"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Dienstag, 10. März 2015

Der Décadent der Fantasy (4)


Der vierte Teil meiner ausufernden Schreibereien über Leben und Werk von Clark Ashton Smith. Und wieder kommt unser eigentlicher Held nicht in ihnen vor. Na ja, vielleicht findet es dennoch irgendwer da draußen ganz interessant. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich das Ganze überhaupt weiter fortsetzen soll. Irgendwann ist sowieso der Punkt erreicht, an dem mein altes Manuskript abbricht, und dann? 

(Teil 1) * (Teil 2) * (Teil 3)


Kapitel 3: Ein amerikanisches Fin-de-siècle

Spätgeborene & Nietzscheaner


In seinem Roman The Valley of the Moon erzählt Jack London die Geschichte des Arbeiterehepaares Billy und Saxon, das nach einer Reihe niederschmetternder und demoralisierender Erlebnisse, u.a. den brutalen Auseinandersetzungen während eines großen Streiks in Oakland, beschließt, San Francisco den Rücken zu kehren und aufs Land hinauszuziehen, um irgendwo eine eigene Farm aufzubauen. Während ihrer Wanderung durch Kalifornien gelangen sie auch nach Carmel-by-the-Sea, wo sie sich mit dem nach George Sterlings Vorbild gezeichneten Dichter Mark Hall anfreunden und ein halbes Jahr im Kreis der Bohèmiens verbringen.
Das Buch gehört ganz sicher nicht zu Londons Meisterwerken, enthält aber ein recht interessantes Porträt der Künstlerkolonie von Carmel. Es herrscht eine Atmosphäre von Ausgelassenheit und Lebensfreude, in die sich manchmal ein Schuss Infantilismus mischt. Man liebt die Natur, das Meer, körperliche Ertüchtigung, die Jagd, kleine athletische Wettbewerbe, den Wein und die Abalonen. Klassenunterschiede spielen für die Gemeinschaft keine Rolle, die "respektablen" Spießbürger von Monterey verachtet man. Aber hinter all dem munteren Treiben ist immer wieder ein Gefühl von Orientierungslosigkeit und tiefer Verzweifelung zu spüren, das sich ab und an in bitterem Zynismus Ausdruck verleiht. Die energische und stets optimistische Saxon ist verwirrt:
[W]hat she could never comprehend was the pessimism that so often cropped up. The wild Irish playwright had terrible spells of depression. Shelley, who wrote vaudeville turns in the concrete cell, was a chronic pessimist. St. John, a young magazine writer, was an anarchic disciple of Nietzsche. Masson, a painter, held to a doctrine of eternal recurrence that was petrifying. And Hall, usually so merry, could outfoot them all when he once got started on the cosmic pathos of religion and the gibbering anthropomorphisms of those who loved not to die. At such times Saxon was oppressed by these sad children of art. It was inconceivable that they, of all people, should be so forlorn. (1)

Woher kam dieser Zug, von dem auch London selbst nicht frei war?

Anders als die meisten künstlerischen Bewegungen der Moderne war die Bohème der Bay Area nicht aus einer Revolte gegen "die Alten" hervorgegangen. Vielmehr hatten die größten Vertreter der ersten Generation der kalifornischen Literatur – Ina Coolbrith, Joaquin Miller, Charles Warren Stoddard und Ambrose Bierce – alles in ihrer Macht stehende getan, um die jungen Talente zu fördern, und diese dankten es ihnen mit rührender Hingabe und Verehrung. Sterling nannte Bierce stets seinen "Meister", was diesem übrigens eher peinlich war, und widmete Stoddard die wunderschöne Zeile: „His was the gentlest soul of all.“ (2) Jack London sprach von Ina Coolbrith als von der "Göttin meiner Kindheit" und seiner "literarischen Mutter". (3) In all dem drückte sich nicht nur ein Gefühl persönlicher Verbundenheit, sondern auch eine künstlerische Kontinuität aus. Die Fackel war an die junge Generation weitergegeben worden. Die Bohèmiens von Piedmont und Carmel waren die legitimen Erben der alten Westküstenromantiker, und es war nicht bloß Sentimentalität, was "The Hights" zu einem ihrer Pilgerorte machte. Das soll nicht bedeuten, dass es zu keinen wichtigen Veränderungen gekommen wäre. Schließlich hatte sich die amerikanische Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten in vielem grundlegend gewandelt. Würde die Kunst das nicht auf ihre Art widerspiegeln, so wäre das in der Tat verwunderlich.
 
Die rasante ökonomische Entwicklung, die das Gilded Age gekennzeichnet hatte, gewann gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Qualität. Die Vereinigten Staaten waren nun die größte Industriemacht der Welt. Hunderttausende von Immigranten aus Süd- und Osteuropa strömten Jahr für Jahr ins Land und sorgten für den nötigen Nachschub an billigen Arbeitskräften. Der Prozess der Konzentration des Kapitals beschleunigte sich weiter, die Jahre 1898-1904 bildeten den Höhepunkt der ersten großen "Verschmelzungswelle", in der die riesigen Trusts wie Standard Oil, American Tobacco, US Steel oder United Fruit entstanden waren. Ihre Macht wurde nur noch von der der Großbanken in den Schatten gestellt, die sich von bescheidenen Kapitalvermittlern zu Herren über große Teile des gesellschaftlichen Gesamtkapitals aufgeschwungen hatten. Historiker Howard Zinn schreibt: „The banks had interests in so many of these monopolies as to create an interlocking network of powerful corporation directors, each of whom sat on the boards of many other corporations. According to a Senate report of the early twentieth century, Morgan at his peak sat on the board of forty-eight corporations; Rockefeller, thirty-seven corporations. Bereits 1890 hatte die radikale Aktivistin Mary Elizabeth Lease erklärt: „Wall Street owns the country. It is no longer a government of the people, by the people, and for the people, but a government of Wall Street, by Wall Street, and for Wall Street.“ (4) Worte, die bis heute ihre Gültigkeit nicht verloren haben. Die Weltwirtschaft trat in eine neue Ära, die des Finanzkapitals, ein, und die USA standen dabei an vorderster Front. 
Die ökonomische Entwicklung führte auch zu einschneidenden Veränderungen in der Außenpolitik. Mit der Annexion Hawaiis und dem Spanisch-Amerikanischen Krieg, der zur Unterwerfung Kubas und zur Eroberung Puerto Ricos und der Philippinen führte, betraten die USA 1898 die Bühne der Weltpolitik als imperialistische Großmacht. Zwei Jahre später beteiligten sie sich an der Niederwerfung des chinesischen Boxeraufstands, bekräftigten in der Venezuela-Affäre von 1901/02 und der Santo Domingo-Affäre von 1904-07 ihren Anspruch auf die uneingeschränkte Hegemonie über Lateinamerika und brachten 1902/03 Panama unter ihre Kontrolle, wo sie den Kanalbau forcierten. 1908 schickte Präsident Theodore Roosevelt eine Flotte von sechzehn Kriegsschiffen rund um die Welt: eine eindrucksvolle Demonstration von Washingtons Anspruch, von nun an mit zu den "großen Spielern" zu gehören. 
Allerdings war Amerikas Aufstieg zur Weltmacht kein simpler Triumphmarsch. Im Inneren regte sich immer heftigerer Widerstand, nicht nur gegen Washingtons imperiale Ambitionen – man lese etwa Mark Twains polemischen Essay To the Person Sitting in Darkness oder seine ätzende Parodie auf die Battle Hymn of the Republic –, sondern vor allem gegen die unerträglichen sozialen und politischen Verhältnisse im Land. Speerspitze und treibende Kraft der Bewegung waren Sozialisten und radikale Gewerkschaftler, wie die Mitglieder der IWW (Industrial Workers of the World) – die sog. "Wobblies" – deren Zahl zwar gering blieb, denen es jedoch immer wieder gelang, Hunderttausende zu mobilisieren. Und das nicht nur, wenn es um unmittelbare ökonomische Ziele, sondern auch, wenn es um die Verteidigung der Redefreiheit oder den Kampf gegen die Kinderarbeit ging. Militante Streiks wie der hauptsächlich von jüdischen Näherinnen bestrittene New Yorker "Shirtwaist"-Streik von 1909, der Streik der Textilarbeiter von Lawrence 1912 oder der Streik der Bergleute in den Kohlegruben von Colorado 1914 erschütterten in regelmäßigen Abständen die USA. Die 1901 gegründete Sozialistische Partei, deren bekanntester Vertreter und mehrfacher Präsidentschaftskandidat der ehemalige Eisenbahner Eugene Debs war, konnte in den Jahren bis 1914 ein rasches und stetiges Wachstum verzeichnen. Daneben formierten sich weitere Protestbewegungen. So nahm der Kampf der Frauen um das Wahlrecht endgültig einen Massencharakter an, und mit W.E.B. Du Bois und der NAACP (National Association for the Advancement of Coloured People) begann sich eine radikalere Schwarzenbewegung herauszubilden, die sich in bewussten Gegegensatz stellte zur bisher vorherrschenden, ganz auf Unterordnung und friedliches Sicheinfügen ausgerichteten Philosophie Booker T. Washingtons. Selbst liberale Reformer riefen immer lauter nach einer Beschneidung der Macht der Trusts und nach einer wenigstens teilweisen Trockenlegung des politischen Sumpfes, vor allem in den hoffnungslos korrupten Stadtverwaltungen. Es begann die sog. "progressive" Ära.
Die demokratischen und sozialen Reformen der folgenden Jahre – u.a. die progressive Einkommenssteuer, die Direktwahl der Senatoren, einige Anti-Trust-Gesetze und schließlich auch das Frauenwahlrecht – werden fälschlicherweise oft als das Werk wohlmeinender Liberaler dargestellt. Tatsächlich trug der "Progressivismus" ein Janusantlitz. Einerseits war er eine Reaktion auf die "sozialistische Herausforderung". So schwadronierte Ralph Easley, Leiter der National Civic Association – eines der zentralen Organe der Reform –, oft über „the menace of Socialism as evidenced by its growth in the colleges, churches, news-papers“, und das ‘progressive’ Milwaukee Journal erklärte ganz offen, die Konservativen fight socialism blindly ... while the Progressives fight it intelligently and seek to remedy the abuses and conditions upon which it thrives.“ (5) Eine typische Vertreterin der liberalen Reformbewegung war die am 16. 6. 1910 von Akademikern, Geistlichen beider Konfessionen und Gewerkschaftsfunktionären gegründete Industrial and Social Justice League: "'Briefly stated, the purpose of the league is to combat socialism,' wrote the New York Times, 'primarily in the churches and the labor unions.' The League declared it would do so by restoring 'faith in personal initiative as the mainspring' of all progress and by defending private property and religion, 'the foundation of civilization.' To meet these ends the League proposed 'resisting the aggressiveness of private privilege at the expense of public welfare' and defending 'the working man in his call for an equitable return on his labor.'" (6) Begrenzte Verbesserungen sollten also der Gefahr einer radikalen Umwälzung vorbeugen. Andererseits bedeutete der "Progressivismus" eine Rationalisierung des politischen Systems, was durchaus den Interessen der Banken und Trusts entsprach, und die Vereinigten Staaten fit machte für die Herausforderungen des neuen Jahrhunderts.

Dies war der Hintergrund, vor dem sich die kalifornische Bohème entwickelte.
Die Frontierzeit, die für die Generation der "Golden Gate Trinity" von prägender Bedeutung gewesen war, kannten die Jungen nur noch aus halb legendenhaften Erzählungen oder den wild ausgeschmückten Anekdoten Joaquin Millers. Das traf auch auf die zu, die nicht wie George Sterling ohnehin von der Ostküste stammten. Jack London hatte versucht, den vermeintlichen Zauber dieser Zeit in Alaska wiederzufinden, aber ein Jahr unter Goldgräbern zu leben ist nicht das gleiche, wie in einer Gesellschaft von Pionieren aufgewachsen zu sein. Der abenteuernde Schriftsteller war kein Forty-niner, was sich schon daran zeigte, dass er bei seinem Marsch über den Chilcoot-Pass Bücher von Darwin, Spencer, Nietzsche und Marx mitschleppte.
Dasselbe galt für den Bürgerkrieg, der in Ambrose Bierce’ Entwicklung eine so wichtige Rolle gespielt hatte. Die Bohèmiens von Carmel kannten weder die blutige Realität des Schlachtfeldes, noch die revolutionäre Aufbruchsstimmung der Lincoln-Ära. George Sterlings heftige Abneigung gegen Walt Whitmans Leaves of Grass hatte wohl nicht allein stilistische Gründe. Der Optimismus des großen Bejahenden, des ekstatischen Rhapsoden einer revolutionären Demokratie war ihm einfach vollkommen fremd.
Man gehörte zu den Spätgeborenen, und Sterlings Gedicht To an Elder Poet lässt erahnen, was dieser Umstand für viele Dichter seiner Generation bedeutet haben muss:
Now stir the blossoms in the grass;
But oh! the fadeless flowers you bring
Are children of a wilder Spring,
And pass not tho' the seasons pass.

Their breath along the Singing-Way
Is more of rapture than of rest;
The undeparting blooms attest
What rains and winds of yesterday! (7)
Die unsterbliche Poesie der Vergangenheit war aus der Auseinandersetzung mit einer rauen Wirklichkeit hervorgegangen. Doch die Zeit der großen Kämpfe und Herausforderungen schien vorbei, und man hat das Gefühl, Sterling bezweifle, ob seine Generation etwas ebenbürtiges werde schaffen können.
Wenn Autoren wie Mark Twain oder Bret Harte der Welt der Pioniere und Goldgräber eine romantische Aura verliehen, so taten sie dies als Menschen, die selbst noch Teil dieser Welt gewesen waren, sie taten es im Stile der "Tall Tales", der wilden Geschichten, die die Männer jener Tage sich erzählten, wenn sie im Saloon oder am Lagerfeuer beieinandersaßen. Der Blick der jungen Generation auf das "heroische Zeitalter" war ein anderer. In dem Gedicht The Master Mariner stellt Sterling sich selbst seinem Großvater Wickham Havens gegenüber, einem neuenglischen Walfänger, der – wie sein Enkel nicht müde wird zu betonen – die Harpune weiter schleudern konnte, als jeder andere in der Flotte. „A true man, a taut man,/ With sea-blue eyes and bright./ Three foot across the shoulders/ And five foot five in height.“ (8) Neben dem alten Seebären – Mann des Abenteuers und der fernen Horizonte, dessen Leben ein täglicher Kampf mit den Elementen war – wirkt der Dichter wie eine überfeinerte und halb lebensuntüchtige Gestalt – Vertreter einer dekadenten Generation:

My grandsire sailed three years from home,
And slew unmoved the sounding whale:
Here on a windless beach I roam
And watch far out the hardy sail.

The lions of the surf that cry
Upon this lion-coIored shore
On reefs of midnight met his eye:
He knew their fangs as I their roar.

My grandsire sailed uncharted seas,
And toll of all their leagues he took:
I scan the shallow bays at ease.
And tell their colors in a book.

The anchor-chains his music made
And wind in shrouds and running-gear:
The thrush at dawn beguiles my glade,
And once, 'tis said, I woke to hear.

My grandsire in his ample fist
The long harpoon upheld to men:
Behold obedient to my wrist
A grey gull’s-feather for my pen!

Upon my grandsire's leathern cheek
Five zones their bitter bronze had set:
Some day their hazards I will seek,
I promise me at times. Not yet.

I think my grandsire now would turn
A mild but speculative eye
On me, my pen and its concern,
Then gaze again to sea – and sigh. (9)

Der aus Nebraska stammende Schriftsteller John G. Neihardt, der eine zeitlang mit Sterling korrespondierte, stellte sich allen Ernstes die Aufgabe, die Ereignisse der Pionierzeit im Stile des klassischen Heldenepos zu verewigen. The Song of Hugh Glass und The Song of Three Friends, die er später zu dem fünfteiligen Cycle of the West erweiterte, sollten für Amerika leisten, was Homer für die Griechen, Firdousi für die Perser und der Dichter des Mahabharata für die Inder geleistet hatte. Auf bizarre Weise sagt dieses Projekt eine Menge über das Verhältnis der Dichter der Jahrhundertwende zur Vergangenheit ihrer Heimat aus.

Verglichen mit den Ländern Europas war Amerika natürlich immer noch furchtbar jung, doch seine "Sturm & Drang" - Zeit war unwiderruflich zuendegegangen, bevor die meisten von ihnen überhaupt geboren worden waren. Sie waren Kinder des Gilded Age, etwas anderes hatten sie nie kennengelernt. Und viele von ihnen hatten offenbar das Gefühl, ihr Vaterland altere mit geradezu erschreckender Geschwindigkeit. Die Dynamik der amerikanischen Gesellschaft – und sie war ausgesprochen dynamisch – schien ihnen kein Zeichen des Lebens, sondern vielmehr eines rasch fortschreitenden Zerfalls zu sein. Jack London beschreibt den Eindruck, den die Vertreter der bürgerlichen Elite, die er in seiner Jugend naiverweise für die Verkörperungen von Bildung und Edelmut gehalten hatte, auf ihn machten, so: „It is true, I found many that were clean and noble; but with rare exceptions, they were not alive. I do verily believe I could count the exceptions on the fingers of my two hands. Where they were not alive with rottenness, quick with unclean life, they were merely the unburied dead clean and noble, like well-preserved mummies, but not alive.“ (10) Wohl nicht zufällig ist der unausweichliche Niedergang aller Herrscher und Imperien ein immer wiederkehrendes Motiv in Sterlings Gedichten. Das bekannteste Beispiel dafür dürften die Three Sonnets on Oblivion sein, von denen ich hier das zweite zitieren will: 

The Dust Dethroned

Sargon is dust, Semiramis a clod!
In crypts profaned the moon at midnight peers;
The owl upon the Sphinx hoots in her ears,
And scant and sear the desert grasses nod

Where once the armies of Assyria trod,
With younger sunlight splendid on the spears;
The lichens cling the closer with the years,
And seal the eyelids of the weary god.

Where high the tombs of royal Egypt heave,
The vulture shadows with arrested wings
The indecipherable boasts of kings,

As Arab children hear their mother's cry
And leave in mockery their toy they leave
The skull of Pharaoh staring at the sky. (11)

In seinem Gedicht Of America übertrug er diesen Gedanken direkt auf die Gegenwart, indem er die USA mit den Reichen von Babylon und Ägypten verglich, deren Niedergang er in der Rolle des verdammenden Propheten so beschreibt:

[...] Yearly the golden chain
Is weightier at thy wrists, and fostered Pow'rs
Plan in their dusk of tyranny thy tomb;
And in that shadow Mammon's eyes grow fierce,
And half thy sons adore him. Now the land
Grows vile, and all thy statehood is a mart ... (12)

Es ist nicht verwunderlich und war keineswegs eine bloße Modeerscheinung, dass Dichter wie Sterling, Herman Scheffauer oder Clark Ashton Smith eine tiefe innere Verwandtschaft zur europäischen Décadence verspürten. Persönliche Verbindungen gab es natürlich keine, wenn man von Xavier Martinez absieht, der in Paris Paul Verlaine Schnäpse spendiert und Joris-Karl Huysman auf seinem Esel durch die Straßen reiten gesehen hatte. Aber das Lebensgefühl war ein ähnliches auf beiden Seiten des Atlantiks. „[A]ufgeregte, überlebendige Paradoxie einerseits, apathische Mutlosigkeit und Weltverzweifelung andererseits: das Gefühl des Fertigseins, des Zu-Ende-Gehens – Fin-de-siècle-Stimmung.“ (13) Nicht wenige der kalifornischen Künstler empfanden ähnlich wie die österreichische Essayistin Marie Herzfeld. Sie sahen sich als Menschen einer Niedergangsepoche.
Natürlich existierte für sie nicht die schwere Last einer jahrhundertealten Tradition, die die europäischen Dichter des fin-de-siècle so deutlich spürten. Die Melancholie Sterlings konnte nicht die Hugos von Hofmannsthal sein, nicht Schnitzlers Gefühl des „Heimweh[s], während wir doch zu Hause sind“ (14), ebensowenig wie das dynamische San Francisco des beginnenden 20. Jahrhunderts der allmählich in einen lebendigen Todesschlummer versinkenden Donaumetropole der k.u.k.-Monarchie glich. Hohe Gitter, Taxushecken,/ Wappen nimmermehr vergoldet,/ Sphinxe, durch das Dickicht schimmernd .../ ... Knarrend öffnen sich die Tore. –/ Mit verschlafenen Kaskaden/ und verschlafenen Tritonen./ Rokkoko, verstaubt und lieblich“. (15) Ein vergleichbares kulturelles Erbe, dem man elegisch nachtrauern und in dessen Zerfall man zugleich auf morbide Weise schwelgen konnte, gab es hier nicht. An seine Stelle trat das romantisch verklärte Heldentum der Pioniere – siehe Neihardt.. Dennoch hatte das Gefühl des "Zu-Ende-Gehens" auch in Amerika seine Berechtigung.

Die fortschrittliche Rolle der Bourgeoisie war auch in den Vereinigten Staaten ausgespielt. Man braucht sich nur die Reihe der moralischen und intellektuellen Nullen anzuschauen, die nach Abraham Lincolns Tod das Weiße Haus bevölkerten: Von Andrew Johnson, der den revolutionären Impetus des Bürgerkriegs abwürgte und mit der bezwungenen Südstaatenoligarchie zu einer Übereinkunft gelangte, bis hin zu William McKinley und Teddy Roosevelt, die die USA mit unvergleichlicher "demokratischer" Heuchelei in die Ära des Imperialismus führten. Die beste Figur macht noch der alte Haudegen Ulysses S. Grant, dessen Amtszeit (1869-77) die radikalste Phase der Reconstruction auf symptomatische Weise mit der wild ins Kraut schießenden Korruption des Gilded Age verbunden hatte. Irgendwie passend, dass der ehemalige Oberkommandierende der Nordstaaten völlig verarmt gestorben war, nachdem er durch die windigen Geschäfte des Wall Street - Spekulanten Ferdinand Ward um sein gesamtes Vermögen gebracht worden war. 
Der Amerikanische Traum hatte seinen freiheitlichen Inhalt verloren. Übriggeblieben waren Selbstsucht und nackte Gier. Für die sensibelsten Vertreter der jungen Generation waren der naive Optimismus und der selbstgefällige Glaube an die Ausnahmestellung des "Land of the Free and Home of the Brave", die bisher das amerikanische Denken dominiert hatten, zu einer Unmöglichkeit geworden. Doch wie oft in solchen Fällen, empfanden die meisten Intellektuellen den Niedergang einer bestimmten Gesellschaftsordnung und ihrer Moral als das Ende der allgemeinen Weltordnung. Orientierungslosigkeit und Nihilismus machten sich breit. Eine der Formen, in denen die verunsicherten Intellektuellen nicht nur in Amerika auf diese Situation reagierten, war eine maßlose Vergötterung des eigenen Ichs. Das bügerliche Individuum, das täglich seine reale Machtlosigkeit vor Augen geführt bekam, blähte sich in der eigenen Phantasie zu wahrhaft elefantösen Dimensionen auf. Friedrich Nietzsche, der geniale Verkünder des philosophischen Größenwahns, wurde zum Propheten der Generation. Er hatte nicht nur das Empfinden des Fin-de-siècle auf den Punkt gebracht – „Was bedeutet Nihilismus? – Daß die obersten Werte sich entwerten. Es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf das ‘Warum’" (16) –, sondern scheinbar auch einen Ausweg aus der Misere gewiesen: „Seht, ich lehre euch den Übermenschen“. (17) Zarathustras Ruf erreichte auch Amerikas Küsten. Seinen eloquentesten Herold fand er in dem berühmten nonkonformistischen Journalisten und Essayisten H. L. Mencken, der gleichfalls zu Sterlings Freunden zählte und dessen 1907 erschienenes Buch The Philosophy of Friedrich Nietzsche für das amerikanische Publikum die erste ausführliche und auf wirklichem Quellenstudium basierende Einführung in das Denken des Philosophen darstellte. Auch Herman Scheffauer wurde ein Jünger des „lofty and Luciferian philosopher“ (18) und übertrug einige seiner Gedichte ins Englische. Und sogar Jack London fand die Gefilde "jenseits von Gut und Böse" eine Zeit lang sehr verführerisch, gelangte allerdings schon bald zu einer differenzierteren Sicht. Die kritische Auseinandersetzung mit Nietzsche gehört zu den interessantesten Aspekten seines Werkes. So schuf er mit "Seewolf" Larsen das faszinierende Porträt einer proletarischen Version der "Blonden Bestie", und zumindest einer der Gründe für den Untergang seines alter ego Martin Eden ist dessen Übermenschenphilosophie. Aber selbst Londons sozialistischer Held Ernest Everhard in The Iron Heel ist immer noch eine Mischung aus Big Bill Haywood und Zarathustra. (19)


Rebellen & Revolutionäre
  
Bei Fin-de-siècle und Décadence denken wir meist an eine apolitische Bewegung, an Mallarmés "Streik gegenüber der Gesellschaft", an Huysmans Helden Des Esseintes und seine Flucht in die ästhetizistische Scheinwelt von Fontenay-aux-Roses. Oder wir assoziieren damit den antidemokratischen Aristokratismus eines Gabriele d’Annunzio oder Stefan George. Doch eine solche Sicht ist zumindest einseitig. Oscar Wilde schrieb nicht nur The Picture of Dorian Gray, sondern auch den ebenso humanen wie scharfsinnigen Essay The Soul of Man under Socialism. Arthur Rimbaud schloss sich 1871 voller Begeisterung dem Aufstand der Pariser Kommune an. Sein Trunkenes Schiff (Le Bateau ivre) enthält eine Reihe von Gedichten, die diesem epochalen Ereignis gewidmet sind. Und auch der belgische Meister des symbolistischen Dramas Maurice Maeterlinck bekundete offen seine Sympathien für den Sozialismus. Ja selbst Mallarmé und Huysmans gehörten zu den regelmäßigen Lesern des anarchistischen Journals La Revolte.
Auf ihre kalifornischen Geschwister trifft die voreilige Identifikation von Ästhetizismus und Konservatismus erst recht nicht zu. Bereits in der zweiten Hälfte der 1890er Jahre war es zu einer merklichen Radikalisierung in der Literaturszene der Bay Area gekommen. Die große Wirtschaftskrise von 1893-96, der Marsch von "Coxeys Armee" der Arbeitslosen nach Washington und der landesweite Pullman-Streik von 1894 hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Man begann nicht nur in Arbeiterzirkeln, sondern auch an Universitäten und in intellektuellen Kreisen nach Wegen zur Behebung der vielfältigen gesellschaftlichen Missstände zu suchen. „The representatives of different schools of thought were organizing and involving themselves in discussions: nationalists (the followers of the utopist Edward Bellamy), anarchists, populists (the supporters of the Agrarian Party), and others.“ (20) Auch der Sozialismus gewann immer mehr Anhänger unter den Intellektuellen der Bay Area. Auf Anregung Ina Coolbriths gründeten die Sozialisten an der Öffentlichen Bücherei von Oakland die "Ruskin-Gruppe", einen literarischen Zirkel, dem sich u.a. Herman Whitaker und Jack London anschlossen, die beide zu dieser Zeit Anhänger von Daniel De Leons Socialist Labor Party waren. Doch es sind vor allem zwei andere Namen, die hier genannt werden müssen: Edwin Markham und Frank Norris. Keiner der beiden war Sozialist im parteipolitischen Sinne, aber beide verkörpern auf ganz unterschiedliche Weise die Hinwendung der kalifornischen Schriftsteller zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Edwin Markham war Lehrer und unterrichtete seit 1890 an der Tompkins Observation School in Oakland. Er hatte schon seit 1880 in unregelmäßigen Abständen Gedichte in Magazinen und Zeitungen veröffentlicht. Nun freundete er sich mit Stoddard, Joaquin Miller und Ina Coolbrith an, die ihn in seinen literarischen Ambitionen bestärkten. Auch Ambrose Bierce gehörte anfangs zu seinen Förderern. Einige seiner Verse wurden sogar in England von William Morris in seiner sozialistischen Zeitschrift Commonweal veröffentlicht. 1898 schließlich trug Markham auf einer öffentlichen Lesung erstmals das Gedicht vor, das ihn schlagartig berühmt machen sollte: The Man with the Hoe. Inspiriert von Jean-Francois Millets Gemälde L’homme à lahoue, beschäftigt es sich auf eindringliche Weise mit den Leiden der arbeitenden Bevölkerung und deren abstumpfender, barbarisierender Wirkung auf das menschliche Wesen.

Bowed by the weight of centuries he leans
Upon his hoe and gazes on the ground,
The emptiness of ages in his face,
And on his back the burden of the world.

Das Gedicht schliesst mit der Prophezeiung einer kommenden Revolte der Geknechteten und Entmenschten:

O masters, lords and rulers in all lands,
How will the Future reckon with this Man?
How answer his brute question in that hour
When whirlwinds of rebellion shake the world?
How will it be with kingdoms and with kings –
With those who shaped him to the thing he is –
When this dumb Terror shall reply to God,
After the silence of the centuries? (21)

Markham war stark beeinflusst von den Ideen des Spiritisten, "Propheten" und Utopisten Thomas Lake Harris, der 1875 in Santa Rosa die Fountain Grove Community gegründet hatte, wo er und seine Anhänger den Grundstein für die "Bruderschaft des Neuen Lebens" zu legen versuchten. Das erklärt die eigenartige Mischung aus religiöser Symbolik, Sozialkritik und utopischer Schau in vielen seiner Gedichte. Für den Dichter bildeten die drei eine Einheit. Seine ‘Muse der Brüderlichkeit’ sagt von sich: „I am Religion by her deeper name.“ (22) Vom Reich der Gleichheit, dessen baldige Errichtung er herbeisehnt, spricht er meist in der Sprache des christlichen Chiliasmus, es ist „the Vision that the prophets saw/ The Comrade Kingdom builded in their dream.“ (23) Wenn sie nicht im Pathos der Posaunen von Jericho erklingen, sind Markhams religiöse Gedichte meist ziemlich sentimental, wenn sie auch oft einen sympathisch franziskanischen Zug aufweisen. Aber so eigentümlich viele seiner Verse auf den Leser von heute auch wirken müssen, man spürt bei ihrer Lektüre doch, dass in Markhams Brust etwas von dem „Cromwell fire“ (24) loderte, von dem er sich wünschte, es möge seine Generation erfassen und zum Kampf für eine gerechtere Welt anspornen.

Im selben Jahr, in dem Markham zum ersten Mal The Man with the Hoe vortrug, erschien auch Frank Norris Erstlingsroman McTeague. Mit Norris haben wir einen gänzlich anderen Typ Schriftsteller vor uns – nicht den inspirierten Propheten, sondern den nüchternen Beobachter der Wirklichkeit. Dem Beispiel Zolas nacheifernd wurde er zu einem der Begründer des Naturalismus in der amerikanischen Literatur. Und hier nun scheint es endgültig vorbei zu sein mit der Romantik, wenn er in seinem berühmtesten Roman The Octopus den Kampf zwischen den Weizenfarmern von San Joaquin Valley und der mächtigen Pacific & Southwestern Railroad Company schildert. Doch der Eindruck täuscht. Nicht nur tritt Edwin Markham in der sympathisch gezeichneten Gestalt des sensiblen jungen Dichters Presley im Octopus auf. Der von einem tragischen Schicksal verfolgte und möglicherweise mit übersinnlichen Fähigkeiten begabte Hirte Vanamee ist selbst eine klassisch romantische Figur, eine Mischung aus alttestamentarischem Propheten und Ahasverus. Außerdem ist der Roman durchtränkt von einer Art "Mutter Erde"-Mystik, der der Ackerboden als eine Manifestation der Mächte der Fruchtbarkeit, die Arbeit des Bauern als ein quasi sexueller und beinahe kultischer Akt erscheint.
  
Edwin Markham zog 1901 nach New York, wo er sich vor allem im Kampf gegen die Kinderarbeit engagierte. Doch hielt er den Kontakt zu seinen kalifornischen Freunden weiter aufrecht und besuchte mehr oder weniger regelmäßig den Sonnenstaat. In der Literaturszene der Bay Area war er ein gern gesehener Gast und galt als eine literarische Autorität. Wie wir bereits gehört haben, legte ihm George Sterling 1911 Clark Ashtons Ode to the Abyss zur Beurteilung vor. Frank Norris starb tragischerweise bereits 1902 im Alter von zweiunddreißig Jahren an einer Bauchfellentzündung. Von den Kreisen der Bohème hatte er sich eher ferngehalten, doch war dies für ihn wohl hauptsächlich eine Frage des individuellen Lebensstils gewesen. Einen weltanschaulichen oder literarischen Konflikt hatte es nicht gegeben. In Europa war die Décadence z.T. eine Revolte gegen den Naturalismus gewesen. Für den Kreis um Sterling galt dies nicht. Dafür sprechen u.a. die freundschaftlichen Beziehungen des Dichters zu Upton Sinclair und Theodore Dreiser. In den Piedmont-Tagen hatte mit Herman Whitaker sogar ein Autor von ausgesprochen naturalistischer Prägung zum inneren Zirkel gehört. Sein vielleicht bekanntester Roman The Planter beschreibt die barbarischen Verhältnisse im Mexiko des Diktators Porfirio Diaz vor der Revolution von 1911 und konzentriert sich dabei vor allem auf das grausame Schicksal der Yaqui-Indianer, die sich auf den Plantagen von Vera Cruz, von denen viele den Gringos gehörten, im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode schuften mussten. (25) Über die Frage, ob auch Jack London dem Lager des Naturalismus zuzurechnen ist, existieren sehr unterschiedliche Ansichten. 
Man mag dieses friedliche Nebeneinander scheinbar so gegensätzlicher literarischer Strömungen für einen Beweis "amerikanischer Unreife" halten, doch im Kern verband die beiden der gleiche Hass auf die herrschende Ordnung. Wie Oscar Wilde einmal sehr treffend gesagt hat: „Das Mißfallen des XIX. Jahrhunderts am Realismus gleicht der Wut Calibans, der sein eigenes Gesicht im Spiegel erblickte. Das Mißfallen des XIX. Jahrhunderts an der Romantik gleicht dem Caliban, der wütet, weil er sich nicht im Spiegel sieht.“ (26) Erwiesen sich die kalifornischen Schriftsteller mit ihrer Toleranz da nicht als sehr viel verständiger als die meisten ihrer europäischen Geschwister?

Das soll natürlich nicht heißen, dass alle kalifornischen Literaten diese Linkswende gutgeheißen hätten. Ambrose Bierce z.B. verdammte, wie nicht anders zu erwarten, Edwin Markhams sozialkritische Lyrik. In seinen Augen hatte das einst so hoffnungsvolle Talent damit seine künstlerische Berufung verraten: „False to his art and to his high command/ God laid upon him, Markham’s rebel hand/ Beats all in vain the harp touched before:/ It yields a jingle and it yields no more.“ (27) Ganz ähnlich empfand Bierce’ Protégé Herman Scheffauer, nur dass er dabei politischen Erwägungen ganz offenbar den Vorrang vor künstlerischen gab. Der Aufstand der Arbeiterklasse, den Markham am Ende von The Man with the Hoe prophezeit, erschien ihm als eine Art drohender Weltuntergang. Seine dahingehende Vision liest sich folgendermaßen:

Behold, Love’s dawn eternal!’
The prophet [Markham] made outcry.
The heavens flamed infernal,
The red clouds burned on high.
A silence iron-handed
Held Earth’s cowed millions dumb.
Up clomb an orb commanded
By Hell whence it had come.
A skull! With one word branded on
Its brow ‘MILLENNIUM.’ (28)

Würde er an die christliche Mythologie geglaubt haben, so hätte Scheffauer im Proletariat wohl die apokalyptischen Erobererhorden Gog und Magog gesehen. Wie seinem Mentor Bierce war auch ihm bewusst, dass wir in einer „social night“ leben. Mammon als der Gott des Zeitalters nimmt in seinem Werk eine mindestens ebenso prominente Stellung ein wie etwa bei Sterling. Doch schien ihm der wildgewordene "Pöbel" letztenendes die weitaus größere Bedrohung zu sein. Seinen beispielhaften Ausdruck fand diese Sicht in einem abstrusen Gedicht auf die Russische Revolution von 1905 (Russia Agonized), in dem sich Scheffauers Furcht vor den Massen mit einem lächerlichen Appell an Zar Nikolaus II. verbindet, dieser möge in seinem Reich doch bitte schön Freiheit und Demokratie einführen. Und das nach dem Massaker vom Blutsonntag, bei dem die Kosaken des Selbstherrschers Aberhunderte wehrloser Demonstranten abgeschlachtet hatten! Aber der Dichter plapperte nicht nur einfach die Ansichten seines Mentors nach. Während Bierce sich über die Sozialisten lustig zu machen versuchte, fürchtete Scheffauer sie. Für ihn war die Revolution nicht bloß ein schlechter Witz, sondern ein blutiger Alptraum. Sein Gedicht Manhattan schließt mit den Zeilen:
  
Now Anarchs of Annihilation take
Their sleep of golden torpor in the glow
Of thy sky-storming summits when they wake
What ruin red shall their war-trumpets blow? (29)

Im Schatten der Wolkenkratzer lauert die Bestie der Anarchie, und Scheffauer weiß nicht, wie er mit ihr fertig-werden soll. Totlachen ist jedenfalls keine erfolgsversprechende Strategie mehr. Er reagierte wohl auch deshalb so anders auf diese Bedrohung, weil die Arbeiterklasse inzwischen auch in den USA zu einer Macht herangewachsen war, die nicht ernst zu nehmen, schlicht unmöglich war.

Nach einer tiefen Rezession erlebte die amerikanische Wirtschaft seit 1897 erneut einen mächtigen Aufschwung. Mit ihr wuchs auch die Arbeiterbewegung. In Kalifornien stieg die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder zwischen 1900 und 1904 von 30.000 auf 110.000. Nirgendwo erreichten die Unions eine solche Macht wie in der Hauptstadt des Sonnenstaates. „Der amerikanische Gewerkschaftsmann deutet mit Stolz auf St. Franzisko, denn dieses ist eine der stärksten, wenn nicht die stärkste Hochburg des Tradeunionismus“, bemerkt der deutsche Sozialdemokrat Fritz Kummer, der um 1910 in die Stadt am Goldenen Tor gekommen war. (30) Sein Eindruck trog ihn nicht. Der Historiker Michael Kazin schreibt: „Unquestionably, San Francisco workers established the strongest labor movement in any American city during the early twentieth century. Teamsters, carpenters, iron molders, waitresses, seamen, and longshoremen, among others, benefited from the high wages and fixed hours that a virtual closed shop in their trades made possible. Moreover, economic power at the workplace translated into considerable political power. The Union Labor candidate for mayor was elected in 1901, 1903, and 1905. In the 1905 election, all eighteen members elected to the board of supervisors were Union Labor party nominees. In 1909, despite the exposure of corrupt practices on the part of two of its leaders, the Union Labor party elected its candidate mayor and obtained a majority on the board of supervisors." (31) Der Building Trades Council (BTC) unter der autoritären Führung von Patrick MacCarthy war eine der einflussreichsten Organisationen der Stadt, die Union Labor Party ihr Geschöpf. Mit revolutionären Ideen hatten die Gewerkschaftsbürokraten, die aus gutem Grund im Rufe standen, eine Clique außergewöhnlich korrupter und machtgieriger Gestalten zu sein, allerdings herzlich wenig am Hut. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass sie ab und an radikale Syndikalisten wie Big Bill Haywood oder Tom Mann als Gäste willkommen hießen. Doch neben den Unions existierte ja auch noch die Sozialistische Partei, deren kalifornische Sektion Anfang des 20. Jahrhunderts mit rd. 6000 Mitgliedern eine der größten der Vereinigten Staaten war. Deren Beziehung zu den Gewerkschaftsbossen war eher gespannt. MacCarthys BTC hielt es im allgemeinen mit dem rechten Flügel um Job Harriman aus Los Angeles, während in der San Franciscoer Partei die Linken um die Arbeiterführer Tom Mooney und William McDevitt sowie den radikalen Anwalt Austin Lewis dominierten, den wir bereits als einen der Freunde Sterlings kennengelernt haben. Und schließlich gab es da auch noch die revolutionär-syndikalistischen Industrial Workers of the World (IWW), die insbesondere auf den Docks über einigen Einfluss verfügten. Joe Hill, der legendäre Barde der Wobblies, war den IWW 1910 in einem der Häfen Kaliforniens, vermutlich in San Pedro, beigetreten.
Der zweite Teil von Jack Londons The Valley of the Moon vermittelt einen recht guten Eindruck davon, wie hart die Arbeitskämpfe in der Bay Area waren. Wenn Streikposten, Polizei, gedungene Schläger und Streikbrecher aufeinanderstießen, so nahm dies oft bürgerkriegsähnliche Formen an. Der große Streik der Fuhrleute und Hafenarbeiter von 1901 erhielt nicht ohne Grund den Spitznamen ‘Labor War’. Nach mehreren Monaten härtester Auseinandersetzungen zählte man 5 Tote und 300 Verletzte. Scheffauers Ängste waren also nicht so exzentrisch, wie man vielleicht meinen könnte.

Doch was auf ihn furchteinflößend wirkte, übte auf andere Mitglieder der Bohème eine gegenteilige Wirkung aus. Der Hass auf die bürgerliche Gesellschaft war ihnen allen gemein. Warum also nicht die eigenen rebellischen Gefühle mit denen der Arbeiter identifizieren? Hatte man bisher als isolierter Intellektueller im Kampf gegen die herrschende Ordnung auf verlorenem Posten gestanden, so bot sich einem nunmehr ein mächtiger Verbündeter in Gestalt des Proletariats an. Die psychologische Wirkung dessen sollte man auf gar keinen Fall unterschätzen. Es war nicht nur die Freundschaft mit Jack London die George Sterling zum Sozialisten machte.
Der Bohèmien, der gegen das Bürgertum rebelliert, aus dem er selbst hervorgegangen ist, findet sich, wenn er seine Revolte ernst nimmt, in einem sozialen Niemandsland wieder. Er mag diesen Zustand idealisieren, indem er sich stolz zum Übermenschen erklärt, dessen Schicksal es nun einmal sei, in der Einsamkeit eisiger Höhen sein Dasein zu fristen, aber selbst Nietzsche hat diese Pose nicht auf Dauer durchhalten können, ohne dass dabei seine geistige Gesundheit in Mitleidenschaft gezogen worden wäre. Leichter zu ertragen ist da z.B. die Rolle des ironischen Beobachters, der sich in der Gesellschaft bewegt, ohne ihr doch wirklich anzugehören, des Flaneurs, wie ihn Walter Benjamin in seiner Studie über Baudelaire beschrieben hat. Der Dandy à la Oscar Wilde ist die besser gekleidete Version dieses Typus. Doch ganz gleich welche Überlebensstrategie sie wählen, den meisten Bohèmiens ist das Gefühl der Heimatlosigkeit gemeinsam. George Sterling bezeichnete sich in einem seiner Gedicht als „exile of a land I cannot name. Homesick, I question all.“ (32) Gemeint war dabei natürlich nicht die Sehnsucht nach dem bürgerlichen Milieu, sondern nach einem utopischen Reich der Schönheit. Aber das Gefühl, das diesen Versen zugrundelag, besaß seinen Ursprung z.T. in der Erfahrung sozialer Entwurzelung. In den meisten Fällen kehrt der Bohèmien irgendwann in den Schoß der Gesellschaft zurück, sei es als reuiger Sünder oder als "anerkannter", also ungefährlicher Exzentriker. Natürlich kann er auch sein Leben lang Außenseiter bleiben, doch das wird Spuren hinterlassen – sowohl in seiner Persönlichkeit als auch in seinem Werk. Wir werden das am Beispiel Clark Ashton Smiths noch im Detail zu sehen bekommen.
Anders stellt sich die Sache dar, wenn der künstlerische Rebell auf eine revolutionäre Arbeiterbewegung stößt, die stark, selbstbewusst und energisch genug ist, um ihm Vertrauen in ihren letztendlichen Triumph über die bürgerliche Gesellschaft einzuflößen. Dann kann diese zur neuen Achse für seine innere Existenz werden. Er, der bislang ein zielloser Wanderer im Nichts war, erhält eine neue Perspektive, nach der er sein Leben aus-richten kann. Nicht nur, dass seine rein gefühlsmäßige Revolte in der Idee des Sozialismus ein konkretes Ziel erhält – ihm eröffnet sich auch die Chance, eine neue "Heimat" zu finden und das Gefühl der Verlorenheit zu überwinden, das ihn bisher beherrschte. Das Bewusstsein der eigenen Machtlosigkeit, das so oft in Zynismus und Misanthropie mündet, kann einem neuen Selbstvertrauen weichen.
Allerdings fällt es dem Bohèmien selten leicht, sich auf einer tieferen Ebene wirklich mit der Arbeiterklasse zu identifizieren. Dem stehen seine eigene Lebensweise, das Milieu, in dem er sich für gewöhnlich bewegt, und das intellektuelle wie psychologische Erbe seiner bürgerlichen Herkunft entgegen. Sterling hat einmal behauptet, sein Mentor Ambrose Bierce wäre ebenfalls Sozialist geworden, wenn er bloß eine Generation später geboren worden wäre. Möglich – "Bitter" Bierce verachtete die Herren des Gilded Age wie kaum ein zweiter und die öffentliche Meinung war ihm stets gleichgültig gewesen. Doch das Alter ist nicht der entscheidene Faktor. Wir haben gesehen, wie ambivalent die Westküstenromantiker auf die ersten Anfänge einer radikalen Arbeiterbewegung in den 1880er Jahren reagiert hatten und Ambrose Bierce dabei seine protofaschistischen Ansichten entwickelte. Grund dafür war in erster Linie nicht ihr Lebensalter, sondern ihre soziale Stellung gewesen. Und auch Sterling gelang es nie, seine sozialistischen Überzeugungen mit seinen tiefsten Empfindungen wirklich in Einklang zu bringen. In Jack Londons autobiographischem Roman Martin Eden taucht der nach Sterlings Vorbild gezeichnete Bohèmien Russ Brissenden auf. Londons Held und alter ego Eden ist ein überzeugter Nietzscheaner, der nicht verstehen kann, warum sich sein Freund Brissenden zum Sozialismus bekennt:

I never can puzzle out why you, of all men, are a socialist,’ Martin pondered. ‘You detest the crowd so. Surely there is nothing in the canaille to recommend it to your aesthetic soul.’ He pointed an accusing finger at the whiskey glass which the other was refilling. ‘Socialism doesn’t seem to save you.’
I’m very sick,’ was the answer. ‘With you it is different. You have health and much to live for, and you must be handcuffed to life somehow. As for me, you wonder why I am a socialist. I’ll tell you. It is because Socialism is inevitable; because the present rotten and irrational system cannot endure; because the day is past for your man on horseback. The slaves won’t stand for it. They are too many, and willy-nilly they’ll drag down the would-be equestrian before ever he gets astride. You can’t get away from them, and you’ll have to swallow the whole slave-morality. It’s not a nice mess, I’ll allow. But it’s been a-brewing and swallow it you must. You are antediluvian anyway, with your Nietzsche ideas. The past is past, and the man who says history repeats itself is a liar. Of course I don’t like the crowd, but what’s a poor chap to do? We can’t have the man on horseback, and anything is preferable to the timid swine that now rule.’ (33)

Ob es sich bei dem genialen Alkoholiker Brissenden um ein gerechtes Porträt Sterlings handelt, kann ich nicht beurteilen. Doch glaube ich, dass Jack London in seiner Gestalt einen entscheidenen Charakterzug der linken Bohème sehr genau getroffen hat. London selbst war zu seinen sozialistischen Überzeugen gelangt „in a fashion somewhat similar to the way in which the Teutonic pagans became Christians – it was hammered into me.“ (34) Es waren ganz elementare und unmittelbare Lebenserfahrungen – seine Herkunft aus der Arbeiterklasse, seine Schufterei in diversen "sweat shops", seine Zeit als Tramp –, die ihn zum Sozialisten machten. Auf Sterling traf dies nicht zu. Der Sänger des dekadenten Wine of Wizardry fühlte sich zum Sozialismus hingezogen, weil er die bürgerliche Gesellschaft verachtetete. Das Leben der Arbeiterklasse stand ihm denkbar fern. Sein Hass auf die Bourgeoisie war zwar ehrlich empfunden und nur zu berechtigt, hatte aber wenig gemein mit den Gefühlen jener Menschen, die in den Fabriken oder auf den Plantagen malochten. Im Grunde ging’s ihm wie Frank Wedekinds "Marquis von Keith": „Meine Begabung beschränkt sich auf die leidige Tatsache, dass ich in bürgerlicher Atmosphäre nicht atmen kann.“ (35)


(1) Jack London: The Valley of the Moon. S. 408f.
(2) George Sterling: Charles Warren Stoddard. In: Ders.: The House of Orchids and Other Poems. S. 129.
(3) Als Bibliothekarin der Öffentlichen Bücherei von Oakland hatte Ina Coolbrith den zehnjährigen London 1886 erstmals mit der Welt der Bücher bekanntgemacht.
(4) Vgl.: Howard Zinn: A People’s History of the United States. Kap. 11.
(5) Zit. nach: Ebd. Kap. 13.
(6) Vgl. hier  
(7) George Sterling: To an Elder Poet. In: Ders.: A Wine of Wizardry and Other Poems. S. 41.
(8) George Sterling: Ballad of the Swabs.
(9) George Sterling: The Master Mariner. In: Ders.: Beyond the Breakers and Other Poems. S. 15f.
(10) Jack London: What Life Means To Me. In: Ders.: Revolution and Other Essays. S. 305.
(11) George Sterling: Three Sonnets to Oblivion. II. In: Ders.: A Wine of Wizardry and Other Poems. S. 47.
(12)  George Sterling: Of America. In: Ders.: A Wine of Wizardry and Other Poems. S. 60f.
(13) Marie Herzfeld: Fin-de-siècle. In: Wolfgang Asholt & Walther Fähnders (Hg.): Fin de siècle. Erzählungen – Gedichte – Essays. S. 176. Ist es ein Zeichen der immer noch vorhandenen Arroganz europäischer Intellektueller gegenüber der Kultur der USA, dass der Sammelband die Existenz eines amerikanischen Fin-de-siècle einfach ignoriert? Nicht einmal im Nachwort werden Sterling, Scheffauer und Smith, die Bostoner Décadents oder Park Barnitz’ Book of Jade erwähnt.
(14) Arthur Schnitzler: Spaziergang. In: Jürg Mathes (Hg.): Theorie des literarischen Jugendstils. S. 134.
(15) Hugo von Hofmannsthal: Prolog zu dem Buch ‘Anatol’. Z. 1-7. In: Ders.: Gedichte. S. 69.
(16) Friedrich Nietzsche: Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte. S. 10.
(17) Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. S. 8.
(18) Herman Scheffauer: Drake in California. Poems and Ballads. S. 8. Der Band enthält vier Gedichte Nietzsches in Scheffauers Übersetzung.
(19) William "Big Bill" Haywood (1869-1928) war einer der bekanntesten militanten Arbeiterführer der USA, Mitbegründer der Bergarbeiterföderation des Westens, der IWW und später der Kommunistischen Partei. 
(21) Edwin Markham: The Man with the Hoe. In: Ders.: The Man with the Hoe and Other Poems. S. 1ff.
(22) Edwin Markham: The Muse of Brotherhood. In: Ders.: Lincoln and Other Poems. S. 10.
(23) Edwin Markham: The Desire of Nations. In: Ders.: The Man with the Hoe and Other Poems. S. 20.
(24) Edwin Markham: The Need of the Hour. In: Ders.: Lincoln and Other Poems. S. 71.
(25) Die Pflanzer waren so erbost über Whitakers Enthüllungen, dass sie einen der ihren als Killer nach Kalifornien schickten. Dieser zog es allerdings vor, friedlich nach Australien weiterzureisen, nachdem er die Familie des Schriftstellers kennengelernt hatte. So zumindest berichtet es Whitakers Tochter Elsie. Vgl.: Elsie Whitaker Martinez: San Francisco Bay Area Writers and Artists. S. 37f.
(26) Oscar Wilde: Aphorismen zur Kunst. In: Wolfgang Asholt & Walther Fähnders (Hg.): Fin de siècle. S. 189.
(27) Ambrose Bierce: An Anarchist. In: Ders.: Shapes of Clay. In: The Collected Works. Bd. 4. S. 53.
(28) Herman Scheffauer: Revelation (The Man with the Hoe). In: Ders.: Of Both Worlds. S. 108.
(29) Herman Scheffauer: Manhattan. In: Ders.: Looms of Life. S. 57. 
(30) Fritz Kummer: Eines Arbeiters Weltreise. S. 195.
(31) Michael Kazin: Reform, Utopia, and Racism. The Politics of California Craftsmen. In: Daniel Cornford (Hg.): Working People of California. S. 311f.
(32) George Sterling: Stars of the Noon. In: Ders.: The House of Orchids and Other Poems. S. 47.
(33) Jack London: Martin Eden. S. 327f.
(34) Jack London: How I became a Socialist. In: Ders.: War of the Classes. S. 264.
(35) Frank Wedekind: Der Marquis von Keith. Erster Aufzug.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.