"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Dienstag, 16. April 2013

I have a bad feeling about this

Das amerikanische Reboot des britischen SciFi-Klassikers Blake's 7, über das schon seit Monaten Gerüchte durchs Netz schwirren, scheint nun tatsächlich produziert zu werden. Und wie so oft, wenn es um derartige Ankündigungen geht, packt mich dabei ein eher ungutes Gefühl. Doch statt sofort in den Meckermodus umzuschalten, werde ich diesmal versuchen, in aller Ruhe die Gründe für meine Skepsis darzulegen.

Dass Syfy der primäre Strippenzieher bei dem Ganzen ist, führt bei mir zwar nicht gleich dazu, dass ich alle Hoffnung fahren lasse, ist aber auch nicht gerade geeignet, mir große Zuversicht einzuflößen. Was mich jedoch wirklich bedenklich stimmt, ist, was David Ellender – CEO von FremantleMediaInternational, die gleichfalls an dem Projekt beteiligt sind – in der offiziellen Presseerklärung über die "revolutionary reinvention {schauder} of the long-running BBC series" von sich gegeben hat: 

Blake’s 7 was such a forward-thinking concept that the show continues to have resonance with audiences today. Its complex characters and gritty storylines, coupled with the highly talented team and modern production techniques are sure to appeal to both original fans of the show and new viewers.

Der Stein des Anstoßes dabei ist das Wörtchen "gritty". Blake's 7 war intelligent und "erwachsen". Die Serie stellte einen klaren Bruch mit dem naiven Idealismus älterer Space Operas wie Star Trek dar. Aber sie war ganz sicher nicht "gritty". Jedenfalls nicht in dem Sinne, in dem das Wort heutzutage in Genrekreisen verwendet wird.

Wenn es in Verbindung mit einer SciFi-Serie fällt, wird man dabei unweigerlich sofort an das Reboot von Battlestar Galactica denken müssen. Aus Sicht der Produzenten könnte ich es sogar irgendwie verstehen, wenn man sich in dieser Richtung orientiern würde, schließlich war BSG verdammt erfolgreich. Ganz anders jedoch fällt meine Reaktion aus, wenn ich z.B. Folgendes auf io9 lesen muss:
If Syfy's Blake's 7 does succeed, it'll have to follow in BSG's footsteps. The original Blake's 7's fingerprints are all over Moore's BSG reboot, and pretty much the only way to do Terry Nation's concept properly in this day and age is to go as hard-edged as possible. (A show about freedom fighters who use terrorist tactics against an empire that relies on pervasive surveillance and overwhelming military power pretty much has to be dark and intense — you couldn't do that in the more friendly, cheerful mode of recent Syfy shows like Warehouse 13, or even Alphas.)
And the truth is, the original Blake's 7 was already much, much more fucked up than the original Battlestar, making it that much harder to do justice to the concept in a modern framework.
Ich habe den ganzen Hype um BSG nie so recht verstehen können. Mir persönlich ist der gewollt "dreckige", "harte" und "düstere" Stil sehr schnell auf die Nerven gegangen und ich habe die Serie dann nicht mehr weiter verfolgt, zumal mir die deutlichen Bezüge zur Post-9/11-Ära eher suspekt vorkamen. Allerdings verbindet mich auch nur sehr wenig mit dem Original. Als Kind habe ich wohl einige der Spielfilme um die "Mormonen im Weltraum" gesehen {jedenfalls kann ich mich von irgendwoher an die alten Zylonen erinnern, die ich echt cool fand}, das dürfte aber auch schon alles gewesen sein. Insofern ist es mir ziemlich egal, was die Neuauflage mit dem alten Material angestellt hat.
Bei Blake'7 schaut das ganz anders aus. Ich habe die Serie zwar überhaupt erst im letzten Jahr kennengelernt, doch hat sie sich auf meiner persönlichen Fernseh-SciFi-Rangliste sofort einen Platz ganz weit vorne sichern können. Ein Reboot, dem man die Attribute "dark" und "fucked up" verpassen könnte, käme für mich deshalb nicht nur der Verunstaltung einer geliebten Sache gleich, es würde in meinen Augen auch die Gefahr in sich bergen, der heutigen Generation der SF-Fans den Zugang zum Original zu erschweren, der aufgrund der {vorsichtig ausgedrückt} etwas primitiven Tricktechnik der alten Serie ohnehin schon nicht einfach sein dürfte. Und das wäre wirklich ein Jammer.

Viele Kommentatoren – wie der Verfasser des obigen io9-Artikels oder Andrew Blair von Den of Geeks – gehen wie selbstverständlich davon aus, dass man Blake's 7 als einen direkten Vorläufer von BSG betrachten könnte. Ich halte diese Sichtweise für oberflächlich und letztlich verfehlt. Ja, Terry Nations Serie besitzt komplexe, moralisch ambivalente Charaktere. Sie scheut nicht davor zurück, einige (und am Ende alle) ihrer Hauptfiguren in den Tod zu schicken. Und mit ihrem kritischen Blick auf die Motive und Methoden ihrer Helden im Kampf gegen die totalitäre Föderation ist sie Lichtjahre weit entfernt vom simplistischen Star Trek - Utopismus der Roddenberry-Ära. Aber reicht das schon aus, um eine direkte und folgerichtige Entwicklung von Blake's 7 zu BSG zu konstruieren? Als direkter Nachkomme wäre da wohl eher Farscape zu nennen {vielleicht auch Firefly, aber damit bin ich nicht so vertraut}. Battlestar wäre ohne diese älteren Serien {denen man wohl auch noch Babylon 5 und DS9 hinzufügen sollte} vielleicht nie möglich gewesen. Doch gehört Ronald D. Moores "Grimdark"- SciFi deswegen nicht automatisch auch zur gleichen Verwandtschaftsgruppe. Der entscheidende Punkt ist für mich dabei weniger der Inhalt, als vielmehr der Ton. Jim Moon und Lee Medcalf haben das in der letzten Folge des Black Dog Podcast sehr schön zusammengefasst, wenn sie das drohende Blake's 7 - Reboot à la Battlestar so beschreiben: "'People getting pissed up and shouting at each other in dark sweaty corridors until we all fucking lose interest.' 'And you have to have at least one gratuitous softporn scene every episode.'" (00:25) Eine gruselige Vorstellung, von der man sich nur wünschen kann, dass sie nie Wirklichkeit werden möge.

Ich äußere mich in meinem Blog ja öfters sehr abfällig über die ganze "grim & gritty" - Mode, und mancher könnte dadurch vielleicht den Eindruck bekommen, ich sei einer jener Moralapostel, die jede unverhüllte Darstellung von Gewalt oder Sex für verwerflich halten. Dem ist mitnichten so! Grundsätzlich habe ich überhaupt nichts gegen explizite Gewalt- oder Sexdarstellungen in Filmen, Büchern, Comics etc. Sie alleine definieren für mich nicht das "grim & gritty" - Phänomen. Allerdings bin ich schon der Meinung, dass sich viele Macher und nicht wenige Kommentatoren endlich einmal hinter die Ohren schreiben sollten, dass Sex und Gewalt einen Film nicht automatisch "erwachsener" oder "realistischer" machen. Auch haben sie einem erzählerischen Zweck zu dienen, sonst werden sie sehr schnell irritierend und langweilig. Wenn ich Sexdarstellungen sehen will, die nur um ihrer selbst Willen existieren, dann schaue ich mir einen gut gemachten Porno an. Und wenn es mich nach exzessiven und einfallsreichen Bildern von Gewalt verlangt, greife ich nach einem guten alten Exploitation-Flick. Keins von beidem halte ich per se für illegitim. Aber wenn ein Film mehr sein will als das, wenn er eine interessante Geschichte mit interessanten Charakteren erzählen will, dann sind Sex- und Gewaltszenen bloße Stilmittel, deren Anwendung nur gerechtfertigt ist, wenn sie die Story oder die Charakterentwicklung wirklich voranbringen.

Doch zurück zu Blake's 7. Der eigentliche Grund für meine heftigen Bedenken hinsichtlich des Reboots besteht wohl darin, dass das Original nicht nur sehr "britisch", sondern vor allem ganz unverkennbar ein Produkt der 70er Jahre war. Das gilt zuerst einmal für Stil und Ästhetik; für die psychedelische Verrücktheit, die immer mal wieder durchbricht; für den starken Camp-Faktor. Derartiges kann eine heutige SciFi-Serie nicht nachahmen, und es wäre eher peinlich, würde sie es versuchen. Und so bleibt nur der Inhalt als Argument für eine Neuauflage. Doch auch dieser erweist sich bei näherer Betrachtung als äußerst zeitgebunden.
Blake ist der Typ des charismatischen revolutionären Einzelkämpfers, der den Kampf gegen ein unterdrückerisches System führt wie eine persönliche Vendetta, ebensosehr Idealist wie Egoman.  Damit ist er zumindest in meinen Augen eine Gestalt, die man nur von dem Hintergrund der Guerilla-Romantik der 70er Jahre richtig verstehen kann, der kultischen Verehrung, die Leuten wie Che Guevara damals in großen Teilen der Jugend und der Intelligenz entgegengebracht wurde. Der kritische Blick, den die Serie auf Blake, seine Persönlichkeit und seine Art des revolutionären Kampfes wirft, ist zugleich eine Kritik an damals weit verbreiteten politischen Ideen und Idolen. Und es ist eine völlig berechtigte Kritik, die zu keinem Zeitpunkt die Legitimität des Kampfes selbst in Frage stellt.
Von dieser politischen und kulturellen Atmosphäre ist heute nichts mehr übriggeblieben, weder im negativen noch im positiven Sinne. Einerseits ist der romantische Guerillero als Heldenfigur verdientermaßen in der Mottenkiste der Geschichte verschwunden. Andererseits ist die Idee der Revolution selbst zu etwas geworden, was nur noch eine winzige Minderheit für etwas anderes hält als eine utopische (und möglicherweise gefährliche) Fantasterei. Was können wir in diesem Kontext von einer Neuauflage von Blake's 7 erwarten? Scheint es nicht beinah unumgänglich, dass dabei an die Stelle des kritischen Umgangs mit einem verfehlten Revoluzzer-Ideal die Botschaft treten wird, Revolutionen seien an sich unmöglich, weil die Menschen ja soooo böse, dumm und egoistisch sind? Und verweist all das Gerede von "dark" und "gritty" nicht genau in diese Richtung?
Keine besonders hübschen Aussichten also. Ein Trost bleibt uns freilich. Ganz gleich wie das Reboot schließlich aussehen wird, wir werden immer noch das wunderbare Original besitzen. Eigentlich ein guter Grund, um sich mal wieder an Bord der Liberator zu begeben.

Kommentare:

  1. Eine wahrhaftig schauderhafte Vorstellung. Was kommt als nächstes? Ein Remake von "Zardoz" oder von "The Prisoner" (oh Gott, von letzeren gibt es ja wirklich eins). Und wieso wird immer wieder dieses unsägliche BGS herangezogen? Eine unimaginativere SF-Serie ist kaum vorstellbar. Von den Löchern in der Handlung und dem bescheuerten Ende (nur noch von "Lost" übertroffen) und seiner zweifelhaften Botschaft (hey, lasst uns alle Technik wegwerfen und als edle Wilde auf der prähistorischen Erde an Hunger und Krankheit verenden) wollen wir gar nicht erst anfangen. Aber die Charakterzeichnung ist ja sooo guut (O-Ton eines Fans). Habe glücklicherweise immer nur sporadisch eingeschaltet und den Rest der Handlung dem Netz entnommen. Ich fürchte ein übler Anfangsverdacht bestätigt sich nur zu oft.

    AntwortenLöschen
  2. Ein Remake von "Zardoz" wird uns, denke ich, erst einmal erspart bleiben. Ich muss jedoch zugeben, dass es mir auf perverse Weise irgendwie Spaß macht, mir auszumalen, wie ein solches aussehen könnte ...
    Hast du den amerikanischen "Prisoner" gesehen? Dass Ian McKellen darin Number Two spielt, lässt mich immer noch hoffen, das Ganze könnte vielleicht sogar ganz interessant sein. Was nicht heißen soll, dass ich verstehen würde, warum wir so ein Reboot überhaupt brauchen. Das Original ist auch heute noch beeindruckend genug.
    Über "BSG" kann ich, wie gesagt, aus eigener Anschauung nur wenig sagen, außer dass es mich sehr schnell genervt hat. Über das schauderhafte Ende habe ich dann im Netz gelesen. {Kopfschüttel}. Warum trotzdem so viele Leute die Serie für das Beste zu halten scheinen, was die Fernseh-SF im letzten Jahrzehnt hervorgebracht hat, ist mir bis heute ein Rätsel. Ich kann mir das eigentlich nur so erklären, dass die möglichen Konkurrenten noch schwächer waren.
    Wird eigentlich immer noch ernsthaft an einem "Barbarella"-Reboot gearbeitet? Das Projekt finde ich ja ganz besonders bizarr.
    Grü0e!

    AntwortenLöschen
  3. Hmmm, welchen Regisseur könnte man sich bei einem Remake von Zardoz vorstellen? Welchen überhaupt nicht? Und wer würde die Hauptrolle übernehmen? Ein abendfüllendes Gedankenspiel...:)
    Dem amerikanischen Prisoner habe ich micht bis jetzt noch verweigert.
    "BSG"..ich habe den Eindruck das letzte Jahrzehnt ist voll von vielversprechenden (besseren!) Serien die zu früh gecancelt wurden (Firefly, Odyssey 5, Farscape etc.). Wieso ausgerechnet "BSG" nicht dazu gehörte, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben.
    Argh! Ein Barbarella Remake...obwohl die Stage Version die mal in einigen deutschen Städten lief, laut Aussage eines Bekannten, sehr unterhaltsam sein soll. Gehört habe ich vom Remake auch länger nichts mehr. Regie sollte der Rodriguez führen mit der Rose McGowan in der Hauptrolle (könnte schlimmer sein). Das Original halte ich trotzdem für unerreichbar. Viel zu sehr Produkt seiner Zeit und der Regie Vadims (der auch damals mit der Fonda liiert war. Vielleicht auch ein Grund wieso sich Fonda von ihrer Rolle später so distanziert hat. Pfui! Sollte sich was schämen ;)

    AntwortenLöschen
  4. Okay, mit meinem "Jahrzehnt" war ich wohl etwas ungenau, denn ich wollte da natürlich weder "Farscape" noch "Firefly" mit einbegriffen wissen. "Odyssey 5" ist mir bisher völlig unbekannt. Da sollte ich mich wohl mal auf die Suche begeben.
    Ach ja, "Barbarella" ... Es ist wirklich höchste Zeit, dass ich der Astronavigatrice mal wieder einen Besuch abstatte. Ein Remake halte ich aus genau den selben Gründen wie du für eine völlig verrückte Idee. Gibt es einen SciFi-Film der lauter Swinging Sixties schreit? Das mit der Bühnenfassung klingt allerdings wirklich ganz interessant.

    AntwortenLöschen