"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 13. Februar 2013

Amicus, Edgar Rice Burroughs & Michael Moorcock

Als sich die legendäre englische Filmproduktionsfirma Amicus Productions Mitte der 70er Jahre plötzlich dem Werk des alten Pulp-Meisters Edgar Rice Burroughs zuwandte, stellte dies vermutlich einen Versuch dar, sich aus den zunehmend unprofitabel erscheinenden Gefilden des Brit-Horrors zurückzuziehen und sich einen neuen, gewinnversprechenderen Markt zu eröffnen. Spätestens seit dem gewaltigen internationalen Erfolg von The Exorcist (1973) schien das Schicksal des bereits zuvor kränkelnden Genres endgültig besiegelt zu sein, und Amicus' Versuch, mit Madhouse (1974) der Entwicklung hin zu mehr Blut und expliziter Gewalt nachzueifern, war aus verschiedenen Gründen gescheitert.* Andererseits hatte die Firma sich nie ausschließlich auf Horror beschränkt. So war sie z.B. Mitte der 60er Jahre für die Produktion der beiden Dr. Who - Kinofilme mit Peter Cushing verantwortlich gewesen. Sich erneut einer familienfreundlicheren Form der Phantastik zuzuwenden, erschien Subotsky und Rosenberg deshalb vermutlich naheliegend.
Erstaunlicherweise hatte von Edgar Rice Burroughs' Kreationen bisher eigentlich nur Tarzan seinen Weg auf die Leinwand gefunden – angefangen mit dem ungeheuer erfolgreichen Tarzan of the Apes von 1918 und den Johnny Weissmueller - Flicks der 30er & 40er Jahre, die bis heute das populäre Bild des Herrn des Dschungels prägen. Dabei hätte dessen umfangreiches Oeuvre findigen Filmproduzenten eigentlich als eine wahre Goldgrube erscheinen müssen, und als man bei Amicus nun ERB's 1918 erschienene Story The Land That Time Forgot hervorkramte, war den Verantwortlichen offenbar auf Anhieb klar, dass sie den idealen Stoff für einen phantastischen Abenteuerfilm in Händen hielten. Das größte Problem stellte die Finanzierung dar. Für sich alleine hätte Amicus unmöglich das Budget aufbringen können, das nötig erschien, um den von Sauriern und Affenmenschen bevölkerten Kontinent Caprona in die Kinowirklichkeit zu übertragen. Also handelte man eine Kooperation mit American International Pictures aus, mit denen man zuvor bereits bei Madhouse zusammengearbeitet hatte. In der amerikanischen Schlock-Schmiede war man inzwischen gleichfalls zu der Überzeugung gelangt, dass der Horrorboom der 60er Jahre, als Roger Cormans Poe-Adaptionen mit Vincent Price AIPs ertragreichste Produkte gewesen waren, sein Ende erreicht hatte. Unter der Leitung von Samuel Z. Arkoff hatte man sich verstärkt der Produktion von Filmen wie Martin Scorseses Boxcar Bertha (1972) oder der legendären Blaxploitation-Flicks Blacula (1973) und Foxy Brown (1974) zugewandt. Eine Edgar Rice Burroughs - Adaption schien Arkoff jedoch offenbar gleichfalls eine vielversprechende Idee zu sein. Neben dem nötigen Geld steuerte AIP vor allem seinen Action-Star Doug McClure zu dem Projekt bei.

Zuvor hatte man natürlich auch noch die Filmrechte an der Story erwerben müssen. Dabei hatten Edgar Rice Burroughs' Erben ihr Einverständnis an die Bedingung geknüpft, dass es sich um eine vorlagengetreue Verfilmung handeln müsse. Als es daran ging, einen Drehbuchautor zu finden, der diese Transformation bewerkstelligen sollte, landete Amicus einen wahren Geniestreich: Man engagierte Michael Moorcock.
Der SF- und Fantasyautor hat seine Pulpwurzeln nie verleugnet und mehr als einmal seiner großen Liebe zu Edgar Rice Burroughs Ausdruck verliehen. Bevor er mit eigenen Werken und als Herausgeber von New Worlds seinen Beitrag zum Durchbruch der "New Wave" leistete, hatte er sich seine literarischen Sporen u.a. als Herausgeber von Tarzan Adventures verdient (und das im Alter von siebzehn Jahren!). Hätte man einen besseren Kandidaten für den Job finden können?

Als ich mir – angeregt von Jim Moons The McClure Quartet – kürzlich wieder einmal The Land That Time Forgot anschaute, begann ich mich zu fragen, wie groß genau Moorcocks Anteil an der Geschichte wohl war, die sich da vor meinen Augen entfaltete. Vor allem die sympathisch humanen und fortschrittlichen Züge des Films schienen mir sehr deutlich die Handschrift des alten Anarchisten zu verraten. Also beschloss ich, zum Vergleich das Original zu lesen.**

Abgesehen von dem kataklysmischen Finale, bei dem ein Großteil Capronas der Zerstörung durch einen Vulkanausbruch anheimfällt (eine altbewährte Methode zur Entsorgung Verlorener Welten), hält sich Kevin Connors Film im Großen und Ganzen tatsächlich recht eng an seine literarische Vorlage.


Im Jahr 1916 wird ein englisches Passagierschiff im Atlantik von einem deutschen U-Boot unter dem Kommando von Kapitän Von Schoenvorts (John McEnery)*** torpediert und versenkt. An Bord befinden sich u.a. der Amerikaner Bowen Tyler (Doug McClure) und die junge Lisa Clayton (Susan Penhaligon). Die überlebenden Briten kapern unter Tylers Führung das U-Boot. Es gelingt ihnen jedoch nicht, wie geplant zu einem englischen Hafen zu fahren, stattdessen landen sie nach Meutereien und Kontermeuterein schließlich in der Antarktis, wo sie auf den von unüberwindlichen Klippen umgebenen legendären Kontinent Caprona stoßen. Nach der riskanten Fahrt durch einen unterseeischen Kanal taucht das U-Boot inmitten einer tropischen, von urzeitlichen Tieren und neandertalerartigen Höhlenmenschen bevölkerten Welt auf. Briten und Deutsche beschließen, ihre Animositäten erst einmal beizulegen, und gemeinsam den Gefahren dieser fremden Welt zu trotzen und einen Weg zu suchen, um in die Zivilisation zurückzukehren. Dabei kommt es nicht nur zu einigen recht unfreundlichen Begegnungen mit diversen Dinosauriern, unsere Helden entdecken außerdem, dass die Evolution auf diesem mysteriösen Eiland recht seltsame Wege beschritten hat. Offenbar werden die meisten Lebewesen hier in ihrer primitivsten Form geboren, um im Laufe ihres Lebens sukzessive alle weiteren Entwicklungsstufen zu durchlaufen und dabei gleichzeitig immer weiter ins Inland abzuwandern. Dies zeigt sich vor allem an den unterschiedlichen Menschenrassen, denen Tyler, Lisa und Von Schoenvorts während ihrer Expeditionen begegnen.

Eine ähnlich knappe Zusammenfassung von Edgar Rice Burroughs' Roman würde nicht viel anders klingen. Der auffälligste Unterschied wäre, dass die Protagonistin dort Liz La Rue heißt. Und doch sind Michael Moorcocks Eingriffe überdeutlich, insbesondere was die Zeichnung der Charaktere Lisa und Von Schoenvorts angeht.
Der U-Boot-Kapitän ist bei ERB eine durch und durch unsympathische Figur, die in vielen Punkten dem von der damaligen amerikanischen Kriegspropaganda gezeichneten Bild der "Bestie von Berlin" entspricht.**** Der preußische Aristokrat ist arrogant, brutal und verräterisch. Völlig anders im Film. Dort erweist sich Von Schoenvorts als zivilisiert, gebildet und außergewöhnlich ehrenhaft. Er ist es, der als erster eine Kooperation zwischen Briten und Deutschen vorschlägt, und er ist es auch, der zusammen mit Lisa dem biologischen Geheimnis von Caprona auf die Spur kommt.
Und während Liz in erster Linie die Rolle von Tylers "unsterblicher Liebe" und der "damsell in distress" zu spielen hat, erweist sich ihr Gegenstück Lisa – wunderbar verkörpert von Susan Penhaligon – nicht nur als mutig und selbstständig, sondern auch als eine äußerst kompetente Wissenschaftlerin.

Was mir an Moorcocks Umgang mit seiner Vorlage besonders gut gefällt, ist, dass er der Geschichte einen humaneren und fortschrittlicheren Geist einhaucht, ohne dabei ihren pulpigen Charme zu zerstören. Auch seine Version von The Land That Time Forgot ist vor allem eine spannende Abenteuerstory mit U-Booten, Faustkämpfen, Verlorenen Kontinenten, Dinosauriern und Affenmenschen. Nationaler Chauvinismus und sexistische Klischees sind kein Muss für solch ein Pulp-Adventure. Sie lassen sich ebenso leicht entfernen, wie der anarchistische Saboteur und die rassistischen Bemerkungen über die "negroiden" Züge der primitiven Urmenschen, denen wir in Edgar Rice Burroughs' Roman begegnen. Ja, man kann sie sogar ersetzen durch die "Botschaft" einer alles Misstrauen und alle nationale Feindschaft überwindenden menschlichen Solidarität, ohne dass man die Geschichte deshalb in ein politisches Lehrstück oder eine "Dekonstruktion" verwandeln müsste. Ein wenig erinnert mich das an Moorcocks Umgang mit der Sword & Sorcery in seinen frühen Elric-Romanen. Die Geschichten um den tragischen Albinofürsten von Melniboné stellen natürlich sehr viel deutlicher einen kritischen Gegenentwurf zu den Konventionen des Genres dar, aber auch sie sind zugleich Ausdruck der Liebe des Autors zu dessen Pulp-Wurzeln. Zumindest zu jener Zeit war Moorcocks kritischer Blick noch kein Blick von oben herab. So jedenfalls mein Eindruck. Er war vielmehr der Blick eines Fans, der weder bereit war, seine Augen vor den eher unappetitlichen Elementen in der "klassischen" Phantastik zu verschließen, noch deshalb gleich das Kind mit dem Bade auszuschütten. Eine Einstellung die mir ausgesprochen sympathisch ist.    


* Jim Moon berichtet ausführlich über die unglücklichen Umstände, unter denen dieser Streifen entstand, in Episode 34 von Hypnobobs: You Only Live Price.
** IMDB führt als zweiten Drehbuchautor James Cawthorn an. Wie groß dessen Anteil an dem Script war, entzieht sich jedoch leider meiner Kenntnis. Allerdings hat Moorcock mehrfach betont, dass die letzten zwanzig Minuten des Films mit dem vulkanischen Finale nicht aus seiner Feder stammten. Im Umkehrschluss darf man wohl annehmen, dass der Rest seinen Intentionen entpspricht.
*** Die Stimme, die wir zu hören bekommen, gehört allerdings nicht McEnery, sondern dem aus Deutschland stammenden Anton Diffring, Liebhabern des phantastischen Kinos vermutlich vor allem als Fabian in François Truffauts Fahrenheit 451 bekannt.
**** Als Beispiel für diese antideutsche Hetze, deren Spuren wir nebenbei bemerkt auch noch in H.P. Lovecrafts 1920 verfasster Kurzgeschichte The Temple finden können, möchte ich rasch George Sterlings Gedicht Germany on the Seas zitieren. Ganz einfach, weil es mir so wunderbar zu The Land That Time Forgot zu passen scheint:

What monsters of the mythologic den
    Shall match the horror of the Hun at sea ?
    The frozen blood congeals, then, leaping free,
Goes furious on its outraged course again.
This is the work of devils, not of men!
    By this they do, know now that man may be
    Deeper below the beast than ever we
Have soared above the reptiles of the fen.

They do this open-eyed. This is their plan,
    Tho all the world go sick with qualms of it.
Such savageries do men devise for man,
        Conscious and nothing loth, as tho Hell's slime
    Took form to do the bidding of the Pit –
        A stench upon our days and ways of Time!

Montag, 11. Februar 2013

Wölfisches Vergnügen

Gestern war der Geburtstag von "Wolf Man" Lon Chaney Jr., was ich für einen ausreichenden Grund halte, um mir heute einmal wieder Curt Siodmaks Universal-Klassiker aus dem Jahre 1941 anzuschauen – nicht der erste Werwolffilm, aber der vielleicht einflussreichste und sicher einer der schönsten.


Doch bevor ich mich erneut in die schaurig-nebligen Gefilde von Wales aufmache, wo
Even a man who is pure in heart
And says his prayers by night
May become a wolf when the wolfbane blooms
and the autumn moon is bright
wollte ich noch rasch eine kleine Liste lykanthropischer Leckerli für meine Leserinnen und Leser zusammenstellen:

1) Zur musikalischen Einstimmung erst einmal Warren Zevons Klassiker Werewolves of London:


2) Wer sich für ein paar einführende Informationen zu Lon Chaney Jrs. Leben und Karriere sowie für die Fährnisse alter Tricktechniken interessiert, der schaue bei Beths  Artikel auf Creature Buzz vorbei.

3) Wer hingegen einer ebenso umfassenden wie unterhaltsamen Einführung in die Geheimnisse des Werwolfwesens zu lauschen wünscht, den verweise ich auf Mr. Jim Moons Podcast-Serie An Introduction To Werewolvery * The Wolf At The Door * Birth of the Werewolf * On-Air Wolf! * Even a man who is pure in heart ... * Children of the Wolf Man

4) Für alle, die es lieber etwas humorig haben, könnte die zweite Episode der Monster Hunters: The Heir of the Dog das richtige sein, denn natürlich mussten sich auch Roy Steel und Lorrimer Chesterfield bereits einmal mit einem Lykanthropen herumschlagen.

5) Und last but not least treibt der Loup-Garou auch in Clark Ashton Smiths Averoigne sein Unwesen, so etwa in der wundervollen Kurzgeschichte The Enchantress of Sylaire.

Sonntag, 10. Februar 2013

Rache ist sauer

Revenge is sour ist der Titel eines kurzen Essays von George Orwell aus dem Jahre 1945, in dem dieser sich – ausgehend von seinen Erlebnissen im besiegten und besetzten Deutschland – Gedanken über die Unsinnigkeit und Unmenschlichkeit der Rache macht. Er erzählt darin, wie er zusammen mit einem Wiener Juden und Soldaten der US-Armee ein Gefangenenlager besucht. Dabei erlebt er, wie sein Begleiter – "an alert, fair-haired, rather good-looking youth of about twenty-five, and politically so much more knowledgeable than the average American officer that it was a pleasure to be with him" – einen der gefangenen SS-Offiziere mit Fußtritten malträtiert. Er bezweifelt weder, dass der Mann gute Gründe für seinen Hass hat – "very likely his whole family had been murdered" –, noch dass der betreffende Offizier für zahllose barbarische Verbrechen verantwortlich ist. Doch seiner Macht entkleidet ist der Nazi im Grunde bloß noch eine erbärmliche Kreatur  – abstoßend und beinahe mitleiderregend. Kann es wirklich Genugtuung bereiten, an diesem Menschen das eigene Verlangen nach Rache auszuleben?
I wondered whether the Jew was getting any real kick out of this new-found power that he was exercising. I concluded that he wasn't really enjoying it, and that he was merely – like a man in a brothel, or a boy smoking his first cigar, or a tourist traipsing round a picture gallery – TELLING himself that he was enjoying it, and behaving as he had planned to behave in the days he was helpless. [...]
[W]hat this scene, and much else that I saw in Germany, brought home to me was that the whole idea of revenge and punishment is a childish daydream. Properly speaking, there is no such thing as revenge. Revenge is an act which you want to commit when you are powerless and because you are powerless: as soon as the sense of impotence is removed, the desire evaporates also.
Einmal mehr beweist Orwell in diesem Essay Intelligenz, psychologische Einsicht und Menschlichkeit.

Und damit komme ich zum eigentlichen Thema: Der weitverbreiteten Begeisterung für Quentin Tarantino, die anlässlich von Django Unchained gerade mal wieder an allen Ecken und Enden hochkocht. Seit Kill Bill Vol. 1 (2003) kennen dessen Filme nämlich im Grunde nur noch ein einziges Thema: Das brutalst mögliche Ausleben von Rachefantasien. Ich finde es schwer verständlich, ziemlich traurig und auch ein bisschen beunruhigend, dass dieses Motiv offenbar so viele Menschen anzusprechen vermag.
Nun ist Tarantino zwar meine persönliche Bête Noire, mein filmerisches Feindbild par excellence, doch würde ich deshalb nicht leugnen wollen, dass er ein (in engen Grenzen) kompetenter Filmemacher ist. Mit Jackie Brown hat er sogar einen wirklich sehenswerten Streifen geschaffen.* Würde mir deshalb jemand erzählen, er oder sie liebe Tarantinos Filme aufgrund ihres zynischen Humors und des geschickten Spiels mit Genrekonventionen und -versatzstücken, hätte ich damit nicht wirklich ein Problem. Schließlich bin ich selber Liebhaber einer ganzen Reihe eher dubioser filmischer Machwerke. Ich würde mit meiner eigenen Ansicht über Tarantino zwar nicht hinter dem Berg halten, aber letztlich würde ich in einem solchen Fall nach der Maxime "Geschmäcker sind halt verschieden" handeln. Völlig anders sähe es allerdings aus, wenn mein Gesprächspartner behaupen wollte, die betreffenden Filme besäßen einen "progressiven" Inhalt. Meine Toleranz ist dann am Ende, wenn man mir einzureden versucht, Kill Bill sei ein "female empowerment"-, Inglorious Basterds ein antifaschistischer, Django Unchained ein antirassistischer Film.

Doch leider geschieht genau dies gar nicht so selten. Nehmen wir als Beispiel folgende Schlusspassage aus Simis Kritik von Django Unchained:
Amerika wird ungern an seine Sklavenhalterzeit erinnert, im Western war dieses Thema bisher inexistent. Tarantino dagegen spart nicht mit Szenen, die die Grausamkeit dieser Praxis illustrieren. Selbst sein Protagonist zögert nur kurz, als er zwischen dem Leben eines geflüchteten Sklaven und dem Ziel seiner Mission – der Befreiung Broomhildas – abwägen muss, und verhindert nicht, dass der Unglückliche von Hunden zerfleischt wird. Es ist gut möglich, dass Django Unchained in Tarantinos Heimat für einen ähnlich erfrischenden Schock sorgen wird wie Inglourious Basterds in Europa. Die Konstellation wäre durchaus vergleichbar, schliesslich inszeniert Tarantino in beiden Fällen einen düsteren historischen Stoff als brutale Farce, lässt die scheinbar Schwachen blutige Rache an ihren Peinigern nehmen.
Die einleitende Behauptung, "Amerika" (sprich die amerikanische Bevölkerung) sei im allgemeinen unwillig, sich mit der Sklavenhaltervergangenheit der USA auseinanderzusetzen, erscheint mir angesichts der Tatsache, dass beinahe zur selben Zeit Steven Spielbergs Lincoln Millionen in die Kinos gelockt hat, zumindest fragwürdig. Und dass das Thema im Western bisher "inexistent" gewesen sei, ist schlicht falsch. Unterrepräsentiert ja, aber es gibt da immerhin Filme wie Sydney Pollacks The Scalphunters (mit Burt Lancaster, Ossie Davis & Telly Savalas) oder Richard Wilsons Invitation to a Gunfighter (mit Yul Brynner).
Es ist offensichtlich, dass Simi ein Bild zu zeichnen versucht, vor dessen Hintergrund Tarantinos Streifen besonders "mutig" und "provokant" erscheinen muss. Völlig schleierhaft bleibt dabei jedoch, worin die positive Wirkung dieser "Provokation" eigentlich bestehen soll. Zum Vergleich zieht er den "erfrischenden Schock" heran, den Inglorious Basterds seinerzeit in Europa ausgelöst habe. Ich kann mich an einen solchen leider beim besten Willen nicht erinnern. Die Mehrheit der Filmkritiker und -kritikerinnen war wie immer begeistert, und dass das sadistische Spektakel irgendwie zum Verständnis des Faschismus oder des Kampfes gegen ihn beigetragen hätte, könnte doch wirklich nur jemand behaupten, der in sehr eigenartigen geistigen Sphären beheimatet ist.
Nicht viel anders verhält es sich bei Django Unchained. Simi schreibt, der Film spare "nicht mit Szenen, die die Grausamkeit der Praxis der Sklaverei illustrieren". Tatsächlich jedoch hat Tarantinos groteskes Schreckensszenario von "Candieland" ebenso viel oder wenig mit der historischen Realität der alten Südstaaten zu tun wie das peinliche Idyll von "Tara" in Margaret Mitchells & Victor Flemings Gone with the Wind. Wie soll das Bild einer von karrikaturenhaften Monstern bevölkerten Plantage, auf der bizarre "Gladiatorenkämpfe" veranstaltet und Schwarze regelmäßig zu Tode gepeitscht oder von Hunden zerfleischt werden, zu unserem Verständnis der Sklavenhalterordnung beitragen?** Das Sklaverei "böse" ist, haben wir auch vorher schon gewusst, und viel mehr wird uns hiermit nicht vermittelt. Genauer gesagt sind alle weiteren Schlussfolgerungen, die das Publikum aus dieser Darstellung ziehen könnte, irreführend und politisch reaktionär.
Springen wir für einen Moment von Simis Artikel zu einem Eintrag von "sad" auf dem Golem-Blog. Dort bekommen wir folgendes zu lesen: 
[D]er Plantagenkomplex Candyland [erscheint] als systematischer Zusammenhang menschenverachtender Verhältnisse, die keineswegs nur an Candie als Einzelperson gebunden sind, sondern auch die sich gegenseitig kontrollierenden Vasallen, Aufseher, Angestellten und natürlich den alten Haussklaven Stephen mit einschließen, der als Vertrauer Candies die gegebenen Herrschaftsstrukturen derart internalisiert hat, dass ihm ein nicht nur geringer Teil an deren Perpetuierung zukommt.
Schon zuvor hatte "sad" bewundernd von der "skurril-surrealen Inszenierung des amerikanischen Südens der Antebellum-Periode" gesprochen, in der "Grausamkeit und barbarische Brutalität [...]  als zivilisierte Gewalt jeden Winkel der gesellschaftlichen Realität" durchziehen. Für mich sieht das so aus, als übertrage er hier das von "linken" Modephilosophen wie Fredric Jameson entworfene Bild des "Spätkapitalismus" als einer Gesellschaft, in der die arbeitende Bevölkerung die Mechanismen des Systems so stark verinnerlicht hat, dass sie selbst zu dessen vielleicht wichtigster Stütze geworden ist, und alle Bereiche des menschlichen Lebens von der Macht des Warenfetischismus deformiert worden sind, auf die Sklavenhalterordnung des "Baumwollimperiums". Seine Absicht ist dabei vermutlich, Tarantinos Film eine Intelligenz und Tiefgründigkeit unterzuschieben, die dieser einfach nicht besitzt. Was er damit jedoch in Wirklichkeit erreicht, ist bloß, ungewollt offenzulegen, welch demoralisierte Sicht der Welt diesem "linken" Pseudoradikalismus zugrundeliegt.
Wer Django Unchained nicht durch die Brille "linker" Kulturtheorie betrachtet, wird nämlich kaum den Eindruck gewinnen können, die barbarischen Verhältnisse auf Candieland hätten irgendetwas mit "systematischen Zusammenhängen" und "internalisierten Herrschaftsstrukturen" zu tun. Er oder sie wird vielmehr einen Haufen abstoßender menschlicher Kreaturen vor sich sehen, deren summarisches Abschlachten im großen Finale ihm oder ihr höchste Genugtuung bereiten soll. Die Plantage steht damit weniger stellvertretend für eine bestimmte ökonomische und politische Ordnung als vielmehr für "die Welt", eine Welt, die fast ausnahmslos bevölkert wird von menschlichen Schweinen. Und die Helden des Ganzen sind bei Lichte betrachtet ebensolche Schweine. Wie Schultz ganz ausdrücklich erklärt: Die Welt ist ein schmutziger Ort und niemand kann in ihr saubere Hände behalten.

Dieses durch und durch zynische und pessimistische Menschen- und Weltbild bildet die Grundlage für die Glorifizierung der Rache, welche den eigentlichen Inhalt von Tarantinos Filmen ausmacht. Doch bevor ich auf diesen Themenkomplex etwas näher eingehe, halte ich es für angebracht, kurz innezuhalten, um klarzustellen, dass nichts von dem, was folgen wird, etwas mit Quentin Tarantinos bewussten künstlerischen Intentionen zu tun hat.
Simi führt in seinem Artikel u.a. Sam Peckinpah als eines der Vorbilder für Tarantinos Inszenierung von Gewalt an, und er ist beileibe nicht der einzige, der eine Verbindung zwischen diesen beiden Regisseuren zieht. Ich halte das für kurzsichtig und etwas unfair. Das Thema Gewalt übte auf Peckinpah zweifelsohne eine große Faszination aus. Aber in seinen besten Momenten ging es ihm nicht bloß darum, diese auf möglichst schockierende Weise in Szene zu setzen, er bemühte sich auch, eine Antwort auf die Frage zu finden, worin die gesellschaftlichen und psychologischen Wurzeln von Brutalität und Grausamkeit liegen. Ein Film wie Bring Me the Head of Alfredo Garcia lässt sich nur dann als ein direkter Vorläufer zu Tarantinos Gewaltgrotesken verstehen, wenn man dessen schwächste Seiten isoliert und bis zur letzten Konsequenz weiterentwickelt. Bei diesem Prozess muss alles, was Peckinpahs Werk tatsächlich sehenswert macht, unter den Tisch fallen. Denn machen wir uns nichts vor: Quentin Tarantino besitzt auch nicht das leiseste Interesse an realer Gewalt und den Umständen, die zu ihrer Entstehung führen. Seinen Filmen liegt keine Auseinandersetzung mit der echten Welt und den wirklichen Menschen zugrunde, Inspiration bezieht der Regisseur so gut wie ausschließlich aus anderen Filmen, in erster Linie aus Genrewerken, über die er bekanntermaßen ein enzyklopädisches Wissen besitzt.
Ob seine Streifen wirklich gelungene Pastiches oder Hommagen darstellen, ließe sich allerdings in Frage stellen. (Grindhouse - Death Proof war in dieser Hinsicht der offensichtlichste Misserfolg). Mir zumindest scheinen sie weniger von echter Liebe zum Genrekino als vielmehr von maßloser Selbstverliebtheit erfüllt zu sein. Tarantinos Rumgespiele mit Genreelementen dient in allererster Linie dazu, vorzuführen, wie cool und clever er ist. Auf mich wirkt diese ewige Egoshow ziemlich irritierend. Was mir hingegen mehr und mehr fehlt, das sind der kreative Übermut, die ungekünstelte Verrücktheit und der fröhliche Anarchismus, die den Charme der besten echten B-Movies ausmachen.
Doch ganz gleich ob einem Tarantinos Umgang mit dem Genrekino nun gefällt oder nicht, man würde falsch liegen, wollte man nach irgendetwas Substanziellem hinter dieser ewigen Spielerei suchen. Woher auch sollte es kommen? Von der einsamen Ausnahme Jackie Brown abgesehen, hat der Filmemacher in seiner ganzen Karriere nie auch nur das geringste Interesse für reale Menschen gezeigt. So lässt sich auch nicht mit Bestimmtheit sagen, ob die zynische Misanthropie seiner Filme seinen tatsächlichen Ansichten entspricht. Möglicherweise hält er sie bloß für besonders "cool". Ebenso mag seine offensichtliche Vorliebe für Rachegeschichten keinen anderen Grund haben, als dass solche ein gängiges und leicht zu handhabendes Vehikel für seine fetischistischen Gewaltinszenierungen darstellen. Tarantino hat sich in den letzten zehn Jahren als erstaunlich denkfaul und wenig entwicklungsfähig erwiesen. Ein Konzept, das einmal funktioniert hat, so lange zu wiederholen, bis sich der gewünschte Erfolg nicht mehr einstellt, würde sehr gut zu ihm passen.
Das Interessante an dem Phänomen Tarantino sind darum auch nicht so sehr der Regisseur und seine Filme, als vielmehr die begeisterte Aufnahme, welche letztere finden, und der Kult, welcher um ersteren betrieben wird.

Was also könnten die Gründe dafür sein, dass Streifen wie Django Unchained solch positive Reaktionen bei Leuten hervorrufen, die sich selbst als "links", "progressiv" oder sogar "radikal" verstehen?
Molosovsky schreibt mit sympathischer Offenheit: "Sehr gut. Feiert meine Kindheitsträume: Unterdrücker abwatschen; als Kopfgeldjäger vom Murksen echter Bösewichter leben."
Tatsächlich verbirgt sich wohl in vielen Fällen ein gerüttelt Maß pubertärer Allmachtsfantasien hinter  der Begeisterung, mit welcher sich manche Leute mit der Figur des "coolen Killers" identifizieren. Man muss sich dann allerdings fragen, auf welch eigentümlichen Wegen solche unreifen Gefühlswallungen in einigen Köpfen zu vermeintlich ernsthaften "politischen" Statements mutieren können. Denn während Molo hier ganz ausdrücklich von seinen eigenen persönlichen Kindheitsträumen spricht, wollen viele andere in diesen Rachemärchen einen Ausdruck echter gesellschaftlicher Rebellion sehen. So besteht für Simi die Stärke von Django Unchained und Inglorious Basterds – wie bereits zitiert – vor allem darin, dass Tarantino "die scheinbar Schwachen blutige Rache an ihren Peinigern nehmen lässt", was der  Kritiker offenbar für etwas positives hält.  "Sad" geht noch weiter, wenn er das Blutbad am Ende von Django Unchained als einen Akt "subalterner Selbstermächtigung" beschreibt. Zwar scheinen auch ihm gewisse Zweifel am "progressiven" Gehalt dieses Gemetzels gekommen zu sein {vorausgesetzt ich habe den linksakademischen Jargon richtig dechiffriert***}, doch bringt er es andererseits fertig, die Gestalt des Kopfgeldjägers Schultz "als Anspielung auf weiße Abolitionists" zu verstehen! Sorry, "sad", aber einen skrupellosen Killer, der für Geld andere Menschen ins Jenseits befördert, mit den mutigen Vorkämpfern gegen die Sklaverei in Verbindung zu bringen, finde ich schlichtweg obszön – ganz gleich ob ich dabei an friedliche Propagandisten wie William Lloyd Garrison oder an gewaltbereite Revolutionäre wie John Brown denken soll! Wer eine radikale Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse herbeisehnt, sollte sich nicht Madame Defarge aus Dickens' Tale of Two Cities zum Vorbild nehmen. Rache enthält nichts Befreiendes und ihre künstlerische Verherrlichung ist unter keinen Umständen begrüßenswert.****
Selbstverständlich ist das Verlangen nach Rache bei Menschen, die sich ihren Unterdrückern und Ausbeutern hilflos ausgeliefert fühlen, nur zu verständlich. Und der aus solchen Umständen geborene Traum von einem "großen Tag der Abrechnung" kann ein legitimes und interessantes Objekt künstlerischer Bearbeitung sein. Man braucht sich ja bloß einmal wieder die Seeräuber Jenny aus der Dreigroschenoper anzuhören. Aber Brecht und Weill hätten aus guten Gründen niemals eine triumphale Oper darüber geschrieben, wie das "kleine Abwaschmädchen" tatsächlich sämtliche Einwohner der Hafenstadt kaltblütig abschlachten lässt. Wirklich große und humane Künstler gehen anders mit dem Thema Rache um. Wenn z.B. in Akira Kurosawas Die sieben Samurai eine alte Bäuerin begeistert auf die Leiches eines der Räuber einhackt, die ihr Dorf seit Jahren ausgeplündert haben, dann wirkt das nicht befriedigend, sondern zutiefst verstörend. Nicht weil wir die Emotionen der Frau nicht nachvollziehen könnten. Wir verstehen sie nur zu gut. Aber so wie Kurosawa das Geschehen in Szene setzt, entstehen dabei keine Triumphgefühle in uns, wir erschrecken vielmehr darüber, was Armut, Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt aus einem Menschen machen können. In der Unmenschlichkeit ihrer Handlung erkennen wir all das Unmenschliche wieder, das man ihr und ihresgleichen angetan hat.
Tarantinos Filme hingegen wollen, dass wir uns voll und ganz mit den Rächern und ihren Taten identifizieren. Wir sollen genießerisch schwelgen in der Gewalt, die sie anderen antun, ganz gleich wie pervers und sadistisch diese auch ausfallen mag. Vor allem Inglorious Basterds hat gezeigt, dass in dieser Hinsicht keine Grenzen bestehen. Dass Tarantino all dies in Form einer zynischen Groteske inszeniert, die Gewaltdarstellungen ironisch überzeichnet und extrem stilisiert daherkommen, ändert im Kern wenig. Schon gar nicht kann es als "Entschuldigung" von jenen in Anspruch genommen werden, die in den Blutbädern zugleich eine Darstellung legitimer "Gegengewalt" sehen wollen. Sie können nicht beides zugleich haben. Wenn sie in Inglorious Basterds mehr sehen wollen als eine Art Naziploitation-Flick mit Hollywood-Budget, dann müssen sie akzeptieren, dass der Film Bestialität und Sadismus als die ultimativen antifaschistischen Waffen feiert.
Die freundlichste Erklärung, die ich für den "linken" Tarantino-Kult finden kann, ist, dass es sich bei ihm um einen Ausdruck von Frustration und Pessimismus handelt. Viele "Linke" kommen sich vermutlich ziemlich verlassen und hilflos vor angesichts einer Welt, in der ihre Wünsche und Ideen keinerlei Einfluss zu haben scheinen und die Mächtigen schalten und walten können, wie es ihnen beliebt. In den meisten Fällen machen sie für diese Situation die Masse der Bevölkerung ("die Spießer", "die Wohlstandsbürger" usw.) verantwortlich, wenn nicht ausdrücklich, so doch zumindest unterbewusst. Eine echte Veränderung erscheint ihnen so gut wie unvorstellbar, und wenn sie Jameson, Žižek oder irgendwelche anderen postmodernen "linken" Gurus gelesen haben, so verfügen sie sogar über ein "philosophisches" Instrumentarium, das ihre Hoffnungslosigkeit als die einzig "realistische" Sicht auf die Gesellschaft erscheinen lässt. Im Grunde ist es nur zu verständlich, wenn sie schließlich in eine pubertäre Mentalität zurückfallen und sich an blutigen Rachefantasien zu ergötzen beginnen. Erst recht, wenn sie ihnen in so "hipper" und "cooler" Form serviert werden wie von Tarantino, in dessen zynischer Misanthropie sie zudem etwas ihnen verwandtes entdecken werden. Hinzu kommt, dass sie sich soziale Rebellion nur noch in Gestalt eines individuellen Verstoßes gegen die Regeln der bürgerlichen Gesellschaft vorstellen können. Die Idee der Revolution spielt für sie bestenfalls noch die Rolle eines utopischen Traums. In einer früheren Ära wären sie vielleicht zu heimlichen Bewunderern der RAF oder zu begeisterten Che Guevara - Jüngern geworden. Doch die Zeit linker Terroristen und romantischer Guerilleros ist längst vorbei. Also machen sie die Kinofigur des "coolen" Killers zum Fokus ihrer Träume. Und wenn Tarantino ihnen dabei entgegenkommt, indem er seine Killer Nazis oder weiße Sklavenhalter abschlachten lässt, um so besser.

Die traurige Ironie besteht darin, dass sie damit ungewollt die reaktionärsten Strömungen der Gegenwart unterstützen. Quentin Tarantino ist beileibe kein bewusst politischer Künstler, aber es wäre schon äußerst naiv, wollte man glauben, dass sein Aufstieg in den Olymp von Hollywood nur zufällig zur gleichen Zeit stattgefunden hat, wie die Hinwendung der US-Politik zu immer offener verbrecherischen Methoden, zu Mord, Folter und Eroberungskriegen. Während der Regisseur im Kino die Figur des Vigilante verherrlicht, spielt sich Washington als globaler Vigilante auf und maßt sich das Recht an, seine Killerkommandos und raketenbestückten Drohnen in jedes Land der Welt schicken zu dürfen, um dort seine Feinde auszumerzen. Ich wenigstens finde es naheliegend, hierin eine verwandte Mentalität zu sehen, Ausdruck einer verrottenden Gesellschaftsordnung und Kultur.



* Mike &  Jay von RedLetterMedia sind zwar selbst große Tarentino-Fans, beweisen ihr künstlerisches Feingefühl jedoch dadurch, dass sie Jackie Brown nicht nur für Tarantinos besten Film halten, sondern dafür auch genau die richtigen Gründe angeben.
** Der Film soll 1858 spielen und beginnt dennoch mit der Erklärung "Two Years Before the Civil War" – welcher bekanntlich 1861 ausgebrochen ist! Eine "kleine Ungenauigkeit", in welcher Tarantinos ganze Art des Umgangs mit Geschichte sehr schön zum Ausdruck kommt.
*** "Die im Film aufscheinende Kritik an den rassistischen Verhältnissen tritt bei alledem allerdings stets nur als sublimierte in Erscheinung, weil sich die Bewältigung des Problemkomplexes rassistischer Ausbeutung und Brutalität direkt auf die Projektionsfläche der Leinwand verschiebt und dort in Form der charakteristischen Gegengewalt des Protagonisten an seinen weißen und schwarzen Peiniger_innen vollzogen wird. So findet eine kritische Reflexion auf den entsprechenden Sachverhalt zwar noch statt, läuft aber Gefahr in ihr Gegenteil umzuschlagen, nämlich zur schlechten Befriedung der Verhältnisse durch die eigene Ventilfunktion beizutragen."
**** Mit Peter Greenaways The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover gehört zu meinem eigenen cineastischen Pantheon ein Film, der mit einem extremen Racheakt endet. Von allem anderen einmal abgesehen, was diesen Streifer meiner Meinung nach zu einem echten Meisterwerk macht, glaube ich jedoch nicht, dass das kannibalistische Finale bei irgendjemandem Vergnügen hervorrufen kann. Besser gesagt: Ich hoffe inständig, dass dem nicht der Fall ist ...

Samstag, 9. Februar 2013

Strandgut der Woche

Freitag, 8. Februar 2013

Der phantastische Franzose

Heute können wir den 185. Geburtstag von Jules Verne feiern!
Die Frage, ob man ihn zurecht als einen der "Väter der Science Fiction" bezeichnen kann, überlasse ich nur zu gerne jenen Leuten, die solch erbsenzählerische Genrediskussionen für spannend halten. Mich öden sie bloß an. Was mir wichtig ist, ist dass der alte Verne nicht nur so amüsante und spannende Abenteuergeschichten wie In 80 Tagen um die Welt und Die Reise zum Mittelpunkt der Erde geschrieben hat {was für sich genommen schon großartig genug wäre},  sondern in Büchern wie 20.000 Meilen unter dem Meer, Die 500 Millionen der Begum oder Die Schiffbrüchigen der "Jonathan" außerdem versuchte, Themen wie Kolonialismus, Militarismus und soziale Gerechtigkeit anzusprechen. Das mag ihm nicht in allen Fällen 100%ig gelungen sein, doch gilt dasselbe nicht auch für H.G. Wells, den alle Welt als den Begründer der "sozialkritischen" SF feiert?
Fest steht für mich jedenfalls, dass wir als Mitglieder der lesenden Menschheit ohne den fabulierlustigen Franzosen unendlich viel ärmer wären. Und das sollte Grund genug sein, um am heutigen Tag ein Gläschen auf ihn zu leeren. Bon anniversaire, Monsieur Verne!

Montag, 4. Februar 2013

Clark Ashton Smiths phantastische Poesie

Wie schön, dass Mr. Jim Moon meine Liebe zu Klarkash-Ton teilt. In der neuesten Episode von Hypnobobs lädt er seine Hörer & Hörerinnen zu einer "phantastischen Reise durch einen Ozean aus Klang und Musik" ein, auf der sie eine kleine Auswahl aus Clark Ashton Smiths Poesie kennenlernen können:
Wer die Gedichte noch einmal nachlesen will, der sei erneut auf die Website The Eldritch Dark verwiesen.

Kindheitshelden auf der Leinwand

Ah ja, Saurier – die großen Lieblinge meiner Kindheit!
Ich weiß nicht, waren die späten 70er & frühen 80er eigentlich die Tage der ersten großen Dinowelle? Auf jedenfall gab es damals eine ausreichende Menge an mit beeindruckenden Illustrationen versehenen Kinderbüchern über die Urzeitechsen, um zugleich meine Faszination zu wecken und meine Wissbegierde zu befriedigen. {Ein Jammer, dass keines davon sich heute noch in meinem Besitz befindet.} Nicht zu vergessen natürlich die zahllosen Gummi-Dinos, die zeitweilig mein Zimmer bevölkerten und über deren vielgestaltiger Horde {wie es sich gehört} ein Tyrannosaurus Rex sein mächtiges Haupt in die Höhe reckte. 
Wo die Wurzeln für meine frühe Dinoliebe zu suchen sind, ist für mich heute nur noch schwer auszumachen. Der berühmte Paläontologe Stephen Jay Gould hat in einem seiner Essays einmal die Erklärung zitiert, die ihm ein befreundeter Psychologe für die Faszination gegeben hat, welche die Urzeitungeheuer auf Kinder ausüben:  "Sie sind groß, wild und ausgestorben – oder mit anderen Worten aufregend gefährlich, aber in sicherer Entfernung."* Das klingt zwar einleuchtend, aber ich glaube nicht, dass ich als Kind wirklich so empfunden habe. Vielmehr denke ich, einer der Gründe für meine ganz persönliche Dinomanie bestand darin, dass Drachen bereits zuvor meine absoluten Favoriten unter der phantastischen Fauna gewesen waren. Und was sind Dinosaurier für ein Kind anderes als echte Drachen? Okay, sie speien kein Feuer, aber davon einmal abgesehen? Hinzu kam der wenn man so will "wissenschaftliche" Reiz des Ganzen. Nicht nur, dass es diese gewaltigen Tiere wirklich einmal gegeben hatte, und man im Frankfurter Senckenbergmuseum ihre ehrfurchtgebietenden Skelette bestaunen konnte. Sich mit ihnen zu beschäftigen, beinhaltete außerdem das Vergnügen, unzählige exotische Namen auswendig zu lernen und Daten über geologische Weltzeitalter und ähnliches zu büffeln.
Als Helden von Kinoleinwand und Fernsehschirm machten sich die Riesenechsen zu jener Zeit allerdings noch eher rar. So zumindest mein Eindruck im Rückblick. Von den Abenteuern der Familie Feuerstein einmal abgesehen, kann ich mich eigentlich nur an die Dimetrodons aus Henry Levins Verfilmung von Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde erinnern – und bei denen handelte es sich ganz offensichtlich um irgendwelche Leguane, denen man einen Gummikamm auf den Rücken geklebt hatte. Selbst als kleiner Junge fand ich das glaube ich nicht wirklich beeindruckend. Die phantastischen Filme meiner Kindheit, das waren neben tschechoslowakischen und ostdeutschen Märchenfilmen vor allem Der Dieb von Bagdad mit Sabu, Ray Harryhausen - Streifen wie Jason und die Argonauten oder Kampf der Titanen, Disneys 20.000 Meilen unter dem Meer, Joe Dantes Gremlins und die Star Wars - Trilogie. {Dass es da auch Wolfgang Petersens Unendliche Geschichte gegeben hat, versuche ich lieber zu verdrängen}. In keinem von ihnen hatten Dinos im engeren Sinne einen Auftritt.

Tatsächlich aber verfügen die Saurier im Kino über eine lange und ehrwürdige Geschichte. Der große Stop-Motion-Meister Willis O' Brien begann seine Kinokarriere 1917 mit dem putzigen Kurzfilm The Dinosaur and the Missing Link:


Acht Jahre später folgte der erste echte Klassiker des Dino-Kinos: Harry Hoyts Adaption von Arthur Conan Doyles The Lost World. O' Briens Kreationen wirken auch heute noch äußerst beeindruckend:


Noch berühmter freilich ist er für seine Arbeit an Merian C. Coopers & Ernest B. Schoedsacks King Kong (1933) geworden.


Verkörpern Willis O' Brien und sein Protegé Ray Harryhausen die edle Tradition der Stop-Motion-Animation, so zeigten in den 70er Jahren Filme wie The Land That Time Forgot und The People That Time Forgot, dass man unsere Freunde aus der Urzeit auch mit Hilfe von Puppen auf recht eindrucksvolle Weise wieder zum Leben erwecken konnte:



Eigentümlich, dass ich in meiner Kindheit scheinbar nie Gelegenheit hatte, mit diesen Edgar Rice Burroughs - Flicks Bekanntschaft zu schließen. Ich glaube, meine Begeisterung hätte keine Grenzen gekannt.

Mir ist natürlich bewusst, dass Vertreter einer etwas jüngeren Generation beim Anblick dieser Gummi-Dinos vielleicht eher in Gelächter ausbrechen werden. Und auch wenn ich das zwar etwas unfair fände, könnte ich es doch bis zu einem gewissen Grad verstehen.  Schließlich werden wir dieses Jahr bereits zum zwanzigsten Mal der Premiere jenes Filmes gedenken können, mit dem die CGI-Technik ihren Triumphzug durch die cineastischen Welten begann. Und wieder waren es Dinosaurier, an denen diese damals brandneue Form der Kinozauberei zum ersten Mal in großem Maßstab vorgeführt wurde:


Als Lee und Darren vom BlackDog Podcast verkündeten, sie würden diese Woche Jurassic Park aufs Tapet bringen, dachte ich mir, dies wäre der geeignete Anlass, um meinen alten Videorecorder wieder einmal abzustauben und die VHS-Kassette mit Steven Spielbergs Dino-Flick hervorzukramen.
Als der Film 1993 in die Kinos kam, befand sich meine persönliche Beziehung zur Phantastik gerade auf einem historischen Tiefstand. Anderes beherrschte mein Denken, und so gab es keinen Grund für mich, die Morgendämmerung des modernen Dinosaurierfilms in einem Kinosaal live mitzuerleben. Erst einige Jahre später und via Fernsehen schloss ich Bekanntschaft  mit dem Streifen. Meine erneute Begegnung mit ihm hat nichts Grundsätzliches an meiner damaligen Reaktion verändern können. Für mich zerfällt Jurassic Park in zwei völlig verschiedene Teile: Die Saurier und den Rest.
CGI-Kreaturen sind für uns heute täglich Brot, und die Technik hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten gewaltige Fortschritte gemacht. Dennoch finde ich T-Rex, die Raptoren und die meisten der übrigen Dinos immer noch ziemlich beeindruckend. Regelmäßigere Leser & Leserinnen meines Blogs werden inzwischen daran gewöhnt sein, dass ich bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit ein Loblied auf die alten Tricktechniken à la Stop Motion oder Animatronics anstimme, weil diese weniger der Erschaffung einer pseudonaturalistischen Illusion dienten als vielmehr einen Ansatzpunkt für die Imagination der Zuschauer liefern sollten.  Im Falle der Saurier von Jurassic Park sehe ich das allerdings etwas anders, ohne dass deshalb meine Liebe und Bewunderung für die Werke von Willis O' Brien, Ray Harryhausen oder Roger Dicken auch nur um einen Deut nachlassen würde. Der Grund dafür ist recht einfach. Würde morgen ein Zoo mit echten Dinosauriern seine Tore öffnen, ich stände heute schon Schlange, um eine der ersten Eintrittskarten zu ergattern. Leider jedoch wird es einen solchen Urzeit-Tierpark wohl nie geben. Und so betrachte ich Filme wie Jurassic Park als eine Art Ersatz. Eine möglichst realistische Illusion ist dabei logischerweise genau das, was ich mir wünsche. Geht es doch um reale Tiere, die ich zu gerne einmal wirklich sehen würde, die jedoch dummerweise bereits vor etlichen Millionen Jahren ausgestorben sind.
Doch bedauerlicherweise besteht Spielbergs Film nicht nur aus Dinosauriern. Und damit beginnt das Dilemma. Es fällt mir einfach äußerst schwer, darüber hinwegzusehen, wie banal und konformistisch die Story von Jurassic Park ist. Alles läuft auf die alte antihumanistische und antiwissenschaftliche Botschaft hinaus: Mensch, versuche nicht, Gott zu spielen! Akzeptiere die Grenzen, die der HErr dir gesetzt hat! Denn wisse: Hochmut kommt vor dem Fall! – Dasselbe hat uns Hollywood schon über ein halbes Jahrhunert früher, verpackt in eine sehr viel interessantere Geschichte, zu vermitteln versucht: Man braucht sich bloß die alten Universal-Frankensteins mit Boris Karloff anzuschauen. Und das waren echte Klassiker! In Jurassic Park hingegen bekommen wir denselben Sermon in Form einer Story vorgesetzt, bei der sich Spielberg von seiner übelsten Seite zeigt – sentimental und spießig bis zum geht nicht mehr. Während die Saurier über die Leinwand flitzen, versucht er uns einmal mehr einzubläuen, dass die Wiederherstellung der traditionellen Familie die Rückkehr in eine heile Welt bedeute, und am Ende entfliehen Grant und Sattler der Dino-Insel mit direktem Kurs auf den glücklichen Hafen der Ehe, während Lex und Tim bereits die netten Kinderchen spielen. Dass Jeff Golblum als Ian Malcolm einen besonders nervigen und unsympathischen Eindruck hinterlässt, ist allerdings völlig okay: David Koepps Drehbuch hat den "Chaostheoretiker" (wenn auch wohl kaum mit Absicht) ohnehin bereits zu einem eingebildeten Arschloch gemacht. So gesehen ist Goldblum genau der richtige Darsteller.

In meiner ganz persönlichen Parallelwelt hätte sich Spielberg Anfang der 90er ja nicht an die Verfilmung eines Bestsellers von Michael Crichton gemacht,  sondern an eine Neuadaption von Conan Doyles Lost World. Statt als Statisten in einer reichlich dümmlichen Parabel auf die Gefahren der Gentechnik, hätten wir die Dinosaurier dann in dem ihnen gemäßen Umfeld erleben dürfen. Als Teil einer exotischen Welt, in die unerschrockene Forscher {und Forscherinnen; in dieser Hinsicht wäre eine Modernisierung sehr erwünscht gewesen} vorstoßen. Irgendeine tiefere Bedeutung hätte dieser Film gar nicht haben müssen. Eine Verschmelzung der neuen Tricktechnik mit dem Geist der alten Abenteuerstreifen hätte mir vollkommen gelangt. Stattdessen wurde Jurassic Park zum ersten Teil in einer Reihe fürchterlich langweiliger Dino-Streifen und zur Inspiration für solche Grauslichkeiten wie Roland Emmerichs Godzilla-Vergewaltigung. Die Welt ist böse!


* Stephen Jay Gould: Dinomanie. In: Ders.: Ein Dinosaurier im Heuhaufen. Streifzüge durch die Naturgeschichte. S. 289.

Samstag, 2. Februar 2013

Strandgut der Woche

Freitag, 1. Februar 2013

"In a country where they turn back time"



Al Stewarts Year of the Cat ... Wunderbar! ... Wie könnte man einen Song nicht lieben, dessen Text mit den Zeilen beginnt:
On a morning from a Bogart movie
In a country where they turn back time
You go strolling through the crowd like Peter Lorre
Contemplating a crime

Der ehrliche Romantiker

Eigentlich sollte mir SF-Autor David Brin ja sympathisch sein. In einer Zeit, in der das Erbe der Aufklärung beständigen Angriffen nicht nur von Seiten religiöser Obskurantisten, sondern auch von Seiten "linker", postmodernistischer Intellektueller ausgesetzt ist, müsste einem jede Stimme, die für aufklärerische Ideen eintritt, eigentlich Gold wert sein. Und doch habe ich so meine Probleme mit ihm. Da wäre etwa sein naiver Glaube an den Kapitalismus, der bloß hundertprozentig transparent gemacht werden müsse, um den Völkern zum Segen zu gereichen; seine bornierte Verachtung für alte Literaturformen wie Heldenepos (Ilias) oder griechische Tragödie (Oedipus), in denen er bloß langweilige Dokumente eines unemanzipierten und despotischen Zeitalters zu erkennen vermag; die unüberlegte Art, in der er kollektives Handeln mit dem Vertrauen in staatliche Institutionen gleichsetzt; sein recht peinlicher US-Patriotismus; sein überzogener (wenn auch in der Sache gerechtfertigter) Hass auf George Lucas und Star Wars  usw. Und selbst dann, wenn ich inhaltlich mit ihm übereinstimme, hat er irgendetwas an sich, was mich aus unerfindlichen Gründen ganz schrecklich irritiert.

Dass ihm Tolkiens Herr der Ringe zutiefst suspekt ist, versteht sich von selbst. Das Buch ist – da gibt es nun mal nichts dran zu deuteln – ein antimodernes und antiaufklärerisches Werk. Und Brin schien mir lange Zeit nicht der Mann zu sein, der in einem solchen Fall zu einer differenzierteren Betrachtungsweise fähig wäre.  Ich war daher freudig überrascht, als er vor einiger Zeit in einem Interview mit Geek's Guide to the Galaxy einige sehr wohlwollende und einsichtsvolle Bemerkungen über den "Professor" machte:
I really respect and admire Tolkien. I think he was the most honest of the Romantics. It happens I think that Romanticism is an enemy meme. I think it is deeply contrary to the Enlightenment, and deeply harmful. But Tolkien himself was the most incredibly honest Romantic. He himself pointed out the flaws of the elves and the drawbacks of Romanticism. I respect Tolkien. If I had gone to World War I like he did and watched the flower of my generation mowed down by machine guns, I might have turned against modernity too.
Was mich daran besonders erstaunt hat ist, wie klar Brin einen Zug in Tolkiens Werk erkannt hat, der mir von vielen Fans des "Professors" übersehen zu werden scheint. "Der ehrliche Romantiker" ... die Charakterisierung gefällt mir.
Der Herr der Ringe ist bekanntlich durchtränkt von einer tiefen Melancholie, einer wehmutsvollen Trauer über einen nie wieder gut zu machenden Verlust. Die Gegenwart ist eine Zeit des Niedergangs. Die Vergangenheit war edler, schöner und erhabener – und sie wird nie mehr wiederkehren. Ein hübsches Beispiel dafür sind die Verse, die Aragorn vor den Toren von Edoras in Rohan rezitiert:
Where now the horse and the rider? Where is the horn that was blowing?
Where is the helm and the hauberk, and the bright hair flowing?
Where is the hand on the harpstring, and the red fire glowing?
Where is the spring and the harvest, and the tallcorn growing?
They have passed like rain on the mountain, like wind in the meadow;
The days have gone down in the West behind the hills into shadow.
Who shall gather the smoke of the dead wood burning,
Or behold the flowing years from the Sea returning. 

Das Gedicht gewinnt noch an Intensität, sobald man sich klarmacht, dass seine Eingangszeile auf einen Vers aus The Wanderer anspielt – einem altenglischen Stabreimgedicht über die Vergänglichkeit alles Irdischen: "Hwær cwom mearh, hwær cwom mago?" = "Wo ist das Ross, wo ist der junge Mann/Reiter?" (V. 92)

Die "Herzensfolter des Gedenkens an die verschwundene Vergangenheit" war für Tolkien ein Gefühl, das ihm sehr vertraut war und ihn "zuhöchst bewegt[e]". (1) Seine stärkste und zugleich komplexeste Verkörperung fand es in Gestalt der Elben. In der Folge wurde daraus ein Klischee der tolkienesken High Fantasy, so dass Diana Wynne Jones schließlich in ihrem hübschen Tough Guide to Fantasyland schreiben konnte:
In fact, Elves appear to have deteriorated generally since the coming of humans. If you meet Elves, expect to have to listen for hours while they tell you about this – many Elves are great bores on the subject – and about what glories there were in ancient days. They will intersperse their account with nostalgic ditties (songs of aching beauty [OMT]) ... (2)
Bei Tolkien selbst jedoch handelte es sich dabei noch nicht um eine inhaltslose Konvention.

Ich habe das Gefühl, dass die Elben zu den am häufigsten missverstandenen Elementen der tolkienschen Mythologie gehören. Viele scheinen in ihnen eine Art Übermenschen zu sehen, deren einziger Fehler in ihrem Hang zur Arroganz besteht. Ein sehr gutes Beispiel für diese oberflächliche Betrachtungsweise ist die Darstellung Elronds in Peter Jacksons Herr der Ringe - Filmen. In einem Interview mit Philippa Boyen sagte der Regisseur:
He [Tolkien] also had a great pessimism, or rather, a melancholy about him and a lack of confidence in mankind. Which is really part of what he was venting about. He was aware of and frustrated with how flawed we are. He created the Elvish race as his perfect ideal beings. They were wise, they were artistic, they were noble, they were sensible, basically. They were full of common sense, if you want to describe the Elves in the other direction. [laughs] They embody basic common sense. The world was ok as long as the Elves were in charge, but of course, The Lord of the Rings is about the time when the Elves were departing.
And who's going to inherit this thing? Well, it's going to be men, and men, well, they squabble, they kill each other, they're territorial, they're petty, they're full of greed. The book is sort of a sad reflection on the fact that what was once great and pure and noble is now going to fall into the hands of these people called "man" or "mankind." And sure, I think Tolkien's right. I think everything we do today, yesterday and tomorrow is proving Tolkien to be completely right. The Elves should make their way back here. And take control again! Then the world would be a better place.
Tatsächlich ist die Machtgier der Menschen die zentrale Idee seiner Adaption des Romans. Doch ist das jetzt nicht das Thema. Mir geht es vielmehr darum, mit welcher Selbstverständlichkeit Jackson von den Elben als "perfect ideal beings" spricht und dazu erklärt: "The world was ok as long as the Elves were in charge". Wer das Silmarillion gelesen hat, weiß, dass letztere Behauptung schlicht falsch ist. Das Buch erzählt in erster Linie von elbischen Charakteren und doch finden sich in ihm genug Geschichten über Hochmut, Gier, Brudermord, Rachsucht und Verrat. Natürlich stimmt es, dass die Elben im Ganzen betrachtet idealisierte Figuren sind. Sie verkörpern bestimmte Aspekte des Menschseins in besonders reiner Form. So sind sie vor allem vollkommene Künstler und im Unterschied zu den Menschen ist ihre Beziehung zur Welt in erster Linie eine ästhetische. Das macht sie jedoch nicht automatisch auch zu moralisch überlegenen Wesen.
Tolkiens Biograph Humphrey Carpenter hat in ihnen ein Bild des "Menschen vor dem Sündenfall" sehen wollen, aber auch diese Interpretation trifft es wohl nicht ganz. (3) Im Silmarillion erleben die Elben vielmehr ihre eigene Version des Sündenfalls, der Vertreibung aus dem Paradies und der Verfluchung durch die himmlischen Mächte. Lediglich ihre Unsterblichkeit macht sie dem paradiesischen Menschen der christlichen Mythologie ähnlich. Doch bildet gerade sie den Ausgangspunkt für ihre größte Schwäche. Eine Schwäche, in deren Schilderung Tolkien sich in der Tat als der "ehrliche Romantiker" erweist, von dem Brin spricht.

Nicht zu sterben und den "Kreisen der Welt" für immer entfliehen zu können, wird für die Elben mit der Zeit zu einer immer schweren Last. Als quasi unveränderliche Wesen sind sie gefangen in einer Welt ständigen Wandels. Sie lieben die Schönheiten Mittelerdes und müssen doch immer wieder miterleben, wie diese verfallen und vergehen. Die einzige Alternative, die ihnen offensteht, ist die Fahrt über das Meer zur Insel Tol Eressea am Rande des Irdischen Paradieses Valinor. Doch dann müssten sie der übrigen Welt für immer den Rücken kehren. In ihnen erwacht deshalb der Wunsch, die Entwicklung künstlich aufhalten zu können. Nichts soll sich mehr verändern! Alles soll so bleiben, wie es ist! Dieser Wunsch führt einen Teil der Elben zur Zusammenarbeit mit Sauron bei der Erschaffung der Ringe der Macht.
In einem Brief an Naomi Mitchison schrieb Tolkien darüber:
Manche Rezensenten haben die ganze Sache einfältig gefunden, bloß ein simpler Kampf zwischen Gut und Böse, wo die Guten alle bloß gut und die Bösen alle bloß böse sind . [...] Aber die Elben sind nicht gänzlich gut oder im Recht. Nicht so sehr, weil sie mit Sauron geflirtet haben, als vielmehr, weil sie ‘Balsamierer’ waren, ob mit oder ohne seine Hilfe. Sie wollten auf zwei Hochzeiten tanzen: in dem sterblichen historischen Mittelerde leben, weil sie es liebten (und vielleicht auch, weil sie dort die Vorteile einer Oberkaste genossen), und darum versuchten sie Wandel, Geschichte und Wachstum anzuhalten, es sich zu erhalten als einen Lustgarten, über weite Strecken sogar als eine Einöde, wo sie als ‘Künstler’ leben konnten - und sie waren schwer bedrückt von Trauer und nostalgischem Jammer. (4)
Anders als Sauron streben die Elben nicht nach Herrschaft, denn sie wollen die Welt nicht nach ihren eigenen Vorstellungen umgestalten. Doch der Wunsch, jede weitere Entwicklung aufzuhalten, ist im Grunde ebenso falsch und egoistisch. Als Sauron in der Gestalt Annatars, des "Herrn der Geschenke", zu den Elbenschmieden von Ost-in-Edhil kommt und ihnen anbietet, sein Wissen mit ihnen zu teilen, um Mittelerde in ein Paradies zu verwandeln, können sie der Versuchung nicht widerstehen. Hier scheint sich ihnen die Möglichkeit zu bieten, ihren großen Wunschtraum Wirklichkeit werden zu lassen. Aus dieser Zusammenarbeit entstehen die Ringe der Macht. Deren wichtigste Eigenschaft scheint es zu sein, den Lauf der Zeit anzuhalten. Im Falle der Neun (und des Einen) bewirkt dies, dass ihre Träger nicht länger altern und schließlich eine Art pervertierter Unsterblichkeit erlangen. Auf andere Weise zeigt sich dieselbe Macht auch bei den Drei. Am deutlichsten wird dies am Beispiel Galadriels, die ihren Ring dazu verwendet, Lórien in ein Reich zu verwandeln, in dem die Entwicklung der Welt zum Stillstand gekommen zu sein scheint.
Im Herr der Ringe werden Frodos Empfindungen beim Betreten dieses Landes so beschrieben:
Von dem Augenblick an, als er den Fuß auf das jenseitige Ufer des Silberlaufs gesetzt hatte, war er von einem seltsamen Gefühl befallen worden, und es verstärkte sich, als er jetzt weiter in den Naith hineinkam: ihm schien, er habe über eine Brücke der Zeit einen Winkel der Altvorderenzeit betreten und ergehe sich jetzt in einer Welt, die nicht mehr war. In Bruchtal lebte die Erinnerung an die alten Dinge; in Lorien lebten die alten Dinge noch in der lebendigen Welt
Als er sein Gefühl etwas später einem der Elben gegenüber in Worte zu fassen versucht, erwiedert dieser: "Du spürst die Macht der Herrin der Galadrim". Damit spielt Haldir auf die Macht des Ringes Nenya an. Interessanterweise ist es Sam, der die Elben auf so kindlich-naive Art liebt, der das Wesen Lóriens und seiner Bewohner am ehesten zu begreifen scheint, wenn er zu Frodo sagt: "Ob sie das Land gemacht haben oder das Land sie, ist schwer zu sagen, wenn du weißt, was ich meine. Es ist wundervoll still hier. Nichts scheint zu geschehen, und offenbar will das auch niemand." (5)
Die Elben leben im wahrsten Sinne des Wortes in der Vergangenheit. Obwohl sie nicht bereit sind, endgültig Abschied zu nehmen und über das Meer zu fahren, haben sie sich doch längst von der realen Welt abgewandt. Baumbart sagt über Lórien: "Das Land des Tals des Singenden Goldes war es einstmals. Jetzt ist es die Traumblume. Nun ja! [...] Sie bleiben hinter der Welt zurück da drinnen vermute ich." Die Elben sitzen in ihrer "Zeitkapsel", ergehen sich in nostalgischer Trauer und machen "Gedichte über die Tage, die niemals wieder kommen werden. Niemals wieder." (6) Sie greifen nicht mehr aktiv in die Geschehnisse der Welt ein und haben wenig Interesse an den Geschicken der anderen Völker, wie Gildor Frodo erklärt: "Die Elben habe ihre eigene Bürde zu tragen und ihre eigenen Sorgen, und sie kümmern sich wenig um die Wege der Hobbits oder irgendwelcher anderen Geschöpfe auf der Welt." Der Ringkrieg ist im Grunde nicht ihr Konflikt, denn sie werden so oder so als Verlierer aus ihm hervogehen. Sollte der Eine Ring tatsächlich zerstört werden, würde dies auch die Macht der Drei beenden, und der Schutzwall gegen den Lauf der Geschichte, den die Elben um ihre Zufluchtsstätten errichtet haben, bräche zusammen. Galadriel sagt zu Frodo:

Begreifst du jetzt, warum dein Kommen für uns wie ein Vorbote des Schicksals ist? Denn wenn du scheiterst, dann werden wir dem Feind offenbart. Doch wenn du Erfolg hast, dann wird unsere Macht gemindert und Lothlórien wird vergehen, und die Fluten der Zeit werden es hinwegspülen. Wir müssen nach dem Westen ziehen oder ein Landvolk der Täler und Höhlen werden, das langsam vergißt und vergessen wird. (7)
Die höhnischen Worte, die der gedemütigte Saruman nach dem Untergang Saurons an Galadriel richtet, enthalten mehr als nur ein Körnchen Wahrheit:
Ich habe nicht umsonst diese Dinge lange erforscht. Ihr habt euch selbst verurteilt, und ihr wißt es. Und wenn ich wandere, wird mir der Gedanke einigen Trost gewähren, daß ihr euer eigenes Haus niedergerissen habt, als ihr meines zerstörtet. Und welches Schiff wird euch nun zurücktragen über ein so weites Meer? [...] Ein graues Schiff wird es sein, und voller Gespenster. (8)

Das tragische Schicksal der Elben enthält viel von Tolkiens eigenem Lebensgefühl. Gleich diesen musste er hilflos mitansehen, wie all das, was er liebte, von der historischen Entwicklung zerstört wurde. Das 20. Jahrhundert schien ihm eine unmenschliche "Roboterzeit" zu sein, "in der sich Reichtum und Perfektion der Mittel mit Häßlichkeit zu einem (oftmals minderwertigen) Produkt vereinen", und "das Leben und Arbeiten der Menschen [...] mit beängstigender Geschwindigkeit immer barbarischer" wird. (9) Die Welt war in seinen Augen zu einem Ort geworden, "wo die Diener Morgoths angebetet werden" (10) – "Mordor mitten unter uns". (11) Und so wie die Elben sich schließlich in ihre kleinen, vom Lauf der Zeit abgeschotteten Refugien zurückziehen, fühlte auch er sich mehr und mehr in eine Art inneres Exil gedrängt. Wie er im Dezember 1943 seinem Sohn Christopher schrieb:
Ich frage mich, ob es (wenn wir diesen Krieg überleben) nachher für reaktionäre Fossilien wie mich (und Dich) noch irgendeine Nische geben wird, wenn auch nur ein Plätzchen zum Leiden. Je mehr sich die Dinge ins Große auswachsen, desto kleiner, öder und platter wird der Erdball. Alles wird so, wie ein einziger verdammter kleiner Provinzvorort. Wenn einmal die amerikanische Hygiene, Moralreklame, Frauenrechte und Massenproduktion in ganz Nah-, Fern- und Mittelost eingeführt sind, in der UdSSR, den Pampas, im Gran Chaco, im Donaubecken, Äquatorialafrika, in Obernichtswieweghier und der Inneren Tandaradei, Gondhwanaland, Lhasa und den Dörfern im finsteren Berkshire, was werden wir dann erst froh sein! Immerhin wird es den Reiseverkehr vermindern, denn man wird nirgends mehr hin wollen. [...] Ich denke, ich werde es noch ablehnen müssen, irgend etwas außer Altmercianisch zu sprechen. (12)

Sicher wäre es ihm ziemlich verführerisch erschienen, einen Zauberring zu besitzen, der ihm die Macht verliehen hätte, den Lauf der Geschichte aufzuhalten. Doch im tiefsten Inneren wusste er, dass dies keine Lösung wäre. Leben bedeutet Entwicklung und Wandel. Das gilt für die Welt ebenso wie für den einzelnen Menschen. Einfach bloß das Alte zu konservieren und sich jeder Veränderung zu widersetzen – zum "Einbalsamierer" zu werden, wie er selbst es nannte –, würde bedeuten, sich dem Leben selbst zu verweigern.
Einen Ausweg aus diesem Dilemma konnte es für Tolkien nicht geben. Da er nicht glaubte, dass die Menschen dazu fähig sind, den Lauf der Geschichte auf bewusste und zielgerichtete Weise selbst zu gestalten – dies war in seinen Augen ja gerade die Hauptsünde der Moderne, der "Sarumanismus" –, war er dazu verurteilt, in eine ebenso pessimistische wie fatalistische Haltung zu verfallen: "Ich bin nun einmal Christ, sogar Katholik, und darum erwarte ich von der ‘Geschichte’ nichts anderes als eine ‘lange Niederlage’" (13)
Es ist ein Beweis für seine Größe als Mensch und als Künstler, dass er sich diesem Problem offen und selbstkritisch stellte. Statt sich mit Arda einfach bloß eine vormoderne Fantasiewelt zu schaffen, in die er sich aus der verhassten Realität des 20. Jahrhunderts flüchten konnte, machte er aus eben den Bewohnern jener Welt, die am reinsten seine eigenen Ideale verkörperten, zugleich ein warnendes Beispiel für die Gefahren der nostalgischen Trauer um eine verlorene Vergangenheit, die ihn selbst so oft beherrschte. Er war wirklich der "ehrliche Romantiker".


(1) Brief an Christopher Tolkien [30. Januar 1945]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 96. S. 148.
(2) Diana Wynne Jones: The Tough Guide to Fantasyland. Revised and Updated Version. S. 62.
(3) Humphrey Carpenter: J.R.R. Tolkien. Eine Biographie. S. 113.
(4) Brief an Naomi Mitchison [25. September 1954]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 154. S. 260.
(5) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. 1. S. 421f.; 423; 435.
(6) Ebd. Bd. II. S. 77ff.
(7). Ebd. Bd. I. S. 111; 440.
(8) Ebd. Bd. III. S. 295.
(9) J.R.R. Tolkien: Über Märchen. In: Ders.: Die Ungeheuer und ihre Kritiker. Gesammelte Aufsätze. S. 191f.
(10) Brief an Michael Tolkien [24. Januar 1972]. In: J:R:R: Tolkien: Briefe. Nr.332. S. 542.
(11) Brief an Rayner Unwin [24. Oktober 1952]. In: J:R:R: Tolkien: Briefe. Nr.135. S. 220.
(12) Brief an Christopher Tolkien [9. Dezember 1943]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 53. S. 89.
(13) Brief an Amy Ronald [15. Dezember 1956]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 195. S. 336.

Donnerstag, 31. Januar 2013

Eine gute Nachricht?

Auf Computerspielen basierende Filme genießen allgemein gesprochen einen ziemlich schlechten Ruf. Und das wohl nicht ganz zu Unrecht. Angefangen mit dem bizarren Pionier des "Subgenres" Super Mario Bros. (1993) haben sich solche Adaptionen meist als ziemlich katastrophal erwiesen. Sei es die Resident Evil - Reihe, deren erstaunlichste Eigenschaft in ihrer kaum zu erklärenden Langlebigkeit besteht. Seien es die beiden Tomb Raider - Flicks, deren einziger Daseinszweck es zu sein scheint, eine besonders drastische Illustration dafür zu liefern, auf welch schändliche Weise die Hollywood-Industrie eine talentierte Schauspielerin wie Angelina Jolie zu einem bloßen Sexsymbol umfunktioniert hat. Seien es die Silent Hill - Streifen, bei denen das Ausgangsmaterial doch noch am ehesten geeignet erschienen wäre, als Inspiration für einen wirklich interessanten Film zu dienen. {Ich muss allerdings gestehen, dass ich selber eine mit Argumenten nur schwer zu verteidigende Schwäche für den ersten Silent Hill - Film habe}.
Vor diesem Hintergrund betrachtet weiß ich nicht so recht, wie die Nachricht aufzufassen ist, dass Duncan Jones die Regie in dem schon seit längerem geplanten World of Warcraft - Film übernehmen wird.
Freilich bin ich wohl auch kaum der Richtige, um darüber ein Urteil zu fällen. Das ganze WoW - Phänomen ist an mir vorübergegangen, ohne mich je wirklich zu berühren. Meine persönliche Bekanntschaft mit dem Franchise beschränkt sich auf die längst vergangenen Tage von Tides of Darkness und Beyond the Dark Portal. Auch bin ich kein ausgemachter Fan von Duncan Jones. Ja, Moon (2009) hat auch mir gefallen, aber ich glaube, der Grund dafür war weniger, dass dem Film eine intelligente Idee zugrunde gelegen hätte, als vielmehr, dass es sich um das Werk eines SF-Film-Fans für SF-Film-Fans handelt. Welcher berühmte SciFi-Streifen der letzten Jahrzehnte wurde da nicht anzitiert? Und mit Source Code (2011) konnte ich nun so gar nichts anfangen. Für mich ist das einer jener heute leider nicht seltenen Filme, die ganz auf einem cleveren Gimmick basieren. Tom Charitys Vergleich mit Nolans Memento ist da gar nicht so abwegig, wenn auch nicht in dem von ihm beabsichtigten Sinne.
Nun denn, wir werden noch früh genug erfahren, was bei all dem herauskommen wird. Ich werde versuchen,  unvoreingenommen zu bleiben. 

Mittwoch, 30. Januar 2013

News, die mir am Arsch vorbeigehn

Seit einigen Tagen ist es also offiziell: J.J. Abrams wird der Regisseur des nächsten Star Wars - Films sein. Und ein Gutteil des Internets der Geeks & Fans scheint sich genauso aufzuführen, wie {leider} vorauszusehen war. Wilde Schlachten werden ausgefochten darüber, ob diese Neuigkeit eine glorreiche Wiedergeburt des Franchises oder dessen endgültigen Untergang bedeutet. Emotionen kochen hoch {ein besonders peinliches Beispiel muss sich wohl in der BlackDog-Facebook-Group abgespielt haben; vgl. dazu Jim Moons Profanasaurus in der aktuellen Episode des Schwarzen Hunds [00:36:25]). Und ganz allgemein gesprochen, zeigt sich wieder einmal, wie maßlos überbewertet George Lucas' Edeltrash aus den 70er Jahren ist.
Der Grund dafür, dass mir dieses ganze Tohuwabohu völlig am Arsch vorbeigeht, ist nicht der, dass ich eine so abgeklärte und ausgeglichene Persönlichkeit wäre, dass ich mich niemals über etwas so "banales" wie einen Scifi-Fantasy-Film aufregen könnte. {Ihr habt mich noch nicht wirklich über Peter Jacksons Lord of the Rings reden hören.} Vielmehr bin ich der felsenfesten Überzeugung, dass Star Wars ohnehin bereits mit dem Abspann von Return of the Jedi hätte enden sollen, was nur deshalb nicht geschehen ist, weil einige Leute – allen voran natürlich der alte George – eine Shitzillionen $$$ mit dem Franchise verdienen konnten. Vom künstlerisch-erzählerischen Standpunkt aus betrachtet, war das Potential der Serie bereits zu diesem Zeitpunkt ausgeschöpft. Nichts, was heute geschieht, kann daran etwas ändern – weder in positiver noch in negativer Richtung.
Mal ehrlich: Was genau macht den Charme der ursprünglichen Star Wars - Trilogie aus? {Und dass die Prequels unter jedem nur erdenklichen Blickwinkel betrachtet einen großen Haufen tricktechnisch aufgeblähter Scheiße darstellen, setze ich als allgemein akzeptiert voraus}.
Ich sehe das so: Es ist kein Geheimnis, dass die Filme eine Hommage an die pulpigen SciFi - Serials der 30er und 40er Jahre – à la Flash Gordon oder Buck Rogers – darstellen. Dabei jedoch sind sie – und das ist in meinen Augen ganz entscheidend  – völlig frei vom postmodernen Zynismus unserer Tage. In ihnen drückt sich eine ehrliche Liebe zu den Pulp-Wurzeln des Genres aus. Was wiederum nicht bedeuten soll, dass sie einfach bloß naiv wären. Es wird vielmehr überdeutlich, dass keine der beteiligten Personen {zu Beginn vielleicht nicht einmal Lucas selbst}, das Ganze bierernst genommen hätte. Star Wars ist zwar keine Parodie, aber es besitzt so etwas wie spielerische Leichtigkeit. 
Daneben verleiht das Motiv der gegen die schier unbezwingbare Übermacht des Imperiums ankämpfenden Rebellen der Geschichte etwas mehr oder weniger aufrüherisches. Zu genau darf man in dieser Hinsicht zwar nicht nachfragen, weil man sonst unausweichlich bei David Brins Ansicht enden würde: "[T]he oppressed ‘rebels’ in ‘Star Wars’ [...] can only choose sides in a civil war between two wings of the same genetically superior royal family. They may not meddle or criticize. As Homeric spear-carriers, it's not their job." Aber hey, das hier ist spaßiger Pulp-Trash, da fang ich nicht an, politologisch-soziologische Überlegungen anzustellen. Das Imperium verkörpert ganz offensichtlich Militarismus und Bürokratie, das reicht, um der Rebellion meine volle Sympathie zu sichern.
Im Guten wie im Schlechten atmet Star Wars etwas vom Geist der Hippie-Ära. Mit letzterem meine ich natürlich vor allem den Instant-Mystizismus. Aber auch hier gilt: Die Filme zwingen mich nicht dazu, die pseudoasiatischen Weisheiten Yodas ernst zu nehmen. Mag George Lucas noch so viel über die "tiefgründigen" Anliegen seiner Saga geschwafelt haben. Für mich bleibt der kleine grüne Kerl bloß ein weiteres liebenswertes Versatzstück einer Pulp-Story.
Was all dies mit J.J.Abrams zu tun hat? Ganz einfach: Die Grundidee von Star Wars war zwar sympathisch und wurde in den ursprünglichen Flicks auch recht kompetent umgesetzt, aber für weitere Filme konnte sie unmöglich genug Stoff hergeben. Der beste Beweis dafür ist Return of the Jedi. Manche der gegen den Streifen vorgebrachten Anschuldigungen erscheinen mir zwar maßlos übertrieben – er ist ohne Zweifel der Schwächste der alten Drei, aber er ist kein schlechter Film und er bringt die Story auf angemessene Weise zu einem Abschluss –, dennoch sieht man ihm bereits sehr deutlich an, dass der Boden des Fasses erreicht ist. Das etwas einfallslose Recyceln von Elementen des ersten Films wäre andernfalls wohl kaum nötig gewesen.
Die Pulp-Hommage hatte mit der ersten Trilogie ihre maximalen Ausmaße erreicht. Weiterspinnen kann man die Geschichte eigentlich nur noch, indem man Lucas' pseudomythologische, banale und zutiefst autoritäre Ideen ernst nimmt. Das muss nicht notwendigerweise auf handwerklich so grausliche Art geschehen, wie es der gute George in den Prequels  vorexerziert hat. Abrams würde ich da nach Star Trek etwas mehr zutrauen. Nur warum sollte ich dem entgegenfiebern? In oberflächlicher Hinsicht ordentlich gemachte und recht spannende Phantastik-Blockbuster sind nicht wirklich gar so selten. Und mehr kann Star Wars VII, ganz gleich wer die Regie führt, unmöglich werden.

Montag, 28. Januar 2013

To the Bat-poles !

Nachdem uns Lee und Darren in jüngerer Vergangenheit mit solchen Grauslichkeiten wie dem Star Wars Holiday Special und Star Trek IX: Insurrection gefoltert haben, steht bei den BlackDoggern diese Woche endlich einmal wieder etwas rundum erfreuliches auf dem Programm: Der Adam West - Batman - Film von 1966!


Oh glorreiche Zeiten von Camp und Irrsinn! Dumm nur, dass ich momentan nicht die Möglichkeit habe, mir diesen Klassiker selbst einmal wieder anzuschauen. Aber dafür bietet einem Youtube die Gelegenheit, sich sämtliche Folgen der alten TV-Serie, deren Ableger dieser Streifen ja war, zu Gemüte zu führen. Und auch wenn mir für einen regelrechten Bat-Marathon gerade nicht der rechte Augenblick zu sein scheint, konnte ich doch der Versuchung nicht widerstehen, mich für ein paar Stunden in das quietschbunte Universum zu stürzen, in dem jedes Abenteuer mit dem legendären Ausruf beginnt: "To the Bat-poles!"

Ich kann hier kaum etwas über die Serie sagen, was Jim Moon nicht schon sehr viel eloquenter im dritten Teil seiner epischen Natural History of the Batman erzählt hätte. Darum auch nur ein paar spontane Gedanken:

Über die Jahrzehnte haben eine Menge Leute sich einen Spaß daraus gemacht, Adam West in seiner Rolle als Caped Crusader zu verspotten. "Hölzern" und "untalentiert" waren da noch einige der freundlicheren Ausdrücke. Meiner Meinung nach jedoch ist er genau der richtige Mann für den Job gewesen. Und dasselbe gilt für Burt Ward als Robin. Beide mögen nicht gerade die vorzüglichsten Vertreter der Schauspielkunst sein, aber sie verstanden es großartig, den beiden Ebenen, über die die Serie verfügt, gerecht zu werden. Einerseits agierten sie ernsthaft genug, um dem jüngeren Publikum nicht seine spannenden Abenteuer zu verderben, andererseits kann für den älteren Betrachter nicht der leiseste Zweifel daran bestehen, dass sie sich der genialen Absurdität des Ganzen voll auf bewusst waren. Und man denke nicht, die Serie sei einfach bloß Trash. Die Drehbücher beweisen beinahe durchgehend Intelligenz, Humor und Wortwitz. Und was schauspielerische Leistungen angeht, so können hier {naturgemäß?} besonders die Schurken brillieren, sei es Cesar Romero als Joker, Burgess Meredith als Penguin oder Julie Newmar als Catwoman.

In einer Zeit, in der Batman vor allem als Protagonist der wirren und misanthropen Filme eines Christopher Nolan bekannt ist, und man offenbar selbst eine so wunderbar absurde Figur wie Superman zum Helden eines "realistischen" und "düsteren" Filmes zu machen gedenkt, erscheint mir ein Besuch in der bunten Bat-Welt der 60er Jahre besonders erfreulich. Mal sehen, was Lee und Darren darüber zu sagen haben werden. Ich jedenfalls kann jedem, der gleich mir denkt, dass Superhelden in erster Linie Spaß machen sollten, eine solche Zeitreise nur wärmstens empfehlen.