"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 13. August 2014

Gedanken über den Russischen Symbolismus (I)

Wenn von den Wurzeln der Fantasy die Rede ist, so bleibt der Blick dabei in den meisten Fällen auf zwei Entwicklungsstränge innerhalb der angloamerikanischen Literatur beschränkt. Eine Linie verläuft dabei von den englischen Romantikern über ihre viktorianischen Nachfolger William Morris & George MacDonald zu Tolkien, die andere von den Abenteuergeschichten der frühen Pulps über Edgar Rice Burroughs & Harold Lamb zu Robert E. Howard. Bestenfalls werden dann noch die Namen solcher "Exoten" wie Lord Dunsany, David Lindsay und Eric Rücker Eddison eingestreut. Ganz unberechtigt ist eine solch eingeschränkte Sichtweise natürlich nicht, vorausgesetzt man versteht unter "Fantasy" ausschließlich die von Tolkien und Howard geprägten Subgenres der High Fantasy und der Sword & Sorcery. Doch eigentlich war die Fantasy schon immer sehr viel vielgestaltiger und heute dürfte es eigentlich niemandem, der sich ein bisschen eingehender mit dem Genre beschäftigt hat, noch möglich sein, selbiges auf diese beiden Spielarten {+ Urban Fantasy} zu reduzieren. 
Eine neuerliche Beschäftigung mit den Traditionen der phantastischen Kunst, abseits der ausgetretenen Pfade, scheint mir deshalb mehr denn je wünschenswert. Ein Bereich, der mir persönlich dabei besonders am Herzen liegt, ist die Décadence und der Symbolismus des Fin de Siècle. Zugegeben führt von dort kein direkter Weg zur modernen Fantasy, wenn man das Werk Clark Ashton Smiths einmal außen vor lässt. {Was man nicht tun sollte!} Dennoch existiert eine Verbindung zwischen der Décadence und Teilbereichen der Fantasy. Um Jeff VanderMeer zu zitieren: "I would say that the surreal and decadent have permeated the work of many contemporary authors, including such amazing writers as M. John Harrison and Rikki Ducornet. The work of China Miéville is clearly influenced by the surrealists and the decadents. [...] Harrison shamelessly (to his credit) stole from the Decadents for his Viriconium cycle. I would have done the same for my Ambergris cycle if I hadn’t come to the Decadents late in the game." (1) Unbedingt genannt werden muss in diesem Zusammenhang auch K.J. Bishop und ihr großartiger Roman The Etched City.

Um das von vornherein klarzustellen: Der folgende Essay wird sich nicht mit der Beziehung zwischen Décadence und moderner Fantasy beschäftigen. Ursprünglich war er Teil eines sehr viel umfangreicheren Werkes, das mit Literatur nur am Rande etwas zu tun hatte. Wenn ich ihn hier dennoch veröffentliche, so als eine Art überlanges Vorwort zu einer geplanten Besprechung von Waleri Brjussows Roman Der feurige Engel – einem der großen, aber wohl weitgehend in Vergessenheit geratenen Klassiker der phantastischen Literatur des Fin de Siècle, der meiner Meinung nach eine kleine Wiederauferstehung verdient hätte.
Was ich in diesem Essay über den russischen Symbolismus zu sagen habe, ist wenig freundlich. Manches würde ich heute vielleicht etwas diplomatischer ausdrücken. Im Kern jedoch halte ich die hier gegebene Einschätzung immer noch für richtig. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich diese literarische Strömung für unbedeutend oder samt & sonders für "reaktionär" {was auch immer das im Zusammenhang mit Kunst bedeuten mag} halten würde. Spätestens wenn ich mich Brjussows Roman zuwenden werde, sollte sich das etwas deutlicher zeigen.   


Wie ich vor gut einem Jahr schon einmal in einem Blogpost über den Maler Nikolai Roerich dargelegt habe, herrschte in großen Teilen von Russlands Intelligenzija an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine starke Faszination für allerlei mystische Heilsllehren – vom eher christlich geprägten "neuen religiösen Bewusstsein" Dimitri Mereschkowskis über das Rosenkreuzertum bis hin zur "indisch-asiatisch" angehauchten Theosophie von Madame Blavatsky {selbst Tochter eines russischen Generals}. Auch die allermeisten Vertreter und Vertreterinnen des Symbolismus im im Zarenreich waren der einen oder anderen Spielart des Mystizismus ergeben.

Für eine ausführlichere Auseinandersetzung mit den Inhalten der Theosophie oder des auf die "Sophiologie" Wladmir Solowjows zurückgehenden "neuen religiösen Bewusstseins" ist hier nicht der rechte Ort. Doch wenn man ein wenig in Madame Blavatskys Schriften herumblättert, wird man sehr schnell erkennen, dass für die theosophische Prophetin der philosophische Materialismus eine der hassenswertesten Inkarnationen des Bösen war. Der Kampf gegen ihn erschien ihr eine der wichtigsten Aufgaben der zum "spirituellen Leben" erwachten. Als sie im Jahre 1875 gemeinsam mit ihrem Freund Colonel Henry Steel Olcott in den USA die Theosophische Gesellschaft gründete, lautete der vierte Artikel ihres Gründungsprogramms: „To oppose materialism and theological dogmatism in every possible way, by demonstrating the existence of occult forces unknown to science, in nature, and the presence of psychic and spiritual powers in man".(2)
Der Kampf gegen die materialistische Philosophie zieht sich wie ein roter Faden durch das theosophische Schrifttum. Für die Verfechterin einer religiösen Heilslehre mag dies selbstverständlich erscheinen, doch bedenkt man, dass die Mutter der Theosophie vor ihrer Übersiedelung in die Vereinigten Statten den Großteil der 60er Jahre in ihrer russischen Heimat verbracht hatte, so erhält ihr antimaterialistischer Kreuzzug noch eine zusätzliche Nuance. In Russland nämlich war dieses Jahrzehnt eine Epoche der Aufklärung – Trotzki nannte es einmal „unser kurzes 18. Jahrhundert" (3) – und der Materialismus – sowohl in seiner naturwissenschaftlichen als auch in der Feuerbach’schen Form – bildete die Ideologie der Rasnotschinzen; jener jungen, deklassierten Intellektuellen, die sich daranmachten, gegen den Zarismus und die alte, auf der Basis der Leibeigenschaft erwachsene Gesellschaftsordnung zu rebellieren. Der neue Typus des atheistischen "Nihilisten" war geboren und  fand seine literarische Wiederspiegelung in Figuren wie dem jungen Mediziner Basarow in Turgenjews Väter und Söhne oder in Wera Pawlowna und den Studenten Lopuchow, Kirsanow und Rachmetow in Tschernyschewskis Was tun?. Die Wortführer der Rasnotschinzen, Russlands Aufklärer, die großen Publizisten und Literaturkritiker Tschernyschewski, Dobroljubow und Pissarew, waren allesamt Schüler Ludwig Feuerbachs. Ist es arg abwegig, Madame Blavatskys obsessiven Hass auf die materialistische Philosophie, die sie wie alle konservativen Denker mit Vulgarität und Egoismus gleichsetzte, vor diesem Hintergrund zu betrachten? 
Um so mysteriöser muss es dann allerdings erscheinen, dass die Nachkommen jener "neuen Menschen" der 60er Jahre sich vier Jahrzehnte später in Scharen der theosophischen Geheimlehre, dem Rosenkreuzertum, dem esoterischen Ordre Martiniste oder dem "neuen religiösen Bewusstsein" zuwandten. Zur Lösung dieses Rätsels müssen wir einen etwas .längeren Ausflug in die Entwicklungsgeschichte der russischen Intelligenzija unternehmen.

Der Rasnotschinze, der in den 50er/60er Jahren die Bühne der Geschichte betrat, war in gewisser Weise eine Frühgeburt. Hervorgegangen aus den neu gegründeten staatlichen Schulen fand er einen ihm gemäßen Platz weder im Staatsdienst noch in der russischen Wirtschaft, die noch viel zu unterentwickelt war, um eine so große Zahl von Kopfarbeitern in ihre Dienste nehmen zu können. Er stand außerhalb der sozialen Ordnung, war weder Bauer, noch Adeliger noch Kaufmann. Seine isolierte Stellung führte ihn dazu, die Theorie von der "kritisch denkenden Persönlichkeit" zu schaffen, derzufolge das aufgeklärte Individuum die entscheidende Rolle in der geschichtlichen Entwicklung spiele. Im Grunde war diese hochmütige Doktrin nur eine Kompensation für die eigene soziale Machtlosigkeit. Gleichzeitig brachte die Isolation den Intellektuellen dazu, sich selbst im Gegensatz zur herrschenden Ordnung zu definieren und sich zum Fürsprecher und Vorkämpfer des "Volkes" zu erklären, um auf diese Weise einen Platz im Leben und eine feste Grundlage für seine eigene Persönlichkeit zu finden. 
In den 70er Jahren zogen die jungen Idealisten die praktischen Konsequenzen aus ihren Überlegungen. Sie gingen scharenweise "ins Volk", um es aufzurütteln und dem großen Aufstand gegen den Absolutismus den Boden zu bereiten. Doch wer genau war dieses "Volk", dem die Rasnotschinzen dienen und das sie zugleich anführen wollten? Aufgrund der Rückständigkeit Russlands konnte es sich dabei nur um die große Masse der Bauernschaft handeln. Ein „Pugatschow mit Hochschulbildung"  (4) – was der französische Royalist Joseph de Maistre einst als Schreckgespenst an die Wand gemalt hatte, war in gewisser Weise der Wunschtraum der Rasnotschinzen. 
Doch wie die Geschichte immer wieder bewiesen hat, ist der Bauer nur unter der Führung einer städtischen Klasse dazu in der Lage, eine revolutionäre Rolle zu spielen. Und so erlebten die jungen Propagandisten der Bewegung Semlja i Wolja ("Land und Freiheit") eine herbe Enttäuschung. Das Dorf wollte nicht auf ihren Ruf hören. Vielmehr begegnete der Muschik dem städtischen Rasnotschinzen in den meisten Fällen mit unverhohlenem Mißtrauen und stummer Feindseligkeit. Nikolai A. Nekrassow, der führende Dichter der radikalen Intelligenz, schrieb kurz vor seinem Tod im Jahre 1877:
Mich wird nun bald der Rasen decken.
Das Sterben fällt mir schwer, der Tod wird schön;
Und so will ich in niemand Trauer wecken,
Es wird kein Mensch um mich in Trauer gehen.
Ein Lied  des Adels hier in unsern Landen
Aus meiner Leier Saiten nie Gestalt gewann;
Nun sterbe ich genauso unverstanden
Von meinem Volk, wie da ich einst begann. (5)
Die mutigsten und selbstlosesten Vertreter der Intelligenzija wandten sich daraufhin dem Terrorismus zu. Mit Dynamit und Revolver stellte sich die Partei Narodnaja Wolja ("Volkswille/Volksfreiheit") dem Zarismus zum Zweikampf. Mit der Ermordung Alexanders II. im Jahr 1881 erreichte der Kampf der Narodowolzen zugleich seinen Höhepunkt und sein Ende. Dem Tod des Selbstherrschers folgte nicht die ersehnte Revolution. Der Weg des individuellen Terrors hatte sich als blutige Sackgasse erwiesen. Es begann ein Jahrzehnt der bleiernen Reaktion unter der Regierung Alexanders III.

Unter den Intellektuellen machte sich Verzweifelung breit, viele wandten sich von ihren alten Idealen ab und das Renegatentum trieb immer hässlichere Blüten. 1888 veröffentlichte Lew Tichomirow – der geistige Führer der Narodnaja Wolja – im Exil sein berüchtigtes Pamphlet Warum ich aufgehört habe, Revolutionär zu sein. Der berühmte Satiriker Saltykow-Schtschedrin schrieb voller Verbitterung: „Das Leben wird langweilig und schwer ... der Mensch fühlt sich wie in einer Folterkammer, in der er überdies eins über den Schädel bekommen hat." (6) Anton Tschechow hat das damals so weitverbreitete Gefühl erschöpfter Resignation auf sehr einfühlsame Weise in seiner 1889 entstandenen Langweiligen Geschichte beschrieben.
Erstmals drangen nun auch religiöse Ideen in den Kreis der ehemaligen "Nihilisten" ein, und Leo Tolstois quietistische Predigten von der moralischen Selbstvervollkommnung und dem "Nicht-Widerstehen dem Übel" fanden zunehmend Gehör. Afanassi Fet, der letzte große Dichter des Adels, der in seiner impressionistischen Lyrik noch einmal das ungebrochene Naturempfinden der Feudalzeit heraufbeschwor, fand nach Jahrzehnten des Schweigens seine poetische Stimme wieder und übersetzte daneben Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung ins Russische. Auch Solowjows Sophiologie entwickelte sich vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund.

Die politische und weltanschauliche Fahnenflucht vieler Intellektueller war jedoch nicht allein eine Reaktion auf das Scheitern der Narodnaja Wolja und auf die harte Hand Alexanders III. Vielmehr erlebte der russische Kapitalismus in den 80er Jahren – geschützt von einem System extrem hoher Einfuhrzölle  – einen mächtigen Aufschwung, der im darauffolgenden Jahrzehnt – als Fürst Sergej Witte Finanzminister wurde – geradezu schwindelerregende Dimensionen annahm. In den Worten von Rosa Luxemburg: „Die ‘primitive Akkumulation’ des Kapitals gedieh in Rußland unter der Begünstigung allerlei staatlicher Subsidien, Garantien, Prämien und Staatsbestellungen herrlich und erntete Profite, die im Westen um jene Zeit bereits ins Reich der Fabel gehörten." (7) Große Mengen ausländischen Kapitals strömten ins Land. Parallel dazu vollzog sich eine zunehmende Verbürgerlichung der mittleren Intelligenz. Der Rasnotschinze war nicht länger der ungeliebte Sohn, der außerhalb der gottgegebenen Ordnung stand. Als Arzt, Rechtsanwalt, kleiner Beamter, Ingenieur, Fabrikverwalter oder Bürovorsteher fand er seinen Platz in der Gesellschaft und konnte sich schon bald eines – wenn auch meist noch recht bescheidenen – Wohlstands erfreuen. Man wurde "solide", und in dem neuen Milieu verwandelte sich die "kritisch denkende Persönlichkeit", die gestern noch die Welt aus den Angeln hatte heben wollen, allmählich in ein sattes selbstzufriedenes "Bildungsbürgertum", das von der Höhe seiner Kultur halb mitleidig, halb verachtungsvoll auf die "schmutzige Masse" herabblickte.

Freilich folgten nicht alle dem Lockruf der Bequemlichkeit. Bereits in den 80er Jahren waren in den industriellen Zentren des Landes erste große Streiks ausgebrochen, und die 90er Jahre erlebten ein immer stärkeres Anwachsen der Arbeiterbewegung. Um die Mitte des Jahrzehnts begann sich eine neue Generation junger Intellektueller der Revolution zuzuwenden, wobei an die Stelle des alten Narodnikitums mehr und mehr der Marxismus trat. 1895 gründete Lenin in St. Petersburg den "Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse", 1898 trafen sich Vertreter mehrer sozialistischer Gruppen in Minsk zum Ersten Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands. Diese neue sozialistische Intelligenzija bestand nicht mehr aus isolierten Vollstreckern des Volkswillens, sie wurde Teil einer wirklichen Massenbewegung. Dennoch führten die marxistischen "Berufsrevolutionäre" die besten Traditionen der "Nihilisten" der 70er Jahre fort, wie es Max Eastman in einer Passage seiner 1925 erschienen Biographie des jungen Trotzki so schön beschrieben hat:
A wonderful generation of men and women was born to fulfill this revolution in Russia. You may be traveling in any remote part of that country, and you will see some quiet, strong, exquisite face in your omnibus or your railroad car – a middle-aged man with white, philosophic forehead and soft brown beard, or an elderly woman with sharply arching eyebrows and a stern motherliness about her mouth, or perhaps a middle-aged man, or a younger woman who is still sensuously beautiful, but carries herself as though she had walked up to a cannon – you will inquire, and you will find out that they are the ‘old party workers.’ Reared in the tradition of the Terrorist movement, a stern and sublime heritage of martyr-faith, taught in infancy to love mankind, and to think without sentimentality, and to be masters of themselves, and to admit death into their company, they learned in youth a new thing – to think practically; and they were tempered in the fires of jail and exile. They became almost a noble order, a selected stock of men and women who could be relied upon to be heroic, like a Knight of the Round Table or the Samurai, but with the patents of their nobility in the future, not the past. (8)
Doch daneben exististierte nunmehr auch eine Schicht typisch kleinbürgerlicher Intellektueller, deren Weltsicht in immer höherem Maße das kulturelle Leben Russlands prägte. Ihr Denken und Fühlen fand seinen vollendetsten Ausdruck  in der symbolistischen Dichtung, deren Geburt in die Mitte der 90er Jahre fällt.

Die Symbolisten wandten sich vor allem gegen die sozialkritische Linie in der russischen Literatur, deren extremster Vertreter Pissarew gewesen war, der die Kunst ganz dem sozialen Fortschritt hatte unterordnen wollen. Nekrassow hatte dem Dichter in den 50er Jahren zugerufen:
Sei Bürger! Weih dein Herz dem Schönen!
Des Bruders Wohl weih deine Hand
Und opfre Seele, Geist und Sehnen
Der Liebe, die die Welt umspannt. (9)

Demgegenüber proklamierten die Symbolisten nun die Prinzipien des l’art pour l’art. An die Stelle des alten Realismus setzten sie Traum und Vision, die "Magie des Wortes" und die "Musik der Sprache"

In ihrer Vergötterung der "reinen Kunst" kam neben anderem ganz ohne Zweifel das Verlangen zum Ausdruck, sich endlich vom lästigen Erbe der 60er und 70er Jahre zu befreien und die unbequeme Pflicht zum "Dienst am Volk" loszuwerden, die sich die Rasnotschinzen damals auferlegt hatten. Man wollte das eigene private Glück nicht länger "der Sache des Volkes" opfern.
In Maxim Gorkis Theaterstück Sommergäste – einem scharfsinnigen Porträt der russischen Intelligenzija der Jahrhundertwende – beschreibt der Ingenieur Suslow die seelische Verfassung dieser Schicht:
Wir haben uns in unserer Jugend genug erregt und genug gehungert; da ist es nur natürlich, wenn wir im reiferen Alter viel und schmackhaft essen und trinken und uns ausruhen wollen .. uns überhaupt für das unruhige, hungrige Leben in unserer Jugend im Übermaß belohnen wollen ... Ja, ja ... wir alle sind Kinder von Kleinbürgern, von armen Leuten ... Wir, sage ich, haben uns in unserer Jugend durchgehungert und erregt ... Wir wollen in unserem reiferen Alter essen und unsere Ruhe haben - das ist unsere ganze Psychologie. (10)
Die Uraufführung des Stückes im November 1904 wurde von tumultarischen Szenen begleitet. Die Vertreter der dem Symbolismus nahestehenden Zeitschrift Mir Iskusstva ("Welt der Kunst") verließen bereits vor dem Ende der Vorführung empört das Theater. Wie Gorki selbst bemerkte: „[I]ch habe getroffen, wohin ich gezielt habe." (11)
In den großen Werken der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts hatte man stets das rege Interesse des Schriftstellers am Leben seiner Mitmenschen, seine  Sympathie und sein Mitgefühl für die "Erniedrigten und Beleidigten" spüren können. Unabhängig von der politischen Einstellung der einzelnen Autoren waren sie allesamt Teil einer Rebellion gegen das verhasste "Reich der Finsternis" gewesen, gegen die durch Despotismus, Habgier, Ausbeutung und kulturelle Armut gekennzeichnete russische Wirklichkeit. Mit den Symbolisten vollzog sich eine Hinwendung zum eigenen Ich. Nicht zufällig erbrachten sie ihre bedeutendsten Leistungen auf dem Gebiet der Lyrik – der subjektivsten und persönlichsten aller literarischen Gattungen.

Doch war dies nur die eine Seite des symbolistischen l’art pour l’art. Wie Georgi Plechanow sehr richtig in seinem Aufsatz Die Kunst und das gesellschaftlichen Leben bemerkte: „Die Neigung zur Kunst für die Kunst entsteht dort, wo ein Zwiespalt zwischen den Künstlern, und dem sie umgebenden gesellschaftlichen Milieu vorhanden ist." (12)

Als Afanassi Fet in den 50er und 60er Jahren die Grundsätze des l’art pour l’art vertreten hatte, so war dies Ausdruck für die unversöhnliche Feindschaft gewesen, die der erzkonservative, adelsstolze Dichter nicht nur gegenüber den ästhetischen Theorien Tschernyschwskis, Dobroljubows und Pissarews, sondern gegenüber der gesamten gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung Russlands empfand. In einem Zeitalter der Aufklärung musste sich ein Mensch wie er, der voller Überzeugung Artikel zur Verteidigung der Leibeigenschaft verfasste, fremd vorkommen. Fet verabscheute den liberalen Zeitgeist, der ihm der Feind alles Schönen und Wahren zu seien schien. Noch als alter Mann ließ er jedesmal das Fenster seiner Kutsche herab, wenn er an der Moskauer Universität vorbeifuhr, und bedachte das verhasste Institut mit lauten Schimpfworten. In seinem Denken und Fühlen war der Dichter noch vollständig in der Feudalzeit verwurzelt. Wie hätte er da seine Kunst in den Dienst einer Gesellschaft stellen können, die sich immer deutlicher in einer bürgerlichen Richtung entwickelte?
Anders verhielt es sich mit den Dichtern der russischen Décadence. Im Gegensatz zu Fet, dessen Welt der Gutshof gewesen war, handelte es sich bei ihnen eindeutig um Geschöpfe der Stadt. Keinerlei lebendige Adern verbanden sie mehr mit dem ländlichen Universum der Muschiks und Adeligen. Der Symbolismus war viemehr die erste wirklich bürgerliche Literatur Russlands. Sie war der erste Schritt hin zur Entfaltung des bürgerlichen Individuums. Doch bedeutete dies noch lange nicht, dass die Dichter deshalb auch die bürgerliche Gesellschaft bejaht hätten. Sie verabscheuten vielmehr ihre Kleingeistigkeit und Vulgarität und waren keineswegs bereit, ihr als Lobredner zu dienen oder ihre heuchlerische Moral in feingeschliffenen Versen zu besingen. Der britische Journalist Stephen Graham beschrieb 1912 den krassen Materialismus der aufsteigenden russischen Mittelklasse und der mit ihr verbundenen "neuen Intelligenzija" so: „The new intelligent is of this sort; he wants to know the price of everything. Of things which are independent of price he knows nothing, or if he knows of them he sneers at them and hates them. Talk to him of religion and show that you believe in the mystery of Christ; talk to him of life and show that you believe in love and happiness; talk of woman and show that you understand anything about her unsexually; talk to him of work and show that though you are poor you have little regard for money and [he] is uneasy." (13) Wie hätten sich sensible Menschen in diesem Umfeld wohl fühlen können?
Der russische Bourgeois war zwar nicht mehr der grobschlächtige, bärtige Kaufmann mit der Pelzmütze auf dem Kopf, doch das soziale Milieu, in dem sich die ehemaligen Rasnotschinzen bewegten, war dennoch viel zu muffig und spießbürgerlich, als daß ein feinfühliger Mensch sich in ihm hätte heimisch fühlen können. Die sensibelsten Teile der Intelligenz spürten schmerzhaft die Enge und Würdelosigkeit ihres Daseins und die symbolistische Dichtung war im Grunde ein einziger Aufschrei der Verzweifelung. Eines der eindringlichsten Beispiele hierfür ist sicher das Gedicht Die Spinnen von Sinaida Hippius: 
In dieser Welt bin ich, der engen Zelle,
Der engen Zelle mit dem niedern Dach.
In den vier Ecken hocken tödlich schnelle
Vier Spinnen, rastlos webend Tag und Nacht.

Gewieft sind sie und feist und speckig,
Und dauernd weben, weben, weben sie ...
Ihr immer gleiches Werk, es ist so schrecklich,
Denn ewig werkeln sie, erschlaffend nie. 

Sie haben die vier großen Spinnenweben
Mit Emsigkeit zum Riesennetz verknüpft.
Ich schau: Wie sich die Spinnenhintern regen,
Der Leib in düsterm Stank und Staub sich lüpft. 

Schon stecken meine Augen unterm Netze.
Das ist so leicht, weißgräulich und so weich.
Wie animalisch froh sie sich ergötzen, 
Die fetten Spinnen, alle vier sogleich!  (14)
Fet hatte eine Zuflucht vor der neuen Zeit in der Betrachtung der Natur gesucht, die in seinen Gedichten als eine außerhalb der Geschichte stehende, einzig den ewigen Gesetzen von Tod und Wiedergeburt unterworfene Realität erscheint. Dieser Weg stand den Symbolisten nicht mehr offen. Ihnen war das ungebrochene Naturempfinden des Dichteraristokraten, in dem noch der Geist der alten Agrargesellschaft fortlebte, fremd. Der Dichter Aleksandr Blok, selbst Spross eines alten Adelsgeschlechtes, schrieb 1906 in seinem Essay Zeitlosigkeit:
Ich sehe ein absonderliches Bild: eine grüne und blühende Welt, jedoch auf ihrer Flur bauchige Spinnen von Städten, welche die Vegetation ringsum ausdörren, Lärm, Schmutz und Gestank von sich geben ... Was aber tun? Was aber tun? Es gibt keinen häuslichen Herd mehr ... Die reinen Sitten, das ruhige Lächeln, die stillen Abende - alles ist durch das Spinnennetz verstopft ... Die Freude ist abgestanden, die Herde sind erloschen ... Die Türen stehen den windigen Platz offen ... Wir leben in einer Epoche der zum Platz hin aufgerissenen Türen, der entgluteten Herde ... (15)
Die traute und sichere Welt des gutsherrlichen Hofes und seiner Äcker und Waldungen existierte nicht mehr. Wie das lyrische Ich in Hippius’ Spinnen fühlten sich die meisten Dichter der russischen Décadence hilflos einer Wirklichkeit ausgesetzt, die ihnen die Luft zum Atmen zu nehmen schien. Ihr Protest klang daher oft kraftlos und verzweifelt.

Der Hass der Symbolisten auf den "Spießer" und ihre Neigung zum Epater le bourgeois ("den Bürger vor den Kopf stoßen") hatte nichts mit den revolutionären Zielen der alten Rasnotschinzen zu tun. Dennoch kam es in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts zu einer zeitweiligen Annäherung an die sozialdemokratische Arbeiterbewegung. Doch dieses eigentümliche "Bündnis" war äußerst kurzlebig und von eher oberflächlicher Natur – man könnte sich einen russischen Symbolisten kaum als Verfasser von Oscar Wildes genialem Essay The Soul of Man under Socialism vorstellen. Als es im Jahre 1901 zu gewaltsamen Unterdückungen von Studentenunruhen kam, forderte Gorki den führenden Symbolisten Waleri Brjussow dazu auf, sich seinem Protest gegen das Vorgehen der zaristischen Regierung anzuschließen. Die Antwort ließ an Klarheit nichts zu wünschen übrig: „Mich bewegen niemals diese Äußerlichkeiten, diese plötzlichen Ereignisse. Warum soll ich mich der Studenten wegen aufregen? Als ob es das, genau dasselbe, nicht schon tausendmal in der Vergangenheit gegeben hätte ... Schon lange habe ich mir abgewöhnt, alles vom Standpunkt der Ewigfkeit zu betrachten." (16)
Die große Feuerprobe der Revolution von 1905 offenbarte dann endgültig, wo Russlands kleinbürgerliche Intelligenz wirklich stand und wurde gleichzeitig zum entscheidenden Wendepunkt in ihrer Entwicklung. Dabei ist es gar nicht so einfach zu entscheiden, was wichtiger war – dass die Revolution scheiterte oder dass sie überhaupt stattgefunden hatte.


Fortsetzung folgt ...


(1) In: Fantastic Metropolis. Mai 2003.
(2) Helena Blavatsky: The Original Program of the Theosophical Society.
(3) Leo Trotzki: Mein Leben, Versuch einer Autobiographie. S. 92.
(4) Vgl. Hans von Rimscha: Geschichte Rußlands. S. 376. Jemeljan Pugatschow war der Führer des großen russischen Bauernaufstands von 1773-75 gewesen.
(5) Zit. nach: G. W. Plechanow: N. A. Nekrassow. Zum 25. Todestag. In: Ders.: Kunst und Literatur. S. 722.
(6) Zit. nach: Leo Trotzki: Der junge Lenin. S. 62.
(7)  Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals. Kap. 18.
(8) Max Eastman: Leon Trotsky: The Portrait of a Youth. Kap. 6.
(9) N. A. Nekrassow: Dichter und Bürger. Zit. nach: G. W. Plechanow: Die Kunst und das gesellschaftliche Leben. In: Ders.: Kunst und Literatur. S. 232.
(10) Maxim Gorki: Sommergäste. 4. Akt.
(11) Gorki an A. A. Dawilkovski am 11. 12. 1904. Zit. nach: Maxim Gorki: Sommergäste. S. 125. 
(12) G. W. Plechanow: Die Kunst und das gesellschaftliche Leben. In: Ders.: Kunst und Literatur. S. 237.
(13) Stephen Graham: One of the Higher Intelligentsia. In: The Russian Review, Bd. 1, Nr. 4 ([London], 1912). S. 120. Zit. nach: Joan Neuberger: Hooliganism: Crime, Culture, and Power in St. Petersburg, 1900-1914. Kap. 1.
(14) Sinaida Hippius: Die Spinnen. In: Christa Ebert (Hg.): Gamajun, kündender Vogel. S. 13/15.
(15) Zit. nach: Anatoli Lunatscharski: Blok und die Revolution. In: Ders.: Die Revolution und die Kunst. S. 207.
(16) Zit. nach: Helene Imendörfer: Nachwort zu Maxim Gorki: Wie ich schreibe. Literarische Porträts, Aufsätze, Reden und Briefe. S. 739.

Montag, 11. August 2014

Herkules' psychedelischer Abstieg in die Unterwelt

Ah ja  .. Peplums ... Sandalenfilme ... Die wunderbar naive Welt von Herkules, Maciste, Samson, Ursus ... Ein vage antik-mediterran-mythologisch anmutendes Universum, in dem eher leicht bekleidete Heroen mit enormen Bizeps epische Kämpfe gegen böse Tyrannen, hinterhältige Zauberer und Hexen sowie sagenumwobene Ungeheuer ausfechten, um die Welt ein kleines Stück besser zu machen {und nebenbei oft auch die Liebe irgendeiner hübschen Prinzessin zu gewinnen} ...

Von allen Genres des italienischen B-Movies ist der Peplum das älteste. Sein Stammbaum reicht zurück bis in die frühen Tage von Italiens Kino – in die Ära vor dem 1. Weltkrieg, als der Stolz auf die antike Vergangenheit und der {spätestens nach der Eroberung Libyens 1911/12 imperiale Formen annehmende} Nationalismus der italienischen Bourgeoisie seinen filmischen Ausdruck in einer Reihe epischer Produktionen  fand, von denen Giovanni Pastrones Carbiria (1914) als der bedeutendste gelten darf. Alle, die Stummfilme nicht grundsätzlich für uniteressant halten, sollten sich diesen Streifen – an dem übrigens auch der Dichterkönig der italienischen Décadence Gabriele D'Annunzio mitwirkte – unbedingt einmal anschauen.  Er war nicht nur eine der Inspirationsquellen für D.W. Griffiths episches Meisterwerk Intolerance (1916), sondern bezeichnet auch die Geburtsstunde von Maciste, dem ersten großen Peplum-Helden.  
Von 1915 bis 1927 durfte der von Bartolomeo Pagano verkörperte Maciste {wenn auch leider nicht länger als schwarzer Sklave} in sage und schreibe sechsundzwanzig Filmen weitere Abenteuer erleben und unermüdlich gegen das Böse kämpfen. Ob man sie alle dem Peplum zuordnen kann, darf allerdings bezweifelt werden, tragen einige von ihnen doch Titel wie Maciste turist / Maciste der Tourist (1917) oder Maciste e il nipote di America / Maciste und der amerikanische Neffe (1924). Mit Paganos Rückzug von der Schauspielerei endete 1926/27 auch das erste Kapitel in der Geschichte des Genres.
Bevor Italien die alte Tradition nach dem 2. Weltkrieg wieder aufnehmen konnte*, hatte Hollywood bereits begonnen, seine großen Antik- und Bibelschinken zu drehen, und ohne Filme wie Mervyn LeRoys Quo Vadis? (1951) oder Cecil B. De Milles Samson and Delilah (1952) hätte es vermutlich auch keinen neuen Peplum gegeben. So war die Wiedergeburt eines uritalienischen Genres ironischerweise zugleich die Geburt eines später geradzu berüchtigt werdenden Kunstgriffs der italienischen Filmindustrie: Jedes erfolgreiche amerikanische Format schnell {und meist billig} im "Land, wo die Zitronen blühn" zu kopieren. Vorreiter des neuen Peplum war Riccardo Freda mit Spartaco / Sins of Rome (1953) und Teodora, imperatrice di Bisanzio / Theodora, Slave Empress (1954), doch so richtig los ging's erst mit dem von Dino de Laurentiis – dem "patron saint of pasta production" (Kim Newman)** – finanzierten Ulysses von 1955. Der Erfolg des Streifens mit Kirk Douglas in der Hauptrolle führte 1957 zur Produktion von Le fatiche di Ercole / Hercules, und der war nicht nur in Italien, sondern dank des Marketingtalents von Joseph E. Levine 1959 auch in den USA ein Riesenhit. Und so bezwang Steven Reeves' muskelbepackter Halbgott nicht nur monströse Löwen und Stiere, sondern öffnete auch die Schleusen für eine wahre Flut von Peplums, die für das nächste Jahrfünft über das italienische Kinopublikum hereinbrechen sollte.*** 1960 erlebte die Wiederauferstehung von Maciste, 1961 die Geburt von Ursus und Samson.



Ich weiß nicht mehr wo, aber in irgendeinem Artikel oder Dokumentarfilm ist mir mal die These untergekommen, man könne den Peplum als das italienische Pendant zum westdeutschen Heimatfilm der 50er Jahre betrachten. Beide seien Ausdruck der Flucht in eine nostalgisch verklärte Vergangenheit mit dem Ziel, einer Auseinandersetzung mit dem gerade untergegangenen Faschismus aus dem Weg zu gehen und zugleich konservative Werte zu restituieren. Beide Genres seien somit als kulturell und politisch reaktionär einzustufen.
Zugegeben, es fällt nicht schwer, Argumente für eine solche Einschätzung zu finden. Feiert der Peplum nicht den "männlich"-martialischen Helden? Sind die "barbarischen Horden" und."dekadenten" Despoten, mit denen es unsere Muskelmänner zu tun bekommen, nicht typisch konservative Feind- und Zerrbilder? Ist das Frauenbild der Sandalenfilme – verkörpert in dem Gegensatzpaar gute "damsel in distress" und böse "femme fatale" – nicht schlichtweg zum Jammern? Und weckt der Rückgriff auf die Antike nicht gar leise Erinnerungen an die römisch-imperialen Fantasien der Mussolini-Ära?
Ja, ja, ja und hmm, vielleicht. –  
Dennoch kann ich mich dieser These nicht so recht anschließen. Und dass nicht bloß, weil ich derartig generalisierte Urteile über ganze Genres grundsätzlich für problematisch halte. Wer weiß, vielleicht ließe sich bei einer vorurteilsfreien Herangehensweise sogar unter den Heimatfilmen der 50er Jahre hie und da etwas Interessantes finden? {Keine Angst, ich habe nicht vor, mich einem dahingehenden Selbstexperiment zu unterziehen. Niemand muss befürchten, hier schon bald eine Besprechung von Der Förster vom Silberwald vorzufinden.} 
Die Geschichte des italienischen und des (west)deutschen Films ist einfach zu unterschiedlich, um eine derart krude Parallelisierung zu rechtfertigen. Bevor der B-Movie mit den Peplums seinen ersten großen Triumph feiern konnte, hatte es im italienischen Film bereits eine Ära höchster künstlerischer Blüte im Zeichen des Neorealismus gegeben. {Ich werde das an dieser Stelle nicht genauer ausführen, aber ich denke, dass man den italienischen B-Movie teilweise auch als eine Reaktion auf die ästhetische Krise des Neorealismus verstehen kann.} Nichts vergleichbares war der Heimatfilm-, Karl May- und Edgar Wallace-Welle in Deutschland vorausgegangen, wenn man von einigen vereinzelten Ausnahmen in der unmittelbaren Nachkriegszeit – wie etwa Wolfgang Staudtes Die Mörder sind unter uns (1946) – absieht.
Um den Peplum richtig einzuschätzen, halte ich es für sehr viel ergiebiger, wenn man ihn mit der ihm nachfolgenden Modewelle im italienischen B-Movie vergleicht – dem Spaghettiwestern, der Mitte der 60er Jahre mit Sergio Leones Per un pugno di dollari / A Fistful of Dollars (1964) die Herrschaft antrat. Könnte es einen extremeren Gegensatz geben? Auf der einen Seite das ungebrochene Heldenbild und der naive Optimismus des Sandalenfilms. Auf der anderen Seite der dreckige Zynismus des Italowesterns. {Dass sich die beiden großen Sergios – Leone & Corbucci – ihre Regisseurs-Sporen im Peplum verdient hatten, verstärkt diesen Eindruck nur noch.}
Welche Schlussfolgerungen könnte man aus einer solchen Gegenüberstellung ziehen?
Im Zuge des Weltwirtschaftsbooms der 50er und frühen 60er Jahre kamen auch in Italien erstmals breitere Bevölkerungsschichten in den Genuss eines bescheidenen Wohlstands. Vor allem 1959-62 gilt als die Zeit des "Italienischen Wirtschaftswunders". Zwar darf man diese Entwicklung nicht überbewerten {so verstärkte sich z.B. gleichzeitig der Gegensatz zwischen dem "reichen" industriellen Norden und dem agrarischen Süden}, noch sollte man ihre Schattenseiten ignorieren {mit tatkräftiger Unterstützung der stalinistischen KP war es Italiens Elite gelungen, den Sturz des Faschismus zu überleben, und Hand in Hand mit der katholischen Hierarchie dominierte sie auch weiterhin das wirtschaftliche, politische und kulturelle Leben des Landes}. Aber nichtsdestotrotz lässt sich nicht leugnen, dass es für viele Italiener und Italienerinnen handfeste Gründe gab, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Vor diesem Hintergrund betrachtet wirkt der Peplum weniger wie eine Flucht vor den Sünden der Vergangenheit als vielmehr wie ein Ausdruck der Hoffnung auf ein besseres Morgen.
Zur Untermauerung dieser Interpretation lässt sich z.B. die Schlussszene des Ur-Peplums Ulysses heranziehen. Die Geschichte des listenreichen Eroberers von Troja findet ihren Höhepunkt bekanntlich in einem wüsten Blutbad, das der zurückgekehrte Held unter Penelopes Freiern veranstaltet. Und in dieser Hinsicht hält sich der Film recht genau an seine literarische Vorlage. Dem Gemetzel folgt die Wiedervereinigung des Paares. Beide sind verstört über all das Blutvergießen, das diesem lange herbeigesehnten Moment vorausgehen musste. Wie Odysseus sagt: "So many years of our youth  wandered in the savagery  of war." Doch all diesem Leid und all dieser Grausamkeit soll nun ein friedvolles und glückliches Leben folgen. Ließe sich diese Szene vor dem Hintergrund der damaligen gesellschaftlichen Realität Italiens nicht als Ausdruck der Sehnsucht deuten, dass nach den Schrecken von Faschismus und Krieg auch für das italienische Volk endlich eine Ära von Frieden und Glück anbrechen möge? 
Auf mögliche Erklärungen, warum es Mitte der 60er mit dem Spaghettiwestern dann zu einem so krassen Umbruch im Ton der B-Movies gekommen ist, werde ich das nächte Mal vielleicht etwas genauer eingehen.
Für alle, denen eine solche "zeitgeschichtliche" Herangehensweise etwas zu weit hergeholt erscheint {und es ist eine sehr wacklige These}, rasch noch ein paar allgemeinere Argumente zur "Verteidigung" des Genres: Im Ganzen gesehen haben die meisten Peplums einen deutlich populistischen Anstrich. Vergessen wir nicht, dass Fredas erster Proto-Peplum ein Spartacus-Film war. Und auch späterhin sind die Antagonisten meist irgendwelche grausamen und intriganten Despoten. Um den wiederbelebten Maciste wird sogar ein eigener Mythos entwickelt, demzufolge es die Bestimmung dieses Heroen ist, unablässig durch die Länder und Zeiten zu reisen, um den Unterdrückten beizustehen. Die Helden des Sandalenfilms mögen Halbgötter oder Übermenschen sein, aber dennoch haben sie häufig etwas sehr Bodenständiges an sich. Selbst als König wirkt Herkules alles andere als "majestätisch". Sie sind in gewisser Weise "Volkshelden". Was jedoch am wichtigsten ist: In ihrer charmanten Naivität machen viele Peplums einfach einen Riesenspaß. Und in den besten von ihnen finden sich zudem so manche in filmerischer Hinsicht wirklich beeindruckende Sequenzen.

Ich bin nun beileibe kein echter Peplum-Experte, und meine Bekanntschaft mit den meisten dieser Flicks liegt schon ziemlich lange zurück. Die drei Sandalenfilme jedoch, für die ich mit voller Überzeugung eine Empfehlung aussprechen kann, wurden interessanterweise alle in den Jahren 1961/62 gedreht. Da wäre zuerst einmal mein alter Liebling, Vittorio Cottafavis Ercole alla conquista di Atlantide / Hercules and the Conquest of Atlantis (1961) – ein grandioser Vertreter jenes phantastisch-abenteuerlichen Unsinns, den ich in der heutigen Kinolandschaft so schmerzlich vermisse. Und dann natürlich Riccardo Fredas Maciste all'inferno / The Witch's Curse (1962) und Mario Bavas Ercole al centro della terra / Hercules in the Haunted World (1961).
In Nightmare Movies beschreibt Kim Newman die beiden "Horror-Peplums" als das faszinierende Produkt des Überlappens zweier Modewellen im italienischen B-Movie.**** Ganz falsch ist das sicher nicht. Mit Werken von Bava (La maschera del demonio & I tre volti della paura / Black Sabbath), Freda (L'orribile segreto del Dr Hichcock & Lo spettro / The Ghost) und Antonio Margheriti (Danza Macabra / Castle of Blood & La vergine di Norimberga / Horror Castle) erlebte der italienische Horrorfilm in den ersten Jahren des Dezenniums seine erste große Blüte.***** Und zumindest Maciste all'inferno beginnt ganz im Stil eines "gotischen" Horrorflicks, bis nach einer halben Stunde urplötzlich Muskelmann Maciste in das schottische Dorf eingeritten kommt, um die Sache mit dem Hexenfluch in die Hand zu nehmen. Das klingt jetzt sicher ziemlich absurd? Ist es auch! Aber wenn unser Held wenig später in die Hölle hinabsteigt, bekommen wir eine Reihe wirklich phantastisch-dantesk angehauchter Szenen zu sehen.
Ercole al centro della terra lässt sich in meinen Augen weniger direkt als eine Mixtur aus "gotischem" Horror und Sandalenfilm charakterisieren. In stilistischer Hinsicht wirkt er auf mich eher wie eine Fortsetzung und Weiterentwicklung dessen, was bereits Jahre zuvor in der Kirke-Episode von Ulysses angelegt gewesen war – einem Film, bei dem Bava ja nicht nur als Kameramann, sondern auch als Co-Regisseur mitgewirkt hatte.


    
Als Herkules (Reg Park) gemeinsam mit seinem Kumpel Theseus (George Ardisson) von irgendwelchen Abenteuern nach Arcadia (???) zurückkehrt, muss er erfahren, dass seine Geliebte Deinaria (Leonora Ruff) nach dem Tod ihres Vaters einem geheimnisvollen Fluch zum Opfer gefallen ist. In schlafwandlerischem Trancezustand wandert sie nachts durch die königlichen Gärten, derweil ihr Onkel Lico (Christopher Lee) die Herrschaft über den Stadtstaat übernommen hat. Hilfesuchend wendet sich unser Held an das örtliche Orakel und erfährt, dass er in den Hades hinabsteigen muss, wenn er Deinaria erlösen will. Also macht er sich zusammen mit Theseus und dem Feigling Telemachus (Franco Giacobini als Comic Relief)} zur Insel der Hesperiden auf, um den goldenen Apfel zu erringen, ohne den er nicht hoffen kann, einen Besuch in der Unterwelt zu überleben ...    

Um das von vornherein klarzustellen: Die Story ist nicht wirklich origineller oder intelligenter als die vieler anderer Peplums. {Und wer Probleme mit dem genretypischen wilden Mix aus Namen und Versatzstücken aus antiken Mythen hat, wird erst recht keine Freude an ihr finden können}. Die schauspielerischen Leistungen sind {trotz Christopher Lee} bestenfalls mittelmäßig zu nennen. {Auch wenn ich sagen muss, dass ich Reg Park, der schon in Ercole alla conquista di Atlantide den Halbgott mimte, recht charismatisch finde}. Und die Dialoge wirken schon allein aufgrund der für italienische B-Movies der Zeit üblichen billigen Nachsynchronisation zum Teil schlichtweg erbärmlich. Vom schon erwähnten Frauenbild der Peplums, das sich auch hier in seiner ganzen fragwürdigen Pracht präsentiert, einmal ganz zu schweigen.

Doch all das wird man sehr rasch vergessen, wenn man bereit ist, sich auf Mario Bavas großartige Bildkompositionen einzulassen. Die Kampfszene ganz am Anfang hat mich noch sehr stark an La Maschera del demonio erinnert, erweckt sie doch ein ähnliches Gefühl für räumliche Tiefe und spielt einmal mehr mit dunklen Silhouetten vor einem hellen Hintergrund. In der Folge zeigt uns Bava dann jedoch, wie er sein ästhetisches Arsenal immer weiter ausbaut. Licht und Schatten spielen auch weiterhin eine große Rolle, doch treten nunmehr farbliche Kompositionen in den Vordergrund. Mit Hilfe von rotem, orangenem, grünem und blauem Licht kreiert der Regisseur eine surreale, phantastische und mitunter verstörend anmutende Welt, in der sich seine Figuren bewegen. Besonders prächtige Beispiele dafür sind das Orakel, die Fahrt zur Insel der Hesperiden, die Szenen im Hades und Herkules' Schlusskampf gegen die Untoten. Hinzu kommen solche wunderbar stilisiert wirkenden Sets wie Licos Thronsaal oder der Tempel der Sibylle, die eher an Theater- denn an Filmkulissen gemahnen. Und als wäre all das noch nicht genug, präsentiert uns Bava zusätzlich immer wieder geradezu malerisch anmutende Panormabilder, wie das nächtliche Arcadia, den in eine Art Anderswelt übergehenden Ozean oder die "Insel" des Pluto inmitten eines rotglühenden Lavameers.

All jenen, die sich in der Lage fühlen, über einen generischen Plot und äußerst fragwürdige Genederklischees hinwegzusehen, eröffnet Ercole al centro della terra die Gelegenheit, eine Welt von phantastischer und unwirklicher Schönheit zu besuchen, die sie nicht so schnell vergessen werden.


* Alessandro Blasettis Fabiola von 1949 blieb vorerst eine Ausnahmeerscheinung.
** Kim Newman: Nightmare Movies. A Critical History of the Horror Film, 1968-88. S. 187.
*** Steve Reeves war der Hauptdarsteller in zahllosen Peplums, übernahm ironischerweise aber nur noch einmal die Rolle des Herkules – im direkten Sequel zu Le fatiche di Ercole, dem 1959 in die Kinos gelangten Ercole e la regina di Lidia / Hercules Unchained. Wen's interessiert, der kann sich hier & hier zwei Interviews mit dem charismatischen Bodybuilder und Filmstar durchlesen. 
**** Vgl.:  Kim Newman: Nightmare Movies. A Critical History of the Horror Film, 1968-88. S. 187.
***** Ich habe das letzte Mal Maschera del demonio als den "letzten großen Schwarz-Weiß-Horrorfilm" bezeichnet. Nachdem ich mir kürzlich Margheritis Danza Macabra angeschaut habe, möchte ich diese Behauptung zumindest ein bisschen relativieren. Bavas Film  mag das letzte echte Meisterwerk des Schwarz-Weiß-Horrors gewesen sein, doch heißt das nicht, dass nach ihm überhaupt keine interessanten oder beeindruckenden Werke in diesem Format mehr produziert worden wären.

Samstag, 9. August 2014

Strandgut der Woche

Samstag, 2. August 2014

Strandgut der Woche

Freitag, 1. August 2014

Wie Gemälde aus Licht und Schatten


I wanted to be a painter until I was twenty years old.
Mario Bava
 
Als Mario Bava 1960 zum ersten Mal die Möglichkeit erhielt, einen Film unter eigener Regie zu drehen, war er bereits fünfundvierzig Jahre alt. Seine Karriere in der italienischen Filmindustrie hatte natürlich schon sehr viel früher begonnen, und ich halte es zum Verständnis nicht nur seines Erstlings La maschera del demonio / Black Sunday für absolut notwendig, sich dessen voll und ganz bewusst zu sein. Ja vielleicht sollte man sogar noch etwas weiter in der Biographie des Künstlers zurückgehen.

Sein Vater Eugenio Bava war Bildhauer gewesen und hatte einige Jahre vor Marios Geburt begonnen, als Setdesigner für Pathé Frères zu arbeiten – in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg die größte Filmfirma der Welt. Schon bald war er in den Rang eines Kameramannes aufgestiegen. Als solcher wirkte er u.a. an der Produktion von Enrico Guazzonis Quo Vadis (1913) und Febo Maris Cenere (1916) mit – dem einzigen Filmauftritt von Eleonora Duse, der legendären Bühnendiva des italienischen Fin de Siècle. An der Seite von Segundo de Chomon hatte er außerdem an den bahnbrechenden Spezialeffekten für Giovanni Pastrones Cabiria (1914) mitgewirkt. In der Folge versuchte er sich zwar mehrmals auch als Regisseur, doch 1926 trat er schließlich den Posten des Direktors für "optische Effekte" am vom faschistischen Staat gegründeten Istituto LUCE an. Mario Bavas Biograph Tim Lucas hat Eugenio wohl aus gutem Grund einmal "the father of special effects photography in Italy" genannt. Und man dürfte wohl nicht ganz falsch damit liegen, wenn man in Bava Seniors Filmarbeit in gewisser Weise eine Fortsetzung seiner Arbeit als Bildhauer sieht. Eine Entwicklung, die wir in etwas anderer Form, bei seinem Sohn wiederentdecken werden.

Der 1914 in San Remo zur Welt gekommene Mario wuchs in einem von Filmmagie durchtränkten Umfeld auf, aber seine erste Liebe gehörte nicht dem Kino. Er wollte Maler werden. Es waren hauptsächlichlich finanzielle Zwänge, die ihn schließlich dazu brachten, sein Kunststudium abzubrechen und zum Assistenten seines Vaters zu werden. Als angehender Familienvater konnte er es sich irgendwann einfach nicht mehr leisten, weiter einer brotlosen Kunst zu huldigen. Und doch halte ich es für sehr wichtig, sich stets zu vergegenwärtigen, welcher Muse der junge Künstler sein Leben ursprünglich hatte weihen wollen.
1939 übernahm Mario Bava zum ersten Mal den Posten des ersten Kameramanns ('Director of Cinematography') in zwei Kurzfilmen des jungen Roberto Rosselini, und in den folgenden zwei Jahrzehnten arbeitete er u.a. unter so großen Regisseuren wie Vittorio de Sica (Villa Borghese; 1953), G.W. Pabst (Cose da pazzi; 1954), Jacques Tourneur (La battaglia di Maratona; 1959) und Raoul Walsh (Esther and the King; 1960). Dabei verfeinerte er seine Technik immer weiter. Um noch einmal Tim Lucas zu zitieren: "[H]is stylized lensing was critical in developing the screen personas of such international stars as Gina Lollobrigida and Steve Reeves."
Bereits in den 40er Jahren hatte Bava sich bei einigen Dokumentar- und einem Kurzfilm als Regisseur versucht, doch eine Karriere in dieser Richtung zu verfolgen, lag ihm erst einmal nicht im Sinn. Wenn er dennoch auf dem Regiestuhl Platz nahm, so vorerst nur, um für andere einzuspringen, die ihren Posten im Stich gelassen hatten. Zum ersten Mal war dies 1955 bei Ulysses der Fall – dem Film, der die Peplum ('Sandalenfilm') - Welle der späten 50er und 60er Jahre ins Rollen brachte. Ein Phänomen, auf das ich in meinem nächsten Bava - Artikel etwas näher eingehen werde. 1956 folgte, wie bereits berichtet, I Vampiri. Von 1957-59 sprang Bava erneut bei drei Peplum-Filmen in die Bresche: Le fatiche di Ercole (Hercules) – Steve Reeves' Debüt als muskelbepacktem Halbgott –, dessen Sequel Ercole e la regina di Lidia (Hercules Unchained) und schließlich auch Tourneurs La battaglia di Maratona / The Giant of Marathon. Der stets bescheidene und wenig ehrgeizige Künstler sah darin keine Stufen zum Ersteigen des Regie-Throns. Und doch sollte er auf diesem Weg schließlich zu seinem Regiedebüt gelangen. Erneut übergebe ich Mr. Lucas das Wort:
Outraged by the way his unambitious friend was being abused, Freda tricked Bava by hiring him to photograph Caltiki il mostro immortale [Caltiki the Immortal Monster, 1959] and once again abandoning the director's chair after only two days. The film's producer, Lionello Santi, rewarded Bava for completing the film by inviting him to select a property for his directorial debut.  
Und so konnte Mario Bava 1960 endlich seinen ersten eigenen Film drehen.



Vom Maler über den Kameramann zum Regisseur – sich diesen Werdegang zu vergegenwärten, trägt viel dazu bei, die Ästhetik von Bavas Filmen richtig einzuschätzen. Für ihn war der Film in erster Linie ein visuelles, und weniger ein erzählerisches Medium. Plot und Dialoge spielen oft eine untergeordnete Rolle gegenüber der Komposition von Bildern und Szenen mithilfe von Licht, Schatten, Farben, Perspektiven. Auch wenn das übermäßig lyrisch klingen mag: Mario Bavas Herangehensweise an den Film war eine "malerische". Der Stil, den er damit prägte, inspirierte und beeinflusste sehr stark die Meister der nächsten Generation – u.a. natürlich auch Dario Argento, den ich persönlich für den größten Auteur des italienischen Horrorkinos halte.

Produzent Nello Santi hatte Bava völlige Freiheit bei der Auswahl des Stoffes für sein Regiedebüt gegeben, und da die dieser einerseits einen weiteren Horrofilm drehen wollte und andererseits ein großer Liebhaber klassischer russischer Literatur war, bestand seine erste Idee darin, sich an einer Adaption von Nikolai Gogols Erzählung Der Wij zu versuchen. Im Film selbst hat sich davon allerdings wenig mehr erhalten als das Motiv der Hexe, die von den Toten zurückkehrt, und der Name der Stadt Mirgorod. Aus mir unerklärlichen Gründen wurde die Handlung sogar von der Ukraine nach Moldawien verlegt.
Das Script wurde noch während des Drehs ständig neu überarbeitet. Wie Hauptdarstellerin Barbara Steele später einmal erzählt hat: "We were given the pages day to day. We had hardly any idea what was going down on that film. We had no idea of the end, or the beginning, either, not at all." Noch nach Fertigstellung des Films wurde an den Dialogen herumgebastelt, was keine Schwierigkeit darstellte, da italienische Filme damals so gut wie immer nachsynchronisiert wurden.
Doch wie bereits gesagt, sind es ohnehin nicht die Dialoge, auf die man sich konzentrieren sollte. Ebenso unklug wäre es, sich über einige etwas eigentümliche Wendungen des Plots {vor allem den finalen Auftritt des dörflichen Lynchmobs} gar zu viele Gedanken zu machen.
Die Story unterscheidet sich nicht wesentlich von dem, was man auch in anderen Horrorflicks der Zeit zu sehen bekam: Im Moldawien des 17. Jahrhundert werden die dem aristokratischen Geschlecht der Vajda angehörende Hexe Asa (Barbara Steele) und ihr Bruder {und Geliebter?} Javuto (Arturo Dominici) von einem Inquisitionstribunal unter Führung des Zweitgeborenen der Vajdas zum Tode verurteilt. Das Urteil wird vollstreckt, indem den beiden die eiserne Maske Satans auf das Gesicht genagelt wird. Zuvor jedoch hat Asa noch ihren Bruder und sein Geschlecht verflucht und ihre einstige Rückkehr angekündigt. Zwei Jahrhunderte später bewahrheitet sich diese Prophezeiung und die wiedererwachte Asa geht daran, ihre Rache an den letzten Nachkommen der Vajdas zu vollstrecken. Dabei liegt ihr besonderes Augenmerk auf der jungen Katia (auch Barbara Steele), denn nur indem sie diese ihrer Lebensenergie beraubt, kann sie wirklich von den Toten auferstehen.
Der Plot birgt einige kleinere Überraschungen. So würde man spontan vielleicht annehmen, der väterliche Dr. Kruvajan (Andrea Checchi) werde zum Van Helsing der Geschichte, doch stattdessen ist er es, der {wenn auch unbeabsichtigt} für Asas Wiedererwachen sorgt. Und wenn die kleine Sonya (Germa Dominici) nachts zu einem Kuhstall geschickt wird, der neben dem alten Friedhof liegt, auf dem gerade Javuto seinem Grab entsteigt, dann wird man in ihr fast automatisch das erste Opfer des Vampirs sehen. Doch das ist nicht ihr Schicksal.

Aber all das sind letztlich bloß Nebensächlichkeiten. Was La maschera del demonio zu einem der echten Meisterwerke des "gotischen" Horrors macht, ist nicht die Story, sondern die atemberaubende Schönheit von Mario Bavas Cinematographie. Jede Szene, jede Kamerabewegung, jede einzelne Einstellung des Films spricht von einer Bewusstheit und Genauigkeit, von einer ästhetischen Sensibilität wie man sie nur bei einem ganz großen Künstler findet. NUTS4R2 schreibt in seiner Besprechung von Black Sunday:
[T]he crisp and clear compositions that strike you in any Bava picture are clearly present in every frame of film. I think it was Cameron Mitchell who I saw being interviewed on an extra on a Reigon 1 DVD of one or other of Bava’s Viking tales Knives Of The Avenger or Eric The Conqueror who said, and quite rightly so, that if you take any frame of film from a Mario Bava movie you will find yourself with an absolutely perfectly framed still photograph.
So kann man es beschreiben, doch als ich mir La maschera del demonio zum ersten Mal anschaute, musste ich dabei nicht an Fotographien, sondern an Gemälde denken – meisterliche Kompositionen aus Licht und Schatten, Schwarz und Weiß. Und damals wusste ich noch nicht, dass Bava einmal Maler hatte werden wollen. Die große Plastizität vieler Szenen, das Gefühl für Raum und Tiefe, das sie vermitteln, scheint mir nicht im Widerspruch zu dieser Charakterisierung zu stehen. Dass sich daneben auch einige Einstellungen finden, in denen die Figuren zu scherenschnittartigen Silhoutten vor einem hell leuchtenden Hintergrund werden, mag als Beispiel für die Reichhaltigkeit der visuellen Ästhetik in diesem Film dienen.

La maschera del demonio ist der letzte große Schwarz-Weiß-Horrorfilm. Er steht sehr deutlich in einer Tradition, die im deutschen Expressionismus der 20er Jahre begonnen und ihre Fortsetzung im Universal-Horror der 30er gefunden hatte. Doch ist der Film mehr als bloß Schlusspunkt einer Entwicklung. Bava bezog seine Inspiration zugleich aus dem gerade aufblühenden Brit-Horror des House of Hammer. Schon der Titel ist eine Anspielung auf La maschera di Frankenstein, wie The Curse of Frankenstein (1957) – der Film, mit dem Hammers Horrorreigen so richtig begonnen hatte – in Italien genannt wurde.
Einer der Gründe für den großen Erfolg der Hammer-Filme war die für die Zeit recht drastische Darstellung von Gewalt. Das in rauen Mengen vergossene, leuchtend rote Kunstblut war schon bald zu einem der Markenzeichen der Brit-Horror-Schmiede geworden. Und auch wenn in letzterer Hinsicht ein Schwarz-Weiß.-Film natürlich nichts vergleichbares anbieten konnte, zeichnet sich doch auch La maschera del demonio durch einige für einen Film vom Beginn der 60er Jahre recht heftige Szenen aus. In der Tat durfte Bavas Streifen dank der nimmermüden britischen Zensurbehörde erst 1968, und auch dann nur in leicht gekürzter Fassung, im Vereinigten Königreich gezeigt werden.
Zwei Szenen haben sich mir in dieser Hinsicht besonders stark eingeprägt. Zum einen der Moment in der Eröffnungssequenz, wenn Asa die auf der Innenseite mit eisernen Dornen gespickte Maske Satans auf das Gesicht genagelt wird und Fontänen schwarzen Blutes hervorschießen. Zum anderen jener Augenblick, wenn sich die leeren Augenhöhlen der wiederwachenden Vampirin ganz plötzlich mit milchig wirkenden Augäpfeln füllen.
Es wäre vermutlich nicht schwer, ein ganzes Buch über das Thema "Das Auge im italienischen Horrorfilm" zu schreiben. Man denke z.B. an Lucio Fulcis berühmte Augen-Obsession oder Dario Argentos Opera. Und auch in La maschera del demonio spielen Augen eine auffällig große Rolle. Vor allem Asas Augen. Wenn wir die {noch tote} Hexe zum ersten Mal "in der Gegenwart" sehen, konzentriert sich die Kamera auf ihre leeren Augenhöhlen, aus denen allerlei Insekten hervorgekrabbelt kommen. Dann hätten wir da die wiederhergestellten Augäpfel. Und wenn sie Professor Kruvajan endgültig in ihren Bann zieht, befiehlt sie ihm ausdrücklich, ihr in die Augen zu schauen. Später erfahren wir, dass der Holzpflock, mit dem man Vampire ins Jenseits befördert, in diesem Universum nicht das Herz des Untoten, sondern sein linkes Auge durchbohren muss.
Ich denke, dass man dieses Motiv im Zusammenhang mit dem deutlich spürbaren erotischen Unterton sehen muss, der viel zu der Faszination dieses Filmes beiträgt. Zwar weiß ich nicht, ob ich so weit gehen würde wie Hans Schmid, der über Black Sunday geschrieben hat, er sei "eine sehr sinnliche Abhandlung über Eros und Thanatos sowie über die männliche Angst vor der weiblichen Sexualität, die den Frauen nur diese Optionen lässt: sie müssen Heilige oder Hure sein, Jungfrau Maria oder Hexe". Doch ganz ohne Zweifel ist Bavas Film von einem morbiden Erotizismus durchtränkt. Das beginnt bereits mit der Eröffnungssequenz, die Sam Ishii-Gonzales sehr treffend als "a confluence of brutality and eroticism" beschrieben hat. Und Barbara Steele, deren Aufstieg zur europäischen Königin des Horrors mit diesem Film begann, war genau die richtige Darstellerin für diese Art verstörender Erotik. Wie Kim Newman einmal von ihr gesagt hat: "Blessed with a haunted face and a dry-ice sensuality, Steele is one of the screen's great vampires".* Das Beeindruckende an ihrer Doppelrolle in La maschera del demonio ist, dass sie als "tote" Asa sehr viel lebendiger wirkt denn als lebendige Katia. Die unschuldige Prinzessin hinterlässt den Eindruck einer verlorenen, kraftlosen Somnambulistin. Echte Leidenschaft zeigt nur Asa. Ob dies irgendetwas über Genderklischees aussagen soll, wie Hans Schmid offenbar annimmt, weiß ich nicht. Sehr viel wichtiger erscheint mir, dass Tod und Eros in Black Sunday eine beunruhigende Verbindung eingehen. Wohl nicht ohne Grund wird die Geheimtür, die zu Asas Gruft führt, von einem Gemälde geschmückt, das die nackte Hexe als Eva mit Schlange und Apfel darstellt.

Ein morbider, nicht selten fetischistischer Erotizismus gehört zu den Erkennungsmerkmalen sehr vieler klassischer italienischer Horrorfilme. Nur zwei Jahre nach La maschera del demonio sollte Riccardo Freda {gleichfalls mit Barbara Steele in der weiblichen Hauptrolle} z.B. den äußerst faszinierenden Streifen  L'Orribile Segreto del Dr. Hichcock drehen – einen der {erstaunlich seltenen} Horrorflicks, die sich mit dem Thema Nekrophilie auseinandersetzen. Auch in unser kleinen Mario Bava - Reihe werden wir dieser Eigenart des italienischen Horrors noch mehr als einmal begegnen.


* Kim Newman: Nightmare Movies. A Critical History of the Horror Film, 1968-88. S. 188.

Samstag, 26. Juli 2014

"I Vampiri"

Am Einundreißigsten dieses Monats können wir den einhundertsten Geburtstag des großen Mario Bava feiern. Anlass genug sich in den nächsten Wochen etwas eingehender mit einigen Filmen des Maestros zu beschäftigen, der als einer der Gründerväter des klassischen italienischen Horrorfilms zu gelten hat, und zugleich einer der stilprägenden und talentiertesten Vertreter dieses Genres war. 
Meine Absicht ist es, eine Auswahl von Werken aus unterschiedlichen Schaffensperioden Bavas vorzustellen, um so die Vielgestaltigkeit seines Talents {und zugleich auch ein Bisschen die Vielfalt des italienischen B-Movies} zu demonstrieren. Bisher umfasst mein Plan für diese kleine Serie {für dich ich mir wohlweislich keinen zeitlichen Rahmen gesetzt habe} folgende Titel:
  • La maschera del demonio (Black Sunday aka The Mask of Satan) von 1960
  • Ercole al centro della terra (Hercules in the Haunted World) von 1961
  • Sei donne per l'assassino (Blood and Black Lace) von 1964
  • Operazione paura (Kill, Baby, Kill) von 1966
  • l rosso segno della follia (Hatchet for the Honeymoon) von 1970
  • Gli orrori del castello di Norimberga (Baron Blood) von 1972
Zum Auftakt möchte ich heute jedoch erst einmal einen kurzen Blick auf den Film werfen, der ganz am Anfang des italienischen Horrorkinos stand und zu dessen Produktion Mario Bava nicht nur als Kameramann einen entscheidenden Beitrag leistete: Riccardo Fredas I Vampiri von 1956.

Das Horrorgenre war zu Zeiten des Faschismus mit einem offiziellen Bann belegt gewesen, und so existierte zumindest im italienischen Tonfilm keine entsprechende Tradition. Als Freda und Bava mit der Idee für einen solchen Streifen an verschiedene Produzenten herantraten, schlug ihnen deshalb zuerst einmal Misstrauen entgegegen. Erst als Freda versprach, den Flick in zwölf Tagen fertigzustellen, fanden sich Geldgeber. Doch als es nach zehn Drehtagen so aussah, als könne er sein Versprechen nicht einlösen, kam es zu heftigen Konflikten, und der temperamentvolle Freda stieg aus. Kameramann Bava übernahm für die letzten zwei Tage die Regie und stellte den Film tatsächlich in der vorgegebenen Zeit fertig.
Kennt man diese Hintergrundsgeschichte, so wirkt es vielleicht nicht mehr so verwunderlich, dass I Vampri einen etwas wirren und unausgegorenen Eindruck hinterlässt. Man mag auch die wirklich fürchterlich miese Schlussszene etwas gnädiger betrachten. In ein Meisterwerk des Horrorkinos verwandelt das den Flick allerdings nicht. Vor allem der Plot besitzt einfach zu deutliche Schwächen. Trotzdem ist I Vampiri in mancherlei Hinsicht ein recht faszinierender Film.
Zum einen weist das streckenweise sehr eindrucksvolle Spiel mit Schatten und Silhouetten bereits deutlich auf Bavas grandiose diesbezügliche Leistungen in  La maschera del demonio voraus. Zum anderen zeichnet sich der Streifen durch eine interessante stilistische Mischung aus. Die Geschichte von I Vampiri ist mehr oder weniger eine Übertragung der Legende von Gräfin Elisabeth Báthory in die Gegenwart. Das magische Ritual des Badens in Jungfrauenblut ist dabei durch eine "wissenschaftliche" Methode ersetzt worden, die jedoch dem gleichen Ziel dient {ewige Jugend & Schönheit} und ebensoviele Opfer erfordert. Rein inhaltlich betrachtet halte ich diese Adaption der alten Legende für weit weniger interessant und gelungen als etwa Peter Sasdys Countess Dracula (1971) mit Ingrid Pitt. Doch die Transplantation in die Gegenwart hat dazu geführt, dass der Film in stilistischer Hinsicht in zwei deutlich unterschiedliche Teile zerfällt, was ihn irgendwie verdammt faszinierend macht. Auf der einen Seite haben wir "realistisch" gehaltene Szenen im Paris der 50er Jahre, wenn Journalist Pierre und die Polizei eine Mordserie aufzuklären versuchen. Und dann plötzlich finden wir uns in einem klassischen "Gothic" - Universum mit alten Schlössern, staubigen Grüften, Skeletten, Folterkammern, Geheimgängen und einem frankensteinmäßigen Laboratorium wieder. Zwischen diesen beiden Szenarien springt der Film immer wieder hin und her, was ihm einen ganz eigenartigen Charakter verleiht. Die streckenweise geradezu opernhaft-wagnerianisch anmutende Musik von Roman Vlad & Franco Mannino wirkt dabei noch zusätzlich verstärkend.
I Vampiri ist sicher nicht der Film, den ich als Einstieg in den italienischen Horror oder das Werk von Mario Bava empfehlen würde. Einen kleinen Abstecher ist er jedoch allemal wert.

Strandgut der Woche