"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 3. Juni 2018

Geheimnisvolles Chronopolis

Es fällt nicht unbedingt leicht, unmittelbar Zugang zu Piotr Kamlers über einen Zeitraum von fünf Jahren zwischen 1977 und 1982 entstandenen phantastischen Animationsfilm Chronopolis zu finden. Aber wenn man sich einmal auf ihn eingelassen hat, belohnt einen der Streifen, der von Luc Ferrari, einem der Pioniere der musique concrète, mit einem faszinierenden Soundtrack versehen wurde, mit einem Erlebnis, das man nicht so schnell vergessen wird.

In seiner heute am weitesten verbreiteteten Form, die 1988 angefertigt wurde und als die offizielle Version gilt, verfügt das Werk des polnischen Künstlers über keinen erzählerischen Kommentar, und auch wenn der Film durchaus Elemente einer linearen Handlungsstruktur aufweist, bleibt vieles doch abstrakt, mysteriös und ambivalent.

In einer zyklopischen Stadt über den Wolken lebt eine Gruppe von Göttern, deren unsterbliche Existenz schon seit langem nur noch aus Ödnis und Monotonie besteht. 
Das wiederholt heraufbeschworene Bild einer sich öffnenden Tür, hinter der sich eine öffnende Tür verbirgt, die den Blick auf eine weitere sich öffnende Tür freigibt, veranschaulicht sehr schön die Sinnlosigkeit dieses Daseins, verrät aber auch etwas von der nach wie vor vorhandenen Sehnsucht der Götter, vielleicht doch noch etwas entdecken zu können, was ihrer Existenz neues Leben einhauchen könnte. 
Wir sehen die riesigen, statuesken Gestalten. deren Erscheinung ein wenig an das pharaonische Ägypten oder alte mesoamerikanische Kulturen denken lässt, eine Reihe von Kreaturen erschaffen: Durch die Lüfte fliegende Scheiben, insektenschwarmartige Gruppen schwarzer Punkte, umherhüpfende Bälle. Doch sie alle bleiben entweder unmittelbare Gefangene der Willkür ihrer Schöpfer oder werden Teil eines sinnentleerten, industriellen Prozesses, der offenbar auf kein wirkliches Ziel hinausläuft. Über dem Ganzen liegt eine extrem bedrückende Atmosphäre, auch wenn die Götter nichts bewusst bösartiges oder grausames an sich haben..
Daneben bekommen wir immer wieder eine Gruppe menschlicher Bergsteiger zu sehen, die eine scheinbar endlose Felsklippe hinaufklettern. Ihre Bemühungen haben etwas sisyphusartiges.
Schließlich ensteht inmitten der ewigen Monotonie der göttlichen Schöpfungsakte etwas, das der Silhouette eines Vogels ähnelt. Anders als alle vorherigen Kreationen scheint diese keine Gefangene der Welt von Chronopolis zu sein. Sie fliegt zu der Klippe der Bergsteiger und macht sich an deren Seil zu schaffen. Wenig später verliert eine der menschlichen Gestalten den sicheren Halt an der Felswand. Sie kann ihren Gefährten nicht länger folgen. Ihre Hilferufe bleiben unbeantwortet. Zuguterletzt stürzt sie in die Tiefe, wobei es nicht eindeutig ist, ob wir das als einen Unfall oder ein gewolltes Loslassen interpretieren sollen.
Doch der Bergsteiger zerschellt nicht etwa am Fuße der Klippe, sondern beginnt durch die Lüfte zu gleiten und landet schließlich auf der gigantischen Architektur von Chronopolis. Zu dem offenbar ohnmächtig gewordenen gesellt sich einer der hüpfenden Bälle. Nachdem er wieder erwacht ist, kommt es zu einer spielerischen Interaktion zwischen dem Menschen und dem Ball. Er tätschelt ihn liebevoll. Die beiden tanzen zusammen. Der Bergsteiger befreit ein von der Maschinerie der Götter zuvor dort eingesperrtes Etwas aus dem Ball. Die Seele der Kreatur?
Als die beiden schließlich vor die riesenhaften Beherrscher der Stadt gebracht werden, beginnen deren Gestalten sich aufzulösen wie Statuen, die in Sekundenschnelle zu Staub zerfallen. Eine tintenschwarze Finsternis ergießt sich über die Metropole.
In der abschließenden Szene sehen wir den Bergsteiger und den Ball auf einer scheinbar endlosen Linie in eine weiße Leere hineinwandern.

Chronopolis ist offen für die unterschiedlichsten Interpetationen. 
Ich denke, es ist ziemlich klar, dass der Film etwas über die Seelenlosigkeit der modernen Gesellschaft und den Wert menschlicher Individualität sagen will. Doch worin genau seine Botschaft besteht? Und ob wir das Ende als optimistisch oder hoffnungslos auffassen sollen? Auf diese Fragen gibt es keine eindeutigen Antworten. Jeder wird da seine ganz eigene Interpretation finden müssen. Was nur für diesen wirklich faszinierenden Film spricht. 



PS: Eine frei zugängliche Version von Chronopolis findet sich im Internet Archive.
 
 
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