"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 24. August 2014

Bloß erschöpfte Irritation

Es ist wirklich traurig. Da erreicht mich die Nachricht, dass in absehbarer Zukunft zwei Filme über Mary Shelley produziert werden sollen, und ich fühle nichts, außer einer erschöpften Irritation. Sollte ich nicht begeistert oder wenigstens interessiert sein? Schließlich halte ich nicht nur Frankenstein für einen der ganz großen Klassiker der phantastischen Literatur, Mary Shelley selbst – ihr Leben, ihre Persönlichkeit, ihre Zeit, der Kreis von Künstlern und Intellektuellen, dem sie angehörte – könnten Stoff für einen wirklich großartigen und faszinierenden Film abgeben. Und doch, nichts als erschöpfte Irritation. Und ein bisschen Traurigkeit ...

Die allermeisten Biopics, die Hollywood in den letzten zwei Jahrzehnten oder so produziert hat, kranken in meinen Augen an einem extremen Mangel an historischem Verständnis. Fast nie gelingt es ihnen, das Leben ihrer Helden oder Heldinnen auf organische Weise mit den gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit, in der sie lebten, zu verbinden. Die Darstellung vergangener Epochen beschränkt sich im aktuellen Film ohnehin meist auf Äußerlichkeiten. Kaum ein Drehbuchautor oder Filmemacher scheint sich auf einer tieferen Ebene mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen oder auch nur wirkliches Interesse für sie aufzubringen. Je perfekter dabei die Imitation von Kleidern, Frisuren, Möbeldesign oder Musik der jeweiligen Epoche wird, desto deutlicher springt ins Auge, dass die Menschen, die sich vor dieser Kulisse bewegen, Menschen des 21. Jahrhunderts sind. Sie denken wie diese, empfinden wie diese und sehr oft sprechen sie auch wie diese. Und wenn es sich bei ihnen um Künstlerinnen oder Künstler handelt, dann werden sie erst recht sehr oft zu kostümtragenden Avataren westlicher Mittelklasseintelektueller unserer Zeit. Und es würde mir schwerfallen, eine soziale Gruppe zu finden, die in ihren Empfindungen und Gedanken langweiliger und banaler wäre als das, was man vielleicht als die gehobene Bohème unserer Zeit bezeichnen könnte.

Ein wirklich intelligenter Film über Mary Shelley – das wäre zugleich ein Film über ihre Zeit – eine Ära gescheiterter revolutionärer Hoffnungen und des Triumphs der Reaktion in Europa – sowie über die zweite Generation der englischen Romantiker – jene bewundernswerten Männer und Frauen, die in einer bleiernen Zeit ihre Ideale von Schönheit, Freiheit und Humanität hochzuhalten versuchten. Dabei ließe sich um die bereits für sich genommen sehr interessante Hauptfigur ein ganzes Ensemble faszinierender und eigenwilliger Persönlichkeiten gruppieren: Ihr Vater, der anarchistische Philosoph und Schriftsteller William Godwin; ihre Mutter, die Pionierin des Feminismus Mary Wollstonecraft*; Percy Bysshe Shelley natürlich; Lord Byron ... Der Stoff ist so reichhaltig, das er für eine ganze Reihe sehenswerter Filme ausreichen würde.

Doch was über die beiden sich derzeit in Vorbereitung befindenden Streifen bisher bekannt ist, deutet leider in eine ganz andere Richtung.
Da hätten wir zuerst einmal Haifaa al-Mansours A Storm in the Stars: 
Storm, written by Emma Jensen, tells the story of the passionate love affair between dangerously charismatic poet Percy Shelley and 17-year-old Mary Wollstonecraft, who would a year later write Frankenstein as Mary Shelley. ([Elle] Fanning will play the budding writer.) 
The script aims to tell of the tumult of first love of a young woman out of step with her time (Mary was well-educated and came from a family of intellectuals) who wrote one of the first pieces of literary genre fiction in modern times.
The project is seen as a perfect fit for Al-Mansour, who is the first female director out of Saudi Arabia and whose breakthrough film, Wadjda, tackled similar themes of a young woman out of step with her country’s culture.
Eine feministisch angehauchte Liebesgeschichte also. Na klasse ...
Man verstehe mich bitte nicht falsch. Als intelligente und selbstbewusste Frau hatte Mary Shelley selbstverständlich mit vielen Widerständen und Ungerechtigkeiten in der damaligen Gesellschaft zu kämpfen. Und diese Thematik verdient einen Platz in jeder filmischen Auseinandersetzung mit ihrem Leben. Doch leider tendiert man heute im allgemeinen dazu, das Thema Sexismus aus jedem weiteren gesellschaftlichen und historischen Kontext herauszulösen und auf ein zwischenmenschliches Problem zu reduzieren. Heraus kommt dabei meist ein Szenario, in dem wir auf der einen Seite die sensible, intelligente, unterdrückte Frau, auf der anderen die bornierten, unsensiblen und herrschsüchtigen Männer haben. Nicht nur führt das oft zu einer simplifizierten Charakterzeichnung (Idealisierung hier, Dämonisierung da), der Blick bleibt außerdem völlig auf den engen Kreis persönlicher Beziehungen beschränkt, wobei die beteiligten Personen nicht als Teil eines gesellschaftlichen Ganzen, sondern als völlig autarke Individuen betrachtet werden, die man dann einem moralischen Urteil unterwirft.
Der Grund für diese bornierte, wenig erhellende und meist auch schrecklich langweilige Darstellungsweise muss meiner Ansicht nach in der zugrundeliegenden Weltanschauung gesucht werden. Mary Wollstonecraft hatte in ihrem epochalen Werk A Vindication of the Rights of Woman den Kampf für die Emanzipation der Frau – ganz im Geiste von Aufklärung und Revolution – als Teil des allgemeineren Kampfes für eine von Gleichheit, Freiheit und Humanität geprägte Gesellschaftsordnung verstanden. Denn, "the more equality there is established among men, the more virtue and happiness will reign in society."** Der Hollywood-Feminismus unserer Tage {ja, so etwas gibt es} sieht das leider völlig anders. Nichts liegt ihm ferner, als die gesellschaftliche Ordnung als Ganzes in Frage zu stellen. Seine Vertreterinnen scheinen hauptsächlich damit beschäftigt, sich selbst einen privilegierten Platz innerhalb dieser Ordnung zu sichern, und das spiegelt sich in dem wider, was sie produzieren.
Mit Ausnahme der Regisseurin Haifaa al-Mansour weckt keine der mit dem Projekt verbundenen Personen bei mir besonders große Hoffnungen. Drehbuchautorin Emma Jensen scheint ihr Geld hauptsächlich mit irgendwelchen Historienromanzen zu verdienen, und als Produzentinnen bzw. Executive Producers zeichnen Amy Baer (Last Vegas), Joannie Burstein (Flypaper) und Rebecca Miller (The Ballad of Jack and Rose, The Private Lives of Pippa Lee) verantwortlich. Al-Mansours Wadjda habe ich zwar nicht gesehen, was ich darüber gelesen habe, klingt aber nicht uninteressant. Freilich wissen wir aus jahrzehntelanger Erfahrung, wie schnell ausländische Talente in Hollywood ihre künstlerische Individualität und Integrität einbüßen können, vor allem, wenn sie dem korrumpierenden Einfluss der großen Filmindustrie keine starken eigenen Überzeugungen entgegensetzen können.

Sehr viel schlimmer freilich klingt, was man aus dem Munde von Produzentin Rose Ganguzza über Coky Giedroyc' &  Deborah Baxtroms Mary Shelley’s Monster zu hören bekommt:
Monster envisions her life as “the story of the most extraordinary 19th century teenage heroine told in a visceral, sexy, contemporary way,” per producer Rose Ganguzza, who produced last year’s Beat Generation drama Kill Your Darlings. “Our film is not a period drama. It is a story of youth that transcends time, a gothic romance, a love triangle that involves a dark passenger and we are tremendously excited to have such an exciting cast onboard this wonderful project.”
Sorry, aber wenn ich so was lesen muss, stellt sich bei mir ein leichter Brechreiz ein. Wenn Künstlerinnen oder Künstler {ich fasse den Begriff hier sehr weit} anfangen, von "zeitlosen" Themen zu schwafeln, dann bedeutet das für gewöhnlich bloß, dass sie zu faul sind, um sich mit der konkreten Realität sei es ihrer eigenen, sei es einer vergangenen Zeit auseinanderzusetzen. Heraus kommt dabei entweder etwas fürchterlich Banales oder eine schlecht verhüllte Wiedergabe ihrer eigenen, meist schrecklich uninteressanten Gefühle und Problemchen. Wie so oft frage ich mich auch hier wieder: Wenn ihr eine Sexy-Gothic-Teen-Romanze im Geiste der heutigen Popkultur drehen wollt {was euch unbenommen ist}, warum müsst ihr dazu die Person von Mary Shelley verwenden? Ganz offensichtlich wird dieser Streifen absolut nichts mit dem realen Leben der Schriftstellerin zu tun haben. Es wird ja nicht einmal versucht, den Anschein zu erwecken, dass dem so sei. Ich kapier das einfach nicht ... 

Wie wunderbar wäre es, wenn uns statt dieser Filme eine Adaption von Helen Edmundsons Theaterstück Mary Shelley in Aussicht gestellt würde. Barbara Slaughters Besprechung einer Londoner Inszenierung aus dem Jahr 2012 und ihr Interview mit der Autorin machen deutlich, wie faszinierend eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Leben und der Person der Frankenstein-Schöpferin sein könnte. Aber es wäre wohl naiv, zu hoffen, etwas derartiges vom heutigen Hollywood präsentiert zu bekommen ...


* Wollstonecraft starb zwar bereits kurz nach der Geburt ihrer Tochter, doch sie war trotzdem eine wichtige "Präsenz" im Leben der heranwachsenden Schriftstellerin.
** Mary Wollstonecraft: A Vindication of the Rights of Woman. Kap. 1.

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