"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 17. März 2012

Eine Pflichtarbeit (III)

Verspätete Gedanken über den Töpferjungen


Harry ist der Held, weil Rowling uns das sagt und weil Dumbledore ihm am Ende die meisten Punkte verleiht. Seine eigenen Leistungen würden diesen Titel nicht rechtfertigen. Hermine ist ganz offensichtlich die bessere und intelligentere Zauberin, und Ron beweist während des Schachspiels mindestens ebenso großen Mut wie er. Dennoch erhält Potter zehn Punkte mehr als seine Freunde. Man fragt sich warum? Was ihn auszeichnet ist nichts, was er sich selbst erarbeitet hätte. Ebensowenig beweist er größere moralische Standhaftigkeit, denn er ist nie irgendwelchen ernsthaften Versuchungen ausgesetzt. Seinen Heldenstatus verdankt er im Grunde ausschließlich irgendwelchen Gaben oder Geschenken. Das beginnt schon bei seiner Herkunft. Er ist nun einmal ‘der Junge, der lebt’ und als solcher dazu ausersehen, den Dunklen Lord zu bezwingen. Ironischerweise ist selbst sein Fluggeschick, das es ihm erlaubt, beim schulinternen Wettbewerb zu punkten, eine angeborene Gabe, die sich augenblicklich meldet, sobald er zum ersten Mal auf einen Besen steigt. Er muss zwar auch dann noch trainieren – was er offenbar mit größerem Eifer tut als irgendetwas anderes –, aber der Eindruck, den er nach seiner ersten Flugstunde hinterlässt, bleibt dennoch der eines Wunderkindes. (1) Daneben werden ihm mächtige Artefakte wie der Unsichtbarkeitsmantel, ohne den er ziemlich dumm dastehen würde, vom großen Gönner Dumbledore in die Hände gespielt. Selbst die finale Konfrontation mit Voldemort übersteht er nicht dank seiner eigenen Geschicklichkeit oder Klugheit, sondern einzig aufgrund des besonderen magischen Schutzes, der ihm durch die aufopfernde Liebe seiner Mutter zuteil geworden ist, die für ihn ihr Leben hingegeben hat.

Der auserwählte Held gehört natürlich zum Standardrepertoire der 08/15-Fantasy, aber er lässt sich nur schwer mit einer auf Leistung basierenden Ethik in Einklang bringen. Die außergewöhnlichen Taten eines solchen Helden können höchstens seine von Geburt an vorhandene ‘Tugend’ bestätigen, sie können nie wirklich Teil eines Entwicklungsprozesses sein. Harrys erster Besenflug zeigt dies sehr deutlich: "Er stieg auf den Besen, stieß sich heftig vom Boden ab und schoss mit wehendem Haar und in der Luft peitschendem Umhang nach oben – und wilde Freude durchströmte ihn, denn er spürte, dass er etwas konnte, was man ihm nicht erst beibringen musste – Fliegen war leicht, Fliegen war toll. [...] Aus irgendeinem Grund wusste Harry, was zu tun war." (S. 163f.) Man braucht sich nur vorzustellen, es ginge hier nicht um einen Hexenbesen, sondern um ein Motorrad, und die Absurdität dieser Szene wäre offensichtlich. Da wir mehrfach erzählt bekommen, dass auch Harrys Vater ein exzellenter Quidditch-Spieler war, müssen wir wohl davon ausgehen, dass es eine genetische Veranlagung zum Besenreiten gibt. Doch ist diese weniger ein Talent, als vielmehr eine quasi übernatürliche Gabe. Ersteres würde es verständlich machen, wenn Harry das Erlernen des Besenreitens leichter fiele als anderen, aber er braucht ja gar keinen Unterricht, sondern er weiß ‘aus irgendeinem Grund’ schon, was er tun muss. Für eine Geschichte, die in einer Schule spielt, geht es in Harry Potter erstaunlich wenig um lernen. Man vergleiche dies mit dem Werdegang von Le Guins Helden in The Wizard of Earthsea. Ged ist ohne Zweifel das größte magische Talent seiner Zeit, aber es braucht Jahre anstrengender Studien in Rok, bis er sein Potential zur vollen Entfaltung bringen kann. Harry erinnert mich da eher an den jungen Lanzelet aus dem mittelhochdeutschen Artusroman Ulrichs von Zatzikhoven. Dieser braucht sich bloß ein Turnier anzuschauen, um zum besten Ritter der Welt zu werden, obwohl er einige Tage zuvor noch nicht einmal richtig reiten konnte.
Die Erwähltheit Potters besitzt also einen mystischen Zug, beruht jedoch gleichzeitig – anders als etwa bei Tolkiens Frodo – auf seiner biologischen Abstammung. In späteren Bänden erklärt Rowling ganz ausdrücklich Harrys Blut zum Träger sowohl des mütterlichen Segens als auch seiner eigenen Seele. Neunmalkluge Verweise auf mythische Traditionen wie die des Alten Testamentes können nicht über die Krudität dieses Bildes hinwegtäuschen. Auch die Fähigkeit zum Zaubern erklärt Rowling ja ganz biologistisch als eine in den Genen verankerte Eigenschaft. Es mag etwas verwirrend wirken, dass Rowlings Bösewichter arrogante Aristokraten sind, die sich Wunder was auf ihre Blutlinien einbilden, während Harrys Heldentum doch gleichfalls auf dem ‘ganz besondren Saft’ beruht, der durch seine Adern fließt, aber solche Widersprüche gehören nun einmal zum Potterversum. Der Grund für sie dürfte vermutlich darin zu suchen sein, dass Rowling einerseits den Typus des aristokratischen Snobs verabscheut, der trotz der Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in der britischen Elite nach wie vor keine Seltenheit sein dürfte, andererseits jedoch eine Geschichte nach dem Muster des ‘Returning Prince’ erzählt, wie Farah Mendlesohn überzeugend dargelegt hat. Auf jedenfall zeigt uns diese ganze verschwurbelte Blutmystik mit begrüßenswerter Klarheit, dass das Motiv vom Auserwählten unauflöslich verbunden ist mit elitärem Gedankengut.

Eigentlich wird dem armen Voldemort von der Autorin unrecht getan, wenn sie ihn zum Dunklen Lord erklärt, denn zumindest in einem Punkt hat er vollkommen recht: Menschen sind nicht gleich in der Zaubererwelt. Bereits im Alter von elf Jahren werden sie vom ‘Sprechenden Hut’ (im Original präziser ‘Sorting Hat’ genannt) in vier Klassen eingeteilt: Die mutigen Gryffindors, die treuen Hufflepuffs, die schlauen Ravenclaws und die ehrgeizigen Slytherins. Eine weitere charakterliche Entwicklung ist nach diesem Termin offenbar nicht mehr vorgesehen, und meines Wissens begegnet uns in den Büchern außer dem Verräter Pettigrew niemand, der später grundsätzlich vom Psychogramm seines alten ‘Schulhauses’ abgewichen wäre. Dan Hemmens hat zurecht auf die Parallelen zwischen diesem Auswahlverfahren und einer falsch verstandenen calvinistischen Prädestination hingewiesen. Rowlings Beteuerungen, alle ‘Häuser’ seien gleichgestellt, ist offenbar unsinnig. Die Gryffindors bilden eine moralische Aristokratie, sie sind die ‘Ritter’ des Potterversums: "You might belong in Gryffindor,/ Where dwell the brave at heart,/ Their daring, nerve and chivalry,/ Set Gryffindors apart". Im Gegenzug sind und bleiben die Slytherins die geborenen Bösewichte. Alle ‘Todesser’ außer Pettigrew entstammen diesem ‘Haus’, und in der großen Endschlacht stellt es sich so gut wie geschlossen auf die Seite Voldemorts. Sämtliche Belege, die gegen eine solch deterministische Interpretation der Hut-Zeremonie zu sprechen scheinen, werden von Rowling selbst im Verlauf ihrer Reihe entkräftet. Harrys Wahlmöglichkeit zwischen Gryffindor und Slytherin (keine wirkliche Wahl, denn unser Held zögert nicht einen Moment) beruht einzig auf dem Umstand, dass er einen Teil von Voldemorts Seele in sich trägt; Snape ist nur deshalb ein ‘guter’ Slytherin, weil er sich als Jugendlicher in Lily (eine Gryffindor natürlich) verliebte etc.

Ein bisschen Schwarzweißmalerei gehört wohl zu jedem Kinderbuch. Als Elfjähriger möchte man nicht zu lesen bekommen, dass der gemeine Mathelehrer in Wahrheit ein durch Überarbeitung frustrierter Idealist ist oder der brutale Klassenfiesling vielleicht unter der Scheidung seiner Eltern oder einem alkoholkranken Vater leidet. Die Figur des Snape, wie sie in Harry Potter und der Stein der Weisen beschrieben wird, besitzt da genau das richtige Maß an Differenziertheit. Aber leider wächst sich das, was im Rahmen des ersten Bandes noch nicht so unange-nehm auffällt, in späteren Bänden zu einem allgemeinen Weltbild aus, von dem die Autorin erwartet, dass auch Erwachsene es ernstnehmen. Dabei werden Gut und Böse zu quasi von Geburt an den Menschen innewohnenden Qualitäten, die früher oder später unausweichlich zur Entfaltung gelangen. Ein gutes Beispiel dafür scheint mir Peter Pettigrew zu sein. Noch als er der gute Kumpel von James Potter, Sirius Black und Remus Lupin war, suchte er sich als Tiergestalt ausgerechnet eine Ratte aus und wurde ‘Wormtail’ genannt! Die plumpe Symbolik lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, wer von den Vieren schließlich zum Verräter werden würde – es lag halt schon immer in Peters Natur. Mit den später eingeführten Hintergrundsgeschichten Voldemorts und Dumbledores hat Rowling zwar beabsichtigt, dieser manichäischen Konstruktion etwas menschliche Tiefe zu verleihen. Doch soweit ich dies abzuschätzen vermag, ist ihr das höchstens ansatzweise gelungen.

Tom Riddle wurde von seinen Eltern im Stich gelassen und wuchs in einem Waisenhaus auf, aber ist dies der wahre Grund für seine Verwandlung in den Dunklen Lord? Wenn dem so wäre, dann hätten wir eine Erzählung vor uns, die behaupten würde, dass vernachlässigte Kinder zu größenwahnsinnigen Möchtegerndiktatoren heranwachsen. Reichlich bizarr, oder? In Wirklichkeit lässt Rowling auch kaum Zweifel daran, dass Tom schon immer ein Psychopath war. Seine Hintergrundsgeschichte dient nur scheinbar dazu, ihm ein etwas menschlicheres Antlitz zu verleihen. In erster Linie ist sie als deutliche Parallele zu Harrys Biographie angelegt und unterstreicht somit nur, dass es eben gerade nicht das soziale Umfeld oder die Erfahrungen seiner Kindheit waren, die aus Riddle Voldemort machten. (2) Tom fehlt im Unterschied zu Harry zwar die elterliche – vor allem die mütterliche – Liebe, aber Liebe hat bei Rowling kaum etwas mit realen zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun, sondern ähnelt eher einer mystischen Macht. Die Erfahrung, geliebt zu werden, hat ja auch der kleine Potter nicht machen können, sind seine Eltern doch bereits kurz nach seiner Geburt ermordet worden, woraufhin Dumbledore das Baby bei Nacht und Nebel auf der Türschwelle der Dursleys aussetzte. Obwohl er in einem gänzlich lieblosen Umfeld aufgewachsen ist, lebt die mütterliche Liebe dennoch auf geheimnisvolle Weise in ihm fort. Sie liegt ihm im wahrsten Sinne des Wortes im Blut. Damit wird sie nur zu einem weiteren Symbol seines Erwähltseins, und man könnte sie ebensogut durch Gottes Huld oder etwas ähnliches ersetzen. Bezeichnenderweise ergibt sich Voldemorts einzige Chance zu Reue und Umkehr aus dem Umstand, dass er sich zu seiner Wiederauferstehung des Blutes seines Widersachers bedient: "Because he had taken into his body this – this drop of hope or love (Harrys Blut). So that meant that if he could have mustered the courage to repent, he would have been okay. But, of course, he wouldn't. And that's his choice." (3) Dass er diese Chance ‘selbstverständlich’ nicht wahrnimmt, beweist seine böse Natur. Hier, wie so oft, ist das, was Rowling als ‘choice’ bezeichnet, überhaupt keine wirkliche ‘Entscheidung’. Man denke nur zurück an Harrys ‘Wahl’ zwischen Gryffindor und Slytherin, die eher als eine Bedrohung, denn als eine Wahlmöglichkeit oder auch nur als eine Versuchung beschrieben wird.
Bei Dumbledore sieht es etwas anders aus, denn hier ging es Rowling wohl tatsächlich darum, dem alten Zauberer etwas vom Nimbus des unfehlbaren Weisen zu nehmen, mit dem sie ihn für den Großteil der Serie umgeben hatte. Dazu bedient sie sich zweier Methoden ... und scheitert mit beiden. Zum einen offenbart sie uns in Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, dass der achtzehnjährige Albus irgendwann Mitte des 19. Jahrhunderts für kurze Zeit mit dem Magier-Chauvinismus und der Idee der Weltherrschaft geliebäugelt hatte. Ach, Gottchen! Ich hab mich vor etlichen Jahren in einem Anfall von spätpubertärem Größenwahn auch mal für einen nietzscheschen Übermenschen gehalten. Was soll’s? Dumbledores Jugendsünden bleiben ein rein äußerliches Anhängsel, ohne nennenswerten Einfluss auf seine spätere Entwicklung. Rowlings zweiter Kniff hätte schon eher dazu führen können, unser Bild des Magiers grundsätzlich zu verändern. Es zeigt sich nämlich, dass Albus Harrys ganze Entwicklung so zu manipulieren versuchte, dass dieser im gegebenen Augenblick bereit sein würde, sich zu opfern und damit Voldemorts Vernichtung zu ermöglichen. Die Vorstellung von einem netten und humorigen Oberlehrer, der sich das Vertrauen und die Zuneigung eines Kindes erschleicht, um dieses auf den Selbstmord vorzubereiten, ist in der Tat erschreckend. Eigentlich müssten wir Dumbledore verabscheuen. Doch bis zu dieser radikalen Konsequenz will Rowling ihre Demontierung der Mentorfigur nicht treiben. Selbst als Manipulator bleibt Dumbledore immer noch der Vertreter des ‘Guten’, der Gandalf-Obiwan des Potterversums, und Harry erfüllt seine Bestimmung als Auserwählter, indem er sich letztenendes ganz genauso verhält, wie dieser es vorgesehen hatte. Rowling selbst hat es so ausgedrückt: "[I]f Harry had all the information, he likely would have been tempted into doing something else, so he had to trust Dumbledore, who ultimately did guide him to do the right thing." Wie sie gleichzeitig erwarten kann, dass wir das Verhalten des Zauberers kritisch hinterfragen, ist mir schleierhaft. Es sieht ganz so aus, als wolle Rowling auf zwei Hochzeiten zugleich tanzen. Sie versucht den Anschein zu erwecken, ihre Geschichte sei ‘rebellisch’ – "younger people [...] should question authority" –, ohne dabei die Grundstruktur der ‘klassischen’ Fantasy in Frage zu stellen. Doch jener Mix aus kleingehäckselten Bestandteilen von Märchen und Heldenepos, tolkienschen Erblasten sowie dem vulgärmythologischen Quark vom ‘Heroe with a Thousand Faces’ enthält nun mal eine ganze Reihe ausgesprochen autoritärer Zutaten: den auserwählten Helden, den weisen Mentor, den religiösen Dualismus von Gut und Böse etc.

Stände Harry Potter und der Stein der Weisen für sich allein, so würden mich diese Versatzstücke vielleicht gar nicht einmal so stören. Natürlich ist mir ein Kinderbuch wie China Miévilles Un Lun Dun lieber, das genau diese autoritären Klischees der ‘klassischen’ Fantasy humorvoll zu untergraben sucht, aber solange der Fokus auf den spannenden Abenteuern dreier Kinder in einem grotesk-phantastischen Internat liegt, kann ich mit ihnen leben. Sie finden sich hier ohnehin nur ansatzsweise. Erst im Übergang von magischer ‘school story’ zu Fantasyepos werden sie zur vollen Entfaltung gelangen. Eines allerdings ist mir schon bei der Lektüre des ersten Bandes aufgefallen: Wie ungeschickt Rowling sich anstellt, wenn es um die Vermittlung ihrer ‘progressiven’ Ansichten geht. Die Vergabe von zehn Punkten an Neville Longbottom, die den Sieg Gryffindors über Slytherin besiegelt, ist ja vermutlich als ein Plädoyer für eigenständiges Denken und Handeln gedacht. Dumbledore verkündet: "Es verlangt einiges an Mut, sich seinen Feinden entgegenzustellen, doch genauso viel, den eigenen Freunden in den Weg zu treten." (S. 332) Man sollte sich keinem Gruppenzwang unterwerfen. Eigentlich eine sympathische Botschaft, oder? Andrew Zimmerman Jones von Black Gate jubelt in seiner Liebeserklärung an J.K. Rowling: "This [i]s a deft, subtle, totally-unexpected moral lesson, woven perfectly into the fabric of a children’s book. It [i]s perfect. It [i]s sublime." Doch Moment! Blättern wir einmal kurz zurück und schauen nach, warum genau sich Neville seinen Freunden entgegengestellt hat. Und siehe da – der Grund, warum er Harry, Ron und Hermine von ihrer nächtlichen Expedition abhalten wollte, war nicht etwa, weil er diese für zu gefährlich gehalten und deshalb Angst um seine Freunde gehabt hätte. O nein! "Ihr könnt nicht rausgehen [...], sie erwischen euch wieder und Gryffindor kriegt noch mehr Ärger. [...] Ich will nicht, dass ihr noch mehr Regeln brecht!" (S. 296) Der brave Neville hat Angst, dass sein ‘Haus’ noch mehr Punkte verliert, und deshalb sollen die drei gefälligst nicht schon wieder gegen irgendwelche Schulregeln verstoßen. Als ein Beispiel für selbstständiges Denken halte ich das zumindest für schlecht gewählt.

Zuguterletzt noch ein paar Worte zum titelgebenden Stein der Weisen. Dieser ist ja kein x-beliebiges magisches Artefakt, das sich ebensogut durch Ceridwens Kessel, den Ring des Andvari oder Aladins Wunderlampe ersetzen ließe, vielmehr führt er symbolisch eines der Hauptthemen der Potter-Bücher ein. J. K. Rowling besaß den Ehrgeiz, nicht nur eine spannende und farbenfrohe Geschichte zu erzählen, sondern sich auch mit ‘ernsten’ und ‘schwierigen’ Fragen auseinanderzusetzen. An deren Spitze stand die nach dem Tod. Was mit ein Grund dafür sein dürfte, dass ihr der nicht unbekannte deutsche Fantasyexperte Frank Weinreich bescheinigt, sie habe sich in ihren Büchern mit den "großen, berührenden Themen der conditio humana" beschäftigt.
Der Stein der Weisen, mit dem sich bekanntlich das Elexier des Lebens herstellen lässt, ist ein Symbol für das Verlangen nach Unsterblichkeit, und dieses wiederum ist der treibende Motor von Voldemorts Handlungen. Die größte Furcht des Dunklen Lords ist es zu sterben, denn er sieht den Tod als eine schmachvolle Niederlage, als einen Beweis persönlicher Ohnmacht an. Harry hingegen beweist mit seiner freiwilligen Selbstopferung in Heiligtümer des Todes, dass er der wahre ‘Meister des Todes’ ist. Wie Dumbledore, der noch aus dem Jenseits heraus seine alte Plot-Funktion erfüllen und am Ende Harry und der Leserschaft die Ereignisse des Buches erklären muss, im Limbo von King’s Cross Station verkündet: "You are the true master of death, because the true master does not seek to run away from Death. He accepts that he must die, and understands that there are far, far worse things in the living world than dying."(4)
Die negativen Folgen der Sehnsucht nach Unsterblichkeit sind in der Fantasyliteratur immer wieder thematisiert worden, von William Morris’ The Story of the Glittering Plain über J.R.R. Tolkiens Arda-Mythos (insbesondere Akkalabêth und Herr der Ringe) und C.S. Lewis’ That Hideous Strength bis hin zu Ursula K. Le Guins The Farthest Shore. Dabei lassen sich zwei grundverschiedene Sichtweisen ausmachen. Morris betrachtet das Thema von einer humanistischen Warte aus. Für ihn ist der Tod ein Teil des menschlichen Lebens und wer ihn verneint, verneint damit auch das Leben. Die Bewohner seines unheimlichen Landes der Todlosen führen eine apathische, sinnentleerte Existenz und sind bar aller tieferen Emotionen. Trotz ihrer taoistischen Philosophie steht auch Le Guin dieser Position nahe. Geködert vom Versprechen ewigen Lebens opfern die Menschen der Erdsee in The Farthest Shore alles, was ihr irdisches Leben sinn- und freudvoll gemacht hat. Den radikalen Gegensatz dazu bildet das Werk von C.S. Lewis. Er betrachtet das Verlangen nach einer Überwindung des Todes als einen Ausdruck menschlicher Hybris, als eine schwere Sünde, die ein ebenso grausames göttliches Strafgericht nach sich zieht. Wie er am Ende des Narnia-Zyklus schreibt, sieht er im Leben nur "the cover and the title page", der Tod hingegen sei "Chapter One of the Great Story which no one on earth has read: which goes on for ever: in which every chapter is better than the one before". (5)  Nicht zu Unrecht spricht Philip Pullman, der mit His Dark Materials ja eine Art Anti-Narnia geschaffen hat, in Bezug auf Lewis’ Bücher von "propaganda in the service of a life-hating ideology": Tolkien würde ich irgendwo zwischen diesen beiden Extremen einordnen.
Leider tendiert Rowling eher in die lewis’sche Richtung, auch wenn dies auf den ersten Blick nicht so leicht zu erkennen ist, da es bei ihr weder um Gott noch Sünde geht. Erste Anzeichen dafür finden sich aber bereits in Dumbledores Ausführungen über den Stein der Weisen: "Weißt du, eigentlich war der Stein gar nichts so Wundervolles. Geld und Leben, so viel du dir wünschst! Die beiden Dinge, welche die meisten Menschen allem anderen vorziehen würden – das Problem ist, die Menschen haben den Hang, genau das zu wählen, was am schlechtesten für sie ist." Das ist zumindest eine etwas merkwürdige Formulierung, denn sollte man den Wunsch nach einem möglichst langen Leben tatsächlich mit der Gier nach Geld auf eine Stufe stellen? Und hat es dem guten Albus vielleicht geschadet, dass er das methusalmsche Alter von einhundertfünfzig Jahren erreicht hat? Wirklich mulmig aber wird mir, wenn ich den folgenden Satz zu lesen bekomme: "Schließlich ist der Tod für den gut vorbereiteten Geist nur das nächste große Abenteuer." (S. 323) Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man den Tod als Tod oder als Abschluss und damit Bestandteil des Lebens bejaht.
Narnia ist mir aus ästhetischen wie aus ideologischen Gründen verhasst, aber C.S. Lewis macht zumindest keinen Hehl daraus, dass seine Bücher als eine christliche Allegorie zu verstehen sind. Er war ein tiefgläubiger Mensch, und seine Verherrlichung des Todes in The Last Battle ist bloß der konsequente Ausdruck seiner Art von Christentum. Rowling versteht sich zwar ebenfalls als Christin, doch ist ihr Glaube keineswegs so gefestigt – und fanatisch – wie der des alten Inklings. Sie hat es so ausgedrückt: "[M]y faith is sometimes about if my faith will return." Und so werden wir in Harry Potter zwar mit einer ganz ähnlichen Einstellung zum Tod konfrontiert wie in Narnia, doch ohne den religiösen Kontext, der diese zwar nicht akzeptabler, aber zumindest verständlich macht.

Seine volle Entfaltung findet das, was sich in Dumbledores Bemerkungen bereits andeutet, in Harrys Opfer in den Heiligtümern des Todes. Dass der Zauberlehrling dabei zu einer Art Christusfigur avanciert, ist eher nebensächlich. Entscheidend sind vielmehr die Worte, mit denen die Geister von James, Lily, Lupin und Sirius ihm bei seinem Opfergang Mut zusprechen:
"‘You are nearly there,’ said James. ‘Very close. We are ... so proud of you.’ ‘Does it hurt?’ The childish question had fallen from Harry's lips before he could stop it. ‘Dying? Not at all,’ said Sirius. ‘Quicker and easier than falling asleep.’" (6)
Es geht hier um den Tod eines siebzehnjährigen Jugendlichen, und in diesem Zusammenhang finde ich es einfach abstoßend, davon zu reden, Sterben sei wie Einschlafen – ‘schnell und leicht’! Das Schreckliche am Tod ist doch nicht der Augenblick, in dem das Herz aufhört zu schlagen, sondern seine Endgültigkeit, die Vernichtung aller künftigen Entwicklungsmöglichkeiten. Was hätte dieser Junge in seinem Leben noch alles tun, fühlen, erleben können! Der eigenen Sterblichkeit ohne Angst zu begegnen, ist allgemein gesprochen sicher eine erstrebenswerte Haltung. Doch heißt das nicht, dass ein gesunder junger Mensch ohne Zögern bereit sein sollte, in den Tod zu gehen. Eine solche Tragödie mit derart billigen Sprüchen abzutun, ist nur möglich, wenn man von der Existenz eines Jenseits überzeugt ist, das um ein vielfaches begehrenswerter ist als das irdische Leben. Und tatsächlich landet Harry ja in einer Art Vor-Himmel, wo ihn der gütige Dumbledore erwartet. Also wenn das J. K. Rowlings Antwort auf das Problem der Sterblichkeit ist, dann kämpfe ich mich lieber noch mal durch die Narnia-Bücher. Aslan ist wenigstens ein echter Löwe von Juda, Albus hingegen bloß ein toter Zauberer mit einer Vorliebe für Zitronenbrausebonbons.
Man mag einwenden, Harrys finale Konfrontation mit Voldemort sei nicht als Aussage über den Tod gemeint, sondern als Beispiel dafür, dass es Situationen gibt, in denen man bereit sein muss, alles – sogar das eigene Leben – zu opfern, denn "there are far, far worse things in the living world than dying"; (z.B. die Schreckensherrschaft eines nasenlosen Psychopathen). Zweifelsohne war dies eines von Rowlings Anliegen, aber die Art, in der sie die Szene angelegt hat, lässt Harry nicht als einen Kämpfer erscheinen, der im erbitterten Widerstand gegen die Mächte von Terror und Unterdrückung fällt, sondern als ein Opferlamm, das bereitwillig zur Schlachtbank trottet. Der vielgerühmte Mut Harrys – der legendäre Mut der Gryffindors – beweist sich letztenendes nicht in Aktion und Kampf, sondern im Annehmen der eigenen Bestimmung und im Akzeptieren des Todes. Ich muss da unwillkürlich an Ambrose Bierces Definition von ‘Märtyrer’ denken: "One who moves along the line of least reluctance to a desired death."

Alle Potterfans – und nicht nur sie – könnten mir jetzt vorwerfen, dass ich schon wieder über Sachen urteile, die ich überhaupt nicht gelesen habe. Sie hätten vollkommen recht, und ich sollte darum wohl besser aufhören. Vielleicht besorg ich mir irgendwann einmal Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – und wenn auch nur, weil ich unbedingt mit gutem Gewissen einen Vergleich zwischen dem Selbstopfer Harrys und dem Ofelias in Guillermo del Toros El Laberinto del Fauno anstellen will. Ich glaube, dass wäre sehr aufschlussreich.

Kommen wir also zum Ende.
Das für mich Auffälligste an Harry Potter bleiben die disparaten Bestandteile, aus denen die Geschichte zusam-mengesetzt ist. Da steht die Internatsgeschichte neben dem Fantasyepos, der Spießeralptraum der Dursleys neben dem Spießeridyll der Weasleys, der auserwählte Held neben der Wettbewerbsethik, die säkularisierte Zauberer-welt neben der religiösen Botschaft vom Tod als dem ‘nächsten großen Abenteuer’, der Rassismus der ‘Todesser’ neben dem rassistischen Klischee der glücklichen Sklaven, die Verurteilung aristokratischer Arroganz neben der Blutmystik und dem Motiv vom ‘Returning Prince’. Zum einen belegt das ganz einfach, was für eine nachlässige Schriftstellerin J. K. Rowling ist. Oberflächliche Details weiß sie angeblich sehr geschickt miteinander zu verknüpfen – so erhält vieles, was in den ersten Bänden nebensächlich erscheint, später eine Bedeutung –, aber es macht nicht den Eindruck, als habe sie ihre Erzählung auf einer tieferen Ebene ernsthaft durchdacht. Andererseits passt die innere Widersprüchlichkeit des Potterversums ganz ausgezeichnet zu dem Jahrzehnt, in dem die Bücher entstanden sind; einer Zeit, die besonders stark geprägt war von der Auflösung fester Standpunkte, der falschen Toleranz des ‘kann man so, aber auch so sehen’, der postmodernen Beliebigkeit. Das erklärt vielleicht auch, warum Harry Potter selbst unter vielen Feuilletonisten Anklang gefunden hat. Jeder konnte sich das herauspicken, was ihm persönlich mundete, der Konservative wie der ‘Progressive’, der Christ (7) wie der Agnostiker, der Verteidiger traditioneller ‘Familienwerte’ wie der brav gewordene Antiautoritäre. Und gegen Nazis sind wir schließlich alle, oder? (8)

Wie aber ist Harry Potter vom Standpunkt eines Freundes der Phantastik aus zu beurteilen?
Selbst so heftige Kritiker Rowlings wie Andrew Rilstone oder Dan Hemmens und Kyra Smith von FerretBrain waren ursprünglich Fans der ersten drei Potter-Bände. Und so glaube ich, das Beste, was die Autorin zu leisten imstande war, findet sich bereits im Stein der Weisen. Meiner Meinung nach sind das jene schon erwähnten verschrobenen Details, die Hogwarts so liebenswert erscheinen lassen, ob dies nun magische Schokofrösche, der Fast Kopflose Nick oder Hagrid mit seiner Vorliebe für Drachen und andere eher ungewöhnliche ‘Haustiere’ ist. Ein Buch, in dem das fürchterlichste Ungeheuer den Namen Fluffy trägt, hat bei mir jedenfalls erstmal ein Stein im Brett. Selbst Dumbledore erscheint noch nicht ausschließlich als der stereotype Mentor des Helden mit Tausend Gesichtern, sondern zugleich als eine leidlich sympathische und exzentrische Gestalt, die sogar über die gerade in der ‘klassischen’ Fantasy unschätzbare Eigenschaft der Selbstironie verfügt. Aber leider ist nur zu klar, dass die neckische, kleine Abenteuergeschichte, die sich in diesem Umfeld abspielt, letztenendes auf die x-te Version des epischen Kampfes gegen den Dunklen Herrscher {Satan – Sauron – Sith-Lord} hinauslaufen wird. Und das ist verflucht frustrierend.
Ich kann nicht beurteilen, ob die Potter-Mania in erster Linie das Produkt einer "ausgeklügelte[n], persönlich wirkende[n] Marketingmaschinerie" gewesen ist, "die wohl noch heute ihresgleichen sucht", wie ‘moyashi’ in der Bibliotheka Phantastika schreibt, oder ob "es völliger Schwachsinn ist, wenn Leute denken Joanne K. Rowling sei nur deshalb so erfolgreich, weil sie eine gute Marketingagentur hat", wie Elvir Dolic in Sono Nr. 5 behauptet. Ich tendiere eher zu ersterer Ansicht, aber vielleicht ist das bloß der Zyniker in mir. Letztenendes ist es auch nicht wirklich wichtig. Fakt bleibt, dass Rowlings Bücher für eine große Anzahl von Mädchen und Jungen der Einstieg in die Literatur und die Phantastik gewesen ist. (9) Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes zusammen mit Harry Potter aufgewachsen. Und da muss man sich schon fragen, welche Auswirkungen eine elfjährige Fütterung mit derart konventioneller Kost wohl haben könnte. Feststehen dürfte zumindest, dass der Erfolg des Töpferjungen nicht dazu beigetragen hat, die Phantastik aus dem Gefängnis der Klischees zu befreien. Natürlich können auch die in Hogwarts Sozialisierten ihren Weg aus den Ödnissen der 08/15-Fantasy in die wirklich interessanten Gefilde von Faërie finden, aber Rowlings Werk wird sie nicht dazu animieren. Elf Jahre Potter werden sie eher daran gewöhnt haben, in der Phantastik das Banale, Stereotype und Ungefährliche zu suchen, nicht das Komplexe, Originelle und Subversive.

Die begrüßenswerteste Folge des Hypes um den Töpferjungen dürfte es gewesen sein, dass damit besseren Büchern als ihm der Weg auf den Markt geebnet wurde, wie z.B. Jonathan Strouds Bartimäus-Trilogie. Die Geschichten um den zynischen Dschinn, seinen ehrgeizigen Meister Nathanael und die Rebellin Kitty sind sicher nicht makellos, aber witzig und respektlos erzählen sie von der demoralisierenden Wirkung des Lebens in einer Klassengesellschaft und behandeln auf sehr viel intelligentere Weise, als es Rowling je möglich gewesen wäre, die Fragen von Macht, Unterdrückung und Revolte. Leider scheinen manche Fantasyfans nicht recht begriffen zu haben, dass die Qualität von Strouds Bartimäus gerade auf dem Umstand beruht, dass es sich bei ihm um eine Art Anti-Potter handelt. Bei meinen Streifzügen durch die deutschsprachigen Fantasyforen bin ich sogar einmal einer Person begegnet, die den Autor allen Ernstes für einen Rowling-Epigonen hält. Ebensogut könnte man Michael Moorcocks Elric als das Werk eines Howard-Epigonen bezeichnen.

Bei dem Problem Potter geht es halt nicht nur um das Image der Fantasy, sondern auch darum, wie die Fans ihr eigenes Lieblingsgenre sehen. Die Bücher gewannen regelmäßig den Deutschen Phantastik Preis, der bekanntlich aufgrund einer Online-Abstimmung vergeben wird, in der Kategorie ‘Bester internationaler Roman’. Und ein kurzer Rundblick über die betreffenden Foren (forumos ausgenommen) hat bei mir den Eindruck hinterlassen, dass ein ordentlicher Prozentsatz des Fandoms sie nach wie vor zu den besten Fantasyromanen zählt, was ich denn doch bedenklich finde. Besonders verwundert hat mich, dass ausgerechnet jemand wie Frank Weinreich, der es sich doch zur Aufgabe gemacht hat, der Phantastik auch außerhalb des Fandoms zu einem höheren Ansehen zu verhelfen, Harry Potter mit Samthandschuhen anfasst. Zwar hat er, wie aus einigen Randbemerkungen in seinen Essays hervorgeht, von den beiden letzten Bänden keine hohe Meinung, dennoch verwendet er die Geschichte vom Töpferjungen regelmäßig als Paradebeispiel für Fantasy, "because it takes up all the topics which fantasy makes so appealing [sic]: magic, mystery, heroism, love, and friendship on the first level and the topic of the struggling individual which has to rely on nothing but its inner strength on the level underneath." Er bezeichnet sie gar als "Fantasy-Highlight" und verteidigt sie gegen jede Kritik, die das böse Wörtchen ‘Eskapismus’ enthält. Wie ich das sehe, tut er dem Genre, das er so liebt, damit keinen Gefallen. Vielleicht denkt er, die Popularität Harry Potters könnte dazu benutzt werden, ein breiteres Publikum für die Fantasy im allgemeinen zu interessieren. Das wäre jedoch ähnlich verfehlt, wie wenn man die äußerst erfolgreiche TV-Serie Stargate als Aushängeschild für die Science Fiction verwenden würde. Natürlich sind die Potter-Bücher bei weitem nicht so mies wie dieses Gemisch aus Militarismus, neokolonialistischer Arroganz, US-amerikanischem Größenwahn und Space Opera - Klischees, das nur durch eine Prise Selbstironie etwas erträglicher gemacht wird. Aber soll das alte Strickmuster der High Fantasy, das sich unter der charmanten Kinderbuchhülle verbirgt, wirklich für alle Zeiten als die exemplarische Verkörperung des Genres gelten?

Die phantastische Literatur ist ungeheuer vielfältig, und angesichts zahlreicher interessanter und innovativer Entwicklungen in den letzten fünfzehn Jahren erscheint mir Harry Potter einfach als ein Rückschritt. Ähnlich wie Eragon zementiert er überkommene Stereotypen, die ohnehin immer noch stark genug sind. Weinreich ist der Überzeugung, dass "[t]he books by Joanne K. Rowling and the movies by Peter Jackson are two important pillars on which fantasy today stands, and from which derive most successful works within the genre." Mit ‘erfolgreich’ meint er hier wohl ‘kommerziell erfolgreich’. Nach allem, was mir bekannt ist, überschätzt er glücklicherweise den Einfluss der beiden Blockbuster. Natürlich ist der Töpferjunge für die Explosion der YA-Fantasy mitverantwortlich, aber deren Gestalt hat er nicht bestimmt. Es mag ja so manche Potter-Derivate da draußen geben, aber beherrschen sie tatsächlich das Subgenre? Zumal es Fantasybücher für Jugendliche schon lange vor Rowling gegeben hat – es reicht bloß Namen wie Diana Wynne Jones oder Charles de Lint zu nennen. Insofern JKR auch inhaltlichen Einfluss auf das Genre ausgeübt hat, sollte jeder Freund und jede Freundin der Phantastik eine unbarmherzig kritische Position gegenüber dem Töpferjungen beziehen.


(1) Dass wir Harrys naturgegebenes sportliches Talent offenbar bewundern, Hermines intellektuellen Lerneifer hingegen belächeln sollen, sei nur am Rande erwähnt. Auf einem Besen durch die Lüfte zu sausen ist halt cooler, als ein Buch auswendig zu lernen, oder? Angeblich war Rowling ja auch äußerst irritiert, als sie bemerken musste, dass sich in ihrer Fangemeinde eine Gruppe herauszubilden begann, deren Sympathien Snape gehörten.
(2) Zumindest in der Verfilmung von Orden des Phönix gibt es eine Szene, in der Harry seiner Furcht Ausdruck verleiht, dass er aufgrund der vielen üblen Erfahrungen seines Lebens Voldemort wohlmöglich immer ähnlicher wird. Woraufhin Sirius Black ihn ungefähr wie folgt zu beruhigen versucht: "Du bist kein böser Mensch. Du bist ein guter Mensch, dem böses widerfahren ist." Lebenserfahrungen sind also eindeutig zweitrangig, primär ist die eigene ‘Natur’.
(3) Zit. nach: Daniel Hemmens: Harry Potter and the Doctrine of the Calvinists.
(7) Ich bin mir der Hetzkampagnen christlicher Fundamentalisten (einschließlich des damaligen Großinquisitors Ratzinger) gegen Rowlings Bücher sehr wohl bewusst und stehe da natürlich ganz auf der Seite von JKR und ihren Fans. Aber diese bigotten Hexenjäger halten vermutlich jedwede Fantasy, außer C. S. Lewis oder solchem Murks wie Rev. Graham Taylors Shadowmancer, für Teufelszeug. Ein gutes Beispiel für eine explizit christliche, und dennoch positive Potter-Rezeption ist Ken Jacobsens Harry Potter and the Secular City: The Dialectical Religious Vision of J. K. Rowling.
(8) Dass Salman Rushdie Rowlings Büchern gar eine ‘revolutionäre’ Kraft zugeschrieben hat, ist für mich bloß ein weiterer Beleg für den kontinuierlichen Niedergang dieses Schriftstellers – lang lang ist’s her, dass er uns die Mitternachtskinder und die Satanischen Verse geschenkt hat.
(9) Die oft wiederholte Behauptung, sie hätten eine ganze Generation zum Lesen zurückgeführt, freilich scheint nicht zu stimmen. Untersuchungen haben offenbar gezeigt, dass sie "nur die Aufmerksamkeit fokussiert und anderen Büchern ihr Publikum weggenommen" haben. (Vgl.: Friedhelm Schneidewind: Das Phänomen Harry Potter.)

Freitag, 16. März 2012

Jim Hensons Fantasy (III)

Labyrinth


Nach der nervenaufreibenden Arbeit an The Dark Crystal, die nur mit mäßigem Erfolg an der Kinokasse belohnt worden war, hatten Jim Henson und Brian Froud beschlossen, keinen zweiten gemeinsamen Film zu drehen. Doch während eines Treffens in San Francisco, nachdem sich die beiden Dark Crystal angeschaut hatten und auch schon etwas Alkohol geflossen war, entschieden sie sich spontan, es noch einmal zu wagen.* Diesmal aber sollten neben Puppen auch menschliche Schauspieler mitwirken. Konkrete inhaltliche Ideen gab es noch keine, lediglich eine Zeichnung Frouds, auf der ein Baby inmitten einer Schar von Goblins/Kobolden zu sehen war. Die Entwicklung eines Drehbuchs erwies sich als ein komplizierter und langwieriger Prozess, der sich von 1983 bis 1985 hinzog. Wichtige Stationen waren ein Storyentwurf von Jim and Dennis Lee (letzterer der Songtexter für Fraggle Rocks), sowie die immer wieder überarbeiteten Versionen von Ex-Monty Python Terry Jones und Laura Phillips. Schließlich legte Elaine May letzte Hand an, und "[t]he changes she made in humanizing the characters so pleased Jim that shooting began" im April 1985.** Als Produzent fungierte George Lucas, und für die Rolle des Koboldkönigs Jareth hatte Henson bereits im Juni 1984 David Bowie gewinnen können: "Jim Henson set up a meeting with me and he outlined his basic concept for Labyrinth and showed me some of Brian Froud’s artwork. That impressed me for openers, but he also gave me a tape of The Dark Crystal, which really excited me. I could see the potential of adding humans to his world of creatures. I’d always wanted to be involved in the music writing aspect of a movie that would appeal to everyone and I must say that Jim gave me a completely free hand with it. The script itself was fun and it also had a lot of heart. So I was pretty well hooked from the beginning." In meinen Augen ein sehr glücklicher Fang, auch wenn die Ansichten über seine schauspielerische Leistung in dem Film ziemlich weit auseinandergehen. Als Puppenspieler standen eine ganze Reihe von Muppets-Veteranen (und natürlich Frank Oz) bereit.*** Am 27. Juni 1986 erlebte der Film seine Premiere in den USA.


Wenn The Dark Crystal eine typische High Fantasy - Geschichte nach dem Muster von Campbells ‘Hero’s Journey’ ist, so handelt es sich bei Labyrinth um eine ebenso typische ‘coming of age’ - Geschichte.
Zu Beginn des Filmes lebt die vierzehnjährige Sarah noch völlig in ihre kindlichen Fantasien. Erbost darüber, dass sie den Babysitter für ihren kleinen Bruder Toby spielen muss, wünscht sie sich, dass die Kobolde das Baby entführen mögen. Was diese auch im Handumdrehn erledigen. Sarah will ihren unüberlegten Wunsch rückgängig machen, doch die Spielregeln sind nicht so einfach. Koboldkönig Jareth gibt ihr dreizehn Stunden Zeit, ihren Weg durch das Labyrinth zu finden, an dessen jenseitigem Ende sich sein Schloss befindet, und ihren Bruder zurückzufordern. Sollte ihr dies nicht gelingen, wird er für immer zu den Kobolden gehören. Auf ihrer Reise schließt sie Freundschaft mit dem Zwerg Hoggle, dem netten Monster Ludo und Sir Didymus, einem aufrecht gehenden Foxterrier, der sich für eine Art Ritter der Tafelrunde hält. Sie muss zahlreiche Gefahren überwinden und den Versuchungen Jareths widerstehen. Vor allem aber lernt sie, Verantwortung für sich und andere zu über-nehmen, Entscheidungen zu fällen und ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Dieser Prozess des Erwachsen-werdens findet seinen symbolisch eindrucksvollsten Ausdruck in einer Szene, in der Sarah, die zwischenzeitlich ihr Gedächtnis verloren hat, von einer Koboldfrau mit all ihren Lieblingsspielzeugen überhäuft wird, bis die Erinnerung an ihre eigentliche Aufgabe wieder in ihr erwacht und sie die Spielsachen mit dem Aufschrei: ‘It’s all junk!’ (‘Das ist alles Müll!’) von sich schleudert.


Leider konnte ich auf Youtube nur diesen kurzen Ausschnitt vom Ende der Szene finden, geschmälert noch durch die miserable Bildqualität. Eine etwas längere Passage, die allerdings von Kommentaren der Mitwirkenden unterbrochen wird, findet sich hier. Die wirklich unheimliche Atmosphäre dieser Sequenz steht in krassem Gegensatz zu dem über weite Strecken eher lockeren, muppetsmäßigen Stil des Films.

Der Typus der ‘coming of age’ - Geschichte ist für mich sehr viel unproblematischer als die ‘Hero’s Journey’, die meiner Meinung nach nichts ‘archetypisches’ an sich, sondern historisch gewachsene Vorstellungen von Autorität und Macht bestätigt. Insofern sollte man meinen, dass mir Labyrinth näher stehen müsste als The Dark Crystal. Tatsächlich denke ich, dass der Film gehaltvoller ist als sein Vorgänger. Zumal er der ‘coming of age’ - Story noch einen subversiven, wenn man so will ‘feministischen’, Touch verleiht, wie Bridget McGovern in einem sehr lesenswerten Artikel für den Tor-Blog dargelegt hat. Zu den kindlichen Fantasien, die unsere Heldin ablegen muss, gehört nämlich auch der Prinzessinnen-Traum. Wenn wir ganz am Anfang des Filmes hören, dass Sarah eine Stiefmutter besitzt, von der sie sich ungerecht behandelt fühlt, dann stellt sich ganz unmittelbar die Assoziation zu Aschenbrödel ein. Doch wird sie nicht ihrem Märchenprinzen begegnen, sich von ihm retten lassen und in seiner Umarmung die Erfüllung ihres Lebens finden. Im Gegenteil, es ist genau diese Fantasie, mit der Jareth sie zu verführen versucht. Er versetzt sie in einen barocken Ballsaal, in dem maskierte Paare in prächtigen Kleidern ein rauschendes Fest feiern, dessen Mittelpunkt (natürlich) der Koboldkönig ist. An dieser Stelle wird besonders deutlich, warum David Bowie eine ideale Wahl für die Rolle gewesen ist. Wer hätte so perfekt wie er den dekadenten, andersweltlichen Verführer verkörpern können?


Mit ihrer erotischen Spannung berührt die Szene natürlich auch das Thema des Erwachens der Sexualität, das zu jeder ‘coming of age’ - Geschichte gehört. Doch ebenso manifestiert sich in ihr die naive Idee, es sei das größte vorstellbare Glück, Ballkönigin zu sein. Sarah bricht aus dieser Illusion aus, indem sie einen Spiegel – das Symbol der Eitelkeit – zerschlägt. Das Spiegelmotiv wiederholt sich gleich darauf noch einmal in der oben gezeigten Szene mit der ‘Junk Lady’. In beiden Fällen geht es darum, dass Sarah sich von ihrer kindlichen Selbstsucht befreit. Sie tauscht das seidene Ballkleid des Prinzessinen-Traums gegen ihre alten Jeans ein und macht sich wieder daran, das zu tun, was sie für richtig und wichtig hält – ihren Bruder zu befreien. Während ihrer finalen Konfrontation mit Jareth bietet der Koboldherrscher ihr dann noch einmal ganz direkt an, sie zu seiner Königin zu machen. Indem sie ihn abermals zurückweist, wendet sie sich endgültig von der kindlichen Fantasiewelt ab, in der sie zu Beginn des Filmes lebte – und zu dieser gehörte eben auch die Aschenbrödel-Illusion. Sie braucht keinen Märchenprinzen, keine gläsernen Schuhe und prachtvollen Ballkleider.

Andererseits ist die Absage an die Fantasiewelt der Kindheit nicht absolut. Am Ende sehen wir Sarah ihre alten Spielsachen wegräumen, als im Spiegel plötzlich ihre Freunde Hoggle, Ludo und Didymus aus dem Labyrinth erscheinen. Sie wollen sich von ihr verabschieden, doch Sarah erwiedert, dass es immer wieder Momente in ihrem Leben geben werde, in denen sie sie brauchen wird. So wichtig es ist, erwachsen zu werden, so wichtig ist es auch, sich etwas von der eigenen kindlichen Fantasie zu bewahren.****

Es gibt viel liebenswertes an Labyrinth, und persönlich verbindet mich außerdem ein nostalgisches Band mit dem Film. Ich sah ihn, als er 1986 in die deutschen Kinos kam, und war begeistert. Später kaufte ich mir die Roman-verwurstung, und als ich mein erstes Soloabenteuer für Das Schwarze Auge schrieb, klaute ich ganz schamlos bei Jim Henson und seinem Team. Doch wenn ich mir ihn heute anschaue, kann ich nicht umhin festzustellen, dass er gegenüber The Dark Crystal einen Rückschritt bedeutete. Grund hierfür sind nicht die menschlichen Akteure. Sowohl Jennifer Connelly als auch David Bowie ist mitunter hölzernes Spiel vorgeworfen worden, aber meiner Meinung nach machen sie ihre Sache wirklich gut. Das Problem liegt an anderer Stelle.
Der Film enthält unzählige wunderbar skurille Details: Die beißenden Feen; die Augenstengel; den sprechenden Wurm; den verkalkten Weise mit seinem vorlauten Hut; die fiesen Plagegeister, mit denen Ludo gequält wird; die lebendigen Kanonenkugeln .... und natürlich die Helfenden Hände:


Allein hierfür gehört Labyrinth bereits in die Kategorie der erinnerungswürdigen Filme aufgenommen. Einige besonders verrückte Ideen ließen sich aus finanziellen Gründen nicht verwirklichen. So z.B. sollte eine Szene in einem riesigen Flipperautomaten spielen.
Doch leider fügen sich diese einzelnen Elemente nicht wirklich zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Oft genug wirkt der Film wie eine willkürliche Aneinanderreihung ebenso grotesker wie hübscher Einfälle. Hinzu kommt leider ein nicht selten etwas infantiler Zug, exemplarisch verkörpert im ‘Bog of Eternal Stench’, einem permanent furzenden Sumpf. (Oder bin ich der einzige, der so was eher weniger witzig findet?)

Aber auch wenn Labyrinth nirgends die poetische Schönheit von The Dark Crystal erreicht, ist er in vielerlei Hinsicht ein wirklich sehenswerter Fantasyfilm.

* Vgl. worldoffroud
** So heißt es im Kommentar zu Jim Henson's Red Book.
*** Eine kleine Geek.-Info am Rande: Eine der Choreographinnen des Filmes war Gates McFadden {'Dancing Doctor' Beverly Crusher aus Star Trek - The Next Generation}
**** Ob die Koboldwelt nur in Sarahs Vorstellung existiert (wofür es einige Indizien gibt), ist zum Verständnis des Filmes ebenso bedeutungslos wie die Frage, ob das Unterirdische Reich in El Laberinto del Fauno bloß ein Produkt von Ofelias Fantasie ist.

Montag, 12. März 2012

Revolution der Affen?


'Anubis' hat kürzlich auf Lake Hermanstadt eine kurze Besprechung des letztjährigen Rise of the Planet of the Apes veröffentlicht. Das in positivem Sinne überraschende an diesem Film sei, "dass er tatsächlich von einer Revolution handelt", die nicht wie heute üblich als eine blutige, irrationale Racheorgie dargestellt werde, sondern als ein durchdachter, mutiger und disziplinierter Massenaufstand, an dessen Ende "Caesar und seine Genossen nichts zu bereuen haben."
Ich bin darüber nicht weniger erfreut als 'Anubis', frage mich aber, ob für eine Auseinandersetzung mit dem Thema Revolution eine Neuauflage der alten Affensaga die glücklichste Wahl war.
Trotz einer nostalgischen Schwäche für die Originalserie (mit Ausnahme des fünften Teils Battle for the Planet of the Apes natürlich), bin ich der Meinung, dass das alles in allem keine besonders guten Filme waren. Die politische Allegorie war denkbar plump, und der misanthrope Grundton insbesondere in den ersten beiden Filmen sehr stark. Das Verhältnis zwischen Affen und Menschen ließ sich als kaum verhüllter Kommentar zu Rassismus und Rassenunterdrückung lesen. Als Conquest of the Planet of the Apes -- die 'Vorlage' für den aktuellen Film -- 1972 in die Kinos kam, lagen die großen Ghettoaufstände in den USA erst wenige Jahre zurück, und es war naheliegend, die Geschichte vor ihrem Hintergrund zu sehen, mit Caesar als einer Art erfolgreichem Malcolm X. Was auch immer man sonst über den Film denken mag, dies verlieh ihm zumindest eine Verankerung in der gesellschaftlichen Realität seiner Zeit.
Wie ist es in dieser Hinsicht um Rise of the Planet of the Apes bestellt? Man kann Caesars Aufstand als eine Revolution interpretieren, aber ihr Inhalt bleibt dann sehr verschwommen, trotz der deutlichen Gefängnisassoziationen in den 'Tierheim'-Passagen. In Conquest waren die Affen Diener der Menschen, die die Arbeiten von Haussklaven, Straßenkehrern, Gepäckträgern usw. zu verrichten hatten. Mit viel gutem Willen ließ sich ihr Aufstand deshalb als Metapher für eine soziale Revolte verstehen. Gleiches gilt nicht für Rise. In einigen Besprechungen des Filmes ist Caesar als ein Spartakus der Affen beschrieben worden, aber er und seine Artgenossen sind eigentlich keine Sklaven. Sie sind die Opfer medizinischer Experimente und unmotivierter menschlicher Grausamkeit. Das legt eine Interpretation der Geschichte im Geiste wohlfeiler Misanthropie nahe. Tatsächlich springen uns in den Rezensionen allenthalben Begriffe wie "menschliche Hybris" und "Virus des Menschen" entgegen. Am deutlichsten wurde Doris Kuhn in der Süddeutschen: "'Prevolution' ist durchaus didaktisch gemeint. Der Film will eine Botschaft anbringen, die zwar durch Tricks und Action etwas codiert wird, aber keinen womöglich ironischen Schlenker duldet: Der Mensch hat seinen Untergang verdient. Das sieht man hier an seiner Gier nach Geld und Ruhm, an seiner Konzentration auf den eigenen Vorteil, vor allem aber sieht man es daran, wie er andere Primaten behandelt."
In einer wirklich gelungenen filmischen Behandlung des Themas Revolution würden diese Leute kein Futter für ihren selbstzufriedenen Zynismus finden. So erfreulich ich es auch finde, wenn wir im Kino endlich einmal wieder einen positiv gezeichneten Massenaufstand zu sehen bekommen, denke ich doch, dass mit einem Film, der solche Kommentare möglich macht, etwas nicht stimmen kann. Rise of the Planet of the Apes fehlt vor allem der Bezug zu den Aspekten der heutigen Realität, aus denen ein revolutionärer Konflikt tatsächlich entspringen könnte. Ein paar karrikaturenhafte gierige Geschäftsleute reichen da nicht aus.

Samstag, 10. März 2012

Muss ich’s jetzt mit der Angst zu tun bekommen?

Unter ‘Military Fantasy’ hatte ich mir bisher immer so etwas wie Glen Cooks Black Company vorgestellt. Aber seit einiger Zeit geistert der Name Myke Cole durch die US-amerikanischen Regionen des phantastischen Netzes, und dessen gerade erschienener Debütroman Shadow Ops: Control Point gibt dem in Anlehnung an das Subgenre der Military SF geprägten Begriff offenbar eine ganz neue Bedeutung. Und je mehr ich darüber lese, desto unheimlicher wird mir zumute.

Cole war auf drei Einsätzen im Irakkrieg, erst als Söldner, später als Offizier der US-Armee. Nach eigenen Aussagen fiel seine Entscheidung, es als professioneller Schriftsteller zu versuchen, eben dort: "[T]he truth is that something clicked in the winter of 2008. I sat in Camp Liberty, Baghdad, watching my beloved Coast Guards march past Obama’s inaugural podium on the big screen, and felt it click." Aktuell dient er in der Küstenwache der Vereinigten Staaten. Das disqualifiziert ihn natürlich nicht als Schriftsteller, aber da sein Roman von einigen Rezensenten als die lang ersehnte Antwort der phantastischen Literatur auf den ‘Krieg gegen den Terror’ gepriesen wird, verdient die enge Beziehung des Autors zum Militär sehr wohl besondere Beachtung. Zumal Cole diesen Aspekt selbst immer wieder betont.

Manchmal könnte man beinahe den Eindruck bekommen, er stehe den neokolonialen Abenteuern, an denen er teilgenommen hat, kritisch gegenüber. So schreibt er über seine Erlebnisse im Irak: "That conflict ate me alive [...] I wanted to know the Iraqis, I wanted them to understand that I agreed with them, that I knew we shouldn’t be there, that I was sorry for all we had done". Doch darf man sich von solchen Aussagen nicht in die Irre führen lassen. Cole gehört keineswegs zu jenen Veteranen, denen ihre Erfahrungen im Irak oder Afghanistan die Augen geöffnet haben für den verbrecherischen Charakter der Kriege, in die sie geschickt wurden. Die US-Armee ist für ihn nach wie vor die ruhmreiche 'Verteidigerin der Freiheit', der er sich mit Herz und Seele verschrieben hat: "I absolutely love the military." Offiziell mag er nicht für die PR-Abteilung des Pentagon arbeiten, doch verhält er sich wie ein unbezahlter Werbeoffizier. Ein kürzlich veröffentlichtes Interview, das Cat Rambo für die Science Fiction & Fantasy Writers of America mit ihm geführt hat, endet so: "[C.R.]: What question should I have asked you that I didn't? [M.C.]: You should have asked me what folks can do who want to join the military but don't want to give up their full time jobs. What about folks who want to serve their country, but not in a service that is dedicated exclusively to warfighting?" Es folgen entsprechende Webadressen.

Was mich wirklich erscheckt hat, ist jedoch nicht Coles patriotischer Eifer, sondern seine ungebremste Begeisterung für das Ideal des ‘Kriegers’, das den Rekruten in der US-Armee eingebläut wird. Besonders deutlich wird dies, wenn man seinem im Januar auf dem Tor-Blog erschienenen zweiteiligen Artikel Why Every Writer Should Join the US Military liest. Die Gesellschaft ist für Cole ein Schlachtfeld, und nur der hat Aussicht auf Erfolg, der hart ist und zu kämpfen versteht. Nietzsches Aphorismus 'Was mich nicht umbringt, macht mich stärker' paraphrasierend, sieht er in Militär und Krieg die beste Schule fürs Leben: "The fire that’s burning you is the crucible where the iron is forged." Der Artikel besteht hauptsächlich aus liebevollen Schilderungen der Torturen, mit deren Hilfe das Militär aus Männern und Frauen ‘Kämpfer’ macht:
„There are dazzling moments, to be sure, as clear and glorious as when the battalion CO pins the commendation on your chest in front of your whole family. But it’s as brief and fleeting as that, and before you know it, it’s back to the mud and the screaming and the hard calls with no time to think it through. You have to love that mud. It has to define you. You have to be proud to be covered in it. You have to want it bad enough that you can override your desire to seek comfort. [...] Because if it ain’t rainin’, you ain’t trainin’, and you love that mud. Because you’re a damned marine. [...] [L]ittle cold rage goes a long way. It’s adolescent, sure, but with the misery seeking goes the pride of being the nastiest, toughest, hard as nails bastard in the whole company. Your shipmate does 50 pushups? You do 55. She pulls an 18 hour watch? You do 24. Why? Because. Screw you. You can’t stop me. No matter what you, oh cruel and unfeeling universe throw at me, I will knock it out of the park. I am a member of the United States military. I have slogged through the worst humanity has to offer and emerged tempered by the experience. Is that all you’ve got? You’ve got to be kidding me. It’s the Kobayashi Maru. It’s Ender’s final test against the Buggers. It’s the thrill of facing and beating impossible odds. Even more, it’s the rush and adrenaline addiction that makes you seek such impossible challenges."
Bin ich der einzige, dem bei der Lektüre dieser 'Lebenshilfe' etwas mulmig wird? Ist der testosteronbefeuerte Kampfgeist eines US-Marines ein wirklich so nachahmenswertes Vorbild? Auch verwundern mich die SF-Beispiele ein bisschen. Im Kobayashi Maru - Test aus Star Trek II – The Wrath of Khan geht es keineswegs um die Bewältigung unüberwindlich erscheinender Hindernisse, sondern um den Umgang mit einer wirklich aussichtslosen Situation, um die Konfrontation mit Niederlage und Tod. Und die ‘Lösung’ von Enders ‘letztem Test’ (in Orson Scott Cards Ender’s Game) besteht immerhin in Völkermord!
Eins sollte jedenfalls klar sein: Ein Mann mit Coles Liebesbeziehung zum Militär kann unmöglich einen Roman schreiben, der sich auf angemessene Weise mit den Kriegen der letzten Jahre auseinandersetzt – auch nicht im Gewand der Phantastik.

Oscar, der Held von Shadow Ops: Control Point, ist (wie nicht anders zu erwarten) ein Soldat der US-Armee. Ein Soldat allerdings, der aufgrund seiner magischen Fähigkeiten zuerst von der eigenen Regierung gejagt und dann in eine Spezialeinheit von ähnlich Talentierten gesteckt wird. Der Trupp wird in eine magische Parallelwelt geschickt, deren Bewohner den Neuankömmlingen, die sich dort offenbar als Besatzer aufspielen, nicht unbedingt freundlich gesonnen sind. Der Roman ist – nach allem, was man so hört – keine kritiklose Verherrlichung des US-Militärs. Um ehrlich zu sein, hätte mich das auch sehr gewundert. Immerhin leben wir in der Ära des grim & gritty, und Cole zählt Joe Abercrombie zu seinen Vorbildern. Auch ist platte Kriegspropaganda nach dem Motto ‘dulce et decorum est pro patria mori’ (‘Süß und ehrenvoll ist es, für’s Vaterland zu sterben’) einfach nicht mehr zeitgemäß. Längst gibt es da sehr viel diffizilere Methoden. Man denke z.B. an Filme wie Black Hawk Down oder We Were Soldiers (aber auch The Hurt Locker), die keineswegs ein keimfreies Bild des Krieges zeichnen (und darum von manchen sogar als Antikriegsfilme eingestuft werden), letztenendes aber dennoch der Verherrlichung des US-Militarismus dienen. Und wie wird uns Shadow Ops doch gleich auf dem Cover angepriesen? Richtig: "Black Hawk Down Meets the X-Men"! Und wer preist da? Coles alter Kumpel und Mentor Peter V. Brett! Ja, der Brett, seines Zeichens Autor von The Painted Man & The Desert Spear. Es wird immer gruseliger ...

Droht Myke Cole gar eine Art Trendsetter zu werden? Werden wir in Zukunft häufiger Fantasyromane zu sehen bekommen, in denen US-Marines die Hauptrolle spielen? Ich weiß nicht, würde jedoch eher auf ‘nein’ tippen. Etwas beunruhigend finde ich allerdings, dass Shadow Ops eine weitgehend positive Aufnahme in der amerikanischen Fantasygemeinde gefunden zu haben scheint. Dabei gibt man sich mehrheitlich dort inzwischen recht gerne als progressiv. Die entsprechenden Rezensionen entlarven so bloß einmal mehr, dass sich die fälschlicherweise als ‘links’ oder ‘radikal’ bezeichnete ‘Identitätspolitik’ problemlos mit den denkbar reaktionärsten politischen Positionen verträgt. In einem Interview mit SFSignal wird Cole z.B. dafür gelobt, dass sein Protagonist ein Afroamerikaner ist, und Carrie Cuinn von Functional Nerds hat in ihrer weitgehend positiven Besprechung des Buches lediglich auszusetzen, "that each and every woman in it is a flat stereotype". Nirgends hingegen findet sich ein kritisches Wort über das US-Militär als Institution, was bei einem solchen Buch doch wohl angebracht gewesen wäre. Militarismus ist in Ordnung, solange bloß Schwarze und Frauen dabei die gleichen Chancen erhalten ...

Mittwoch, 7. März 2012

Der Kindergarten der Diktatoren (II)

Palpatines wirrer Weg zur Macht
 

Bevor wir uns dem finalen Desaster zuwenden, eine kurze Randbemerkung: Gehe ich recht in der Annahme, dass George Lucas den Prequel-Filmen ganz bewusst eine ironische Note verleihen wollte, indem er seine Helden diesmal auf Seiten des Staates gegen eine Rebellenbewegung kämpfen lässt? Man denke etwa an die Szene, in der Yoda mit den Klonsoldaten, die ja wie frühe Stormtroopers aussehen, auf Geonosis landet. Und in Revenge of the Sith fragt Padmé Annakin sogar ganz direkt: „Have you ever considered that we’re maybe on the wrong side?" An sich keine schlechte Idee. Wir könnten uns dann z.B. fragen, ob die Jedi den Untergang der Demokratie nicht mitverschuldet haben, weil sie zu rasch bereit sind, eine Opposition mit Waffengewalt niederzuschlagen. Doch diese Ironie hätte nur dann funktionieren können, wenn es auf Seiten der Seperatisten wenigstens eine Figur geben würde, die uns zwar nicht unbedingt sympathisch sein müsste, doch mit der wir mitfühlen könnten. Eine solche Identifikationsfigur würde uns spüren lassen, dass die Bewegung vielleicht einige berechtigte Anliegen vertritt. Dazu müssten wir gar nichts konkreteres über ihr politisches Programm erfahren (auch wenn das natürlich hilfreich wäre), schließlich wird uns auch in der alten Trilogie nie wirklich gesagt, welche Ziele die Rebellen eigentlich verfolgen (von dem Schlagwort ‘Freiheit’ einmal abgesehen). Doch stattdessen präsentiert uns Lucas alle Seperatisten als feige, machtgierige Fieslinge.
Freilich gelingt es ihm nicht einmal auf Seiten der Helden eine Figur zu schaffen, zu der wir eine emotionale Beziehung aufbauen könnten. Insofern sind solche Überlegungen ohnehin überflüssig. Es ist in der Tat erstaunlich, wie ein Regisseur das Talent von Schauspielern wie Ewan McGregor, Christopher Lee, Natalie Portman, Hayden Christensen und Samuel L. Jackson so gänzlich zu verschwenden vermochte.

Episode 3: The Revenge of the Sith


Die meisten Kritiker halten die dritte Episode für den gelungensten der Prequel-Filme. Mich hat er noch ärgerlicher zurückgelassen als seine Vorläufer, und dass nicht nur wegen der berüchtigten Nooo!-Szene, mit der Lucas in 30 Sekunden die ikonische Figur Darth Vader demontiert.


Der Mann wollte eine Tragödie drehen, und herausgekommen ist eine Farce! Ich kann diese Szene nie sehen, ohne dabei nicht wenigstens kichern zu müssen.
Was mich jedoch wirklich geärgert hat ist, dass in diesem wirren Etwas von Film die rudimenären Bestandteile einer Geschichte begraben liegen, die man auf interessante Weise hätte erzählen können, während der ‘Plot’ der ersten beiden Filme so abstrus und substanzlos ist, dass jeder Rettungsversuch vergeblich gewesen wäre. Hayden Christensen ist von Kritikern wie Fans oft recht ungnädig behandelt worden, aber er trägt keine Schuld an dem Sith-Fiasko. Vielmehr kann man sehen, dass er sich redlich bemüht hat, das Beste aus dem Material zu machen, mit dem er zu arbeiten gezwungen war. Wenn es einige wenige Szenen gibt, in denen zumindest ein klitzekleiner Hauch echter menschlicher Tragik zu verspüren ist, dann ist das in erster Linie sein Verdienst. Er kann wirklich nichts dafür, dass George Lucas ein so miserabler Drehbuchschreiber und Regisseur ist.

Aber kehren wir zu unserem eigentlichen Thema zurück. Zu Beginn des Filmes wüten die Klonkriege bereits seit drei Jahren und ein Ende ist nicht abzusehen. Was mich sofort zu der Frage führt, warum Palpatine das Schlachten derart in die Länge gezogen hat. Schließlich hätte er seinen Staatsstreich jederzeit starten können. Hat er auf diese Weise seine Stellung als Kanzler mit diktatorischen Vollmachten weiter festigen oder die Position seiner Gegner schwächen können? Nichts spricht dafür. Auch wenn uns das gesagt wird, vermittelt der Film nicht den Eindruck, als sei der Kanzler inzwischen bereits ein halber Autokrat. Was wir zu sehen bekommen, spricht eher dafür, dass die Jedi ihre Macht durch den Krieg ganz immens ausgebaut haben. Auf ihren Ratssitzungen werden Fragen der Strategie diskutiert, sie entscheiden an welcher Front welche Streitkräfte eingesetzt werden (ohne Rücksprache mit dem Kanzler oder dem Senat zu halten!) und sämtliche Generäle der Republikanischen Armee scheinen Mitglieder ihres Ordens zu sein. Die angeblich so friedliche Mönchsgemeinschaft hat sich in eine Oberste Heeresleitung verwandelt! Als Palpatine Anakin zu seinem Vertreter im Rat erklärt, empfinden die Meister dies als einen unzumutbaren Übergriff. Und diese Leute, die niemand gewählt hat, die jede Art von 'Kontrolle' durch das demokratisch legitimierte Staatsoberhaupt ablehnen und dennoch Entscheidungen fällen, die das Wohl und Wehe ganzer Planetenbevölkerungen betreffen, sollen wir als die Verteidiger der Demokratie betrachten?! Hier wird besonders deutlich, dass sich Lucas’ hierarchisches und elitäres Ideal der Jedi-Ritter nicht mit der oberflächlich demokratischen Botschaft der Prequels verträgt. Unverständlich bleibt jedenfalls, warum Palpatine nicht schon viel früher ‘Order 66’ erteilt und mit den Kriegermönchen aufgeräumt hat. Der Krieg bedeutet doch nur eine ungeheure Verschwendung von Ressourcen, die er zur Absicherung seines künftigen Imperiums benötigen wird.

Aber das ist nichts im Vergleich zu der Verwirrung, die die Entführung Palpatines, mit der der Film beginnt, im Zuschauer auslösen muss. Weiß Grievous, dass der Kanzler und Lord Sidious ein und dieselbe Person sind, und ist das Ganze demnach bloß vorgetäuscht? Dafür würde sprechen, dass der General die Befreiung Palpatines in seiner späteren Unterhaltung mit dem Kapuzen-männchen nicht erwähnt. Hat Sidious ihm demnach befohlen, ihn zum Schein zu entführen? Wenn ja, welche Begründung hat er ihm für diese Aktion gegeben? Immerhin hat sich Grievous' Flottenverband dafür bis nach Coruscant durchschlagen müssen – ein gefährliches Unternehmen, sollte man meinen. Wie konnte Sidious dem General glaubhaft machen, dass dies den Zielen der Seperatisten dienen würde?

Doch wenn man versuchen wollte, eine Antwort auf diese Frage zu finden, müsste man zuerst einmal wissen, was Palpatine mit der ganzen Farce eigentlich bezweckt. Der Film liefert dafür keine Erklärung, jedenfalls keine direkte und keine befriedigende.
Lucas wollte an dieser Stelle offenbar eine Parallele zum Finale von Return of the Jedi konstruieren. Der Raum, in dem Obiwan und Anakin den Kanzler finden, ist als eine deutliche Reminiszenz an den Thronsaal des Imperators gedacht.(Warum man einen Gefangenen auf einem Thron festbinden sollte, statt ihn in eine Zelle zu stecken, wollen wir uns lieber gar nicht erst fragen):



Der Plan des Imperators in Jedi ist es, Luke zu einem Kampf gegen Darth Vader zu provozieren. Würde er seinen Vater töten, wäre damit seine Bekehrung zur Dunklen Seite vollzogen und er würde zum neuen Schüler des Dark Lords. Mit diesem Vorwissen ausgestattet sollen wir die Szene in Sith vermutlich so interpretieren, dass Palpatine einen Kampf Anakins gegen Dooku wünscht, bei dem Skywalker siegen und den Count töten soll – ganz so, wie es sich dann ja auch abspielt.
Künstlerisch würde eine solche Parallele eigentlich nur am Wendepunkt der Geschichte, wenn Anakin tatsächlich zur Dunklen Seite übertritt, Sinn machen. Aber allem Anschein nach haben wir die Szene dennoch so zu verstehen. Demnach hätte Palpatine seine Entführung also vorgetäuscht, um eine Konfrontation zwischen Anakin und Dooku herbeizuführen. Wie absurd ist das denn?! Man denke nur einmal an die unzähligen Eventualitäten, von denen das Gelingen dieses Planes abhängig wäre. Wie kann sich Palpatine sicher sein, dass ausgerechnet Obiwan und Anakin ihn ‘befreien’ würden? Was würde er machen, wenn niemand ihn ‘befreit’? Wie kann er sicherstellen, dass Obiwan im entscheidenden Moment außer Gefecht gesetzt ist und Anakin nicht davon abhalten kann, den Count zu töten? Welche Geschichte hat er Dooku erzählt, um seine Scheinentführung zu erklären? Weiß Dooku, dass Sidious in Skywalker einen potentiellen Schüler sieht? Wenn ja, dann muss er auch wissen, dass der Dark Lord seinen Tod eingeplant hat, denn es kann immer nur zwei Sith geben. Warum spielt er dann mit? Hätte er nicht zumindest in dem Augenblick, als Palpatine befiehlt, ihn zu töten, laut losbrüllen müssen: ‘Der Kanzler ist Darth Sidious!’? Zeit genug wäre ihm geblieben, denn Anakin zögert ja. Was hätte Palpatine getan, wenn Anakin ihm nicht gehorcht hätte? Warum drängt er Anakin auf so verdächtige Weise, den nur leicht verletzten Obiwan zurückzulassen? Und immer noch ist das Problem Grievous nicht gelöst. An der Rekrutierung neuer Sith kann der General nicht interessiert sein, warum also hat er in die ganze Entführungsfarce eingewilligt? Weiß er am Ende doch nicht, dass der Kanzler Sidious ist? Das würde erklären, warum er die Flucht der drei zu verhindern versucht, was er andernfalls doch kaum getan hätte, und wir in den ‘Genuss’ der extrem bizarren Konfrontation zwischen dem General und den Jedi auf der Brücke kommen. Doch wenn dem so ist, warum betrachtet er die Flucht Palpatines dann nicht als eine Niederlage und beklagt sich in seinem Gespräch mit Sidious lediglich über den Verlust von Count Dooku?

Jede Hoffnung, mit Revenge of the Sith vielleicht doch noch einen etwas erträglicheren Prequel-Film geboten zu bekommen, zerschlägt sich sehr schnell. Um noch einmal Stoklasa zu zitieren: "In the first five minutes we’ve already gotten into territory, where every single line and action makes no sense again".* Die ‘Plinkett-Reviews’ demonstrieren sehr schön, dass die Eröffnungssequenz aus jeder nur erdenklichen Perspektive ein filmisches Fiasko darstellt.

Und es wird nicht besser. Auf die ganze Padmé-Geschichte, Anakins unglaubwürdige Verwandlung in einen eiskalten Killer und die ebenso öde wie belanglose Jagd auf General Grievous möchte ich gar nicht erst eingehen. Aber was ist mit Palpatines Coup d’État, auf den wir die ganze Zeit gewartet haben? Bisher war die Geschichte so angelegt gewesen, dass wir denken mussten, der Kanzler benutze den Krieg als Vorwand, um immer mehr Macht in seinen Händen zu konzentrieren. Doch mit einem Mal ändert sich seine Strategie offenbar von Grund auf. Gleich mehrfach bekommen wir gesagt, dass der Tod von Grievous das Ende des Krieges bedeuten würde. Warum verrät Palpatine den Jedi dann den Aufenthaltsort des Generals? (Dumme Frage! Damit Lucas noch ein paar sinnlose Actionszenen in seinen Film stopfen kann!) Benötigt er die permanente Bedrohung durch die Seperatisten demnach nicht mehr als Begründung für seine Sondervollmachten? Es sieht ganz so aus, denn schon zuvor erfahren wir, dass der Krieg für die Republik positiv verlaufe und der Senat dem Kanzler dennoch neue außergewöhnliche Machtbefugnisse erteilen wolle. Die Jedi diskutieren ja sogar bereits die Notwendigkeit eines Putsches, um Palpatine nach dem Sieg über die Seperatisten abzusetzen, da der Senat auch dann nicht gewillt sein werde, seine Macht zu beschneiden.** Warum sind die Senatoren auf einmal so wild darauf, Palpatine zum Diktator zu machen? Weil er sie mit Hilfe seiner Sith-Kräfte kontrolliert? Wenn dem so ist, was sollen dann die ganzen politischen Intrigen und warum funktionieren diese Kräfte nicht bei Padmé und Senator Organa?

Man kann förmlich sehen, wie Lucas der Plot zwischen den Fingern zerfällt. Ihren bizarren Höhepunkt erreicht diese Schmierenkomödie mit der Senatssitzung, in der das Imperium ausgerufen wird. Vom Krieg ist nicht mehr die Rede. Stattdessen dreht sich alles um den angeblichen Putschversuch der Jedi, der für die Senatoren wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommen muss. Nichts spricht dafür, dass sie dem Orden bereits zuvor Misstrauten entgegengebracht hätten, andernfalls hätten sie kaum zugelassen, dass dessen Mitglieder alle Kommandoränge der Armee besetzen und den Krieg nach ihrem Gutdünken führen. Aber kaum verkündet Palpatine, die Mönche hätten den Senat stürzen wollen, da bejubeln die Senatoren auch schon die Eleminierung sämtlicher Jedi-Ritter und erklären sich bereit, den Kanzler zum Imperator zu erklären. Wie glaubwürdig ist das denn? Und Padmés pathetischer Kommentar – "So this is how liberty dies – with thunderous applause" – legt nahe, dass Lucas diese groteske Szene als eine ernstzunehmende politische Botschaft verstanden wissen wollte.

Ich glaube, ich beende das jetzt lieber. Der Spaß ist mir vergangen, meine Kopfschmerzen werden immer stärker und es gibt so viel interessantere Themen als George Lucas’ Demontage seines eigenen Mythos.


* Teil I. Ab 26:00.
** Mace Windu: I sense a plot to destroy the Jedi. The dark side of the Force surrounds the chancellor. Ki-Adi-Mundi (alias Conehead): If he does not give up his emergency powers after the destruction of Grievous than he should be removed from office. Mace Windu: The Jedi Council would have to take control of the Senate in order to secure a peaceful transition.

Stellt sich Lucas so die Verteidigung der Demokratie vor? Eine von einer Gruppe aristokratischer ‘Ritter’ mit reinem Herzen durchgeführte Palastrevolution?!

Montag, 5. März 2012

Der Kindergarten der Diktatoren (I)

Palpatines wirrer Weg zur Macht

Heute noch über die Star Wars - Prequels abzulästern, hat irgendwie etwas abgeschmacktes. Alles üble, was man über diese Filme sagen kann, wurde vermutlich schon etliche Male gesagt. Die einzige Entschuldigung, die ich für diesen Post vorbringen kann, ist darum, dass es mir Spaß gemacht hat, ihn zu schreiben.

George Lucas und die Prequels werden mir wohl auf ewig ein Mysterium bleiben. Die Story, die diese Filme zu erzählen versuchen, ist so prallvoll an Widersprüchen und Ungereimtheiten, dass ich mir nur unter größten Mühen vorstellen kann, was sich in dem Gehirn abgespielt haben mag, das die Drehbücher für diesen Mist zusammengeschludert hat. Die Prequels funktionieren weder auf der erzählerischen, noch auf der filmischen oder der logischen Ebene. Es ist irgendwie faszinierend zu sehen, wie einer der angeblichen Titanen des Kinos wirklich alles falsch machen konnte, was man falsch machen kann.
Vorausschicken sollte ich wohl, dass ich kein ausgemachter Star Wars - Fan bin. Ich halte auch die ursprüngliche Trilogie für maßlos überbewertet. Jedem, der diese Filme ernst nimmt, würde ich erwiedern, dass sie ein kindischer, nach dem Campbell-Rezept angerichteter Mischmasch aus Buck Rogers und pseudomythischen Elementen, Flash Gordon und Dreigroschen-Mystizismus sind. Die alte Star Wars - Trilogie war epischer Trash – aber ich mag so was, wenn’s ordentlich gemacht ist. Und die Leute, die Hope, Empire (Leigh Brackett!) und Jedi gemacht haben, verstanden ihr Handwerk. In der richtigen Stimmung bin ich darum immer wieder gerne bereit, mich mit Han, Leia und Luke in das große Abenteuer zu stürzen.
Von den Spin-off-Büchern habe ich kein einziges gelesen, und nein, auch die Clone Wars - Serie habe ich nicht gesehen und werde das freiwillig sicher nie tun. Die paar Folgen, in die ich reingeguckt habe (die volle Zeit hab’ ich kein einziges Mal durchgehalten), waren so grottenschlecht und langweilig – das hat mir völlig gelangt. Was ich hier schreibe, bezieht sich einzig und allein auf die drei Kinofilme – und die sollten doch wohl für sich allein stehen können.

Ich werde mich hauptsächlich mit einem Thema beschäftigen – der ‘politischen Erzählung’ vom Aufstieg Palpatines zur absoluten Macht.
Es soll tatsächlich Leute geben, die die Prequels für eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit den Gefahren von Autoritarismus und Diktatur halten. Gut möglich, dass George Lucas dies tatsächlich beabsichtigte. In den Bush-Jahren war es für einen amerikanischen ‘Liberalen’ sehr viel einfacher, sein demokratisches Herz zu entdecken, als in der Ära Barack Obamas. Doch wenn dies tatsächlich sein Ziel gewesen sein sollte, dann ist er auch in dieser Hinsicht auf geradezu epische Weise gescheitert. Lasst mich zwei der Hauptgründe dafür etwas genauer ausführen:
(1) Die Sith: Als Lucas A New Hope drehte, stellte er sich den Imperator noch als den höchsten Vertreter eines bürokratisch-militärischen Staates und nicht als ein SciFi-Äquivalent zu Terry Brooks’ Dämonenlord vor.* In der von Alan Dean Foster geschriebenen Romanversion des ersten Star Wars - Films lesen wir über die Geburt des Imperiums:
"Aided and abetted by restless, power-hungry individuals within the government, and the massive organs of commerce, the ambitious Senator Palpatine caused himself to be elected President of the Republic. He promised to reunite the disaffected among the people and to restore the remembered glory of the Republic. Once secure in office he declared himself Emperor, shutting himself away from the populace. Soon he was controlled by the very assistants and boot-lickers he had appointed to high office, and the cries of the people for justice did not reach his ears."
Natürlich war dieses Szenario weder besonders originell noch komplex, aber es enthielt doch zumindest das Potential für eine einigermaßen intelligente Geschichte über die Entstehung einer autoritären Diktatur. Mit der Verwandlung des obersten Bürokraten in ein satanisches Kapuzen-männchen war es aus damit.
Damit das klar ist, ich finde den Imperator in Return of the Jedi einfach großartig. Nicht weil er eine auch nur ansatzweise glaubwürdige Person wäre, sondern gerade weil es sich bei ihm um eine völlig überzogene Karrikatur handelt – aber um eine verdammt coole. Wer würde diesen hämisch kichernden, fiesen, runzligen alten Sack in seiner schwarzen Robe nicht lieben? Und auch in Revenge of the Sith ist Palpatine mein Held. Wie sich Mike Stoklasa (‘Harry Plinkett’) in seinen grandiosen Star Wars - Reviews so hübsch ausdrückt: „The man seems to find such joy in being pure Evil, you gotta respect that."** Nur ist ein wunderbar übertrieben gezeichneter Dark Lord halt kein guter Ausgangspunkt für eine ernsthafte Auseinandersetzung über politische Fragen.

Der wirkliche Knackpunkt ist jedoch ohnehin nicht die Figur des Imperators, sondern die ganze vulgärmythische und quasireligiöse Konstruktion von Gut vs. Böse – Jedi vs. Sith. Palpatine hat nur einen einzigen Antrieb: Machtgier. Sein Ziel besteht ausschließlich darin, die absolute Gewalt in seinen Händen zu halten: "Once more the Sith will rule the galaxy." Weder vertrittt er irgendeine politische Ideologie, noch die Interessen irgendeiner Klasse oder gesellschaftlichen Gruppe. Was er tut, tut er, weil er BÖSE ist. Und so kommen wir in den Genuss des bizarren Schauspiels, dass eine jahrhundertealte Demokratie durch den nackten Ehrgeiz eines einzigen Mannes zu Fall gebracht wird, dem ein junger Kerl zur Seite steht, dessen einziges Problem es ist, nicht mit Verlusten umgehen zu können. Eine so lächerliche Story kann nicht einmal auf metaphorische Weise der Illustration der Gefahr eines sich allmählich entfaltenden Autoritarismus dienen.

(2) Die Republik: Ganz gleich wie oft Lucas’ Figuren die Idee der ‘Demokratie’ beschwören, nichts von dem, was wir in den Filmen von der Alten Republik zu sehen bekommen, erweckt den Eindruck einer wirklich demokratischen Gesellschaft. Das Ganze wirkt eher wie eine Oligarchie, in der Aristokraten und Senatoren, die offenbar für Jahrzehnte im Amt bleiben, von palastartigen Gebäudekomplexen aus über eine gesichtslose Masse herrschen. Der äußerst einflussreiche Orden der Jedi, dessen Mitglieder eine Art religiösen Blutadel bilden und über den Gesetzen zu stehen scheinen, bildet zudem so etwas wie einen Staat im Staat. Wenn Lucas tatsächlich eine Geschichte über die Verteidigung der Demokratie erzählen wollte, dann frage ich mich, warum seine Filme ausschließlich von verwöhnten Königinnen, wohlbestallten Senatoren und privilegierten Mönchsrittern handeln? Das ‘einfache’ Volk bleibt völlig ausgeschlossen, wenn wir einmal von dem fetten vieramigen Koch (Dexter Jettster?)*** absehen – und Padmés Zofe, die am Beginn von Clones in die Luft gesprengt wird. Der Konflikt zwischen ‘Demokratie’ und ‘Diktatur’ wird in dem kleinen Kreis einer abgehobenen Elite ausgefochten, während die überwältigende Mehrheit der republikanischen Bevölkerung als bloße Kulisse dient, ganz so wie die Megacity Coruscant. Ich glaube, ich mag Kopfgeldjäger Jango Fett deshalb mehr als jede andere Figur in den Prequels, weil er ein ‘normaler’ Typ zu sein scheint, der nur des Geldes wegen mit von der Partie ist: "I’m just a simple man, trying to make my way in the universe."
Begraben wir also die abwegige Idee, die Prequels würden so etwas wie einen ernsthaften politischen Kommentar darstellen. Betrachten wir sie lieber als das, was sie sind: Teil einer bunten, oberflächlichen Space Opera - Saga. Aber auch von einer solchen erwarte ich ein Mindestmaß an Kohärenz und Glaubwürdigkeit, andernfalls kann ich sie nicht genießen und mein Gehirn fängt an, fürchterlich weh zu tun. Vergeblich versuchen die Filme diesem Anspruch zu entgehen, indem sie mich mit unzähligen computergenerierten Actionsequenzen bombardieren. Doch da diese nicht spannend, sondern bloß chaotisch, bedeutungslos und angeberisch sind, scheitert diese Strategie auf der ganzen Linie. Die ständigen Versuche, das Publikum mit einem Feuerwerk an ‘special effects’ zu betäuben, heben letztenendes nur um so deutlicher hervor, dass die eigentliche Handlung in den allermeisten Fällen absolut keinen Sinn macht.
So stürzen wir uns denn todesmutig in George Lucas’ Universum des Unsinns und versuchen wir nachzuvollziehen, wie das ‘böse Genie’ Palpatine seinen Aufstieg zur absoluten Macht organisiert.

Episode 1: The Phantom Menace

Palpatine provoziert eine Krise, in der sich die Republik als handlungsunfähig erweist, was ihm die Möglichkeit eröffnet, den amtierenden Kanzler abwählen zu lassen und seinen Posten zu übernehmen, indem er sich selbst als energischer Vorkämpfer gegen Korruption und Bürokratismus präsentiert.
Soweit klingt das alles ja noch ganz einleuchtend, doch es dauert nicht lange, da sind wir auch schon mit einer ganzen Reihe von unbeantwortbaren Fragen konfrontiert:
Palpatine bedient sich zur Durchführung seines Planes einer offenbar sehr mächtigen Organisation von Kaufleuten, die (im Unterschied zur Republik) über eine beeindruckende militärische Streitmacht verfügt. Die Handelsföderation ist unzufrieden über die Besteuerung von Handelsrouten durch den Senat. Gut, kann ich verstehen. Als Reaktion darauf verhängt sie eine Blockade über den Planeten Naboo und startet dort eine Invasion. Häh?! Was ist so verflucht wichtig an diesem Planeten? Warum will die Föderation unbedingt die Kontrolle über ihn haben? Ich dachte es ging um die Steuerpolitik der Regierung! Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Für Palpatine ist es wichtig, dass es bei der Krise um Naboo geht, denn er ist der Delegierte dieser Welt im Senat, und so kann er sich als Verteidiger seines Volkes aufspielen, aber für Nute Gungray und seine Kumpanen? Da der Vizekönig offenbar Befehle von Darth Sidious (aka Palpatine) entgegennimmt, hat dieser ihm vielleicht die Order gegeben, den Planeten anzugreifen? Was sofort die Frage aufwirft, warum die Händler einem holographischen Kapuzenmann gehorchen sollten? Was glauben sie denn, wer der Kerl ist, und was hat er ihnen versprochen, dass sie sich wie seine Lakaien aufführen?****
Eigentlich müsste Palpatine daran interessiert sein, dass Nachricht von der sich zuspitzenden Krise auf Naboo nach Coruscant gelangt, damit er seinen Misstrauensantrag gegen Kanzler Finis Valorum lancieren kann – das ist schließlich der Sinn des Ganzen, oder? Warum setzt er dann Himmel und Hölle in Bewegung, um eben das zu verhindern? Erst befiehlt er dem Vizekönig, die Jedi zu ermorden, später schickt er ihnen sogar seinen Schüler Darth Maul hinterher. Wozu?!? Offenbar will er, dass der Vertrag zwischen der Föderation und Amidala unterzeichnet wird, aber es gibt keinen vernünftigen Grund, warum ihm das so wichtig sein sollte. Würde damit nicht vielmehr die Krise abgeschwächt werden, die er benötigt, um sich den Stuhl des Kanzlers zu krallen? Vielleicht denkt er, dass eine dauerhafte Besetzung Naboos durch seine Verbündeten von Vorteil für ihn wäre. Aber dabei würde es sich doch bestenfalls um einen sehr fragwürdigen Vorteil handeln, schließlich beruht sein politisches Prestige darauf, dass man ihm zutraut, hart durchgreifen zu können. Wie würde es um sein Image bestellt sein, wenn er nicht einmal die Souveränität seiner Heimatwelt verteidigen könnte? Aber selbst wenn er sich davon irgendeinen taktischen Gewinn verspricht, lohnt es sich tatsächlich, dafür Darth Maul in Aktion zu setzen und denn Jedi somit zu verraten, dass die Sith zurückgekehrt sind?
Zuerst erschien mir die Sache mit dem Misstrauensantrag ja noch einigermaßen nachvollziehbar, aber bei genauerem Hinsehen stellten sich auch da ernste Zweifel ein. Wenn Palpatine Amidala zu erklären versucht, warum die Regierung nicht auf die Besetzung Naboos durch die Föderation reagieren wird, sagt er: "The Senate is full of greedy, squabbling delegates." Wenn dem tatsächlich so ist, warum sollte derselbe Senat einen energischeren Kanzler wählen, der mit Korruption und Ineffezienz aufräumen will? Weder in Valorums Sturz, noch in Palpatines Wahl hat die allgemeine Wählerschaft ein Wörtchen mitzureden. Dass sich viele Bürgerinnen und Bürger der Republik einen Kanzler wünschen würden, der den Schweinestall der Politik ausmistet, kann man sich gut vorstellen. Aber die Senatoren selbst werden doch wohl kaum für einen Mann stimmen, der ihren Machenschaften ein Ende bereiten will.


Episode 2: Attack of the Clones

Zehn Jahre sind seit den Ereignisse von Episode 1 vergangen. Und damit fangen die Probleme auch schon an. Palpatine ist immer noch Kanzler. Gut, Helmut Kohl hat es auf die stolze Amtszeit von zwanzig Jahren gebracht, das allein mag also noch nicht so unglaubwürdig erscheinen. Aber schließlich hatte man Palpatine als einen energischen Reformer gewählt. Hat er in dieser Hinsicht Erfolge zu verzeichnen? Offensichtlich nicht, denn die Republik steht kurz vor dem Ausbruch eines Bürgerkriegs. Sollte dies seinem politischen Ansehen nicht ein klein wenig geschadet haben? Aber nicht doch, scheinbar glaubt immer noch der ganze Senat, dass nur er mit den Problemen fertig werden kann, und die Delegierten verleihen ihm sogar quasidikatorische Vollmachten, kaum dass der Idiot Jar Jar Binks einen entsprechenden Antrag stellt. Muss man in der Alten Republik eigentlich staatlich geprüfter Schwachsinniger sein, um Parlamentarier werden zu können?
Originalität gehört nicht eben zu Palpatines Stärken, und so versucht er den gleichen Trick wie in The Phantom Menace, nur ein paar Nummern größer. Erneut wird eine politisch-militärische Krise heraufbeschworen, die er dazu benutzen kann, um seine Macht auf legalem Weg auszubauen. Und wieder ist das Gelingen des Planes abhängig von der unbeschreiblichen Dummheit seiner vermeintlichen Verbündeten in der Opposition, die sich aus unerklärlichen Gründen wie willenlose Marionetten aufführen. Kann mir irgendjemand diese komische Seperatistenbewegung und das Verhalten ihrer Führer erklären, ohne auf Spinn-off-Bücher, -Comics oder Computerspiele zurückzugreifen? In Revenge of the Sith sehen wir sowohl General Grievous als auch den Rat der Seperatisten Befehle von Darth Sidious entgegennehmen. Warum setzen sie derart blindes Vertrauen in das böse Kapuzenmännchen? Nach den Ereignissen um die gescheiterte Besetzung von Naboo sollte zumindest Nute Gunray ein bisschen misstrauischer sein. Count Dooku erzählt Obiwan, der Vizekönig habe sich von Sidious verraten gefühlt. Das mag eine Lüge sein, klingt aber wie die einzig nachvollziehbare Reaktion Gunrays auf das Desaster. Doch es wird noch besser. Die Seperatisten stecken hinter den Attentaten auf Padmé. Die Senatorin ist die anerkannte Führerin der Opposition gegen das Aufstellen einer republikanischen Armee. Ohne es zu wollen, dient sie damit den Interessen der Seperatisten. Warum sollten diese sie ermorden wollen? Nur um die persönlichen Rachegelüste Gungrays zu befriedigen? Der Kerl steht an der Spitze einer Wirtschaftsorganisation, er ist kein Sektenguru! Warum hat die Föderation ihn nicht längst abgesetzt, wenn er seine persönlichen Wünsche in so krasser Weise über die Interessen der Organisation stellt?
 Und dann ist da natürlich Count Dooku – für mich die irritierendste Figur der Prequels. Ich denke, Lucas wollte mit ihm einen etwas differenzierteren Bösewicht schaffen, indem er ihn als einen politischen Idealisten einführt, der sich desillusioniert von der korrupt gewordenen Republik abgewandt habe. Dann jedoch stellt er ihn an die Spitze einer Bewegung, die sich offenbar hauptsächlich aus Wirtschaftsverbänden zusammensetzt, neben der Trade Federation hören wir von der Commerce Guild, der Corporate Alliance und dem Banking Clan. Klingt das wie eine Gruppe von Idealisten? Aber natürlich ist Dooku inzwischen auch zu einem Sith-Lord gewordenen und macht sich wahrscheinlich nicht mehr viel aus Idealismus. Es bereitet ihm ja auch keinerlei Schwierigkeiten, seine eigenen Anhänger den Plänen von Sidious zu opfern. Damit ist aber auch die Möglichkeit verschwunden, ihn zu einer ambivalenteren Figur zu machen, und die Bemerkungen über seinen früheren Idealismus verlieren jeden Sinn. Er ist ein bewusster Handlanger Palpatines, kein verführter und betrogener Idealist, und die Tatsache, dass er ein paar mehr Zeilen als Darth Maul zu sprechen hat, macht ihn nicht automatisch komplexer als das konturenlose Teufelchen. Ich glaube, was mich an Dooku so verwirrt hat, ist in Wirklichkeit Christopher Lee. Der Mann ist ein intelligenter und gewissenhafter Schauspieler, und er hat versucht, dem Count eine Tiefe zu verleihen, die die Figur, wie Lucas sie geschrieben hat, einfach nicht besitzt. Das lässt ihn noch widersprüchlicher erscheinen, als er es ohnehin schon ist, weil Lees Spiel einen dazu verleitet, in ihm mehr sehen zu wollen als einen Cartoon-Bösewicht. Doch unabhängig davon, habe ich bis heute nicht verstanden, warum Dooku Obiwan von Darth Sidious und seiner Macht über den Senat erzählt. Um Misstrauen unter den Jedi zu säen, wie Yoda vermutet? Aber warum behauptet er dann nicht, der Dark Lord sei selbst ein Mitglied des Ordens? Es kann doch unmöglich in Palpatines Interesse liegen, das Misstrauen der Jedi auf den Senat zu lenken, dem er vorsteht und dem er seine Macht verdankt. Zumal auch ein Blinder mit Krückstock erkennen muss, wer den größten Einfluss auf die Delegierten ausübt. Der Kanzler vielleicht, der sich von ihnen diktatorische Vollmachten übertragen lässt? Hmm ... Über diese schwierige Frage muss der weise Yoda erst noch ein paar Jahre meditieren ...
Schließlich gibt es da auch noch die Sache mit Jango Fett. Der Kopfgeldjäger ist einerseits an der Erschaffung der Klone beteiligt und arbeitet andererseits als Auftragskiller für die Seperatisten. Es ist anzunehmen, dass dieses Arrangement von Dooku eingefädelt wurde, und es zeugt von geradezu unvorstellbarer Dummheit. Der Typ ist ein Söldner, seine Loyalität gehört dem Meistbietenden – und dennoch macht der Count ihn de facto zu einem Mitwisser an Sidious’ Plan, die Republik und die Seperatisten gegeneinander auszuspielen? Warum?! Fett ist kein unersätzlicher Spezialist, er gibt den Mordauftrag sogar an jemanden anderen weiter. Es gibt also keinen vernünftigen Grund, ihn mit den Seperatisten bekannt zu machen. Aber Lucas musste Obiwan halt irgendwie von Kamino nach Geonosis kriegen, und er wusste, dass Boba Fett eine Art Kultfigur, ein Liebling der Fans ist. Also entschied er sich, Jango zum Verbindungsglied zwischen Clonern und Seperatisten zu machen. Wirklich schlau, George!


Womit wir bei dem ganzen Klonkriegerding wären – sicher eine von Lucas’ dümmsten Ideen. Nicht nur steht sie im Widerspruch zur Darstellung der Stormtroopers in der alten Trilogie, sie verhindert auch, dass das Kriegs-szenario irgendeinen emotionalen Eindruck beim Publikum hinterlässt. Eine Schlacht zwischen Robotern und künstlich generierten Soldaten ist ungefähr so dramatisch wie der Democlip für ein neues Computerspiel – und genauso sehen die Szenen auch aus. Doch machen die Klonsoldaten wenigstens innerhalb der Story Sinn? Zur Errichtung einer Militärdiktatur braucht Palpatine loyale Truppen, aber muss er dazu unbedingt im Geheimen Klone produzieren lassen? Wäre es nicht klüger gewesen, in den zehn Jahren seiner Kanzlerschaft eine sich allmählich zuspitzende Konfrontation mit den Seperatisten zu inszinieren (die seinem alter Ego Sidious ja aufs Wort gehorchen), um damit den Vorwand für das Aufstellen einer regulären Armee zu haben? Eine Reihe begrenzter militärischer Übergriffe Dookus und der Föderation sollten die Opposition im Senat schnell zum Verstummen bringen. (Wobei mir einfällt: Warum ist eigentlich gerade Padmé gegen eine solche Armee? Sollte sie nach den Ereignissen von Phantom Menace nicht die erste sein, die den Nutzen einer republikanischen Streitmacht einsehen würde?) Das geheime und illegale Klonprojekt hingegen wirft bei seinem Bekanntwerden einige potentiell gefährliche Fragen auf. Wer hat die Klone in Auftrag gegeben? Und wozu? Die Geschichte über einen unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommenen Jedi-Meister als Initiator findet ja sogar der nicht eben helle Obiwan verdächtig. Aber vermutlich verlässt sich Palpatine einfach auf die Blödheit seiner Gegner, die ihn auch diesmal nicht enttäuschen. Kaum ist der Krieg ausgebrochen, fragt keiner der Jedi mehr nach der Herkunft der Klone.

* Ich finde es ausgesprochen amüsant, dass ausgerechnet Brooks die Romanversion von The Phantom Menace verfasst hat.
** Teil I (ab 12:48).
*** Eine grausliche Szene, die offenbar den Eindruck vermitteln soll, Obiwan sei nicht nur in strahlenden Palästen, sondern auch in Spelunken und heruntergekommenen Diners zu Hause und pflege Freundschaften mit Typen aus der Halbwelt. Mann, der Kerl muss echt coole Abenteuer erlebt haben – die werden uns halt bloß nicht gezeigt.
**** Mit der Trade Federation wollte Lucas vielleicht ein irgendwie ‘antikapitalistisches’ Element in seine Filme einbauen. Doch dummerweise sehen wie ihre Mitglieder nie wie Kaufleute oder Bankiers agieren. Sie könnten genausogut die Vorsitzenden des Galaktischen Clubs der Bösen Robotiker sein. Die Invasion Naboos soll vermutlich auf kolonialistische Praktiken anspielen (dafür spricht z.B. der Vertrag, der die Besatzung legalisieren soll) und vielleicht trägt Nute Gunray deshalb auch den (für einen Händler doch etwas eigenartigen) Titel ‘Vizekönig’ (Vizekönig von Indien à Ostindische Kompanie). Oder traue ich Lucas da bereits zu viel zu?

Donnerstag, 1. März 2012

Jim Hensons Fantasy (II)

The Dark Crystal

Es war 1977 und gerade wurde die zweite Staffel der Muppets Show produziert, da hatte Jim Henson erstmals die Idee, einen tolkienesken Fantasyfilm zu drehen. Aber erst die Begegnung mit Brian Frouds Zeichnungen in Land of Froud brachte den Stein so richtig ins Rollen. Er nahm Kontakt zu dem Zeichner auf und gemeinsam mit Drehbuchschreiber David Odell starteten die beiden das Projekt, an dessen Ende The Dark Crystal stehen sollte. Wie Froud erzählt, bildeten dabei seine Entwürfe stets den Ausgangspunkt, was den ganz eigenen Charakter des Filmes verständlicher macht: "I work intuitively, the images appearing before me and demanding attention, their meanings and voices unclear until much later, when the sketch or painting is done. [...] The scripts and characters developed organically from my sketches and paintings rather than the other way around."
Der Film, der 1982 seine Premiere erlebte, muss allein schon deshalb als außergewöhnlich gelten, da es sich bei ihm um den ersten abendfüllenden Kinofilm ohne menschliche Akteure handelte, in dem ausschließlich Puppen und sogenannte Animatronics agierten. Doch ganz abgesehen von seiner filmgeschichtlichen Bedeutung ist The Dark Crystal bis heute einer der ästhetisch beeindruckendsten ‘klassischen’ Fantasyfilme. Weder unter den Epic Fantasy - Streifen der 80er Jahre (wie Legend oder Willow) noch unter den Hervorbringungen der Peter Jackson - Ära besitzt er an visueller Schönheit seinesgleichen.

Lauschen wir zur Einstimmung der atmosphärischen Musik von Trevor Jones:


Die Story entspricht genau dem, was man sich unter ‘generischer’ High Fantasy vorstellt.
Vor eintausend Jahren wurde ein Splitter aus dem Dunklen Kristall geschlagen und zwei bis dahin unbekannte Völker erschienen auf der Welt: Die grausamen Skeksis, die seitdem von einer düsteren Festung aus über das Land herrschen, und die sanftmütigen Mystics, die in einem abgelegenen Tal ihr friedvolles Dasein führen. Doch es existiert eine Prophezeiung, derzufolge ein Vertreter des Volkes der Gelflings während einer Großen Konjunktion, wenn die drei Sonnen der Welt zu einer zu verschmelzen scheinen, den verlorenen Splitter des Kristalls wieder einfügen und so die Tyrannei der Skeksis beenden wird. Der Film erzählt die Geschichte des Auserwählten Jen und seiner Queste, an deren Ende die Befreiung der Welt vom Bösen steht.
An sich habe ich massive Probleme mit Geschichten, die Joseph Campbells monomythischem Klischee folgen.* Dennoch halte ich The Dark Crystal für einen wirklich guten Film. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe.

Zum einen entführt er uns in einen Kosmos, der in seiner bizarren Fremdartigkeit tatsächlich phantastisch wirkt und zugleich von großer poetischer Schönheit ist – etwas, was nur wenige Fantasyfilme schaffen.
Es war Hensons erklärtes Ziel, eine möglichst unirdische Welt zu erschaffen, und Brian Froud sollte sich bei seinen Entwürfen ausdrücklich nicht an realen Vorbildern orientieren. Der Zeichner erzählte später: "I was responsible for the conception of an entire world, a world that had never been seen before. I had to design everything. Not only the general look of the world – from skies to the landscapes – but down to the smallest details which included things like knives and forks, pots and pans, the everyday minutiae details of the creatures that lived in this world." Ein schönes Beispiel für Frouds Leistung und zugleich einer der visuellen Höhepunkte des Filmes ist die Behausung Aughras:
  

Die Detailfülle von The Dark Crystal besitzt keinerlei Ähnlichkeit mit dem pedantischen Pseudorealismus von Jacksons Lord of the Rings oder dem angeberischen und nervtötenden CGI - Overkill der Star Wars - Prequels. Man spürt, dass sie einer überbordenden und exzentrischen Fantasie entsprungen ist, und dass die Absicht ihrer Schöpfer nicht darin bestanden hat, die Zuschauer zu beeindrucken, sondern zu bezaubern.
Diese ganze phantastistische Welt besitzt zudem eine sinnliche Qualität, womit ich nicht sagen will, dass sie real wirken würde. Bei aller für die damalige Zeit atemberaubenden Technik ist und bleibt The Dark Crystal ein Puppenfilm. Und ich glaube eben darin besteht eine seiner großen Stärken. Ich denke, dass man die Kreationen von Henson und seinem Team nicht derselben Kategorie zuordnen darf wie Ray Harryhausens unvergessene Stop Motion - Kreaturen oder die CGIs unserer heutigen Computermagier. Betrachtet man sie lediglich als ‘special effects’, so könnte man sehr schnell zu dem Urteil gelangen, sie seien veraltet und deswegen entweder völlig uninteressant oder nur noch von nostalgischem Wert. Ich glaube jedoch, dass man dann eine ihrer wesentlichen Eigenschaften übersehen würde. Es stimmt, dass Jim Henson bei The Dark Crystal auf einen größeren ‘Realismus’ abzielte, als etwa bei den Muppets, und die Figuren nur unter großen Vorbehalten als ‘Puppen’ bezeichnete: „[M]y feeling about puppetry relates to stylization, simplicity, boiling down to – it's a wonderful form and I really love it. But with The Dark Crystal, instead of puppetry we're trying to go toward a sense of realism - toward a reality of creatures that are actually alive and we're mixing up puppetry and all kinds of other techniques. It's into the same bag as E.T. and Yoda, wherein you're trying to create something that people will actually believe, but it's not so much a symbol of the thing, but you're trying to do the thing itself." Doch was Henson hier beschreibt ist letztlich nur der Unterschied zwischen zwei Stilformen des Puppenspiels, wie Brian Froud ganz richtig bemerkt hat: "(He) was, I think, looking for something different to the style he had been working in and it's interesting to discover how different it was. Whereas the Muppets are very simple bold shapes, what I designed was very complex and complicated." Wendy Frouds** fein gearbeitete Gelflinge besitzen nicht den schlichten, stilisierten Charakter von Kermit, Miss Piggy oder den Fraggles, aber sie sind dennoch Puppen.

Ein Vergleich mit den heute omnipräsenten CGIs verdeutlicht, warum ich so sehr auf diesem Punkt insistiere. Die Schöpfer computergenerierter Figuren setzen ihren ganzen Ehrgeiz darein, die Realität möglichst perfekt zu imitieren, selbst wenn es sich bei ihren Kreationen um Wesen handelt, die es in Wirklichkeit überhaupt nicht gibt. Doch oft genug wirken die CGI-Figuren zu steril, zu sauber, zu ‘perfekt’. Ein besonders extremes Beispiel dafür sind die fürchterlichen Star Wars - Prequels, aber man kann das auch in den Massenszenen des deutlich besseren Lord of the Rings beobachten. Im Betrachter entsteht dabei häufig ein Gefühl der Enttäuschung, das sich bis zum Ärger steigern kann, so als habe man ihn betrügen wollen: "Habt ihr wirklich geglaubt, ihr könntet mir Computerbildchen als lebendige Wesen verkaufen?!" Bei einer Puppe besteht von vornherein nicht die Gefahr, in die Falle des Scheinnaturalismus zu tappen. Sie mag noch so detailliert und kompliziert gearbeitet sein, bei ihrem Anblick hat man dennoch nie das Gefühl, sie wolle vorgeben, etwas zu sein, was sie nicht ist. Was keineswegs bedeutet, dass sie deshalb weniger lebendig wirken müsste. Auch Cartoons wirken ja lebendig, obwohl keine Ente der Welt so aussieht wie Daffy Duck. Glaubwürdigkeit und Naturalismus sind keine austauschbaren Begriffe. Einer der großen Vorteile von Puppen gegenüber CGIs ist ihre Materialität, womit wir wieder bei der sinnlichen Qualität von The Dark Crystal wären. Um noch einmal Brian Froud zu zitieren: "The Dark Crystal was touted as a special effects film which it wasn't – it was all live action, shot in real time, with the creatures performing, which is how I designed them." Selbst da, wo eine Puppe tatsächlich als ein ‘special effect’ eingesetzt wird, erweist sich ihre Materialität nicht selten als ein Vorteil gegenüber den modernen CGIs. Man stelle nur einmal den ‘echten’ Yoda, der ja der Werkstatt Jim Hensons entstammte, neben den Yoda der Prequels. Der Hauptgrund, warum der eine zu faszinieren vermag, während der andere bloß lächerlich wirkt, liegt natürlich in George Lucas’ hirnverbrannter Idee, den winzigen, alten Weisen aus The Empire Strikes Back in eine herumhüpfende, lichtschwertschwingende Witzfigur zu verwandeln. Aber diese Cartoonisierung Yodas wäre ohne die Dematerialisierung der Figur durch die CGI-Technik nicht möglich gewesen.***
Um nicht als unheilbarer Nostalgiker dazustehen, möchte ich betonen, dass ich nicht grundsätzlich etwas gegen CGIs habe, obwohl ich in der Tat der Meinung bin, dass sie in vielen Fällen der Denkfaulheit von Regisseuren Vorschub leisten. Aber nichts desto trotz mochte Gollum aus Lord of the Rings oder Caesar aus Rise of the Planets of the Ape. Auch ist selbstverständlich niemand verpflichtet, The Dark Crystal zu mögen, nur sollte das Argument dafür bitte nicht die ‘verstaubte Tricktechnik’ sein. Abgesehen davon, dass eine solche Herangehensweise dem Charakter des Filmes als eines Abkömmlings des Puppenspiels nicht gerecht wird, verrät sie auch den fatalerweise recht weit verbreiteten Irrglauben, die Qualität eines Filmes sei in irgendeiner Weise von der Perfektion der ‘special effects’ abhängig. Ein simpler Vergleich zwischen dem Cooper/Schoedsack - King Kong von 1933 und Peter Jacksons Remake von 2005 demonstriert anschaulich, dass dem nicht so ist.



Für einen Film von Jim Henson und Frank Oz ist The Dark Crystal ziemlich düster, Tod und Gewalt sind zentrale Themen. Und auch wenn die Kreationen von Brian und Wendy Froud oft einen präraffaelitischen Touch besitzen, hat die Schönheit des Filmes nichts mit süßlichem Elfenkitsch zu tun. Die grausamen Skeksis gehören zu den eindrucksvollsten Kreaturen, die ihn bevölkern. Wie wir in dieser Szene noch erleben können, sollten sie ursprünglich in einer eigens von dem Linguisten Alan Garner entwickelten Sprache sprechen. Produzent Gary Kurtz entschied sich schließlich gegen diese Idee, da er glaubte, die Szenen würden das Publikum unnötig irritieren. Eine verständliche und dennoch bedauerliche Entscheidung, wäre die Fremdartigkeit der Skeksis auf diese Weise doch noch eindringlicher hervorgehoben worden.
Andererseits scheint mir Hensons damalige Argumentation gleichfalls problematisch: "My whole approach to this film is visual. I wanted as little dialogue as possible because I believe the story is stronger that way. Dialogue becomes a crutch." Zweifelsohne liegt die große Stärke von The Dark Crystal in den visuellen Eindrücken und nicht im Dialog, und natürlich erzählen die besten Filme ihre Geschichte vornehmlich in Bildern, nicht in Worten. Doch die oftmals banalen Dialoge verweisen auch auf die Schwäche der Story, die bei Lichte betrachtet halt nicht viel mehr ist, als der x-te Aufguss der guten alten Helden-Queste, dem einige Elemente Hippie-Esoterik beigemischt wurden:
Die guten Mystics sind sanftmütige ‘Naturmagier’, und das erste, was wir von ihnen zu sehen bekommen, ist ein Mystic, der eine Art Mandala in den Sand zeichnet. Auch erwartet uns am Ende statt des genreüblichen Triumphes über das Böse eine pseudo-taoistische ‘Vereinigung der Gegensätze’.



Trotz meiner heftigen Abneigung gegen alle Varianten des romantisch verklärten ‘weisen Lamas’ oder ‘naturverbundenen Druiden’ muss ich doch eingestehen, dass der gleichfalls diesem Klischeebild entsprungene ‘Gesang’ der Mystics ebenso schön wie eindrucksvoll ist.
Mein Problem mit der klassischen Questen-Geschichte (abgesehen davon, dass sie irgendwann einfach langweilig wird) besteht darin, dass ihr ein autoritäres Element innewohnt. Erfreulicherweise ist eben dieses Element in The Dark Crystal auf mancherlei Art abgeschwächt worden.
Der obligatorische alte Mentor stirbt bereits zu Beginn des Films und nicht erst wie sonst üblich (siehe Gandalf & Obiwan) nach dem ersten Drittel der Geschichte. Zwar ist er es, der Jen auf seine Suche schickt, doch steht er danach nicht mehr als allwissende Autorität zur Verfügung. Auch hat er seinem Schützling nichts handlungsrelevantes beigebracht, außer der Fähigkeit zu lesen. Selbst über den eigentlichen Inhalt seiner Bestimmung ist Jen nicht aufgeklärt worden. Er weiß ja nicht einmal, dass der Splitter, den er suchen soll, ein Teil des Dunklen Kristalls ist. Im Kontext der Story macht es wenig Sinn, dass der alte Mystic dem 'Auserwählten' nicht schon viel früher von der Prophezeiung erzählt hat. Doch führt dies dazu, dass unser Held seinen Weg ohne die Hilfe eines Führers und Lehrers finden muss.
Dann ist da natürlich Kira. Sie ist kein typischer Sidekick, sondern eine ebenbürtige Gefährtin. Mehr noch –  Jen wandert anfangs recht verloren und auch wenig selbstmitleidig durch die Landschaft. Kira erweist sich als lebenserfahrener, selbstsicherer und oft auch fähiger als der 'Auserwählte'. Während dieser mit seinem Schicksal hadert, fällt sie Entscheidungen und handelt. Und in einem Film jener Zeit war es keineswegs üblich, dass eine solche Rolle einer weiblichen Figur zufällt. Ein Grund mehr, warum ich diese Szene so liebe:


Auch als sie von den Skeksis gefangengenommen wird, ist Kira nicht dazu verdammt, die Rolle der ‘damsel in distress’ zu spielen. Statt auf ihren Retter zu warten, befreit sie sich selbst. Und zuguterletzt ist es ihr Opfer, dass die Erfüllung der Prophezeiung überhaupt erst möglich macht.
Schließlich enthält The Dark Crystal dankenswerterweise kein ‘Rückkehr-des-Königs’ - Motiv. Jen ist nicht der ‘verborgene Prinz’, der am Ende seinen ihm rechtmäßig zustehenden Thron besteigt, um über die Welt zu herrschen. Im geplanten Sequel, über das seit einigen Jahren Gerüchte im Umlauf sind, sollen wir leider tatsächlich König Jen und Königin Kira vorgesetzt bekommen, aber der Originalfilm enthält nichts, was diesen Fortgang zwingend machen würde. Die erlösten Überwesen sagen zwar am Ende zu Jen: "We leave you the Crystal of Truth. Make your world in its light", doch klingt das in meinen Ohren eher wie ein Aufruf an alle Bewohner von Thra, ihre Welt nunmehr in Freiheit neu aufzubauen.

Die vielleicht am häufigsten zu hörende Kritik an The Dark Crystal betrifft den streckenweise etwas zähen Erzählfluss. Es lässt sich nicht leugnen, dass es der Geschichte mitunter an Stringenz mangelt, ebenso enthält sie einige Ungereimtheiten. Doch das größte Problem liegt meines Erachtens in der Eröffnungssequenz, in der uns die gesamte Vorgeschichte erzählt wird. Als Publikum besitzen wir deshalb für einen Gutteil des Films einen Wissensvorsprung gegenüber Jen und Kira, und es ist nicht besonders spannend zu beobachten, wie unsere Helden Informationen sammeln, über die wir bereits verfügen. Es wäre sehr viel interessanter gewesen, wenn wir gemeinsam mit ihnen die Welt, in der sie leben, erforschen und kennenlernen dürften.

The Dark Crystal ist beileibe kein Meisterwerk, doch er ist ein wirklich sehenswerter ‘klassischer’ Fantasyfilm – und von denen gibt es nicht eben viele.


* Auch wenn’s mich traurig stimmt, aber Brian Froud ist tatsächlich ein Bewunderer Campbells.
** Die Puppenschöpferin, die auch an der Erschaffung von Yoda mitgewirkt hatte, lernte ihren Ehemann Brian bei den Arbeiten an The Dark Crystal kennen.
*** Sorry, ich bin im Moment wohl ein bisschen lucas-fixiert, denn ich habe letzte Woche zum ersten Mal die legendären Plinkett - Star Wars - Reviews gesehen und anschließend den verrückten Versuch unternommen, mir noch einmal Attack of the Clones und Revenge of the Sith reinzuziehen. Allerdings wurde mir dabei sehr schnell klar, dass das nicht meine Art von Masochismus ist.