"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."
Eigentlich sind Sachen wie "Bloggerawards" ja nicht so mein Ding ... Das heißt, wenn ich ehrlich sein soll, weiß ich nicht mal genau, was "Bloggerawards" überhaupt sind ...
Doch hey, wenn mich die gute Alessandra Reß auffordert, einmal neue Wege zu beschreiten, kann ich natürlich nicht nein sagen. Also versuche ich mich mal an diesem "Mystery Blogger Award".
Bloggerawards scheinen ziemlich durchreglementierte Dinger zu sein. Als semianarchistischer Kommunist werde ich natürlich nicht allen Regeln folgen, aber versuchen wir wenigstens anfangs brav zu sein.
1) Dass meine universitäre Laufbahn von Panikattacken & Depression
schon vor dem Magister-Abschluss {so hieß das damals noch} ausgebremst
wurde, macht mir inzwischen eigentlich nicht mehr viel aus. Schade finde
ich es aber nach wie vor, dass mir damit die Gelegenheit entgangen ist,
an der Edition eines Büchleins mit mittelalterlichen Zaubersprüchen
mitzuarbeiten, für die meine damalige Mediävistik-Professorin mich
eigentlich rekrutieren wollte.
2) Ich kann noch heute die Titelmelodie von Ronja Räubertochter vor mich hin summen, obwohl ich den Film glaub ich nur einmal richtig gesehen habe, und das war 1984 im Kino.
{Ja,
inzwischen hab' ich sie mir in unterschiedlichen Versionen auf Youtube
wieder angehört, aber ich hatte sie tatsächlich über Jahrzehnte nie
vergessen.}
3) Mein einziger Besuch in Amsterdam bestand aus einer wenig angenehmen Nacht, die ich in einem Straßengraben am Stadtrand verbracht habe. Regel 5: Fragen der Nominierenden beantworten
1. Fangen wir einfach an: Welches Brett- oder Kartenspiel kannst du warum empfehlen?
Ui, schwierig. Ich hab' schon lange keine Gelegenheit mehr gehabt, mich mit Brett- oder Kartenspielen zu amüsieren. Gehörte ehrlich gesagt auch nie zu meinen bevorzugten Hobbies oder Unterhaltungsformen. Ich habe nostalgische Erinnerungen an vergangene Talisman - Abende. Und eine Zeit lang habe ich mich regelmäßig mit einem Freund im Café zum Backgammon - Spielen getroffen. Ich weiß, nicht besonders originell. Aber hey, was gut genug für mittelalterliche Minnesänger war, ist gut genug für mich.
2. Welcher Fehler in einem Buch / Film / Game hat dich wirklich gestört?
Es gibt verdammt vieles, was mich an Peter Jacksons Lord of the Rings - Adaption ärgert. Am meisten jedoch vielleicht, dass er die Szene auf der Treppe von Cirith Ungol rausgeschmissen hat, in der Gollum von seinem Treffen mit Shelob/Kankra zurückkehrt, den schlafenden Frodo vorfindet und dann von Sam dumm angemacht wird. Der entscheidende Wendepunkt in Gollums Entwickung, und für mich eine der wichtigsten Passagen des gesamten Romans!
3. Ok, jetzt aber mal kreativ werden. Pass auf, du arbeitest im Marketing
eines Verlagshauses und darfst den Titel für die nächste
Romantasy-Veröffentlichung benennen. Den Inhalt kennst du nicht. Welchen
Titel wählst du?
Auch nach einer Woche ist mir da nichts witziges eingefallen. Tut mir leid!
4. Und wie nennst du deine Epic-Power-Fantasy-Metal-Band, mit der du
nächstes Jahr bei Wacken auftrittst? (Ja, natürlich habt ihr ein
quietschbuntes Cover. Mit Einhorn. Bösem Einhorn.)
The Vandalizing Wurdalaks. Okay, ist mehr Horror als Fantasy. Ob wir ein böses Einhorn auf dem Poster hätten, weiß ich deshalb nicht so genau. {Auch wenn mir die Idee gefällt!} Aber auf jedenfall würden wir alle so komischePelzkapuzen tragen wie Boris Karloff in Black Sabbath.
5. Welche Künstler / Medien / … zieren deine Wände in Form von Postern / Postkarten /… ?
Frag mich in einem halben Jahr noch mal, wenn ich hoffentlich endlich wieder ein "richtiges" Domizil bezogen habe. Meine jetzige Bleibe gleicht nach wie vor einem auf Jahre gestreckten Übergangszustand.
In meiner alten Mönchszelle in Mainz waren es Frida Kahlo, Wassili Kandinski, ein auf Postkartengröße eingeschrumpftes Plakat fürDas Cabinet des Dr. Caligariund Leonard Nimoy als Spock. Aber der Großteil der Wände wurde ohnehin von Bücherregalen in Beschlag genommen ...
Statues standing in a sea of night. They weep for forgotten shores of light. That is not dead which can eternal lie, And with strange aeons even death may die.
And you know the walls are whispering. What do they say? They won't go away.
{von dem 2001 erschienenen, H.P. Lovecraft gewidmeten Album Strange Aeons}
Meine zwei Wochen Urlaub neigen sich ihrem Ende entgegegen. Dank einer
ziemlich fiesen und unangenehm zählebigen Erkältung, die sich mittlerweile zwar auf
dem Rückzugsgefecht befindet, aber immer noch nicht ganz geschlagen
ist, habe ich sie nicht so verbringen können, wie ich mir
das eigentlich gewünscht hatte. Aber auf ihre Art waren sie wohl trotzdem ganz entspannend und erholsam.
Da ich durch meinen Gesundheitszustand mehr oder weniger an meine Eremitage gefesselt blieb, ist es wohl nicht verwunderlich, dass ich eine Ablenkung von krampfhaftem Gehuste und verschleimten Nebenhöhlen vor allem in den fantastischen Weiten des Netzes {und den nicht weniger fantastischen Universen, die sich zwischen manchen Buchdeckeln auftun} gesucht habe. Ein paar meiner dabei gemachten Funde möchte ich nun mit meinen Leserinnen und Lesern teilen. Um dem Ganzen eine etwas einheitlichere Form zu verleihen, beschränke ich mich auf den lovecraftianischen Anteil der Ausbeute.
1) Julie Hoversons "The Lovecraft 5"
Julie Hoversons Hörspielversionen von
The Dunwich Horror, The Rats in the Walls und The Thing on the
Doorstep, die man neben vielem anderen auf
ihrer Website 19 Nocturne Boulevard finden kann, waren mir schon seit
längerem bekannt. Warum mir die kleine Gruppe der Lovecraft 5 bisher
entgangen war, weiß ich nicht genau. Vermutlich hatte ich sie unterbewusst immer den "simplen" Lesungen zugeordnet.
In Wirklichkeit handelt es sich um sechs halbstündige Stücke, die zwar alle auf Geschichten des alten Gentlemans basieren, dabei jedoch zugleich dem Format der "Club Tales" folgen, wie wir sie etwa aus Lord Dunsanys Jorkens - Büchern oder auch aus William Hope Hodgsons Carnacki, the Ghost-finder kennen. Freilich wechselt dabei der Erzähler von Episode zu Episode.
Die Grundidee ist, dass sich fünf miteinander befreundete "lovecraftianische Archetypen" – Charles, der "Dilettant"; Edward, der "Schriftsteller"; Herbert, "der Wissenschaftler"; Richard, der "Künstler" und Warren, der "Akademiker" – treffen und einander unheimliche und unglaubliche Geschichten erzählen. Jeder von ihnen hat eine andere, seinem Typ entsprechende Herangehensweise an das Erzählte. Und da keiner der fünf groß Bedenken hat, einem seiner Freunde ins Wort zu fallen, wird die Erzählung immer wieder von Fragen, freundschaftlichen Neckereien, pedantischen Abschweifungen und ironischen Zwischenbemerkungen unterbrochen. Das Endprodukt ist sicher weniger unheimlich, als man es von lovecraftianischen Geschichten vielleicht erwarten würde, doch dafür sehr amüsant und unterhaltsam.
Der amerikanische Künstler Jason B. Thompson veröffentlichte 2011 nach einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne seine Comicadaption von Lovecrafts The Dream-Quest for Unknown Kadath, die er zwischen 1997 und 1999 geschaffen hatte, zusammen mit einigen weiteren Dreamlands - Geschichten. Wenn man das Hauptwerk sehen will, wird man nicht umhin kommen, den Geldbeutel zu zücken. Doch wer einen ersten Eindruck von Stil und Herangehensweise der Adaptionen erhalten will, kann sich einige kürzere Geschichten als Webcomics auf Thompsons Website anschauen.
3) Ryo Shinagawas H.P. Lovecraft's Dunwich Horror and Other Stories
Lovecraft besitzt eine recht ansehnliche Fangemeinde in Japan, und so ist es nicht erstaunlich, dass sich auch japanische Künstler immer wieder an Adaptionen seiner Werke versuchen. Einer von ihnen ist der Filmemacher Ryo Shinagawa. Leider hat eine kurze Google-Suche mit Ausnahme dieses Vimeo-Accounts keinerlei weitere Informationen über ihn zu Tage gefördert. Seine Ga-nime - Adaption von The Picture in the House, The Dunwich Horror und The Festival aus dem Jahre 2007 ist jedenfalls ein äußerst faszinierender Film. Doch Achtung: Der Streifen besitzt keinerlei Untertitel. Wer also kein Japanisch beherrscht, sollte mit den zugrundeliegenden Geschichten vertraut sein.
Völlig zurecht gilt Basil Poledouris' Musik für John Milius' Conan the Barbarian (1982) als einer der größten Fantasyfilm - Soundtracks aller Zeiten. Ich glaube, es war Charlie Brigden– der Mann hinter dem fantastischen Sound of Fear - Podcast– durch den ich vor Zeiten erfahren habe, dass es eine von Philipp Pelster geschaffene Orgel - Version von Conan gibt. Hier ist sie, und sie ist einfach großartig:
Was Ernst Busch hier mit seiner
metallisch-markanten Stimme vorträgt sind von Hugo Huppert ins
Deutsche übertragene und von Hanns Eisler vertonte Verse Wladimir
Majakowskis – des ohne Zweifel berühmtesten Dichters der
Russischen Revolution. Und da wir heute den hundertsten Jahrestag des
Oktoberumsturzes begehen können, dachte ich mir, es sei angebracht,
wenn ich mich zu diesem Anlass im Rahmen meiner sporadischen
Blog-Serie über die frühe sowjetische Phantastik einem Teil seines
Werkes widmen würde.
1923 schrieb Leo Trotzki über ihn:
"Majakowskis Bejahung der Revolution ist natürlicher als bei
jedem anderen russischen Dichter." (1) Wenn sein Leben
schließlich im Selbstmord endete, spiegelt sich darin meiner Ansicht
nach gerade deshalb auch etwas vom tragischen Schicksal der
Revolution wider, die die Morgendämmerung einer neuen Welt hätte
sein sollen, und am Ende doch in die mitternächtliche Finsternis des
stalinistischen Totalitarismus einmündete.
Das Gesamtwerk des großen Futuristen
auch nur oberflächlich unter die Lupe nehmen zu wollen, wäre für
einen solchen Blogpost natürlich eine viel zu ehrgeizige Aufgabe.
Auch müsste man dazu die Definition des Attributs "phantastisch"
schon seeehr weit fassen. Deshalb will ich mich auf zwei
Theaterstücke beschränken, die man alle beide relativ problemlos
der Phantastik zurechnen kann und die nebeneinander gestellt ein
recht interessantes Bild sowohl von Majakowskis Entwicklung, als auch
von der Entwicklung der Revolution ergeben: Mysterium buffo
(Misterija-buff) von 1918/21 und Das Schwitzbad (Banja) von 1929.
1
Poltert auf Plätze den Marsch der
Empörung! Hoch, stolzer Häupter wogendes Feld! Wie einer zweiten Sinnflut Verheerung waschen wir wieder die Städte der
Welt.
aus: Unser Marsch (1917) (2)
Der Futurismus war von seinen sozialen
Ursprüngen her eine typische Revolte der Bohème, das Aufbegehren
einer jungen Künstlergeneration gegen die Alten und Etablierten,
gegen die "Klassiker" und die "Akademie". Und wie
es bei einer solchen Revolte häufig der Fall ist, erschien sie den
daran Beteiligten zugleich als ein Aufstand gegen die gesamte
bürgerliche Welt, gegen deren verstaubte Spießigkeit und
heuchlerische Moral. Das 1912 von Majakowski mitverfasste Manifest
der russischen Futuristen trug den aussagekräftigen Titel Eine
Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack. Zugleich war der Futurismus
künstlerischer Ausdruck einer sowohl von gewaltiger Dynamik als auch
von sich dramatisch zuspitzenden gesellschaftlichen Konflikten
geprägten Zeit – der Ära der ersten Wolkenkratzer und Aeroplane,
des Chaos der Großstädte und des Heraufdämmerns der Epoche der
Kriege und Revolutionen.
Als die Februarrevolution dem Zarismus
den Todesstoß versetzte und die gesamte überkommene Ordnung ins
Wanken geriet, befanden sich die Futuristen – zusammen mit den
Suprematisten – beinah automatisch auf dem extremen linken Flügel
der künstlerischen Intelligenzija. Während die alten Symbolisten
der Mir Iskusstva (Welt der Kunst) - Gruppe, die selbst einmal
Bohème-Rebellen gewesen waren (3), sich inzwischen als Gralshüter
der Kultur und als geistige Elite fühlten und deshalb eifrig bemüht
waren, das von der Provisorischen Regierung in Aussicht gestellte
Kulturminsterium in Beschlag zu nehmen, hatten die noch ungezähmten
Ikonoklasten kein Interesse daran, zu verbeamteten Wächtern der
russischen Kultur zu werden und standen dem Establishment auch in
seiner neuen, "demokratischen" Gewandung instinktiv
feindselig gegenüber. Das machte sie bis zu einem gewissen Grad zu
natürlichen Verbündeten der Bolschewiki.
Majakowski schrieb später in seiner
skizzenhaften Autobiographie über die Oktoberrevolution: "Zustimmen
oder nicht zustimmen. Diese Frage gab es für mich (und die anderen
Moskauer-Futuristen) nicht. Es war meine Revolution. Ich ging ins
Smolny. Arbeitete. Alles was anfiel. Die Sitzungen begannen."
(4) Tatsächlich gehörte der Dichter zu einer winzigen Gruppe von
Künstlern, die wenige Tage nach dem Umsturz einem Aufruf Anatoli
Lunatscharskis, des bolschewistischen Volkskommissars für Kultur,
folgten und sich mit dem revolutionären Regime in Verbindung
setzten. Neben ihm erschienen nur der symbolistische Poet Alexander
Blok, die Schriftstellerin Larissa Reissner, der Theaterregisseur
Wsewolod Meyerhold sowie die Maler David Schterenberg und Nathan
Altman im Smolny, dem Sitz der Räteregierung.
Doch war Majakowski vorerst nicht
bereit, die Bolschewiki beim Aufbau neuer Kulturinstitutionen zu
unterstützen. Seine Unterhaltungen mit Lunatscharski hatten ihm
gezeigt, dass der Volkskommissar keineswegs daran dachte, im Stile
der Futuristen die ganze alte Kultur über Bord zu werfen und die
Avantgardisten zu den offiziellen Künstlern der Revolution zu
ernennen. Lunatscharski hatte ja sogar von seinem Posten zurücktreten
wollen, als ihn übertriebene Berichte über die während des
Moskauer Aufstands am Kreml entstandenen Zerstörungen erreichten.
Enttäuscht von dieser
"traditionalistischen" Linie, begab sich Majakowski schon
bald nach Moskau, wo er zusammen mit dem Maler David Burljuk und dem
Dichter Wassili Kamenski das Kafe poetov eröffnete und die Gaseta
futuristov herausgab. Ganz wie z.B. auch Wladimir Tatlin und Kasimir Malewitsch
hegten Majakowski und sein Kreis in den ersten Monaten der
Revolution deutlich anarchistische Sympathien:
The ideology of the Kafe poetov was
suffused by antiauthoritarian anarchism. In accordance with the
anarchist tilt in the name of the Freedom for Art Federation, the
three artists of the cafe called themselves the Federation of
Futurists. With his two comrades, Maiakovskii published the Gazeta
futuristov (Futurists' Newspaper), in whose first and only issue on
March 15th he declared, in an "Open Letter to the Workers,"
that "Futurism" was the aesthetic counterpart of
"socialism/anarchism" and that only a "revolution of
the psyche" could liberate workers from the shackles of obsolete
art. [...]
The political anarchists accepted the
Futurists' Newspaper as an organ of anarchism and endorsed the House
of Free Art briefly operated by Maiakovskii, Burliuk, and Kamenskii
as one of the anarchist clubs in Moscow. The House, a restaurant
requisitioned for the purpose by the trio, was dedicated to the
"individual anarchism of creation," as their paper put it.
(5)
Vielleicht nicht ganz zufällig schloss
das Kafe poetov seine Tore, kurz nachdem im April 1918 die
anarchistischen Gruppen von der Tscheka (6) gewaltsam "entwaffnet"
worden waren.
Als nächstes unternahm Majakowski
einen kleinen Abstecher in die Welt des Films (7). Wie er in einem
Brief an seine Geliebte und ewige "Muse" Lilja Brik
schrieb: "Die Filmleute behaupten, ich sei für sie ein
ungewöhnlicher Künstler. Locken mit schönen Redensarten, Ruhm und
Geld." (8) Von den drei Filmen, an denen er mitwirkte, hat nur
Das Fräulein und der Hooligan überlebt,.den man sich hier anschauen
kann.
Ungefähr zur selben Zeit nahm
Majakowski auch die Arbeit an Mysterium buffo wieder auf. Erste
Entwürfe für das "heroische, epische und satirische Abbild
unseres Weltalters" hatte er bereits im August 1917 zu Papier
gebracht. Ende September 1918 war das Werk schließlich vollendet und
wurde einem kleinen Kreis von Freunden und Bekannten vorgetragen,
unter denen sich auch Lunatscharski befand. Der Volkskommissar war
begeistert: "Der Gehalt dieses Dichterwerks gibt die
gigantischen Erlebnisse der unmittelbaren Gegenwart wieder; ein
Gehalt, der zum erstenmal im Kunstgeschehen der letzten Zeit den
Erscheinungen des Lebens gerecht wird ..." (9) Die Uraufführung
sollte im Rahmen der Feiern zum ersten Jahrestag der
Oktoberrevolution in Petrograd stattfinden. Dabei fand Majakowski in
Wsewolod Meyerhold als Regisseur einen kongenialen Partner. Wie Lilja
Brik in ihren Memoiren erzählt:
Meyerhold und Majakowski waren bei den
Inszenierungsarbeiten regelrecht ineinander verliebt. Majakowski
akzeptierte erfreut jede Anordnung von Meyerhold und umgekehrt –
Meyerhold jeden Vorschlag von Majakowski. (10)
Der einstige Stanislawski-Schüler
hatte schon ein gutes Jahrzehnt vor der Revolution damit begonnen,
nach neuen Formen des Theaters zu suchen, die die Begrenztheit der
naturalistischen Schaubühne überwinden und das Publikum von
passiven Beobachtern zu aktiven Teilhabern des Geschehens machen
sollte. Dabei hatte er auf Traditionen wie das mittelalterliche
Mysterienspiel und die Commedia dell'arte zurückgegriffen. Doch war
er mit dem bisher Erreichten nie wirklich zufrieden gewesen. Die
Revolution eröffnete Meyerhold völlig neue Möglichkeiten. Sie gab
ihm nicht nur einen neuen Stoff für seine Theaterexperimente,
sondern auch ein neues Publikum. Die Uraufführung von Mysterium
buffo wurde zu einem der ersten großen Höhepunkte dessen, was man
später den "Theater-Oktober" taufen sollte.
Ganz wie Meyerhold in seinen früheren
Experimenten griff auch Majakowski Elemente des Mysterienspiels auf
und verband sie mit karnevalistischen Momenten. Doch wenn seinen
Vorgängern stets etwas Statisches eigen gewesen war, zeichnete sich
Mysterium buffo durch das Aufeinanderprallen von Gegensätzen, einen
apokalyptischen Durchbruch und eine stetig ansteigende Dynamik aus,
die schließlich im utopischen Panorama eines "neuen Edens"
gipfelte. Das Bühnenbild wurde von Kasimir Malewitsch kreiert.
Als eine neue Sinntflut den Erdball
überschwemmt, fliehen sieben "reine" und sieben "unreine"
Paare – die Ausbeuter und die Ausgebeuteten – zum Nordpol, wo sie
eine neue Arche erbauen. Freilich dauert es nicht lange und die
"Reinen" versuchen, ihre Herrschaft an Bord zu erneuern.
Erst rufen sie den abessinischen Negus zum Zaren aus. Als dieser
sämtliche Vorräte auffuttert, ohne seinen Kompadres etwas
abzugeben, organisieren sie eine "bürgerliche Revolution",
werfen den Potentaten mit Hilfe der "Unreinen" über Bord
und setzen ihre Herrschaft in "republikanischer" Form fort.
Doch die "Unreinen" lassen sich nicht lange vom Geschwätz
der "Reinen" umgarnen und starten ihren eigenen Aufstand.
Nunmehr Herren ihrer Arche wissen sie dennoch nicht recht, wie sie
der Sinnflut auf Dauer trotzen sollen. Da taucht über die Wogen
wandelnd der "einfache Mensch" auf {in der Uraufführung
von Majakowski selbst gespielt} und verkündet ihnen das neue
Evangelium des irdischen Paradieses:
Wer ich bin? Keine Klasse, keine Nation, kein Stamm. Ich sah das dreißigste, das vierzigste Jahrhundert. Mich trug des Jahrtausends Wellenkamm. Bin ein Morgiger, einfach und
unbewundert, den Beschwernisse heutiger Dinge
rühren, und ich kam, eurer Seelen Herdfeuer zu
schüren. Vernehmt meinen Rat. Hört die neue Bergpredigt! Vergeblich harrt ihr des Ararat. Den Ararat gibts nicht mehr. Der ist erledigt. War nur Gaukelwerk. Und kommt der Berg nicht zu Mohammed, dann geh zum Teufel der ganze Berg! Nicht mit der Kreuzigung Nagelbrett, noch dem Jenseits, der
Diabetiker-Konditorei, red ich verhärtete Herzen weich, sondern mit dem irdischen Himmelreich.
Von seiner Rede inspiriert stürmen die
"Unreinen" im dritten und vierten Aufzug Hölle und Himmel,
lassen sich weder von Teufeln noch Heiligen Einhalt gebieten,
entwinden dem Herrgott höchstpersönlich seine Blitze und reißen stetig
weitermarschierend das ganze jenseitige Gebäude ein.
Schließlich erreichen sie das "Gelobte
Land", die Stadt der Zukunft, wo sie von den befreiten Maschinen
begrüßt werden, die nicht länger der Jagd nach Profit unterworfen
sind, sondern endlich dem Wohle der gesamten Menschheit dienen
dürfen.
Arbeiter, nehmt von uns die Schuld! Vergebt uns! Verzeihung! ihr habt uns gegossen, geschliffen, gebaut mit Geduld. dann haben uns Sklavenhalter ergriffen und unterworfen. Oh, ersehnte Huld der Befreiung. Wir panischen, mechanischen Stahl-Wildlinge, wir nimmermüden, wir ohne Rast und Frieden, beauftragt, die Protzen spazieren zu
schieben auf Schienen, und ihnen in trüben Betrieben zu dienen, wir – Maschinen! Wir Wiegenwagen auf Doppelrädern, mit Schwanken und Um-die-Kurven-Federn, beflissen, die Satten und Fetten ans Ziel zu befördern,– wir Helfershelfer von Dieben und
Mördern, Triebscheibe, Schwungrad und
Kurbelwelle – da gabs keinen Halt, wenns euch zu verstümmeln, zu rädern
galt. Treibriemen, Stahlbrücke,
Bunkergefälle, alles war als Gefahr euch zur Stelle ... Nun aber brüllt auf, Motoren! Gestürzt sind Protzen und Götzen. Sperr auf, Jubel, Mund und Ohren! Wir dürfen euch nützen, euch
ergötzen, – befreit! Jetzt, Bahnen, flutet! Sirenen, tutet! Jetzt mögt ihr euch recken,
Eisenbahnstrecken! In Lust-Karussellen die Nacht zu
erhellen, sind, Arbeitervolk, wir von nun an
bereit! (11)
Das Ganze endet mit einer volkfsfestartigen Szene und dem gemeinsamen Absingen der Internationale.
Leider ist mir als Übersetzung nur die
überarbeitete und erweiterte Fassung, die Majakowski für den
dritten Weltkongress der Kommunistischen Internationale 1921
anfertigte, zugänglich. {Eine russische Fassung des Originals findet
man hier.} Sie enthält nicht nur einen weiteren Aufzug ("Das
Land der Trümmer"), sondern auch zusätzliche Figuren wie den
menschewistischen "Versöhnler", der regelmäßig Haue von
beiden Parteien bekommt. Die ursprüngliche Version scheint mir
gerade in der Simplizität ihres Figurenaufbaus kompakter und
kraftvoller zu sein.
Doch letztlich ist der Text allein
sowieso nicht ausreichend, um einen adäquaten Eindruck von Mysterium
buffo zu erhalten. Man muss sich außerdem zu vergegenwärtigen
versuchen, wie das Stück inszeniert wurde.
The characters of Mystery-Bouffe [...]
were imported from festival theater, with a strong dose of the
fairground. [...] [T]he clean are portrayed in the mocking tones of
carnival, with a particular flair for exaggerated detail [...]
Entrances of the clean are marked by Petrushka-like
self-introductions, and national conflicts are reduced to slapstick
brawls. [...] The unclean were depicted in the monumental tones of
the mystery play. They performed collectively, as a chorus, much of
the time, and their lines were read with a "firm, strong
principle, heroic pathos, and plastic monumentality." [...]
The entrance to the Promised Land was
depicted as simply as in a medieval mystery, by opening the gates and
having the players step in; and Mayakovsky's entrance as A Simple Man
used a circus trick: he flew onto the deck along a guy wire. [...]
The ark-stage provided a graphical
representation of revolution as threshold. It was divided into the
deck, occupied by the clean, and the hold, where the unclean were
banished. The two levels were connected by a trapdoor. When in the
third act another set was introduced, the same spatial division was
applied: on top was Heaven, below Hell, and in between a trapdoor.
This trapdoor, fully motivated by the use of a ship's deck as the
stage, traced its genealogy to mystery stages. Its forbears were the
English pageant cart, used both as a stage and as a transport for
mystery cycles, and the Russian vertep (crèche), an itinerant puppet
booth featuring the Christmas story on a two-level stage: the
Slaughter of the Innocents on top followed by comic interludes below.
The trapdoor was suggested by Alekseev-Iakovlev, who showed
Mayakovsky the model of a balagan [Jahrmarktsbühnen] hell-mouth when
he was first planning Mystery-Bouffe. (12)
2
Unser Erdplanet erweist / den
Lustbarkeiten / wenig Gunst. Jede Freude / muss / dem Kommenden /
entrissen werden. Sterben / ist hienieden / keine Kunst. Schwerer ists: / das Leben baun auf
Erden.
aus: An Sergei Jessenin (1926) (2)
Als sich Majakowski und
Meyerhold zehn Jahre später erneut zusammentaten, sah die Welt sehr
viel anders aus. Ein Jahr zuvor war die Vereinigte Opposition, in der sich die Anhänger Trotzkis mit denen Sinowjews & Kamenews zusammengetan hatte, zerschlagen worden. Viele der engsten Mitstreiter Lenins befanden sich bereits in der sibirischen Verbannung. Auch die letzten Überbleibsel der Arbeiterdemokratie – sowohl innerhalb wie außerhalb der bolschewistischen Partei – waren schon seit langem verschwunden. Aus dem revolutionären Regime war ein bürokratisches Monstrum geworden, an dessen Spitze Stalin sich darauf vorbereitete, endgültig zum unbestrittenen Alleinherrscher über die Sowjetunion zu werden.
Weder Meyerhold noch Majakowski verfügte über ein klares Verständnis der politischen Mechanismen, die zur bürokratischen Entartung des Sowjetregimes geführt hatten. Doch beiden war der Gang der Dinge instinktiv zuwider. Majakowski lag schon seit langem in Fehde mit der RAPP (Russische Vereinigung Proletarischer Schriftsteller), die mit Rückendeckung der stalinistischen Führung bemüht war, die sowjetische Literatur ihrem Diktat zu unterwerfen und in ein simples Propagandawerkzeug im Dienste der herrschenden Clique zu verwandeln. Wie Trotzki später in seinem Nachruf auf den Dichter schreiben würde:
Mayakovsky could not help being
repelled by the pseudorevolutionary officialdom, even though he was
not able to understand it theoretically and therefore could not find
the way to overcome it. The poet rightfully speaks of himself as "one
who is not for hire." For a long time he furiously opposed
entering Averbach' s administrative collective of so-called
proletarian literature. From this came his repeated attempts to
create, under the banner of L E F [Linke Kunstfront], an order of frenzied crusaders
for proletarian revolution who would serve it out of conscience
rather than fear. (13)
Im Sommer 1928 trat Majakowski demoralisiert aus der LEF aus, aber noch war sein Kampfgeist nicht völlig erloschen. Seine letzten beiden größeren Werke – die Theaterstücke Die Wanze und Das Schwitzbad – geben beredten Ausdruck von seiner Verachtung für die Kaste der Apparatschiks.
Die Wanze ist meiner Ansicht nach das deutlich schwächere Stück.
Die Geschichte des "früheren Arbeiters, früheren Parteimitglieds" Iwan Prisypkin (Iwan Bratfisch), der die Tochter eines Friseurs und NEP-Manns (14) heiratet, nach einer verunglückten Hochzeitsfeier von der Feuerwehr eingefroren und Jahrzehnte später in der kommunistischen Zukunft wiederauferweckt wird, um schließlich zusammen mit einer gleichfalls reanimierten Wanze im Zoo zu landen, besitzt zwar ihre Momente. So etwa, wenn Iwan und sein Kumpel und Speichellecker Trombon die begeisterte Hinwendung zu einer kleinbürgerlichen Lebensweise in "kommunistischen" Phrasen als kulturellen Aufstieg der siegreichen werktätigen Klasse feiern. Auch ist das Bild, das das Stück von der Zukunft zeichnet, eine gelungene Parodie auf die antiseptischen Visionen einer gänzlich leidenschaftslosen, "vernünftigen" und antiindividualistischen Welt, wie sie sich nicht nur H.G. Wells, sondern auch viele Sowjetkünstler erträumten. Einer der Gründe für Iwans Wiederbelebung ist es gar, dass die Zukunftskommune glaubt, "dass das Leben jedes Arbeiters bis zum letzten Augenblick nutzbar gemacht werden" müsse!
Dennoch mangelt es dem Stück an Schärfe. Es wirkt beinah so, als wisse Majakowski noch nicht so recht, gegen wen es die Klinge zu zücken gilt.
Dafür wurde das Werk anders als sein Nachfolger von Dimitri Schostakowitsch mit Musik versehen!
Das Schwitzbad, das Majakowski zwischen Juli und September 1929 schrieb, und bei dessen Moskauer Uraufführung im März 1930 erneut Meyerhold die Regie führte, stellt eine sehr viel direktere und treffsicherere Attacke auf die Bürokratie dar.
Der junge Erfinder Tschudakow (Seltsamkow) hat eine Zeitmaschine entwickelt, doch alle Bemühungen seines enthusiastischen Freundes Welosipedkin (Fahrradkin), staatliche Unterstützung für das Projekt zu erhalten, werden schon im Vorzimmer des verantwortlichen Genossen Pobedonosikow (Triumphanschikow) gestoppt: "Man hat überprüft, man hat beschlossen: Ablehnen. Ihre Erfindung ist im Perspekivplan für das nächste Quartal nicht vorgesehen." Der Chef der "Hauptverwaltung für Koordinierung und Kompromisswirtschaft" (Haukooko) selbst ist nicht zu sprechen, da er gerade für ein neues Monumental-Porträt Modell stehen, eine aus sinnlosen Phrasen zusammengestoppelte Rede diktieren und nebenbei auch noch seine Beziehungen spielen lassen muss, um einen kleinen "Arbeitsurlaub" auf der Krim organisiert zu bekommen..
Mit der Hilfe von Pobedonosikows Frau Polja, die in den Augen ihres Mannes nur noch eine unangenehme Altlast darstellt, von der er sich bald möglichst zu befreien gedenkt, sowie des pfiffigen, aber nicht gerade vorbildlichen Buchhalters Notschkin (Dunkelmanko) gelingt es Tschudakow und seinen Freunden schließlich doch, die Zeitmaschine zu starten und ein erstes Tor zur Zukunft zu öffnen, durch das die Phosphoreszierende Frau als Abgesandte der künftigen klassenlosen Gesellschaft die sowjetische Gegenwart betritt. Ihr Auftrag: Eine Delegation würdiger Vertreter der Vergangenheit in ihre Welt mitzunehmen.
Da sie über ein offizielles Mandt verfügt, ist selbst Pobedonosikow genötigt, ihr behilflich zu sein. Gefallen tut ihm das freilich nicht, schließlich scheint der kauzige Tschudakow plötzlich wichtiger zu sein als er, der einflussreiche Funktionär, und zu allem Überfluss ist dieser Besucher aus der Zukunft auch noch eine Frau!
Sieh mal an, irgendein Seltsamkow nutzt aus, dass er irgendein Zeitapparätchen erfunden hat und früher als ich mit disem Weib bekannt wurde, mit dieser Antwort-Frau. Ich bin überhaupt noch nicht überzeugt, ob hier nicht einfach Sittenverfall vorliegt und überhaupt Beziehungen der bekannten Art. Geschlecht und Charakter! Jawohl! Ja!
Dennoch ist er selbstverständlich überzeugt davon, als Mitglied der Delegation ausgewählt zu werden.
Derweil sieht sich die Phosphoreszierende Frau mit einigen ihr völlig unverständlichen Eigenarten der Vergangenheit konfrontiert. Warum nennt Polja Pobedonosikow ihren "Mann", obwohl die beiden absolut nichts verbindet? Warum hat das "Schminken der Lippen" zur Entlassung einer Stenotypistin geführt? – "Wen geht das denn an? Wenn sie irgendwen anderes geschminkt hätten ..." – Und was hat es mit Pobedonosikows Begeisterung für "Papiere" auf sich? – "'Bei Ihnen drüben geht wahrscheinlich die Zirkulation der Papierchen glatt, Fließband, he?''Ich weiß nicht, wovon Sie reden, aber das Papier für die Zeitungen kommt natürlich glatt in die Maschinen.'"
Als es schließlich soweit ist, nimmt die Zeitmaschine Tschudakow, Welosipedkin und ihre Freunde, Polja, die Stenotypistin sowie Notschkin, der sich gerade noch vor einem ihn verfolgenden Milizionär (Polizisten) retten kann, mit in die kommunistische Zukunft. Zurück bleiben der empörte Pobedonosikow und seine Baggage von Bürokraten und Speichelleckern:
Und Sie – und Sie – und der Autor – was wollen Sie damit sagen? Etwa, dass solche wie ich im Kommunismus nicht gebraucht werden?
Die amüsanteste Seite von Das Schwitzbad sind ohne Zweifel all die von absurden, pseudosozialistischen Phrasen angefüllten Reden der Bürokraten, mit denen diese ihre Unätigkeit, ihren Opportunismus, ihre Gier und Eitelkeit, ihre Katzbuckeleien vor den Mächtigeren und ihre Brutalität gegenüber den Schwächeren ummänteln.
Interessant ist dabei auch, wie oft wir dabei Frauen als Opfer dieser dumpfen Apparatschiks erleben. Das Schicksal Poljas ähnelt dem vieler realer Ehefrauen von Sowjetfunktionären, die von ihren karrieremachenden Männern fallen gelassen und dabei auch noch als "rückständige Kleinbürgerinnen" diffamiert wurden. Ebenso dürften die Probleme, mit denen die Stenotypistin zu kämpfen hat, vielen weiblichen Sowjetangestellten nur zu bekannt gewesen sein: Um überhaupt einen Job zu bekommen, muss sie sich "hübsch machen", doch dieses Zeichen "bourgeoisen Sittenverfalls" kann jederzeit gegen sie verwendet werden, wenn die mächtigen Männer genug von ihr haben und ihr "Sekretariat" wie Pobedonosikow "mit jungen Komsomolzinnen klassenmäßig aufzufrischen" wünschen. Nicht zufällig macht Majakowski aus der Abgesandten der kommunistischen Zukunft eine Frau.
Zwischen den zweiten und vierten Akt ist außerdem eine Szene eingeschoben, in der der Darsteller von Pobedonosikow als "realer" Bürokrat auftritt und lauthals Beschwerde beim Regisseur einlegt:
Zu dick ist das alles, das Leben ist nicht so ... Nun, sagen wir dieser Triumphanschikow. Das ist doch peinlich. Dargestellt wird doch offenbar ein verantwortlicher Genosse, und irgendwie setzen Sie ihn in ein solches Licht und nennen ihn noch Haukooko. Solche Menschen gibt es bei uns nicht – das ist unnatürlich, lebensfremd, unähnlich! Das muss man umarbeiten: mildern, poetisieren, abrunden ...
Überhaupt solle man doch lieber Erhebendes und Positives auf die Bühne bringen! Also wird rasch ein typisches, "allegorisches" Zirkus-Agit-Spektakel improvisiert, wie es für die frühen Jahre der Revolution typisch war, wobei die Schauspieler & Schauspielerinnen in Rollen wie "das geknechtete Proletariat", "das Kapital", "Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit", die "Armee der Arbeit" usw. schlüpfen. Das Ganze endet beinah in einer Katastrophe, als Welosipedkin wütend auf die Bühne gestürmt kommt, da er den "echten" Pobedonosikow für den "Bühnen" - Pobedonosikow hält. (15)
Es verwundert nicht, dass das Schwitzbad von der offiziellen sowjetischen Theaterkritik alles andere als freundlich aufgenommen wurde. Majakowski war einen Monat vor der Moskauer Premiere der RAPP beigetreten, aber auch diese öffentliche Kapitulation bewahrte ihn nicht vor immer heftigeren Attacken durch die stalinistischen Schreiberlinge. Bei einer Lesung am 9. April 1930 wurde er von einem studentischen Publikum als "elitärer Dichterling", dessen "obskure Verse" für das Proletariat ohne Wert seien niedergebrüllt.
Fünf Tage später schoss sich Wladimir Majakowski eine Kugel durchs Herz. Während der Trauerfeier sagte ein Vertreter der RAPP zu Lilja Brik: "Ich verstehe nicht, warum so viel Wind gemacht wird um
den Selbstmord irgendeines Intellektuellen." (16)
Nachtrag: Wsewolod Meyerhold wurde am 2. Februar 1940, nach einem halben Jahr Gefängnishaft und Folter, von einem Erschießungskommando als "Spion" und "Verräter" hingerichtet.
(1) Leo Trotzki: Der Futurismus. In:
Ders.: Literatur und Revolution. S. 125.
(2) Wladimir Majakowski: Werke. Erster
Band: Gedichte.S. 56; 225. Nachdichtung von Hugo Huppert.
(3) Vgl. meine alte dreiteilige
Blogserie über den russischen Symbolismus, hier, hier &
hier.
(4) In: Wladimir Majakowski: Ich. Ein
Selbstbildnis. S.66.
(5) Hubertus Gassner: The
Constructivists: Modernism on the Way to Modernization. In: The Great
Utopia: The Russian and Soviet Avant-Garde, 1915-1932. S. 302.
(6) Tscheka = "Tschreswytschainaja
komissija po borbe s kontrrewoljuziej, spekuljaziej i sabotaschem"
/ "Außerordentliche Kommision zur Bekämpfung von
Konterrevolution, Spekulation und Sabotage". Das von dem
polnischen Revolutionär Felix Dserschinski angeführte Instrument
des Roten Terrors. Aus ihr ging später die geheime Staatspolizei GPU
/ NKWD / KGB hervor.
(7) Die weitverbreitete Vorstellung,
der russische Film habe erst in der Sowjetära so richtig begonnen,
ist irrig. Allerdings endeten viele der talentiertesten Vertreter des
vorrevolutionären Kinos in der Pariser Emigration. Die revolutionäre
Bedeutung von Künstlern wie Sergei Eisenstein, Wsewold Pudowkin,
Dsiga Wertow oder Olga Preobraschenskaja soll damit nicht in Frage
gestellt werden.
(8) Wladimir Majakowski: Liebesbriefe
an Lilja. S. 16. Ja, ich weiß, das ganze "Musen"-Konzept
ist extrem fragwürdig, aber damit will ich mich jetzt nicht
auseinandersetzen, ebensowenig wie mit der äußerst kontrovers
geführten Debatte um Lilja Briks Einfluss auf Majakowskis Leben.
(9) Zit. nach: Geleitwort zu: Wladimir
Majakowski: Mysterium buffo und andere Stücke. S. 268.
(10) Lilja Brik: Schreib Verse für
mich. Erinnerungen an Majakowski. S. 58.
(11) Wladimir Majakowski: Mysterium
buffo und andere Stücke.S. 60f.; 113f.
(12) James von Geldern: Bolshevik
Festivals, 1917-1920. S. 68f.
(13) Leon Trotsky: The Suicide of Vladimir Mayakovsky. In: Ders.: On Literature and Art. S. 177. Der Kritiker Leo Averbach war der Führer der RAPP.
(14) NEP-Mann: Neureicher Kapitalist während der Ära der Neuen Ökonomischen Politik.
(15) Wladimir Majakowski: Schwitzbad. Drama in sechs Akten mit Zirkus und Feuerwerk. Übersetzung und Nachdichtung von Rainer Kirsch.
(16) Lilja Brik: Schreib Verse für
mich. Erinnerungen an Majakowski. S. 139.
Halloween hat eine lange Geschichte. Wenn auch keine so lange, wie manche glauben. Wer sich für die Details interessiert, dem sei ein Besuch von Mr. Jim Moons phantastischer und epischer Podcast-Reihe The Origins of Halloween (1 * 2 * 3 * 4 * 5) empfohlen.
Hierzulande freilich ist das hohe Fest der Gespenster und Hexen eine relativ neue Ergänzung zum Festtagskalender und hat sich auch heute noch keineswegs allgemein durchgesetzt. Zwar sind mir diesmal auch in meinem kleinen Odenwalddorf mehr Jack O'Lanterns in den Vorgärten aufgefallen, aber als ich vor einem Jahr abends von der Arbeit nach Hause spazierte, war ich schon glücklich, wenigstens drei kleinen Hexen auf Rundgang zu begegnen.
Die "offizielle" Version der Verbreitung von Halloween in Deutschland beginnt im Frühjahr 1991.
Der Ausbruch des Golfkriegs hatte dazu geführt, dass die traditionelle Karnevals-Saison mehr oder weniger ausgefallen war. Eine Reaktion, die man sich heute – in unserer Ära der permanenten Kriege– kaum mehr richtig vorstellen kann. Aber es waren eben andere Zeiten. Trotz vereinzelter Militärinterventionen in den 80er Jahren (Libanon, Grenada, Panama) hatte sich die US-Mordmaschinerie seit ihrer demütigenden Niederlage in Vietnam eher zurückgehalten. Nun trat sie erstmals wieder mit voller Macht in Aktion.
Wie dem auch sei, jedenfalls versaute das Gemetzel am Persischen Golf der deutschen Karnevals-Branche das Geschäft:
Weil im Irak Bomben fielen,
hatte in Deutschland niemand Lust auf ein fröhliches Fest, und so wurden
die Rosenmontagszüge abgesagt. Für die Unternehmer war das ein großes
Problem: Die Clownskostüme und Masken, mit denen sie Geld verdienen,
wollte nun natürlich niemand mehr haben.[...] Alle, die
normalerweise mit Karnevalsartikeln Geld verdienten, machten sich nun
Sorgen um die Zukunft, es gab ein großes Krisentreffen: Was würde sein,
wenn wieder einmal ein Krieg oder eine andere Katastrophe den Leuten die
Lust auf den Fasching verderben würde? Womit könnte man sonst noch Geld
verdienen?
Man verfiel auf die Idee, mit Halloween ein zweites Standbein für die Industrie zu etablieren. Unter der Leitung von Dieter Tschorn vom Deutschen Verband der Spielwarenindustrie (DVSI) wurde eine konzentrierte Medienkampagne gestartet, um das Fest in Deutschland populär zu machen.
Keine sehr hübsche Geschichte, ich weiß. Aber selbst wenn zynische Geschäftemacherei einen wichtigen Beitrag dazu geleistet haben sollte, die Herrschaft von König Jack O'Lantern auf deutsche Gefilde auszuweiten, dämpft das doch in keiner Weise meine Liebe für das Fest. Ich habe diesen kleinen historischen Exkurs auch nur deshalb unternommen, um zu illustrieren, warum Halloween kein fester Bestandteil meiner eigenen Kindheit war – und es wohl auch gar nicht sein konnte.
Ich habe vage Erinnerungen daran, als Kind das berühmte Halloween-Special der Peanuts –It's the Great Pumpkin, Charlie Brown (1966) – gesehen zu haben, aber die Gestalt des Großen Kürbis, dessen mitternächtliches Erscheinen über dem Kürbisfeld Linus so vertrauensvoll erwartet, war für mich mit keinen mir vertrauten Traditionen verknüpft und hat sich mir wohl gerade deshalb als eine eigentümliche Skurrilität besonders stark ins Gedächtnis eingeprägt.
Nicht viel besser sah es während der einzigen "Gamer" - Phase meines Lebens aus, als ich Mitte der 80er am C64 Cauldronzockte – ein Spiel, das mir sehr gut gefiel, dessen Hexen und Kürbisse aber gleichfalls keine Assoziationen mit mir bekannten Festgebräuchen in mir wachriefen. Glaube ich zumindest ...
Vielleicht war ich ja in dieser Hinsicht besonders ungebildet, aber eine weitere kleine Anekdote sollte – denke ich – sehr schön zeigen, wie unbekannt Halloween weiland in diesen Landen war.
Wenn meine Erinnerung mir nicht einen besonders dreisten Streich spielt, gibt es eine Episode der Munsters, in der Herman, Lily & Anhang für Leute in Halloween-Verkleidung gehalten werden. {Ich glaube, es ist Family Portrait}. In der deutschen Synchronisation wird der Name des Festes durch Fasching ersetzt. Man ging offensichtlich davon aus, dass sich das Fernsehpublikum der 60er Jahre unter Halloween nichts vorstellen konnte. Und auch wenn der Ersatz nicht wirklich funktioniert – Frankenstein-Monster und Vampir-Ladies waren glaub' ich nie beliebte deutsche Karnevalskostüme – erschien das den Verantwortlichen wohl immer noch als die bessere Wahl.
Doch auch wenn ich mit dem eigentlichen Charakter Halloweens und mit seiner Ikonographie lange Zeit nicht vertraut war, war mir die Existenz des Festes doch schon seit frühester Kindheit bekannt. Das klingt jetzt etwas verwirrend? – Lasst mich erklären!
Ich bin in unmittelbarer Nachbarschaft zur Burg Frankenstein bei Darmstadt/Eberstadt aufgewachsen. Und dort begannen in den 70ern die GIs der nahegelegenen Kasernen {und wohl auch ihre Familien} alljährlich Halloween zu feiern. Ursprünglich muss das ein ziemlich wüstes Treiben gewesen sein. Jedenfalls machten unter uns Kindern Geschichten von makabren Späßen wie abgeschlagenen Schweinsköpfen, die man zur Belustigung der Feiernden durch den nächtlichen Wald rollen ließ, die Runde. Etwas später war gar davon die Rede, dass jemand dort oben an einem Herzinfarkt gestorben sei, weswegen man den Charakter der Festivitäten etwas entschärft habe. Wieviel davon ins Reich der "urbanen Mythen" gehört, sei dahingestellt.
Dass sich die GIs für ihre Party ausgerechnet die alte Burgruine aussuchten, war aufgrund der verführerischen Namensverwandtschaft zum guten Dr. Victor nicht verwunderlich. Doch sollte dasselbe Jahrzehnt die Geburt einerfrustrierend zählebigen fixen Idee erleben, derzufolge das Gemäuer allen Ernstes die Inspirationsquelle für Mary Shelleys epochales Werk gewesen sei. Verantwortlich dafür war niemand anderes als Radu Florescu– der Mann, der zuvor bereits die ebenso irrige Vorstellung in die Welt gesetzt hatte, dass Bram Stokers Dracula mit Vlad Tepes identisch bzw. von der Gestalt des walachischen Woiwoden inspiriert gewesen sei.In seinem Buch In Search of Frankenstein stellte Florescu die durch nichts zu belegende These auf, dass Shelley während ihrer Rheinreise von 1814 die Burg besucht und dabei Geschichten über den dort geborenen Alchimisten Johann Konrad Dippel (1673-1734) gehört habe, was der Anstoß für ihren Modern Prometheus gewesen sei. Mitte der 90er griff der selbsternannte "Burgschreiber" Walter Scheele diese Idee wieder auf und spann sie weiter, wobei er sich auf allerlei nicht auffindbare "Dokumente", verborgen gehaltene "Tagebücher" und ähnlichen Humbug berief. Eine ausführliche Darlegung der ganzen bizarren Geschichte kann man sich hier durchlesen.
Die Halloween-Feiern auf der Burg, die für mich als Kind von einem mysteriös-morbiden Zauber umgeben waren, haben sich inzwischen zu einem gewaltigen Spektakel weiterentwickelt. Ein weiteres Zeichen für den Wandel der Zeiten.
Wie dem auch sei, ich wünsch euch allen da draußen jedenfalls ein hübsch-gruseliges Halloween!
Lassen wir das Ganze nun ausklingen mit This is Halloween aus The Nightmare Before Christmas (1993) – Produkt jener wunderbaren Zeit, als Tim Burtons Exzentrizitäten ihren Charme noch nicht verloren hatten.