen Experiments der Militärs?  

Die traurige Wahrheit gleich vorweg: The Nightmare Man erreicht zu keinem Zeitpunkt die Qualität der britischen TV-Phantastik der 70er Jahre. Schuld daran ist nicht nur das offenbar sehr kleine Budget, mit dem Camfield und sein Team auskommen mussten, sondern leider auch die Story. Man ist beinah versucht, anzunehmen, dass die "Auflösung" und das "große Finale" deshalb so überhastet in der zweiten Hälfte der vierten Episode abgehandelt werden, weil sie auch Holmes und Camfield zu abgeschmackt und unoriginell erschienen sind, um mehr als fünfzehn Minuten auf sie zu verschwenden.
Dennoch besitzt die Serie durchaus ihre interessanten Seiten.
Camfield nutzt die nebelverhangene Landschaft der Insel mit dem kleinen Dorf, den grasbewachsenen Hügeln und der Steilküste recht geschickt aus, um eine leicht gespenstische Atmosphäre heraufzubeschwören. Und auch wenn der Einsatz rot eingefärbter Monster-POVs während der Mordszenen sicher nicht der originellste Trick ist, erweist er sich doch als recht effektiv. Die schauspielerischen Leistungen sind alles in allem passabel, wenn auch kaum aufsehenserregend. Am ehesten noch sticht Maurice Roëves hervor, dessen Inspector Inskip die wohl charismatischste Figur der Serie ist – ein Mann, der tut, was zu tun ist, sich nie aus der Ruhe bringen lässt und dabei eine natürliche Autorität ausstrahlt, gewürzt mit einer kleinen Prise sarkastischen Humors. Im Vergleich zu ihm gibt der "offizielle" Held Michael Gaffkin eine recht blasse Erscheinung ab.***
Doch das nur nebenbei. Der eigentliche Grund, warum mir The Nightmare Man trotz seiner zweifellos vorhandenen Schwächen letztenendes recht gut gemundet hat, ist, dass man in ihm eine gar nicht so üble Version der oben beschriebenen zweiten Dorf-Variante im phantastischen Film sehen kann. Vorausgesetzt man ist bereit, die letzte Viertelstunde zu ignorieren. 
Die Insel repräsentiert ohne Frage eine jener traditionellen ländlichen Gemeinden, in denen jeder jeden kennt und "Fremde" erst einmal etwas misstrauisch beäugt werden. Dass Inskips rechte Hand, der ganz dem Typus des schnauzbärtigen Dorfpolizisten entspricht, immer mal wieder ins schottische Gälisch verfällt, unterstreicht dies in gewisser Weise. Der Inspektor selbst stammt aus Glasgow und gehört damit nicht 100%ig zu der Inselgemeinschaft. Doch immerhin ist er ein Schotte. Der wirkliche Außenseiter ist Gaffkin, handelt es sich bei ihm doch um einen "Sassenach", d.h. einen Eingländer. 
An der Beziehung zwischen ihm und der örtlichen Apothekerin Fiona Patterson (Celia Imrie) demonstriert die Serie den zweischneidigen Charakter der "Dorfgemeinschaft". Fiona hat eine Zeit lang auf dem Festland gelebt, ist jedoch auf die Insel zurückgekehrt, weil sie sich nur hier wirklich heimisch fühlt. Sie will das Gefühl der Geborgenheit, das ihr die Zugehörigkeit zur Inselgemeinde vermittelt, nicht missen. Als sich der ältliche Dr. Goudry (Tom Watson), der offenbar glaubt, die Rolle des Ersatzvaters für Fiona spielen zu müssen, in ihre Beziehung mit Michael einzumischen versucht, gefällt ihr das allerdings ganz und gar nicht. Hier zeigt das vermeindliche Idyll der Dorfgemeinschaft seine einengenden Seiten.
Doch trotz dieser Ambivalenz erscheint die ländliche Gemeinde in The Nightmare Man in erster Linie als etwas Positives, das von Kräften bedroht wird, die von außen in sie eindringen. Kräfte, die wir ohne große Schwierigkeit mit "der Moderne" {oder doch dem "modernen Staat"} identifizieren können: Das Militär und eine von selbigem oder anderen "Mächten" missbrauchte Wissenschaft. An einer Stelle ruft Fiona erschrocken aus: "Die ganze Insel könnte also kontaminiert worden sein?!" Im Kontext der Story ist damit natürlich die Gefahr der nuklearen Verstrahlung gemeint, doch scheint mir dabei zugleich eine symbolische Bedeutung mitzuschwingen. Die von außen kommenden Kräfte drohen die ländliche Gemeinde zu vergiften und schließlich zu zerstören.

Ich muss noch einmal betonen, dass diese Interpretation von The Nightmare Man durch die finale Wendung zwar nicht gänzlich negiert, aber doch stark abgeschwächt wird. So gesehen weiß ich nicht, ob ich eine Empfehlung für die Serie abgeben soll. Wer noch nicht mit der britischen TV-Phantastik vertraut ist, sollte ganz sicher nicht hier den Einstieg versuchen. Es gibt soviel bessere Beispiele aus den vorangegangenen Jahrzehnten. Andererseits spricht auch nichts wirklich dagegen, den Trip auf das schottische Eiland zu unternehmen, falls man für die nächsten zwei Stunden gerade nichts besseres zu tun hat.  
        



** Über die Umtriebe der guten Frau habe ich im letzten Beitrag zu meiner seit längerem leider auf Eis gelegten Nigel Kneale - Tour schon einmal etwas ausführlicher berichtet.
*** Amüsanterweise scheint David Wiltshire eine Vorliebe dafür zu haben, Zahnärzte zu Helden seiner Romane zu machen. Na ja, der gute Mann hat selbst mal in diesem Beruf gearbeitet ...

Samstag, 5. März 2016

Strandgut der Woche