"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 16. April 2016

Strandgut der Woche

Mittwoch, 13. April 2016

Der Tod eines Mythos?

Momentan spricht alles dafür, dass es Disney Studios gelungen ist, das Star Wars - Franchise neu zu starten und das Fundament für ein zweites "cineastisches Universum" zu legen, das ähnlich profitabel zu werden verspricht wie ihre Marvel - Reihe. 
Mit einem Einspielergebnis von $933,662,528 ist The Force Awakens – zumindest nominell – der bis heute finanziell erfolgreichste Film auf dem nordamerikanischen Kinomarkt und muss sich auch in Hinblick auf die weltweiten Einnahmen nur Avatar und Titanic geschlagen geben. Zieht man Inflation etc. mit in Betracht, sieht das Ergebnis zwar etwas anders aus, aber ein gewaltiger kommerzieller Erfolg ist der Streifen auf jedenfall. Und mit einem Rating von 92% auf Rotten Tomatoes genießt er offenbar auch die Gunst der überwältigenden Mehrheit der Kritiker & Kritikerinnen.
Die Animations-Serie Star Wars Rebels scheint sich gleichfalls großer Beliebtheit zu erfreuen. 
{Was ich von ihr gesehen habe, schaut wirklich nicht so übel aus. Und das kommt vom einen erklärten Verächter der Clone Wars! Etwas irritieren tut mich allerdings, dass ich im Zusammenhang mit Rebels schon mehr als einmal auf die Formulierung gestoßen bin, die Serie sei eine Art "Kombination aus Star Wars und Firefly". Ich weiß ja, was ihr damit ausdrücken wollt, aber mich nervt allmählich diese ganze Joss Whedon - Mythos - Pflege! Firefly [2002/03] war nicht die erste SciFi - Serie, die eine konfliktreiche Crew von Misfits auf Weltraumabenteuer geschickt hätte. Ich erinnere bloß an Farscape [1999-2003], aber im Grunde könnte man bis zu Blake's 7 [1978-81] zurückgehen.}
Und der kürzlich veröffentlichte erste Teaser-Trailer für Rogue One scheint ebenfalls dafür zu sprechen, dass die Verantwortlichen bei Disney / Lucasfilm verstanden haben, wie man ein neues Star Wars - Franchise aufzuziehen hat. "This is a rebellion, isn't it?"

Dennoch kam mir vor ein paar Tagen der Gedanke, ob wir nicht vielleicht gerade dabei sind, dem Untergang des Star Wars - Mythos beizuwohnen.

Was mich auf diese, auf den ersten Blick möglicherweise etwas verrückt klingende Idee brachte, waren die Tweets einer zwanzigjährigen SciFi- und Filmfreundin, über die ich zufällig gestolpert war. Der erste lautete: "Muss ich alle Star Wars Filme gucken um The Force Awakens zu verstehen?" Dem folgte einige Tage später: "Entschluss gefasst. Ich werde mir Star Wars Episode IV-VI antun bevor ich Force Awakens schaue." Offenbar fand sie Star Wars aka A New Hope eher langweilig.
Obwohl ich kein leidenschaftlicher Star Wars - Fan bin, hatte ich für einen kurzen Moment doch das peinliche Gefühl, mich in einen grantelnden alten Sack zu verwandeln, der sich über die ach so respektlose Jugend von heute ereifert: Ob zum Guten oder zum Schlechten – George Lucas' Original ist einer der einflussreichsten SciFi-Filme aller Zeiten! Er hat besseres verdient, als zum belächelten Vorfahr eines gerade hippen Blockbusters degradiert zu werden, dessen Script zu einem Gutteil Lucas' alte Story recyelt!
Doch meine Empörung hielt glücklicherweise nicht all zu lang an, und stattdessen begannen meine Gedanken in folgende Richtung zu wandern: Auch wenn die Verfasserin dieser Tweets nicht repräsentativ für die Film- und SciFi - Fans ihrer Generation sein mag, ist es doch nicht unwahrscheinlich, dass eine wachsende Anzahl von Leuten bei Star Wars in Zukunft weniger an Lucas' Trilogie {die Prequels wollen wir ganz wie J.J. Abrams gnädig ignorieren} als vielmehr an die von Disney produzierten Filme und Serien denken werden.  

Und in gewisser Hinsicht wäre das vielleicht gar nicht einmal so schlecht. Damit würde Star Wars endlich seine "mythische" Aura verlieren und zu einem SciFi - Franchise unter vielen werden. Niemand würde mehr die verrückte Behaptung aufstellen wollen, die Sternenkrieger-Saga sei das moderne Äquivalent zu Beowulf, dem Gilgamesch - Epos oder der Ilias. Denn wie kompetent gemacht und sympathisch die neuen Filme auch sein werden, es kann kein Zweifel daran bestehen, dass sie nie einen ähnlichen Status wie die ursprüngliche Trilogie erreichen werden. Ganz gleich wie kommerziell erfolgreich sie sind, ihr Einfluss auf den SciFi-Film und die Populärkultur im Allgemeinen wird garantiert nie so groß sein, wie der ihrer Vorgänger. Und so wird das Ende des Star Wars - Kultes ironischerweise vielleicht nicht durch dessen kritische oder künstlerische Dekonstruktion herbeigeführt werden, sondern durch eine Art Reboot des Franchises im Rahmen des zeitgenössischen Blockbuster-Kinos mit seinen "cineastischen Universen" und studioeigenen Fünf-Jahres-Plänen. Was ich irgendwie amüsant finde.

Sonntag, 10. April 2016

Trio Pupillo

Wie ich in der Vergangenheit im Zusammenhang mit Mario Bavas Filmen I tre volti della paura / Black Sabbath (1963) und Terrore nello spazio / Planet of the Vampires (1965) schon einmal erwähnt habe, begann Amerikas führende B-Movie-Schmiede der Zeit AIP (American International Pictures) in den frühen 60er Jahren damit, direkt in den italienischen Genrefilm zu investieren.
Doch James H. Nicholson und Samuel Z. Arkoff waren beileibe nicht die einzigen amerikanischen Filmproduzenten, die in einer Kooperation mit Italiens Grindhouse-Studios profitable Chancen witterten. Eine ganze Reihe ihrer kleineren Konkurrenten begannen gleichfalls ihre Fühler in diese Richtung auszustrecken. Zu den dabei zustandegekommenen amerikanisch-italienischen Koproduktionen gehörten auch mindestens zwei der drei Horrorfilme von Massimo Pupillo: 5 tombe per un medium / Terror-Creatures From The Grave, Il boia scarlatto / Bloody Pit of Horror und La Vendetta di Lady Morgan / Lady Morgan's Vengeance, die allesamt 1965 in die Kinos gelangten.

Ich habe leider nicht gar zu viele Informationen über den 1929 zur Welt gekommenen Massimo Pupillo finden können. Die deutsche Wikipedia behauptet, dass er während des 2. Weltkriegs als Partisan in den Reihen der französischen Resistance gekämpft habe, und in Louis Pauls Italian Horror Film Directors kann man erfahren: "[He] started his film career as an assistant to the French director Marcel Pagnol on La Femme du Boulanger (1938)."* Das würde zeitlich ganz gut zusammenpassen. Nach dem Ende des Krieges und seiner Rückkehr nach Italien, machte sich Pupillo in den 50er Jahren offenbar einen Namen mit Kurz- und Dokumentarfilmen. Finanziell besonders einträglich kann diese Arbeit allerdings nicht gewesen sein, andernfalls hätte er sich wohl nicht Mitte der 60er in die Halbwelt des Grindhouse - Kinos begeben, wobei er sich das Pseudonym "Max Hunter" zulegte. Bei 5 tombe per un medium überließ er den Regisseurs-Part in den Credits sogar gleich dem Produzenten Ralph Zucker, denn er "didn't care about the film". Ab den 70er Jahren arbeitete Pupillo offenbar hauptsächlich fürs Fernsehen.

Beginnen wir mit dem wahrscheinlich bekanntesten der drei Filme: Il boia scarlatto aka Bloody Pit of Horror aka The Crimson Executioner aka Some Virgins for the Hangman aka Das Schreckensschloss des scharlachroten Henkers aka aka aka ...


Seine relative Bekanntheit verdankt dieser Flick freilich nicht seiner Qualität. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Niemand wird leugnen können, dass Bloody Pit of Horror ein unterirdisch mieses Machwerk ist. Doch gerade deshalb genießt der Streifen unter Fans von absurdem Exploitation-Schlock Kultstatus. Was durchaus nachvollziehbar ist, enthält er doch in der Tat einige Szenen, die man gesehen haben muss, um an ihre Existenz glauben zu können.

Versuchen wir kurz das zusammenzufassen, was sich dreisterweise als Plot auszugeben versucht: Der schleimige Verleger [?] Daniel (Alfredo Rizzo) und seine aus dem Ex-Journalisten und Horror-Autor Rick (Walter Bigari), Sekretärin [?] Edith (Luisa Baratto), Fotograf Dermott (Ralph Zucker) und fünf sexy Models bestehende Entourage (ich glaub', da war noch wer, aber was soll's ...) verschaffen sich auf widerrechtliche Weise Zugang zu einem scheinbar verlassenen Schloss, um dort ein paar kinky Coverbilder für Ricks neuesten Reißer zu schießen. Doch die Burg erweist sich als gar nicht so unbewohnt, wie es den Anschein hatte. Vielmehr handelt es sich bei ihr um das Refugium von Muskelmann Travis (Mickey Hargitay), der der verdorbenen Welt den Rücken gekehrt hat, um sich ungestört an der Perfektion seines Körpers erfreuen zu können. Als er in Edith seine Ex wiedererkennt, erlaubt er der Truppe dennoch, ihre Bilder zu knipsen. Leider jedoch führt das "sündige" Treiben den guten Travis schon bald dazu, den letzten Überresten an geistiger Gesundheit Ade zu sagen und die Identität des "Crimson Executioner" anzunehmen, eines sadistischen Massenmörders, der einst der Herr dieses Schlosses war. Und damit beginnt ein munterer Reigen aus perfiden Morden und ausgeklügelten Folterorgien.

Der Film behauptet ganz frech, auf irgendwelchen unspezifizierten Werken de Sades zu basieren, was selbstverständlich absoluter Humbug ist. Und ich glaube, selbst wenn die Folterszenen ein bisschen realistischer rüberkommen würden, wären sie für den Geschmack des Göttlichen Marquis immer noch viel zu zahm gewesen. Schon ein-zwei Seiten von Juliette, Justine oder den 120 Tagen von Sodom beglücken einen mit deutlich mehr abstrusen Perversitäten als die ganzen 87 Minuten von Bloody Pit of Horror. Keine Ahnung, ob das jetzt für oder gegen den Flick spricht, auf jedenfall liegt sein möglicher Reiz nicht im Fetischistischen, sondern im Absurden. Und in dieser Hinsicht hat er einige echte Leckerbissen zu bieten. 

Da wäre zum einen die großartige "Spinnennetz"-Szene, in der wir miterleben dürfen, wie eine der jungen Frauen an ein künstliches Spinnennetz gefessselt hilflos zusehen muss, wie eine äußerst putzig anzuschauende [mechanische?] Riesenspinne langsam auf sie zugewackelt kommt, um sie mit ihrem giftigen Biss ins Jenseits zu befördern. Der gesamte Raum ist außerdem mit einem Geflecht aus Drähten durchzogen, die bei der kleinsten Berührung an den Wänden angebrachte Armbrüste abfeuern, weshalb Held Rick gezwungen ist, im Schneckentempo über den Boden zu robben, wenn er die Damsel in Distress befreien will.
Und dann ist da natürlich Travis' große Rede, in der er sich Edith gegenüber als der wiederauferstandene "Crimson Executioner" zu erkennen gibt. "I was forced to retreat to this castle. Mankind is made up of inferior creatures, spiritually and physically deformed, who would have corrupted the harmony of my perfect body." Jeder Film, der eine solche Dialogzeile enthält, verdient eine gewisse Form von Respekt! Erst recht, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Muskelmann dabei zugleich liebevoll seinen Oberkörper einölt. Überhaupt ist der Ex-Akrobat, Bodybuilder und Ex-Gatte von Jayne Mansfield Mickey Hargitay das echte Highlight des Streifens. Jeder Fan trashiger Filme wird seiner gnadenlos überzogenen Darbietung begeisterten Beifall spenden. Auch wenn die Folterungen selbst nicht wirklich spannend sind, der manisch in seiner Folterkammer herumtollende Travis ist eine echte Augenweide.
Als kleine Kuriosität am Rande sei außerdem noch eine kurze Szene mit einer Wendeltreppe erwähnt, bei der ich augenblicklich an die entsprechende Szene aus Mario Bavas ein Jahr später in die Kinos gelangtem Meisterwerk Operazione paura / Kill, Baby, Kill denken musste. Bizarr ...

Soweit klingt das alles recht nett, nicht wahr? Doch leider bin ich gezwungen, meine Kurzbesprechung auf einer warnenden Note ausklingen zu lassen. Bloody Pit of Horror besitzt ein großes Manko, das er mit so manchem anderen Trash-Kultfilm teilt. Neben seinen grandios absurden Höhepunkten enthält er leider auch mehr als genug unerträglich zähe und langweilige Passagen, die durchzustehen einiges an Geduld und Nervenkraft erfordert. Wir reden gerne von "so bad it's good" - Filmen, doch wenn wir ehrlich sind, findet sich in den meisten von diesen immer noch sehr vieles, was nicht "good bad", sondern "bad bad" ist.

Gewisse Probleme mit dem Pacing hatte ich auch bei 5 tombe per un medium aka Terror-Creatures From The Grave. Davon abgesehen gibt es jedoch kaum etwas, was die beiden Filme gemeinsam hätten.  
Na ja, eins vielleicht doch: Wenn Bloody Pit of Horror sich aus Werbegründen als eine De Sade - Adaption auszugeben versucht, macht Terror-Creatures From The Grave dasselbe mit Edgar Allan Poe. Ein offensichtlicher Versuch, die große Popularität des von AIP produzierten Roger Corman - Poe - Zyklus mit Vincent Price auszunutzen. Zwar kann ich nicht von mir behaupten, alle Stories des großen Meisters des Makabren gelesen zu haben, dennoch bin ich mir ziemlich sicher, das dieser Streifen so gut wie nichts mit dessen Werk zu tun hat. Eine leicht poe'esque Atmosphäre ist ihm allerdings wirklich eigen. Und als zweiter großer Pluspunkt kommt hinzu, dass eine der beiden weiblichen Hauptrollen von niemand anderem gespielt wird, als von der unsterblichen Barbara Steele.


Der Film spielt im frühen 20. Jahrhundert. Advokat Albert Kovac (Walter Brandi) begibt sich zu der abgelegenen Villa von Jeronimus Hauff, nachdem dieser in einem eigentlich an Kovac's momentan leider unabkömmlichen Kollegen Joseph Morgan (Riccardo Garrone) gerichteten Brief um die Anwesenheit eines Anwalts gebeten hat, da er sein Testament aufsetzen lassen wolle. An seinem Ziel anghekommen muss unser Held allerdings erfahren, das der gute Jeronimus bereits seit einem Jahr nicht mehr unter den Lebenden weilt. Von Hauffs Witwe Cleo (Barbara Steele) und deren Stieftochter Camille (Mirella Maravidi) erfährt er, dass der Verstorbene sich mit okkulten Experimenten beschäftigt hat, um Kontakt  mit den Toten aufzunehmen. Was auch erklärt, warum er sich einen etwas morbiden Wohnsitz aussuchte, handelt es sich bei der Villa doch um ein ehemaliges Hospital aus der Pestzeit, in dessen Umgebung man außerdem die zahlreichen Leichen der Opfer des Schwarzen Todes verscharrte. Wie nicht anders zu erwarten, genießt der Ort bei der Landbevölkerung nicht eben den besten Ruf. Nachdem sein Auto den Geist aufgegeben hat {wobei eine unschuldige Eule ihr Leben lassen muss!}, unternimmt der vorerst hier festsitzende Kovac zusammen mit dem netten Landarzt Dr. Nemek (Alfredo Rizzo) und der noch sehr viel netteren Camille einen Abstecher in das nächste Dorf. Doch spätestens nachdem die drei den Apotheker und Bürgermeister tot vorfinden, und unser Held erfährt, dass es schon zuvor zu einer Reihe merkwürdiger Todesfälle gekommen ist, durch die fast alle Zeugen von Jeronimus Hauffs Ableben das Zeitliche gesegnet haben, wird Kovac klar, dass hier sehr merkwürdige Dinge vor sich gehen. Vielleicht ist Camille doch kein Opfer von Halluzinationen, wenn sie immer wieder ihren toten Vater zu sehen glaubt? Und vielleicht waren die okkulistischen Studien des alten Hauff am Ende doch kein bloßer Hokuspokus? Sollte der Gelehrte aus dem Jenseits zurückgekehrt sein,  um an jenen Rache zu üben, die für seinen Tod verantwortlich waren?

Der Film hat einen zwiespältigen Eindruck bei mir hinterlassen.

Ohne Frage zeigt er im Unterschied zu.Bloody Pit of Horror sehr deutlich, dass Massimo Pupillo ein nicht untalentierter Filmemacher gewesen ist. Er ist passagenweise ziemlich atmosphärisch.
Recht faszinierend fand ich z.B. die Szene, in der sich Kovac des Nachts einen weiteren Abschnitt von Hauffs auf Wachswalzen** festgehaltenen Berichtes anhören will, und statt der Stimme des alten Okkultisten plötzlich die eines jungen Mädchens erklingt, das ein ebenso melancholisches wie morbides Volkslied aus der Pestzeit vorträgt. Als der sichtlich beunruhigte Kovac einen Blick aus dem Fenster wirft, erspäht er eine seltsam puppenhaft anmutende Gestalt, die am Rande des Schlossbrunnens sitzt. Er eilt hinunter, findet dort aber bloß einige im Wasser schwimmende Blumen. Im selben Augenblick sieht er ein flackerndes Licht hinter einem der Fenster der Villa. Er geht zurück ins Haus und entdeckt im Salon eine leere Blumenvase, die nur noch eine winzige Spur von Wasser enthält. Die kurz darauf zu ihm stoßende Cleo ist verwirrt. Noch am selben Morgen sei das Gefäß bis zum Rand gefüllt gewesen.
Szenen wie diese besitzen eine angenehm gespenstische Atmosphäre. Gleichfalls recht effektvoll ist z.B. das Motiv der quietschenden Karrenräder, das im Zusammenhang mit den mysteriösen Todesfällen eine wichtige Rolle spielt und zugleich mit den Ereignissen der Pestzeit (Leichenkarren) verknüpft ist. In diesen Fällen zeigt sich Pupillo als ein kompetenter und sogar recht feinfühliger Regisseur, der zudem auf geschickte Weise die Kamera zu führen versteht.
Und natürlich verleiht die bloße Präsenz von Barbara Steele dem Film eine zusätzliche Qualität. Denn auch wenn das Material, mit dem sie hier zu arbeiten gezwungen war, der großen Schauspielerin nur wenig Entfaltungsmöglichkeiten eröffnete, ist ihre bloße Ausstrahlung – jene "dry-ice sensuality", von der Kim Newman in Nightmare Movies spricht*** – so stark, dass jede Szene, in der sie auftritt, bereits dadurch ein ganz eigenes Flair erhält.

Auf der anderen Seite hatte ich das Gefühl, dass sich der Film streckenweise etwas zieht. Die ganze Kutschtour von Kovac, Camille und Dr. Nemek wirkt recht zäh, auch wenn wir dabei zugegebenermaßen einige für den Plot wichtige Informationen erhalten. Doch unglücklicherweise ist dieser Plot selbst etwas undurchsichtig. Selbst am Ende war ich mir nicht hundertprozentig sicher, wieviel von all dem mörderischen Treiben tatsächlich auf das Konto des aus dem Jenseits zurückgekehrten Jeronimus Hauff ging, und an welchen Stellen Ersatz-Igor Kurt (Luciano Pigozzi) nachgeholfen hatte.
Auch fand ich es leicht irritierend, dass die Handlung immer mal wieder mit etwas "Erotik" aufgepeppt wird.**** Man verstehe mich nicht falsch, für gewöhnlich mag ich den häufig etwas morbiden und fetischistischen Erotizismus, der viele italienische Horrorfilme auszeichnet. Doch im Falle von Terror-Creatures From The Grave passen die entsprechenden Szenen, die übrigens sehr brav gehalten sind, nicht recht zu Ton und Atmosphäre des Films. Gar zu offensichtlich besteht ihre einzige Funktion darin, das Publikum mit etwas nacktem Fleisch zu ködern.

Das große Finale, wenn die "Schreckenskreaturen" dann endlich aus ihren Gräbern geklettert kommen, um Hauffs pestilenzalische Rache über die Menschheit zu bringen, zeigt sehr schön sowohl die Stärken als auch die Schwächen des Films. Einerseits enthält es einige wirklich gute, sogar leicht surreal anmutende Momente, die sich einmal mehr durch einige recht interessante Kamerabewegungen und zudem durch den effektvollen (und symbolträchtigen) Einsatz eines Spiegels auszeichnen. Doch als Ganzes betrachtet wirkt auch diese Sequenz merkwürdig holprig. Und dass wir die "Schreckenskreaturen" {vermutlich aus Kostengründen} nie richtig zu sehen bekommen, ist gleichfalls nicht eben förderlich. Auch hätte ich mir gewünscht, dass die Story ein deutlich nihilistischeres Ende nehmen würde.

Nun, zumindest in dieser Hinsicht sollte mich La Vendetta di Lady Morgan nicht enttäuschen. Und auch sonst entpuppte sich Pupillos dritter Film als das in meinen Augen stärkste Mitglied des Trios. Auch wenn ich mit meiner Ansicht da vermutlich in der Minderheit bin.


Der in einer ähnlichen historischen Epoche wie Terror-Creatures angesiedelte Film erweist sich als eine bizarre Mixtur aus drei im Grunde sehr unterschiedlichen Geschichten.

Er beginnt als eine Art "gothic thriller". Susan (Barbara Nelli), die Nichte und Erbin des schottischen Adeligen Neville Blackhouse, hat sich unsterblich in den französischen Architekten Pierre Brissac (Michel Forain) verliebt, der die Restaurierung der Burg ihres Onkels geleitet hat. Die beiden wollen heiraten, und obwohl es sich dabei um eine Mesalliance handelt, willigt der herzensgute Sir Blackhouse, dem es einzig um das Glück seiner geliebten Nichte geht, problemlos in diese Verbindung ein. Allerdings muss Pierre erst einmal nach Paris zurückkehren, um dort irgendwelche Geschäfte zu regeln, und wird bei der Fahrt über den Kanal von einem geheimnisvollen Angreifer über Bord gestoßen. Zwar überlebt er den Mordanschlag, leidet jedoch von nun an unter Amnesie und verschwindet für die nächste dreiviertel Stunde aus dem Film.
Vom Tod ihres Geliebten überzeugt, willigt Susan schließlich ein, den schon von frühester Kindheit als ihren Gatten ausersehenen Sir Harald Morgan (Paul Muller) zu ehelichen. Sehr schnell wird klar, dass dieser zusammen mit seiner Geliebten Lilian (Erika Blanc) und dem Kammerdiener/Totschläger Roger (Gordon Mitchell) plant, sie erst in den Wahnsinn und schließlich in den Selbstmord zu treiben.
Bei einer solchen Story würde man vielleicht eine gewisse Ambiguität in der Darstellung erwarten. Ist unsere Heldin wirklich dabei, verrückt zu werden, oder ist sie das Opfer heimtückischer Manipulationen? Doch Pupillo lässt uns nicht lange im Zweifel über die wahre Natur der Geschehnisse. Und was vielleicht noch überraschender ist: Der Film hat kaum die Halbzeit überschritten, da stürzt sich Susan tatsächlich von den Zinnen der Burg in den Tod!
Im Sterben ruft sie im Geiste noch einmal nach ihrem geliebten Pierre, der dadurch von seiner Amnesie erlöst wird. Nachdem er wieder ausreichend zu Kräften gekommen ist, macht sich der Gute einige Zeit später nach Schottland auf, wo er auf ein merkwürdig verlassen wirkendes Schloss stößt, in dem die erstaunlich lebendig wirkende Susan auf ihn wartet!
Und damit beginnt die zweite Story: Die in einer Rückblende erzählte Geschichte von Lady Morgans Rache aus dem Jenseits! Der "gothic thriller" hat sich auf einmal in eine Gespenstergeschichte verwandelt!
Doch damit noch nicht genug. In den letzten zehn Minuten betritt der Film urplötzlich leicht vampirisch anmutende Gefilde. Susan hat ihre Peiniger und Mörder zwar sämtlichst auf recht perfide Weise ins Jenseits befördert, doch sind diese nicht umgehend zur Hölle gefahren, sondern haben sich ihrerseits in Gespenster verwandelt, die ihr untotes Dasein freilich nur durch regelmäßige Blutzufuhr aufrecht erhalten können. Und da der im Kerker der Burg gefangen gehaltene Neville Blackhouse in einem denkbar ungünstigen Moment das Leben aushaucht, machen sich die drei allsogleich auf die Jagd nach Pierre.

La Vendetta di Lady Morgan ist ein sehr eigenartiger kleiner Film. Doch auch wenn das schwer vorstellbar erscheinen mag, hat er auf mich sehr viel einheitlicher gewirkt als Terror-Creatures From the Grave. Selbstverständlich nicht im Hinblick auf die Story, aber in Stil und Atmosphäre. Bei allen absurden Wendungen und trotz einiger unfreiwillig komisch wirkender Szenen während der Rachesequenz hinterlässt er keinen vergleichbar holprigen Eindruck, sondern fließt angenehm gleichmäßig einher. Was angesichts des wirren Plots um so erstaunlicher ist. Dabei beweist Pupillo einmal mehr ein Gefühl für Szenerie, Bildkomposition und Kamerabewegungen. Einzelne Szenen aus Terror-Creatures mögen stärker sein, doch als Ganzes betrachtet ist La Vendetta di Lady Morgan der befriedigendere Film. Sicher kein vergessenes Juwel des Horrorkinos, aber doch ein Streifen, der eine größere Bekanntheit verdient hätte, als er momentan genießt. Bizarr und auf seltsame Weise faszinierend.

Massimo Pupillo hat über seinen Ausflug in die Gefilde des Horrorfilms später einmal erzählt:
I started in the horror genre because I wanted to get out of documentaries, I wanted to enter the commercial market. In Italy, when you do a certain type of film, you become labelled and you can't do anything else. I remember one day, a producer called me to do a horror film only because the other producers told him he had to get either Mario Bava or me. When I understood this, I felt dead.
Das macht es vielleicht verständlich, warum er nach La Vendetta di Lady Morgan dem Genre auf immer Ade sagte.

Verglichen mit den Werken eines Mario Bava (La maschera del demonio [1960]; I tre volti della paura [1963]; La frusta e il corpo [1963]; Sei donne per l'assassino [1964]) oder auch eines Riccardo Freda (L'orribile segreto del Dr. Hichcock [1962]; Lo spettro [1963]) war Pupillos Beitrag zum italienischen Horrorfilm der ersten Hälfte der 60er Jahre zweifellos eher bescheiden. Auch wenn Terror-Creatures From The Grave "one of the most popular Italian horror films of the decade abroad"***** gewesen sein soll. Ganz ohne Reiz ist das Trio Pupillo dennoch nicht.



* Louis Paul: Italian Horror Film Directors. S. 307.
** Dank Nigel Kneales & Herbert Wise' süperber TV-Adaption von Susan Hills The Woman in Black (1989) und Terror-Creatures From The Grave wird diese frühe Form der Tonaufnahme für mich nun wohl auf immer mit gespenstischen Schrecken verbunden bleiben ...
***  Kim Newman: Nightmare Movies. A Critical History of the Horror Film, 1968-88. S. 188.
**** Ich habe die italienische Fassung des Films gesehen. Die amerikanische ist in dieser Hinsicht sehr viel prüder, ersetzt dafür jedoch die Exposition durch eine Szene, in der jemand von einem Pferd zu Tode getrampelt wird. Wenn man will, könnte man aus diesem Umstand recht interessante Schlussfolgerungen über das eigenartige Verhältnis der offiziellen amerikanischen Gesellschaftsmoral zu Darstellungen von Sex bzw. Gewalt ziehen ...
***** Robert Curti:  Italian Gothic Horror Films, 1957-1969. S. 150.

Samstag, 9. April 2016

Strandgut der Woche

Samstag, 2. April 2016

Strandgut der Woche

Donnerstag, 31. März 2016

Ein Blick zurück auf Shannara

Es war das Jahr 1965, als The Lord of the Rings seinen Triumphzug auf dem amerikanischen Büchermarkt antrat. Tolkiens Werk war zwar schon seit einem Jahrzehnt in gebundener Form in den USA erhältlich gewesen, doch erst als Ace Books eine erste Taschenbuchausgabe herausbrachte, geriet die Lawine ins Rollen. Bei selbiger handelte es sich freilich um eine Art "Raubkopie", weshalb Ballantine Books rasch mit einer "autorisierten" Fassung nachlegte, die den unter der Piratenflagge operierenden Konkurrenten schon bald aus dem Feld schlug. Vor allem, da Tolkien seine inzwischen ziemlich zahlreichen Kontakte im Fandom nutzte, um das Verhalten von Ace Books anzuprangern und für die Ballantine - Ausgabe zu werben. Ace kapitulierte schließlich und erklärte sich bereit, dem Autor einen Gewinnanteil zu bezahlen und nach dem Ausverkauf ihrer Lagerbestände auf einen Nachdruck zu verzichten.
Ein Vertrag wurde unterzeichnet, und "der Krieg um Mittelerde", wie ein Journalist es getauft hatte, ging zu Ende. Doch die wichtigste Folge kam erst noch: Der Streit hatte beträchtliches Aufsehen erregt, und Tolkiens Name und die Titel seiner Bücher waren dabei in Amerika weithin bekannt geworden. Von der Ace-Ausgabe des Herrn der Ringe waren 1965 annähernd einhunderttausend Taschenbücher verkauft worden, doch diese Zahl wurde von der "autorisierten" Ausgabe, die schnell die Millionengrenze erreichte, bald überholt.*   
Es dauerte nicht lange und der "Tolkien-Kult" trieb in den Vereinigten Staaten vor allem unter Studenten immer wildere Blüten, was "den Professor" übrigens eher irritierte.

Kein Wunder, dass man bei Ballantine schon bald darüber nachdachte, wie man den Erfolg des Lord of the Rings wiederholen könnte. 1967 veröffentlichte man E.R. Eddisons The Worm Ouroboros, 1968 Mervyn Peakes Gormenghast, und 1969 schließlich begann der Verlag seine berühmte Ballantine Adult Fantasy - Serie herauszugeben. Aber auch wenn dem Lesepublikum damit eine ganze Reihe vorzüglicher Werke der Phantastik von so großen Autoren & Autorinnen wie Poul Anderson, Peter S. Beagle, William Beckford, James Branch Cabell, Joy Chant, Lord Dunsany, William Hope Hodgson, David Lindsay, H.P. Lovecraft, George MacDonald, Arthur Machen, Hope Mirrlees, William Morris, Clark Ashton Smith und Evangeline Walton (erneut) zugänglich gemacht wurden, wollte sich das Tolkien-Phänomen einfach nicht wiederholen. Die Serie blieb alles in allem ein Verlustgeschäft und wurde nach der Übernahme durch Random House 1974 eingestellt. 

Trotz des gewaltigen  Erfolgs von The Lord of the Rings gehörte die Vorherrschaft über die amerikanische Fantasy für ein gutes Jahrzehnt nicht den Erben des "Professors", sondern den Vertretern der Sword & Sorcery. 
Die ersten Bücher der post-tolkienschen Ära, die wir heute vielleicht der High Fantasy zuordnen würden, galten zu ihrer Zeit als Kinder- oder Jugendliteratur: Lloyd Alexanders Prydain - Zyklus (1964-68), Ursula K. Le Guins Earthsea - Trilogie (1968-72), und wohl auch Joy Chants bei Ballantine erschienener Roman Red Moon and Black Mountain (1970).** 
Als eines der ersten zaghaften Anzeichen für eine Veränderung dessen könnte man möglicherweise die Veröffentlichung von Patricia A. McKillips The Riddle-Master of Hed durch Atheneum Books im Jahre 1976 ansehen. Die drei Jahre später abgeschlossene Riddle Master - Trilogie stand ohne Zweifel in der tolkienschen Tradition, wurde aber nicht als Lektüre für junge Leser & Leserinnen verkauft. 
Leider jedoch war es nicht McKillips wundervoll poetische, intelligente und sogar leicht subversive Interpretation der High Fantasy, die diesem Subgenre den Weg zum Erfolg ebnen sollte, sondern eines der wohl schamlosesten Tolkien - Rip-offs, das jemals das Licht der Bücherwelt erblickt hat: Terry Brooks' The Sword of Shannara.

Als Lester del Rey Mitte der 70er Jahre im Auftrag von Random House die Leitung der Phantastik-Abteilung von Ballantine Books übernahm, war es sein erklärtes Ziel, eine Art LotR Lite zu kreieren – ein Buch, das sich eng an der tolkienschen Vorlage orientieren, dabei jedoch leicht zugänglich und "marketable" sein sollte. Den Grundstoff dafür brachte er in Gestalt von Terry Brooks' ursprünglichem Manuskript mit. Um die {leider nicht mehr im Netz abrufbaren} "Author Notes" zu zitieren: 
[I]n November of 1974 a letter arrived from Lester del Rey. Lester was about to be hired as Fantasy Editor at Ballantine and would accept the book if I was willing to do revision work, some of it extensive. 
Brooks war mehr als bereit, auf dieses Angebot einzugehen, und so machten sich Lester und Judy-Lynn del Rey daran, The Sword of Shannara in jenes maßgeschneiderte Fantasybuch zu verwandeln, das ihnen vorschwebte. Nicht nur verliehen sie der Story einen noch stromlinienförmigeren Charakter, die beiden sorgten auch dafür, dass das Design genau darauf abgestimmt wurde, dem angepeilten Zielpublikum den Eindruck zu vermitteln, eine Art zweiten Lord of the Rings angeboten zu bekommen. Dazu engagierten sie die Brüder Greg und Tim Hildebrandt. Wie Greg in einem Interview erzählt hat:
[T]he Del Reys called us because we already had a large fandom with our success with the Lord of the Rings calendars. They knew this would aid the sales of the book. They were the editors on our Lord of the Rings calendars in 1976, 1977 and 1978.
Vieles an der Veröffentlichung von The Sword of Shannara im Jahre 1977 erinnert an die Methoden, die sich zur selben Zeit mit der Entwicklung des Blockbuster - Formats in der amerikanischen Filmindustrie durchzusetzen begannen. Der Erfolg war durchschlagend. Schon im ersten Monat wurden 125.000 Exemplare verkauft, und als erstem Fantasyroman überhaupt gelang dem Buch schließlich der Einzug in die Bestseller - Liste der New York Times.

Zwar erschien parallel zu The Sword of Shannara auch der erste Band von Stephen R. Donaldsons Thomas Covenant, doch kann wohl kaum ein Zweifel daran bestehen, dass es in erster Linie der gewaltige finanzielle Erfolg von Brooks' Roman war, der die wenige Jahre später einsetztende Welle der tolkienesken High Fantasy einleitete, welche für mehr als ein Jahrzehnt das Genre dominieren sollte: ab 1982 Raymond Feists Midkemia & David Eddings' Belgariad; ab 1984 Guy Gavriel Kays Fionavar & Weis-Hickmans Dragonlance; ab 1985 Dennis L. McKiernans Mithgar; ab 1988: Tad Williams' Osten Ard und ab 1990 Robert Jordans Wheel of Time.
Für Terry Brooks selbst war The Sword of Shannara der Startpunkt für eine lange und erfolgreiche Schriftstellerkarriere. 1982 erschien das erste Sequel The Elfstones of Shannara, dem 1985 The Wishsong of Shannara folgte. Die drei Bücher wurden später zur Original Shannara Trilogy erklärt, der ersten von vielen solcher Trilogien. Daneben startete der Autor 1986 mit Magic Kingdom for Sale – SOLD seine zweite, in ihrem Umfang sehr viel bescheidenere Fantasyserie – den eher humoristischen {und zumindest am Anfang ein klein wenig autobiographischen} Landover - Zyklus.

Doch beenden wir jetzt unseren kleinen Ausflug in die Geschichte der Fantasyliteratur. 
Vor einigen Wochen kam es zu folgendem, etwas merkwürdigen Ereignis: Aus Gründen, die mir selbst nicht ganz klar sind, kramte ich plötzlich meine alte dreiteilige Goldmann-Ausgabe von Wishsong in der Übersetzung von Sylvia Brecht-Pukallus –  bestehend aus Das Zauberlied/Der König/Die Erlösung von Shannara*** – hervor und begab mich nach knapp drei Jahrzehnten einmal wieder selbst in die "Vier Länder".**** Vermutlich hatte die von MTV produzierte TV-Serie The Chronicles of Shannara meine Gedanken in diese Richtung wandern lassen. {Obwohl ich bisher noch keine einzige Folge davon gesehen habe}. Dass meine Wahl dabei auf Brooks' dritten Roman fiel, erklärt sich dadurch, dass mir dieser am positivsten in Erinnerung geblieben war. {Was nicht viel bedeuten muss, war ich bei meiner ersten Lektüre doch schätzungsweise vierzehn Jahre alt.}

Was mir zuallererst ins Auge stach, war die aus heutiger Sicht geradezu absurd generisch anmutende Art, mit der Brooks seinen Plot ins Rollen bringt: Kaum haben Wil und Eretria Ohmsford {zwei inzwischen glücklich verheiratete Protagonisten aus Elfstones} ihre Kinder Brin (♀) und Jair (♂) zusammen mit deren Freund Rone Leah im heimatlichen Shady Vale zurückgelassen, um eine mehrmonatige Heiler-Tour durch die benachbarten Dörfer zu unternehmen, da taucht auch schon der Druide Allanon – Brooks' Gandalf, der freilich etwas düsterer und verbitterter anmutet als sein Vorbild –– in dem kleinen Dorf auf und berichtet von einem erneuten Erwachen der finsteren Mächte, die einzig von der jungen Brin und der ihr eigenen magischen Fähigkeit des "Wünschlieds", welches die Wirklichkeit beliebig zu verändern vermag, niedergerungen werden könnten. 
So weit, so klischeehaft. Recht neckisch fand ich allerdings, dass Brooks sich offenbar bewusst war, wie repetitiv dies auf Leser & Leserinnen seiner Bücher inzwischen wirken musste. So lässt er Rone Leah an einer Stelle sagen:    
Es ist immer das gleiche. Er [Allanon] taucht unerwartet auf, warnt vor einer Gefahr, welche die Rassen bedroht und zu deren Ausräumung nur ein Mitglied der Familie Ohmsford beitragen kann. Denn die Ohmsfords sind die Erben des Elfenhauses von Shannara und der Zauberei, die damit zusammenhängt. Erst das Schwert von Shannara, dann die Elfensteine und jetzt das Wünschlied.*****
Und in gewisser Weise versucht Brooks sogar, diesem klischeehaften Anfang seiner Story einen leicht subversiven Dreh zu verleihen. Schon bald stellt sich nämlich heraus, dass Allanon falsch damit lag, nur Brin und Rone, nicht aber Jair, auf seinen Kreuzzzug gegen das Böse mitzunehmen.
Im Aufbau der Story führt dies freilich bloß dazu, dass wir zwei parallel verlaufende, aber gleicherweise traditionelle Questen erzählt bekommen. Der dummerweise zurückgelassene Jair, der erst von dem eigentlich ganz sympathischen Gnom Spinkser {im Original: Slanter} gefangen genommen, wenig später jedoch von Superkämpfer & Waffenmeister Garet Jax wieder befreit wird, erhält von dem mysteriösen "König vom Silberfluss" den Auftrag, gleichfalls in die von den finsteren "Mordgeistern"****** beherrschten Ostlande aufzubrechen, um seiner Schwester in ihrer finalen Konfrontation mit dem Ildatch, der buchförmigen Quelle aller Schwarzen Magie, beizustehen.
Nicht wirklich innovativ also. Aber auf einer Art "Meta-Ebene" besitzt diese Doppel-Questen-Struktur dennoch ihren Reiz. Als LotR - Rip-off verfügte The Sword of Shannara selbstverständlich auch über die klassische "Heldengruppe", bestehend aus Vertretern aller "guten/freien Völker", die gemeinsam gegen das Böse antreten. In Elfstones of Shannara hingegen sah das ganz anders aus. Dort konzentrierte sich die Story auf zwei, drei Charaktere {Will, Amberle, Eretria}, die nicht länger als die archetypischen Vertreter irgendwelcher Völkerschaften, sondern als echte Individuen dargestellt wurden.{So zumindest mein aus verschwommenen Erinnerungen und der Lektüre irgendwelcher Sekundär - Artikel zusammengesetzter Eindruck}. In Wishsong haben wir beides. Brins Handlungsstrang entspricht eher den Elfstones, denn obwohl auch sie im Laufe ihrer abenteuerlichen Reise einige Gefährten hinzugewinnt, handelt es sich bei diesen doch um recht exzentrische Gestalten. Jair hingegen wird mit einer geradezu archetypischen Heldengruppe, bestehend aus zwei Menschen (Garet Jax & Helt), einem Elf (Edain Elessedil), einem Zwerg (Elb Foraker) und einem Gnom (Spinkser/Slanter), ausgestattet.

Doch Moment  – so "archetypisch" ist Jairs Heldengruppe vielleicht dann doch nicht. Klar, Helt, Edain und Foreker sind bloße Klischeefiguren, aber zum einen hätten wir da den Waffenmeister Garet Jax, dem der ganze Kampf zwischen Gut und Böse letztlich völlig egal ist, und der Jair nur deshalb begleitetet, weil ihm in einer Vision versprochen wurde, dass er dabei endlich auf einen ihm ebenbürtigen Gegner stoßen werde. Und dann ist da natürlich Spinkser/Slanter.

In The Sword of Shannara spielten die Gnomen die Rolle der tolkienschen Orks. Zwar gab es auch dort schon einige "gute" Gnomen – die Heiler von Storlock –, doch bildeten diese eine vom Rest ihres Volkes deutlich abgegrenzte Gemeinschaft. Alle Gnomen, die nicht zu ihr gehörten, waren bloß hirnloses Kanonenfutter für den Dämonen-Lord. Das ändert sich mit Spinkser/Slanter.
In Tolkiens Universum galt ganz unironisch die Parole "Nur ein toter Ork ist ein guter Ork" Gegen diese Regel hatte Brooks zwar schon in The Sword of Shannara mit dem Troll Keltset verstoßen. Doch war dieser, so weit ich das beurteilen kann, letztenendes bloß ein Sidekick für den Glücksritter Panamon Creel gewesen. {Selbst eine recht "untolkiensche" Figur, die auf Brooks' große Liebe zu den klassischen Abenteuergeschichten von Walter Scott, Alexandre Dumas, Arthur Conan Doyle usw. zurückzuführen ist.} Der gnomische Fährtensucher in Wishsong hingegen ist ein völlig eigenständiger Charakter. Und obwohl er immer wieder lauthals erklärt, dass er eigentlich überhaupt nicht an dieser hirnverbrannten Queste teilnehmen will, erscheint er letztenendes doch als derjenige, dessen Zuneigung und Loyalität für Jair am natürlichsten und menschlichsten wirkt. Damit ist er die für mich einnehmendste Figur des Romans {und war das erstaunlicherweise auch schon vor 30 Jahren}
Freilich hat Brooks die Möglichkeiten, die sich mit der Figur von Spinkser eröffnet hätten, nur unzureichend ausgenutzt. Immerhin sieht sich der Fährtensucher gezwungen, gegen sein eigenes Volk zu kämpfen.Wie innerlich zerrissen muss Spinkser sein! Aber leider erfahren wir nichts von seinen Gewissensqualen. Nur in einer Kampfszene, ziemlich gegen Ende des Buches, wird zumindest kurz angedeutet, was sich im Kopf des Gnomen wohl abspielen mag: "Spinkser hielt sich dicht hinter  ihnen allen mit gezückten Langmessern und qualvollem Ausdruck in den schwarzen Augen."******** 
Auch scheint sich Brooks nicht der Problematik bewusst zu sein, die dadurch entstehen muss, dass einerseits einer unserer sympathischsten Charaktere ein Gnom ist, wir andererseits in "den Gnomen" als Volk/Rasse weiterhin  eine gesichtslose Masse von Bösewichtern sehen sollen, die von unseren Helden ohne viel Getue gleich im Dutzend niedergemetzelt werden.

Ein weiteres recht interessantes Element des jair'schen Handlundlungsstrangs ist, dass von der Heldengruppe kaum einer die Queste überlebt. Damit setzte Brooks etwas um, was er eigentlich schon für seinen Erstling geplant hatte. Damals freilich war es ihm nicht möglich gewesen, seine Vorstellungen gegen Lester del Rey durchzusetzen: "Del Rey coached Brooks at this point, advising that readers 'would not put up with having that many characters killed off.'"

Was Brins Teil der Geschichte betrifft, so hat er mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen. Einerseits ist es natürlich recht sympathisch, dass wir eine weibliche Hauptfigur besitzen. {Freilich ließe sich argumentieren, dass dies schon bei Elfstones mit Amberle der Fall war.} Doch vor allem im ersten Drittel des Buches bleibt sie äußerst blass. Auch bekommt sie mit Rone Leah einen männlichen "Beschützer" an die Seite gestellt, der von Allanon zu genau diesem Zweck auch noch mit einem magischen Schwert ausgestattet wird.
Allerdings muss man Terry Brooks zugestehen, dass er auch diesem Klischee zumindest ansatzweise einen leicht subversiven Dreh zu verleihen versucht. Rone will unbedingt ein Held wie sein berühmter Vorfahr Menion aus The Sword of Shannara sein. Entsprechend begeistert stürzt er sich in seine Rolle als Brins "Beschützer". Als ihm seine Wunderwaffe zwischenzeitlich abhanden kommt, scheint es ihm wichtiger zu sein, diese wieder in die Hände zu bekommen, als ihre gemeinsame Queste fortzuführen. Und auch wenn er im Laufe der Handlung ein paar Mordgeister ins Jenseits befördern darf, bleibt es ihm doch verwehrt, wirklich die Beschützerrolle für Brin zu spielen. Den entscheidenden Teil ihrer Queste tritt diese allein an.
Wie so oft in Wishsong lassen sich auch hier die Ansätze für einige recht interessante Ideen ausmachen, die von Brooks jedoch leider nicht konsequent weiterverfolgt werden.
Auch hinterlässt das große Finale, in dem Brin beinahe ihren wachsenden Allmachtsfantasien erliegt und nur durch ihren Bruder vor der Verwandlung in die nächste Dunkle Herrscherin bewahrt wird, einen zumindest zwiespältigen Eindruck. Im Grunde versucht Brooks hier bloß einmal mehr sein Lieblingsthema zu behandeln: "At the heart of every book I have written is the notion that absolute power corrupts absolutely". Doch leider Gottes existiert nun einmal das alte sexistische Klischee, dass Frauen mit all zu großer Macht nicht vernünftig umzugehen verstehen würden. Und auch wenn das sicher nicht Brooks' Absicht war, schrammt seine Geschichte am Ende doch gefährlich nah an selbigem vorbei.

Was beibt zu sagen? Terry Brooks mag der Initiator des High Fantasy - Booms der 80er Jahre gewesen sein, einer seiner interessantesten Vertreter war er ganz sicher nicht. Andererseits wäre es unfair, wollte man in ihm bloß den Tolkien-Plagiator sehen. Eine regelrechte Empfehlung für The Wishsong of Shannara auszusprechen, käme mir nicht in den Sinn. Doch ebensowenig kann ich das Buch guten Gewissens verdammen. Letztenendes ist es eine passabel geschriebene, streckenweise sogar ganz spannende Abenteuerstory mit der einen oder anderen ganz interessanten Idee. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.




* Humphrey Carpenter: J.R.R. Tolkien. Eine Biographie. S. 261.
** Ich habe vor einigen Jahren einmal einen kurzen Blogpost über Joy Chant veröffentlicht.
*** Ganz stimmt das ehrlich gesagt nicht. Schon vor ein paar Jahren habe ich mich mal an einem Re-read von Das Schwert von Shannara versucht, das Experiment jedoch nach einem Drittel des Buches abgebrochen. Was ich inzwischen fast ein wenig bedauere, scheinen sich die interessanter und orginelleren Bestandteile doch eher im letzten Drittel des Romanes zu befinden.
**** Amüsanterweise kommt kein König oder auch nur künftiger König in dem Buch vor ...
***** Terry Brooks: Das Zauberlied von Shannara. S. 58f.
****** Im englischen Original heißen die bösen Kuttenträger übrigens "Mord Wraiths". Ihr Name hat also nichts mit dem Killen von Leuten, sondern vermutlich eher etwas mit Tolkiens "Ringwraiths" zu tun.
******* Terry Brooks: Die Erlösung von Shannara. S. 110.