"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 3. März 2013

Zu Arthur Machens 150. Geburtstag

Of living creators of cosmic fear raised to its most artistic pitch, few if any can hope to equal the versatile Arthur Machen; author of some dozen tales long and short, in which the elements of hidden horror and brooding fright attain an almost incomparable substance and realistic acuteness.
So beginnt der Abschnitt über Arthur Machen in H.P. Lovecrafts berühmtem Essay Supernatural Horror in Literature.
Ich habe keine Ahnung, wie bekannt oder unbekannt der walisisch-englische Altmeister der Phantastik, dessen einhundertfünfzigsten Geburtstag wir heute feiern können, dem lesenden Publikum hierzulande ist. In den 90er Jahren erschienen viele seiner wichtigsten Erzählungen und Romane bei Piper, doch seitdem scheint sich kein deutscher Verlag mehr um ihn bemüht zu haben. Auf jedenfall wäre es sehr schade, wenn sein Name in Vergessenheit geraten sein sollte.

Arthur Machen wurde am 3. März 1863 als Sohn eines Pastors in Caerleon (Gwent/ Monmouthshire) geboren und wuchs dort auf. Obwohl er in seinem späteren Leben nur noch sehr selten einmal nach Wales zurückkehrte, hinterließen die raue Schönheit der Landschaft sowie die keltischen Mythen und römischen Altertümer seiner Heimat einen tiefen und bleibenden Eindruck auf ihn.
Da ein Universitätsbesuch aus finanziellen Gründen nicht in Frage kam, ging er schließlich nach London, wo er nach dem Willen seiner Familie Mediziner oder Journalist werden sollte. Doch statt eine bürgerliche Karriere einzuschlagen, wurde Machen schnell heimisch in den Kreisen der Bohème, wo er nicht nur seine erste Frau – die unkonventionelle Amy Hogg –, sondern auch den bekannten Okkultisten A.E. Waite und den Schriftsteller M.P. Shiel kennenlernte. Zu seinen ersten literarischen Arbeiten gehörten u.a. ein langes Gedicht über die Eleusinischen Mysterien sowie Übersetzungen des Heptameron der Margarete von Navarra und der Memoiren Casanovas. Um 1890 begann er Geschichten mit einem phantastischen und "gotischen" Flair zu veröffentlichen, von denen eine schließlich zur Grundlage für seinen ersten großen Roman wurde: The Great God Pan (1894). Das Buch wurde ein Erfolg und zugleich aufgrund seines sexuellen und dekadenten Charakters ein Skandal. Innerhalb des nächsten Jahres folgten einige von Machens bekanntesten Horrorerzählungen: The Inmost Light, The Shining Pyramid, The Red Hand und der Episodenroman The Three Impostors, der u.a. The Novel of the Black Seal und The Novel of the White Powder enthält.
Mit diesen Werken war Machen zu einem der bekannteren Vertreter der englischen Décadence der 1890er Jahre avanciert. Doch wie für die meisten Vertreter dieser künstlerischen Strömung bedeutete auch für ihn der 1895 eröffnete Gerichtsprozess gegen Oscar Wilde eine jähe Zäsur. Im selben Jahr war außerdem Max Nordaus Polemik Entartung zum ersten Mal in englischer Sprache erschienen, und die bürgerliche Öffentlichkeit wandte sich auf einmal mit heftiger Feindseligkeit gegen Symbolisten und Décadents, die als amoralisch und krankhaft beschimpft wurden.
Die nächsten sechs Jahre dürften der schwierigste Abschnitt in Machens Leben gewesen sein. Er veröffentlichte nichts mehr, sondern lebte von den allmählich zusammenschmelzenden Überresten einer bescheidenen Erbschaft. Der tragische Tod Amys  1899 warf ihn endgültig aus der Bahn. Möglicherweise hätte er sich nicht wieder gefangen, wäre da nicht die Hilfe einiger treuer Freunde gewesen, allen voran A.E. Waites, der ihn auch in den Hermetic Order of the Golden Dawn einführte – jene berühmt-berüchtigte mystizistische "Geheimgesellschaft", zu deren Mitgliedern u.a. William Butler Yeats, Algernon Blackwood und Aleister Crowley gehörten. Zwei Jahre später trat Machen einer Schauspieltruppe bei und 1903 heiratete er wieder.
In diesen dunklen Jahren verfasste Machen einige seiner größten Werke: Den Roman The Hill of Dreams, eine Reihe von Prosagedichten unter dem Titel Ornaments in Jade, die phantastischen Erzählungen The White People und A Fragment of Life sowie seine ästhetische Abhandlung Hieroglyphics.

Arthur Machens literarische Entwicklung besitzt bei näherer Betrachtung eine erstaunliche innere Folgerichtigkeit. Viele seiner Werke von 1894/95 legen beredtes Zeugnis seiner Faszination für die keltische und römische Antike ab. Dabei erscheint die heidnische Vergangenheit in den meisten Fällen allerdings als eine zugleich unheimliche und auf ungesunde Weise faszinierende Welt, die auf beunruhigende Art in die christlich-bürgerliche Gegenwart einbricht.
In The Shining Pyramid, The Red Arrow und The Novel of the Black Seal begegnen wir Machens eigenwilliger Interpretation der walisischenn Feenmythen, in der sich das "Kleine Volk" als die degenerierte Nachkommenschaft der vor Jahrhunderten unter die Erdeoberfläche vertriebenen vorkeltischen Bewohner Britanniens entpuppt. Den Einfluss, den diese Geschichten auf H.P. Lovecraft ausübten und der sich insbesondere in seiner Erzählung The Whisperer in Darkness zeigt, habe ich hier vor einiger Zeit bereits einmal angesprochen. Doch nicht nur er, auch sein Freund Robert E. Howard ließ sich von ihnen inspirieren, was sich am deutlichsten in dessen Cthulhu-Mythos-Story The Black Stone und in Worms of the Earth, dem beeindruckendsten Teil des Zyklus um den Piktenkönig Bran Mak Morn, erkennen lässt.
In The Great God Pan wiederum ist das Bild der Antike verbunden mit den bedrohlichen Kräften einer entfesselten (weiblichen) Sexualität. Wie kein anderes mir bekanntes Werk spiegelt der Roman die tiefe Furcht der viktorianischen Gesellschaft vor Sinnlichkeit, Leidenschaft und Sex wider.
In den besten dieser Geschichten, zu denen ich neben den genannten auch The Inmost Light zählen würde, beweist Machen seine Meisterschaft, wenn es darum geht, auf verstörende Weise das Bild einer Welt zu zeichnen, hinter deren scheinbar so geordneter und wohlbekannter Oberfläche sich düstere und zutiefst verdorbene Mächte verbergen. Die Beziehung zum lovecraftianischen Horror späterer Jahrzehnte ist augenfällig. Ebenso deutlich ist jedoch auch der Unterschied. Die kosmischen Schrecken des Gentlemans von Providence stehen jenseits von Gut und Böse. Der Begriff des "Verdorbenen" ließe sich auf sie schwerlich anwenden, da es in Lovecrafts Universum keine gottgegebene moralische Ordnung gibt, gegen die sich die in den Großen Alten verkörperten Mächte von Verfall und Zerstörung "versündigen" könnten. Anders bei Machen. Selbst in seinen "dekadenten" Werken, die ohne Zweifel einen Affront gegen den "guten Geschmack" der protestantisch-bürgerlichen Gesellschaft des damaligen England darstellten, ist der religiöse Grundton nicht zu überhören.
Sein meiner Ansicht nach bedeutendstes Werk The White People, über das ich mich vor geraumer Zeit hier bereits einmal ausführlich ausgelassen habe, entstand zwar erst 1899, wirkt jedoch wie die letzte und reife Frucht dieser ersten Periode in Machens Schaffen.

Von dieser meisterlichen Erzählung einmal abgesehen, stellen die in den dunklen Jahren 1896-99 entstandenen Werke den Übergang zu einer deutlich anderen Form der Phantastik dar. Man bekommt das Gefühl, als habe Machen versucht, die Lehren aus dem "Scheitern" der Décadence zu ziehen. Dabei vollzieht er allerdings keinen radikalen Bruch mit dem Alten, sondern setzt bloß in anderer Form und mit sehr viel klarer akzentuierter Stoßrichtung sein ursprüngliches Anliegen fort. Was ich damit meine, lässt sich am leichtesten anhand seiner ästhetischen Abhandlung Hieroglyphics. A note upon ecstasy in literature darlegen.

Was bei der Lektüre dieses Büchleins zuerst auffällt, ist, dass die Werke der Décadence so gut wie keine Erwähnung in ihm finden. Das gilt vor allem für die großen französischen Autoren. Man bekommt beinahe den Eindruck, als habe Machen Baudelaire, Huysmans, Mallarmé, Rimbaud, Verlaine und Villiers de L’Isle-Adam überhaupt nicht gekannt, was allerdings unwahrscheinlich ist, da Ornaments in Jade ohne das Vorbild der französischen Symbolisten kaum denkbar wäre. Dennoch straft der Autor von Hieroglyphics die französische Literatur, als deren einziger Vertreter Gustave Flaubert genannt wird, mit tiefster Verachtung. Dieser mit einem unangenehmen britischen Chauvinismus gepaarte Provinzialismus verleiht den Hieroglyphics einen starken Anhauch von Spießigkeit, der die universalen Ansprüche ihres Verfassers von vornherein fragwürdig erscheinen lässt.
Mit der Selbstherrlichkeit eines Propheten nämlich teilt Machen das Büchervolk in Böcke und Schafe, in ‘Lesestoff’ und ‘Literatur’. Der Unterschied ist grundsätzlicher Natur. Wahre Literatur zeichne sich dadurch aus, dass sie den Leser in einen Zustand der Ekstase versetze; ein quasi-mystisches Erlebnis, das er auch als "rapture, beauty, adoration, wonder, awe, mystery, sense of the unknown, desire for the unknown" umschreibt, und das den Menschen aus seinem Alltagsleben herausreißen und seine Sehnsucht nach dem Jenseitigen wecken soll. Die realistische Wiedergabe der sozialen Wirklichkeit dürfe ganz ausdrücklich nicht das Ziel des Schriftstellers sein. Bücher wie Thackerays Vanity Fair oder die Romane George Eliots und Jane Austens seien darum auch gar keine Kunst, sondern bloß mehr oder weniger amüsanter ‘Lesestoff’.
Man darf Machen nicht missverstehen. Es geht ihm nicht darum, einer offen religiösen oder allegorischen Dichtung das Wort zu reden. Dickens’ Pickwick Papers kommen seinem Ideal sehr viel näher als Bunyans Pilgrim’s Progress. Wahre Kunst besteht für ihn in "the shaping for us of ecstasy by means of symbols". Die ‘Fakten’ einer Erzählung stehen dann nicht für sich selbst, sondern verweisen auf eine höhere Realität, die in Worten überhaupt nicht ausgedrückt, deren Existenz nur mittels Symbolen angedeutet werden kann. Ganz gleich übrigens, ob der Autor dies beabsichtigt hat oder nicht. So war sich Dickens selbstverständlich nicht bewusst, dass er mit der Beschreibung von Mr. Pickwicks Hang zu Whiskey und Punsch Machens Ansicht nach auf eine ganz andere, ‘dionysische’ Form des Rausches hingedeutet hatte. Die Literatur erhält dadurch einen nachgerade okkulten Charakter. Ihre wahre Bedeutung erschließt sich nur dem Eingeweihten, und das sei auch gut so, denn "the high truth [...] is not fit for vulgar ears. The secret places of the human nature are not heedlessly to be exposed to the uninitiated, who would merely profane this occult knowledge if they had it."
Das größte Ziel aller wahren Literatur bestehe im Heraufbeschwören eines Gefühls der ‘Fremdartigkeit’. Sie soll uns aus der Alltagswirklichkeit entführen und die Sehnsucht nach dem Unbekannten in uns schüren, nach den ‘Ländern jenseits des Ostens’, nach Atlantis und Avalon. Dieses Ziel sieht Machen ebenso verwirklicht in den Irrfahrten des Odysseus und den Aventiuren der Artusritter wie in den Streifzügen Mr. Pickwicks und in Huckleberry Finns Fahrt auf dem Mississipi.
Wie insbesondere der Roman The Hill of Dreams, der in vielfacher Hinsicht eng mit Hieroglyphics verwandt ist, sehr deutlich zeigt, wurzelte diese Sehnsucht nach dem Fremden und Phantastischen bei Machen im Widerwillen gegen eine kleinbürgerliche, vulgäre, heuchlerische, intolerante und grausame Gesellschaft. Es ist die selbstzufriedene Gentry der nach dem Vorbild seiner Heimat Caerleon gezeichneten Kleinstadt Caerman, die den sensiblen und exzentrischen Lucian, den Helden des Romans, verspottet und quält. Das nur zu verständliche Verlangen, diesem Milieu zu entkommen, verwandelt sich bei dem Autor jedoch in ein mystisches Streben, die Grenzen der Wirklichkeit zu überschreiten und Zuflucht in den Sphären des Göttlichen zu finden. Er lässt keinen Zweifel daran, dass seine Ästhetik Teil einer religiösen Weltanschauung ist:
[E]cstasy is at once the most exquisite of emotions and a whole philosophy of life. And it is to the philosophy of life that we are brought, in the last resort. You know that there are, speaking very generally, two solutions of existence; one is the materialistic or rationalistic, the other, the spiritual or mystic. If the former were true, then Keats would be a queer kind of madman, and the Morte d'Arthur would be an elaborate symptom of insanity; if the latter is true, then Pride and Prejudice is not fine literature, and the works of George Eliot are the works of a superior insect – and nothing more.
Ganz gleich, was der reale Inhalt eines Kunstwerks sein mag, wenn es sich bei ihm um ‘wahre Kunst’ handelt, so ist es für Machen eine Art Gottesdienst: "[T]o us, initiated, the Symbol will be offered, and we shall take the Sign and adore, beneath the outward and perhaps unlovely accidents, the very Presence and eternal indwelling of God."
Der Gegner ist dementsprechend auch nicht die bürgerliche Gesellschaftsordnung, sondern der Rationalismus und Materialismus – mit anderen Worten: die Aufklärung und ihre Erben. Hieroglyphics gipfelt folgerichtig in einer plumpen Polemik gegen Wissenschaft und Vernunft, bei deren Lektüre man sehnsuchtsvoll an Chesterton denken muss, der dergleichen wenigstens noch witzig und geistreich vorzutragen verstand.
Nun waren Empirismus, Positivismus und Utilitarismus stets die Philosophie des bürgerlichen England gewesen. Insofern ist Machens mystizistische Revolte, seine Verteufelung von Francis Bacon und allem, was dieser verkörperte, nicht ganz unverständlich. Aber wie alle Romantiker, die sich aus Abscheu vor der modernen Welt vorbürgerlichen Denk- und Lebensformen zuwenden, statt die Errungenschaften der Bourgeoisie über die Grenzen ihrer eigenen Ordnung hinauszutreiben, wird auch Machen damit zum Fürsprecher der konservativsten Kreise seiner Zeit. Er selbst lässt keinen Zweifel an der politischen Dimension seiner Überzeugungen:
I mean that the premiss which enables me to declare Keats to be a poet and Pope not to be a poet does really enable me to pronounce democracy to be a bad system in theory, and the premiss baldly stated is simply this: that logic does not cover life, or in other words, that life cannot be judged by the rules of logic, of common sense.
Der arme Alexander Pope war schon immer der bevorzugte Prügelknabe der Romantiker gewesen, und dass Machen ihn aus dem Tempel der Dichtkunst verbannt, ist deshalb nicht weiter verwunderlich. Aber Keats wäre ganz sicher empört und verwirrt gewesen, hätte man ihm erzählt, dass irgendjemand sein poetisches Genie als Argument gegen die Demokratie ins Feld führen würde.

Man wird die dekadente Phantastik des frühen Machen nur schwer mit dem in Hieroglyphics verkündeten ästhetischen Programm in Einklang bringen können. Das Groteske und Fremdartige ist zwar reichlich vorhanden, aber nirgends lässt sich etwas von "the very Presence and eternal indwelling of God." spüren.
Dennoch stellten auch diese Geschichten eine Art Rebellion gegen die spießbürgerliche Gesellschaft dar und enthielten, wie bereits gesagt, ein religiös-moralisches Element. Was sich nach den dunklen Jahren änderte war, dass Machen das "ungesund" Dekadente (sprich interessante) aus seiner Literatur verbannte und stattdessen den reaktionären, antimaterialistischen, antirationalistischen Impuls, der seiner Weltanschauung schon immer zu eigen gewesen war, überdeutlich hervorhob. Sei es, dass er in The Secret Glory einen Schuljungen auf die Suche nach dem Heiligen Gral schickte, in The Bowmen anlässlich des gerade ausgebrochenen Weltkriegs ein patriotisches Wundermärchen erfand oder in The Terror schilderte, wie sich die Tiere gegen die Menschheit wenden, weil diese mit ihrer Hinwendung zu Wissenschaft und Materialismus ihr gottgebenes Geburtsrecht der Herrschaft über die Natur ("Macht euch die Erde untertan") verwirkt hat.
Das war in gewisser Weise konsequent, für Machens Entwicklung als Schriftsteller jedoch nicht unbedingt von positiver Wirkung. Es versteht sich beinah von selbst, dass alles, was er nach den dunklen Jahren geschrieben hat, von sehr viel geringerem künstlerischem Interesse ist als seine zwischen 1894 und 1900 entstandenen Werke. Da hilft es auch nur wenig, dass The Terror möglicherweise die Inspiration für Daphne du Mauriers Erzählung The Birds gewesen ist, auf der wiederum Alfred Hitchcocks berühmter Film basiert.
Mit seinen frühen Werken jedoch hat der Autor sich ohne Zweifel einen Ehrenplatz in den Annalen der Phantastik verdient. Mag sein antimoderner Mystizismus ihn später auch in wenig erbauliche Gefilde geführt haben, nichts davon kann die verstörende Faszination von The Great God Pan, The Shining Pyramid, The Novel of the Black Seal, The Inmost Light  und The White People oder die eigenwillige Romantik von The Hill of Dreams zerstören.


PS: Wie mir der in solchen Fragen über ein wahrhaft enzyklopädisches Wissen verfügende Mr. Jim Moon bestätigt hat, scheint es so gut wie keine Filmadaptionen von Machens Werken zu geben. Warum???

Samstag, 2. März 2013

Kluge Worte von Clark Ashton Smith

But I have one remark to make on publishers in general: Their principal defense is that they must give the public what it wants – but are they not in many ways responsible for the taste of the public – are not they with the periodicals, theaters, etc., largely the creators of the current depraved standards? If all were to band together to refuse the publication of the torrents of wish-wash – and worse – that are rotting the appreciation of anything better in so many minds – could they not educate their readers (and audiences) to something higher? Most people are neither better nor worse, mentally or any other way, than their environment – and literature and its counterparts are a potent part of environment.
Aus einem Brief an George Sterling vom 12. April 1912

(In: David E. Schultz & S.T. Joshi (Hg.): The Shadow of the Unattained. The Letters of George Sterling and Clark Ashton Smith. S. 42.)

Strandgut der Woche

Donnerstag, 28. Februar 2013

Der VFX-Oscar und die Krise des amerikanischen Films

Wenn die Oscar-Verleihung durch den Kotau der versammelten Hollywood-Elite vor der Obama-Administration und den US-Streitkräften & -Geheimdiensten eine Art politischen Offenbarungseid darstellte, und  die geschmacklosen Witzeleien von Gastgeber Seth MacFarland zugleich einen unappetitlichen Einblick in den moralischen und intellektuellen Zustand des "offiziellen" Amerika eröffneten, ließen sich die Ereignisse rund um den VFX-Oscar u.a. als ein unbeabsichtigtes Eingeständnis der tiefen künstlerischen Krise interpretieren, in der nicht nur der amerikanische Film schon seit längerem steckt.
Das mag etwas weit hergeholt klingen, denn offensichtlich geht es bei dem Ganzen doch in erster Linie um Profit. In ihrer Jagd nach dem Geld zwingen die großen Studios den Angestellten in der VFX-Branche immer unerträglichere Arbeitsbedingungen auf. Wie es Ryan P. Wilson von Authority FX kürzlich beschrieben hat:
I’ve had artists tell me horror stories about being required to work upwards of 35 hours straight, or having to work 100 hours per week.  Overtime is seldom paid, and weekends are often spent in the studio staring into a monitor.  Make no mistake, this is not a choice.  The only choice is whether or not to continue in visual effects.  The minute you stand up and say you’ve had enough, you’ll be let go and replaced with fresh meat.  The sad fact is that many artists are under short term contract and have no access to benefits or health care.  Most artists are just another contract employee on the ‘studio tour’.
Offenbar ist es in der Branche nicht unüblich, Studenten & Studentinnen umsonst arbeiten zu lassen. In einigen Fällen müssen diese sogar dafür bezahlen, dass sie an einem begehrten Projekt mitarbeiten "dürfen".
Die großen Studios sind kapitalistische Unternehmen und sie verhalten sich folgerichtig auch ganz genauso wie alle anderen kapitalistischen Unternehmen. Was keine Entschuldigung ist. Das wirklich erstaunliche an den Ereignissen des Oscar-Abends war jedoch die tiefe Verachtung, mit der Hollywoods künstlerisches Establishment den VFX-Angestellten begegnete. Während ungefähr vierhundert von diesen einen Protest vor dem Gebäude veranstalteten, verwandelten Seth MacFarland und die Avengers-Darsteller die Verleihung des VFX-Oscars an das Team von Life of Pi in eine herablassende Farce. Diesem traurigen Schauspiel folgte das brutale Abwürgen von Bill Westenhofer, als dieser die prekäre Lage in der Industrie anzusprechen versuchte. Ang Lees Dankesrede, in der dieser so ziemlich jeden erwähnte, der an der Produktion von Life of Pi beteiligt war, die VFX-Leute jedoch mit Schweigen überging, verstärkte noch den unangenehmen Eindruck.
Was an all dem besonders bizarr erscheint, ist, dass von allen, die künstlerisch an der Herstellung von Filmen beteiligt sind, die VFX-Leute diejenigen sind, die die geringste Verantwortung für die herrschende Krise in Hollywood tragen. Sie sind nicht schuld daran, dass immer mehr Regisseure Visual Effects dazu verwenden, über die inhaltliche Armut ihrer Projekte oder ihr eigenes künstlerisches Unvermögen hinwegzutäuschen. Sie besitzen so gut wie keine Kontrolle darüber, wozu ihre Arbeiten verwendet werden, doch die ihnen gestellten Aufgaben bewältigen sie oft auf geradezu spektakuläre Weise. Der Bereich, in dem sie tätig sind, ist der einzige, der sich nicht schon seit Jahrzehnten durch Stagnation oder Verfall auszeichnet. Wenn es etwas am amerikanischen Film der letzten zwanzig Jahre zu bewundern gibt, so sind es die Produkte ihrer Arbeit und ihres kollektiven Talents.
Wenn ich die Ereignisse von letztem Sonntag vor diesem Hintergrund betrachte, drängt sich mir der Verdacht auf, als schwinge in dem herablassenden Verhalten der "großen" Künstler & Künstlerinnen das unausgesprochene Eingeständnis ihrer eigenen Mittelmäßigkeit mit. Möglicherweise spüren auch sie, dass viele der großen Hollywood-Produktionen, denen sie ihren Status und ihren Ruhm verdanken, in erster Linie von den Visual Effects leben. Sich dies offen einzugestehen, würde jedoch unangenehme Fragen aufwerfen. Man könnte nicht mehr so weiter machen wie bisher, sondern müsste damit beginnen, nach einem Ausweg aus der Krise zu suchen. Und wie auch immer dieser aussehen mag, er würde den Ausbruch aus dem angenehmen Kokon von Selbstverliebtheit, Starkult, Konformismus und Luxus bedeuten, in den sich ein Großteil von Hollywood in den letzten Jahrzehnten eingesponnen hat.
Mit anderen Worten: Die großen Leistungen der VFX-Künstlerinnen und -Künstler wirken wie eine beständige Anklage gegen die intellektuelle und ästhetische Dürftigkeit des Rests der Filmindustrie. Auch wenn ich nicht glaube, dass es sich dabei um eine bewusste Reaktion handelt, erscheint mir der Hochmut von Ang Lee und Konsorten doch wie das Produkt eines Minderwertigkeitskomplexes. Jedenfalls gäbe es dafür mehr als genug Gründe. 

 
PS: Wer sich für die in Reaktion auf die allgemeine Lage in der Industrie und das Oscar-Geschehen im besonderen gestartete Kampagne VFX Solidarity International interessiert, schaue einmal auf deren Facebook-Seite vorbei.

Mittwoch, 27. Februar 2013

Oscar - Nachschlag

(1) Die Jaws - Melodie wurde tatsächlich dazu benutzt, eine missliebige Meinungsäußerung zu unterdrücken. Dazu muss man wissen, dass die Situation für viele Angestellte in der Visual Effects - Branche aufgrund von Outsourcing, Lohnsenkungen und Massenentlassungen momentan wirklich mies aussieht. Die großen Studios versuchen mit aller Macht die Kosten zu senken, was u.a. zum Bankrott der Firma Rhythm + Hues geführt hat, die an der Produktion von Ang Lees Life of Pi beteiligt war. Als der Visual Effects - Oscar an Life of Pi ging, und einer der Gewinner (Bill Westenhofer) in seiner Dankesrede die Lage bei Rhythm + Hues und in der Industrie anzusprechen versuchte, wurde ihm erst mit Jaws über den Mund gefahren und dann das Mikro abgedreht. Siehe hier. Als wäre dies nicht bereits derb genug gewesen, besaß Ang Lee auch noch die Frechheit, in seiner Dankesrede die VFX-Arbeiter & - Arbeiterinnen bewusst zu übergehen. Phillip Brostes Offener Brief an Ang Lee fasst es recht gut zusammen.

(2) Wer ein besonders hübsches Beispiel dafür sehen will, wie gut sich Political Correctness mit blindem politischem Konformismus verträgt, gucke sich die Rezension von Ben Afflecks Argo auf Tor.com an. Steven Padnick schwätzt viel über orientalistische Klischees, die der Film angeblich zugleich entlarve und selbst vermeide. Das liest sich dann z.B. wie folgt:
Affleck makes the audience aware of the unreality to make us question if what we are seeing is accurate in this and all films, even science fiction movies. After all, genre fiction has an unfortunate habit of taking real ethnicities, dressing them up as aliens, then getting conflict out of our (white) protagonists inability to deal with these strange beings (looking at you, Star Trek.) “Argo,” the movie within the movie, is rife with Orientalism, taking place on a desert planet, “Middle Eastern in feel,” with scenes at the bazaar, the palace, and on the dunes. We don’t see much of the film they are pretending to make [...] but it looks like a poorly-written and more racist version of Star Wars. Orientalism is not a mistake the actual movie Argo makes. For a film in which a CIA agent is firmly positioned as the good guy, the Iranians are presented as diverse, humane, educated, and completely aware of a world outside their borders who have real grievances with the interference of American and British forces. Tehran is not an alien city at all, but a modern one that looks like Los Angeles from the air. Of course, the banality of the city makes the violence of the Revolutionary Guard all the more shocking, women eating Kentucky Fried Chicken are immediately contrasted with men hung from cranes.
Die rassistischen Klischees in alten SciFi-Filmen sind für Steven Padnick offenbar ein Problem (und ich will nicht behaupten, sie wären keins), die US-Politik im Mittleren Osten und das verbrecherische Treiben der CIA scheinbar nicht. Jedenfalls lässt er darüber nicht eine einzige kritische Bemerkung fallen. Mit anderen Worten: Imperialismus ist in Ordnung, solange er politisch korrekt verpackt wird.

(3) Die besten Twitter-Kommentare zum Oscar-Abend, die mir unter die Augen gekommen sind, stammen von Fantasyautor Saladin Ahmed:

Dienstag, 26. Februar 2013

Das alljährliche Fremdschämen zur Oscar-Verleihung

Vor sieben Jahren schaute ich mir zum ersten Mal die Oscar-Verleihung live im Fernsehen an. Ich dachte wohl, für einen an Film interessierten Menschen sei das irgendwie eine Art Pflicht. Wohlweislich habe ich diesen irregeleiteten Versuch seitdem nicht noch einmal unternommen. Sich nachträglich eine Zusammenfassung reinzuziehen und ein paar Artikel darüber zu lesen, ist wirklich mehr als ausreichend. Hollywoods große Nacht der Selbstgratulationen ist ein im besten Falle langweiliges, oft genug peinliches, nicht selten unappetitliches Spektakel. Jahr für Jahr präsentieren sich die führenden Kreise der amerikanischen Filmindustrie dabei als eine vom Rest der Welt weitgehend abgeschottete, selbstzufriedene Clique, die es genießt, sich selbst zu feiern und sich dabei in Luxus, Eitelkeit und Narzissmus zu ergehen. Nur selten einmal dringt ein kleines bisschen Realität in dieses bizarre Paralleluniversum ein.
Die diesjährige Zeremonie bildete da keine Ausnahme. Zusätzlich diente sie als Plattform für ein besonders widerliches und würdeloses Anbiedern der Hollywood-Liberalen an das herrschende Establishment. Eine Liveübertragung aus dem Weißen Haus, damit Michelle Obama den Sieger in der Kategorie "bester Film" verkünden konnte?!? Ehrlich!?! Wie weit wollen sich diese Leute in ihrer kriecherischen Begeisterung für den "ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten" eigentlich noch erniedrigen? Werden wir nächstes Jahr zur Feier der Oscar-Verleihung ein Geschwader von Predator-Drohnen Formationsflüge über Los Angeles durchführen sehen?
Vielleicht sollte man ja froh sein, dass wenigstens Zero Dark Thirty so gut wie leer ausgegangen ist. Es war schon übel genug, im Vorfeld miterleben zu müssen, wie Kathryn Bigelows Glorifizierung von CIA-Folterknechten und Special Commands-Killern von "linken" Intellektuellen wie Michael Moore mit "künstlerischen" und "feministischen" Argumenten verteidigt wurde.
Aber das ist nur ein geringer Trost, wenn dafür ein Drehbuch-Oscar an Quentin Tarantino geht* und einer der großen Sieger des Abends Argo heißt.
Und da in letzterem ein trashiger SciFi-Film eine zentrale Rolle spielt, war für ein paar Vertreter der phantastischen Netzgemeinde damit auch gleich die Gelegenheit gegeben, sich ordentlich mit zu blamieren.
Das Fremdschämen nimmt schmerzhafte Formen an, wenn man einen Artikel wie Ryan Britts How Science Fiction (Kind Of) Saved the Oscars auf Tor.com liest. Der gute alte William Shatner hatte also einen Gastauftritt als Jim Kirk, "Harry Potter" Daniel Radcliffe durfte ein bisschen auf der Bühne rumtanzen und überlange Dankesreden wurden mit der Musik aus Jaws abgewürgt** ... Ist das nicht klasse!? Hi hi hi ... Oh Gott,  Geeks können manchmal echt fürchterlich peinlich sein! Man werfe ihnen ein paar Brocken Popkultur vor und sie benehmen sich wie Kinder bei der Weihnachtsbescherung, glauben jedoch zugleich, dass sie damit unglaublich "cool" und "hip" wären. Wirklich schlimm jedoch wird es, wenn Britt zu Argo kommt:
The Ben Affleck-directed film won Best Adapted Screenplay and then, in a live video appearance by First Lady Michelle Obama herself, it was awarded Best Picture! The fact that Argo cleaned up at the Oscars is heartening, not only because it’s a fantastic and entertaining film, but also because it’s also a story about how science fiction literally helped asve people's lives..
Briefly, if you haven't seen the film: in 1979, CIA agent Tony Mendez collaborated with Hollywood make-up artist John Chambers to create a fake science fiction movie to act as a cover story for the attempted extraction of U.S. hostages from Iran. In real life, the Argo script was based on Lord of Light (which was based on the Roger Zelazny novel of the same name). Mendez’s Hollywood collaborator – John Chambers – also managed to enlist several science fiction heavyweights in the “making” of Argo, including Ray Bradbury and Jack Kirby. And while not all of these SF details made it into the film, the notion that this fantastical sci-fi tale served as vehicle that enabled people to escape capture and even death is truly inspiring. Argo itself might not be a science fiction movie, but it's certainly one that champions the importance of the genre.
Also, the acceptance speech from Ben Affleck was ridiculously heartfelt. We forgive you for Daredevil, Ben! Thanks for Argo!
From Kirk to Potter to Adele to Obama, this year's Oscars were a wild ride.
Das Ausmaß an Konformismus und Ignoranz ist wirklich erschreckend. Argo feiert die Zusammenarbeit von CIA und Hollywood vor dem Hintergrund der Iranischen Revolution!
Leute wie Britt haben offenbar nicht die leiseste Ahnung davon, welche Rolle der amerikanische Geheimdienst in der tragischen Geschichte des iranischen Volkes gespielt hat. Vom Sturz des Linksnationalisten Mossadegh 1953 über den Auf- und Ausbau des Folterregimes des Schahs bis hin zum aktuellen Terror- und Sabotagefeldzug, der schon morgen in eine militärische Invasion des Landes übergehen könnte.
Man wird kaum von Hollywood erwarten können, eine ernsthafte künstlerische Auseinandersetzung mit der Revolution von 1979 hervorzubringen. Dies ist selbst den großen iranischen Filmemachern wie Abbas Kiarostami oder Jafar Panahi, die die meisten ihrer amerikanischen Kollegen um ein vielfaches überragen, bisher nicht gelungen. Die Ereignisse, die zum Sturz des Schahs und zur Errichtung des Mullah-Regimes geführt haben, sind nach wie vor von einem so dichten Schleier aus westlicher und offiziell-iranischer Propaganda umgeben, dass es eine außergewöhnliche Künstlerin oder einen außergewöhnlichen Künstler bräuchte – frei von jedwedem Konformismus und ausgestattet mit einem tiefen und kritischen Verständnis für geschichtliche Entwicklungen –, um hier erfolgreich sein zu können.
Doch kann dies keine Entschuldigung dafür sein, Ben Afflecks Streifen, in dem die iranischen Massen wie üblich als ein Haufen  irrationaler Fanatiker dargestellt werden, während CIA-Agent Mendez und seine Hollywood-Kollaborateure die großen Helden sind, zu bejubeln.



* Tarantinos Drehbücher sind nicht mehr als eine clevere Aneinanderreihung cooler Dialogschnipsel. Er ist völlig unfähig, Figuren zu entwickeln oder einen glaubwürdigen und kohärenten Handlungsablauf zu gestalten.
** Ist inzwischen eigentlich völlig vergessen, wie man Michael Moore 2003 das Mikro abdrehte, als er es wagte, George Bush und den Irakkrieg zu kritisieren?

Montag, 25. Februar 2013

Erinnerungen an Gert Fröbe

Heute vor einhundert Jahren, am 25. Februar 1913, wurde im sächsischen Oberplanitz (heute Zwickau-Planitz) der große Gert Fröbe geboren.
Eine fundiertere Einschätzung seiner Karriere und seines Lebenswerks würde voraussetzen, dass ich mir zuvor eine ganze Reihe seiner Filme wieder einmal anschauen müsste. Und so verführerisch mir ein derartiges Unternehmen auch erscheint, seine Umsetzung wäre momentan unmöglich. Und so beschränke ich mich darauf, einfach einige der Gedanken niederzuschreiben, die mir anlässlich dieses Jubiläums heute so gekommen sind.
Meine erste Begegnung mit Gert Fröbe muss sich in relativ jungen Jahren abgespielt haben. Vermutlich habe ich ihn damals in seiner Rolle als Räuber Hotzenplotz in Gustav Ehmcks Adaption von Otfried Preußlers Buch aus dem Jahre 1974 gesehen, möglicherweise auch als Friedshofswärter und Vampirjäger Geiermeier in der elf Jahre später entstandenen ersten Filmversion von Angela Sommer-Bodenburgs Der kleine Vampir.  Am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist er mir jedoch zweifelsohne als Oberst Manfred von Holstein aus Ken Annakins Klassiker Those Magnificent Men in their Flying Machines (Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten [1965]) – ein Film, den ich mir unbedingt wieder einmal anschauen sollte. Die Szene, in der der preußische Offizier mit seiner Pickelhaube einen Heißluftballon zum Absturz bringt, ist mir unvergessen geblieben.
Als nächstes dürfte mir Fröbe als zwielichtiger Millionär Abel Bellamy in Jürgen Rolands Der grüne Bogenschütze (1961) begegnet sein. Erstaunlich eigentlich, dass dies der einzige Edgar Wallace - Flick gewesen ist, in dem er mitgespielt hat. Wenig später dann lernte ich ihn in auch in jener Rolle kennen, die ihn zu einer internationalen Berühmtheit gemacht hatte: Als Superschurke Auric Goldfinger in Guy Hamiltons Bond-Klassiker aus dem Jahre 1964. Lange Zeit gehörte ich zu jenen, die Goldfinger für den letztlich unübertrefflichen 007-Film schlechthin halten. Inzwischen würde ich auf diesem zwar weitverbreiteten, aber eigentlich nur schwer mit Argumenten zu verteidigenden Vorurteil nicht länger beharren wollen. Aber da ich in den letzten Jahren ohnehin eine heftige, sicher leicht irrationale Abneigung gegen das gesamte Franchise entwickelt habe, ist diese Frage für mich sowieso kaum mehr von Belang.
Soweit meine Kindheit und Jugend. Als ich Jahre später begann, mich ernsthaft mit Film als Kunstform auseinanderzusetzen, realisierte ich nach und nach, dass Gert Fröbe nicht bloß die komische oder groteske Figur gewesen ist, als die ich ihn bisher wahrgenommen hatte. Er war ein wirklich großer Schauspieler. 
Da wäre z.B. seine beeindruckende Darstellung des psychopathischen Kindermörders Schrott in Ladislao Vajdas & Friedrich Dürrenmatts Es geschah am hellichten Tag (1958). Seine Leistung dürfte in erster Linie dafür verantwortlich sein, dass dies der einzige Heinz Rühmann - Film ist, den ich trotz der Irritationen, die der Ewige Kleinbürger des deutschen Kinos stets in mir hervorruft, rückhaltlos genießen kann.
In Paul Mays Adaption von Tygve Gulbranssens  Und ewig singen die Wälder (1959) {klingt vielleicht wie Der Förster vom Silberwald, ist aber alles andere als eine Heimatschnulze} beeindruckte er mich als tyrannischer Großbauer Dag Björndal, lebendige Verkörperung einer aufsteigenden bäuerlich-bürgerlichen Mittelschicht mit all ihrem Hochmut und all ihrem Hass auf die alte Aristokratie.
Als Pater Hoffmann in Ludwig II. (1972) brillierte er sogar unter der Regie eines meiner cineastischen Götter – Luchino Visconti.
Und auch wenn Terence Youngs Triple Cross (Spion zwischen zwei Fronten [1966]) sicher kein unsterbliches Meisterwerk der Filmkunst ist, beeindruckte mich Fröbe darin doch als Oberst Steinhäger, vor allem wenn der eigentlich durchweg primitiv und abstoßend wirkende Nazioffizier sehr klug bemerkt, er sei doch bloß der pflichtbewusste Polizist und Polizisten wie ihn werde man stets brauchen, ganz gleich welches System dem Dritten Reich folgen wird.
Seine Rolle als Kommissar Kras in Die 1000 Augen des Dr. Mabuse (1960) war sicher weniger spektakulär, aber immerhin leistete er damit seinen Beitrag zu dem einzigen späten Mabuse-Film, der noch von Fritz Lang gedreht wurde und der am ehesten an das Erbe von Dr. Mabuse, der Spieler (1922) und Das Testament des Dr. Mabuse (1933) anzuknüpfen verstand, indem er die Figur des genialen Verbrechers mit aktuellen gesellschaftlichen Themen verband.

Sonntag, 24. Februar 2013

Tall Tale oder poetisches Märchen ?

Es sind vor allem zwei Dinge, die ich an Catherynne M. Valente nach wie vor schätze. Zum einen der überbordende Lyrismus ihrer Sprache, auch wenn sie dabei stets in der Gefahr schwebt, ins Pompöse abzugleiten. Zum anderen ihr zugleich liebevoller wie kritischer Umgang mit Motiven aus Märchen und Mythos.
Nach einer kurzen Fanboy-Phase habe ich inzwischen allerdings ein etwas distanzierteres Verhältnis zu der Autorin entwickelt. Über einige der Gründe dafür habe ich hier vor längerer Zeit schon einmal berichtet. Hinzu kommt, dass die stereotyp feministische Ausrichtung ihrer Erzählungen irgendwann etwas langweilig wird, vor allem wenn man mehrere davon kurz hintereinander liest. Es wäre wirklich sehr erfreulich, wenn sie ihren Themenkreis einmal ein wenig ausweiten würde. Und von Deathless werde ich wohlweislich auch in Zukunft die Finger lassen, da ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass Valente über das nötige historische Verständnis verfügt, um sich auf angemessene Weise künstlerisch mit der frühen Sowjetgeschichte auseinanderzusetzen. Auch scheint mir bei diesem Thema der "Mythpunk" - Ansatz besonders ungeeignet zu sein.

Nichtsdestoweniger lässt mich die Nachricht, dass ein neues Buch von ihr erschienen ist, immer noch aufhorchen. Ich werde es zwar kaum in absehbarer Zukunft in Händen halten können, doch dankenswerterweise präsentiert Tor.com seiner Leserschaft einen Auszug aus Six-Gun Snow White, so dass es möglich ist, einen ersten Eindruck von der Geschichte zu bekommen. Ganz glücklich bin ich nach der Lektüre jedoch leider nicht.

Die vorangestellte Zusammenfassung des Inhalts liest sich folgendermaßen: 
Valente’s adaptation of the fairy tale to the Old West provides a witty read with complex reverberations from the real world. Snow White is the daughter of a Crow woman abducted and forced into marriage by an unloving white magnate called only Mr. H. She gets her name in mockery, as white is "the one thing I was not and could never be." When her father remarries, Snow White’s glimpse into the second Mrs. H’s mirror suggests they share the yoke of female subservience, but the two are inevitably at odds – so the young woman dons a man’s clothes and, like Huck Finn, chooses the "Indian Territory" that so frightens Mr. H’s world. Enter a pursuing Pinkerton’s detective, a pony named Charming, seven kick-ass outlaw ladies, and a variety of showdowns as Snow White searches for meaning, love, and a semblance of belonging.
Eine solche Vermischung von Märchen- und Wildwestmotiven ist sicher nicht grundsätzlich unmöglich, aber sie erfordert großes sprachliches und erzählerisches Geschick, wenn sie nicht gekünstelt wirken soll. Der auf Tor.com wiedergegebene erste Teil von Six-Gun Snow White hat bei mir unglücklicherweise den Eindruck hinterlassen, dass Cat Valente dabei ihr eigener lyrischer Sprachstil im Wege gestanden hat, auch wenn dieser im Vergleich zu früheren Erzählungen deutlich zurückgenommen wirkt.  
Ihre Vorliebe für "auserlesene" Wörter, poetische Bilder und ungewöhnliche Metaphern passt sehr gut zu einer exotisch-phantastisch-märchenhaften Welt wie der der Orphan's Tales, in einer revisionistischen Wildwest-Story wirken solche Stilmittel eher fehl am Platze. Eine Orientierung am Vorbild der Tall Tales des alten Westens wäre da meiner Ansicht nach sehr viel stimmiger gewesen. Tatsächlich scheint mir Valente versucht zu haben, einige Elemente dieser genuin amerikanischen Form der "oral poetry" nachzuahmen.* Doch stehen daneben völlig unverbunden auch wieder Passagen wie die folgende:
He returned to his rooms to collect the bride gifts that would ensure her. Mr. H chose a gown like the sun to represent him. It sported a high bustle as was the fashion in the city, with sharp pleating at the skirt-hem and a neckline I would not wear if it were stitched in paper money. But the color did not recall the wholesome sun of spring. Its model was instead the terrible inferno of the sun itself, hanging in black space like a Utah ruby, erupting into eternity, pocked with lava.
Sätze wie der letzte wirken in diesem Kontext irgendwie unpassend und fast schon ein bisschen lächerlich. Durch das Einfügen "amerikanischer" Begriffe wie "Utah ruby" wird dieser Eindruck nicht abgeschwächt, sondern eher noch verstärkt. Auch hilft es wenig, dass Snow White die Erzählerin ihrer eigenen Geschichte ist. Aus ihrem Mund klingen Valentes stilistische Eigenheiten wie etwas, was sich das Wildwestmädchen aus irgendwelchen Büchern angelesen hat. So etwa in der Beschreibung des verhängnisvollen Spiegels ihrer Stiefmutter:
It was not like any of the mirrors Mr. H had brought over from Italy and France, with gold all over them and fat babies holding up the corners. It did not have any roses or lilies or ribbons cut out of silver. It was like a door into nothing. The glass did not show the buttery light of the house behind me. It did not show the forest or the meadows. It did not even show me. The glass was so full up of dark it looked like someone had tripped over the night and spilled it all into that mirror. The frame was wood, but wood so old and hard and cold it felt like stone. I reckoned if it came from a tree that tree was the oldest, meanest tree in a forest so secret not even birds knew about it. That tree saw dinosaurs and did not think much of them. I touched the mirror and my fingers went hot and cold, like candles melting.
The moon came on inside the mirror. I could see the craters and the mountains on it clear and true. But the night above my head was moonless as a sack of wool. I dropped the muslin but I did not scream. I do not scream generally or cry very much. But I can run powerful fast.
Ein nur wenige Seiten umfassender Auszug aus einem Buch kann selbstverständlich keine Grundlage für eine fundierte Einschätzung sein.  Auch findet sich neben solchen etwas irritierend wirkenden Passagen genug sprachlich wie inhaltlich Gelungenes und Charmantes, so dass sich jedes vorschnelle Urteil von selbst verbietet. Ein wenig ins Grübeln hat mich der erste Teil von Six-Gun Snow White dennoch gebracht. Dieser Text ist leider nicht der erste, der den Verdacht in mir schürt, dass Cat Valente ein wenig zu sehr in ihre eigene sprachliche Virtuosität verliebt ist. Auch denke ich, dass sich nicht jede Geschichte dazu eignet, im Stil eines poetischen Märchens erzählt zu werden. Unabhängig davon, ob man die traditionellen Märchenkonventionen dabei unterläuft oder nicht. Gespannt bin ich trotzdem darauf, ihr neuestes Buch einmal ganz lesen zu können.



* Zu den Autoren, die das Erbe der Tall Tales auf gelungene Weise für ihr Werk fruchtbar gemacht haben, darf neben den üblichen Verdächtigen wie Bret Harte und Mark Twain übrigens auch Robert E. Howard gezählt werden, wie dessen Biograph Mark Finn überzeugend dargelegt hat.

Mittwoch, 20. Februar 2013

Und er schnackelte mit den Fingern ...

Als ich im Verlauf des heutigen Tages erfahren musste, dass Otfried Preußler gestern im Alter von 89 Jahren gestorben ist, fühlte ich mich sofort dazu getrieben, ein paar Säze über den von mir hochgeschätzten Autor zu schreiben, dessen phantastische Kreationen eine große Präsenz in ganz unterschiedlichen Phasen meines Lebens besessen haben.
Kein anderer Kinderbuchautor hat eine ähnlich bleibende Faszination auf mich ausgeübt. Was nicht bedeuten soll, dass ich in seinem Gesamtwerk sonderlich gut bewandert wäre. Wie wohl die meisten von uns, habe auch ich nur seine berühmtesten Bücher gelesen, und wenn mir gestern jemand erzählt hätte, dass noch 2002 ein neues Buch von ihm erschienen ist, wäre ich mehr als nur ein bisschen überrascht gewesen.
Mit Der kleine Wassermann, Die kleine Hexe und Das kleine Gespenst ist Preußler für mich zuerst einmal ein Stück Kindheit. Zwar müsste ich lügen, wollte ich behaupten, dass ich noch irgendwelche konkreten Erinnerungen an diese Bücher hätte, aber dennoch rufen ihre Titel immer noch ein zwar nur schwer fassbares, aber irgendwie warmes und wohliges Gefühl in mir wach.
Das für mich einzig Positive an der leidigen "Negerlein" - Debatte des letzten Monats war, dass sie mich dazu animierte, einmal wieder Die kleine Hexe zu lesen. Meine Kindheitserinnerungen sind dadurch zwar nicht konkreter geworden, aber dafür hat meine Eitelkeit einen netten kleinen Anschub erhalten: Scheinbar hatte ich schon als Kind einen guten literarischen Geschmack! Das für mich aus heutiger Sicht außergewöhnliche an dem Buch ist die einmalige Mischung aus poetischer Einfachheit der Sprache, Menschlichkeit, Humor und einem Hauch des Geistes alter Märchen und Sagen. Und dann ist da natürlich auch noch der sprechende Rabe Abraxas, und wer würde den nicht auf Anhieb lieben? Dass die Verfechter des "progressiven", sozialkritischen Kinderbuches in den 70er Jahren mit Preußler wenig anzufangen wussten, konnte ich mir nach der Lektüre der Kleinen Hexe nur zu gut vorstellen. Schließlich spielt die Geschichte in einer märchenhaft unkonkreten, wenn auch leicht bayerisch angehauchten, Welt, fernab der Realität der 50er Jahre, in denen das Buch geschrieben wurde. Wenn diese selbsternannten Vorkämpfer von Fortschritt und Emanzipation allerdings etwas genauer hingeschaut hätten, wäre ihnen vielleicht aufgefallen, dass alle Autoritätspersonen, wie der Förster und die Oberhexen, in dem  Buch gar nicht gut wegkommen.
Meine zweite intensive Begegnung mit Otfried Preußler spielte sich im Alter von sechzehn-siebzehn Jahren ab, und diesmal ging es dabei um den Räuber Hotzenplotz. Ich nehme nicht an, dass dieser mir vorher unbekannt gewesen wäre, aber aus irgendwelchen Gründen wurde er zu dieser Zeit für mich und meinen damals besten Freund zu einer Art Kultfigur. Und das ist er in meinen Augen bis heute geblieben. Der dreiste Raub von Großmutters Kaffeemühle. Wachtmeister Dimpfelmoser auf seinem Fahrrad. Der Zauberer Petrosilius Zwackelmann und seine problematische Beziehung zum Kartoffelschälen. All diese Motive finde ich nach wie vor nicht nur ausgesprochen amüsant, sie besitzen für mich auch einen ganz eigenen, nicht recht in Worte zu fassenden Charme. Und ich glaube nicht, dass der einzige Grund dafür der ist, dass unsere damalige Darmstädter Stammkneipe den Namen Hotzenplotz trug und ihre Wände mit entsprechenden Bildern geschmückt waren.
Daneben spielte Preußler in dieser Zeit für mich noch auf ganz andere Weise eine wichtige Rolle, auch wenn ich mir dessen erst sehr viel später klar geworden bin. Bis vor kurzem war mir nämlich gar nicht bewusst, dass er die ersten drei Bände von Lloyd Alexanders Prydain-Zyklus (Taran und das Zauberschwein * Taran und der Zauberkessel * Taran und die Zauberkatze) ins Deutsche übersetzt hat, und auch wenn ich selbst diese Bücher erst später gelesen habe, hatten sie doch für meinen schon erwähnten Freund den ersten echten Zugang zur Fantasy dargestellt und waren insofern für uns beide sehr wichtig.
Schließlich wäre da meine noch gar nicht so lange zurückliegende dritte Begegnung mit Preußler. Der Name Krabat war mir schon aus den Hotzenplotz-Zeiten bekannt, aber eigentümlicherweise hatte ich mir das Buch nie von meinem Freund ausgeliehen, obwohl dieser es mir doch mehr als einmal schmackhaft gemacht hatte. Vielleicht glaubte ich damals, das Werk eines Kinderbuchautors wäre unter meiner Würde, wenn ich es nicht auf halb ironische Weise wie den Hotzenplotz genießen könnte. Wie dem auch sei, jedenfalls lernte ich Preußlers Meisterwerk so richtig erst in späteren Jahren und auf dem Umweg über Karel Zemans großarttige Zeichentrickverfilmung aus dem Jahre 1977 kennen. Doch als ich es dann schließlich zum ersten Mal gelesen hatte, war ich restlos begeistert. Ich habe hier an anderer Stelle bereits einmal versucht, meine Gedanken über dieses Buch darzulegen und werde das jetzt nicht noch einmal wiederholen. Ich möchte bloß erklären: Mit Krabat  hat sich der stets "nur" als Kinderbuchautor gepriesene Otfried Preußler als einer der wirklich großen Vertreter der phantastischen Literatur im deutschsprachigen Raum erwiesen.  Auch wer keine nostalgischen Kindheitserinnerungen mit ihm verbindet, sollte es sich darum auf gar keinen Fall entgehen lassen, die Geschichte vom Lehrling in der Mühle im Koselbruch zu lesen. 

Samstag, 16. Februar 2013

Drei M.R. James - Kurzfilme

Seit einer 1951 zum ersten Mal ausgestrahlten Verfilmung von The Tractate Middoth unter dem Titel The Lost Will of Dr. Rant (mit einem jungen Leslie Nielsen in der Hauptrolle), haben eine ganze Reihe der klassischen Spukgeschichten von Montague Rhodes James im Laufe der Jahrzehnte eine filmische Adaption erfahren – wenn auch beinahe ausschließlich in Gestalt von Fernsehproduktionen. Am bekanntesten dürften Jacques Tourneurs auf Casting the Runes basierender Kinofilm Night of the Demon (1958), Jonathan Millers Oh Whistle and I'll Come to You (1968) und David Rudkins & Lawrence Gordon Clarks The Ash-Tree (1975) sein. Alle drei ein absolutes Muss für jeden Liebhaber des phantastischen Films.

In den letzten Jahren hat Stephen Gray dem ohnehin schon recht umfangreichen Kanon von M.R. James - Adaptionen mit seinen Kurzfilmen


eine weitere faszinierende Facette hinzugefügt. Keine der drei Stories gehört zu Montys populärsten Werken, aber in diesen praktisch ohne Budget produzierten Filmchen entfalten sie die ganze ihnen innewohnende beunruhigende Macht. Ein echter Geheimtip!

Die Ende letzten Jahres fertiggestelte Version von The Haunted Dolls' House wird übrigens nicht mehr lange frei zugänglich sein, da Gray sie auf einer Reihe von Kurzfilmfestivals vorführen will, und es zu dem üblichen Reglement solcher Veranstaltungen gehört, dass dort präsentierte Werke nicht im Internet zu sehen sein dürfen. Also keine Zeit verlieren!
Wer die zugrundeliegende Geschichte lesen will, kann dies u.a. auf Grays eigener Website A Thin Ghost, wo man nicht nur alle zu Montys Lebzeiten veröffentlichen Stories, sondern auch eine Sammlung faszinierender Illustrationen und Infos über sämtliche existierenden Filmadaptionen findet. Vorlesen lassen kann man sie sich in Episode 102 von Jim Moons Hypnobobs. Die Weihnachtsausgabe des äußerst empfehlenswerten A Podcast to the Curious von Will Ross & Mike Taylor enthält außerdem ein ausführliches Interview mit dem Filmemacher.

Strandgut der Woche

Donnerstag, 14. Februar 2013

In Memoriam Andreas Katsulas

Wenn auch mit einem Tag Verspätung, möchte ich hier doch ganz kurz Andreas Katsulas gedenken, der gestern vor sieben Jahren im viel zu jungen Alter von Neunundfünfzig starb. Freundinnen & Freunden des phantastischen Fernsehens wird der griechisch-amerikanische Schauspieler vor allem als Commander Tomalak aus Star Trek: The Next Generation 


und natürlich als Botschafter G'Kar aus Babylon 5 in Erinnerung sein:


Es mag kaum einen größeren Beweis für sein schauspielerisches Talent geben, als dass selbst J. Michael Straczynskis pathetischste Texte aus seinem Mund überzeugend und berührend klangen. Wir werden ihn nicht vergessen!

Und wann kommt endlich das Remake von Citizen Kane ?

Ich weiß, ich weiß, langsam wird's echt langweilig, sich über die neusten Reboot- oder Remake-Pläne aufzuregen, aber schließlich kann ich nichts dafür, dass Hollywood in seiner Ideenlosigkeit und elitären Akapselung vom realen Leben in roboterhafter Regelmäßigkeit immer bizzarere Wiederaufwärm-Projekte ausbrütet. Ärgern tue ich mich darüber nur noch selten, aber oft genug ist meine erste, spontane Reaktion immer noch: What the fuck!? Wer ist denn auf die hirnverbrannte Idee gekommen?! So erging es mir auch heute wieder, als mich via BlackDog die Nachricht erreichte, MGM spiele ernsthaft mit dem Gedanken an ein Reboot von Jack Arnolds The Incredible Shrinking Man. Wozuuuu!?! Welchen Sinn macht es, eine Geschichte neu zu verfilmen, die bereits in einer definitiven und wahrhaft klassischen Form vorliegt?!? Wäre das nicht ein bisschen so, als würde man eine Neufassung von Krieg und Frieden schreiben?

Okay, nachdem die erste Gefühlswallung abgeklungen ist, bin auch ich zu etwas differenzierteren Gedanken fähig:
Das Beste zuerst: Offenbar zieht niemand mehr ernsthaft in Erwägung, eine Comedy-Fassung mit Eddie Murphy in der Hauptrolle zu drehen. {Das klingt jetzt vielleicht wie ein besonders diabolischer Plan von Hank Scorpio, wurde aber in der Tat jahrelang als realistische Option gehandelt!}
Zweitens: Richard Matheson, der die Romanvorlage und das Script für Arnolds B-Movie-Meisterwerk geschrieben hatte, wird zusammen mit seinem Sohn Richard Matheson, Jr. auch diesmal für das Drehbuch verantwortlich sein.
Drittens: Es gibt Präzedenzfälle dafür, dass selbst die Neuverfilmung eines echten Klassikers nicht notwendigerweise in einem übelriechenden Haufen cineastischen Bullshits enden muss. Philip Kaufmans 78er-Version von Invasion of the Body Snatchers wäre hierfür vielleicht das naheliegendste Beispiel. Vor die Wahl gestellt, würde ich zwar auch in diesem Fall Don Siegels Original den Vorzug geben, aber Kaufman gelang es tatsächlich, dem Stoff einen neuen, den veränderten Zeiten entsprechenden Geist einzuhauchen und einen sehr ordentlichen Film abzuliefern.

Doch keines dieser Argumente vermag meine spontane Abneigung gegen die Idee auf Dauer zu ersticken. Grund hierfür ist vermutlich vor allem, dass ich dem heutigen Hollywood einfach nicht zutraue, aus einem solchen Projekt etwas anderes zu machen als einen epischen Griff ins Klo. Zugegebenermaßen verfüge ich im gegebenen Fall über wenig konkretes Material zur Untermauerung dieses Vorurteils. Abgesehen davon, dass statt Radioaktivität Nanotechnologie die Schrumpfung des Helden auslösen soll, ist so gut wie nichts darüber bekannt, welche Richtung das Projekt einschlagen wird . Die Bemerkung, man plane "an action-oriented adaptation", lässt allerdings wenig gutes erwarten. Vor allem, wenn man sich ein anderes Reboot zu einer Matheson-Story in Erinnerung ruft. {Ja, das mit Will Smith ...}. Ich wäre wirklich überrascht, wenn bei all dem am Ende mehr herauskommen würde, als dass man Katze & Spinne aus dem Original durch irgendwelche beschissenen CGI-Kreationen ersetzt, und die entsprechenden Szenen auf zwei Drittel des Films ausdehnt. Und das brauch ich ebensowenig, wie die geplanten computergenerierten Gremlins oder Hämorrhoiden am Arsch.

Ein Positives hat das Ganze aber vielleicht doch. Möglicherweise ist manchen meiner Leserinnen und Leser Jack Arnolds Film aus dem Jahre 1957 ja gar nicht bekannt. Diese möchte ich hiermit auffordern, diese Wissenslücke schnellst möglich zu schließen. Arnold war ein echter Großmeister des phantastischen B-Movies, und dieser Film darf wohl zurecht als sein Meisterstück gelten. Youtube bietet leider nur wenige wirklich aussagekräftige Ausschnitte an, also habe ich mich für den offiziellen Trailer entschieden: