"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 6. Februar 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S01/E02: "Space Fall"

Die Verantwortlichen bei der BBC waren sich bewusst, dass die ersten Folgen von Blake's 7 kurz nach dem Kinostart von Star Wars ausgestrahlt werden würden, und so entschied man sich dazu, den Großteil des Budgets, das für die erste Staffel zur Verfügung stand, bereits in der zweiten Episode zu verfeuern. Ob Produzent David Maloney und sein Team tatsächlich glaubten, etwas auf die Beine stellen zu können, was auch nur im Entferntesten ähnlich visuell beeindruckend sein würde wie George Lucas' Blockbuster? Schwer vorstellbar. ITV hatte einige Jahre zuvor mit Space 1999 die bis dahin teuerste Serie der britischen Fernsehgeschichte kreiert. Bei der BBC war niemand bereit, vergleichbare Summen für eine SciFi - Show bereitzustellen. Und so besitzt selbst Space Fall ein denkbar primtives Aussehen, auch wenn die Sets etwas aufwendiger sind als in späteren Episoden und wir immerhin ganze zwei Raumschiffmodelle zu sehen bekommen. So verständlich es ist, dass man an den durch den Überraschungserfolg von Star Wars* ausgelösten Hype anknüpfen wollte, so klar ist doch auch, dass den Machern von Blake's 7 die materiellen Ressourcen fehlten, um eine visuell beeindruckende Space Opera zu kreieren. Die Serie musste ihre Stärken an anderer Stelle entwickeln. Inwieweit ihr das gelungen ist, werden wir im Laufe unseres Rewatchs sehen.

Space Fall schließt unmittelbar an die Handlung von The Way Back an. Blake (Gareth Thomas), Jenna (Sally Knyvette) und Vila (Michael Keating) befinden sich zusammen mit einer Reihe weiterer Sträflinge auf dem Gefangenentransporter London mit Kurs auf Cygnus Alpha. Unser Held zögert nicht lange und beginnt mit den Vorbereitungen für eine Meuterei. 
Leider gelingt es der Folge nur schlecht, dem Zuschauer zu vermitteln, wieviel Zeit zwischen den einzelnen Szenen verstreicht, aber scheinbar sollen wir glauben, dass mehrere Monate vergangen sind, bis Blake seinen Plan zur Übernahme des Schiffs in die Tat umsetzt. Zum engsten Kreis der Verschwörer gehören neben Jenna und Vila nun auch der bärenstarke Olag Gan (David Jackson) und der enthusiastische Nova (Tom Kelly). Das Gelingen des Unternehmens ist jedoch von der Mithilfe des brillanten Computerspezialisten Kerr Avon (Paul Darrow) abhängig, dessen Intelligenz und technisches Geschick nur noch von seiner Arroganz und Egozentrik übertroffen werden. Das Schicksal seiner Leidensgenossen ist ihm herzlich gleichgültig. Eine Zeit lang spielt er sogar mit dem Gedanken, einen Deal mit der Crew zu schließen, der allen übrigen Gefangenen das Leben kosten würde. Doch letztlich gelangt er zu der Überzeugung, dass Blakes Plan auch für ihn die beste Chance auf ein Entkommen darstellt, und ist bereit, seinen Beitrag zu leisten. 
Als die London in eine Reihe von Raumturbulenzen gerät, deren Ursache ein in der Nähe tobender Kampf zwischen irgendwelchen mysteriösen Raumschiffen zu sein scheint, ist der Zeitpunkt zum Handeln gekommen. Blakes Plan scheint zuerst aufzugehen, nachdem Avon die Kontrolle über den Schiffscomputer übernommen hat. Doch als der skrupellose Sub-Commander Raiker (Leslie Schofield) mit der wahllosen Exekution von Gefangenen beginnt, sehen sich die Meuterer gezwungen, zu kapitulieren. Gegen Avons Protest ...
Nachdem die Ordnung wiederhergestellt ist, entdeckt die Crew der London ein in der Nähe treibendes Raumschiff unbekannter Herkunft. Das gewaltige Gefährt scheint verlassen, und so entschließt man sich dazu, einen Erkundungstrupp hinüberzuschicken. Als die Männer nicht zurückkehren, werden auf Drängen Raikers Blake, Jenna und Avon als "Freiwillige" rekrutiert. Nicht unbedingt die allerklügste Idee, denn nachdem die drei die telepathischen Attacken des Sicherheitssystems überstanden haben, gelingt es ihnen sehr schnell, das Schiff flottzukriegen. Der sadistische Sub-Commander hat ihnen nicht nur ein Fluchtfahrzeug, sondern zugleich eine mächtige Waffe in die Hände gespielt. Nun denn, er hat nicht mehr viel Zeit, um seinen Fehler zu bereuen ...

Einer der interessantesten Aspekte von Space Fall ist die Charakterisierung der Mannschaft der London. Raiker ist ohne Frage ein skrupelloses, brutales Arschloch, zu dessen Lieblingsbeschäftigungen es außerdem gehört, sexuelle Gefälligkeiten von weiblichen Gefangenen zu erpressen. Alle übrigen Crewmitglieder jedoch erscheinen in einem gar nicht so unsympathischen Licht.
Der ältliche Commander Leylan (Glyn Owen) macht einen im Grunde gutmütigen Eindruck, doch er ist müde und desillusioniert. Alles, was er sich wünscht, ist, seinen Job ohne gar zu viele Komplikationen zu erledigen. Ganz offensichtlich verabscheut er Raikers Verhalten, besitzt jedoch nicht länger die Kraft, seinem Ersten Offizier Einhalt zu gebieten. Ein kurzer Wortwechsel zu Beginn der Episode bringt das Verhältnis zwischen den beiden sehr gut auf den Punkt. Leylan lässt eine Bemerkung darüber fallen, dass sich unter den Sträflingen eine Frau (Jenna) befindet. Raiker erklärt, dass er darüber Bescheid wisse, worauf der Kommandant erwiedert: "Be discrete". Leylan weiß, dass sein Erster Offizier regelmäßíg weibliche Gefangene sexuell missbraucht, und es gefällt ihm wohl nicht. Aber er ist zu schwach, um das zu verhindern. Und so will er es bloß selbst nicht offen miterleben müssen.
Navigator Artix (Norman Tipton) ist ein junger, ehrgeiziger Offizier, der jede freie Minute damit verbringt, für seine "Kommandoprüfung" zu büffeln, da er nicht den Rest seines Lebens auf einem altersschwachen Kahn wie der London verbringen will. Er wirkt naiv, aber keineswegs rücksichtslos oder bösartig.
Selbst die Wachen machen keinen sonderlich brutalen Eindruck, was es beinah etwas verstörend wirken lässt, wenn Gan während der Meuterei einem von ihnen damit droht, ihm die Hand abzuschlagen. Auch im Kampf um Freiheit bleibt Gewalt Gewalt, und sie ist nicht schön.

Ziemlich beeindruckend ist auch der völlig sinnlose Tod Novas, der zudem eine zumindest implizit sehr unangenehme Form besitzt, auch wenn dies aufgrund der technischen Limits nicht wirklich rüberkommt. Erstaunlicherweise kommt keiner unserer Helden später noch einmal auf das traurige Schicksal des jungen Enthusiasten zu sprechen. Zum ersten Mal erleben wir hier, dass Blake ein Talent dafür besitzt, Menschen zu begeistern, was jedoch für einige von ihnen keine besonders erfreulichen Folgen hat.

Sehr schön ist es zu sehen, wie kühl und selbstbewusst Jenna auf Raikers sexuellen Erpressungsversuch reagiert. Zwar hören wir nicht, was sie ihm zuflüstert, doch in Anbetracht seiner Reaktion dürfte es nicht viel netter als "Fuck yourself, you pathetic pervert" gewesen sein. Auch ist es ihre Expertise als Pilotin, die den drei am Ende das Entkommen sichert.

Doch am wichtigsten für die Zukunft der Serie ist ganz ohne Frage die Einführung von Avon. Schon bei seinem ersten Auftritt beglückt uns das arrogante Computergenie mit den schneidend sarkastischen Bemerkungen, die in der Folge zu seinem Markenzeichen werden sollen. Schlau und extrem kompetent, doch zugleich zynisch, kaltblütig, eingebildet und egoistisch stellt er augenblicklich den Gegenpol zu Blake mit seinem leidenschaftlichen Idealismus dar. Und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass er sich niemals ganz der Autorität des Freiheitskämpfers unterordnen wird. Wenn er ihm für den Moment folgt, so nur, weil dies seinen eigenen Interessen dient. . 

Das wär's für heute. Das nächste Mal werden wir in den Genuss von Brian Blessed in Hochform gelangen, und zugleich ein paar Worte über Alien 3 verlieren müssen.

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* Bereits im November 1977 hatte Star Wars Steven Spielbergs Jaws vom Thron gestoßen und war zum finanziell erfolgreichsten Film aller Zeiten avanciert.

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